Überfall auf Polen 1939: Erfahrung und Erinnerung

Jochen Böhler

Am 4.9.1939 ermordeten Wehrmachtsoldaten im polnischen Tschenstochau über 200 Männer, Frauen und Kinder auf offener Straße. Foto: United States Holocaust Memorial Museum

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In den frühen Morgenstunden des 1. September 1939 überfiel die deutsche Wehrmacht das Nachbarland Polen. Den deutschen Truppen folgten motorisierte Polizeieinheiten, die sogenannten „Einsatzgruppen“. Während die Wehrmacht im Herbst 1939 zehntausende  polnische und jüdische Zivilisten als angebliche Partisanen erschoss – dabei hatte es damals noch gar keinen organisierten polnischen Widerstand gegeben – ermordeten die Einsatzgruppen bis Jahresende über 50.000 ethnische Polen und Juden als sogenannte „Reichsfeinde“. Unterstützt wurden sie dabei von in Polen lebenden ethnischen Deutschen, die von der SS im „Volksdeutschen Selbstschutz“ organisiert wurden.

Die Welle der Gewalt, die sich damals über Polen ergoss, hatte nichts mit einem konventionellen Krieg zu tun, die Verbrechen waren keine „normalen“ Kriegsverbrechen. Im Sommer war im westlichen Nachbarland ein staatliches Programm zur Ermordung der polnischen Eliten entworfen und nun, wenige Wochen später in die Tat umgesetzt worden. Die Bevölkerung Polens traf diese Welle völlig unvorbereitet. Eine Generation früher, zwischen 1915 und 1918, war Polen schon einmal deutsch besetzt gewesen. Die Besatzung war hart, das Land wurde ausgeplündert, Menschen zur Zwangsarbeit ins Deutsche Reich verschleppt.

Und dennoch: Staatlich organisierte Massenmorde hatte es damals nicht gegeben. Unter deutscher Besatzung wurde in Warschau 1915, nach über hundert Jahren russischer Herrschaft, die polnische Universität wiedereröffnet. 1916 wurde eine polnische Regierung eingesetzt – freilich, nur eine Marionettenregierung, aber immerhin wurde der Anschein polnischer Staatlichkeit gewahrt. Polnische Juden nahmen im deutschen Besatzungsapparat oftmals die wichtige Funktion der Übersetzer wahr, weil sie zweisprachig waren.

Ein Vierteljahrhundert später war alles anders. Nach der Eroberung teilten die Deutschen den von ihnen besetzten Teil Polens – die östliche Hälfte war im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes am 17. September 1939 von der Roten Armee besetzt worden – in zwei Bereiche: Westpolen wurde als „Danzig-Westpreußen“ und „Warthegau“ annektiert. Zentralpolen wurde zum „Generalgouvernement für die besetzten polnischen Gebiete“, eine Art deutschen Koloniallandes, für das keine rechtlichen Bindungen gelten sollten.

Und wieder blitzt die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg auf: Damals hatte es auch zwei Generalgouvernements in Polen gegeben, ein deutsches „Generalgouvernement Warschau“ und ein österreichisches „Generalgouvernement Lublin“. Aber das Generalgouvernement, das 1939 in Polen von den Deutschen errichtet wurde, hatte nichts mit irgendetwas zu tun, was es zuvor einmal gegeben hätte. Das im September des Jahres durch die deutsche Luftwaffe stark zerstörte Warschau sollte auf Weisung Hitlers nicht mehr wiedererrichtet werden. Hauptstadt wurde stattdessen Krakau, auf dessen Schlossberg Hans Frank, der „Kronjurist des Führers“, Hof hielt wie einst die polnischen Könige. In seinen Plänen nannte er die Stadt, so wissen wir von Dieter Schenk, „Antisemitopolis“.

Die Mordwelle im Herbst 1939 war nur der Beginn einer gigantischen Verfolgungsjagd auf nicht-Deutsche in Polen gewesen.  Die erbarmungslose deutsche Besatzungspolitik ab 1939 war eine völlig andere als ab 1915.  Ihre Grundlage war nicht mehr rein imperialistisch, sondern nach damaligem Sprachgebrauch „völkisch“, nach heutigem rassistisch. Der Reichsführer SS Heinrich Himmler fasste sie Anfang 1940 in seiner „Denkschrift über die Behandlung der Fremdvölkischen im Osten“ so zusammen: Die annektierten polnischen Westgebiete waren zu „germanisieren“, alle „undeutschen“ Elemente in das östlich davon gelegene Generalgouvernement abzuschieben. Der dortige ethnische „Völkerbrei“ sollte fortan als billiges Arbeitskräftereservoir zur Verfügung stehen, die Volksschule den Kindern lediglich vermitteln, „dass es ein göttliches Gebot ist, den Deutschen gehorsam zu sein und ehrlich, fleißig und brav zu sein“. Aus der Sicht Berlins hatte der polnische Staat – den viele Deutsche in der Zwischenkriegszeit ohnehin lediglich als „Saisonstaat“ angesehen hatten – aufgehört zu existieren.

In der Praxis hieß das, dass die Deutschen in Polen von Beginn an in einem rechtsfreien Raum operierten. Strafverfolgung für Verbrechen gegen Polen oder Juden brauchte man nicht zu fürchten. Während für Diebstahl innerhalb der Truppe im September 1939 die Todesstrafe verhängt wurde, wurde die Ermordung Zehntausender polnischer Bürger nachträglich per Führerdekret amnestiert. Und dieser Schwebezustand wurde verstetigt: In den folgenden fast sechs Jahren deutscher Besatzung konnte man als Pole jederzeit sein Haus, Hab und Gut verlieren, in ein Konzentrationslager gesteckt, als Arbeitssklave vor Ort eingesetzt oder ins Deutsche Reich deportiert oder im Rahmen einer Racheaktion für Anschläge des polnischen Widerstands willkürlich erschossen werden. Die von Himmler skizzierte „Bildungspolitik“ fand ihren Niederschlag auch in der Massenverhaftung Krakauer Professoren 1939 und der Ermordung Lubliner Professoren 1941. Die Deportationen blieben zwar aus Kapazitätsgründen weit hinter Himmlers Erwartungen zurück, dennoch wurden bis 1941 insgesamt knapp 500.000 Polen und Juden über die Reichsgrenze in das Generalgouvernement geschafft.

Der 1910 geborene polnische Historiker Kazimierz Wyka hat die Mischung aus Resignation und Ohnmacht, die damals die polnische Bevölkerung  erfasste, 1957 so beschrieben: Zu Hause, in den eigenen vier Wänden, da spielte sich das wahre Leben ab, draußen dagegen, sobald man in den öffentlichen Raum eintrat, allenfalls ein Scheinleben, ein „Leben als ob“. Für polnische Juden gab es nicht einmal ein „Leben als ob“, denn ihre gewaltsame Entfernung aus dem deutschen Machtbereich war von vorneherein erklärtes Ziel der Besatzungspolitik. Sie verlief in zwei Phasen: bis 1941 Deportation in Gettos, ab 1941 Auflösung der Gettos – im Klartext: Ermordung sämtlicher Bewohner in eigens dafür errichteten Tötungsanlagen: Treblinka, Belzec, Sobibor, Majdanek, Kulmhof, Auschwitz. Für die Hilfe verfolgter Juden riskierte man als christlicher Pole nicht nur sein eigenes Leben, sondern zugleich auch das seiner Familie.

Im besetzten Polen gab es zahllose, teils ganz unterschiedliche Verfolgungsschicksale. In ihrer Gesamtheit belegen sie aber, wie den Menschen „Unter dem deutschen Joch“ – so der Titel eines Buches des polnischen Historikers Czesław Łuczak – jegliche Würde und Handlungsfreiheit genommen wurde, wie ihr Leben dauernd am seidenen Faden hing. Die Bilanz des Schreckensregimes liest sich entsprechend: Bis Kriegsende hatten die Deutschen sechs Millionen Bürger der Zweiten Polnischen Republik ermordet, die Hälfte davon Juden.

Der britische Historiker Eric Hobsbawm hat in einer bahnbrechenden Studie das 20. Jahrhundert als „Jahrhundert der Extreme“ und sein amerikanischer Kollege George Kennan den Ersten Weltkrieg als dessen „Urkatastrophe“ bezeichnet. Wohlgemerkt, was Deutsche zwischen 1939 und 1945 in Polen taten war ohne historische Parallele. Aber wir begreifen weder, wie es dazu kam, noch was das für uns heute bedeutet, wenn wir uns nicht die Entwicklungen in Europa etwas genauer anschauen, die vor über hundert Jahren ihren Anfang nahmen. Bereits mit den Balkankriegen 1912/13 verbanden sich zwei Entwicklungen zu einer tödlichen Mischung: Die Entstehung von Nationalstaaten auf den Trümmern der europäischen multinationalen Imperien – dem Osmanischen Reich, dem Zarenreich, dem Habsburgerreich und dem Deutschen Kaiserreich – einerseits, und die Einteilung ihrer Bevölkerungen nach ethnischen Kriterien andererseits. 

Das führte auf dem Balkan vor, aber auch in Mitteleuropa nach dem Ersten Weltkrieg zu furchtbaren Gemetzeln, die heute weitgehend in Vergessenheit geraten sind. In den neu entstehenden Staaten wurde Staatsbürgerschaft weitgehend als ethnische Zugehörigkeit zur Mehrheitsbevölkerung verstanden. Wer nicht dazugehörte, wurde automatisch zum Angehörigen einer Minderheit, deren Rechte und zuweilen auch Existenz bedroht waren, zumindest in der Staatsgründungsphase. Als etwa die Ukraine 1917/18 im Chaos des Russischen Bürgerkriegs versank und sich zugleich vergeblich bemühte, einen unabhängigen Nationalstaat aufzubauen, wurden dort nach bisherigen Schätzungen zwischen 60.000 und 200.000 Juden ermordet. Der wiedererstandene polnische Staat kämpfte an seinen Grenzen mit Litauen, der Ukraine, der Tschechoslowakei und Deutschland. In den umkämpften Grenzgebieten brachten alle genannten Konfliktparteien Zivilisten – Männer, Frauen und Kinder – um, die sie als ethnisch „Andere“ ansahen. Das ist in diesen Ländern heute weitgehend in Vergessenheit geraten, denn die nationalen Mythen um die Erlangung staatlicher Unabhängigkeit haben die Erinnerung daran verschüttet.

Warum erzähle ich Ihnen das? Lässt sich das deutsche Vorgehen in Polen zwischen 1939 und 1945 nahtlos einreihen in eine Galerie europäischer Gewaltverbrechen in der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts? Keineswegs! Aber zwei Dinge finde ich bemerkenswert, und ich möchte sie daher in den nächsten Minuten etwas näher beleuchten: Die Unterschiede zwischen den Entwicklungen unmittelbar nach dem Ersten und im Zweiten Weltkrieg, und die Parallelen zwischen den Entwicklungen zwischen den Weltkriegen und heute. Erstere belegen die Einmaligkeit der Verbrechen des Dritten Reiches, zweitere mahnen uns daran, dass wir es nicht zulassen dürfen, dass sie sich wiederholen.

Der Unterschied zwischen den Gewaltverbrechen am Ende des Ersten Weltkriegs und denjenigen bereits zu Beginn des Zweiten Weltkriegs liegt auf der Hand: Die Monate und Jahre nach dem November 1918 waren in Europa eine Zeit des unerklärten Bürgerkrieges. In der Staatsgründungsphase nach dem Niedergang der Imperien waren sie gewissermaßen das Feuer, aus dem die Nationalstaaten aufstiegen wie Phönix aus der Asche. Das soll diese Gewalt in keiner Weise rechtfertigen. Vielmehr will ich hier auf einen – wie ich finde – entscheidenden Webfehler der damaligen Nationalstaaten hinweisen: Sie verstanden sich nicht als staatsbürgerlich, sondern als ethnisch verfasst. Daraus erwuchs eine furchtbare Intoleranz gegenüber ethnisch Anderen, auch – oder besser: gerade – wenn sie auf demselben Staatsgebiet lebten. Michael Mann hat das die „Dunkle Seite der Demokratie“ genannt, die nach Norman Naimark „flammenden Hass“ auflodern lässt.

Was aber entscheidend ist: Die Verfolgung und Ermordung ethnisch Anderer war damals kein Staatsprogramm, sie war vielmehr meist das Werk von paramilitärischen Gruppen, die entgegen, nicht im staatlichen Auftrag handelten. Die neuen Regierungen in Litauen, der Ukraine, Polen, der Tschechoslowakei – und Deutschland – versuchten immer wieder, diese Gewalt einzudämmen, waren aber meist noch zu schwach, um die Vorgänge an der Peripherie ihrer Länder von der neuen Hauptstadt aus zu kontrollieren. Als die Grenzkämpfe abflauten, nahm dort auch die interethnische Gewalt ab. Angehörige von Minderheiten wurden in Ostmitteleuropa in den 1920er und 1930er Jahren zwar – entgegen der Klauseln der Pariser Minderheitenschutzverträge – oftmals staatlich diskriminiert, aber nicht ermordet.

Das sah in Deutschland ab 1933 bekanntermaßen ganz anders aus: Da wurde interethnische Gewalt staatliches Programm. Rechtsextreme Paramilitärs, die zuvor im Kampf mit kommunistischen Verbänden die Straßen der Weimarer Republik unsicher gemacht hatten, waren nun auf der Seite der Staatsmacht. Daran sollten wir uns erinnern, wenn wir uns die Bilder des vergangenen Wochenendes aus Berlin in Erinnerung rufen. Die Gewalt der Straße fand Ende der 1920er Jahre mit der NSDAP ihren Weg in das deutsche Parlament. Die Mitglieder ihrer paramilitärischen Kampfverbände stellten ab 1933, also nach dem Scheitern des demokratischen Experiments von Weimar, das Wachpersonal der Konzentrationslager des Dritten Reiches. Sie füllten die Reihen der SS und der Polizei, die nun mit der Gestapo ein mächtiges Instrument zur Verfolgung und Ermordung politischer Gegner und ethnisch Anderer im staatlichen Auftrag aufbaute.

Und genau dieses Prinzip wurde dann ab 1939 vom innerstaatlichen Programm einer faschistischen Diktatur zur deutschen Besatzungspolitik in ganz Europa ausgeweitet, zuallererst und bis zum Schluss – in Polen. Die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei waren, wie sie der Chefankläger in einem Nürnberger Nachfolgeprozess treffend nannte, eine „Gestapo auf Rädern“. Nur waren ihr jenseits der Reichsgrenzen keinerlei Beschränkungen auferlegt, schuf der Krieg neue Ermöglichungsräume. Vor dem Einsatz hatte man den Kommandeuren der Einsatzgruppen klargemacht, dass ihre Aufgaben nicht allein in der Sicherung des eroberten Gebietes lägen, sondern in der Bekämpfung von „Reichsfeinden“, und als solche wurden ethnisch Andere begriffen, sowohl die Angehörigen der polnischen Intelligenz als auch die polnischen Juden. Zur Umsetzung dieser Maßnahmen wurden Exekutionen angeordnet. Die Einsatzgruppen waren also keine paramilitärische Gruppe, die außer Kontrolle geraten war, die Ermordung zehntausender nicht-Deutscher war vielmehr ein von Berlin angeordnetes Programm. Bald sollte sich diese „Politik“ inner- und außerhalb Polens so radikalisieren, dass ihr bis zum Ende des Krieges Millionen Menschen in den besetzten Gebieten zum Opfer fielen. Die Täter – und Täterinnen – waren zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr nur die radikalisierten Paramilitärs der Weimarer Straßenkämpfe, sondern sie kamen aus der Mitte der Gesellschaft, etwa als Angehörige der deutschen Streitkräfte oder des deutschen Verwaltungsapparates. Kaum einer von ihnen stand wegen der in Polen verübten Verbrechen jemals vor Gericht. Wie sehr der Hass auf ethnisch Andere zu mobilisieren vermag zeigte sich dabei bereits zu Beginn am Beispiel der deutschen Minderheit in Polen: Ohne die Hilfe von deutschsprachigen Bürgern der Zweiten Polnischen Republik hätten die Einsatzgruppen die meisten ihrer Opfer gar nicht ausfindig machen können. „Volksdeutsche“ Informanten hatten die Namen von zehntausenden polnischen Bürgern für das „Sonderfahndungsbuch Polen“ der Einsatzgruppen geliefert, die etwa zwölftausend Mitglieder des „Volksdeutschen Selbstschutzes“ beteiligten sich eifrig an der bestialischen Ermordung ihrer Nachbarn.

Bevor ich mich in der zweiten Hälfte meines Vortrages der Frage zuwende, was das alles mit uns heute – ein Dreivierteljahrhundert nach Ende des Zweiten Weltkriegs – zu tun hat und wie wir uns deshalb daran erinnern sollten, fasse nochmal kurz zusammen, was mir vom bisher Gesagten am Wichtigsten erscheint: 

  1. Mit dem Ende der Imperien entstanden in Ostmittel- und Südosteuropa nach dem Ersten Weltkrieg Nationalstaaten, die sich nicht als staatsbürgerschaftlich, sondern als „völkisch“ (also ethnisch) verfasst begriffen. Darüber, wer Staatsbürger war, entschied also nicht der Pass, sondern das Aussehen, die Abstammung oder die Religion. Das führte in der Gründungsphase der Nationalstaaten zu Ausbrüchen von interethnischer Gewalt, die aber kein staatliches Programm war. In den etablierten Demokratien der Zwischenkriegszeit wurden ethnische Minderheiten zwar oftmals staatlich diskriminiert, aber nicht verfolgt oder ermordet.
  • In der Diktatur des Dritten Reiches wurde physische Gewalt gegen politische Gegner und ethnisch Andere dagegen ab 1933 zum staatlichen Programm. Mit dem deutschen Überfall auf Polen 1939 wendete sich diese innerstaatliche Verfolgungspolitik nach außen und nahm sofort nie zuvor dagewesene Dimensionen an. Die Büchse der Pandora war geöffnet. Da außerhalb Deutschlands fast nur „ethnisch Andere“ lebten richtete sich die Gewalt von Polizei, SS, Wehrmacht und Zivilverwaltung potenziell gegen sämtliche Bürgerinnen und Bürger der Zweiten Polnischen Republik, später auch Jugoslawiens, Griechenlands, der Sowjetunion, Weißrusslands und der Ukraine. Die ethnisch Anderen sollten entweder ermordet oder zu Arbeitssklaven gemacht, die eroberten Gebiete für deutsche Reichsbürger „germanisiert“ werden.

Wir sollten uns, finde ich, sehr genau an diese Dinge erinnern, weil sonst schnell in Vergessenheit gerät, wie dünn oftmals der Lack der Zivilisation sein und wie schnell er abblättern kann. Ich weiß nicht, wer von Ihnen vor vier Jahren angenommen hätte, dass heute bewaffnete Bürgerwehren in den Vereinigten Staaten von Amerika bei Demonstrationen auf offener Straße Menschen erschießen? Oder dass Rechtsextremisten versuchen, den Deutschen Reichstag zu besetzen (und Frau Stadträtin Weber hat die Anschläge von Halle und Hanau ja bereits erwähnt)? Ich jedenfalls nicht! Der Starhistoriker und Bestsellerautor Timothy Snyder hat 2017 in seinem Buch „On Tyranny: Twenty Lessons from the Twentieth Century“ unter anderem auf die Gefahr hingewiesen, die von Paramilitärs und gewaltbereiten Extremisten für die Demokratie weltweit ausgehen. Ich bin zwar kein Anhänger der Theorie, dass wir gerade eine Neuauflage der 1920er Jahre erleben, aber dieses Buch (das auch auf Deutsch erschienen ist) sollten Sie unbedingt lesen!

Was wir nicht nur in den USA, sondern auch in Europa (einschließlich Deutschlands) derzeit beobachten ist ein Wiederaufleben des ethnischen Nationalismus̕ in Verbindung mit einem Populismus, der sich nicht zuletzt durch die Digitalisierung und vor allem soziale Netzwerke rasend schnell und grenzüberschreitend verbreitet. Wieder werden in Europa ethnisch Andere und politisch anders Denkende diskriminiert, stigmatisiert, ausgegrenzt, zum Teil auch physisch angegriffen. Ich meine, dass in der Erinnerung an das dunkelste Kapitel der europäischen Geschichte eine Chance liegt, diesen besorgniserregenden Entwicklungen zu begegnen. Auch wenn der Populismus bereits die Parlamente erobert haben mag, so ist die Verfolgung und Ermordung von ethnisch Anderen oder politischen Gegnern weder in Europa noch in Amerika staatliches Programm. Europa muss jetzt, in Erinnerung an das fatale deutsche Abdriften in den Malstrom der interethnischen Gewalt zwischen 1933–1945, wehrhaft seine Demokratien verteidigen, die eben keine ethnischen Nationalstaaten sind. Dazu gehört die frühzeitige und entschiedene Bekämpfung jeglicher extremistischer Bewegungen innerhalb ihrer Hochburgen (sprich Parlamente) und Bastionen (sprich Polizei und Streitkräfte) sowie der Verbreitung von Hetze und verfassungsfeindlichen Inhalten im Netz. Zur Verteidigung der Demokratie gehört aber auch, anderslautende Meinungen in der politischen Diskussion zuzulassen, solange sie sich auf dem Boden des Grundgesetzes bewegen.

Ich bin, wie Sie gemerkt haben, etwas vom deutschen Überfall auf Polen vor 81 Jahren abgeschweift und komme jetzt wieder zum Hauptthema meines Vortrages. Wie gehen wir Deutschen in der jetzigen Situation – in Deutschland, in Europa, in der Welt – mit der Erinnerung an unsere kontaminierte Vergangenheit um? Da wird in letzter Zeit eine Frage immer lauter gestellt: Wie halten wir diese Erinnerung wach, wenn immer weniger Menschen sich selber an diese Zeit aus eigener Anschauung erinnern können? Ich spreche hier vom allmählichen Schwinden der Zeitzeuginnen und -zeugen. Vor drei Monaten ist der Großvater meiner Frau gestorben, der als 18jähriger im Warschauer Aufstand gegen die Deutschen gekämpft hatte. Ich habe mit ihm viel über diese Zeit gesprochen, auch sind seine Erlebnisse in zahlreichen Videoaufzeichnungen im Museum des Warschauer Aufstands dokumentiert. Zehntausende Berichte von Überlebenden der deutschen Besatzung werden in polnischen und israelischen Archiven für die Nachwelt aufbewahrt. Insofern erscheint mir für das Erinnern dieser Abschied von der damals erwachsenen Kriegsgeneration gar nicht so entscheidend, so schmerzlich er auch ist, und wie groß auch die Lücke ist, die bleibt. Es kommt vielmehr darauf an, was wir mit der in amtlichen Dokumenten und Augenzeugenberichten überlieferten Erinnerung machen.

Aus Sicht des Historikers ist diese Frage einfach zu beantworten: Wir schreiben auf der Grundlage dieser Überlieferung Geschichte. Früh in deutscher Sprache erschienen sind die populärwissenschaftlichen Bücher zur deutschen Besatzung in Polen von Władysław Bartoszewski – Jahrgang 1922, christliche-humanistische Erziehung im Vorkriegspolen, Judenretter und Widerstandskämpfer gegen die Nazis vor 1945 und gegen die Kommunisten nach 1945, nach 1989 dann zweimal polnischer Außenminister und für viele Jahrzehnte Vorkämpfer der deutsch-polnisch-jüdischen Annäherung. Auf deutscher Seite blieb Martin Broszat (geboren 1926), Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München, mit seinem Buch „Nationalsozialistische Polenpolitik“ (erschienen 1961) bis in die frühen 1990er Jahre nahezu allein auf weiter Flur. Das hat sich mittlerweile aber grundlegend geändert, weil seit einer Generation die deutschen Universitäten das Thema für sich entdeckt haben. Den seither entstandenen Büchern ist gemeinsam, dass sie die zugänglichen Quellen beider Seiten betrachten und miteinander vergleichen – die der Täter und die der Opfer.

An der Universität Jena stelle ich in meinen Seminaren zum Zweiten Weltkrieg dennoch seit Jahren immer wieder fest, dass – mit der wichtigen Ausnahme des Holocaust – die Ausrichtung und Auswirkungen der deutschen Besatzungsherrschaft in Polen – und im gesamten Osteuropa – an unseren Schulen offenbar noch zu wenig unterrichtet werden. Das Deutsche Poleninstitut in Darmstadt hat daher ein „Polenmobil“ initiiert, einen Kleintransporter, der mit ausgebildetem Personal und Unterrichtsmaterialen deutsche Schulen anfährt und über unsere wechselseitigen Beziehungen zu Polen aufklärt, auch über die Zeit von Krieg und Besatzung. Das ist aber natürlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein, was hier nottut ist eine bessere Abdeckung dieser Themen in den Lehrplänen, und ihre Verknüpfung mit der in der Schule vermittelten Wertschätzung von Freiheit, Toleranz, Demokratie und einem Staatsbürgerschaftsverständnis, das ethnisch Andere mit einschließt.

Vielleicht haben Sie ja in der Zeitung gelesen, dass in Berlin derzeit viele der Meinung sind, neben einer verstärkten Repräsentation der deutsch-polnischen Geschichte in der deutschen Bildungslandschaft stehe noch etwas anderes seit Langem aus: Ein Denkmal für die von den Deutschen ermordeten Bürgerinnen und Bürger der Zweiten Polnischen Republik (ich selber bin ein Anhänger dieser Idee). Hier geht es also nicht nur um Erinnern im engeren Sinn, sondern um eine Form des angemessenen Gedenkens. Eigentlich ist es erstaunlich, dass bis heute, über dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung, eine solche Geste in Richtung Polen ausgeblieben ist. Das angestrebte „Polen-Denkmal“ wäre ein Denkmal für alle Menschen, die in dem Land Polen unter deutscher Besatzung lebten und litten. Bei interessierten Gesprächspartnern in Deutschland begegnet mir immer wieder (unabhängig von Bildungsstand und Parteibuch) weitgehende Unkenntnis darüber, was die deutsche Besatzung für die Zivilbevölkerung Vorkriegspolens eigentlich konkret bedeutet hat – im Alltagsleben, aber oft auch in letzter grausamer Konsequenz im Sterben. Und bei meinen Gesprächspartnern in Polen – und da finden sich Opfer der deutschen Besatzung buchstäblich in jeder Familie – herrscht (ebenfalls ganz unabhängig von der politischen Orientierung) eine tiefe Enttäuschung, oft gar Verbitterung eben genau darüber.

Von Kolleginnen und Kollegen weiß ich, dass sich diese Konstellation in jedem anderen ehemals besetzten Land in Ost- und Südosteuropa genau so wiederfindet. Polen als Deutschlands in dieser Hinsicht größtem „unbekannten“ Nachbarn und Hauptschauplatz des Holocaust kommt aber eine besondere Bedeutung zu. Es kann uns, finde ich, nicht gleichgültig sein, dass direkt neben uns fast vierzig Millionen (und unter uns etwa zwei Millionen) Menschen leben, mit denen uns eine dermaßen komplizierte und belastete Geschichte verbindet, über deren gesellschaftliche Realität bis 1945 und gesellschaftliche Bedeutung ab 1945 der Durchschnittsbürger hierzulande aber so gut wie nichts weiß. Ein „Polen-Denkmal“ würde hier ein Zeichen setzen und zugleich unbedingt notwendige Aufklärungsarbeit anstoßen und zum Nachdenken anregen. Und da hier von „Bürgerinnen und Bürgern der Zweiten Polnischen Republik“ die Rede ist, würde auch nicht einem Nationalismus das Wort geredet, der unter den Opfern Polens nur ethnische Polen verstehen will, ganz im Gegenteil: Es wäre ein Denkmal, das vor den Abgründen warnt, die sich in der europäischen Geschichte aufgetan haben, als Freiheit, Demokratie, Toleranz, Bürger- und Menschenrechte in Deutschland mit Füßen getreten wurden und dort der ethnische Nationalismus – sprich: Rassismus – triumphierte und Millionen Tote forderte. Meiner Meinung nach wäre das gerade zu dieser Zeit ein wichtiges Signal, für ganz Europa.

Der hier veröffentlichte Text ist das Manuskript der Gedenkrede bei der Gedenkstunde im Kaisersaal des Frankfurter Römers zur deutsch-polnischen Verständigung am 1. September 2020.

PD Dr. Jochen Böhler vertritt seit 2019 den Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Er promivierte 2006 an der Universität Köln zu „Auftakt zum Vernichtungskrieg. Die Wehrmacht in Polen 1939“ und habilitierte sich 2019 an der Universität Jena zum Thema „Civil War in Central Europe“. Tätigkeiten u.a. am Deutschen Historischen Institut Warschau, United States Holocaust Memorial Museum, Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem Jerusalem und Sorbonne-Universität Paris.

Online seit: 22. Mai 2021

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