Transformale – Ausstellung von Kunst im öffentlichen Raum

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Das Gelände um das Rechenzentrum ist ein innerstädtisches Areal hoher historischer Komplexität, um das in den letzten Jahren intensiv gerungen wurde und welches einen hohen Transformationsgrad aufweist. Allerdings erfolgt dieser Stadtumbau in der Mitte Potsdams mit einer Dynamik, die Gefahr läuft – ohne Momente des Innehaltens bzw. der Reflexion – Ergebnisse ohne den notwendigen Diskurs und ohne demokratische Partizipation zu produzieren.

Das von der TRANSFORMALE betrachtete Areal wurde und wird maßgeblich von den baulichen und stadtgesellschaftlichen Vorgängen um das umstrittene Wiederaufbauprojekt des Garnisonkirchturms bestimmt, welches die Transformation der unmittelbaren Umgebung provoziert und der eigenen ästhetischen Agenda unterstellt. Die Unterwerfung des städtischen Raumes unter eine Rekonstruktions-Idee formt geschichtliche Bilder neu. Indem durch Abriss und Neubau diverse historische Sedimente umgeschichtet oder gelöscht werden, lösen sich die vorhandenen Zusammenhänge auf, werden überschrieben, negiert. Das historische Narrativ wird gewandelt.

Im September 2020 fand am und um das Potsdamer Kunst- und Kreativhaus “Rechenzentrum” die TRANSFORMALE statt – eine Ausstellung von Kunst im öffentlichen Raum, der ein Kunstwettbewerb vorausgegangen war. Sieben künstlerische Positionen setzten sich mit der vorgefundenen Situation auf ganz unterschiedliche Art auseinander:

1.) Die Arbeit „Adler“ von Christian Göthner nahm die Struktur der Formsteinmauer von Karl-Heinz Adler und Friedrich Kracht auf, die das Areal des einstigen Datenverarbeitungszentrums von der neugestalteten Plantage trennt. Er interpretierte die räumlich komplexe Form der Mauer in eine pavillonartige Holzkonstruktion hinein, die sich über die Mauer „stülpt“. Während der TRANSFORMALE funktionierte Göthner so ein Stück der Mauer zu einer Art „sozialem Tresen“ um und wandelte das Trennende zu einem Ort der Begegnung und des Betrachtens. Die Kunst als Brückenschlag: Durch seine mittige Positionierung verband „Adler“ die zwei angrenzenden stadträumlichen Zustände Brache und Spielplatz ästhetisch und kommunikativ miteinander.

„Adler“ eine pavillonartige Holzkonstruktion von Christian Göthner mit Formsteinmauer aus Beton von Karl-Heinz Adler und Friedrich Kracht, © Marcus Schneider

2.) Auch die Arbeit Jay Gards – „Sanssouci Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff, Schloss Sanssouci“ – griff formale, vor allem barocke Besonderheiten des Ortes und seiner Umgebung auf, interpretierte sie unabhängig von inhaltlichen bzw. geschichtlichen Gesichtspunkten und arrangierte sie mit einem Fokus auf Ästhetik, Form und Farbe neu.

3.) Anke Westermann überließ mit ihrer Arbeit „Puzzle“ das Zusammensetzen der städtebaulichen Struktur immer wieder auf das Neue dem Zufall oder den Besucher*innen. Große bunte Teppiche mit den Draufsichten der umgebenden Bebauung konnten nach Belieben und eigener gestalterischer Lust über die große Sandfläche der Brache gezogen und immer wieder neu arrangiert werden. „Puzzle“ führte so Abstimmungsprozesse und Machtverhältnisse in Entscheidungsfragen zur Stadtgestaltung ad absurdum.

4.) Die Künstlerinnengruppe „The Tiny Tour“ (Vanessa Brazeau, Paloma Sanchez-Palencia und Lena Skrabs) gaben eine Mini-Stadt-Tour innerhalb der Fläche eines Parkplatzes. Während der 10 Minuten dauernden Führung spannten sie dabei einen Bogen von den wenigen Quadratmetern der markierten Betonfläche hin zu Eigenarten der Stadt Potsdam und darüber hinaus zu den ganz großen Fragen dieser Welt – zwischen Realität und Fiktion.

5.) Die Arbeit von Sornrapat Patharakorn „Breite Straße, Langer Stall, Offenes Tor“ setze sich mit dem Schauportal des Langen Stalls auseinander – einer kulissenhaften Repräsentationsarchitektur. Seine mit Kriegern, Waffengehängen und Kriegsschmuck verzierte Fassade des Friderizianischen Rokoko von Georg Christian Unger verweist auf die Vergangenheit des Ortes als überdachten Exerzierplatz für preußische Soldaten – und damit auf die Geschichte Potsdams als Militärstandort und Königsresidenz. Die Schaufassade steht zwischen Baustelle zum Wiederaufbau des Garnisonkirchenturms und der Brache des Langen Stalls.

Offenes Tor © Kristina Tschesch, Bildunterschrift: „Breite Straße, Langer Stall, Offenes Tor“ an der Rückfassade des Langen Stalls, Installation von Sornrapat Patharakorn, © Kristina Tschesch

Patharakorn arbeitete mit einer Spiegelkonstruktion in Abhängigkeit vom Wetter und von der Bewegung der Erde. Schien die Sonne, bewegte sich die Reflektion des Spiegels über die Sandfläche und über die Fassade hinweg, genau 12 Uhr mittags traf das reflektierte Licht auf die verschlossene, funktionslos gewordene Pforte an der Fassadenrückseite und suggerierte die Durchlässigkeit des Portals an der rückwärtigen Stelle des historischen Durchgangs – eine Verbindung verschiedener Räume und Zeiten. Eine Arbeit im archäologischen Deutungsraum zwischen Machtpraxis und mythischem Zusammenhang.

6.) „GlockenSpielFragmente“ von Joanna Waluszko, Gregor Bartsch und Udo Koloska setzte sich mit der Geschichte des Glockenspiels der Garnisonkirche auseinander. Die herausragenden technischen Möglichkeiten der vielfältigen Programmierbarkeit des historischen Glockenspiels wurden zwischen 1735 und 1797 über kirchliche Lieder hinaus auch für weltliche Musik genutzt. „Erst ab 1797 wurde aufgehört zu „spielen“, die Programmierfunktion wurde seit dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelm III. nicht mehr benutzt. Auf dem automatischen Spiel liefen seither ausschließlich die Programme der Lieder „Lobe den Herrn“ und „Üb’ immer Treu und Redlichkeit“. Diese Reduktion ist mit technischen Unzulänglichkeiten des umfänglich programmierbaren Spielwerks nicht zu erklären. Sie muss vielmehr ideologisch intendiert gewesen sein,“ schrieb Gregor Bartsch im Konzept zur Arbeit. Kirche und Glockenspiel wurden 1945 nach einem Bombenangriff zerstört, die Ruine der Kirche 1968 gesprengt. Max Klaar, Oberstleutnant in Iserlohn, setzte sich für einen Nachbau des Potsdamer Glockenspiels ein, welches 1984–87 in einer Bundeswehrkaserne ebendort aufgebaut wurde. Im April 1991 wurde der Nachbau der Stadt Potsdam vermacht. Hier erklang, trotz vielfacher Möglichkeiten dank zeitgemäßer MIDI-Schnittstelle, erneut nur „Lobe den Herrn“ und „Üb’ immer Treu und Redlichkeit“. Wegen der geschichtsrevisionistischen, rechtsgerichteten Inschriften auf den Glocken wurde das Spiel 2019 abgestellt. 

GlockenSpielFragmente © Marcus Schneider, Bildunterschrift: „GlockenSpielFragmente“ von Gregor Bartsch, Udo Koloska und Joanna Waluszko, Audioinstallation © Marcus Schneider

Die künstlerische Arbeit setzte sich mit dem Lied „Üb’ immer Treu und Redlichkeit“ und seinem Inhalt auseinander. Gemeinsam mit dem Vokalensemble Rechenzentrum (VERZ) wurde das Lied eingesungen. Eine Originalaufnahme des Glockenspiels und das Lied wurden durch Gregor Bartsch, Joanna Waluszko und Udo Koloska bearbeitet. „In dieser Bearbeitung geht es um die Fragmentierung von Daten, deren kompletter Zerstückelung und somit der Zerstörung des originären Informationszusammenhanges. Es gilt, die Klänge der Glocken sowie den Text des Liedes „Üb’ immer Treu und Redlichkeit“ mittels Modulation und Neuzusammensetzung des Klang- und Textmaterials von symbolischen und historisch behafteten Festlegungen zu emanzipieren,“ erläutert wiederum Gregor Bartsch im Konzept. Über den gesamten Festivalzeitraum konnte man über eine Lautsprecherinstallation dem Prozess der Verfremdung folgen und lauschen. Am letzten Festivaltag wurde die neu entstandene Komposition von „Üb’ immer Treu und Redlichkeit“ im Rahmen einer Performance mit dem VERZ uraufgeführt.

GlockenSpielFragmente © Kristina Tschesch, Bildunterschrift: „GlockenSpielFragmente“ von Gregor Bartsch, Udo Koloska und Joanna Waluszko, Performance mit dem Vokal-Ensemble Rechenzentrum (VERZ) © Marcus Schneider

Die Übergabe der Notation der neuen Komposition ist für das Frühjahr geplant.

7.) Die Installation „Alles glüht und blüht“ von Situation Room (Sven Bergelt und Kai-Hendrik Windeler) hat seinen Ausgangspunkt in einem Zitat von Heinrich Heine. Er war 1829 in Potsdam und schrieb seine Eindrücke zur Stadt an die Freundin Friederike Robert. Einen Auszug davon konnte man über mehrere Wochen als roten Schriftzug über die verschiedenen Fassaden der Werner-Seelenbinder-Straße hinweglesen: „Wo alles glüht und blüht, aber wie! Du heiliger Gott! Das ist alles nur ein gewärmter, grünangestrichener Winter, und auf den Terrassen stehen Fichtenstämmchen, die sich in Orangenbäume maskiert haben.“ 

Alles Glüht und Blüht 1 von Situation Room, Bildunterschrift: “Alles glüht und blüht“ von Situation Room (Sven Bergelt und Kai-Hendrik Windeler), Studentenwerk, Baustelle Wiederaufbau Garnisonkirchturm und Rechenzentrum © Kai-Hendrik Windeler

Es ist hinlänglich bekannt, dass Potsdams repräsentative Kulissenarchitektur des Öfteren Ziel von Hohn und Spott war. Auch Heine empfand offenbar einige Architekturen der Stadt als Maskerade, die etwas vorzugeben versuchen, was nicht vorhanden ist. Heute werden in Potsdam zur Herstellung eines beschaulichen Stadtbildes und touristischer Attraktivität gerne auch problematische Aspekte unter den makellosen, historisierenden Teppich gekehrt. Dabei werden nicht selten andere intakte Gebäude zerstört, mitsamt ihrer Geschichte. Ergebnis dieser Praxis ist die geglättete, eindimensionale Stadt. Das Wiederaufbauprojekt des Garnisonkirchenturms steht paradigmatisch für diese Art von Kultur der Stadtgestaltung. Mit ihrer Installation „Alles glüht und blüht“ fokussierte sich Situation Room auf dieses Thema und plädierte für die erzählerische Kraft eines städtebaulichen Neben- und Miteinanders: „Dadurch soll die Diversität der Architektur als etwas Positives herausgestellt werden, dass nebeneinander existieren sollte, geschichtliche Brüche sichtbar macht und als Sinnbild für eine diverse Gesellschaft stehen kann. Diversität in der Architektur als Gegenmodell zu einem homogenen Stadtbild, dass das Historische feiert und so tut als hätten Krieg, Zerstörung und ein bauliches und gesellschaftliches Umdenken nicht stattgefunden.“ – schrieben Situation Room in ihrem Konzept.

Alles Glüht und Blüht 2 von Situation Room, Bildunterschrift: “Alles glüht und blüht“ von Situation Room (Sven Bergelt und Kai-Hendrik Windeler), Rechenzentrum, Langer Stall und Baucontainer © Kristina Tschesch

Die Gebäude, Gerüste und Container der Werner-Seelenbinder-Straße erhielten jeweils Fragmente des Schriftzugs. Dadurch wurden die Unterschiede betont und augenfällig, gleichzeitig verband das Zitat die Schriftträger.  Als Träger fungierten – vom Schauportal des Langen Stalls im Rokoko, über einen Bauzaun, die Container der Jüdischen Gemeinden, zu der unsanierten Fassade der Stahlbeton-Skelett-Architektur des Rechenzentrums aus der DDR-Zeit, bis hin zum Gerüst des sich im Wiederaufbau befindenden Garnisonkirchturms als Kopie einer barocken Backsteinarchitektur – acht verschiedene dauerhafte und temporäre Bauten, welche einen Teil der Geschichte der Straße und deren aktuelle Entwicklungen abbilden.

Alles Glüht und Blüht 3 von Situation Room, Bildunterschrift: “Alles glüht und blüht“ von Situation Room (Sven Bergelt und Kai-Hendrik Windeler) Brache der ehemaligen Feuerwache und somit an der Bauerwartungsfläche zur Erweiterung des Kreativquartiers durch einen privaten Investor © Kai-Hendrik Windeler
 

Die Transformale verstand sich als eine Landschaft des Diskursiven, als Reflexionsmoment: Die Kunst als eine Pause, als Raum des Innenhaltens und als Angebot für eine in vielen Fragen gespaltene Stadtgesellschaft, sich bewusst mit den sich ständig neu bildenden, alsbald wieder zerfallenden temporären Tableaus seiner städtischen Mitte auseinanderzusetzen. Zum einen hat die Ausstellung den Transformationsprozess an der Plantage künstlerisch kommentiert – ästhetisch wirksam vergessene, verdrängte, bedrohte und nicht gewusste Zusammenhänge geborgen und bewusst gemacht. Zum anderen hat sie sich selbst als zeitliches Sediment in diesen Prozess eingeschrieben. Das Kunst- und Kreativhaus Rechenzentrum als zentraler Ort der Transformale war dabei der Ort der Beobachtung und des Diskurses. Weiterhin selbst existenziell von der Transformation betroffen, sieht sich das RZ auch zukünftig in der Verantwortung, stadtgesellschaftliche Fragen vor Ort zu verhandeln.

Neben der Ausstellung bearbeitete das Team der Transformale im Austausch und Diskurs die Themen des Areals mit den Künstler:innen, Gästen und Besucher:innen im Rahmen des Begleitprogramms. Das Programm umfasste Künstler:innengespräche, thematisch diverse Führungen, ein Filmprogramm, eine promenadologische Untersuchung, Vorträge und Diskussionsrunden. Eine Dokumentation der Transformale wird im Frühjahr erscheinen.

Marcus Große und Frauke Röth entwickelten Idee und Konzept im Rahmen ihrer Tätigkeit für den Verein Freundliche Übernahme Rechenzentrum (FÜR e.V.), Sophia Pietryga hatte die künstlerische Leitung inne.

Online seit: 8. April 2021

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