Volk, Gott und Judenhass – Evangelische Theologen und der NS

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Micha Brumlik

Am 1. Oktober 2021 hielt Micha Brumlik folgenden Vortrag bei der Tagung des Lernorts Garnisonkirche Potsdam „Gott mit uns. Das schwierige Erbe des Nationalsozialismus“, den wir dann auch in der zwei Jahre später veröffentlichten Tagungsdokumentation in der Schriftenreihe der epd-Dokumentation veröffentlichten. Anlässlich von Micha Brumliks Tod veröffentlichen wir diesen Tag in Erinnerung an ihn erstmals online:

Vorbemerkung

Im Folgenden geht es um die Frage, in welcher Weise sich drei der bedeutendsten deutschen evangelischen Theologen des 20. Jahrhunderts, nämlich Emanuel Hirsch (*1888), Rudolf Bultmann (*1884) sowie Paul Althaus (*1888) zum Nationalsozialismus und speziell zu dessen antisemitischen Maßnahmen bis hin zum Genozid verhalten haben.

Emanuel Hirsch

In Emanuel Hirsch[1] begegnen wir einem hochgebildeten Theologen,[2] einem exquisiten Kenner der idealistischen und existenziellen Philosophie sowie einem brillanten, wortgewaltigen Intellektuellen, der gleichwohl ein überzeugter völkischer Denker war und sogar Adolf Hitler begrüsste.[3]

Emanuel Hirsch wurde 1888 in Bentwisch (Wittenberge) als Sohn eines Pastors geboren und studierte von 1906 bis 1911 in Berlin bei Adolf von Harnack, Hermann Gunkel und dem Lutherforscher Karl Holl[4] Theologie. 1914 in Göttingen promoviert, habilitierte sich der wegen extremer Kurzsichtigkeit vom Militärdienst freigestellte Hirsch 1915 und wurde im selben Jahr Privatdozent für Kirchengeschichte in Bonn, mit dem Schwerpunkt Geschichte der neueren evangelischen Theologie. Eng mit Paul Tillich befreundet, erhielt Hirsch, der seit 1920 dem Werk Kierkegaards entscheidende Impulse entnahm, 1921 einen Ruf nach Göttingen, wo er mit dem gleichzeitig berufenen Karl Barth in einen spannungsreichen, kontroversen und zunehmend feindseligen Dialog trat.[5] Als einflussreicher Herausgeber theologischer Zeitschriften wurde Hirsch bald ein bedeutender Kirchenpolitiker, der nach 1933 als ständiger Berater der nationalsozialistischen Reichsregierung über Lehrstuhlbesetzungen im protestantischen Bereich mitentschied. Hirsch, vor 1933 lange Jahre aktiver Parteigänger der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) gewesen, kam es in jenen Jahren darauf an,

„der ganzen volkhaften und menschlichen Sphäre unseres natürlich-geschichtlichen Daseins ethisch-religiös so die Ehre zu geben, daß wir sie als die Stätte, an der Gott Menschen ruft und findet und an der auch das Christentum lebendig empfangen werden will, kennen und daraus die Folgerungen ziehen für unser theologisches Denken und unsere kirchliche Arbeit.“[6]

1933 trat Hirsch als einer der ersten renommierten Universitätstheologen der den Nationalsozialisten verbundenen Glaubensbewegung „Deutsche Christen“[7] bei und blieb der Bewegung trotz ihres im November 1933 beginnenden Zerfalls treu. Hirsch wurde 1937 Mitglied der NSDAP, 1945 vorzeitig pensioniert, und starb, ohne jemals etwas von seinen bestreitbaren Äußerungen zurückgenommen zu haben, von treuen Schülern begleitet 1972 in Göttingen.

Systematische Motive

Fragt man nach den systematischen Motiven, die Hirsch zu seinem Bekenntnis zu Adolf Hitler geführt haben, so stößt man auf eine politische Souveränitätslehre, eine spekulative Geschichtsphilosophie, eine entfaltete Theorie des Volkes sowie auf eine an Luther orientierte Rechtfertigungslehre.

In seiner Schrift „Glaube und Volk“ aus dem Jahr 1932 unterscheidet Hirsch zwischen je zufällig vorhandenen Obrigkeiten hier und einem „verborgenen Souverän“, dem Volk dort, an dessen Willen jede staatliche Gewalt zu prüfen sei; damit ist das „Volk“ eine Instanz, die letztlich dazu legitimiert ist, gegebene Staatsformen zu zerbrechen, „wenn es einen anderen Weg, dem Volke zur Erfüllung seines Lebens und seiner Sendung zu helfen, nicht gibt.“[8]

Diese Intuition hat Hirsch 1934 in seinem Buch Die gegenwärtige geistige Lage im Spiegel philosophischer und theologischer Besinnung systematisch entfaltet, indem er drei griechische Begriffe einführt: „Horos“, „Nomos“ und „Logos“. „Horos“, zu deutsch „Grenze“, bezeichnet die jedem Volk von Gott mitgegebenen Grenzen, die sich in seinen je eigentümlichen Sitten, Gesetzen und Bräuchen äußern. Gestützt werden diese Grenzen vom von Gott gegebenen „Blutbund“: „Die Erinnerung an Blut und Rasse ist die Weise, in der uns das ganze, große Geheimnis der Grenze am mächtigsten ergriffen hat.“[9] Dem entspricht schließlich eine über ihre eigenen Grenzen belehrte Vernunft, die sich auf die Gestaltung konkreter Lebensumstände konzentriert: „Vernunft ist der sich als Logos geistig verstehende und entfaltende Nomos bestimmten menschlich-geschichtlichen Lebens selbst, und Wissenschaft ist nichts als Zucht und Rechenschaft dieses wirklichkeitsbestimmten Logos vor sich selbst über die ihn bestimmende Wirklichkeit.“[10]

Damit besteht „Vernunft“  in der historischen und politischen Selbstbesinnung eines Volkes als einer wesentlich rassischen Einheit. Aus diesem Motiv heraus wird Hirsch dann zum weltanschaulichen Antisemiten; einem Antisemiten, der nicht nur der Überzeugung war, dass Jesus wahrscheinlich nichtjüdischen Blutes war,[11] sondern dass die Juden danach strebten, jeden ihnen fremden Nomos aufzulösen und „allein eine neutrale Humanität, die mit technisch-objektiver oder formal bestimmter Wissenschaftlichkeit hochgefüttert war“,  zu befürworten. Vor allem aber sah Hirsch in den Juden die „Träger und Förderer und Steigerer aller zersetzenden Möglichkeiten, die in der geistigen Lage und den wirklichen Verhältnissen des Geschichtsalters vorhanden waren.“[12]  Daraus folgt schlüssig, dass Hirsch die Einführung des Arierparagraphen in der Kirche ebenso befürwortete wie die Bildung besonderer judenchristlicher Gemeinden.

Dieser politische Antisemitismus ist jedoch nicht identisch mit dem Kern von Hirschs Theologie, einem systematischen Antijudaismus in der kontroversen Dialektik von „Gesetz und Evangelium“ in der Spur Martin Luthers, in der dann auch die zentrale Rolle des Gewissens für eine Ethik im Allgemeinen und – daraus folgend – für ein letztlich reueloses nationalsozialistisches Engagement deutlich wird. Hirsch ist durchaus bewusst, dass das, was er als „Volksnomos“ bezeichnet, in der Tora, in der geschichtlichen Einheit des jüdischen Volkes sein Vorbild haben könnte, weshalb er alles daran setzt zu zeigen, dass seine völkischen Optionen, die einer christlichen Besinnung entspringen, grundsätzlich andere sind. Dabei gerät die Auseinandersetzung mit dem Alten Testament und seiner Bedeutung für den christlichen Glauben, der ja das Alte Testament als Teil seiner Bibel hat, zur zentralen Herausforderung – eine Herausforderung, die Hirsch in seiner 1936 publizierten Schrift Das Alte Testament und die Predigt des Evangeliums[13] annimmt.

Anders als es seine sonstigen nationalsozialistischen Optionen nahe legen, geht es Hirsch hier auf den ersten Blick gerade nicht darum, den alttestamentlich-jüdischen Glauben verächtlich zu machen, sondern – im Gegenteil – gerade darum, ihn als so stark und bedeutend wie überhaupt nur möglich darzustellen. Das geschieht sowohl aus sachlicher Überzeugung als auch aus strategischem Kalkül: Erst wenn es gelingt, den jüdisch-alttestamentlichen Glauben als die historisch bis dahin höchste Form von Religion zu erweisen, lässt sich der revolutionäre Bruch, der mit dem Christentum in die Welt kam, in seiner vollen Bedeutung ermessen.

Und genau aus einem so verstandenen Christusereignis folgt schließlich die Emanzipation der Menschen von einer metaphysisch verstandenen Geschichte: Dieser geheiligte Lebenssinn, dieser Ruf Gottes traf Emanuel Hirsch im Auftreten und in der Erscheinung Adolf Hitlers als des Führers und Erlösers jener konkreten, historisch-gesellschaftlichen Gemeinschaft, die Hirsch in seiner Existenz teuer war, des rassisch verstandenen deutschen Volkes.

Paul Althaus

Paul Althaus (1888-1966) entstammte der Familie eines evangelischen Theologen und studierte in Tübingen und Göttingen evangelische Theologie. Nach einem Dienst als Militärpfarrer im Ersten Weltkrieg bekleidete Althaus seit 1919 in Rostock eine Professur für systematische Theologie. 1925 auf einen Lehrstuhl für Dogmatik, Apologetik und Dogmengeschichte in Erlangen berufen, wurde er dort 1932 auf den Lehrstuhl für systematische Theologie und neutestamentliche Exegese berufen und war seit 1931 daselbst Universitätsprediger. Er übte diese Funktion – mit einer vom NS-Staat verfügten Unterbrechung des Amtes in den Jahren 1940 bis 1946 – über seine Emeritierung hinaus bis 1964 aus. Von 1926 und bis? 1964 war der überzeugte Lutheraner Präsident der Luther-Gesellschaft. 1945 zunächst als Leiter der universitätsinternen Entnazifizierungskommission eingesetzt, wurde er im Januar 1947 von den Besatzungsbehörden seiner Nähe zum NS-Regime wegen des Dienstes enthoben, um 1948 wieder eine Lehrerlaubnis in Erlangen zu erhalten, die er bis zu seiner Emeritierung 1957 ausübte. 1953 zum Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gewählt, starb Althaus 1966 hochgeehrt in Erlangen.

In seiner völkisch-nationalistischen Grundhaltung minder radikal als Emanuel Hirsch, seinem lutherischem Bekenntnis entsprechend jedoch minder antinationalsozialistisch eingestellt als Rudolf Bultmann, tritt uns in Paul Althaus, dessen Grundthemen eine Theologie der Schöpfungsordnungen sowie das Verhältnis von „Gesetz und Evangelium“ waren, ein Vertreter jenes national getönten Luthertums entgegen, das sich maßvoll dem Nationalsozialismus unterordnete und – entgegen den Überzeugungen der Bekennenden Kirche – stets bereit war, den kirchlichen Rassenantisemitismus mit seinem Programm, „nichtarische“ Christen von kirchlichen Funktionen und Gottesdiensten fernzuhalten, zu vertreten.

So äußerten sich am 25. September des Jahres 1933 die Erlanger Theologen Werner Elert und Paul Althaus gegen ein Gutachten der Marburger Theologen – unter ihnen Rudolf Bultmann – zum sogenannten „Arierparagraphen“ in der Kirche, den die preußischen Synodalen am 5. und 6. September des Jahres in Berlin beschlossen hatten. Sie beschlossen im Anschluss an das nationalsozialistische Gesetz zur „Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ ein „Gesetz über die Rechtsverhältnisse der Geistlichen und Kirchenbeamten“, dessen §1 (2) so lautete:

„Wer nicht arischer Abstammung oder mit einer Person nicht arischer Abstammung verheiratet ist, darf nicht als Geistlicher oder Beamter der allgemeinen kirchlichen Verwaltung berufen werden. Geistliche oder Beamte arischer Abstammung, die mit einer Person nichtarischer Abstammung die Ehe eingehen, sind zu entlassen. Wer als Person nichtarischer Abstammung zu gelten hat, bestimmt sich nach den Vorschriften der Reichsgesetze.“[14]

Als Reaktion darauf verfassten Rudolf Bultmann und andere Marburger Theologen  am 19. September ein Gutachten, das betonte, dass die bisherige Staats- und Kirchengeschichte  Juden immer nur als Konfession gekannt hätte, weshalb derartige staatliche Maßnahmen im Raum der Kirche keine Geltung hätten. Darauf legten wiederum einige Tage später die Erlanger Theologen Elert und Althaus ein „Theologisches Gutachten über die Christen jüdischer Herkunft zu den Ämtern der deutschen evangelischen Kirche“ vor, das hervorhob, dass eine allen Christen gemeinsame Gotteskindschaft biologische und gesellschaftliche Unterschiede nicht aufhebe. Werner Elert (1885-1954) vertrat seit 1932 in Erlangen das Fach Systematische Theologie, das er nach Maßgabe des „Luthertums“ deutete.[15] In dem gemeinsam mit Paul Althaus verfassten und publizierten Text hieß es:

„Das deutsche Volk empfindet heute die Juden in seiner Mitte mehr denn je als fremdes Volkstum. Es hat die Bedrohung seines Eigenlebens durch das emanzipierte Judentum erkannt und wehrt sich gegen diese Gefahr mit rechtlichen Ausnahmebestimmungen. Im Ringen um die Erneuerung unseres Volkes schließt der neue Staat Männer jüdischer oder halbjüdischer Abstammung von führenden Ämtern aus. Die Kirche muss das grundsätzliche Recht des Staates zu solchen gesetzgeberischen Maßnahmen anerkennen. Sie weiß sich selber in der gegenwärtigen Lage zu neuer Besinnung auf ihre Aufgabe, Volkskirche der Deutschen zu sein, gerufen. Dazu gehört, dass sie heute ihren Grundsatz von der völkischen Verbundenheit der Amtsträger mit ihrer Gemeinde bewusst neu geltend macht und ihn auch auf die Christen jüdischer Abstammung anwendet.“[16]

Bei alledem ist zu beachten, dass jedenfalls Paul Althaus bereits 1927 auf dem 2. Deutschen Evangelischen Kirchentag entsprechende antisemitische Überzeugungen geäußert hatte. Dort führte er u. a. aus:

„Die Kirchen müssen – unbeschadet dessen, was vorhin über antisemitischen Pharisäismus und über die von Deutschen selber ausgehende Entartung und Überfremdung unseres Volkstums gesagt ist – ein Auge und ein Wort haben für die jüdische Bedrohung unseres Volkstums. Man überwindet den wilden Antisemitismus, der so viele in unserem Volk blind hinreißt, nicht dadurch, daß man das Problem, die hier wirklich vorhandene Volksnot überhaupt nicht sehen will oder verschweigt. […] Es geht dabei nicht um Judenhaß – man kann an diesem Punkte gerade mit ernsten Juden übereinkommen – es geht nicht um das Blut, auch nicht um den religiösen Glauben des Judentums, sondern um die Bedrohung durch eine ganz bestimmte zersetzte und zersetzende großstädtische Geistigkeit, deren Träger nun einmal in erster Linie jüdisches Volkstum ist. Die Kirchen müssen wissen und zeigen, wo die Mächte stehen, die immer wieder unser Volk aufhalten in seiner Selbstbesinnung und Reinigung. Erst wenn die Kirche hier die Dinge beim rechten Namen nennt, hat sie die innere Vollmacht zur wirksamen Seelsorge am Antisemitismus.“[17]

Diese Einlassungen könnten den Anschein erwecken, als sei Paul Althaus zwar Antisemit, aber kein Vertreter eines massiven theologischen Antijudaismus gewesen. Ein genauerer Blick auf sein Gesamtwerk offenbart freilich, dass sein spätestens 1933 offener – auch Rassismus akzeptierender – Antisemitismus systematische Wurzeln hat. Es sind diese Grundsatzüberzeugungen, die Althaus motivieren:

1. Eine stark von Luther geprägte Unterscheidung von „Gesetz“ und „Evangelium“ sowie

2. eine ebenfalls in der Nachfolge Luthers stehende „Zwei–Reiche–Lehre“, die sich wiederum auf die Aussage des Apostels Paulus „Jedermann sei untertan der Obrigkeit“ (Röm 13,1) beruft.

Tatsächlich vertrat Althaus eine gegen Karl Barth und dessen Deutung des Römerbriefs gerichtete Theorie und Theologie der „Ur-Offenbarung“, gemäß derer sich Gott bereits in der Wirklichkeit der Welt, zu der eben auch unterschiedliche Völker gehören, offenbart habe. „Volk“ galt Althaus demnach als „eine Lebenseinheit von Menschen gemeinsamer seelischer Art“, aus der die ur-menschliche Gabe des „menschlichen Beschenkt- und Gefordertseins“ resultiere – so, dass die Ur-Offenbarung der Schöpfung, der „uns tragenden und bindenden Wirklichkeit“ und die Offenbarung in Christus sich wechselseitig bezeugen.[18]

Dieser schöpfungstheologisch begründete Antijudaismus konnte über die Rezeption von Luthers Lehre von den Zwei Reichen zu einer theologisch begründeten Anerkennung jeglicher staatlicher Herrschaft – in diesem Fall des nationalsozialistischen Rassenantisemitismus – führen. Eben dies beglaubigte der sog. „Ansbacher Ratschlag“ vom Juni 1934:

„Als Christen ehren wir mit Dank gegen Gott jede Ordnung, also auch jede Obrigkeit, selbst in der Entstellung, als Werkzeug göttlicher Erhaltung, aber wir unterscheiden auch als Christen gütige und wunderliche Herren, gesunde und entstellte Ordnungen.“[19] War also Althaus wirklich nur – wie Ericksen behauptet – ein „Vermittler“[20]?

Rudolf Bultmann 

Mit Rudolf Bultmann (1884-1976) und seinem Werk begegnen wir einem hochbegabten Theologen, der als Linksliberaler und als Mitglied der Bekennenden Kirche einen hoch sublimierten Antijudaismus vertrat. Zudem stand Bultmann in den Jahren der Judenverfolgung zu seinen jüdischen Freunden – wie Hans Jonas, Paul Friedländer oder Erich Auerbach[21] –, bevor diese Deutschland verließen.

In seinem Buch Jesus aus dem Jahre 1926 räumt er zwar ein, dass Jesus von Nazareth ein jüdischer Rabbi gewesen sei, behauptet jedoch zugleich, dass Jesu Unterschied zum Judentum darin bestehe, „daß er den Gedanken des Gehorsams radikal zu Ende denkt.“[22] Im gleichen Buch geht es ihm darum, Jesus in den Zusammenhang der jüdischen Gottesvorstellung zu stellen, um ihn zugleich davon abzuheben.[23] In diesem Sinne argumentiert Bultmann bereits 1931 quasi markionitisch, indem er den Offenbarungscharakter der hebräischen Bibel für den christlichen Glauben verwirft: „Für den christlichen Glauben ist das Alte Testament“, so Bultmann, „nicht mehr Offenbarung, wie es das für die Juden war und ist. Wer in der Kirche steht, für den ist die Geschichte Israels vergangen und abgetan.“[24]

Bultmann, Sohn eines Pfarrers, studierte ab 1903 in Tübingen evangelische Theologie und Philosophie, um ab 1904 in Berlin u. a.bei Adolf von Harnack zu studieren. Seit 1933 Mitglied der Bekennenden Kirche und des Pfarrernotbundes übte er seine Professur ohne offenen Widerstand aus, um 1941 mit seinem Vortrag „Neues Testament und Mythologie“ die sog. „Entmythologisierungsdebatte“ anzustoßen.[25] Unter Entmythologisierung wurde eine Betrachtungsweise biblischer Texte verstanden, die diese u. a. nicht mehr als wörtlich zu verstehende Berichte über übernatürliche Wunder ansahen, sondern als Texte, die Offenbarung und Wunder, im Falle des Christentums vor allem die Auferstehung Jesu als sprachlich-existenzielles Geschehen in menschlicher Rede und Gemeinschaft zu deuten. Biblische Offenbarungstexte entmythologisiert zu lesen, bedeutet dann, ihr Geschehen als innerweltlich zu verstehen, ihren Sinn aber als Einbruch der Tranzendenz in die menschliche Existenz wahrzunehmen. Diese Gedankenfigur entwickelte Bultmann unter dem Einfluss der Philosophie Martin Heideggers, mit dem er während seiner Lehrtätigkeit in Marburg in engen Kontakt kam.[26]

Der von ihm systematisch und auch unter Heideggers Einfluss vertretene – allerdings subtile – Antijudaismus kam besonders in dem von Bultmann 1941 veröffentlichten Kommentar Das Evangelium des Johannes[27] zum Ausdruck – vor allem im Kommentar zu Joh 8, 41-47. Dort heißt es:

„Können die ‚Juden‘ nicht verstehen, so liegt das daran, daß sie das echte Hören nicht aufbringen können, ein Hören, das nicht schon immer wieder das schon Gewußte vernehmem […] will, sondern das bereit ist, das Neue zu vernehmen und deshalb alles schon Gewußte und damit dessen Voraussetzung, das eigene Selbstverständnis preiszugeben. Solches Hören können sie nicht aufbringen!“[28]

Zwar setzt Bultmann den Begriff „Juden“ auch im Text immer wieder in Anführungszeichen, so dass die im neutestamentlichen Text genannten Juden hier nicht als die wirklichen Juden seiner Zeit gedeutet werden können. Welcher Herkunft Menschen sind, bemisst sich demnach nicht ihrer Abstammung nach, sondern erst im Augenblick der Glaubenentscheidung – was für die Zeit des NS nichts anderes heißen konnte, als dass Christen jüdischer Herkunft eben Christen und nur Christen waren und der „Arierparagraph“ daher zutiefst gegen den christlichen Glauben verstieß.[29] Aber auch Joh 4, 22, wo die Rede davon ist, dass das Heil von den Juden kommt, wollte Bultmann lediglich als spätere Glosse der Redaktion, die nicht wirklich in den johannäischen Sachzusammenhang gehört, bestimmen[30] – womit doch ein subtiler Antijudaismus zum Ausdruck kommt.

Schließlich: so sehr Bultmann der nationalsozialistischen Politik mutig widersprach und zu seinen jüdischen Freunden stand,[31] so konzedierte er bei den entsprechenden Beratungen im Pfarrernotbund dem nationalsozialistischen Staat dennoch das Recht, das zu tun „was er für recht hält um des Volkes willen.“[32]

Daher stellt sich dann die Frage nach dem Verhältnis Bultmanns zu seinen ungetauften jüdischen Freunden, vor allem zu Hans Jonas. Nach Jonas’ eigenen Worten war sein Verhältnis zu Bultmann das „eines Schülers zu seinem verehrten Lehrer und das eines Lehrers zu seinem von ihm hoch geschätzten Schüler“,[33] – erschien doch die erste Auflage von Jonas’ Buch Gnosis und spätantiker Geist mit einer Einleitung von Rudolf Bultmann. Tatsächlich hatte Bultmann noch im Dezember 1933 ein lobendes Gutachten für Jonas verfasst, das diesem die Türen für ein akademisches Wirken in der Emigration ermöglichen sollte. Wünsche er doch, so schloss das Gutachten, „daß es Herrn Dr. Jonas ermöglicht wird, seine wissenschaftliche Arbeit fortzusetzen; ich wünsche das umso mehr, als ich Herrn J. auch als Menschen achten und schätzen gelernt habe.“[34]


[1] Robert P. Ericksen/Susannah Heschel (Eds.), Betrayal. German Churches and the Holocaust, Minneapolis 1999, p. 26-33; Ericksen, Theologen unter Hitler, München/Wien 1986, S. 167-269; Heschel, The Aryan Jesus. Christian Theologians and the Bible in Nazi Germany, Oxford 2008, p. 114-115; Wolfgang Fenske, Wie Jesus zum Arier wurde. Auswirkungen der Entjudaisierung Christi im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Darmstadt 2005, S. 226.

[2] Ulrich Barth, Die Christologie Emanuel Hirschs. Eine systematische und problemgeschichtliche Darstellung ihrer geschichtsmethodologischen, erkenntniskritischen und subjektivitätstheoretischen Grundlagen, Berlin/N.Y. 1992.

[3] Christoph Weiling, Die „Christlich-deutsche Bewegung“. Eine Studie zum konservativen Protestantismus in der Weimarer Republik, Göttingen 1998, S. 201-214.

[4] Marikje Smid, Deutscher Protestantismus und Judentum 1932/1933, München 1990, S. 264-279.

[5] Christiane Tietz, Karl Barth. Ein Leben im Widerspruch, München 2018, S. 126-128.

[6] Willy Schottroff,  Theologie und Politik bei Emanuel Hirsch. Zur Einordnung seines Verständnisses des Alten Testaments, in: Kirche und Israel. Neukirchener Theologische Zeitschrift 1 (1987), S. 27f.

[7] Oliver Arnhold, „Entjudung“ – Kirche im Abgrund. Die Thüringer Kirchenbewegung Deutsche Christen 1928-1939, Berlin 2010.

[8] Weiling, Die „Christlich – deutsche Bewegung“, S. 216.

[9] Weiling, a.a.O. S. 208.

[10] Weiling, a.a.O. S. 209.

[11] Fenske, Wie Jesus zum „Arier“ wurde, S. 226.

[12] Smid, Deutscher Protestantismus und Judentum, S. 271.

[13] Emanuel Hirsch, Das Alte Testament und die Predigt des Evangeliums. Mit anderen Arbeiten Emanuel Hirschs zum Alten Testament neu hg. von Hans Martin Müller, Tübingen/Goslar 1986.

[14] Zitiert nach Ernst Klee, „Die SA Jesu Christi“. Die Kirchen im Banne Hitlers, Frankfurt am Main 1989, S. 114.

[15] Notger Slenczka, Selbstkonstitution und Gotteserfahrung. Werner Elerts Deutung der neuzeitlichen Subjektivität im Kontext der Erlanger Theologie (= Forschungen zur Systematischen und Ökumenischen Theologie 86), Göttingen 1999; Tanja Hetzer u. Christina Winter, Art. Elert, Werner, in: Handbuch des Antisemitismus, Bd. 2/1, 2009, S. 203f.

[16] Klee, „Die SA Jesu Christi“, S. 116.

[17] Zitiert nach Wolfgang Gerlach, Als die Zeugen schwiegen. Bekennende Kirche und die Juden, Berlin 1987, S. 75.

[18] Zitiert nach Smid, Deutscher Protestantismus und Judentum, S. 284.

[19] Zitiert nach Ericksen, Theologen unter Hitler, S. 125.

[20] Ericksen, a.a.O., S. 115.

[21] Konrad Hammann, Rudolf Bultmann. Eine Biographie, Tübingen 2012, S. 284.

[22] Rudolf Bultmann, Jesus, Berlin 1926, S. 79.

[23] Bultmann, a.a.O., S. 26.

[24] Bultmann, Die Bedeutung des Alten Testaments für den christlichen Glauben, in: ders., Glauben und Verstehen. Gesammelte Aufsätze, Bd. 1, Tübingen 1933, S. 333.

[25] Dazu Hammann, Rudolf Bultmann, S. 421-432.

[26] Hammann, a.a.O., S. 192-216.

[27] Bultmann, Das Evangelium des Johannes (= Kritisch-exegetischer Kommentar über das Neue Testament), 20. Aufl., unveränd. Nachdr. d. 10. Aufl., Göttingen 1978.

[28] Bultmann, a.a.O., S. 240.

[29] Bultmann, Der Arierparagraph im Raume der Kirche, in: Die Evangelische Kirche in Deutschland und die Judenfrage. Ausgewählte Dokumente aus den Jahren des Kirchenkampfes 1933 bis 1943, Genf 1945, S. 78-97.

[30] Bultmann, Das Evangelium des Johannes, S. 139, Anm. 6.

[31] Hammann, Rudolf Bultmann, S. 255-274.

[32] Gerlach, Als die Zeugen schwiegen,  Berlin 1987, S. 69.

[33] Hans Jonas, Erinnerungen, Frankfurt am Main/Leipzig 2003, S. 237.

[34] Jonas, a.a.O., S. 447.

Online seit: 14. November 2025

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