Garnisonpfarrer Kessler erinnert sich an den Tag von Potsdam

Johannes Kessler

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Die Mitwirkung des Superintendenten Otto Dibelius an der Konzeption und Durchführung des Tags von Potsdam stand nicht isoliert. Auch andere wichtige Kirchenvertreter begrüßten die nationalsozialistische Machtergreifung und deren Bezugnahme auf die Tradition der Garnisonkirche Potsdam. Der von 1893 bis 1908 an der Garnisonkirche Potsdam tätige Hofprediger und Garnisonpfarrer Johannes Kessler denkt in seinen Lebenserinnerungen begeistert an den Tag von Potsdam zurück:

Ich wüßte diesem Kapitel „An der Potsdamer Garnisonskirche“ keinen besseren Abschluß zu geben als durch die Schilderung des Tages, der freilich nicht mehr in meine dortige Amtstätigkeit hineinfiel, wohl aber gewissermaßen den Höhepunkt meiner Erinnerungen an diese Kirche bildet. Ich meine den 21. März 1933, den Tag, der nicht nur für diese alte Soldatenkirche einen Ehrentag bedeutete, sondern in der Geschichte unseres deutschen Volkes ein Tag von erhabener Größe und ungeheurer Wucht war, ein tiefer Einschnitt in die Geschichte unseres Vaterlandes, ein Tag, an dem es uns war, als würden die Türen einer alten Zeit zugeschlagen und die Tore einer neuen Zeit aufgesprengt. Dieser Tag darf nicht vergessen werden, nicht verblassen, er muß als Verheißung und Mahnung dem deutschen Herzen und Gewissen lebendig bleiben.

Meine Freude war groß, als ich in Dresden hörte, daß mein altes Potsdam zum Schauplatz der feierlichen Proklamation des Dritten Reiches bestimmt worden sei; nicht Berlin mit seinem Lärm und Gedränge, sondern das stille, abgelegene Potsdam, die Stadt, in der die Fundamente für den preußischen Staat gelegt wurden, in der „die Wachtparade“ sich auswuchs zur siegreichen Armee. Und noch höher schlug mein Herz, als ich vernahm, daß das neue Reich seine Weihe, gleichsam seine Taufe erhalten sollte in meiner lieben alten Garnisonskirche. Von meinem Amtskollegen erfuhr ich, daß Adolf Hitler kurz zuvor die Kirche besichtigt und, ergriffen von der Erhabenheit und Denkwürdigkeit dieser Stätte, entschieden habe: hier und nirgends anders! Meine Freude erreichte aber ihren Gipfelpunkt, als ich von Hindenburg persönlich eingeladen wurde, der Feier beizuwohnen; und so kam ich, ohne es zu wollen, als letzter überlebender Hofprediger und Garnisonspfarrer der Vorkriegszeit in den engeren Kreis und konnte die unmittelbarsten Eindrücke gewinnen.

Nach meiner Ankunft durchwanderte ich die Stadt. Aber wo ist denn mein altes, stilles, verträumtes Potsdam? Über Nacht hat es sich zur pulsierenden Weltstadt verwandelt. Ein gewaltiger Fahnenwald über den Dächern rauschend – unzählige Ehrenpforten mit ihren markigen, begeisterten Willkommensgrüßen – strömende Scharen, aus allen Gauen des Vaterlandes durch Extrazüge herbeigeschafft – da, wo man den Führer erwartet, gewaltige Menschenmauern. Aber das Wunderbare wird wirklich: nirgends ein Tumult, nirgends eine Ausschreitung; ein tiefer Ernst lagert auf der Menge. Niemand möchte diesen Tag entweihen; er muß rein sein, klar, groß bleiben für alle Zeiten. Ruhe, Ordnung, Disziplin überall; aber überall auch Hochspannung, man erlebt einen historischen Tag.

Jubelnde Menge am Alten Markt vor der Nikolaikirche

Nun werden auf Schritt und Tritt Erinnerungen lebendig. Da steht vor mir das alte Stadtschloß, und ich denke daran, wie manchmal ich mit den jungen Kaisersöhnen darin geweilt und sie an ihren großen Ahnherrn erinnerte mit seinem frommen Wahlspruch: Deus fortitudo mea – Gott ist meine Stärke – und mit seiner zwingenden Mahnung: Gedenke, daß du ein Deutscher bist! Ich gehe über den Lustgarten, und vor meiner Seele stehen die glänzenden Paraden der Potsdamer Garnison, prachtvoll fürs Auge und erhebend fürs Herz, und ich höre, wie der Kaiser mich fragt: „Na, sind Sie mit Ihrer Soldatengemeinde zufrieden?“, und ich antworte: „Majestät, in der Parade sind sie glänzend, außerhalb des Dienstes könnte noch einiges besser sein.“ Und er: „Nun, dann sorgen Sie als Soldatenpfarrer dafür, daß es besser wird!“

Nun ragt sie vor mir auf, meine alte, ehrwürdige Kirche, und ihr Glockenspiel stimmt an: „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren!“ Wie unzählige Male hatte ich’s gehört, aber wohl noch nie klangen seine Töne mir so hell, so laut, so verheißungsvoll.

Ich lasse mir meine alte Kirche aufschließen. Wie würdig und einfach ist die geschmückt, ganz ihrem Charakter und dem Ernst des Tages entsprechend. Es gibt Augenblicke, wo es uns ist, als fingen die Geister der Vergangenheit geheimnisvoll an zu reden; Minuten, in denen man sein Leben noch einmal durchlebt. Doch es ist keine Zeit zum Träumen. Schon steht das vergoldete Pult bereit, an dem heute nicht Evangelium und Epistel, sondern die mit Herzklopfen erwarteten Kundgebungen des Reichspräsidenten und des Reichskanzlers verlesen werden sollen. Schon ist die Gruft geöffnet, die wieder eine weltgeschichtliche Begegnung erleben soll, und schon probiert die Orgel, die bald mit ihren brausenden Akkorden die Herzen der Tausenden emporheben soll.

Die beiden feierlichsten Stunden dieses Tages nahen, der evangelische Reichstagseröffnungsgottesdienst in der Nikolaikirche und der Staatsakt in der Garnisonskirche. Es war ein eigenes Gefühl, zum ersten Male alle die Männer sich unmittelbar gegenüber zu sehen, in deren Händen jetzt das Schicksal Deutschlands lag, Reichspräsident und Reichskanzler, Minister und Staatssekretäre, altbekannte und altbewährte und die neuen Männer, damals noch so manche von ihnen ein Fragezeichen für uns, sie alle aber eins in der Losung der alten Soldatenkirche: pro gloria et patria.

Otto Dibelius begrüßt Reichspräsident Hindenburg vor der Nikolaikirche

Hindenburg – ich hatte ihn längere Zeit nicht gesehen und war im ersten Augenblick erschüttert, wie sehr er gealtert erschien, wie anscheinend die letzte, schwere Zeit an seinem Marke gezehrt hatte. Als er aber dann in der Garnisonskirche aufstand, groß und reckenhaft, und bald darauf die Parade abnahm, jede Muskel gespannt, die ganze Gestalt gestrafft, da sah man wieder den Sieg des Geistes über den Körper, die stählerne Kraft seiner Devise „Über alles die Pflicht!“ Hitler – ich hatte ihn bereits in Versammlungen sprechen hören, als Aufrüttler seines Volkes kennengelernt; jetzt sah ich ihn zum ersten Male als Staatsmann, als Reichskanzler, und mir erging es wie wohl den meisten, die mit ihm in nähere Berührung kommen, daß ich gleich im Banne seiner Persönlichkeit stand, seine faszinierende Jugendlichkeit, seine große Elastizität, seine frische Natürlichkeit, vor allem die edle Bescheidenheit, die in dieser großen Stunde nichts aus sich machte, sondern, wenn der Jubel ihm entgegenbrauste, zurücktrat, um alle Ovationen auf Hindenburg zu konzentrieren. Längst Bekannte, wie der deutsche Kronprinz, Mackensen, Papen, begrüßten und beglückwünschten mich, daß meine alte Kirche einen solchen Ehrentag erlebte, und manchem der neuen Männer wurde ich vorgestellt und dachte dabei an das Treitschke-Wort: „Männer sind es, die Geschichte machen.“

Was soll ich von dem Staatsakt selber sagen? Es gibt Kunstwerke, die lassen sich nicht beschreiben, man muß sie erfühlen. So gibt es auch Höhe- und Feierstunden, die kein Bild, keine Beschreibung, auch kein Radio ganz wiedergibt; man muß sie erleben. Eine solche Stunde erlebten wir jetzt. War es die Heiligkeit der Stätte, die uns berührte? War es die große Vergangenheit, die zu uns sprach? War es die schicksalhafte Gegenwart, die wir mit erlebten? Die neue Zukunft, die wir ahnten? War es das Gefühl einer wundersamen Verbundenheit aller untereinander? Waren es die beiden Reden, denen wir lauschten und die wie Fanfarenklänge eine neue Epoche deutscher Geschichte verkündeten? Das alles und noch so manches andere mag zusammengewirkt haben, um diese Feierstunde zu einem einzigartigen Erlebnis zu gestalten.

Ich greife vier besonders erhebende Augenblicke heraus. Adolf Hitler kam zum Schluß seiner klaren, zielsetzenden Programmrede. Da auf einmal streckte er seine Rechte aus und rief: „Aufgestanden!“ Und ebenso schnell wie das Emporstrecken seiner Hand standen die Tausende wie ein Mann auf. Jetzt wandte der Reichskanzler sich an den Reichspräsidenten, und mit ergreifenden Worten legte er dem greisen Heerführer, dem siegreichen Generalfeldmarschall, dem ehrwürdigen Staatsoberhaupt die ganze Dankbarkeit und Verehrung des deutschen Volkes zu Füßen. In diesen Augenblicken versanken alle Mißverständnisse und Mißstimmungen. Die Brücke war geschlagen zwischen zwei großen Männern, zwei ehrlichen Seelen.

Nun folgte der zweite große Augenblick. Hitler verneigte sich vor Hindenburg, sie reichten sich die Rechte und sahen einander still und tief in die Augen. Da fühlten wir unmittelbar: jetzt vereinigen sich zwei Mächte, zwei Zeiten, zwei Welten: das reife Alter und die männliche Jugend, die ehrwürdige Vergangenheit und die sich anbahnende Zukunft, der Heerführer mit dem Blücherkreuz und der Volksführer mit dem Hakenkreuz, der soldatische, aristokratische, konservative Volksheros und der Mann aus dem Volke, der unerbittliche Kämpfer, der Bahnbrecher eines neuen Reiches; beide aber eins in dem einen Lebenswillen und Lebensziel: patriae inserviendo consumor – meinem Vaterland dienend, verzehre ich mich.

Der dritte große Augenblick kam, als Hindenburg sich erhob, der geöffneten Königsgruft zuschritt, den großen Lorbeerkranz am Sarkophag des Königs niederlegte und in andachtsvollem Sinnen verharrte. Da war es totenstill geworden in der großen Gemeinde. Wohl jeder fragte sich: Was mag jetzt durch das Herz des großen Mannes gehen? War es ein Dank gegen die beiden Toten, daß sie einst Preußen und damit dem Deutschen Reiche die Bahn gebrochen? War es ein Gelübde, das Erbe dieser Fürsten wahren und ausbauen zu wollen? War es ein Gebet, daß der Allmächtige ihm Kraft dafür und Segen dazu verleihe? Der friedvolle Ernst, der auf seinem Antlitz lag, als er durch den Altarraum zurückschritt, bleibt mir unvergeßlich.

Die Feier in der Kirche war beendet. Der Organist zog sämtliche Register und ließ das Niederländische Dankgebet erbrausen. Durch die geöffneten Kirchentüren drangen die Klänge hinaus zu den Tausenden, die draußen harrten. Da entblößten sich die Häupter; die Menge lauschte in andachtsvollem Schweigen. Aber so mancher sang in seinem Herzen in diesen Augenblicken mit: „Wir loben dich droben, du Lenker der Schlachten“ und betete inbrünstig: „Herr, mach uns frei!“

Reichspräsident Hindenburg schreitet nach dem Staatsakt eine Ehrenformation der Reichswehr ab. Foto: Sennecke

Was also war und ist und bleibt die Bedeutung dieser historischen Feierstunde? Sie war ein Bekenntnis, ein klares, machtvolles Bekenntnis der neuen Reichsregierung, in einer dreifachen Beziehung.

Sie war ein religiöses Bekenntnis. Das kam schon dadurch zu sichtbarem Ausdruck, daß es in einem Gotteshause abgelegt wurde, das ganz und gar in seinem kirchlichen Charakter belassen worden war, und um dessen Mittelpunkt, den Altar mit Kruzifix, Leuchtern und Bibel, sich die Männer der Regierung gruppierten. Damit sollte doch gesagt werden: Wir wollen einen christlichen Staat haben. Unser deutsches Volk soll neu aufgebaut werden auf dem alten, heiligen Fundamente der Religion. Die Religion muß dem Volke geschützt und erhalten und, wo sie verloren gegangen ist, zurückerobert werden. Wir wollen „mit Gott“ in den neuen Abschnitt deutscher Geschichte gehen. „Mit unserer Macht ist’s nicht getan“, aber „mit Gott wollen wir Taten tun“.

Es war ferner ein Bekenntnis zur deutschen Vergangenheit, zur Geschichte, zur Tradition. Gerade die Potsdamer Garnisonskirche mit ihrer denkwürdigen preußisch-deutschen Geschichte sollte es zum unmißverständlichen Ausdruck bringen: Nein! Diese unsere geistige Revolution will kein Bruch mit der deutschen Vergangenheit sein, kein Verleugnen der so lehrreichen, deutschen Geschichte, kein Zerhauen der Wurzeln, aus denen die deutsche Eiche erwachsen ist. Ganz im Gegenteil! Sie will an die Vergangenheit anknüpfen; mehr noch, sie will aus der Geschichte lernen, durch sie sich befruchten lassen, denn sie zeigt uns die einstige Größe unseres Vaterlandes, die starken Wurzeln seiner Kraft, die Höhenwege seiner Entwicklung, die Gefahren und Feinde seines nationalen Lebens, die großen Männer als die Führer seiner Geschicke und Träger seines Geistes. Sie darf uns nicht toter Besitz sein! „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen!“ Darauf kann der Neubau gelingen.

Und es war ein Bekenntnis zum Geist von Potsdam. Was ist denn der Geist von Potsdam? Ist er, wie man vielfach beargwöhnt und verleumdet hat, der Geist des „Militarismus“, der Kriegslüsternheit und des Siegesrausches? Der wahre Geist von Potsdam, wie er sich in seinen großen Gestalten verkörpert hat, ist etwas ganz anderes. Er ist der Geist der Pflichttreue, der Disziplin, der Ordnungsliebe, der Sparsamkeit, der Vaterlandsliebe, der Opferfreudigkeit; das ist der Geist, der Preußen groß gemacht und das Deutsche Reich geschmiedet und geeint hat. „Es ist der Geist, der sich den Körper baut.“ Dieser echte, deutsche Geist soll den deutschen Volkskörper bauen. Das ist das Vermächtnis von Potsdam.

Die Führer eilten zur Reichstagssitzung nach Berlin zurück. Die Scharen fuhren in ihren Extrazügen heim. Aber in der Potsdamer Bevölkerung blieb eine unbeschreibliche, begeisterte Stimmung. Ein alter General umarmte mich auf offener Straße. Ein früherer Feldwebel sagte mit feuchten Augen: „Herr Hofprediger, daß wir das erleben durften! Nun können wir ruhig sterben.“ Wie viele Frauen warteten geduldig stundenlang, bis sie ihre Kränze oder Sträuße an der Königsgruft niederlegen konnten. Jeder hatte das unbedingte Bedürfnis, seiner dankbaren Freude Ausdruck zu geben.

Wie immer nach großem Erleben ging ich in die Stille, um die empfangenen Eindrücke zu verarbeiten, zu vertiefen. Ich saß auf der stillgewordenen Terrasse von Sanssousi und hörte mein liebes altes Glockenspiel seine Abendgrüße herübersenden. Ich ging in den Antikentempel und stand lange sinnend am Sarkophag der verstorbenen Kaiserin. Als ich im Nachtzug nach Dresden Zeit und Stille zum Nachdenken hatte, konnte ich das Goethewort nicht vergessen: „Des rechten Mannes wahre Feier ist die Tat!“

Auszug aus: Johannes Kessler: Ich schwöre mir ewige Jugend, Leipzig 1935, S. 219 – 224, Das Buch erschien im Nationalsozialismus in die Auflagen mit insgesamt 80.000 Exemplaren. In der Bundesrepublik folgten in den Jahren 1951 – 1963 drei weitere Auflagen.

Online seit: 20. Mai 2021

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