Wie lange noch? Was die Garnisonkirche Potsdam mit Rechtsradikalismus zu tun hat/ Worüber zu streiten lohnt. Was die Garnisonkriche Potsdam mit der deutschen Geschichte zu tun hat

Philipp Oswalt versus Paul Nolte

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Als neulich der AFD Politiker Björn Höcke dem unglücklich agierenden Thomas Kemmerich zur Wahl zum Ministerpräsidenten gratulierte, erinnerte die Geste des Handschlags viele an den Tag von Potsdam. Möglich war dieser nur, weil FDP und CDU eine klaren Abgrenzung nach Rechts vermissen ließen.

250 km nordöstlich von Erfurt wird in Potsdam seit 2017 der Kirchturm der Garnisonkirche wieder aufgebaut, also genau jener Ort, wo im März 1933 der Tag von Potsdam gefeiert wurde. Hier muss sich die evangelische Kirche fragen lassen, ob sie es nicht auch an einer klaren Abgrenzung nach Rechts vermissen lässt. Inzwischen ist zwar ab und zu mal an der Baustelle ein Banner „gegen alte und neue Nazis“ zu sehen und wird in der Nagelkreuzkapelle Frieden und Versöhnung beschworen. Aber warum hält dies weder AFD noch rechtsgerichtete Kreise in den Social Media davon ab, das Projekt zu unterstützen?

Anders, als es die Stiftung Garnisonkirche gerne darstellt, wurde die Kirche am Tag von Potsdam nicht missbraucht, im Gegenteil. Generalsuperintendent Otto Dibelius selbst befürwortete die symbolische Inthronisierung von Hitler. Die Wahl des Ortes war kein Zufall, den die Kirche diente schon Jahrzehntelang den militaristischen, antidemokratischen und rassistischen Kreisen als wichtiger nationaler Symbolort. In der Kaiserzeit wurden hier die Kolonialkriege einschließlich des Völkermordes an den Hereros und Nama gefeiert, in der Weimarer Zeit versammelten sich hier die rechtsradikalen Gruppen vom Stahlhelm über den Kyffhäuserbund bis zu NSDAP. In einem Flyer der heutigen Stiftung Garnisonkirche aber heißt es, diese Kirche stände „für christliches verantwortetes Handeln für die Gemeinschaft, für die Verbindung von christlichem Glauben und ‚preußischen Tugenden‘“.

Auch solche gelegentlichen Bilder schrecken rechtsradikale Befürworter des Bauvorhabens nicht ab (Foto aus dem Webauftritt der Stiftung Garnisonkirche Potsdam)

Die Idee für den Wiederaufbau dieser Kirche, deren Silhouette in der Nazi-Zeit 75 Millionen mal gemeinsam mit Harkenkreuzen in Münzgeld eingeprägt wurde und dessen Glockenspiel als Pausenzeichen in Goebbels Reichsrundfunk diente, brachte der westdeutsche Bundeswehroffizier Max Klaar 1984 auf. In kurzer Zeit gelang es ihm, Spenden für den Nachbau des Glockenspiels zu sammeln, das er nach dem Mauerfall der Stadt Potsdam schenkte.

Der Potsdamer Pfarrer Dittmer warnte vergeblich vor dem rechtsradikalen Hintergrund des Spenders. Als die in den Glocken eingegossenen Widmungen für ein Deutschland in den Grenzen von 1937 auffielen, ließ die Stadt diese stillschweigend entfernen. 28 Jahre war das Glockenspiel in Betrieb. Erst im Spätsommer 2019 verfügte der Potsdamer Oberbürgermeister Mike Schubert dessen Stilllegung. Eine Reihe prominenter Wissenschaftler und Künstler hatten angesichts der verbliebenen rechtsradikalen Inschriften denn Abriss des Glockenspiels gefordert. Dieses huldigt nach wie vor dem Verband deutscher Soldaten, den Kyffhäuserbund und sechs Wehrmachtsverbände, die nicht zuletzt für die Belagerung von Leningrad und einen Massenmord an Zivilisten in Italien verantwortlich waren.

Doch die Probleme begrenzen sich nicht auf das Glockenspiel. Das von der Stiftung Garnisonkirche bis heute vermittelte Geschichtsbild, die Kirche sei Opfer von NS-Regime, Bombenkrieg und DDR-Diktatur gewesen, baut genau auf dem geschichtsverfälschenden Narrativ auf, welches Max Klaar seit den 1990er Jahren verbreitet hatte. Ein einstiger Mitstreiter Max Klaars war langjähriger Vorsitzender des Fördervereins zum Wiederaufbau der Garnisonkirche. Auch als in der breiten Öffentlichkeit das rechtsradikale Gedankengut von Max Klaar längst bekannt war, gab es für ihn und seine Unterstützer Gottesdienste wie etwa in der Potsdamer St. Nikolai-Kirche etwa am 4.9.2010.

Es hat in der Kirche nicht an Stimmen gefehlt, die einen klaren Bruch mit Traditionen der Potsdamer Garnisonkirche gefordert haben, der auch von Außen sichtbar ist. Einiges hierzu wurde auch in kirchlichen Beschlüssen festgehalten. Umgesetzt wurde davon aber so gut wie nichts. Nicht zuletzt wollte man rechte Spender nicht vergraulen. Selbst einen originalgetreuen Wiederaufbau des Kirchenschiffs schließt die Stiftung in der aktuellen Debatte nicht aus, obwohl sie sich 2016 noch vor der Landessynode verpflichtet hatte, auf einen solchen zu verzichten. Wie lange noch will die Landeskirche dies stillschweigend hinnehmen?

Philipp Oswalt, geboren 1964 in Frankfurt Main, Architekt und Publizist, ist seit 2006 Professor für Architketurtheorie und Entwerfen an der Universität Kassel. Er trat nach der Teilnahme am ZDF-Fernsehgottesdienst im Herbst 2017 wegen des Wiederaufbau der Garnisonkirche aus der evangelischen Kirche aus.

Erschienen in Zeitzeichen. Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft April 2020

Im Folgeheft von Zeitzeichen im Mai 2020 erschien eine Erwiderung von Paul Nolte unter dem Titel: „Worüber zu streiten lohnt. Was die Garnisonkriche Potsdam mit der deutschen Geschichte zu tun hat.“ Der Anfrage zur Veröffentlichung seines Textes auf dieser Seite hat der Autor bislang nicht zugestimmt.

Paul Nolte, geboren 1963 in Geldern, promovierter Historiker, ist seit 2005 Professor für Neuere Geschichte mit Schwerpunkt Zeitgeschichte am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin, seit 2009 Präsident der Evangelischen Akademie zu Berlin und seit 2018 Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der Stiftung Garnisonkirche.

Online seit: 23. Mai 2020

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