Spenden und Inschriften des Iserlohner Glockenspiels

Philipp Oswalt

Glocke mit einer Darstellung von Deutschland in den Grenzen von 1937

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Im August 2019 forderte die Petition „Wiederaufbau Garnisonkirche Potsdam: Bruch statt Kontinuität“ u.a. den Abriss des Glockenspiels auf der Potsdamer Plantage wegen dessen „revisionistischer, rechtsradikaler und militaristischer Widmungen“. Worauf beruht diese kritische Bewertung des Glockenspiels, das 28 Jahre lang in Potsdam in Betrieb war und viel Wertschätzung erfuhr? Und ist diese überhaupt zutreffend? Die Stadt Potsdam ließ im Herbst 2019 in Folge des offenen Briefs das Glockenspiel abstellen und beauftragte im Folgejahr das Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) mit einem Gutachten hierzu. Dominik Juhnke legte für das ZZF Anfang 2021 sein Gutachten vor, welches viele neue Informationen zur Genese des Glockenspiels und seinen Inschriften enthielt. Dominik Juhnke legte für das ZZF Anfang 2021 sein Gutachten vor (download.pdf).

Ergänzend werden hier die Ergebnisse aus einer eigenen, mehr als zweijährigen Forschung dazu zusammengefasst, welche stärker die politische Brisanz von Spendern und Inschriften fokussiert als das Gutachten des ZFF. Die dafür verwendeten Informationen sind im Wesentlichen Veröffentlichungen der Jahre 1984 – 1991 entnommen und waren damit bereits damals öffentlich zugänglich, wenn auch an sehr verstreuten Stellen. Obgleich diese Detailinformationen der allgemeinen Öffentlichkeit kaum präsent waren, war die politische Grundproblematik von Max Klaar, der Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel und ihres Projektes des Nachbaus öffentlich hinreichend bekannt. Medien wie der WDR (Fernsehen)[1], Stern[2] und Spiegel[3] berichteten wiederholt dazu, zahlreiche Kirchenvertreter[4] äußerten mehrfach Kritik und auch innerhalb der Bundeswehr wurde der Sachverhalt problematisiert und führte zu personellen Konsequenzen gegenüber Klaar[5]. Die von der Stadt Potsdam veranlasste Entfernung eines Teils der Inschriften im Vorfeld der Aufstellung des Glockenspiels ist ohnehin Zeichen dafür, dass den Verantwortlichen die Problematik des Projektes und seiner Initiatoren vorab bekannt war.

Wie schon bei den 1991 entfernten Inschriften ist die Problematik eines Teils der noch verbliebenen Inschriften und des Glockenspiels als Ganzes nicht, dass hier auf den ersten Blick offensichtliche rechtsradikale Statements artikuliert werden. Die Problematik des Glockenspiels ergibt sich (a) aus den Intentionen seiner Initiatoren, Spendern und Förderern und (b) aus den impliziten Bedeutungen der Glockenwidmungen. Beidem ist im Folgenden jeweils ein Kapitel gewidmet:

Spender, Kooperationspartner und Unterstützer des Projektes

Seit seiner Jugend war Max Klaar in dem Verband Deutscher Soldaten aktiv, der von Anfang bis Ende von Klaars Engagements – neben der im Dezember 1984 eigens gegründeten Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel e.V. (TPG) – die wichtigste Organisation für die Realisierung des Projekts Potsdamer Glockenspiel und die Initiierung des Wiederaufbauprojektes Garnisonkirche Potsdam war. Den Verband mit ca. 90.000 Mitgliedern[6] hatten ehemalige Berufssoldaten der Reichswehr und Wehrmacht und ihre Hinterbliebenen 1951 zur Vertretung ihrer Interessen gegründet. Dem Verband, dem als Dachorganisation unter anderem auch der Verband Deutsches Afrika-Korps, die Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS (HIAG), die Truppenkameradschaft 3. SS-Panzerdivision „Totenkopf“ e.V. sowie zahlreiche Veteranenverbände der Wehrmacht angehörten, setzte sich für Versorgungsansprüche und berufliche Wiedereingliederung, für die Amnestie verurteilter Kriegsverbrecher und generell für die gesellschaftliche Rehabilitierung der Wehrmacht und der Waffen-SS ein.[7]

Max Klaar lancierte sein Vorhaben eines Teilnachbaus des Potsdamer Glockenspiels über die Verbandszeitschrift „Soldat im Volk“. Er verknüpfte hierbei die Idealisierung preußischer Traditionen mit der Erinnerung an die Wehrmacht. Die von ihm propagierte Traditionsbildung zielte also nicht allein auf ein älteres, gesellschaftlich weniger umstrittenes Erbe, sondern nutzte eben dieses, um das Erbe der Wehrmacht hiermit zu verbinden und gleichzustellen. Beide sah er als eine Verkörperung der „Tradition preußisch-deutschen Soldatentums“, welche „für Demut, Verantwortung vor Gott, uneigennützigem Dienst, gewissenhafte Pflichterfüllung, Standhaftigkeit und Opferbereitschaft steht“. Mit dem Nachbau des Glockenspiels wollte er sie lebendig halten.[8]

Die Zeitschrift „Soldat im Volk“ resümierte 1985: „Mit der Spendenbereitschaft der Demokraten unserer Republik wurde auch deutlich, daß in diesem Lande ein starker Nachholbedarf auf die positiven Seiten unserer Geschichte besteht […]. In Iserlohn wurde bewiesen, daß die Traditionen der Bundeswehr nicht mit der Gründung unserer jungen Streitkräfte beginnen und daß die Traditionspflege nicht über die Nazizeit ins Stolpern geraten darf.“[9]

Die Spenden kamen größeren Teils von ehemaligen Wehrmachtsangehörigen. Mit in die nachgebauten Glocken eingegossenen Widmungen wurden ihre jeweiligen Wehrmachtstruppenteile gewürdigt. Zu diesen gehörten die Fallschirm Panzerjäger Abteilung 1, die 257. Infanterie-Division, das Infanterieregiment 67 Spandau und das Infanterieregiment 9 Potsdam.

Im Dezember 1987 veröffentlichte die Zeitschrift des Wehrmachtsveteranen-Verbandes „Kameradschaft Vereinigung ehem. 67er und 23 ID[10] einen Artikel von Werner Seeler über die Einweihung der dritten Ausbaustufe des Glockenspiels in Iserlohn am 17. Juni 1987, an der er wie viele andere ranghohe Wehrmachtsveteranen teilgenommen hatte. Bei dem Festakt habe man viele alte Kameraden getroffen und lobend erwähnte er die „ernste Mahnung an alle Anwesenden zur Treue gegen das deutsche Vaterland.“ Werner von Seeler hatte als Oberst der Wehrmacht u.a. mehrere SS-Verbände befehligt und in Jugoslawien auch noch nach der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reichs bis zum 11. Mai 1945 gegen jugoslawische Truppen gekämpft.[11]

1999 erinnert der Vorsitzende der Kameradschaft – Generalmajor a. D. der Bundeswehr Dr. Eberhard Wagemann – bei seinem „Aufruf an die Kriegsgeneration für den Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche“ an das frühere Engagement der Veteranen: „Der größte Teil der Spenden ist bereits – mit dem Glockenspiel – von uns ehemaligen Soldaten der Wehrmacht aufgebracht: ein deutliches Bekenntnis unserer Generation zu der Aussage des Glockenspiels: Übʼ immer Treu und Redlichkeit bis an das kühle Grab und weiche keinen Finger breit von Gottes Wegen ab!

Wir noch lebenden deutschen Soldaten des Zweiten Weltkriegs haben damit jetzt die Gelegenheit, lebenden und künftigen Generationen zu übermitteln, wie wir unseren Dienst an der Front zum Schutz der Heimat vor Mord, Zerstörung und Unterdrückung verstanden haben. Wir brauchen zum Handeln kein einheitliches Geschichtsbild, sondern nur das Bekenntnis zu unseren mit uns kämpfenden und gefallenen Kameraden und das Bewusstsein vom Wert und der Leistung der deutschen Soldaten, die hinter keiner anderen Armee zurückstanden.“[12]

Die „Arbeitsgemeinschaft Traditionsverbände Schlesischer Truppen“ stiftete die drittgrößte Glocke, die im April 1984 eingeweihte sogenannte „Schlesien-Glocke“, welche – so die Stifter – „an Schlesien erinnert und mithilft, die ethnische Orientierungslosigkeit zu verringern und die vielen Menschen, die unter der Geisel unseres Jahrhunderts leiden, ohne dies zu wissen, aufzurütteln.“[13] Die 1982 von Wehrmachtsveteranen „zur Erinnerung an die Leistung Schlesischer Soldaten im Zweiten Weltkrieg“[14] gegründete Arbeitsgemeinschaft erinnert an die im 2. Weltkriege „gefallenen Kameraden und unsere Landsleuten vertrieben, gequält, verstorben, den Helden der Pflicht, die schweigend unbekannt und unbelohnt Kraft und Leben einsetzten“.[15]Sie spricht bei den Kämpfen im Zweiten Weltkrieg von der „Flut aus dem Osten“[16]. Die deutschen Soldaten hätten die gefährdete Heimat verteidigt und sich für den Schutz der Zivilbevölkerung eingesetzt, während die Russen viehische Grausamkeiten begangen haben und bestialisch mordeten[17]. Den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs warf die Arbeitsgemeinschaft für die Zeit nach 1945 generell eine Unterdrückung historischer Wahrheiten vor.[18] Ihr Vorsitzender Arthur Jüttner war ehemaliger Oberst der Wehrmacht, hatte zunächst als Chef der 1. Kompanie des Infanterieregiments 38 am Überfall auf Polen 1939 teilgenommen und war dann beim Frankreichfeldzug und dem Überfall auf die Sowjetunion als Kommandeur des III. Bataillons beteiligt, später befehligte er als Oberst zuletzt die 62. Volksgrenadierdivision.

Laut Aussage von Max Klaar spendete die Landsmannschaft Schlesien – Nieder- und Oberschlesien e. V. für die Schlesien und Breslau gewidmeten Glocken.[19] Die 1950 gegründete Landsmannschaft verfolgte Jahrzehnte lang revisionistische Positionen. Zum Schlesiertreffen 1985 der Landsmannschaft Schlesien wurde unter Führung von Herbert Hupka das Motto „40 Jahre Vertreibung – Schlesien bleibt unser“ benannt, dass nach massivem öffentlichen Druck und der Absage des Auftritts von Bundeskanzler Helmut Kohl schließlich zurückgezogen wurde.

Die Landsmannschaft Ostpreußen spendete laut Klaar für die Ostpreußen und Königsberg gewidmeten Glocken.[20] Auch diese 1948 gegründete Landsmannschaft war für ihren stramm revisionistischen Kurs bekannt. Sie gab und gibt die „rechtskonservative bis neurechte“[21] Wochenzeitung „Das Ostpreußenblatt“ (seit 2003 „Preußische Allgemeine Zeitung“) heraus. Chefredakteur war von 1967 – 1995 Hugo Wellems, der 1930 in die NSDAP eingetreten, Mitglied der Legion Condor im spanischen Bürgerkrieg und dann Referent im „Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda“ unter Joseph Goebbels gewesen war. Neben seiner Tätigkeit beim Ostpreußenblatt veröffentlichte er im – laut Verfassungsschutz rechtsextremistischen – Arndt-Verlag und war dem rechten Spektrum verbunden. Unter seiner Leitung verfolgte das Ostpreußenblatt eine stark revanchistische Linie. Die Publizisten Ulla Jelpke und Helmut Schröder warfen ihm vor „eine aggressive revanchistische Politik propagiert und die Verbrechen des Hitler-Faschismus beschönigt oder gänzlich geleugnet“ zu haben.[22] Zudem agitierte die Zeitung gegen Flüchtlinge und Asylanten in der Bundesrepublik.

In mehreren Rollen unterstützte Hugo Wellems das Projekt der TPG. Er berichtete stets wohlwollend-unterstützend im Ostpreußenblatt über die Realisierung des Glockenspiels.[23] Im Herbst 1986 veröffentlichte die TPG die Schallplatte und Musikkassette „Preußische Stunde. Das Potsdamer Glockenspiel in Iserlohn“ mit Aufnahmen des Polizeimusikkorps Dortmund, deren Verkaufserlöse der Finanzierung des Glockenspiels zugutekamen. Die Musikproduktion hatte der christliche Deutsche Tempelherren-Orden – Ordo Militiae Crucis Templi unterstützt, dem seinerseits ebenfalls Hugo Wellems vorstand. Zudem hatte er 1962 die Staats- und Wirtschaftspolitische Gesellschaft gegründet und bis 1995 geleitet, deren zum Rechtsextremismus neigenden späteren Vorsitzenden Brigadegeneral a. D. Reinhard Uhle-Wettler und Rechtswissenschaftler Menno Aden zum Kreis um Max Klaar und seinen Aktivitäten gehörten. Im Jahr 2001 publizierte die Staats- und Wirtschaftspolitische Gesellschaft auch einen Text von Max Klaar zur Garnisonkirche Potsdam. In den 1970er und 1980er Jahren hatte die Gesellschaft immer wieder Texte zu Preußen wie auch von evangelikalen Positionen veröffentlicht, eine Reihe ihrer Autoren waren Altnazis, Revisionisten und/ oder Vertreter der Neuen Rechten bzw. verkehrten in rechtsradikalen Kreisen.

Eine weitere rechtslastige Spendenkampagne wurde von Chefredakteur Klaus Tänzer des „Celler Sonntagskuriers“ organisiert, der einen Spendenaufruf hierzu am 15. Dezember 1985 veröffentlichte.[24] Knapp vier Monate später – am 8. April 1986 – erfolgte die persönliche Scheckübergabe an Max Klaar und die TPG. Als Inschrift der „Celler-Glocke“ wählte der Spender den Spruch „MEHR SEIN ALS SCHEINEN“. Der „Celler Sonntagskurier“ fiel in jener Zeit durch die Veröffentlichung rechtsradikaler Leserbriefe auf, was auch zum Thema im niedersächsischen Landtag wurde (Drucksache 11/703). Klaus Tänzer wandte sich in seinem Artikel gegen die Unterbringung anerkannter politisch Verfolgter in Celle und äußerte die Auffassung, dass viele der Deutschen, die zwischen 1939 – 1945 das Land verlassen haben, Hoch- und Landesverräter sowie Wehrdienstverweigerer gewesen seien.

Noch vor Gründung des Vereins Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel begann eine Kooperation mit dem Verein Preußeninstitut, die über die Einweihung des Glockenspiels auf der Potsdamer Plantage hin andauerte. Der Preußeninstitut e.V.[25] war 1976 aus dem „Zollernkreis“ auf der Burg Hohenzollern hervorgegangen. Beim Festakt zur Einweihung der 1. Ausbaustufe im November 1984 in der Bundeswehrkaserne in Iserlohn hielt der Historiker Prof. Dr. Kurt Kluxen, Vorstandsmitglied des Vereins Preußeninstitut eine Rede zum Thema: „Hat Preußen eine Zukunft?“, in der er das Preußische als ein politisch-gesellschaftliches Ideal anpries.[26]. Seit diesem Ereignis veröffentlichte die Zeitschrift des Preußeninstituts „Preußische Mitteilungen“ zahlreiche Beiträge von Max Klaar und berichtete regelmäßig und umfangreich über die Aktivitäten der TPG. Zwischen 1987 und 1993 fungierte die TPG als Mitherausgeber der Vereinszeitung.[27]

Der Vorsitzende des Preußeninstituts Prof. Wolfgang Stribrny sprach bei seiner Festrede zur Einweihung der 2. Ausbaustufe des Glockenspiels am 14.4.1986 in Iserlohn vor über tausend Gästen die Frage der Ostgrenze Deutschlands offensiv an. Die angestrebte Einheit Deutschlands solle auch auf die Gebiete jenseits der Oder-Neiße- Grenze zielen. Möglichkeiten der Verschiebung der Grenze Polens wurden angesprochen, wobei allerdings kriegerische Mittel ausgeschlossen wurden: „Für mich ist nicht die Anerkennung von Grenzen, sondern die Überwindung von Grenzen entscheidend.“[28]

Passend zu der Rede waren sieben Glocken der 2. Ausbaustufe den ehemaligen deutschen Ostgebieten gewidmet. Eine Glocke hatte die Inschrift „Kein Unglück Ewigk – Schlesische Truppen“. Auf dem Glockenspiel selbst wurde ab jetzt als letzte Melodie des Tages um 22:00 Uhr das Deutschlandlied gespielt.[29].

Zunehmend deutlicher positionierten sich Klaar, die TPG und der Preußeninstitut e.V. mit ihrem Geschichts- und Traditionsverständnis. Zum vierzigsten Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 1985 stellte Klaar die deutsche Alleinschuld am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in Frage. Er verwies u.a. auf den Vertrag von Versailles und behauptete, erst die Kriegserklärung von Frankreich und England im Jahr 1939 hätten aus dem Krieg einen Weltkrieg gemacht. Hitler sei zum Krieg gezwungen worden. Klaar relativierte die deutsche Schuld mit Vergleichen zu den Gewalttaten der USA, der Sowjetunion und anderer europäischer Länder und untermauerte dies mit fiktiven Opferzahlen bzgl. der Toten in sowjetischen Arbeitslagern und bei der Vertreibung der Deutschen aus dem Osten, die um ein Vielfaches über den tatsächlichen lagen.[30] Der Stern berichtete, dass Max Klaar „in Offizierskreisen als strammer Rechtsaußen bekannt“ sei und davon spreche, dass Deutschland durch „fremde Völker in mehreren Kriegszügen verwüstet worden“ sei.[31]

Bei der Einweihung der dritten Ausbaustufe des Glockenspiels am 17. Juni 1987 in Iserlohn, bei der auch der General und Generalinspekteur der Bundeswehr a. D. Ulrich de Maizière eine Rede zur Traditionspflege hielt, kritisierte der Oberkirchenrat i.R. Dr. theol. Johannes Juhnke in einer Ansprache vor knapp 2000 Gästen das Stuttgarter Schuldbekenntnis der evangelischen Kirche von 1945: „Kirchenvertreter der bisherigen Feindstaaten (mit Ausnahme der Schweiz) nötigten dem Rat der EKD für das gesamte deutsche Volk, das damals ohne Regierung war, am 18./19. Oktober 1945 eine Schulderklärung ab, die theologisch nicht haltbar war und seelsorgerisch sich als ein Fehlschlag erwies.“[32] Zustimmend zitierte Juhnke den revisionistischen Historiker Hellmut Diwald, der u.a. den Holocaust verharmloste. „Hellmut Diwald nennt das ‚Stuttgarter Schuldbekenntnis‘ eine ‚Demutsgeste der Anbiederung. Unter theologischen, moralischen und metaphysischen Gesichtspunkten sei sie höchst bedenkenswert, im politischen Bereich aber krasser Unsinn, ja geradezu nichtswürdig‘.“

Bei der gleichen Feier zitierte Gerhard Wessel, Präsident des BND a.D. und ehemaliger Oberstleutnant der Wehrmacht zustimmend aus Paul von Hindenburgs im Mai 1934 veröffentlichtem Buch „Pflichten des Deutschen Soldaten“: „ ‚Größten Lohn und höchstes Glück findet der Soldat im Bewusstsein freudiger Pflichterfüllung.‘ […] Aus diesen Worten sprechen große ethische Werte. Sie gelten auch heute und morgen. Und ich bin überzeugt davon, daß es diese Werte und diese Haltungen waren, die uns bewogen, für das Potsdamer Glockenspiel […] zu spenden. Nach mehr als vier Jahrzehnten erlebt eine schon für immer zerstörte und vernichtet geglaubte Tradition ihre Auferstehung.“ [33] Eingeladene Spender wurden im Vorfeld darauf hingewiesen, dass bei der Feier nur Orden des Dritten Reichs getragen werden dürfen, welche keine Hakenkreuze beinhalten.[34]

Auch die Festreden der Einweihung der dritten Ausbaustufe entsprachen den Widmungen der Glocken. Eine war der 121. Infanteriedivision der Wehrmacht gewidmet, welche unter anderem 1941/1942 an der Belagerung Leningrads beteiligt gewesen war. Eine weitere Glocke huldigte dem Wehrmacht-Luftwaffenoffizier Joachim Helbig, der nicht nur Hunderte von Fliegerangriffen in vielen Teilen Europas geflogen hatte, sondern auch noch nach Hitlers Selbstmord in den letzten Tagen des Dritten Reichs diesem die Treue hielt und für die Regierung Dönitz im Einsatz war. Mit dem Kyffhäuserbundehrte eine weitere Glocke den antidemokratischen Soldatenverein, der in der Weimarer Zeit zahlreiche Gedenkfeiern in der Garnisonkirche abgehalten hatte.

Bereits beim Richtfest für die 2. Ausbaustufe am 26.3.1986 hatte die TPG eine klare Verbindungslinie von Preußen über die Wehrmacht zur Bundeswehr gezogen. Bei dem Festakt symbolisierten drei Soldaten die Traditionslinie: Einer in Uniform der alten preußischen Grenadiere, einer in der Wehrmachtsuniform des Zweiten Weltkriegs und einer in Bundeswehruniform.[35] Die von der Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel und des Preußeninstituts e.V. betriebene Traditionspflege bezog nicht nur die Wehrmacht mit ein, sondern ebenso das Haus Hohenzollern, die Kolonialkriege des Deutschen Reichs und Organisationen wie den Stahlhelm. In den Preußischen Mitteilungen kam seine „Kaiserliche und Königliche Hoheit“ Louis Ferdinand Prinz von Preußen wiederholt zu Wort,[36] der Vorsitzende des Preußeninstituts pries die Vorzüge der Monarchie und Jahrestreffen des Vereins Preußeninstitut fanden auf der Burg Hohenzollern statt, für deren Besuch immer wieder geworben wurde.

Mit nostalgischen Reiseberichten und Artikeln zu Gefallenendenkmälern wurden die ehemaligen Schutztruppen in Deutsch-Südwestafrika geehrt, die für den Völkermord an den Hetero und Nama verantwortlich waren.[37] Und ebenso wurde in den von der TGP mit herausgegeben Preußischen Mitteilungen der Stahlhelm verklärt. Veteranen des Stahlhelms, Bundes der Frontsoldaten berichteten ungebrochen positiv über ihr damaliges Wirken. So erinnerte sich ein ehemaliger Stahlhelmer an den Tag von Potsdam als nationales Aufbruchserlebnis.[38]

Die Evangelische Notgemeinschaft e.V. war die religiöse Heimat von Max Klaar und ebenfalls Unterstützer des Projektes. Dortmunder Pastor Alexander Evertz u.a. gründeten 1966 als Gegenreaktion auf die im Vorjahr veröffentlichte Ostdenkschrift mit der Akzeptanz der Oder-Neiße-Linie seitens der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) die Notgemeinschaft in Stuttgart. Als geistiger Mentor galt laut Rechtsextremismusexperte Andreas Speit neben Evertz „Pastor Werner Petersmann, von 1934 bis 1945 bei den Deutschen Christen aktiv, dann in der evangelischen Vertriebenenarbeit engagiert und Bundestagskandidat der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD). Weiterhin Künneth, der dem NS-Staat darin zustimmte, ‚Sonderrechte für Juden‘ zu schaffen. Mit Bezug auf Luther, die Bibel und die Evangelien warnen sie vor der ‚Überfremdung‘, fordern die ‚nationale Identität‘, die ‚Reinheit der Völker‘ und ‚ethnopluralistische Maßnahmen‘. Zusätzlich sorgen sie sich um die Familie und das ‚ungeborene Leben‘. Die Ostgrenze ist weiterhin Thema, ebenso wie die ‚Gefahren‘ der Homosexualität, des Feminismus und Sozialismus. […] Die Evangelische Notgemeinschaft gilt als »äußerster rechter Rand« der Evangelischen Kirche Deutschlands, die sie als »sehr konservative Laienorganisation« einstufte. Sie vereint konservatives und rechtsextremistisches Gedankengut und diesem nahestehende Personen.“[39]

Im Monatsblatt der Evangelischen Notgemeinschaft „Erneuerung und Abwehr“ waren bereits 1984 zwei Beiträge von Max Klaar erschienen.[40] Im September 1990 folgte eine Selbstdarstellung der Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel mit einem Spendenaufruf für den Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam. In den Verhandlungen zwischen der TPG und der evangelischen Kirche im Jahr 2003 unterstützte die Zeitschrift dezidiert die Position Klaars mit einem Aufsatz unter dem Titel „Potsdamer Garnisonkirche – Christlich-Preußische Tugenden oder Linkspolitikpropaganda?“.

Die Einweihung des Glockenspiels in Potsdam am 14. April 1991 war integraler Programmbaustein der jährlichen Studientagung der Evangelischen Notgemeinschaft, die im Jahr 1991 unter dem Motto „Der Christ im vereinten Deutschland“ stand. Die Tagung fand am 13./ 14. April statt, am 13. April als Tagung im Berliner Reichstag u.a. mit einer Rede von Max Klaar, in der er nicht zuletzt auf sein Engagement für den Nachbau des Potsdamer Glockenspiels einging. Ein weiterer Redner war u.a. der evangelikale Publizist Helmut Matthies, Leiter der Evangelischen Nachrichtenagentur idea, der u.a. das südafrikanische Apartheidsregime gegen protestantische Kritik aus Deutschland verteidigte. In seiner eigenen Zeitschrift Idea Spektrum publizierte Matthies zur Einweihung des Glockenspiels 1991 den Aufsatz „Preußisches erlebt eine Wiedergeburt“[41]. Hierin befürworte er nicht nur die Umbenennung des Bundeslandes Brandenburg in Preußen, sondern betonte die preußischen Tugenden und ihre Verbundenheit zum christlichen Glauben: „ ‚Wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.‘ Genau diese preußischen Tugenden, diese Gesinnung braucht es in den neuen wie in den alten Bundesländern. Ein so verstandenes Preußen ist überall notwendig.“ Matthies veröffentlichte Max Klaars Vortrag vom 13. April 1991 im Reichstag nochmals in einer Sonderpublikation seines „Informationsdienstes der Evangelischen Allianz“ gemeinsam mit seinem eigenen Text.

Bis zum Ende von Klaars Engagement 2014 unterstützte die evangelikale Zeitung Idea Spektrum deren – längst offenkundig rechtsradikale – Position. Auch die 1950 von Altnazis gegründete rechtsradikale „Nationalzeitung“, die in ihren Anfangsjahren eng mit dem Verband Deutscher Soldaten verbunden gewesen war, feierte die Einweihung des Glockenspiels in Potsdam 1991: „Das Potsdamer Glockenspiel ist somit auch ein gesamtdeutsches Wahrzeichen von hoher Symbolik“ hieß es.[42]

Max Klaar und seine Unterstützer nahmen ganz bewusst eine für die Neue Rechte charakteristische Scharnier[43]– bzw. Brückenfunktion[44] zwischen Nationalkonservativismus und Rechtsradikalismus ein. Dies zeigte sich auch darin, dass viele Personen und Institutionen der Neuen Rechten bei der Entwicklung des Projektes über die Einweihung des Glockenspiels auf der Plantage hinaus eine Rolle spielten, ob als Ideengeber, Unterstützer oder Befürworter. Hierzu gehörten etwa Hellmut Diwald, Albrecht Jebens, Karl Feldmeyer, Alexander Gauland und Menno Aden, das Studienzentrum Weikersheim, die Staats- und Wirtschaftspolitische Gesellschaft und die Zeitschrift Junge Freiheit.

Symptomatisch hierfür ist auch die Mitwirkung von Vertretern weiterer Organisationen, die keineswegs rechtsradikal sind, aber eine klare Abgrenzung gegenüber Kriegsverbrechern des Nationalsozialismus vermissen lassen. Exemplarisch hierfür ist die Clausewitz-Gesellschaft. Die Clausewitz-Gesellschaft war 1961 von ehemaligen Generalstabsoffizieren aller Truppengattungen der Wehrmacht gegründet worden, um eine Verbindung zwischen den Führungseliten der ehemaligen Wehrmacht und der neu gegründeten Bundeswehr zu etablieren und den Prozess der Wiederbewaffnung zu unterstützen und mitzugestalten.[45] Sie „will das geistige Erbe des deutschen Generalstabs“ – und somit auch der Wehrmacht „bewahren und seine zeitlos gültigen Gedanken weitertragen.“[46] Zu ihren Ehrenmitgliedern gehörten seit 1963/64 die verurteilten Kriegsverbrecher Wilhelm List, Erich von Manstein, Hellmuth Felmy wie auch Franz Halder, der maßgeblich den Mythos von der Sauberen Wehrmacht in der BRD geprägt hatte. Noch 2013 lehnten es die Mitglieder der Clausewitz-Gesellschaft auf ihrer Jahrestagung ab, sich von diesen Kriegsverbrechern zu distanzieren und sie von der Liste der Ehrenmitglieder zu streichen.[47] Zu ihren Mitgliedern gehört seit 1993 auch der NPD-Politiker Olaf Rose, der zuvor mit einem Promotionsstipendium der Clausewitz-Gesellschaft promoviert hatte, als er bereits Vorstandsmitglied der rechtsextremen Gesellschaft für freie Publizistik war.[48]

Bereits zu Beginn des Vorhabens nahm Max Klaar auf den ehemaligen Präsidenten der Clausewitz-Gesellschaft Gustav-Adolf Kuntzen Bezug, der 1940 – 43 dem Generalsstab des Armeeoberkommandos 17 der Wehrmacht angehört hatte und ab 1953 am Aufbau der Bundeswehr beteiligt war, zuletzt als Generalmajor und stellvertretender Generalinspekteur. Seine Person erlaubte Klaar mit Bezug auf die Garnisonkirche Potsdam eine militärische Traditionslinie zwischen Wehrmacht und Bundeswehr zu ziehen. Zur Fertigstellung des Glockenspiels in Iserlohn hielt Ulrich de Maizière als Ehrenpräsident der Clausewitz-Gesellschaft am 17. Juni 1987 die zentrale Festansprache und auch weitere Funktionäre und Mitglieder der Gesellschaft engagierten sich für das Glockenspiel (u.a. Eberhard Wagemann, Vizepräsidenten der Clausewitzgesellschaft 1974 – 1978, Sprecher des Beirats 1984 – 1991, zugleich auch Kameradschaft Vereinigung ehem. 67er und 23 ID, s.o.).

Glockeninschriften

Die Inschriften historischer Glocken beinhalteten zumeist den Namen des Glockengießers und in wenigen Fällen Bibelzitate. Bei den in den Jahren 1984 – 1987 von der Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel nachgebauten Glocken sind die Inschriften in der Regel von den Spendern bestimmt worden. Vielfach würdigen sie damit u.a. Wehrmachtstruppenteile, in denen sie im Zweiten Weltkrieg gedient haben.

1. Ausbaustufe

„PanzerjägerGlocke“ (nach Gutachten ZFF – zuvor Glocke 3). Inschrift: FSCH PZ JG ABTLG 1: Die Fallschirm Panzerjäger Abteilung 1 ist Teil der 1. Fallschirmjäger-Division der Wehrmacht. Angehörige verschiedener Einheiten der Division waren zwischen 1943 und 1945 an zahlreichen Kriegsverbrechen in Italien beteiligt, bei denen knapp 400 Zivilisten ermordet wurden. So erschossen Angehörige des Fallschirmjäger-Regiments 1 am 21. November 1943 bei Pietransieri in den Abruzzen 125 Zivilisten, davon der Großteil Frauen und Kinder, nachdem sich diese geweigert hatten, ihre Höfe zu verlassen.

„Berliner BärenGlocke“ (nach Gutachten ZFF – zuvor Glocke 5), Inschrift: 257. ID – BERLINER BÄREN: Die 257. Infanterie-Division der Wehrmacht war nach Einsätzen an der Westfront und in Polen am Überfall auf die Sowjetunion (Dnepr, Slowjansk) von Juni 1941 bis Juli 1942 beteiligt. Von August 1942 bis März 1943 folgte ein Einsatz in der Bretagne (Frankreich), von April bis August 1943 im Donez (Ukraine) und Moldawien.

IR 67-Glocke“ (nach Gutachten ZFF – zuvor Glocke 6, nicht in Potsdam, sondern Iserlohner 9er-Glockenspiel), Inschrift: IR 67 – SPANDAU –: Das Infanterieregiment 67 Spandau (Teil der 23. Infanterie-Division) nahm im September 1939 am Überfall auf Polen teil. Ab Frühjahr 1940 wurde das Regiment dann im Westfeldzug eingesetzt, dann wieder von Juni 1942 bis Februar 1943 in Belgien. Von September 1940 bis Juni 1942 sowie von Februar 1943 bis zum Kriegsende kämpfte das Regiment an der Ostfront (Białystok, Minsk, Moskau, Baltikum, Westpreußen, Ostpreußen). Regiment von Max Klaars Vater, der 1942 in Russland fällt.

„VDS-Glocke“ (nach Gutachten ZFF – zuvor Glocke 7, nicht in Potsdam, sondern Iserlohner 9er-Glockenspiel), Inschrift: VERBAND DEUTSCHER SOLDATEN: Dem 1951 gegründeten Verband Deutscher Soldaten gehörten u.a. drei Veteranenvereinigungen der Waffen-SS an. Er setzte sich bis zu seiner Auflösung für die Rehabilitierung von verurteilten Kriegsverbrechern der Wehrmacht ein. Wegen seiner extremistischen Haltung wurde er zeitweilig vom Verfassungsschutz beobachtet. Nach Veröffentlichung von Texten eines amerikanischen Neonazis bestand ab 2004 Kontaktverbot für Mitglieder der Bundeswehr. Seit dieser Zeit von dem Initiator des Wiederaufbaus der Garnisonkirche – Max Klaar – geleitet, wurde er 2016 aufgelöst. Es ist davon auszugehen, dass die Glocke vom Verband Deutscher Soldaten finanziert wurde.

„IR 9-Glocke“ (nach Gutachten ZFF – zuvor Glocke 9, nicht in Potsdam, sondern Iserlohner 9er-Glockenspiel), Inschrift: IR 9 – POTSDAM –: Das Infanterieregiment 9 Potsdam galt als Eliteregiment und war am Überfall auf Polen im September 1939 beteiligt, ab Mai 1940 am Westfeldzug (Luxemburg, Frankreich). Ab September 1940 wurde das Regiment wieder in Polen eingesetzt und war ab Juni 1941 am Angriff auf die Sowjetunion (Białystok, Minsk, Moskau) beteiligt. Im Juni 1942 erfolgte ein Einsatz in Belgien. 21 Mitglieder des Regiments gehörten den Aufständischen des 20. Juli 1944 an, unter ihnen Henning von Tresckow.

2. Ausbaustufe

„Schlesien-Glocke“ (nach Gutachten ZFF – zuvor 13. Glocke, nicht zu verwechseln mit der Glocke 21, Inschrift „Schlesien“ s.u.), Inschrift: „KEIN UNGLÜCK EWIGK – SCHLESISCHE  TRUPPEN“. In diesem Zusammenhang vermittelt die Widmung eine revisionistische, die Ostgrenze in Frage stellende Haltung. Finanziert wurde die Glocke von der „Arbeitsgemeinschaft Traditionsverbände Schlesischer Truppen“

Die Glocken 18 – 24 waren den ehemals ostdeutschen Gebieten jenseits der Oder-Neiße-Grenze gewidmet und nach den dortigen Provinzen und Städten benannt. Diese Inschriften wurden auf Veranlassung der Stadt Potsdam vor der Neuaufstellung in Potsdam Anfang 1991 entfernt. Im Einzelnen handelt es sich um folgende Glocken:

Glocke 18, Inschrift (abgeschliffen): „KÖNIGSBERG“. Finanziert wurde die Glocke gemäß Auskunft Max Klaar offenkundig von Landsmannschaft Ostpreußen e. V.

Glocke 19, Inschrift (abgeschliffen): „OSTPREUSSEN“. Finanziert wurde die Glocke gemäß Auskunft Max Klaar offenkundig von Landsmannschaft Ostpreußen e. V.

Glocke 20, Inschrift (abgeschliffen): „BRESLAU“. Finanziert wurde die Glocke gemäß Auskunft Max Klaar offenkundig von Landsmannschaft Schlesien – Nieder- und Oberschlesien e. V.

Glocke 21, Inschrift (abgeschliffen): „SCHLESIEN“. Finanziert wurde die Glocke gemäß Auskunft Max Klaar offenkundig von Landsmannschaft Schlesien – Nieder- und Oberschlesien e. V.

Glocke 22, Inschrift(abgeschliffen): „STETTIN“. Finanziert wurde die Glocke gemäß Auskunft Max Klaar offenkundig von Pommersche Landsmannschaft / Pommersche Zentralverband e. V.

Glocke 23, Inschrift (abgeschliffen): „POMMERN“. Finanziert wurde die Glocke gemäß Auskunft Max Klaar offenkundig von Pommersche Landsmannschaft / Pommersche Zentralverband e. V.

Glocke 24 , Inschrift (nicht in Potsdam, sondern Iserlohner 9er-Glockenspiel): „WESTPREUSSEN“. Finanziert wurde die Glocke gemäß Auskunft Max Klaar offenkundig von Westpreußische Gesellschaft – Landsmannschaft Westpreußen e. V.

Hinckeldey-Glocke“ (nach Gutachten ZFF – zuvor 15. Glocke), Inschrift: „V. HINCKELDEY“, gestiftet von der „v.-Hinckeldey-Stiftung zur Pflege preußischer Kulturdenkmäler in Berlin und Brandenburg sowie Unterstützung in Not geratener Angehöriger der Polizei von Berlin“. Die Stifter der v.-Hinckeldey-Stiftung sind dieselben wie die von der 2001 gegründeten Stiftung Preußisches Kulturerbe (SPKE), Charlotte von Hinckeldey und ihr Ehemann, Urenkel von Karl Ludwig Friedrich von Hinckeldey. Max Klaar war Vorsitzender des Stiftungsrats des SPKE seit Gründung bis zum Jahr 2015 und nutzte diese auch für Veranstaltungen, welche die NS-Zeit verklärten.

Karl Ludwig Friedrich von Hinckeldey war ab 1848 Polizeipräsident von Berlin und baute ab 1850 die politische Polizei in Preußen auf, welche die demokratischen und liberalen Kräfte verfolgte und kriminalisierte. Zugleich realisierte Hinckeldey in Berlin neuen Formen staatlicher Daseinsvorsorge.

3. Ausbaustufe

„Einheits-Glocke“ (nach Gutachten ZFF – zuvor Glocke 25). Neben den Inschriften „ICH BIN DER HERR DEIN GOTT. DU SOLLST NICHT ANDERE GÖTTER HABEN NEBEN MIR“ sowie „EINIGKEIT UND RECHT UND FREIHEIT FÜR DAS DEUTSCHE VATERLAND“ befand sich großformatig eine Karte von Deutschland in den Grenzen von 1937. Diese wurde auf Veranlassung der Stadt Potsdam vor der Neuaufstellung in Potsdam Anfang 1991 abgeschliffen.

„Clausewitz/ Kyffhäuser-Glocke“ (Glocke 30), Inschrift u.a. „CLAUSEWITZ/ KYFFHÄUSERBUND“: Der Kyffhäuserbund war in der Weimarer Republik ein antidemokratischer, nationalistischer, militaristischer und monarchistisch ausgerichteter Soldatenverein, der in der Garnisonkirche zahlreiche Gedenkfeiern abhielt und auch am Tag von Potsdam aktiv beteiligt war. Nach alliiertem Verbot von 1945 wurde der Kyffhäuserbund 1952 von Wehrmachtsgeneral Wilhelm Reinhard, NSDAP-Mitglied seit 1927, Mitglied des Reichstags 1936-1945 und SS-Obergruppenführer wiederbegründet.

„Suum Cuique- Glocke“ (nach Gutachten ZFF – zuvor Glocke 36). Inschrift u.a. „SUUM QUIQUE / 121. INF-DIV“: Die 121. Infanteriedivision der Wehrmacht war von Juni 1941 bis Januar 1944 am Nordabschnitt der Ostfront eingesetzt und hier im Winter 1941/42 an der Belagerung Leningrads beteiligt, der über eine Millionen Zivilisten – zumeist aufgrund von Hunger – zum Opfer fielen. Anschließend war die Division in Ostpreußen (Kurlandkessel) beteiligt.

Auch der lateinische Sinnspruch „suum cuique“ (Jedem das Seine), Devise des einstigen preußischen Schwarzen Adlerordens wie der heutigen Feldjägertruppe der Bundeswehr, wirft bei diesem Absender und an diesem Ort Fragen auf, da er in der Zeit des Nationalsozialismus prominente Verwendung am Tor des Konzentrationslagers Buchenwald fand.

„Helbig-Glocke“ (nach Gutachten ZFF – zuvor Glocke 40, nicht in Potsdam, sondern Iserlohner 9er-Glockenspiel), Inschrift: KDR HELBIG: Der Luftwaffenoffizier und Kommandeur der Wehrmacht Joachim Helbig flog im Zweiten Weltkrieg Hunderte von Fliegerangriffe in vielen Teilen Europas, im September 1939 beim Überfall auf Polen, ab Oktober 1939 gegen britische Marine, im April 1940 beim Überfall auf Norwegen, im Westfeldzug (Niederlanden, Belgien, Nordfrankreich, Bombardierung Dünkirchen), 1940 Luftangriffe gegen England, 1941 Afrikafeldzug (Libyen), Eroberung Kretas (Griechenland), Malta, Ägypten, Algerien. Noch nach dem Selbstmord Hitlers am 30. April 1945 hielt Helbig in den letzten Tagen des Dritten Reichs diesem die Treue und versuchte Mitglieder der Reichsregierung aus Berlin auszufliegen. Am 4. Mai 1945 wurde er von der Regierung Dönitz beauftragt, als Kurierflieger in die Tschechoslowakei zu Generalfeldmarschall Ferdinand Schörner zu fliegen.

„Celler-Glocke“ Inschrift: „MEHR SEIN ALS SCHEINEN“ und „CELLER SONNTAGSKURIER“. Ersteres Wahlspruch Helmuth von Moltkes (Preußischer Generalfeldmarschall, 18001891), Genutzt auch von der SS als Inschrift auf den Ehrendolchen der NAPOLA-Absolventen und als Motto in der SS-Junkerschule Bad Tölz.[49]

Zugehörige Spendengemeinschaft: Celler Sonntagskurier(s.o.).

Das Glockenspiel im Besitz der Fördergesellschaft Garnisonkirche Potsdam e.V.

Die Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam e.V. nahm am 25. September 2006 per Vertrag das Glockenspiel in ihren Besitz und übernahm damit dessen Nutzung und die damit verbundenen Verpflichtungen zu Wartung, Pflege und Instandsetzung. Diesen Vertrag kündigte sie zum 3.2.2020, so dass das Glockenspiel wieder an die Stadt Potsdam zurückfiel.

Website https://garnisonkirche-potsdam.de/ der Stiftung Garnisonkirche vom Juni 2016. Prominent wird auf den „Anstoß auf Iserlohn“ verwiesen.
Informations- und Werbetafel am Glockenspiel der Stiftung Garnisonkirche (Foto: Philipp Oswalt, September 2016)

Download: Dominik Juhnke und Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, „Potsdams umstrittenes Wahrzeichen. Wissenschaftliches Gutachten über die Geschichte des nachgebauten Glockenspiels der Garnisonkirche, Januar 2021

[1]Berichte WDR. Hier und Heute bzw. Aktuelle Stunde, 27.12.1984, 12.11.1990, 12.11.1990, 27.2.1991, 14.4.1991
[2] Berichte 8.8.1985, 5.6.1986
[3] Heft 21/1991
[4] Der Iserlohner Kreisanzeiger und Zeitung (IKZ) veröffentlichte am 13.12.1984 einen von sieben evangelischen Geistlichen gezeichneten Leserbrief „Wäre verhängnisvoller Geist“, dem eine intensive Debatte mit zahlreichen weiteren Leserbriefen folgte. Kritisch wandte sich Carl Peter Klusmann, langjähriger Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft von Priester- und Solidaritätsgruppen in Deutschland (AGP), Anfang 1985 an den Bundespräsidenten Richard von Weizäcker, der das Vorhaben unterstützt hatte. Als sich Ende 1990 die Übernahme des Iserlohner Glockenspiels in Potsdam anbahnte, wandte sich Pfarrer Uwe Dittmer u.a. mit zahlreichen Briefen an leitende Politiker hiergegen.
[5] Er erhielt 1986 eine dienstliche Rüge und sein Vorgesetzter leitete interne Ermittlungen gegen ihn ein. Nach Fertigstellung des Glockenspiels 1987 wurde Klaar von seiner Aufgabe der Soldatenausbildung und -betreuung entbunden und gegen seinen Willen in das Verteidigungsministerium nach Bonn versetzt.
[6] Joß Fritz: Die letzte Division, Der „Verband Deutscher Soldaten“ und die Zeitschrift „Soldat im Volk“, in Lola #56, 4. August 2014.
[7] Hans Körber, Hrsg., Soldat im Volk: eine Chronik des Verbandes Deutscher Soldaten, Schriftenreihe Verbände der Bundesrepublik Deutschland 16 (Wiesbaden: Wirtschaftsverl, 1989).
[8] An alle Freunde Preußens, in: Soldat im Volk, September 1984. S. 23. Die Bezugnahme auf die Wehrmacht geschieht hier über den Offizier Gustav-Adolf Kuntzen, der u.a. 1940 – 1943 dem Generalstab des Armeeoberkommandos 17 angehörte. Bei der Bundeswehr war Gustav-Adolf Kuntzen Generalleutnant und später stellvertretender Generalinspekteur.
[9] Karsten Knolle: Bundespräsident unterstützt Beispiel für Traditionspflege, Soldat im Volk, Januar 1985, S. 1.
[10] Heft Dez 1987, S. 15 – 24
[11] Siehe https://www.balsi.de/HP-50-ID/Personen/Seeler-Werner-von.htm, abgerufen am 16.2.2021
[12] Soldat im Volk, November 1999, S. 286.
[13] Arthur Jüttner und Arbeitsgemeinschaft Traditionsverbände Schlesischer Truppen, Hrsg., Soldatische Tradition in Schlesien 1241 – 1945 (Berg am Starnberger See Potsdam: Vowinckel, 1997). S. 332
[14] Ebenda S. 331
[15] Ebenda S. 2
[16] Ebenda S. 114
[17] Ebenda S. 117, 119
[18] Ebenda S. 8
[19] Dominik Juhnke und Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, „Potsdams umstrittenes Wahrzeichen. Wissenschaftliches Gutachten über die Geschichte des nachgebauten Glockenspiels der Garnisonkirche“ (Potsdam, 31. Januar 2021). S. 24, 30
[20] Siehe Ebenda
[21] https://de.wikipedia.org/wiki/Landsmannschaft_Ostpreu%C3%9Fen, abgerufen am 18.2.2021
[22] Ulla Jelpke, Helmut Schröder: Das Ostpreußenblatt,  in : Jens Mecklenburg (Hrsg.): Handbuch Deutscher Rechtsextremismus. Elefanten Press, Berlin 1996, S. 423.
[23] Artikel hierzu vom 16.3. und 16.6.1985, 22.11.1986, 18.7. und 9.8.1987, 8.9.1990 usw.
[24] Juhnke und Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, „Potsdams umstrittenes Wahrzeichen. Wissenschaftliches Gutachten über die Geschichte des nachgebauten Glockenspiels der Garnisonkirche“. Anlage „Chronik des „Iserlohner Glockenspiels“ 1984-2020“, S. 4/5
[25] Der 1975 gegründete Verein Preußeninstitut e.V. ging aus dem 1969 von Hans-Joachim Schoeps und Louis Ferdinand von Preußen auf der Burg Hohenzollern gegründeten offenen Gesprächskreis Zollernkreis hervor. Beide „wollen diejenigen zusammenführen, die sich zur preußischen und deutschen Tradition bekennen und sich der Zukunft unseres Vaterlandes verpflichtet fühlen“ und „haben es sich zur Aufgabe gemacht, Preußen und seiner großen Geschichte Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und der völkerrechtswidrigen Auslöschung Preußens auf Beschluss des Alliierten Kontrollrats vom Februar 1947 ein Ende zu setzen.“ Siehe http://www.preusseninstitut.de/EundA.htm, abgerufen am 16.5.2020.
[26] Die beiden Reden des Festakts publizierten die Preußischen Mitteilungen (Organ des Preußen Instituts) in der Nr. 66 von Februar 1985, S. 1/2.
[27] Das betrifft die Ausgaben Oktober 1987 – Dezember 1993.
[28] Wolfgang Stribny: Preußen, Deutschland und der Osten, in: OTL Max Klaar, Hrsg., „Das Potsdamer Glockenspiel in Iserlohn. Festschrift zur Einweihung am 14. April 1986“ (Iserloh, 1986). S. 13-20.
[29] Oberstleutnant Max Klaar, Hrsg., „Das Potsdamer Glockenspiel in Iserlohn. 17. Juni 1987. Tag der Deutschen Einheit“ (Iserlohn, 1987). S. 25.
[30] Max Klaar: Zum 8. Mai 1945, Rede vor dem Fallschirmjägerbataillon 271, abgedruckt in Preußische Mitteilungen Nr. 69, August 1985, S. 3. Klaar behauptet 40 Mio. Tote in sowjetischen Arbeitslagern (während man in den Geschichtswissenschaften von knapp 3 Mio. ausgeht) und von 2 Mio. toten Deutschen aufgrund der Vertreibung (während man in den Geschichtswissenschaften von 0,5 Mio. ausgeht). Ein weiterer Text in den Preußischen Mitteilungen von Oktober 1985 (Joachim Schorn: 8.5.1985: Befreiung oder Trauertag, S. 2/3) führt diese Argumentation weiter und rühmt manche Maßnahme Hitlers von der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit über die Einführung der Wehrpflicht bis zur Annexion von Österreich und der sudetendeutschen Gebiete.
[31] Marc Pitzke: Preußens junger Geist, in: Stern Nr. 24, 5. Juni 1986.
[32] Johannes Juhnke: Der Nationalstaat Bismarcks, in: Klaar, „Das Potsdamer Glockenspiel in Iserlohn. 17. Juni 1987. Tag der Deutschen Einheit“. S. 26 – 55, hier S. 51.
[33] Gerhard Wessel: Übergabe des Potsdamer Glockenspiels, In: Klaar. S. 21-22, hier S. 21.
[34] Karl H. Staudinger Seeheim-Jungheim, 2. Rundschrieben an Kadettenkameraden 9.6.1987, Bundesarchiv, Militärarchiv Freiburg, MSG3-3664.
[35] Kirsten Haape: „Übʼ immer Treu …“ in Westfalenpost/ Iserlohner Zeitung vom 28.3.1986.
[36] So etwa in den Heften April 1984, Dezember 1991 u.v.a.
[37] Wolfgang Rieth: Ein Südwestafrika-Denkmal in Düsseldorf, Preußische Mitteilungen Nr. 68, Juni 1985, S. 5.
Wolfgang Rieth: Auf den Spuren der Schutztruppe, in: Preußische Mitteilungen Nr. 95 Dez 1989, S. 10-13, Ulrich Lokowand: Vor 75 Jahren: Die deutschen Schutzgebiete 1914, in: Preußische Mitteilungen Nr. 95 Dez 1989, S. 13.
[38] Klaus Schlegel: Vor 70 Jahren wurde in Magdeburg der „Stahlhelm“ gegründet, Preußische Mitteilungen Nr. 90, Feb 1989, S. 4-6, wieder abgedruckt in der Zeitschrift Soldat im Volk unter der Leitung von Max Klaar, Heft 1/2 -2010, S. 60-62.
[39] https://www.apabiz.de/archiv/material/Profile/ENiD.htm, abgerufen am 19.3.2021
[40] In Heft Januar 1984 „Was erwarte ich von meiner Kirche (S. 11 – 14) und  in Heft April 1984 das Gedicht „Leben“ (S. 31)
[41] Heft 17/91. S 15/16
[42] Ein gesamtdeutsches Wahrzeichen Glockenspiel nach Potsdam zurückgekehrt, in: Nationalzeitung 19.4.1991, S. 10
[43] Wolfgang Gessenharter: Die „Neue Rechte“ als Scharnier zwischen Neokonservatismus und Rechtsextremismus in der Bundesrepublik. In: Rainer Eisfeld und Robert M. W. Kempner, Hrsg., Gegen Barbarei: Essays Robert M. W. Kempner zu Ehren (Frankfurt am Main: Athenäum, 1989), S. 424–452.
[44] Armin Pfahl-Traughber: Brücken zwischen Rechtsextremismus und Konservativismus. Zur Erosion der Abgrenzung auf publizistischer Ebene in den achtziger und neunziger Jahren, in: Wolfgang Kowalsky und Wolfgang Schroeder, Hrsg., Rechtsextremismus: Einführung und Forschungsbilanz (Opladen: Westdt. Verl, 1994). S. 160 – 182.
[45] Clausewitz-Gesellschaft e.V., Hrsg., „50 Jahre Clausewitz-Gesellschaft e.V. Chronik 1961 – 2011“ (Hamburg, 2011). S. 11
[46] § 2 „Ziele der Gesellschaft“ der Satzung in der am 11. August 1984 geänderten Fassung
[47] Siehe hierzu: Gregor Peter Schmitz Wo Kriegsverbrecher wohlgelitten bleiben. Der Spiegel, 18.3.2014
[48] Clausewitz-Gesellschaft e.V., „50 Jahre Clausewitz-Gesellschaft e.V. Chronik 1961 – 2011“. S. 79
[49] Juhnke und Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, „Potsdams umstrittenes Wahrzeichen. Wissenschaftliches Gutachten über die Geschichte des nachgebauten Glockenspiels der Garnisonkirche“. Anlage Übersicht der Glockeninschriften, S. 4

Online seit: 6. Mai 2021

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