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Micha Brumlik (Zweiter von rechts) mit Manfred Gailus, Michael Daxner und Annette Leo auf dem Dach des Rechenzentrums, die Baustelle des Wiederaufbau der Garnisonkirche im Hintergrund
Der Lernort Garnisonkirche und sein wissenschaftlicher Beirat trauern um Micha Brumlik, der am 10. November 2025 im Alter von 78 Jahren verstarb. Micha Brumlik war Mitbegründer des Lernorts Garnisonkirche und Vorsitzender seines wissenschaftlichen Beirats. Er gab wichtige Impulse für die Arbeit des Lernorts, wirkte an seinen Veranstaltungen mit und initiierte Gespräche und Briefe. Exemplarisch zu nennen sind etwa sein Vortrag zu „Volk, Gott und Judenhass – Evangelische Theologen und der NS“ im Rahmen der Tagung des Lernorts „Gott mit uns. Das schwierige Erbe des Nationalsozialismus“ im Oktober 2021, ein Gespräch mit dem Ministerialdirektor beim Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien Andreas Görgen im Mai 2022 und sein gemeinsam mit Annette Leo verfasster Brief an das Kuratorium der Stiftung Garnisonkirche im Februar 2023. Bereits von Krankheit gezeichnet, unterstützte Micha Brumlik letztmalig im März 2024 einen offenen Brief des Lernorts anlässlich der Teileröffnung des wiederaufgebauten Turms, in dem er gemeinsam mit anderen forderte, den Feldaltar der Garnisonkirche Potsdam an das Deutsche Historische Museum zu übergeben und nicht mehr liturgisch zu nutzen. Für Micha Brumlik zeigte der Wiederaufbau des Turm der Garnisonkirche „auf erschreckende Weise, wie sehr es Rechtsextremen in Potsdam gelungen ist, die gesellschaftlichen Mitte zu infiltrieren und im öffentlichen Diskurs revisionistische Geschichtsdarstellungen und neu-rechte Argumentationen dauerhaft zu etablieren“ (Debatte um Garnisonkirchen-Wiederaufbau: War der „Ruf aus Potsdam“ rechtslastig? MAZ vom 21.7.2022).
Den Vorsitz des Beirats des Lernorts übernehmen nun die Historikerin Annette Leo und der Religionswissenschaftler Horst Junginger gemeinsam. Annette Leo war bereits zuvor seit Gründung des Lernorts stellvertretende Vorsitzende seines wissenschaftlichen Beirats.
Michael Daxner, ebenfalls Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Lernorts Garnisonkirche würdigt Micha Brumlik mit folgenden Worten: „Kolleginnen und Kollegen, Freundinnen und Freunde und viele Bekannte dazwischen: satt von Erinnerung und lebendiger Beziehung wurde Micha Brumlik am Freitag, den 14. November 2025 in der entferntesten Ecke des Jüdischen Friedhofs Berlin-Weissensee zu Grabe getragen. Hunderte seiner nahestehenden Bekannten, Chawerim, sind gekommen, um Abschied zu nehmen. Für viele hat er das Band geknüpft, das sie jetzt verbindet, das uns jetzt mit Erinnerung und Gedenken zusammengeführt hat. Was heute über seinen Lebenslauf verdichtet zusammengebracht wurde, Israel, Frankfurt, Berlin, Lehre, Forschung, Literatur, – das ist eine Seite dieses Menschen, der auch viele Ehrungen und Anerkennung gefunden hatte. Die andere Seite, sein besonderes menschliches Profil, -darüber haben wir uns ausgetauscht, dankbar und irgendwie selbstbewusst in der Erinnerung an den Freund. Wieviel Intellektuelles, Historisches, Aktuelles wir mit ihm ausgetauscht haben, zustimmend, kritisch, oft beides, wichtig blieb die geradezu unheimliche Fähigkeit von Micha, aus jeder Kommunikation beides, Fortschritt und Friedlichkeit sich entwickeln zu lassen. Dabei ist unter den vielen Eigenschaften, die man aufzählen kann und sollte, hervorzuheben, wie gerne und gut er gelehrt hat, im Persönlichen, im Privaten und an der Universität. Er war einer der Letzten meiner Generation, und der Abschied gemahnt den Ablauf unserer Zeit. Aber die vielen, die Micha im akademischen und politischen Bereich ausgebildet und vor allem gebildet hatte, stellen jetzt eine Brücke in die Zukunft dar, die einen soliden Untergrund unter sein Lebenswerk und für viele künftige Generationen darstellt.
Man muss die religiösen Rahmungen des jüdischen Begräbnisses nicht oder doch besonders schätzen. Aber man hat heute erlebt, wie dieser Abschied viele Menschen zusammengeführt hat, die lange keinen Kontakt hatten, andere haben ihn noch vor ein paar Tagen gesehen und gesprochen. Eine selten erlebte Einigkeit entwickelte sich auf dem Friedhof, bei dem das Attribut „jüdisch“ so viel bedeuten kann, und bei Micha Brumlik zusammengeführt, vermenschlicht wurde für alle, die ihm nachrufen und ihn bedenken.“
Philipp Oswalt betrauert mit dem Tod von Micha Brumlik den Verlust eines Menschen, der in seltener Weise intellektuelle Präzision, humanistisches Denken und gesellschaftliches Engagement verband. Er blieb sich selbst treu, überzeugte mit einem souveränen Urteilsvermögen und scheute sich dabei nicht, unbequeme und streitbare Positionen einzunehmen, und damit Konflikte in Kauf zu nehmen. Obgleich er als „public intellectual“ eine wichtige Rolle in öffentlichen Diskursen einnahm, war er uneitel, offenherzig und neugierig.
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