Gegenreden zur Eröffnung der Kapelle im wiederaufgebauten Turm

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Der rechtsradikale Bundeswehroffizier a.D. Max Klaar unterbreitete bei einem Treffen im Juli 2020 dem damaligen Bischof von Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Wolfgang Huber, folgenden Vorschlag: Der Turm der Garnisonkirche solle von außen originalgetreu nachgebaut werden. Darin solle eine Kapelle als Ort der Verkündung in Verantwortung der evangelischen Kirche entstehen, die oberen Etagen sollten dagegen eine Dauerausstellung über den 20. Juli 1944 beherbergen, soweit er vom Potsdamer Infanterieregiment 9 ausging. Als Träger solle eine Stiftung gegründet werden.

24 Jahre später war es soweit, der Turm der Garnisonkirche wurde eröffnet. Der preußische Symbolbau – vom Bauherren lange als „Nationales Tafelsilber“ bezeichnet – ist originalgetreu wiederaufgebaut, in der Kapelle wird der alte Altartisch von 1800 wieder verwendet, die Kirche führt wieder den alten Namen, den die einstige Gemeinde 1949 bewußt abgelegt hatte. Und im Kuratorium wird mit Vertretern aus Politik, Kirche und Militär das ehemals prägende Dreigespann der historischen Garnisonkirche wiederbelebt.

Der 1. April 2024 war daher für viele Menschen, die sich für Demokratie und Menschenrechte einsetzen und sich gegen Rassismus, Antisemitismus, Nationalismus und Kriegs- und Gewaltverherrlichung einsetzen, ein schwarzer Tag. Der Lernort Garnisonkirche Potsdam hielt daher mit seinem wissenschaftlichen Beirat Gegenreden zur Eröffnung der Kapelle im Garnisonkirchturm. Nach der Eröffnung der von der Künstlerin Annette Paul gestalteten Kioskbespielung „Verflechtungen“ sprachen Gabriele Dolff-Bonekämper, Annette Leo, Agnieszka Pufelska, Michael Daxner, Horst Junginger, Gerd Bauz, Hans Misselwitz und Philipp Oswalt im Kosmos des Kunst- und Kreativhaus Rechenzentrum. Im Folgenden dokumenbtieren wir die Videostatements von Agnieszka Pufelska und Michael Daxner sowie den Vortrag von Horst Junginger als erweitertes Manuskript:

Statement von Agnieszka Pufelska

Statment von Michael Daxner

Vortrag von Horst Junginger:

Friedensaltar oder Kriegsaltar?

Vorbemerkung: Der nachstehende Text ist die erweiterte Fassung meiner Widerrede bei der vom Lernort Garnisonkirche organisierten Gegenveranstaltung im Potsdamer Rechenzentrum am 1. April 2024. Sie wandte sich gegen die Einweihung der Kapelle im Garnisonkirchenturm am gleichen Tag, insbesondere aber gegen die „Wiederinbetriebnahme“ des alten Feldaltars. Dass der Gottesdienst ausgerechnet auf das Osterfest gelegt wurde, um die Wiederauferstehung Jesu mit der Wiederauferstehung der Garnisonkirche in Beziehung zu setzen, mögen manche als Blasphemie empfinden. Für einen Religionswissenschaftler stellt sich das unter religionspolitischen Gesichtspunkten als interessante Korrelation dar. Weil Quellenbelege nicht in einen Vortrag integriert werden können, finden sie sich hier in den Endnoten beigefügt. Hinzugekommen ist auch der etwas ausführlichere Blick auf die beeindruckende Vita Paul Oestreichers. Der international bekannte Friedensaktivist hatte 2004 das Nagelkreuz aus Coventry nach Potsdam gebracht. Aus der Sicht Oestreichers haben sich die mit dem Nagelkreuz verbundenen Hoffnungen zwischen 2004-2024 aber nur sehr eingeschränkt erfüllt. Um diesen Hintergrund besser verstehbar zu machen, habe ich meine Ausführungen um einige Anhänge ergänzt: (1) die zwölfseitige Broschüre des Oberhofpredigers und Divisionspfarrers Walter Richter über den Abschiedsgottesdienst im Potsdamer Lustgarten am 9. August 1914, (2) das erste Kapitel aus Oestreichers Buch „Aufs Kreuz gelegt. Erfahrungen eines kämpferischen Pazifisten“ sowie vier Stellungnahmen von ihm, die seine heutige Einstellung zur Verwendung des Nagelkreuzes in Potsdam transparent machen (3-6). Die Abbildungen im Anschluss an den Text sollen die Widersprüche visualisieren, die bei der Umwandlung eines Kriegsaltars in einen Friedensaltar unvermeidlich sind.

Den Ausdruck „Erfindung einer Tradition“, der von Terence Ranger und Eric Hobsbawm stammt, kennen sicher einige. Lässt er sich auf den Feldaltar im Turm der Garnisonkirche anwenden, der dort in Kürze im Zentrum des Gottesdienstes stehen wird? Ist aus dem ehemaligen Kriegsaltar tatsächlich ein Friedensaltar geworden?

In allen Religionen dienen Altäre dem Opfer, das Menschen ihren Göttern bringen. Dabei treten Gott und Mensch in Kontakt zueinander, so die Vorstellung. Weil Gottesdienste immer gemeinsam gefeiert werden, hat die Opferzeremonie über die individuelle Transzendenzerfahrung hinaus die wichtige Funktion, soziale Gemeinschaft zu stiften. Der Altar kann auf diese Weise zu einem Hauptort der sakralen und soziopolitischen Topographie werden. Diese drei Fotos veranschaulichen das mit großem Nachdruck. Wovor kniet die kaiserliche Familie? Es ist der Feldaltar von nebenan.

Die kaiserliche Familie beim Feldgottesdienst im Potsdamer Lustgarten am 9.8.1914

Aussegnungsgottesdienst im Potsdamer Lustgarten am 9.8.1914

Der Oberhofprediger und Divisionspfarrer Walter Richter während seiner Predigt beim Gottesdienst im Potsdamer Lustgarten am 9.8.1914

Gelingt es dem Inhaber der Staatsgewalt, den Eindruck zu vermitteln, dass er seine Herrschaft im Auftrag einer höheren Macht ausübt, wird seine Autorität enorm verstärkt. Dem Priester fällt dabei die Aufgabe zu, religiöse Inhalte so zu vermitteln, dass die weltliche von der überweltlichen Legitimität profitiert. Schon an der Berufsbezeichnung „Oberhofprediger“ wird ersichtlich, dass er dem Hofstaat angehört und die Interessen des Kaisers vertritt. Er handelt stets in Übereinstimmung mit ihm. Dadurch schließt sich der Kreis und die von Gott und der Religion legitimierte Herrschaftsausübung des Monarchen wird zu einer runden Sache.

Nach kirchlicher Auffassung bildet der Altar nicht nur den religiösen Mittelpunkt des Gottesdienstes, sondern der christlichen Gemeinde als solcher. Er kann ohne Weiteres in einem Gebäude stehen, das keine Kirche ist, beispielsweise in einem Turm. Gottes Heilshandeln erfährt unabhängig vom Ort im Abendmahl bzw. der Eucharistie seinen liturgischen Höhepunkt. Der Wein und das Brot auf dem Tisch des Herrn, wie Luther den Altar nannte, repräsentieren den Leib und das Blut Jesu, der sein Leben stellvertretend für die Menschheit opferte. Das Christentum nimmt deshalb für sich in Anspruch, die blutigen Tieropfer früherer Zeit, vor allem die der Juden, religiös sublimiert zu haben. Aus dem wirklichen Töten wird ein zeremonielles. Das lateinische Wort „hostia“, auf deutsch „Hostie“, meint nichts anderes als Opfer oder Vergeltung. Man kann es auch mit Opferlamm oder Opfergabe übersetzen.

Wie es bereits der Name „Feldaltar“ besagt, wurde dieser nicht nur stationär in der Kirche, sondern auch auf dem freien Feld gebraucht. Zunächst war damit das Schlachtfeld gemeint. Später wurde daraus die allgemeine Verwendung im Freien. Ein gutes Beispiel dafür ist der Gottesdienst, der am 9. August 1914 einige hundert Meter weiter von hier im Potsdamer Lustgarten stattfand. Mit dem Feldaltar als zeremoniellem Mittelpunkt wurden die in den Krieg ziehenden Soldaten ausgesegnet. Der Abschiedsgottesdienst hieß nicht ohne Grund auch Aussegnungsgottesdienst, um an das kirchliche Trauerritual der Beerdigung zu erinnern. Jedem war klar, dass der Krieg einem das Leben kosten konnte.

Nein, nicht jedem!

Je weiter ober man in der militärischen Hierarchie stand, desto geringer wurde die Wahrscheinlichkeit, tatsächlich ins Gras beißen zu müssen. Um die Opferparallele nochmals aufzugreifen, würde ich zugespitzt formulieren, dass die Aufgabe der Soldaten darin bestand, ihr Leben stellvertretend für die Interessen des Kaisers und der Führungselite des Deutschen Reiches hinzugeben. Das vom Oberhofprediger Richter verlangte Selbstopfer der Soldaten gab dem Altar sein archaisches Gepräge aus der Frühzeit der menschlichen Zivilisationsentwicklung zurück. Isaaks Opferung im Alten Testament, aber ohne Happy End. Die meisten der zwei Millionen Soldaten, die im Ersten Weltkrieg auf deutscher Seite starben, meist jämmerlich krepierten, waren nichts anderes als Kanonenfutter. Sie starben für Zwecke, die mit ihrem eigenen Leben nichts zu tun hatten.

Anders verhielt es sich mit den Wortführern des Feldgottesdienstes im Lustgarten, auf den ich jetzt zu sprechen komme. Sie starben an Altersschwäche und schieden friedlich aus dem Leben: der Kaiser mit 80 in Doorn, sein Sohn Eitel Friedrich von Preußen mit 60 in der Villa Ingenheim im Westen Potsdams. Der bei Kriegsbeginn zum Divisionspfarrer ernannte Oberhofprediger Walter Richter lebte noch länger. Er starb erst 1958 in Charlottenburg nach einem langen Leben im Einsatz für die Monarchie. Die Kriegsbegeisterung und der Appell an die im Lustgarten angetretenen Soldaten, sich ohne Murren für Volk und Vaterland zu opfern, hatte bei den drei Genannten einen weitaus stärker ideologischen als existenziellen Hintergrund.

Wie nicht anders zu erwarten, bemühte Richter in seiner Predigt das österliche Selbstopfer Jesu. Mit dem christlichen Messias als Vorbild sollte den Soldaten ihr nicht ganz unwahrscheinliches Ableben plausibel gemacht werden, dann nämlich, wenn die „Sichel des Todes zur großen Ernte“ aushebt, wie sich Pfarrer Richter auszudrücken beliebte. Er stand dabei versum populum an den protestantischen Volkaltar gelehnt, also in körperlicher Verbindung mit einem religiösen Kraftort par excellence. Wäre der Glaube nur stark genug, würde die vom Altar ausgehende Energie bei jedem Einzelnen wirksam werden und im siegreichen Gesamteinsatz der Armee zum Höhepunkt kommen.

Analog dazu verwies der Divisionspfarrer auf den heiligen Bund zwischen Gott und Volk, den er mit dem zwischen Kriegsherr und Armee parallelisierte. Seien der König und seine Untertanen über die Religion und einen gemeinsamen Glauben zur Einheit verschmolzen, werde das den Deutschen Stärke geben und ihnen mit Gottes Hilfe den Sieg bescheren. Und natürlich mahnte Richter die Angehörigen der Ersten Gardedivision zu Opferwilligkeit und fröhlicher Hingabe des Lebens.

Nach ihm kam der große Auftritt Wilhelms II. Ich zitiere etwas ausführlicher, um die groteske Theatralik der Inszenierung zu illustrieren. Einer von Richter Ende 1914 veröffentlichen Broschüre zufolge, sagte der Kaiser wörtlich:

„Heute sind wir alle hier erschienen, den Segen für die Waffen zu erbitten, da es jetzt darauf ankommt, den Fahneneid zu beweisen bis zum letzten Blutstropfen. Das Schwert soll entscheiden, das Ich jahrzentelang in der Scheide gelassen habe. Ich erwarte von meinem Ersten Garde-Regiment und Meiner Garde, daß sie der glorreichen Geschichte derselben ein neues Ruhmesblatt hinzufügen werden. Die heutige Feier findet uns im Vertrauen auf den höchsten Gott und in Erinnerung an die glorreichen Tage von Leuthen, Chlum und St. Privat. Unser alter Ruhm ist ein Appell an das deutsche Volk und sein Schwert. Und das ganze deutsche Volk bis auf den letzten Mann hat das Schwert ergriffen. Und was ich bis jetzt vermieden habe, das tue Ich jetzt: (dabei warf der Kaiser den Feldmarschallstab in den Sand des Lustgartens und zog sein Schwert, es hoch über dem Haupte haltend), Ich ziehe mein Schwert. Ohne siegreich zu sein, ohne Ehre kann Ich es nicht wieder einstecken. Und ihr alle sollt und werdet Mir dafür sorgen, daß es in Ehren wieder eingesteckt wird. Dafür bürgt ihr Mir, daß ich den Frieden Meinen Feinden diktieren kann. Auf in den Kampf mit den Gegnern, und nieder mit den Feinden Brandenburgs! Drei Hurras auf unser Heer.“[1]

7000 Soldaten antworteten auf den Kaiser mit einem lauten Hurra und stimmten ergriffen in das Lied „Deutschland, Deutschland über alles“ ein.

Unmittelbar danach erhob der Regimentskommandeur Prinz Eitel Friedrich das Wort, um ebenfalls die ruhmreiche Vergangenheit Preußens und den unbedingten Willen zum Sieg zu beschwören. Jeder im Regiment wisse,

„daß es nur eins für uns gibt, zu siegen oder zu sterben. Dies geloben wir, indem wir in den altpreußischen Schlachtruf einstimmen, mit dem wir heute unser Leben aufs Neue bis zum letzten Blutstropfen Eurer königlichen Majestät weihen: Seine Majestät der Kaiser und König, unser geliebter Kriegsherr und Regimentschef – Hurra!“[2]

Wie sein Vater benutzte auch Eitel Friedrich bei seinem Appell an die ihm unterstellten Truppen den Pluralis majestatis: Wir werden siegen oder wir werden sterben. Seine Entweder-Oder-Alternative erwies sich allerdings rasch als Lüge. Vier Jahre später wurde daraus ein unspektakuläres Weder-Noch: Wir haben zwar nicht gesiegt, aber wir sind auch nicht gestorben. Das Leiden und Sterben haben wir anderen überlssen. Und wer bezahlt die Zeche? Wir drei und die Institutionen, für die wir stehen (Herrscherhaus, Militär und Kirche) jedenfalls nicht.

Um die Ausgangsfrage wieder aufzunehmen: Kann man den wichtigsten Kriegsaltar Preußens mit einer bloßen Willensbekundung und etwas „Abrakadabra dreimal schwarzer Kater“ in einen Friedensaltar konvertieren? Natürlich nicht. Ein Wolf bleibt ein Wolf, auch wenn er ein Schaffell trägt. Auf dem Altar ein Nagelkreuz aus der von den Deutschen bombardieren Kathedrale in Coventry zu platzieren, hat aus meiner Sicht etwas zutiefst Unmoralisches und Bigottes an sich. Das, was hier als ultimativer Beweis für den Frieden daherkommt, ist in Wirklichkeit ein Akt der Selbstsalvierung.

Heute früh erreichte mich um 7.00 Uhr eine Mail von Paul Oestreicher aus Neuseeland, einer Ikone der britischen Friedensbewegung, der 2004 das Nagelkreuz aus Coventry nach Potsdam brachte. Oestreicher war 1931 in Meiningen als Sohn eines jüdischen Kinderarztes geboren worden. 1939 floh die Familie von Berlin, wo sie sich einige Zeit versteckt hielt, nach Neuseeland. Unterstützt wurde sie dabei von Heinrich Grüber. Oestreichers Großmutter konnte die beschwerliche Reise nicht mitmachen und blieb in Meiningen. Dort nahm sie sich 1942 das Leben, um der Deportation ins Konzentrationslager zu entgehen. An ihren Sohn und Enkelsohn schrieb sie: „Ein tapferer Kapitän versenkt sein Schiff lieber, als es dem Feind auszuliefern.“[3] Mit einem Stipendium der Humboldt-Stiftung kam Oestreicher 1955 nach Bonn zu Helmut Gollwitzer. Doch schon im Jahr darauf begann er in der englischen Kathedralenstadt Lincoln Theologie zu studieren. 1960 wurde er zum anglikanischen Diakon und Priester geweiht. Danach ging er als Kaplan in eine Arbeitergemeinde in den Londoner Osten. In den 1960er Jahren verstärkte Oestreicher sein politisches Engagement. Er schloss sich der „Campain for Nuclear Disarmement“ an, war Gründungsmitglied der britischen Sektion von Amnesty International, arbeitete in der Christlichen Friedenskonferenz mit, beteiligte sich am Kampf gegen die Apartheid in Südafrika, wurde Osteuropareferent des Britischen Kirchenrates und 1981 dessen „Außenminister“, setzte sich für Dissidenten in der DDR ein, trat 1983 den Quäkern bei und forcierte den christlich-marxistischen Dialog[4], um nur einiges zu nennen. So wie er Ende 1962 im Auftrag von Amnesty International ein Gespräch mit Walter Ulbricht über die Freilassung von Heinz Brandt, einen politischen Gefangenen, der nach Ostberlin verschleppt worden war, führte, Mitte der 1970er Jahre beim Hungerstreik von RAF-Häftlingen eine vermittelnde Funktion übernahm, so traf er im Dezember 1992 mit Erich Honecker im Gefängnis in Moabit zusammen. Zwischen den verfeindeten Blöcken zu vermitteln, wurde im Kalten Krieg zur Kernkompetenz des Kirchendiplomaten Oestreicher. 1986 erhielt er die Berufung an das Domkapitel in Coventry, wo er bis 1997 das Internationale Versöhnungszentrum der Nagelkreuzbewegung leitete.

Am 14. November 1940 hatten die Deutschen Coventry in Schutt und Asche gelegt. Sie nannten ihre Operation „Mondscheinsonate“, sprachen aber auch von „coventrieren“.[5] Im Zuge der Aufräumarbeiten ließ der damalige Domprobst Richard Howard drei Zimmermannsnägel aus dem Dachstuhl der zerstörten Kathedrale zu einem Kreuz zusammenfügen. Es dient seither als Zeichen der Versöhnung und steht im Mittelpunkt der Nagelkreuzbewegung, die in Deutschland heute 60 Zentren hat. Allerdings gibt es auch Kritik an diesem Versöhnungskonzept, weil es dazu missbraucht werden kann, den Unterschied zwischen Tätern und Opfern einzuebnen.[6] Das „Alle haben gesündigt“ aus dem ersten Vers des Versöhnungsgebets von Coventry auf Kriegsverbrechen wie die Operation Mondscheinsonate oder den Angriff der Briten auf Potsdam am 14. April 1945 zu beziehen, ist höchst fragwürdig und Ausdruck eines naiven Geschichtsverständnisses, das sich nur allzu leicht instrumentalisieren lässt. Abgesehen davon bildete das Versöhnungsprojekt von Coventry nicht die Mehrheitsmeinung im Vereinigten Königreich ab. Unter den Verbündeten der Anti-Hitlerkoalition waren es die Briten, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg am energischsten gegen den Fortbestand Preußens, und sei es auch nur im Namen, aussprachen. Sollte die Garnisonkirche nach dem Wiederaufbau einmal in neuem Glanz erstrahlen, wäre das gegenüber dem stehen gebliebenen Gerippe der Coventry Cathedral der ultimative Beweis dafür, wie es den Deutschen schließlich doch gelingen kann, als Sieger aus dem Schatten ihrer Vergangenheit herauszutreten.

Wie kommt jemand wie Oestreicher dazu, sich von den Befürworten einer mehr oder weniger originalen Rekonstruktion der Garnisonkirche vereinnahmen zu lassen, einer Kirche von höchster nationaler Symbolkraft, in der am Tag von Potsdam der Schulterschluss zwischen Nationalkonservativen und Nationalsozialisten vollzogen wurde? Nach dem 21. März 1933 wurde alles, wofür sich Oestreicher politisch einsetzte, mit tödlicher Feindschaft bekämpft. Der Geist von Potsdam und der Geist der Versöhnung stellen einen Widerspruch dar, wie er größer nicht sein könnte. Blickt man etwas genauer auf das Engagement Oestreichers, legt sich die von dieser Frage bewirkte Irritation. Dann tritt die Mediatorenrolle als der rote Faden seiner politischen Vita zutage. Aussöhnung zwischen Freunden macht keinen Sinn. Sie ist nur als Annäherung von sich widerstreitenden Positionen möglich. Auf dem Fundament der christlichen Ethik versteht sich Oestreicher als Grenzgänger und Brückenbauer. In den Widersprüchen des Lebens sei oftmals gar nicht so genau klar, wo jemand steht und wie er sich in bestimmten Situationen einmal verhalten wird. Deswegen dürfe man das Risiko nicht scheuen und müsse alle nur möglichen Anstrengungen unternehmen, um politische Gegner einander näher zu bringen. Nur dann könne man hoffen, die Zukunft friedvoller zu gestalten als die Gegenwart.

In Potsdam machte Oestreicher im Laufe der Zeit aber die schmerzhafte Erfahrung, dass die Idee der ökumenischen Nagelkreuzbewegung zwar verbal übernommen, inhaltlich aber nicht so umgesetzt wurde, wie es sich ihre Urheber gedacht hatten. Sie fiel unter die Dornen und nicht auf den erhofften fruchtbaren Boden. 2014/15 übte Oestreicher zum ersten Mal öffentliche Kritik daran, wie wenig die inhaltliche Substanz des Versöhnungskonzepts aufgegriffen wurde, um tatsächlich etwas Neues zu schaffen.[7] In einem offenen Brief gab er darüber hinaus zu verstehen, dass er seine Vermittlerrolle auch auf Seiten der Opposition für denkbar hielt.

Keine Versöhnungsarbeit kann zum Erfolg führen, wenn die daran Beteiligten nicht von den gleichen Voraussetzungen ausgehen und sich nicht wirklich auf die Argumente der Gegenseite einlassen. Nach einem längeren Erkenntnisprozess gelangte Oestreicher zu der Auffassung, die Potsdamer Versöhnungsidee mit dem Nagelkreuz im Zentrum als mehr oder weniger gescheitert anzusehen. Es versteht sich dabei von selbst, dass er zu keinem Zeitpunkt seiner Bemühungen die Position der „Rekonstruktionisten“ vertrat. An seiner pazifistischen Grundeinstellung ließ er nie einen Zweifel aufkommen.

Der Garnisonkirche und ihrem Feldaltar eine Friedensfunktion anzudichten, wie es die Wiederaufbaubefürworter tun, mag zwar in strategischer Hinsicht zweckdienlich erscheinen. Nicht wenige, vor allem Politiker und Politikerinnen, können so auf eine falsche Fährte gelockt werden. Doch die Protagonisten der in sich widersprüchlichen und vor dem Hintergrund der preußischen Geschichte abwegigen Konzeption einer „Friedensgarnisonkirche“ sprechen bis auf den heutigen Tag nur im Jargon religiöser Floskeln. Eine fundierte Begründung sind sie bislang schuldig geblieben. Der Feldaltar steht mitnichten in einer Tradition des Friedens, sondern in einer des Krieges und des Tötens. Mehr noch, die Garnisonkirche repräsentiert eine Tradition, die zwar Frieden sagt, aber Krieg meint. Es gibt keinen einzigen Feldzug Preußens, der nicht mit dem Argument des Friedens eingeleitet und von Predigten begleitet worden wäre, die vor einem Feldaltar gehalten wurden. Das Wort Frieden in den Mund zu nehmen, besagt im Kontext der Garnisonkirche rein gar nichts. Wenn die Befürworter eines Friedens- und Versöhnungszentrum so darauf erpicht sind, warum bemühen sie sich dann nicht um Geld und Unterstützung für ein Friedens- und Versöhnungszentrum? Niemand könnte etwas dagegen haben.

Aus der Art und Weise, wie von ihnen das Wort Frieden in den Mund genommen wird, lässt sich schlussfolgern, dass sie es als Köder an einem Haken verstehen, deren Angelrute zur Garnisonkirche als nationalem Erinnerungsort führt. Bei dem ausufernden Reden über den Frieden ist nur schwer entwirrbar, wie taktisches Kalkül und illusionäres Wunschdenken miteinander zusammenhängen. Kaum ein Satz in dem das Wort Frieden nicht vorkommt: Friedenskirche, ein Friedensbeauftragter, Friedensverantwortung, Friedensgebete, Friedenspredigten, Friedenszeichen, ein Friedensaltar mit einem Friedenskreuz usw. Man kann es nicht mehr hören. Diese gekünstelte Friedensrhetorik quillt derart über, dass sie nur schwer zu ertragen ist. Man mag es drehen und wenden wie man will, ein Kriegsaltar und eine Kriegskirche des Friedens bleiben wie das runde Viereck eine logische Unmöglichkeit. Was für ein unwürdiges Schauspiel wäre auch eine Militärkirche ohne militärische Bezüge.

Auf der einen Seite soll mit der angeblich schönsten Barockkirche Deutschlands an die alte Größe Preußens angeknüpft werden. Andererseits will man mit der kriegerischen Substanz, mit dem, was das Wesen und die Größe der Garnisonkirche ausmacht, nichts zu tun haben. Es wird also versucht, auf Historisches unter Absehung des Historischen zu rekurrieren. Das führt zu Widersprüchen der verschiedensten Art und nimmt an manchen Stellen auch den Charakter einer Geschichtsfälschung an, etwa, wenn die Garnisonkirche zu einem Hort der religiösen Toleranz oder des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus umgedeutet werden soll. Eine solche Art der Erinnerungskultur hat mehr mit der Illusionskunst eines Bühnenmagiers als mit seriöser Geschichtspolitik zu tun. Wie aus dem Nichts kommt plötzlich eine weiße Taube aus dem schwarzen Hut hervor. Wer sich dadurch nicht blenden lässt, sieht unter einer fadenscheinigen Rekonstruktionsideologie an vielen Stellen das restaurative Anliegen hindurchschimmern.

Eine Friedensgarnisonkirche und ein Friedenskriegsaltar. Wer verfällt auf so einen Gedanken und für wie dumm muss man Menschen verkaufen, damit sie bereit sind, an etwas derart Widersinniges wie zu glauben?

Zumindest teilweise kann die Antwort mit dem kommunikationswissenschaftlichen Ansatz des „Framings“ erklärt werden. Das Framen ermöglicht es, etwas Anstößiges so zu verpacken, dass die zu erwartende Gegenreaktion auf anderes abgelenkt wird. Wenn attraktive Nebenaspekte die eigentliche Problematik überlagern, kann den Kritikern ohne großen Aufwand der Wind aus den Segeln genommen werden. Aus der Wiederaufbaudebatte kennen wir das zur Genüge: Der Tourismus, Kunst und Kultur, Konzerte, Ausstellungen, ein schönes Café und eine noch schönere Aussicht, die architektonische Wiederherstellung einer verloren gegangen Mitte, all das dient dem Ziel, den kriegerischen Wesensgehalt der Garnisonkirche aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit zu verdrängen. Aus nachvollziehbaren Gründen steht das Friedensargument an oberster Stelle der Framing-Agenda. Es soll den Menschen Sand in die Augen streuen und die Kritik am Wiederaufbau der Garnisonkirche als überzogen und unbegründet erscheinen lassen.

Ohne dass ich genügend Zeit hätte, näher darauf einzugehen, kann ich Ihnen vom Standpunkt der Religionswissenschaft aus versichern, dass Religionen bei der Frage von Krieg und Frieden, die eine Frage von Tod und Leben ist, ihre Stärke immer in besonderer Weise ausspielen können. Nicht nur die Bibel, die heiligen Schriften aller großen Religionen sind darauf angelegt, dass sie sich unterschiedlich interpretieren lassen. „Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“ Das Jesuswort aus dem Matthäusevangelium stieß im Ersten Weltkrieg auf breite Zustimmung und wurde von vielen Kanzeln herab verkündet. Die Prediger aller erfolgreichen Religionen müssen in der Lage sein, ihre Auslegung den Erfordernissen der Zeit anzupassen. Wegen seiner traditionellen Nähe zur Obrigkeit entwickelte der Pfarrstand in Preußen eine spezielle Expertise darin, je nach Bedarf den Krieg oder den Frieden zu rechtfertigen. Otto Dibelius, der Jahrhundertbischof, in dessen Fußstapfen sich Wolfgang Huber bewegt, war ein wahrer Meister darin, den Schalter von einer Sekunde auf die andere umlegen zu können, nicht nur einmal, sondern mehrfach.[8]

Der Punkt auf den ich hinaus will: Wenn es ohne Schwierigkeiten möglich ist, aus einem Kriegsaltar einen Friedensaltar und aus einer Kriegskirche eine Friedenskirche zu machen, wird es nicht besonders schwerfallen, das Prozedere auch wieder umzukehren. Es bedarf lediglich einer Änderung der äußeren Umstände, um den Friedensjargon fallenzulassen und stattdessen die Notwendigkeit eines gerechten Krieges zu propagieren. Als ich 2021 mein Adlerbuch veröffentlichte, hätte ich mir nicht träumen lassen, wie schnell das gehen würde. Bezeichnete ich damals die 50 Milliarden Euro des deutschen Rüstungsetats als gigantische Summe, sind wir mittlerweile bei Beträgen angelangt, die 100 Millionen Euro für eine Garnisonkirche als Peanuts erscheinen lassen. Wo bleibt in der Aufrüstungsorgie dieser Tage das friedenspolitische Votum der Kirche? Ihr lautes Schweigen passt nicht so recht ins Bild einer Garnisonkirche, die das Militärische zu verabscheuen vorgibt. Ist sie erst einmal errichtet, wird sie auch eine militärische Funktion bekommen.

Deswegen möchte ich meine Widerrede mit dem dringenden Appell schließen, dass wir als Zivilgesellschaft, seien wir Christen oder Nichtchristen, Atheisten oder religiös indifferent, Mitglied dieser oder jener Partei, den Kampf für eine friedliche Welt aufrechterhalten, ihn nach Möglichkeit sogar noch intensivieren. Das zielt besonders auf die Voliere neben der Garnisonkirche und den Adler, der in ihm auf seine Wiederauferstehung wartet. Mehr noch als der Feldaltar steht der zunächst preußische und dann reichsdeutsche Kriegsadler für eine Politik der militärischen Stärke. Seinen Wiederaufstieg an die Spitze des Turms gilt es unbedingt zu verhindern. Noch sitzt er in einem Käfig und harrt der Dinge die da kommen.

Am 10. November 1913 hatte der Divisionspfarrer und Oberhofprediger Walter Richter im Langen Stall hinter der Garnisonkirche den Rekruten bei ihrer Vereidigung zugerufen: „Was kümmern uns die Hügel unserer Leichen … der deutsche Adler fliegt frei im Licht der eigenen Sonne … Adlerflug vorwärts.“[9] Analoge Adler-Zitate von Repräsentanten der Garnisonkirche finden sich zuhauf. So wenig der Feldaltar als Friedenssymbol taugt, so wenig kann man einen Adler als Friedenstaube ausgeben. Er steht für den Aufstieg Preußens zur europäischen Großmacht, die sich nicht scheute 80 Prozent ihres Etats für das Militär auszugeben. Mit dem vielfach in Anspruch genommenen Jesaja-Wort „Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler.“ wurde zum Ausdruck gebracht, dass der „König des Himmels“ und „Gott im Himmel“ in einer besonderen Beziehung zueinander stehen. Durch seine Kraft und seinen Weitblick, vor allem aber durch seine physische Nähe zum Herrn der himmlischen Heerscharen macht der Adler anschaulich, dass auch die Menschen in der Lage sein werden, sich zu neuen Höhen aufzuschwingen, wenn sie sich glaubensstark erweisen. Der Adler ist neben dem Löwen, den man in Europa aber nicht aus eigener Anschauung kannte, das am häufigsten verwendete Wappentier der Heraldik.

Sein heimischer Jagd- und Stammsitz befand sich auf dem Turm der Garnisonkirche. Die richtige Einschätzung Wolfgang Hubers, dass der Adler „für einen Aufstieg beflügelt vom Glauben an Gott“ steht,[10] lässt den religiösen Zusammenhang von Himmel und Erde gut erkennen.  Die Kapelle im Sockel der Garnisonkirche stärkt das Fundament und verleiht dem Wechselverhältnis von Oben und Unten neuen Nachdruck. Die beschwichtigende Relativierung, man habe es hier lediglich mit einem geistigen Kraftzentrum des christlichen Glaubens zu tun, erscheint weniger arglos, wenn man sich die Geschichte des Ortes in Erinnerung ruft. Nichts würde mehr an der Realität vorbeigehen, als den Adler zu einem Symbol des Friedens umzudeuten. Er war und bleibt ein Raubvogel, der sich nicht mit vegetarischer Kost abspeisen lässt. „Seine Lebensweise und die Organe, die er vom Schöpfer erhalten hat, sind dafür nicht ausgelegt.“[11]

Seit der Wiedervereinigung hat die Sonne einer neuen Zeit das erkaltete Blut in seinen Adern wieder zum Fließen gebracht. Aus dem teildeutsch introvertierten sind wir ein gesamtdeutsch extrovertiertes Land geworden. Es komme darauf an, hört man von überallher, dass Deutschland wieder mehr Verantwortung in der Welt übernimmt, politisch, ökonomisch, aber auch militärisch. Die veränderte Lage zwinge die Bundesrepublik dazu, sich neu aufzustellen. Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine müsse es darum gehen, so schnell als möglich „kriegstüchtig“ zu werden. So hat es der deutsche  Verteidigungsminister in einem Interview mit dem ZDF am 29. Oktober 2023 kundgetan und seither viele Male wiederholt.

Ob Boris Pistorius das bewusst war oder nicht, sei dahingestellt. Jedenfalls hatte die Jungfernrede von Gustav Noske im Reichstag am 25. April 1907 den gleichen Tenor. Die SPD war von den Konservativen, vor allem vom preußischen Kriegsminister Karl von Einem, wegen ihrer Gegnerschaft gegen die Militärpolitik des Deutschen Reiches attackiert und der Kriegsuntüchtigkeit bezichtigt worden. Noske wies die Anschuldigungen zurück, um mit Nachdruck die nationale Zuverlässigkeit der Sozialdemokraten zu betonen, falls eine ausländische Macht Deutschland angreifen würde.[12]

Bei den anderen Parteien löste die Rede Noskes zunächst ungläubiges Staunen und dann freudige Erregung aus. Der antisemitische Reichstagsabgeordnete Max Liebermann von Sonnenberg sah sich fünf Tage später zu der folgenden Feststellung veranlasst:

„Wenn der Abgeordnete Noske neulich bei der Beratung des Heeresetats mit beinahe begeistert klingenden Worten die Bereitwilligkeit der deutschen Sozialdemokratie erklärte, an einem Kampfe teilzunehmen, der Deutschland aufgezwungen würde, so wollen wir das ruhig einmal vollständig ernst nehmen und als einen Anfang zur Besserung betrachten.“[13]

Droht sich die Geschichte zu wiederholen? Ich hoffe nein und schließe mit der Kritik Heinrich Heines an den Eroberungszügen Preußens in Polen, die der Adler auf Wappen und Emblemen schützend begleitete. Als schwarze geflügelte Kröte bezeichnete er ihn. Es sei von essenzieller Bedeutung auf den preußischen Adler mit Besorgnis zu achten. Die Schärfe seiner Krallen und die Weite seines Magens dürften keinesfalls unterschätzt werden. Schon immer hätten es die preußischen Machthaber verstanden, ihre Absichten hinter einer Maskerade zu vebergen.[14]

ANHANG

Addendum 1

R. J. Tercha (= Walter Richter), Unser Kaiser und Kriegsherr, in: Paul Fiebig, Hg., Gott mit uns! Dokumente religiöser Erhebung des deutschen Volkes im Kriegsjahr 1914, Leipzig 1914.

Addendum 2

Paul Oestreicher, Aufs Kreuz gelegt. Erfahrungen eines kämpferischen Pazifisten mit einem Vorwort von Desmond Tutu, Berlin 1993, S. 1-26.

Addendum 3

Paul Oestreicher, E-Mail an Horst Junginger, 1. April 2024.

Betr.: Garnisonkirche DRINGENDE BOTSCHFT

Lieber Horst

Vielen, vielen Dank für die Materialien, die du mir geschickt hast. Einiges habe ich schon gelesen, dein Buch natürlich noch nicht, obwohl es sehr spannend aussieht. Nach mehr als zwei Jahrzehnten Bemühungen um eine echte Wandlung in eine Friedenskirche, sehe ich endgültig ein, dass dieser Traum keine Verwirklichung findet.

Wenn dieser Feldaltar tatsächlich der Altar der Kapelle sein soll, dann würde ich, hätte ich dazu die Vollmacht, das Nagelkreuz vom Altar und unter Umständen von der Garnisonkirche überhaupt entfernen. 

Übrigens lohnt es sich für euch zu wissen, dass Coventry zu dieser Widmung überhaupt nicht eingeladen wurde.  Der Dean der Kathedrale wusste gar nichts davon, bis ich es ihm gegenüber erwähnt habe. Nur der Vorsitzende der deutschen Nagelkreuzgemeinschaft, Oliver Schuegraf, wird dabei sein.Ich werde mich sofort beim Dean von Coventry, John Witcombe, dafür einsetzen, dass das Nagelkreuz von diesem Altar entfernt wird.

Wenn du bei der Gegenveranstaltung heute redest, darfst du mich in diesem Sinne gerne zitieren, als der, der das Nagelkreuz von Coventry ursprünglich überreicht hat.

In Solidarität mit euch

Paul 

Addendum 4

Paul Oestreicher, Die Potsdamer Nagelkreuz-Kapelle. Ein persönliche Erklärung, 2. April 2024.

Nach langem innerlichen Ringen hat mein christlicher Pazifismus über meine Kompromissbereitschaft gesiegt, über die Bereitschaft, versöhnend mit denen zusammen zu arbeiten, die zwar friedensorientiert sind, aber die Worte Frieden schaffen ohne Waffen  sich nicht zueigen gemacht haben. Im langjährigen Konflikt um die Potsdamer Garnisonkirche stand ich als Überbringer des Nagelkreuzes der Kathedrale von Coventry immer zwischen den Fronten. Das Nagelkreuz, Symbol der Versöhnung, hätte die Gegner:innen und die Befürworter:innen des Wiederaufbaus der Garnisonkirche an einen Tisch bringen sollen. Das ist leider nicht geschehen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab sich die noch zum Teil bestehende alte Kirchengemeinde den Namen Heilig Kreuz Gemeinde. Dann, nach dem Ende der DDR, ging man meines Erachtens leider auf den Namen Garnisonkirche zurück, wo sich nun im wiederaufgebauten Turm die Nagelkreuzkapelle befindet. Auf dem Altar der nun feierlich gewidmeten Kapelle steht das Nagelkreuz, aber auf was für einem Altar? Der alte Feldaltar, an dem die Truppen des Kaisers und des Führers den Segen Gottes erhielten, bevor sie während den zwei Weltkriegen in die Schlacht zogen. Das zu bejahen, hat meine Kompromissbereitschaft überfordert.

Es ist meine persönliche Gewissensentscheidung, mich mit den Militärdienstverweigern – vor allem in der ehemaligen DDR – Schulter an Schulter zu stellen. Schon als junger Mensch in meiner neuseeländischen Heimat war ich Militärdiernstverweigerer, schrieb daher als Masters-Dissertation die Geschichte der Verweigerer Neuseelands im Zweiten Weltkrieg. Mein Vorbild: der seelig gesprochene Franz Jägerstätter, der als frommer Christ zum Dienst in Hitlers Wehrmacht Nein sagte und deswegen im Zuchthaus Brandenburg enthauptet wurde. Ihm und seinesgleichen schulde ich meine Treue.

Beide Seelsorger an der Potsdamer Nagelkreuzgemeinde, erst Cornelia Radeke-Ernst und jetzt Jan Kingreen, Friedensbeauftragter der Landeskirche, hatten und haben für ihre Friedensarbeit nach wie vor meine Achtung und Unterstützung. Ihr Tun des Guten stelle ich nicht in Frage. Meine Entschdeidung soll ihr Wirken in keiner Weise belasten.

Das Nagelkreuz Coventrys wird in Potsdam bleiben als Teil der von Oliver Schuegraf geleiteten deutschen Nagelkreuzgemeinschaft, die ich einst im neuvereinten Deutschland ins Leben rief. Die Leitung der Kathedrale wird dahinter stehen, unbelastet von meiner persönlichen Entscheidung. Die Fähigkeit, mit menschlichen Widersprüchen zu leben, gehört unweigerlich zur Nachfolge Christi. Gottlob bleibt die letzte Wahrheit in der Obhut des Heiligen Geistes.

Addendum 5

Paul Oestreicher, Grußwort zur Weihe der Nagelkreuzkapelle in Potsdam, März 2024.

Dieses Grusswort erinnert mich an DDR-Zeiten, als ich und Theologen aus dem Westen nicht predigen durften. Grussworte waren jedoch erlaubt. Das wurde zu einem nützlichen Weg, die Zensur zu unterwandern und das Notwendige zu sagen.

Heute im Auftrag der Kathedrale von Coventry sprechend, muss ich an den Ursprung des Nagelkreuzes erinnern. Drei Nägel aus der Ruine der von der Luftwaffe zerstörten Kathedrale, zum Kreuz geschmiedet, wurden zum Symbol der Vergebung und der Versöhnung. Am Weihnachtstag 1940, erst sechs Wochen nach dem Luftangriff, erklärte Domprobst Howard aus der Ruine, entgegen der Volksmeinung: „Wir Christen sagen Nein zur Vergeltung, und Ja zur Vergebung. Nach diesem Krieg wollen wir gemeinsam mit unseren heutigen Feinden eine freundlichere, christlichere Welt bauen.“ Diese Worte bilden die Grundlage dieser Nagelkreuzkapelle.

Ich brachte das Nagelkreuz nach Potsdam und sorgte dafür, dass bei meiner Predigt sowohl die Befürworter als auch die Gegner des Wiederaufbaus dabei waren. Ich zögerte nicht, den langen Streit, der folgte, kritisch zu begleiten. Auf beiden Seiten hatte ich enge Freunde und Freundinnen.

Heute bin ich dankbar, dass wir soweit gekommen sind, dass der Konflikt aus meiner Sicht sinnlos geworden ist. Sinnlos war er zuvor aber nicht. Mit Hilfe der Stadt Potsdam und ganz besonders unseres Freundes Manfred Stolpe kommt es nun zu einem sinnvollen Kompromiss, dem Versöhnung folgen müsste. Der Wiederaufbau des Turmes und damit dieser Kapelle als Zentrale der Friedensverpflichtung der Landeskirche ist eine zweifache Antwort auf die Vergangenheit, einmal eine Antwort auf den Terror des Luftkriegs im Zweiten Weltkrieg und zugleich eine Antwort auf den Hass Walter Ulbrichts auf den christlichen Glauben. Andererseits ist der Beschluss, die gesamte alte Garnisonkirche nicht wieder entstehen zu lassen eine doppelte Antwort: auf den Militarismus allgemein und auf den damals vermeintlichen Sieg Adolf Hitlers. Beide Seiten im Streit um die Garnisonkirche haben sowohl verloren als auch gewonnen. Die Schirmherrschaft des Bundespräsidenten und die Mittel aus der öffentlichen Hand geben diesem Unternehmen eine Bedeutung für ganz Deutschland.

Die Aufgabe, dem Frieden zu dienen, ist dringender als je. Die von Probst Howard ersehnte freundlichere Welt liegt noch in weiter Ferne. Wir Christen sind uns noch nicht einmal darüber einig, was dem Frieden dient. Genau das sagte Jesus der heiligen Stadt Jerusalem. Wir sind uns nicht einmal darüber einig, ob die Ungerechtigkeiten unserer Welt durch Waffengewalt und im äussersten Fall durch Atomwaffen besiegt werden können. Wir Christen sind aus der Sicht von anderen nicht unbedingt die Heilsbringenden.

Möge das, was diese Kapelle darstellt, mögen wir gemeinsam mit vielen anderen aktiv und demütig bleiben auf der Suche nach einem glaubhaften, guten Weg zum Frieden. Wenigstens das schulden Christen unserem Land,  Europa und der Welt.

Addendum 6

Paul Oestreicher an seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter, Brighton im November 2014.

Liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde,
eine kurze Bestandsaufnahme:

In meiner Eigenschaft als ehemaliger Leiter des Internationalen Versöhnungszentrums der Kathedrale von Coventry wurde ich im Jahr 2001 von der Kirche in Potsdam zu Rat gezogen. Ein Traditionsverband wolle die nicht mehr existierende Garnisonkirche nach altem Muster wieder aufbauen. Die Kirche sähe dieses Vorhaben aus naheliegenden Gründen sehr kritisch. Wie solle man damit umgehen? Man könne – so meinte ich schon damals – das Wagnis eingehen, diesen schwer vergangenheitsbelasteten Ort zu etwas Gegenteiligem verwandeln, ein Friedens- und Versöhnungszentrum entstehen lassen als erkennbarer Widerspruch zu dem, was war. So etwas Prophetisches sei ein riskantes aber machbares Zeichen eines christlichen Neubeginns.

Das glaube ich heute wie damals. Deswegen begleite ich das Unternehmen – inzwischen ist die Nagelkreuzkapelle an der ehemaligen Garnisonkirche Mitglied der deutschen Nagelkreuzgemeinschaft – mit wohlwollender aber kritischer Solidarität. Der Traditionsverband war nicht zu überzeugen und hat sich mitsamt seinem Geld verabschiedet. Eine Fördergesellschaft und eine kirchliche Stiftung haben ihn ersetzt. Seit einem Jahrzehnt steht dort das Nagelkreuz Coventrys als vielversprechende symbolische Präsenz.

Es muss jedoch gesagt werden, dass von der Absicht, etwas völlig Neues zu gestalten, im Laufe dieser zehn Jahre nur wenig zu spüren war. Die Publizistik deutete zwar nicht auf eine neue Militärkirche, sondern auf eine kulturelle städtische Restauration: kein Traditionsverein, sondern eher ein Kulturverein. Nur noch ganz am Rande schienen Frieden und Versöhnung im Spiel zu sein. Von einer klar profilierten kirchenpolitischen Wende war wenig – trotz dem guten Willen einer engagierten jungen Pfarrerin – zu spüren

Kritische Fragen meinerseits, eine zunehmend ernst zu nehmende Opposition vor Ort, nun gefolgt von einer oppositionellen theologisch orientierten Gruppe profilierter (hauptsächlich ostdeutscher) Christen, brachten eine Wende zum Guten. Der etwas in den Hinterhalt geratene ursprüngliche Plan hatte frischen Wind in die Segeln bekommen.

Eine erfahrene neu ernannte Pfarrerin hat Vieles bewegt. Die Leitung der Stiftung ist munter geworden. Die Kirchenleitung hat sich zum ersten Mal öffentlich mit dem Vorhaben solidarisiert. Die Gegner haben nicht umsonst agiert. Ich wage zu sagen, die gegenwärtige Debatte wird zum Segen werden, zum Segen aber nur dann, wenn sie respektvoll geführt wird. Ich habe zwar Partei ergriffen, aber mit hohem Respekt für die Gegner. Etliche stehen mir persönlich sehr nah. Ihre Vorbehalte haben Hand und Fuss. Es geht um bedeutende ethische Sachinhalte. Wäre mein Sitz im Leben ein anderer, könnte ich wahrscheinlich, ohne mir untreu zu sein, zur Opposition gehören. Wohlbemerkt, Opposition und Feindschaft sind grundverschiedene Dinge. Bei der gelegentlichen Schärfe der Auseinandersetzung und verhärteten Positionen kann diese Unterscheidung leicht aus dem Blick geraten.


Was erhoffe ich mir? Einen runden Tisch, intelligent und fair moderiert, wo alle aufeinander hören und keine und keiner um Sieg ringt. Kommt es zu keiner Verständigung, blamieren sich alle. Meine – zwar nicht massgebliche – Meinung ist, dass die Grundlage eines guten Kompromisses im Vorschlag Manfred Stolpes enthalten ist, nämlich dass der von Ulbricht zerstörte Turm – die Heilig Kreuz Kirche von der Zeit nach 1945 – als Zentrum des Friedens und der Versöhnung und zugleich als Bereicherung des Stadtbildes, nun wieder wie einst die Stadt mit drei Türmen, wiederaufgebaut wird. Das Kirchenschiff der Garnisonkirche mit all seinen Assoziationen und seiner Symbolik bliebe dann nur noch eine Erinnerung, als Zeichen des nötigen Bruchs mit der Vergangenheit. Die Stiftung müsste sich dazu verpflichten, und die Opponenten im Gegenzug müssten den Turm begrüssen und dessen Inhalte unterstützen. (Nebenbei gemerkt, das dadurch gesparte aber ohnehin noch lang nicht vorhandene Geld, hätte ihr eigenes ethisches Gewicht).

Mitglieder der deutschen Nagelkreuzgemeinschaft befinden sich auf beiden Seiten der aktuellen Debatte. Aber alle, wie der Vorsitzende Dr. Oliver Schuegraf mir beteuerte, unterstützen die vor Ort schon begonnene Arbeit für den Frieden und die Versöhnung. Dean John Witcombe sagte mir vor einigen Tagen in Coventry, der Weg in die Zukunft sei einzig und allein die Sache der Potsdamer. Er beteuerte aber zugleich seine schon im Juli in Potsdam geäusserte Überzeugung, ein äusseres Zeichen der Gebrochenheit gehöre mit zur Heilung der Geschichte.

Das ist in Kürze nicht mehr und nicht weniger als meine sehr persönliche Bestandsaufnahme. Sie ist in Freundschaft an alle gerichtet, die sich angesprochen fühlen.

Barbara und ich fliegen am 4. Dezember für vier Monate nach Neuseeland, unserer zweiten Heimat. Das ist der rechte Moment in meinem 84. Jahr, meine intensive Beschäftigung mit der Zukunft der ehemaligen Garnisonkirche zu beenden. Ich vertraue darauf, dass Ihr gemeinsam einen guten Schluss findet. ‚Es muss ein guter da sein, muss, muss muss‘.* Zum Gespräch – auch aus der Ferne – bleibe ich stets bereit. Bleibt meiner Freundschaft und meiner anhaltenden Fürbitte gewiss. Dass wir mitdenken und mitsprechen durften, hat uns – Barbara und mich – in vieler Hinsicht bereichert. Habt Dank dafür.
Innigste Segenswünsche
PAUL

* Bertolt Brecht: die letzten Worte aus Der gute Mensch von Sezuan

Canon Dr.Dr.h.c.mult. Paul Oestreicher
97 Furze Croft, Furze Hill
Brighton BN3 1PE
United Kingdom

Der offener Brief Oestreichers ist auf der Homepage der Initiative Christen brauchen keine Garnisonkirche! herunterladbar.

Man würde sich täuschen, bei diesen vier Stellungnahmen einen Bruch in Oestreichers friedenspolitischem Engagement zu sehen. Sein Versöhnungsansatz ist sich über die Jahre hinweg treu geblieben, auch wenn deutlich wird, dass ihm der in Angriff genommene Wiederaufbau der Garnisonkirche nicht zuträglich war. Bei dem Bemühen, zwischen antagonistischen Positionen zu vermitteln, begibt sich ein Mediator immer auf eine Gratwanderung, die scheitern kann. Trotzdem gibt es aus der Perspektive Oestreichers keine Alternative zum Dialog. Der Versuch, eine Verständigung zu erreichen, muss auch dann unternommen werden, wenn die Aussicht auf Erfolg gering ist. Die an einem Konflikt beteiligten Parteien bestehen in der Regel nicht aus geschlossenen Formationen mit einer homogenen Struktur und einer Agenda, die von allen zu hundert Prozent geteilt wird. Auch auf den ersten Blick ausweglose Konstellationen enthalten deswegen Ansatzpunkte, die dazu benützt werden können, in einen Austausch zu treten, gegebenenfalls mit Hilfe eines Mediators.

Dass dabei offen und ohne gezinkte Karten gespielt wird, ist für ein erfolgreiches Gespräch unabdingbar. Genauso wichtig ist es aber auch, in seriöser Weise Rechenschaft über die verfolgten Ziele abzulegen, denn der wohlklingende aber schwammige Begriff der Versöhnung lässt viele Deutungen zu. Sich mit der eigenen Geschichte zu versöhnen, liegt auf einer komplett anderen Linie als die Versöhnung mit einem Opponenten. Vergleicht man die Gottesdienste, die bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs in der Potsdamer Garnisonkirche gehalten wurden, mit denen, die bis zum 14. November 1940 in der Kathedrale von Coventry stattfanden, kommt man nicht umhin, die Repräsentanten dieser beiden Traditionen als ungleiche Partner in einem asymmetrischen Versöhnungsprozess einzustufen. Einen Angriffskrieg und die Verteidigung gegen ihn in ein gemeinsames Schicksal überzuführen, an dem alle irgendwie beteiligt waren, macht eine wirkliche Aussöhnung von vornherein unmöglich.

Domprobst Richard Howard stand es frei, von sich aus und im Namen der Kathedralengemeinde den Deutschen unmittelbar nach dem Krieg die Hand zu reichen, noch den Schutt und die Trümmer vor Augen. Doch für wen und in wessen Namen sprach Howard? Der auf dem nachstehenden Foto neben ihm gehende Premierminister gehörte ebenso wie die Mehrheit der britischen Bevölkerung sicher nicht zu denen, die sich mit jemand versöhnen wollten, der wenige Monate vorher noch ihr Heimatland mit fanatischer, ja terroristischer Zerstörungswut angegriffen hatte. Das wirft die Frage nach der Repräsentanz und Reichweite des von der Nagelkreuzbewegung ausgehenden Versöhnungskonzepts auf. An welchem Punkt stößt die Bereitschaft zur Versöhnung an ihre Grenze? Jeder muss das für sich beantworten. Für die meisten Briten lag Howards Anerbieten allerdings außerhalb des Erträglichen und wurde für ausgesprochen naiv gehalten. Mit wem genau versöhnen sich diejenigen, die heute im Turm der Garnisonkirche vor einem preußischen Kriegsaltar Gottesdienst feiern, auf dem ein Nagelkreuz aus der zerstörten Kathedrale in Coventry steht?

Domprobst Richard Howard, Winston Churchill und der Bürgermeister von Coventry beim Besuch der zerstörten Kathedrale in Coventry am 28. September 1941.

Man stelle sich folgendes Szenario vor: Ein Mörder wird nach einer gewissen Karenzzeit bei der Familie des von ihm Getöteten vorstellig, er wolle sich mit ihr versöhnen. Das Beispiel erscheint abwegig, ist es aber nur auf den ersten Blick. In den letzten Jahren hat die Erinnerung an die große Zahl an Menschen, die dem deutschen Expansionswahn in zwei Weltkriegen zum Opfer fielen, ganz zu schweigen von den sechs Millionen ermordeter Juden, deutlich an gesellschaftlicher Relevanz verloren. Nicht wenige Deutsche relativieren das Geschehene, indem sie sich der Strategie des „Whataboutism“ bedienen: Andere sind doch auch nicht besser. Im Spektrum der politischen Rechten hat eine Umkehrung des Täter-Opfer-Verhältnisses Platz gegriffen und bei den Rechtsextremen ist sie sogar zur Normalität geworden.

Dass sich Täter vor ihrer Verantwortung drücken und nach Mitteln und Wegen suchen, sie loszuwerden, leuchtet nicht nur in psychologischer Hinsicht ein. Ergibt sich die Möglichkeit, ihr durch die Flucht in ein allgemeines Menschheitsverhängnis zu entgehen, wird man über ein entsprechendes Angebot mehr als erfreut sein. In der Garnisonkirche wurde der Gedanke einer allgemeinen Ethik, die für jeden unabhängig von seiner religiösen Einstellung, politischen Meinung und nationalen Zugehörigkeit gilt, immer abgelehnt. Die christliche Nächstenliebe war ein Konzept, das sich im weitesten Sinn auf die eigene Nation und Gemeinschaft bezog. Umso positiver stellt sich eine Offerte dar, die den Eindruck erweckt, Schuld und Sühne könnten über die Anrufung Gottes als Allversöhner von einem historischen in ein religiöses Erklärungsmuster übergeleitet werden. Die geschehenen Verbrechen würden dadurch entkonkretisiert und diejenigen, die sie begangen haben, ihrer Zuständigkeit entledigt. Aus der Perspektive der Opfer ist das eine verheerend Entwicklung. Den Propagandisten der Versöhnung im Umfeld der Garnisonkirche stünde es vor diesem Hintergrund gut zu Gesicht, etwas weniger forsch aufzutreten und sich in der Rhetorik zurückzunehmen.

Screenshot eines 35-minütigen Vortrags von Paul Oestreicher zum Thema Der militärische Beitrag zum Frieden in der Nagelkreuzkapelle am 13.9.2012 (0:49)

Am 13. September 2012 hielt Paul Oestreicher in der Potsdamer Nagelkreuzkapelle einen Vortrag zum Thema „Der militärische Beitrag zum Frieden“. Dabei hielt er sich mit der Hand am Feldaltar der Garnisonkirche fest, auf dem die beiden Altarkerzen zu sehen sind, die Friedrich Wilhelm III. im Zuge seiner Unionsbemühungen gestiftet hatte. Als königlicher Summus episcopus verfügte er im September 1817 die Vereinigung der reformierten und lutherischen Gemeinden zu einer unierten Kirche. Wenig später nahm er am 31. Oktober, dem Reformationstag, am ersten gemeinsamen Gottesdienst der Hof- und Garnisonsgemeinden in Potsdam teil. Allerdings schlug sein Versuch fehl, den Gegensatz zwischen einer Bevölkerung lutherischen und einem Herrscherhaus reformierten Glaubens auf dem Weg der Kirchenunion zu überwinden.

Um seinen lutherischen Untertanen entgegenzukommen, stiftete er dem Altar der Garnisonkirche ein monumentales Kruzifix und zwei fast ebenso große Kerzenständer die von sechs bronzenen Adlerplastiken am Sockel getragen werden. Im Fahrwasser eines neu erwachten lutherischen Konfessionialismus grenzte er sich vom Religionsverständnis des reformierten Christentums ab, das auf die alleinige Wortverkündigung und größtmögliche Schlichtheit im Gottesdienst ausgerichtet ist. Die barocke Ausgestaltung der Garnisonkirche bezeugt mitsamt ihrem martialischen Waffenschmuck dagegen den nationalprotestantischen Wunsch nach einem starken Staat und einer im Glauben vereinten Nation. Für den Machtanspruch der Hohenzollernmonarchie gab es kein besseres Symbol als den zur Sonne aufblickende Adler, sei es auf Wappen und Fahnen, am Fundament einer bronzenen Altarkerze oder auf der Haube des Garnisonkirchenturms.

Auffallend ist bei dem Vortrag Oestreichers nicht nur, dass man einen notorischen Pazifisten neben dem Feldaltar sprechen ließ, auf dem die von Friedrich Wilhelm III. gestifteten Kerzen standen. Diese wurden auch noch so gedreht, dass sich der Blick der Adler drohend auf den Vortragenden richtet. Das erweckt den Eindruck, als ob der Botschaft des Redners Kontra gegeben werden sollte. Die Penetranz, mit der die Kamera den preußischen Kriegsadler und den Pazifisten Oestreicher in ein gemeinsames Bild zwängt, verstärkt diesen Eindruck noch. Es fällt schwer, hier an Zufall zu glauben. Dem Nagelkreuz von Coventry durch die zwei Adlerkerzen „Flankenschutz“ zu geben, müsste sich eigentlich verbieten. Abgesehen von historischen und religiösen sprechen auch ästhetische Gründe dagegen. Der unterschiedliche Symbolgehalt macht die gemeinsame Verwendung eines Friedenskreuzes mit den alten Altarkerzen – wo ist eigentlich das Kruzifix geblieben, das mit ihnen eine Einheit bildete? – unmöglich. Akzeptiert man dieses Argument der Unvereinbarkeit, kann man aber auch kein Kreuz aus Nägeln, die dem Dachstuhl der von den Deutschen zusammengeschossenen Kathedrale in Coventry entnommen wurden, auf einen preußischen Feldaltar stellen. Eine Kirche, die sich dem Frieden verpflichtet weiß, müsste einen solchen Anschlag auf Geschmack und Gewissen tunlichst vermeiden.

Der Versuch, die Garnisonkirche und ihren Feldaltar wieder in Betrieb zu nehmen, demonstriert vor aller Augen, dass sich der Gegensatz zwischen dem politisch Gewollten und dem geschichtlich Realen nicht mit Argumenten der Logik und Vernunft auflösen lässt. Widersprüche im Denken und Handeln sind die Folge. Kann man aber derart willkürlich, möglicherweise sogar manipulativ, mit einem Altar umgehen und ihn nach freiem Belieben mal so mal so drapieren, ihn so oft weihen, bis es passt? Wenn sich ein Altar, der immerhin das Zentrum der christlichen Gemeinde bildet, nach wechselndem Gutdünken den Erfordernissen der Zeit anpassen lässt, wird es nicht ausbleiben, dass die Substanz der religiösen Glaubensbotschaft Schaden nimmt.

Auf dem nachstehenden Bild eines Gottesdienstes in der Nagelkreuzkapelle mit Wolfgang Huber am Ostersonntag 2014 sehen wir, wie „Framing“ in der konkreten Anwendung funktioniert: Zwei schlichte Kerzen und ein Frühlingsstrauß setzen das Altarkreuz aus der zerstörten Kathedrale in Coventry in ein mildes Osterlicht. Der Altarschmuck ist von schlichter Eleganz geprägt. Nichts soll an eine unschöne und wenig erbauliche Vergangenheit erinnern. Aus dem missliebigen Kriegsaltar wurde ein schön anzusehender Friedensaltar. Leider ist dieses Setting inszeniert und alles andere als ein Beweis für den Frieden. Es zeigt vielmehr, dass sich sogar im religiösen Epizentrum des preußischen Militarismus eine Tradition des Friedens erfinden lässt.

Gottesdienst in der Nagelkreuzkappelle der Potsdamer Garnisonkirche mit Bischof Wolfgang Huber a.D., am Ostersonntag, den 20.4.2014

Einige Jahre vorher noch wollte niemand etwas von dem Friedenskreuz aus Coventry wissen. So prangt bei der „Feierlichen Gründung der Stiftung Garnisonkirche Potsdam“ am 23. Juni 2008 das alte, von Friedrich Wilhelm III. gestiftete Kreuz mitsamt den Adlerkerzen auf dem Altar. Der neue Geist des Friedens, der durch das Nagelkreuz aus dem zerstörten Dachstuhl der Kathedrale in Coventry zum Ausdruck gebracht werden soll, war noch nicht en vogue. Man zog das religiöse Machtsymbol des alten Preußen vor und hatte auch kein Problem damit, den „Tisch des Herrn“ für einen rein weltlichen Zweck, nämlich die Gründung einer Stiftung, zu instrumentalisieren. Deutlicher konnte man seine religionspolitische Agenda mit dem preußischen Feldaltar aus dem Jahr 1800 nicht zum Ausdruck bringen.

„Feierliche Gründung der Stiftung Garnisonkirche Potsdam (SGP)“ am 23.6.2008. Von links nach rechts: Pfarrer i.R. Reinhart Lange (Vorsitzender des Evangelisch Kirchlichen Hilfsvereins), Prof. Dr. Wolfgang Huber (Landesbischof und Ratsvorsitzender der EKD), Pfarrer Andreas Neumann (stellvertretender Superintendent), Jann Jakobs (Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Potsdam) und Peter Bauer (Vorsitzender der Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam e.V.)

Abbildungsverzeichnis:

Abb. 1:   Die kaiserliche Familie beim Feldgottesdienst im Potsdamer Lustgarten am 9.8.1914, aus: R. J. Tercha, Unser Kaiser und Kriegsherr, in: Paul Fiebig, Hg., in: Gott mit uns! Dokumente religiöser Erhebung des deutschen Volkes im Kriegsjahr 1914, Leipzig 1914, S. 3

Abb. 2:   Aussegnungsgottesdienst im Potsdamer Lustgarten am 9.8.1914, Aufnahme Ernst Eichgrün (Potsdam Museum)

Abb. 3:   Der Oberhofprediger und Divisionspfarrer Walter Richter während seiner Predigt beim          Gottesdienst im Potsdamer Lustgarten am 9.8.1914, ebd.

Abb. 4:   Winston Churchill at Coventry Cathedral, Wikimedia Commons

Abb. 5:   Screenshot Youtube (0:49).

Abb. 6:   Geschichte erinnern, Verantwortung lernen, Versöhnung Leben. Der Garnisonkirchenturm     in Potsdam. Zwei Jahrzehnte Projektgeschichte, hg. von der Fördergesellschaft für den  Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam e.V., Potsdam 2020, S. 19.

Abb. 7:   Ebd., S. 10 sowie Potsdamer Spitze, hg. von der Fördergesellschaft für den     Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam e.V., Dezember 2008, S. 2. Foto: Liebe/MAZ.


Fußnoten

[1]    R. J. Tercha, Unser Kaiser und Kriegsherr, in: Paul Fiebig, Hg., Gott mit uns! Dokumente religiöser Erhebung des deutschen Volkes im Kriegsjahr 1914, Leipzig 1914, S. 5. Tercha war das Pseudonym von Walter Richter. Mit dem deutschen Volk bis auf den letzten Mann spielte Wilhelm II. auf die Sozialdemokratie und seine erfolgreiche Burgfriedenspolitik an. Die vom Kaiser genannten Schlachtorte werden heute nicht mehr allgemein bekannt sein: In der Schlacht von Leuthen besiegte die preußische Armee am 5.12.1757 beim niederschlesischen Ort Leuthen (Lutynia) die Truppen der zahlen- und waffenmäßig überlegenen Österreicher. Sie waren durch einen gemeinsamen Glauben geeint und hatten den Herrn der himmlischen Heerscharen auf ihrer Seite, so das Narrativ der nationalpreußischen Historiographie. Nach der Schlacht hätten 25.000 preußische Soldaten am Abend im Feldlager spontan in das bekannte Kirchenlied „Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen, der große Dinge tut an uns und allen Enden“ eingestimmt. Seit der Völkerschlacht von Leipzig durfte der „Choral von Leuthen“ bei keinem Ereignis von nationaler Bedeutung mehr fehlen. Er wurde bei der Reichsgründung am 18.1.1871 im Spiegelsaal von Versailles, bei der Mobilmachung vor dem Berliner Schloss am 1.8.1914 und am 21.3.1934 beim Tag von Potsdam zum gesungenen Ausdruck für den Siegeswillen einer Nation, die ihre Stärke aus dem Beistand Gottes bezog. (Horst Junginger, Der Choral von Leuthen, in: ders., Der preußische Adler in der deutschen Herrschaftsgeschichte. Eine Vogelkunde aus religionspolitischer Sicht, Baden-Baden 2021, S. 37-40.) In der Schlacht bei Königgrätz stießen am 3.7.1866 die Armeen Preußens und Österreichs in der Nähe des böhmischen Ortes Hradec Králové aufeinander. Das auf einer Anhöhe liegende und vom Ersten Garderegiment eingenommene Dorf Chlum wurde ebenso zum mythischen Höhepunkt verklärt wie der preußische Sieg unter der Führung Moltkes insgesamt. Bei dieser damals größten Schlacht der Welt standen sich auf wenigen Quadratkilometern ungefähr 440.000 Soldaten gegenüber. Die Schlacht bei Gravelotte am 18.8.1870 westlich von Metz heißt auf Französisch „Bataille de Saint-Privat“. An dem überaus blutigen und verlustreichen Gemetzel waren 285.000 deutsche und 125.000 französische Soldaten beteiligt. Abends gelang den Deutschen auf dem Hügel von Saint-Privat der finale Sieg. Danach wurde Metz vom Deutschen Reich zur größten Festung der Welt ausgebaut. Die parallel dazu errichtete „Kanonenbahn“ hatte eine Länge von 800 Kilometern und ermöglichte es, Waffen im großen Umfang von Berlin nach Lothringen zu transportieren.

[2]    Taucha, Unser Kaiser und Kriegsherr, S. 6.

[3]    Paul Oestreicher, Aufs Kreuz gelegt. Erfahrungen eines kämpferischen Pazifisten, Berlin 1993, S. 15.

[4]    Siehe Paul Oestreicher, Hg., The Christian Marxist Dialogue, New York 1969. Oestreichers knapp 30-seitige Einleitung trägt die Überschrift „Dialogue in hope“.

[5]    Junginger, Der preußische Adler in der deutschen Herrschaftsgeschichte, S. 91. „Coventration“, „Coventry Bombing“ oder „Coventry Blitz“ sind die Ausdrücke, die im Englischen dafür gebraucht werden.

[6]    Siehe dazu den Redebeitrag von Gerd Bauz Kein Gottesdienst am Blutaltar, Hermann Düringer, Die Nagelkreuzbewegung und die Garnisonkirche Potsdam, in: Versöhnung geht anders. Zum Versöhnungsbegriff der Stiftung Garnisonkirche Potsdam, hg. von der Martin-Niemöller-Stiftung, Wiesbaden 2019, S. 20-23 und Philipp Oswalt, Die Potsdamer Garnisonkirche. Wiederaufbau zwischen militärischer Traditionspflege, protestantischer Erinnerungskultur und Rechtsextremismus, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Bd. 70, H. 3, 2022, S. 573-587.

[7]    Der Tagesspiegel (PNN) berichtete im Januar 2015 in zwei Artikeln darüber: Aktivist verabschiedet sich vom Projekt (12.1.) und Oestreicher zieht sich von Garnisonkirche zurück. Abschied mit kritischer Bilanz (13.1.).

[8]    Siehe zu dieser Stärke von Dibelius Junginger, Der preußische Adler in der deutschen Herrschaftsgeschichte, S. 64-72.

[9]    Walter Richter, Zum Fahneneid. Ansprache bei der Rekruten-Vereidigung im Langen Stall am 10.11.1913, in: Domstiftsarchiv Brandenburg/Havel, Pfarrarchiv der Garnisonkirche Potsdam, Po-G 82/208, S. 5, zitiert nach der Zusammenstellung von Carsten Linke vom 22.3.2018.

[10]  Junginger, Der preußische Adler, S. 3.

[11]  Ebd., S. 141.

[12]  Verhandlungen des Reichstages, Bd. 228, Berlin 1907, S. 1093-1101. Dass Noske und andere führende Sozialdemokraten 1914 auf die Politik des Kaisers einschwenkten, lag vor allem darin begründet, dass sie der Lüge eines russischen Angriffs Glauben schenkten und deshalb von einem gerechten Verteidigungskrieg ausgingen. Im Unterschied zu damals haben wir es heute mit einem wirklichen Angriffskrieg Russlands zu tun, wenn auch auf ein anderes Land und nicht auf Deutschland. Oestreicher kritisierte in einem offenen Brief an den Guardian die Allianz zwischen Politik, Militär und Religion in Russland und in diesem Zusammenhang auch den ethno-nationalistischen Militarismus des Patriarchen: Patriarch Kirill has betrayed the Christian faith, in: The Guardian, 8.4.2022. Seiner Bemerkung „Western churches, too, have not been immune to that temptation.“ könnte man hinzufügen, dass alle christlichen Adlermächte (das katholische Österreich, das orthodoxe Russland und das protestantische Preußen) ihre Territorien im 19. Jahrhundert dadurch vergrößerten, dass sie andere Länder überfielen. Wenn Pistorius heute erklärt, er wolle mit der Bundeswehr Neuland betreten, hat das einen mehr als unangenehmen Beiklang.

       Was den preußischen Kriegsminister Karl von Einem betrifft, ist es nicht unnütz zu wissen, dass er 1933/34 den Vorsitz im Bund der Aufrechten übernahm, einer 1918 gegründeten monarchistischen Vereinigung, an der sich u.a. Paul Conrad, Otto Dibelius, Walter Richter und die Hof- und Domprediger Bruno Doehring und Johannes Vogel beteiligten. Im Unterschied zu Richter relativierte Dibelius in der Weimarer Republik sein Faible für die Monarchie, um es am 21.3.1933 ganz aufzugeben.

[13]  Verhandlungen des Reichstages, Bd. 228, Berlin 1907, S. 1257.

[14]  Junginger, Der preußische Adler, S. 47-50 und S. 141.

Online seit: 26. März 2024

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