Eine Keimzelle des Widerstandes?

Linda von Keyserlingk

Die feierliche Verteidigung von Wehrmachtsrekruten im Potsdamer Lustgarten, im Hintergrund die Garnisonkirche, 7. November 1935. Foto Georg Pahl. Bundesarchiv Bild 102-17197

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Zwischen der Stadt Potsdam und den am Attentats- und Umsturzversuch vom 20. Juli 1944 beteiligten Personen gab es viele Verbindungen. Einige Verschwörer waren in dieser Stadt geboren, andere wohnten hier, manche kamen zu Besuch, um Vertraute zu treffen oder um bei ihnen Schutz zu suchen. Nicht wenige von ihnen waren als Soldaten in Potsdam stationiert gewesen – in unmittelbarer Nähe zur Garnisonkirche. In der aktuellen Diskussion um den Wiederaufbau der Kirche wird der Bezug zum Widerstand gerne hervorgehoben. Doch was verbanden die späteren Widerstandskämpfer mit dieser Kirche, wie häufig waren sie dort, was haben sie während der Gottesdienste und Zeremonien in dieser Kirche gedacht und empfunden? Die Bezüge zwischen der Garnisonkirche und den in der nahegelegenen Priesterstraße stationierten Soldaten waren vielfältig. Nicht nur, dass die Straße, in der die Kaserne stand, ihren Namen von den dort gelegenen Predigerhäusern der Garnisonkirche erhielt, vielmehr spielte sich der Hauptteil des dienstlichen wie außerdienstlichen Lebens dieser Soldaten lange Zeit zwischen Kaserne, Garnisonkirche und dem als Paradeplatz genutzten Lustgarten ab. Das bekannte Glockenspiel der Kirche war auch in der direkt neben der Kirche gelegenen Exerzierhalle deutlich hörbar. Lange war der sonntägliche Gang in die Garnisonkirche für die Soldaten Pflicht. Die äußeren Bezüge zur Kirche sind damit offensichtlich, doch wie stark wurde das Denken und Handeln der Widerstandskämpfer tatsächlich durch die Garnisonkirche geprägt? Nicht alle von ihnen waren Soldaten und die Soldaten der Potsdamer Regimenter waren nicht alle in der Kaserne in der Priesterstraße untergebracht. Ältere Angehörige des Militärs wohnten zudem in eigenen Häusern – Heinrich von Stülpnagel beispielsweise in der Hegelallee, Fritz von der Lancken am Mühlenberg. Auch die Häuser von Eduard Brücklmeier, Hermann Maaß oder jenes der Familie von Bredow, die nicht dem Militär angehörten, befanden sich nicht in unmittelbarer Nähe zur Garnisonkirche. Mit der zeitlichen Distanz von etwa 70 Jahren lässt sich nur schwer feststellen, welchen Bezug die Potsdamer Widerstandskämpfer tatsächlich zu dieser Kirche hatten. Im Folgenden soll dennoch mithilfe von zeitgenössischen Dokumenten und Erinnerungen versucht werden, eine Antwort zu finden. Gefragt wird zum einen nach den Unterschieden in der symbolhaften Deutung der Garnisonkirche von heute und von jener Zeit, als die späteren Verschwörer in Potsdam stationiert waren. Zum anderen stellt sich die Frage nach direkten Bezügen des Widerstandes zur Kirche und zu den dort wirkenden Pfarrern.

Der Widerstand in der Diskussion zum Wiederaufbau der Garnisonkirche

Folgt man einigen aktuellen Darstellungen, entsteht der Eindruck, die Garnisonkirche sei eine Keimzelle des Widerstandes gewesen. Im Jahr 2004 wurde der Kirche am 20. Juli durch die internationale Nagelkreuzgemeinde ein Nagelkreuz überreicht. Die Übergabe zum Jahrestag des Umsturzversuches von 1944 diente als Ausdruck der Versöhnung und des Friedens. Wie Manfred Stolpe in einem 2006 veröffentlichten Beitrag formulierte, war sie aber auch »Inpflichtnahme, das Vermächtnis des Widerstandes gegen die Nazis wachzuhalten und dafür zu sorgen, dass Frieden, Freiheit, Demokratie und Menschenrechte stets geachtet werden und als Grundpfeiler unseres Zusammenlebens auf einem festen Grund stehen. Die internationale Nagelkreuzgemeinde von Coventry bis Wolgograd erwartet, dass die Garnisonkirche Potsdam als konkreter Bezugspunkt wiederersteht. Darin liegt eine Friedensbitte, die nicht ausgeschlagen werden darf.« An die Übergabe des Nagelkreuzes wird somit die Verpflichtung zum Wiederaufbau geknüpft, dieser wiederum wird legitimiert durch die Bezugnahme auf den 20. Juli. Stolpe stellte die Garnisonkirche als »Keimzelle des Widerstands gegen die braunen Verbrecher« dar, hier habe »eine Wurzel des Aufstandes der Gewissen gegen Hitler« gelegen. Der Stadtkirchenpfarrer Markus Schütte schrieb bereits 2005, dass die Garnisonkirche für zahlreiche Beteiligte vom 20. Juli der Ort war, »an dem ihr Glauben gestärkt, ihr Gewissen geschärft und ihr Gemeinsinn geformt wurde«. Erläuternd führte er jedoch auch an, dass diese Kirche »sicher keine herausragende Stätte der Konspiration (war) wie etwa das Haus Kreisau«.

Kreisau, das Gut der Familie von Moltke in Schlesien, war ein Ort, an dem sich ab 1942 Vertreter aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Kirche trafen, um eine neue rechtsstaatliche Ordnung für Deutschland zu entwickeln. Auch in Potsdam dienten in erster Linie private Räume für konspirative Tätigkeiten. Hier kam es zum Austausch unter Gleichgesinnten, hier konnte im gemeinsamen Gespräch der Geist und das Gewissen geschärft werden. Wie Ines Reich in ihren Arbeiten zum Widerstand in Potsdam bereits dargestellt hat, spannte sich das »Netz der konspirativen Verbindungen der bürgerlich-aristokratischen Hitlergegner (…) in Potsdam hauptsächlich zwischen den Familien von Bismarck, von Bredow, Brücklmeier, von Oppen, von Schilling, von Schwerin und den Offizieren der Infanterie-Regimenter 9 und 178.« Später kamen über Hermann Maaß noch Verbindungen zu Sozialdemokraten und Gewerkschaftern hinzu. Es war die »Intimität dieser familiär-freundschaftlichen Verbindungen«, die »anlässlich von Gesellschaften, Abendessen und Feiern zunächst den Rahmen für einen ungestörten Gedankenaustausch über die politische und militärische Lage« schuf. Der Garnisonkirche wird an dieser Stelle hingegen keine besondere Bedeutung beigemessen. Vergeblich sucht man bei oben genannten Darstellungen nach Zeugnissen über die inneren Auseinandersetzungen der Pfarrer und Soldaten in der Garnisonkirche im Bezug auf das NS-Regime, den Krieg und das eigene Gewissen. Der Zusammenhang scheint vielmehr bereits durch die bloße Existenz der Kirche und die naheliegenden Kasernen sowie die symbolhafte Bedeutung des Glockenspiels angenommen zu werden.
Im Bezug auf den Widerstand wird zudem häufig auf die preußischen Traditionen verwiesen. Das 9. (Preuß.) Infanterie-Regiment, später umbenannt in Infanterie-Regiment Potsdam, ab 1935 in Infanterieregiment 9 (IR 9), führte die Tradition des Ersten Garde-Regiments und anderer Gardetruppen fort, die Identifizierung mit Preußen und dem preußischen Hof war hier somit besonders groß. Der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker, seinerzeit auch Angehöriger des IR 9, sieht in der Garnisonkirche ein Symbol für den preußischen Rechtsstaat und für den Widerstand im IR 9. Auch Jörg Schönbohm verknüpft den Wiederaufbau der Garnisonkirche mit der Erinnerung an den Widerstand, indem er diesen vor allem auf das Preußentum zurück führt: »Nicht umsonst gehörten die bekanntesten Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 namhaften preußischen Familien an, die für die preußischen Werte kämpften.« Zwar stammten einige Personen wie Helmuth James Graf von Moltke, Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg und der von Schönbohm besonders hervorgehobene Henning von Tresckow aus Familien mit enger Bindung zum preußischen Staat. Von vielen anderen zentralen Personen des Widerstandes wie Ludwig Beck, Julius Leber oder auch Claus Schenk Graf von Stauffenberg lässt sich dies jedoch nicht behaupten. Mitunter wird auch übersehen, dass eine nicht unerhebliche Anzahl von Angehörigen preußischer Adelsfamilien überzeugte Nationalsozialisten waren – unter anderem aus dem Haus Hohenzollern selbst.

Die Garnisonkirche und ihre Symbolik nach dem Ersten Weltkrieg

Die politische Motivation der angeführten Darstellungen ist deutlich, doch was lässt sich tatsächlich über die Nähe des Widerstandes zur Garnisonkirche sagen? Was prägte diese Kirche in jener Zeit, in der die späteren Verschwörer in Potsdam Soldaten waren? Curt Koblanck, von 1925 bis 1937 Standortpfarrer in Potsdam, beschrieb die Garnisonkirche in der Sonderausgabe der Potsdamer Tageszeitung zum »Tag von Potsdam«, vom 21. März 1933. Seine Worte stehen im deutlichen Gegensatz zu heutigen Deutungen einer Friedens- und Versöhnungskirche. Er begriff die Garnisonkirche als »alte Soldatenkirche, in deren Hallen, wenn Gotteswort und Gottesdienst längst verklungen sind, die Manen zweier großer Könige und die Geister ungezählter Helden weiter raunen und murmeln von heiligem, gottgeschenktem Werden Preußen-Deutschlands, von Kampf und Sieg, von Glanz und Herrlichkeit. Immer wieder hat diese große Mutter des deutschen Soldaten ihre segnenden Hände über Deutschlands Jugend in Waffen gebreitet gehalten.« Unübersehbar ist die Garnisonkirche für ihn eine Ruhmeshalle für Preußens Glanz, seine Könige und Soldaten. Aus den 1985 veröffentlichten Erinnerungen Christoph von L’Estocqs, einem langjährigen Regimentsangehörigen und Kameraden Tresckows, wird ebenso deutlich, wie sehr er und seine alten Kameraden sich dem preußischen Königshaus verbunden fühlten und welche Bedeutung die Garnisonkirche als Grablege der beiden großen preußischen Könige für sie hatte. Im Frühjahr 1943 sollten es schließlich Offiziere seines alten Regiments sein, welche die beiden Särge aus der Gruft holten, um sie vor drohenden Bombardierungen in Sicherheit zu bringen. Auch vermitteln L’Estocqs Erinnerungen den Eindruck, dass Kirche und Gottesdienst die Soldaten weniger durch bewegende Gedankenanstöße geprägt haben. Er beschrieb den Gottesdienst in der Garnisonkirche in den 1920er Jahren vielmehr als militärische Zeremonie, denn als Stunde der inneren Einkehr: »Und alle (…) saßen unter den vergilbten und zerschossenen Fahnen des Ersten Bataillons Garde, des Regiments von Bülow, unter den Standarten des Regiments Gendarmes, der Reiter-Regimeter von Seydlitz und Zieten. (…) Nach der Liturgie, bei der die Gemeinde stand, setzte sich alles mit Klirren, Klappern und Rauschen nieder. Der Garnisonpfarrer sprach dann etwas lang, die Augenlider wurden schwer, die Luft war so drückend, Kommißgeruch lag im Kirchenschiff. Doch endlich hieß es ›Amen‹ und die Posaunen dröhnten wieder. (…) die Fahnen schwangen mit den flutenden Klängen hin und her und es brauste gen Himmel der Choral, der stündlich vom hohen Glockenturm erklang (…)«.

 Auch Koblanck fühlte sich der alten Zeit unter dem deutschen Kaiser noch sehr verpflichtet. Was er als Pfarrer den Soldaten der Reichswehr mit auf den Weg geben wollte, lässt sich durch folgende Worte erahnen: »Die kleine deutsche Reichswehr, herausgeboren aus dem Schoße der alten kampferprobten Armee, lernte in der Zeit hier, überschattet von den ruhmreichen Fahnen ihrer Traditionstruppenteile, dass Gottes Forderungen an sie noch dieselben geblieben waren, wie einst: Sich-Selbst-Verzehren in dem Opfergedanken für das Ganze.« Bald darauf sollte es in der nationalsozialistischen Propaganda heißen: »Du bist nichts, Dein Volk ist alles.« Nicht ohne Stolz schrieb Koblanck über das Ereignis am 21. März 1933: »In diesem Gotteshause unter der Sonne, in dem zwei Jahrhunderte den großen Heldensang von deutscher Herrlichkeit singen, hier soll die Geburtsstunde des neuen Reiches gefeiert werden, ein heiliges Sinnbild für das Kommende.« Koblanck sah seine Aufgabe allem Anschein nach vor allem darin, die Soldaten auf einen Kampf für Deutschlands Größe vorzubereiten.

Doch war die Leitung der Garnisonkirche keineswegs nationalsozialistisch. Dass die Kirche ab 1933 für verschiedenste politische Veranstaltungen genutzt wurde, geschah obwohl sich der Gemeindekirchenrat, die Potsdamer Kommandantur und das Generalkommando des III. Armeekorps zum Teil entschieden dagegen verwehrten. Selbst Koblanck lehnte eine politische Instrumentalisierung der Garnisonkirche durch die Nationalsozialisten ab. Dennoch fand 1934 für alle deutschen Gaue der Hitler-Jugend in der Kirche eine Fahnenweihe statt. 1935 folgte die feierliche Berufung des neugeschaffenen »Kulturamtes der Reichsjugendführung«. 1939 veranstaltete die Reichsjugendführung eine Fahnenweihe der neuen Banner der Hitler-Jugend aus der »Ostmark« und dem »Sudetengau«. Der damalige Reichsjugendführer, Baldur von Schirach, erklärte, es gebe »in ganz Deutschland kaum einen Raum, in dem die Jugend sich mehr zu Hause fühlen könnte als in dieser Kirche«.

Neben den regelmäßigen Gottesdiensten fanden in der Garnisonkirche auch zahlreiche Soldatenvereidigungen und -verabschiedungen, Geburts- und Todestagsfeiern, Flaggenhissungen, politische und militärische Gedenkveranstaltungen sowie Zusammenkünfte verschiedenster Vereine statt.

Die Soldaten, der Widerstand und die Kirche

Wie dem Jubiläumsband der Garnisonkirche von 1932 zu ihrem 200jährigen Bestehen zu entnehmen ist, war der »Kirchgang, zu dem einst der Soldat in den Zeiten der allgemeinen Wehrpflicht kommandiert wurde, (…) heute frei; dafür empfindet der Soldat von heute seine Pflicht Gott und seiner Kirche gegenüber weit ernster als einst.« Im Mai 1935 wurde durch Befehl des Reichskriegsministers festgelegt, dass eine Kommandierung der Soldaten zu sonntäglichen Militärgottesdiensten nicht statthaft, die Teilnahme der Soldaten zwar erwünscht, jedoch freigestellt sei. Durch Zeitzeugenberichte wird deutlich, dass einige Soldaten nur gelegentlich, andere häufiger in die Gottesdienste der Garnisonkirche gingen. Brachten die einen die Kirche eher mit politisch-militärischen Zeremonien in Verbindung, suchten andere die Kirche auch als Gotteshaus auf. Richard von Weizsäcker schrieb: »Versuchte man auch, wenn möglich, am Wochenende Urlaub zu bekommen, um nach Hause zu fahren, so besuchte man doch gelegentlich die Garnisonkirche (…). Dort fand auch die Vereidigung statt.« Andere Soldaten scheinen regelmäßiger in der Garnisonkirche gewesen zu sein. Karl-Günther von Hase, ein Neffe des späteren Stadtkommandanten von Berlin, Paul von Hase, der nach dem 20. Juli 1944 hingerichtet wurde, nahm nach eigenen Angaben regelmäßig mit seinen protestantischen Kameraden am Sonntagsgottesdienst in der Garnisonkirche teil. Auch Henning von Tresckow besuchte den Gottesdienst häufiger. Als Oberleutnant und Adjutant des 1. Bataillons des IR 9, tat er Ende der 1920er Jahre Dienst in unmittelbarer Nähe der Kirche. Mit seiner Frau Erika (geb. v. Falkenhayn) wohnte er in der Breite Straße 8, direkt neben dem barocken Kirchenbau. In ihren Erinnerungen notierte Erika von Tresckow »Sonntäglicher Kirchgang: Auf hochragender Turmspitze das flimmernde Sonnenrad, verwehte Klänge des Glockenspiels«. Dass die Garnisonkirche für Henning von Tresckow von besonderer Bedeutung war, bezeugt eine bereits viel zitierte Rede, die er anlässlich der Konfirmation seiner beiden Söhne in der Garnisonkirche am 11. April 1943 hielt: »Vergeßt in diesem Zusammenhang niemals, daß Ihr auf preußischem Boden und in preußischdeutschen Gedanken aufgewachsen und heute an der heiligen Stätte des alten Preußentums, der Garnisonkirche, eingesegnet seid. Es birgt eine große Verpflichtung in sich, die Verpflichtung zur Wahrheit, zu innerlicher und äußerlicher Disziplin, zur Pflichterfüllung bis zum letzten. (…) Vom wahren Preußentum ist der Begriff der Freiheit niemals zu trennen. (…) Man kann das gerade jetzt nicht ernst genug betonen und ebenso, daß von solch preußisch-deutschem Denken das christliche Denken gar nicht zu trennen ist. Es ist sein Fundament, und hierfür ist unsere alte Garnisonkirche Symbol.« Dieses Zitat ist ein persönliches Zeugnis für die enge Bindung Tresckows an die Garnisonkirche und sein Verständnis von preußischer Tradition. Es ist ebenso ein Zeugnis von einem Mann, der sich als Erster Generalstabsoffizier der Heeresgruppe Mitte bereits an der Entwicklung von Staatsstreichplänen beteiligt und wenige Wochen zuvor mehrfach vergeblich versucht hatte, zusammen mit Gleichgesinnten ein Attentat auf Hitler auszuüben. Seine Frau Erika vervielfältigte Befehle für den Umsturz und übernahm Botengänge für den Widerstand.

Auch Fritz-Dietlof von der Schulenburg hatte in Potsdam gewirkt und sich für den Umsturzversuch eingesetzt. Er war zunächst in die NSDAP eingetreten und hatte sich nach 1933 als Verwaltungsfachmann an der »Gleichschaltungspolitik« beteiligt. Sukzessive distanzierte er sich jedoch vom NS-Regime und beteiligte sich schließlich als einer der aktivsten Kräfte an der Vorbereitung des Umsturzes. Im Sommer 1940 wechselte er zum Militär und bildete in Potsdam junge Soldaten aus, ab 1943 warb er unter ihnen um Mitverschwörer. Am 20. Juli 1944 war er schließlich mit vier weiteren Angehörigen der Reserveeinheiten des alten IR 9 in Berlin, um den Umsturz zu unterstützen. Durch die Kriegserfahrungen und den Verlust von mehreren Familienangehörigen näherte sich Schulenburg wieder dem christlichen Glauben. Die Garnisonkirche schien ihm für diesen Wandel ein Symbol zu sein. Kurz nach seiner Versetzung nach Potsdam schrieb er seiner Frau am 8. Juni 1940: »Gott hat, nachdem die Kinderfrömmigkeit von innen her verweht war, wie ein ferner Hall in mein Leben hineingeschwungen. Erst später trat er mehr in den Mittelpunkt meines Lebens, und erst in der letzten Zeit ist er mir oft gegenwärtig und klar wie der Glockenschlag der Garnisonkirche.« In den folgenden Jahren setzte sich Schulenburg in seinen Briefen immer wieder mit Fragen des Glaubens, der Schuld und des Gewissens auseinander. Nur selten scheinen ihn bei diesen Fragen jedoch Predigten und Pfarrer inspiriert zu haben. Den Einfluss der Pfarrer auf die Soldaten schätzte Schulenburg als gering ein, da die Pfarrer seiner Ansicht nach nicht die richtige Sprache für ihre Botschaft fänden. Am 19. Juni 1941 schrieb er: »Ich bin immer wieder erschüttert, wenn ich Pfarrer reden höre, auch Wehrpfarrer. Das Volk hat die guten Wertungen noch in den Knochen, und keiner dieser Männer kann sie ihm vom Christentum her klarmachen, weil sie die erstarrte Sprache der Theologie sprechen.« Eine Ausnahme war Rudolf Damrath, der von 1937 bis 1946 als Pfarrer der Garnisonkirche geführt wurde und den Schulenburg im Juli 1943 bei einem Aufenthalt in Paris traf. Kurz darauf schrieb er seiner Frau: »Nachmittags 3 Stunden bei Damrath, sehr klug, sehr ansprechend als Charakter. Er hat mir einige gute Dinge gesagt (…) Vielleicht bin ich doch auf dem Wege, Gott näher zu kommen als jemals bisher!« Damrath notierte nach dieser Begegnung in seinem Tagebuch über Schulenburg: »Er ist ein Mann mit einem sehr klaren Blick in die Zukunft und gewiss einer der entschlossenen Männer«. In persönlicher, innerer Auseinandersetzung ist Schulenburg zu dem Entschluss gekommen, Widerstand zu leisten. Der Glaube spielte in seinen letzten Lebensjahren eine immer wichtigere Rolle. Inwiefern jedoch die Garnisonkirche hierbei über ihren symbolischen Wert hinaus Einfluss auf ihn gehabt hat, ist fraglich. Der ihm nahestehende Pfarrer Damrath war in Paris, in seinen überlieferten Selbstzeugnissen findet die Garnisonkirche keine häufige Erwähnung.

Zwei zentrale Persönlichkeiten des Widerstandes – Tresckow und Schulenburg – hatten eine persönliche Beziehung zu Potsdam und zur Garnisonkirche. Doch sind sie hier nur beispielhaft herausgegriffen aus der großen Anzahl der Potsdamer Soldaten. Natürlich gab es auch Soldaten des IR 9, die ganz andere Wege eingeschlagen haben und ebenfalls sehr Persönliches mit dieser Kirche verbanden. Rudolf Schmundt wurde beispielsweise bereits 1921 in das IR 9 übernommen, 1927 wurde er Adjutant dieses Regiments, 1938 »Chefadjutant der Wehrmacht beim Führer und Reichskanzler«, ab 1942 war er zudem Chef des Heerespersonalamtes und stets darum bemüht, das Heer stärker an Hitler zu binden. Am 20. Juli 1944 wurde Schmundt bei dem Attentat auf Hitler tödlich verletzt. Als Angehöriger des IR 9 hatte er 1926 in der Garnisonkirche geheiratet.

Die Pfarrer der Garnisonkirche

In der Literatur über die Garnisonkirche ist vergleichsweise wenig über die dort nach 1918 wirkenden Pfarrer zu finden. Einige Zeugnisse sind von Curt Koblanck überliefert, 1947 erschien ein kleines Heft von Gerhard Schröder, in dem er zur Zeit des Nürnberger Prozesses über den Kirchenkampf berichtet. Seine Tätigkeit an der Garnisonkirche beschreibt er jedoch nur an wenigen Stellen. Zudem finden sich Erinnerungen von Johannes Doehring in der Regimentsgeschichte des IR 9 und verschiedene Berichte und Dokumente über das Wirken des Pfarrers Rudolf Damrath. Nur wenig ist zu erfahren über die Pfarrer Schütz, Ulrich, Ammer, Heiland, Wilde oder Brandmeyer, die bis 1945 ebenfalls an der Garnisonkirche tätig waren. Doehring berichtet von regelmäßigen Begegnungen und offenen Gesprächen mit den Offizieren des IR 9. Doch Damrath scheint der einzige gewesen zu sein, der mehrfache und intensive Beziehungen zum Widerstand hatte. Nicht nur Schulenburg, auch Carl-Heinrich von Stülpnagel schätzte ihn sehr. Er hatte ihn während seiner Potsdamer Zeit an der Garnisonkirche kennen gelernt und später als Militärbefehlshaber Frankreich dessen Versetzung in seinen Stab nach Paris erwirkt. Auch zu anderen Verschwörern wie Karl Ernst Rathgens, Cäsar von Hofacker oder Ulrich von Hassell hatte er zum Teil enge Verbindungen. Pfarrer Damrath war »berühmt und berüchtigt wegen seiner mutigen Predigten«, doch abgesehen von einigen Urlaubs- und Erholungsaufenthalten war er seit Kriegsbeginn kaum mehr in Potsdam an der Garnisonkirche tätig. Ein ehemaliger Konfirmand, Ernst-Ulrich von Kamenke, der auch als Musiker in der Garnisonkirche tätig war, beschrieb ihn als tief frommen Mann und begnadeten Prediger, der auch »durch sein Äußeres sehr imponierte, wenn er regelmäßig in den Konfirmandenunterricht in Offiziersuniform als Wehrmachtseelsorger der Garnisonkirche kam«.

Doch auch wenn einige Pfarrer wie Damrath oder Schröder Kontakte zur Bekennenden Kirche hatten, waren andere Gemeinden viel engagierter im Kirchenkampf. Die Erlöser-Friedensgemeinde unterstellte sich beispielsweise dem Bruderrat und brach damit die Beziehungen zur ›offiziellen‹ Kirche ab. Anni von Gottberg, eine der zentralen Persönlichkeiten der Bekennenden Kirche in Potsdam und Tante des später am Umsturz beteiligten Helmuth von Gottberg, äußert sich in einem Brief an den befreundeten Pfarrer Schönherr kritisch über die Garnisonkirche: »Frau von Kieckebusch schickte mir die roten Karten [Mitgliedskarten der Bekennenden Kirche] zurück, ›da sie mit Damrath befreundet ist und ihnen das praktische Christentum der Wehrmachtpfarrer mehr liegt‹!! ich schrieb ihr wieder, dass die Garnisonkirche nun mal die große Gefahr der Versuchung für ängstliche Gemüter wäre, dass aber alles, was überhaupt noch von evangelischer Kirche in unserm Vaterlande und besonders bei der Wehrmacht vorhanden ist, von der Existenz der B.K. [Bekennenden Kirche] lebt und zehrt.«

Auch wenn die Garnisonkirche kein Zentrum der Bekennenden Kirche war, blieb der Einfluss der regimetreuen Deutschen Christen dennoch eingeschränkt. Nachdem der angesehene Prediger und Superintendent Werner Görnandt von der St. Nikolai Kirche Anfang 1934 aufgrund kritischer Äußerungen und der jüdischen Herkunft seiner Frau sein Amt niederlegen und emigrieren musste und die Kirche fortan von den Deutschen Christen geprägt wurde, kamen viele Gemeindemitglieder in die Garnisonkirche, in der laut Kamenke »drei hervorragende, relativ junge Militärpfarrer, Damrath, Dr. Döring und Dr. Heidland, wunderbar trostreiche und glaubensstärkende Predigten hielten«. Zu diesen Potsdamern gehörten auch seine Eltern, die ab 1943 den konservativen Diplomaten Ulrich von Hassell, der bereits entlassen und zu einer zentralen Person im Widerstand geworden war, in ihrem Haus aufgenommen hatten.

Schluss

Die Garnisonkirche hat im Laufe ihrer Geschichte verschiedene Deutungen erfahren. Bevor sie als Ort der Friedensbildung und der Versöhnung bezeichnet wurde, galt sie den Standortpfarrern mitunter als symbolischer Wiederauferstehungsort für ein neues, starkes deutsches Reich, den Nationalsozialisten auch über den »Tag von Potsdam« hinaus als Ort für politische Inszenierungen. Die Garnisonkirche war weder eine Hochburg der Deutschen Christen, noch ein Zentrum der Bekennenden Kirche. Tresckow hatte eine besondere Bindung zu ihr, auch Äußerungen von Schulenburg lassen darauf schließen, dass die Garnisonkirche eine symbolhafte Rolle für ihn gespielt hat. Doch auch zahllose andere Soldaten, die sich nicht dem Widerstand anschlossen, gingen in diese Kirche. Für tausende Wehrpflichtige war es der Ort ihrer Vereidigung auf Hitler und zahlreicher feierlicher Zeremonien, für einige war es vor allem die ›heilige‹ Begräbnisstätte der großen Preußen-Könige, für andere wiederum ein Ort innerer Auseinandersetzungen. Der Ort Garnisonkirche wird mit verschiedenen Symbolen und politischen Deutungen belegt. Der Widerstand in Potsdam ist hier nur eines unter vielen.

Dr. Linda von Keyserlingk-Rehbein ist Kuratorin und Leiterin der Schriftgutsammlung im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden. Ihre Dissertation „Nur eine »ganz kleine Clique«?: Die NS-Ermittlungen über das Netzwerk vom 20. Juli 1944“ erschien 2018 in der Schriftenreihe der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. 

Zuerst erschienen in: Die Garnisonkirche Potsdam zwischen Mythos und Erinnerung / im Auftr. des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr hrsg. von Michael Epkenhans und Carmen Winkel. Verlag Rombach Freiburg 2013

Online seit: 29. Mai 2020

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