Die Entwicklung des Nutzungskonzeptes 2000 – 2020

Philipp Oswalt

Modell der Trägerschaft für den Wiederaufbau aus dem Jahr 2001, Aus dem Konzept Spirit of Change - Veränderung ist möglich

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Das erste Nutzungskonzept für den Wiederaufbau der Kirchturms der Potsdamer Garnisonkirche entwickelte die Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel (TPG) unter Leitung von Max Klaar im Jahr 2000. Im Juli des Jahres traf sich Max Klaar mit dem Bischof von Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz Wolfgang Huber und stellt ihm dies vor: Der Turm der Garnisonkirche wird von außen originalgetreu nachgebaut. Im Turm entsteht eine Kapelle in Verantwortung der evangelischen Kirche und in den oberen Etagen eine Dauerausstellung „20. Juli 1944. Als Träger sollte eine Stiftung gegründet werden. Im Oktober 2000 legte das Berliner Architekturbüros Patzschke & Partner eine Architekturplanung hierzu vor. Bei dieser befindet sich die Kapelle im Erdgeschoss und eine Ausstellungsgalerie sowie Büros in den Obergeschossen.

Planung des Büros Patzschke & Partner im Auftrag der Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel, Oktober 2000

Nach dem Treffen zwischen Huber und Klaar wird im Kirchenkreis Potsdam eine Arbeitsgruppe zu dem Projekt gebildet, um kirchlicherseits eine Nutzungskonzeption zu entwickeln. Die Arbeitsgruppe trifft sich mehrfach mit Klaar und seinen Mitstreitern und beauftragt die Vikare Gregor Hohberg und Martin Vogel mit der Ausarbeitung des Konzepts, welches beide im Juli 2001 unter dem Titel „Spirit of Change/ Veränderung ist möglich“ vorlegen. Dieses greift einerseits Ideen der TPG auf, verbindet diese aber auch mit völlig neuen Ideen, welche die in der Kirche formulierten kritischen Sichtweisen auf das Wiederaufbauprojekt aufgreifen und adressieren. Im Geschichtsverständnis folgte das Konzept jenem idealisierenden Narrativ, das sich in den 1990er unter den Wiederaufbaubefürwortern herausgebildet hatte: Die Garnisonkirche wird  als Symbolort preußischer Tradition und christlichen Glaubens verstanden,  der dem Mißbrauch durch die Nationalsozialisten, dem Bombenkrieg der Alliierten und dem DDR-Unrechtsstaates zum Opfer gefallen sei. Durch den Wiederaufbau solle dieses Unrecht beseitig, eine historische Gerechtigkeit wieder hergestellt werden.

Doch zugleich verweist das Konzept auf die Ambivalenz des Ortes und die problematischen Dimensionen seiner Geschichte. „Die Garnisonkirche mit ihrer zweideutigen Geschichte sollte ein exponierter Lernort und eine verheißungsvolle Zukunftswerkstatt werden.“[1] Um dem gerecht zu werden, ergänzt es die Nutzungsvorschläge der TPG um ein neues Element, welches es in das Zentrum der Konzeption rückt: ein Internationales Versöhnungszentrum in Anlehnung an das 1940 in Coventry gegründete „International Centre for Reconciliation“.  Der Kirchturm ist über seine vier Etagen ganz der inhaltlichen Arbeit des Zentrums gewidmet. Im Erdgeschoss ist wie bei der TPG eine Kapelle vorgesehen, gefolgt von drei Etagen als Bildungs- und Lernort in Form einer performativen Ausstellungszone. Für die notwendigen Büro- und Arbeitsräume sowie Gästewohnungen sollte das Predigerwitwenhaus (Breite Straße 14[2]) genutzt werden[3]. Das internationale Versöhnungszentrum sollte auch für die zu gründende Stiftung namensgebend sein.

Wie bei der Nutzung ergänzte das kirchliche Konzept die Forderung der TPG nach einer originalgetreuen Nachbildung der äußeren Gestalt um die Idee von „Seh- und Hörhilfen“, womit eine Synthese von „Verbindung und Bruch“ verwirklicht werden sollte. Um die Veränderungen im Inneren auch im Äußeren sichtbar zu machen, war dreierlei vorgesehen: die Anbringung eines Nagelkreuzes auf der Turmspitze anstelle der mit kriegerischen Anspielungen arbeitende historischen Kirchturmspitze; ein auf die Fassade projiziertes Lichtspiel und die Ergänzung der historischen Glockenmelodien um moderne Melodien der Versöhnung.

Als Träger des Vorhabens ist eine kirchliche Stiftung vorgesehen,  an der neben der evangelischen Kirche die Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel sowie Stadt Potsdam und Land Brandenburg beteiligt werden sollen.

Die TPG wendet sich dagegen, dass das Nutzungskonzept nicht allein auf Kontinuität setzt, sondern auch einen Bruch artikuliert. Sie fordert eine originalgetreue Wiederherstellung auch der Turmspitz und statt eines Versöhnungszentrums eine klassische kirchliche Nutzung. In der folgenden Verhandlungen macht die Kirche schrittweise Zugeständnisse an die TPG, die auch bestand haben, als die TPG im Jahr 2005 sich aus dem Wiederaufbauprojekt zurückzog.

Ende Januar 2004 – kurz nach der Veröffentlichung des „Ruf aus Potsdam“ – wird die „Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam e.V.“ zur Förderung des „historisch getreuen und vollständigen Wiederaufbaus der Garnisonkirche“ gegründet. Inhaltlich wird dies mit der Bedeutung der Kirche als historisch wichtiger, das Stadtbild prägender barocker Kirchenbau und Kulturdenkmal begründet. Die politische Geschichte des Ortes findet keine Erwähnung, ebenso wenig ein internationales Versöhnungszentrum oder ein Lernort. Finanziert werden sollte auch keine Nutzung, sondern der Wiederaufbau und der Erhalt des Gebäudes.[4] Während sich das kirchliche Nutzungskonzept von 2001 auf die Frage des Kirchturms begrenzte und die Entscheidung zum Kirchenschiff zukünftigen Generationen überlassen werden sollte, zielt die Satzung des Fördereins nun auf den originalgetreuen Nachbau der gesamten Kirche einschließlich des historischen Kirchenschiffs.

Rekonstruiertes Kirchenschiff, Entwurf des Malers Christian Heinze. Aus dem kirchlichen Nutzungskonzept von 2005
Modell der Trägerschaft aus dem kirchlichen Nutzungskonzept von 2005

Im April 2005 verabschiedet die Kirche ein weiterentwickeltes kirchliches Nutzungskonzept. Die Stiftung sollte nicht mehr „Internationales Versöhnungszentrum Potsdamer Garnisonkirche“ heißen, sondern „Stiftung Potsdamer Garnisonkirche – Ort der Versöhnung“ und damit soll der Träger des Projektes nicht mehr die Institution eines internationalen Versöhnungszentrums sein, sondern die Kirche selbst. Ins Zentrum des Nutzungskonzeptes rücken kirchliche Aktivitäten wie Gottesdienste, Andachten, Seelsorge, ergänzt durch nicht religiöse Veranstaltungen, welche die Kirche in die städtische Öffentlichkeit öffnet. Der Ambivalenz des Ortes sollen sich Vorträge, Workshops, Seminare, aber auch Konzerte und Lesungen widmen. Auch eine Ausstellung zum 20. Juli ist nun wieder Teil des Konzepts. Der Idee der Versöhnung sollen jetzt thematische Gottesdienste, die Verleihung eines Versöhnungspreises, Begegnungsseminare und Streitgespräche gewidmet sein.

Die Kirchturmspitze soll nun doch historisch getreu rekonstruiert werden und der Wiederaufbau der gesamten Kirche ist vorgesehen. Das Nutzungskonzept schwächt damit jene Elemente ab, die einen Bruch zur Geschichte formulieren und betont mehr die Kontinuitäten. Aber selbst diese gelindert Form der Brechung ist der TPG, dem Innenminister des Landes Brandenburgs Jörg Schönbohm (CDU) und der Fördergesellschaft zu viel, sie drängen auf einen völlig bruchlosen Bezug zur Geschichte.

Im Juni 2008 wird schließlich die kirchliche „Stiftung Garnisonkirche Potsdam“ als Träger des Wiederaufbauprojektes gegründet. Das Wort Versöhnung ist nun aus dem Namen der Stiftung ganz getilgt, und in der Satzung ist weder von einem Lernort noch von einem internationalen Versöhnungszentrum mehr die Rede, sondern nur noch von einem „Ort der Versöhnung“. Unerwähnt bleibt der „Tag von Potsdam“ wie auch andere ambivalente bzw. problematische Dimensionen des historischen Ortes, allein von einer „wechselvollen deutschen Geschichte“ ist die Rede.[5] Konkret benannt hierzu wird allerdings einzig der Widerstand des 20. Juli 1944.

Planung des Architekturbüro Hilmer & Sattler im Auftrag der Stiftung Garnisonkirche Potsdam für die Rekonstruktion der ganzen Garnisonkirche incl. Kirchenschiff, 2011

2010 gründen Stiftung und Fördergesellschaft gemeinsame Kompetenzteams u.a. zu „Programm“ und „Bau. Sie sollen Konzepte zu diese Themen entwickeln und ausarbeiten . Im Folgejahr wird das Architekturbüro Hilmer & Sattler mit der Bauplanung beauftragt, der das vom Kompetenzteam weiterentwickelte Nutzungskonzept zu Grunde liegt. Wesentlichste Neuerung sind touristische Funktionen, zu der eine mit Aufzug erreichbare Aussichtplattform im Turm sowie Ticketkassen, ein kleiner Shop und Café im Erdgeschoss gehören. Hauptnutzung im Erdgeschoss ist die 135 qm große Kapelle, die neben der kirchlichen Nutzung ein Ort des Gedenkens an den Widerstand des 20. Juli und an den Widerstand in der DDR sein soll. Im 1. OG befinden sich die Büros von Pfarrer, Küster und Verwaltung sowie Besuchertoiletten, im 2. OG zwei Seminarräume und ein Vortragsraum.  Für den Ausstellungsbereich (220 qm) und die Bibliothek (25 qm) des Lernorts sind lediglich 20% der Gesamtnutzfläche vorgesehen, und diese auch nur auf der peripher gelegenen 3. und 4. Etage. Die Ausstellungsfläche soll teils für eine Dauerinformation, teils für Wechselausstellungen und für künstlerische Darstellungen genutzt werden. In 67 Meter Höhe befindet sich eine ca. 40 qm große Aussichtplattform als touristische Attraktion. Die Planung umfasst auch erste Überlegung für das Kirchenschiff. Als Kirche genutzt, sollen die Räumlichkeiten auf der Empore abgetrennt und als Büros und eine erweitere Bibliothek genutzt werden.

2017 legte die Matin-Neimöllerstiftung unter dem Titel „Geschichte erinnern?“ eine Kritik an dem Nutzungskonzept der Stiftung Garnisonkirche Potsdam vor, die von der Stiftung erwidert wurde.

Der 2017 begonnene Bau des Kirchturms folgt der Planung von 2011, was auch nochmals mit dem Ende Mai 2020 von der Stiftung vorlegten Nutzungskonzept bestätigt wird.

Die Konzeption von 2011 entspricht der baulichen Realisierung seit 2017. Darstellung aus dem Nutzungskonzept von Mai 2020

Im Herbst 2019 initiiert der neue Oberbürgermeister Potsdams – Mike Schubert – eine neue Debatte zum Nutzungskonzept. Er schlägt eine internationale Jugendbegegnungsstätte für Bildung und Demokratie vor, die am Ort des ehemaligen Kirchenschiffs in einer modernen Architektur entstehen könne. Während die Stiftung Garnisonkirche diesen Vorschlag kritisiert, weil er in ihre Autonomie eingreife, beschließt die Stadtverordnetenversammlung Potsdam im Mai 2020, ein zweijähriges Verfahren einzuleiten, um ein neues Nutzungs- und Gestaltungskonzepte für den Bereich Garnisonkirche/Rechenzentrum im Dialog mit den Beteiligten und weiteren Akteuren zu entwickeln.

Philipp Oswalt, geboren 1964 in Frankfurt Main, Architekt und Publizist, trat nach der Teilnahme am ZDF-Fernsehgottesdienst im Herbst 2017 wegen des Wiederaufbaus der Garnisonkirche aus der evangelischen Kirche aus. Seitdem befasste er sich intensiv mit den Hintergründen des Projekts. Im Sommer 2019 initiierte er die Petition an den Bundespräsidenten, die zur Abschaltung des nachgebauten Glockenspiels führte.

Anmerkungen

[1] Spirit of Change/ Veränderung ist möglich, Das Nutzungskonzept für den Potsdamer Garnisonkirchenturm, 26.7.2001, S. 5
[2] Damals wurde es von der Kirche noch als Wohnstift genutzt, dann aber 2006 an einen privaten Investor verkauft.
[3] Auch diese Idee folgte dem Vorbild von Coventry, wo sich neben der Kirche ein Neubau befand, in dem auf einer ganzen Etage die damals neun hauptamtlichen, international tätigen Mitarbeiter über Büro- und Arbeitsräume verfügten. Auskunft von Oliver Schuegraf am 18.2.2020 per Telefon gegenüber dem Autor.
[4] Satzung vom 28.01.2004
[5] Satzung vom 8.12.2008

Online seit: 6. Juni 2020

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