Der Ruf aus Potsdam von 2004 – ein geschichtsrevisonistisches Statement

Günter Morsch

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Der „Ruf aus Potsdam“ vom 15. Januar 2004 ist grundlegend für das heutige Wiederaufbauprojekt. Der mit Rücksichtsnahme auf die rechtsgerichtete Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel verfasste Texte bildet laut Satzung der Stiftung Garnisonkriche bis heute die programmatische Leitlinie für das Projekt. An seiner Formulierung war Alexander Gauland als damaliger Herausgeber der Märkischen Allgemeinen Zeitung beteiligt. Um Unterstützung angefragt, schreib Prof. Dr. Günter Morsch, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, am 8. März 2005 folgenden Brief an den Vorsitzenden der Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam e. V., Dr. Hans Peter Rheinheimer, in dem er in deutlichen Worten darlegt, warum er als Historiker diesen Aufruf ablehnt und sich von diesem distanziert:

Sehr geehrter Herr Dr. Rheinheimer,

haben Sie zunächst ganz herzlichen Dank für Übersendung Ihres Aufrufes zur Unterstützung des Wiederaufbaus der Garnisonkirche. Mit Interesse habe ich gelesen, dass die Grundsteinlegung bereits am 14. April 2005 erfolgt. Dieses ist sicher ein großer Erfolg Ihrer Fördergesellschaft.

Als Historiker ebenso wie als Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten bin ich allerdings irritiert über einige Passagen in Ihrem „Ruf aus Potsdam“. So wird bereits im ersten Satz der Eindruck erweckt, als sei der Luftangriff am 14. April 1945 völlig überflüssig gewesen, da der Zweite Weltkrieg bereits entschieden gewesen sein. Diese in den letzten Monaten häufiger zu hörenden Ansichten sind leider irrig. Bis zuletzt kämpften die deutsche Wehrmacht, die SS und weite Teile der deutschen Gesellschaft gegen die Alliierten. Im fanatischen Festhalten an dem Regime stemmten sie sich mit immer radikaleren Methoden gegen die bindungslose Kapitulation. In den Konzentrationslagern wurden zur gleichen Zeit noch Zehntausende ermordet. Das NS-Regime ging nicht einfach unter, sondern steigerte seine Mordorgien gerade in den letzten Wochen noch einmal in unglaubliche Dimensionen.

Insoweit halte ich es auch für völlig verfehlt, wenn der „Ruf“ im 3. Absatz gegen die „ideologisch motivierte Zerstörung Potsdams in der Vergangenheit“ protestiert und damit gedanklich – möglicherweise missverständlich – auf die Kriegshandlungen der Alliierten Bezug nimmt. Dass die Reste der Garnisonkirche von den Verantwortlichen der kommunistischen Diktatur aus ideologischen Gründen gesprengt wurden, diese These erscheint mir nach dem bisherigen wissenschaftlichen Kenntnisstand einsichtig zu sein. Sollten Sie dies meinen, so halte ich es für dringend erforderlich, dass Sie Ihre Aussage präzisieren.

Mindestens im gleichen Maße historisch bedenklich ist die Passage, in der der „Ruf“ von einem Missbrauch der Garnisonkirche durch die Nationalsozialisten spricht und behauptet, diese sei für eine Inszenierung genutzt worden, um die Gegner der Nationalsozialisten zu Befürwortern zu machen. Dies ist völlig falsch und fällt erheblich hinter den bisherigen wissenschaftlichen Stand der Erforschung der Machtergreifung der Nationalsozialisten zurück. Der „Tag von Potsdam“ war vielmehr der Höhepunkt einer freiwilligen Selbstgleichschaltung wichtiger alter Eliten des Deutschen Reiches. Hier wurden weiniger Gegnern Befürworter gemacht, sondern hier wurde die Machtergreifung der Nationalsozialisten als Wiederbelebung des Augusterlebnisses von 1914 gefeiert. Die „Regierung der nationalen Einheit“ wurde proklamiert. Nicht zuletzt befanden sich gerade auf der Seite der Deutschnationalen viele Verantwortliche, die den Nationalsozialisten in den letzten Jahren der Weimarer Republik die Steigbügel gehalten haben, um ihnen zur Macht zu verhelfen. Dabei wussten die „Jubel-Potsdamer“, dass zur gleichen Zeit tausende in SA-Kellern gefoltert und erschlagen wurden und die Hilfspolizei, die von Göring aufgestellt worden war, umfasste nicht nur die paramilitärischen Formationen der Nationalsozialisten, sondern ebenso der deutschnationalen Verbände, wie des „Stahlhelm“, dessen Repräsentanten in der Garnisonkirche Hitler die Macht zu Füssen legten. Am gleichen Tag, am 21. März, wurde das erste preußische Konzentrationslager gegründet, in Oranienburg. Viele der „Jubel-Potsdamer“, unter ihnen nicht wenige, die später den Staatsstreich gegen Hitler versuchten, haben in ihren Briefen und Tagebüchern davon berichtet, wie begeistert sie von der Inszenierung der Machtergreifung an diesem Tag waren. Dabei rechtfertigten viele von ihnen die in dieser Zeit gegründeten Konzentrationslager und befürworteten die Aufhebung der Menschen- und Bürgerrechte. Dass einige von ihnen später und im Laufe der NS-Diktatur ihre Einstellung zum Regime änderten, gereicht ihnen noch nachträglich zur Ehre, vermag aber an den Fakten nichts zu ändern.
Die Potsdamer Garnisonkirche ist daher in erster Linie ein Symbol der freiwilligen Selbstpreisgabe eines großen Teils der Eliten des Deutschen Reiches an die „braune“ Diktatur. Ich kann daher zu meinem Bedauern ihren Aufruf nicht nur nicht unterstützen, sondern distanziere mich ausdrücklich davon.

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. Günter Morsch
Direktor

Quelle: Nachlass Jörg Schönbohm, Archiv der Konrad-Adenauer-Stiftung, 01-893/ 079

Online seit: 4. März 2022

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