Die Geschichte des Potsdamer Rechenzentrums: Sozialistische Computernutzung und die Digitalisierung in Ostdeutschland

Martin Schmitt

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An einem Sonntag, dem 23. Mai 1968, ließ das SED-Regime zur Gottesdienstzeit die Kirchturmruine der Garnisonskirche sprengen, um an seiner Stelle das Potsdamer Rechenzentrum zu errichten. Es war eine wuchtige Geste, die diesem propagandistisch ausgeschlachteten Ort eine weitere Dimension hinzufügte. An die Stelle der Vergangenheit alten Preußentums und an den Ort der vorgeblichen Verbrüderung der Nationalsozialisten mit den Eliten des Deutschen Reichs sollte die lichte Zukunft des sozialistischen Staates treten. Kaum eine andere Technologie war seinerzeit derart mit der Zukunft verbunden wie die Computertechnik. Die rationelle Moderne mit dem steten Vorwärtsschreiten des Sozialismus in der wissenschaftlich-technischen Revolution sollte die ‚düstere‘ Vergangenheit ablösen und aus dem Stadtbild tilgen. „Zukunft“, so der Potsdamer Zeithistoriker Martin Sabrow, inszenierte „der SED-Staat […] als kompromisslosen Bruch mit der Vergangenheit“.[1] Sichtbarster Ausdruck dieser Zugewandtheit zur Zukunft war das achtzehnteilige Glasmosaik Fritz Eislers. Statt der barocken Fassade verkündeten nun quasireligiöse Wandbildnisse von dem berechnenden Fortschritt, der im Inneren des neuen Gebäudes am Werke war: Das Mosaik verkündete von Computern und der Raumfahrt.

Nicht nur die Garnisonskirche hat eine Geschichte, sondern auch das Rechenzentrum. [2] Die Geschichte des Datenverarbeitungszentrums Potsdam, von der Bevölkerung meist „Rechenzentrum“ genannt, ist einzuordnen in die Pläne der DDR-Regierung zur Digitalisierung in der gesamten Republik. Ihr Ziel war der computergetriebene Sozialismus, die Optimierung der lahmenden Planwirtschaft mit Hilfe der Zukunftstechnologie. Über die gesamte Republik verteilt baute die Sozialistische Einheitspartei (SED) ein Netz an Rechenstationen auf, das regionale Behörden und Betriebe mit Rechenkraft versorgen sollte. Wie lässt sich in diesen Plänen das Rechenzentrum Potsdam verorten? Dazu wird in einem ersten Teil die Entstehung dieses Netzwerkes von Rechenzentren in der DDR seit 1958 analysiert. In einem zweiten Schritt wird dann die Potsdamer Station, ihre Aufgaben und was bisher darüber bekannt ist in diesen größeren Zusammenhang eingeordnet. Rechenzentren wie das in Potsdam waren Proto-Orte der Digitalisierung, an denen die DDR Computer zentralisiert einsetzte, um die Bezirke an den Früchten der Zukunft teilhaben zu lassen

Die Pläne für ein landesweites Netz von Rechenstationen

Die Pläne für ein landesweites Netz von Rechenstationen in der DDR reichen zurück bis in die späten 1950er-Jahre. Für den Wiederaufbau von Wirtschaft, Infrastruktur und Gesellschaft nach dem Krieg hatte das Regime zahlreiche Kompromisse machen müssen. Nachdem der Wiederaufbau einigermaßen gelungen war, zielten die StaatslenkerInnen nun darauf, den Sozialismus zu realisieren und das Wirtschaftssystem zu reformieren. Technologie spielte dabei eine entscheidende Rolle, vor allem die Informationstechnologie. Computer waren gleichsam Reformmaschinen des Kommunismus.

Mit ihren Digitalisierungsbestrebungen stand die DDR nicht allein. Die Idee eines Rechnernetzwerkes lässt sich bis in die Sowjetunion zurückverfolgen. Dort hatte der Kybernetiker W. W. Alexandrow für den neuen Parteichef Nikita Chruschtschow einen Plan entwickelt, die Elektronischen Datenverarbeitung auch im Mutterland des Kommunismus nutzbar zu machen.[3] Sein Bericht über die Schaffung von Rechenzentren erfuhr in der DDR eine breite Rezeption und verband sich mit dortigen Vorstellungen. Im November 1958 legte die Staatliche Plankommission den Grundstein für den Aufbau eines solchen Netzes mit dem Ministerratsbeschluss „über die Bildung von Rechenzentren des VEB Maschinelles Rechnen in der Deutschen Demokratischen Republik“.[4] In diesem Betrieb zentralisierten die StaatsplanerInnen mechanische Rechentechnik. Der VEB wurde der Staatlichen Zentralverwaltung für Statistik unterstellt. Seine Struktur war so aufgebaut, dass dem Zentralbetrieb in Berlin ursprünglich neun Zweigstellen zugeordnet wurden. Die Potsdamer Zweigstelle war die erste dieser Stationen. Sie entstand durch eine Ausgliederung der statistisch-technischen Abteilung und nahm im Folgejahr ihren Betrieb auf.[5]

Der Aufbau des Netzwerkes erfolgte Ende der 1950er-Jahre vor allem mit konventioneller Rechentechnik, also mechanischen und analogen Lochkartenmaschinen. Die Staatliche Zentralverwaltung für Statistik setzte eine zentralisierte Nutzung dieser Anlagen zur besseren Auslastung der wenigen Rechner und zur effizienteren Wartung und Ersatzteilversorgung durch. Zudem war der VEB Maschinelles Rechnen verantwortlich für die Ausbildung von Fachleuten der Datenverarbeitung wie ProgrammiererInnen, BedienerInnen oder TechnikerInnen. Entsprechend des Alexandrow-Berichts regulierte die Plankommission den Zugang zu Rechentechnik und trennte noch scharf zwischen wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Nutzung. Diese Trennungen wurden mit der Zeit langsam aufgeweicht. So schwächte die Plankommission 1961 die rein zentralisierte Nutzung ab und erlaubte den Unternehmen und Institutionen auch einen dezentralen Einsatz im eigenen Gebäude. Betriebe konnten zudem nun versuchen, selbst Rechner anzuschaffen – allerdings nur mit dem Segen der Plankommission. Dabei handelte es sich in der Regel um Importrechner, da die DDR aus eigener Produktion nur den „Zeiss Rechenautomaten“, kurz ZRA 1, primär für wissenschaftliche Zwecke liefern konnte. Die Wege in das Digitale Zeitalter blieben in der DDR fest in der Hand von Staat und Partei.

1964 lässt sich als eine zentrale Wegmarke für die DDR auf dem Weg in das Digitale Zeitalter begreifen. Nach dem VI. Parteitag der SED, auf dem die Partei den forcierten Einsatz digitaler Computertechnik forderte, verabschiedete sie 1964 das „Datenverarbeitungsprogramm“. Darin schrieb sie den Aufbau einer eigenen Computerindustrie und die Nutzung derer Produkte in allen Bereichen von Wirtschaft, Politik und Staat fest. In diesem Programm wurde schließlich auch die Trennung zwischen wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Computereinsatz aufgehoben und die Nutzung von Rechenleistung auf Grundlage von Verträgen zwischen Wirtschaftsunternehmen und Rechenzentren gestellt. Ein Kernelement dieser Strategie war der Ausbau von Rechenzentren in den Bezirken.

Die StaatsplanerInnen sahen die Bedingungen des sozialistischen Systems, also Zentralisierung und Gemeinschaftsnutzung auf nationaler, bezirklicher und örtlicher Ebene, als ideale Voraussetzung für das Digitale Zeitalter: Zentrale, regionale Rechenzentren mit Mainframe-Computern bestückt, auf die eine Vielzahl an Nutzern zugriffen, versprachen eine optimale Nutzung der neuen Technologie. Interessanter Weise vollzogen sie mit dem Aufbau regionaler Rechenzentren eine Entwicklung, die aus Kostengründen etwa zeitgleich auch in der Bundesrepublik populär wurde. Jenseits der Rechenzentren waren die PlanerInnen pragmatisch darin, Nutzern den Zugang zu Rechentechnik zu gewähren, wenn die zentralisierte Wirtschaftsstruktur wie bei Vereinigungen Volkseigener Betriebe oder Kombinaten bereits einen hohen Zentralisierungsgrad besaß.[6] Institutionen und Großbetriebe schafften daher eigene Computer an und betrieben diese in eigenen Rechenzentren. Ergänzend entstanden zusätzliche Rechenstationen in industriellen Ballungsräumen.

Das Regime maß also der Digitalisierung des Landes durch zentralisierte Rechnernutzung einen hohen Stellenwert bei, sodass der VEB Maschinelles Rechnen und seine Zweigstellen, Potsdam war eine davon, florierte. Im Jahr 1965 verfügte der Betrieb mit seinen Zweigstellen bereits über etwa 2.250 Mitarbeiter, 30 elektronische Lochkartenrechner und 100 Tabelliermaschinen.[7] Drei Beispiele aus der Praxis des VEB Maschinelles Rechnen veranschaulichen dessen Aufgabenprofil: In Schwerin entwickelten MitarbeiterInnen eine „[K]artei für die Großhandelsgesellschaft Lebensmittel“ und führten „seit 1965 die amtliche Krebskrankenstatistik der DDR“.[8] 1964 berechneten die Bezirksstationen gemeinsam die Ergebnisse der Volks- und Berufszählung mit semi-elektronischen Rechenmaschinen.[9]

Allerdings erwies sich das Organisationsmodell mit einer Zentrale und bis dato neun Zweigstellen als äußerst unflexibel. Die Aufgaben der bezirklichen Ebene wuchsen immer weiter an. Im Zuge einer Strukturreform entließ der Ministerrat 1966 die Zweigstellen einerseits in die Unabhängigkeit, um deren Effizienz zu erhöhen. Andererseits fasste er sie aber in der „Vereinigung Volkseigener Betriebe Maschinelles Rechnen“ zusammen, um die Kontrolle über die Entwicklung der Schlüsseltechnologie zu behalten.[10] Deren Hauptaufgabe blieb die „maschinelle Datenverarbeitung für planmäßig und periodisch zu liefernde statistische Informationen“ des Zentralamtes für Statistik zur Versorgung der Staatsorgane und der Werktätigen mit dem notwendigen Zahlenmaterial. Weiterhin oblag es der VVB, „für zentrale und örtliche Staatsorgane sowie deren Nachfolgeeinrichtungen wie auch für zentral geleitete und kleinere volkseigene Betriebe ohne eigene Rechenstation rechentechnische Arbeiten auszuführen“.[11]

Der Anwenderkreis der VVB reichte also vom Staatlichen Zentralamt für Statistik über die örtlichen Staatsorgane vor allem in den Bezirksstädten wie Potsdam, die dort ansässigen Unternehmen und bezirksgeleiteten Betriebe bis hin zu Einrichtungen des Gesundheitswesens, der Kultur, der Bildung und wissenschaftlichen Institutionen. Selbst zentral geleitete VEBs zählten zum Kundenkreis, welche die VVB aber nur nutzen konnten, wenn dies als volkswirtschaftlich sinnvoll angesehen wurde. Daneben betrieb der Binnenhandel ein paralleles Netzwerk an Rechenzentren. Dieses wurden 1962 als VEB Rechenbetrieb Binnenhandel (Rebi) in allen Bezirken eingerichtet und besaß eine ganz ähnliche, zentral organisierte Struktur. Anfangs mit maschineller Rechentechnik ausgestattet, setzten sie ab 1965/66 schrittweise Lochkartentechnik ein, später Computer.[12]

Der Berliner Zentralbetrieb der VVB Maschinelles Rechnen nahm nach der Loslösung seiner Satelliten leitende wie kontrollierende Funktion ein.[13] Hier wurde 1966/67 das erste „Datenverarbeitungszentrum“, kurz DVZ, der DDR eingeweiht. Es sollte prototypisch für die anderen vierzehn geplanten Zentren stehen und war Vorbild für den Bau in Potsdam. Anfangs war das Berliner Zentrum mit Importrechnern aus dem Westen bestückt, erhielt aber 1969 einige der ersten Robotron 300, Computer mittlerer Leistungsfähigkeit aus Eigenproduktion. Die VVB Maschinelles Rechnen, Rechenbetriebe Binnenhandel und der VEB Datenverarbeitung der Finanzorgane betrieb einen beträchtlichen Teil der insgesamt produzierten 325 R 300.[14] Gleichzeitig bildete das DVZ Berlin viele der MitarbeiterInnen aus, die später in den anderen Rechenzentren arbeiteten, darunter beispielsweise der Potsdamer Programmierer Dieter Wolff.

Bei dem Aufbau eines landesweiten Netzes an Rechenzentren handelte es sich um ein veritables Großprojekt der DDR-Regierung. Allein für die erste Stufe des Aufbaus setzte Gerhard Schürer, Vorsitzender der Staatlichen Plankommission, im November 1966 über drei Milliarden Mark der DDR an.[15] Die Transformation des Potsdamer Stadtbilds war also eng verknüpft mit der Transformation des Zeitverständnis des Regimes im Anbruch einer neuen Zeit wie auch mit der Transformation der Wirtschaftsstruktur des ganzen Landes im Prozess der Digitalisierung.

Zu Beginn der 1970er-Jahre gerieten die Pläne zum Systemausbau der VVB in politisch raueres Fahrwasser. Bereits vor der Machtübernahme durch Honecker zeichnete sich ab, dass dessen Entourage zunehmend an Einfluss gewann und auf wirtschaftliche Veränderungen drängte. Das wirkte sich auch auf die Datenverarbeitung aus. Mitten in der Aufbauphase des landesweiten Netzwerkes schwenkte der sozialistische Staat von der technischen Utopie um in den „Konsumkommunismus“ und rief die Erhöhung des Lebensstandards als neues Leitbild aus. Die junge Datenverarbeitung stand auf dem Prüfstand. Hinzu kamen bauliche Probleme bei der architektonischen Realisierung.

Auf der 13. Tagung des Zentralkomitees der SED im Juni 1970 hielt nicht nur Günter Mittag seine Geheimrede zur weiteren Verstaatlichung, sondern brach auch Günther Kleiber als Staatssekretär für Datenverarbeitung eine Lanze für deren fortgesetzte Förderung.[16] Kleiber brachte in einer Rede zwei Hauptargumente für den Nutzen der EDV vor, an denen sich die digitalpolitischen Prioritäten der frühen 1970er-Jahre ablesen lassen: Erstens argumentierte er mit den ökonomischen Gewinne aus Rationalisierung und Automatisierung; Zweitens mit dem Informationsgewinn aus integrierten Computersystemen, sowohl für die PlanerInnen über die Betriebe, als auch für diese über ihre Wirtschaftstätigkeit. Die Unternehmen reichten von der Landwirtschaft über die Industrie bis hin zum Verkehr. Der Aufbau integrierter Gesamtinformationssysteme wurde zum Traum westlich wie östlich der Mauer. Kleiber präsentierte zentrale Rechenzentren zur Integration lokal verfügbarer Daten sowie zur effizienten Verarbeitung der stark steigenden Datenmenge auf Großrechnern als Schlüssel zur fortgesetzten Digitalisierung und verbesserten Planung. Er hatte damit zumindest teilweise Erfolg. In der Umbruchszeit um 1970/71 wurden zwei Entschlüsse für die Konsolidierung der VVB Maschinelles Rechnen maßgeblich: Erstens der Beschluss des Ministerrates über die „Grundrichtung für die Anwendung von elektronischen Datenverarbeitungsanlagen und Prozessrechnern zur komplexen Automatisierung und Rationalisierung“. Zweitens die Neugestaltung des Planungssystems in den Bezirken, Kreisen, Gemeinden und Städten.[17] Kompatibilität und Integration trieben nun die Entwicklung der Digitalisierung voran. Die VVB Maschinelles Rechnen lieferte dafür die technische Infrastruktur vom Speicher über die Rechnerleistung bis zur Übertragung.[18]

Zwar gelang es der DDR nie, das erträumte System in seiner vollen Leistungsfähigkeit aufzubauen. Es haperte vor allem an der Programmierung der Software und dem Betrieb des Informationssystems. Zudem machte die Standardisierung der Datenbasis Probleme. Trotzdem gelang bis 1973 der Aufbau eines landesweiten Netzwerks an Rechenstationen. Der Vorsitzende des Ministerrates der DDR Willi Stoph verkündete zwei Jahre zuvor bereits stolz in einer Rede die „Veränderung der Produktionsstruktur der DDR“ und spielte auf die Transformationswirkung der EDV an. Vehikel dieser Transformation waren die VVB Maschinelles Rechnen als Datendienstleister „für eine Reihe von volkswirtschaftlich bedeutenden Anwender[n]“.[19] Dies relativiert den Befund des Historikers Simon Donig, dass solch ein Netzwerk nie errichtet worden sei. Es existierte, es war produktiv, nur eben nicht in der Form der utopischen Erwartungen von Staat und Partei. Der Paradigmenwechsel von der Utopie zur Pragmatik beruhte fortan auch auf der Rechenleistung der Computer, die nun im Hintergrund liefen, Transportrouten optimierten und Versorgungslagen berechneten. Nichtsdestotrotz verlor Kleiber 1971 seinen Posten als Staatssekretär für Datenverarbeitung.[20]

1975 entschloss sich die Regierung, die VEB Maschinelles Rechnen mit den Rechenbetrieben des Handels in gemeinsamen Datenverarbeitungszentren zusammenzuschließen. Von nun an wurde einheitlich der Begriff „DVZ“ verwendet.[21] Ziel war es, durch die Fusion weitere Synergieeffekte zu erzielen, wie sie mit den nun immer leistungsstärkeren Computern machbar wurden. Mit wenigen zentralen ESER-Großrechnern konnten die Datenverarbeitungszentren eine Vielzahl an Kunden gleichzeitig bedienen. ESER stand für das „Einheitliche System Elektronischer Rechentechnik“ und war der Versuch, gemeinsam mit anderen sozialistischen Staaten die Computerproduktion zu koordinieren. Vor allem die MitarbeiterInnen des Binnenhandels waren über die Fusion nicht sonderlich glücklich, da sie in dem neuen Betrieb an Bedeutung einbüßten.[22] Sie konnten sich aber dem Fusionsdruck angesichts ähnlicher Tätigkeits- und Technikprofile nicht entziehen. 1980 schließlich erfolgte im Vorfeld der Mikroelektronikeinführung in der DDR die letzte Umstrukturierung. Die Datenverarbeitungszentren wurden in das Volkseigene Kombinat Datenverarbeitung überführt.

Über die VVB Maschinelles Rechnen und späteren Datenverarbeitungszentren wurden viele Staatsorgane und Betriebe der DDR von der Computertechnik berührt. Die VVB unterstütze sie bei der Umsetzung von Automatisierungsvorhaben und hielten nicht nur technische Infrastruktur vor. Auffällig ist, dass diese Unterstützung der örtlichen Organe und Betriebe durch die VVB häufig auf eine Optimierung von deren Prozessen hinauslief. Diese Form der Einflussnahme sorgte allerdings immer wieder für Konflikte. Zudem übernahmen die VVB-MitarbeiterInnen eine Vermittlerrolle und informierten über die Möglichkeiten der EDV, beispielsweise im Rahmen von Schulungen, Broschüren, Datenbanken oder Lehrfilmen. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die Digitalisierung die Entwicklung der DDR seit 1958 durchgängig begleitete, zentralisiert strukturiert war und Rechenzentren wie das in Potsdam darin die prominente Position einnahmen.[23]

Das Potsdamer Rechenzentrum

Wie lässt sich nun das Potsdamer Rechenzentrum in die Digitalgeschichte der DDR einordnen? Anfang der 1960er-Jahre besaßen im Bezirk Potsdam höchstens große Betriebe oder Wissenschaftsinstitutionen Computer. Beispielsweise nutzte die Sternwarte Potsdam eine ZRA 1 primär für wissenschaftliche Zwecke. Im Zuge der Verwaltungsautomation wurden dort in einer Übergangsphase aber auch Gehaltskonten mit dem Computer bearbeitet. Im September 1967 weihte die Partei in Potsdam einen Schwesterbetrieb des Datenverarbeitungszentrums ein, das „Organisations- und Rechenzentrum“, kurz ORZ. Standort des Rechenbetriebes war die Heinrich-Mann-Allee 107, später die Villa Hagen in der Bertinistraße. Er ging auf die Initiative des Ministers für bezirksgeleitete und Lebensmittelindustrie der DDR zurück und erbrachte Datendienstleistungen für 45 bezirksgeleitete Betriebe der ganzen DDR und den Bezirkswirtschaftsrat Potsdam. Ein frühes Anwendungsbeispiel des ORZ ist die Linsenberechnung für die Optische Industrie, beispielsweise 1967 für die Firma „Dunker“ in Rathenow.[24] Das Besondere dabei war, dass erstmals in der Wirtschaft ein Robotron 100 zum Einsatz kam, ein Computer kleinerer Leistungsfähigkeit vergleichbar mit der IBM 650. Die Presse pries ihn überschwänglich als „Automatischen Optiker“ und „Rechenkünstler von der Havel“.[25] Aus dem ORZ ging 1969 der VEB Informationsverarbeitung Potsdam als ein Prototyp für die Einführung der elektronischen Datenverarbeitung in der gesamten bezirksgeleiteten Industrie der DDR hervor.

Parallel dazu existierte die Dependance des VEB Maschinelles Rechnen in der Statistischen Bezirksstelle Potsdam. Sie verfügte neben maschineller Rechentechnik ebenfalls über einen Robotron 100 und befand sich in der Puschkinallee 3. In Abbildung 1 ist dabei schön zu erkennen, wie die Datenverarbeitung in der DDR keineswegs eine Männerdomäne war. Das Bild, das sich sowohl im Neuen Deutschland als auch im Spiegel wiederfindet, zeigt die Ausbildung mehrerer Operatricen, die den Rechner bedienten und steuerten. Auch der erste Leiter des Datenverarbeitungszentrums war eine Frau. Während in der Bundesrepublik die Datenverarbeitung jenseits der Erfassung tendenziell männlicher geprägt war, so zeigt das Beispiel des Potsdamer Rechenzentrum, wie Frauen in der Digitalisierung der DDR eine wichtige Rolle spielten.[26]

Abbildung 1: Einweisung am Robotron 100 im VEB Maschinelles Rechnen Potsdam. Quelle: ND, 9.3.1968, S. 3.

Für die ambitionierten Pläne des SED-Regimes reichte die Rechenleistung der R 100 im ORZ und im VEB Maschinelles Rechnen aber bei weitem nicht aus. Daher wurden früh Planungen für ein Bezirksrechenzentrum in Potsdam aufgenommen. Sie gingen auf das Datenverarbeitungsprogramm aus dem Jahr 1964 zurück, als erstmals die Idee großer Bezirksrechenzentren festgeschrieben wurde. Erste Entwürfe machte das Regime 1966 öffentlich bekannt. Hinweise zum Standort des Rechenzentrums an der Stelle der ehemaligen Garnisonskirche finden sich erstmals in einer Vorlage für das Politbüro Ende 1967, die schließlich im April 1968 diskutiert wurde.[27] Im Januar desselben Jahres beschloss der Rat des Bezirkes den Generalbebauungsplan Potsdams, im Februar und März stimmt die Stadtverordnetenversammlung dem Bau des Rechenzentrums an der Stelle der Garnisonskirche – unter Protesten – zu. Als Begründung für den Standort führte die Vorlage unter anderem an, dass die „städtebauliche Gestaltung der Wilhelm-Külz-Straße [heute Breite Straße, d.V.] […] den Abriß der gesamten alten Bausubstanz zur Schaffung eines einheitlichen Ensembles [erfordert]. In diesem Zusammenhang ist vorgesehen, am jetzigen Standort der Ruine der ehemaligen Garnisonskirche einschließlich der Plantage das zukünftige Zentrum der elektronischen Datenverarbeitung anzuordnen. […] Die Bodenbeschaffenheit des Baugrundes erfordert diese Lösung“.[28] Der verdichtete Baugrund der ehemaligen Garnisonskirche eignete sich vortrefflich für einen Neubau, der große Gewichte zu tragen habe und erschütterungsfrei sein müsse. Insgesamt sollte Potsdam drei „Elektronenrechner“ Robotron 300 aus eigener Produktion inklusive Peripherie erhalten, jeweils einen für die VEB Maschinelles Rechnen zu statistischen und ökonomischen Zwecke, einen für die VEB Datenverarbeitung der Finanzorgane (DvF) für die Bearbeitung des Zahlungsverkehrs und einen für die Rechenbetriebe des Binnenhandels (Rebi). Jedes dieser Rechnerensembles brachte ein gehöriges Gewicht mit sich und benötigte doppelte verstärkte Böden, um dieses abzutragen. Kleinste Erschütterungen konnten Berechnungen der empfindlichen Computer und vor allem der Magnetbandgeräte stören. Der entsprechende Baugrund für diese Anforderungen, der zum Bau des Gebäudes weiter stabilisiert wurde, trug zur Standortwahl bei.[29]

Für die drei Robotron-Rechner wurde schließlich 1969 bis 1971 das „Datenverarbeitungszentrum“ mit einem Rechengebäude und einem Verwaltungsgebäude errichtet, das ein eingeschossiges Verbindungsgebäude vereinte. Gestaltet wurde es von einer Architektengruppe um Sepp Weber, nach dessen Entwürfen auch das damalige „Interhotel“ und das Gebäude der Fachhochschule Potsdam am Alten Markt entstand. Ursprünglich war ein Hochgeschossbau ähnlich einer Campanile, also der Gestalt eines Glockenturms, geplant. Als Hochgeschossbau realisierte beispielsweise der Bezirk Dresden sein Rechenzentrum. In Potsdam hätte die Gestaltungsform in ihrem Verweis auf die Vergangenheit des Ortes eine besondere Pointe gehabt. Auf Initiative der Deutschen Bauakademie sollte allerdings „vielmehr ein Flachbau angestrebt werden, dessen interessante Gliederung und Plastizität den neuen Geist unserer Zeit auch baukünstlerisch zum Ausdruck“[30] brachte. Das Politbüro stimmte der Vorlage mit explizitem Verweis darauf zu, dass in „der Stadt des Potsdamer Abkommens […] die endgültige Überwindung des preußisch-deutschen Militarismus“[31] durch die Neugestaltung des Stadtkerns erreicht werden könne. Dies kam auch im direkten Kontrast der rationalistischen, durch vertikale Bauelemente gegliederte Fassade des DVZ gegenüber der barockverspielten Fassade beispielsweise des langen Stalls zum Ausdruck (siehe Abbildung 2).

Abbildung 2: Fassadenaufriss des Datenverarbeitungszentrums und des Langen Stalls, Südseite. Quelle: Klusemann 2016, S. 164.

Bemerkenswert ist, dass die Forderung, die „Wiederholung bekannter architektonischer Lösungen aus Berlin oder anderen Städten der DDR […] zu vermeiden“[32] in einem Wiederspruch zu der Direktive des Politbüros stand, beim Aufbau der Bezirksrechenzentren auf bauliche Vorbilder zurückzugreifen. Am Gebäude des Potsdamer Rechenzentrums lassen sich also die Spannung zwischen zentraler Leitung und den Interessen der Bezirke spüren. Letztere setzten keineswegs immer nur um, was die Zentrale vorgab. Sie passten die Vorgaben an die lokalen Bedingungen und Ressourcen an.[33]

Pro Rechenzentrum veranschlagte der Ministerrat etwa 50 Millionen Mark. Sogenannter „Investverantwortlicher“ für den Bau der Potsdamer Station war das Ministerium der Finanzen, da das Datenverarbeitungszentrum neben dem Rechenbetrieb Binnenhandel und den bezirklichen Rechenaufgaben auch den VEB Datenverarbeitung der Finanzorgane beherbergte. Das Gebäude sollte rechtzeitig zum 20. Jahrestag der DDR fertiggestellt sein, was allerdings nicht eingehalten werden konnte. So berichtete der zuständige Staatssekretär im Ministerium bereits im März 1968 von Problemen beim Bau, sodass einerseits die Potsdamer Station gegenüber den anderen Bezirken zeitlich zurückgestellt wurde; gleichzeitig erhöhte er aber den Druck auf den Bezirk, Ressourcen für das strukturbestimmende Vorhaben des DVZ bereitzustellen und ihm Vorrang vor allen anderen Bauvorhaben zu geben.[34] Die Termine der Fertigstellung, der Geräteinstallation und des Beginns des Produktivbetriebes fielen auf die Jahre 1971-1972, in denen der Künstler Fritz Eisel das bekannte Mosaik an der Außenfassade anbrachte.[35]

Fritz Eisel beschrieb 1976 seine Arbeit retrospektiv als künstlerische Auseinandersetzung „mit der elektronischen Datenverarbeitung“.[36] Das Wandbild umfasst die Süd-, West- und Nordseite des Gebäudes auf einer Länge von 60 Metern mit 18 drei mal zwei Meter achtzig großen, geschosshohen Einzelbildern aus Glasmosaik. Etwas stilisiert, dennoch deutlich erkennbar stechen im Wandbild die Bedieneinheiten eines Elektronenrechners hervor, beispielsweise auf der Südseite des Gebäudes, wie in Abbildung 3 zu sehen. Die hier dargestellten Konsolen haben explizite Ähnlichkeiten zum Bedienpult eines Robotron 300 (vgl. Abbildung 3, 4 und 5).

Abbildung 3: Ausschnitt des Mosaiks von Fritz Eisel, „Der Mensch bezwingt den Kosmos“ am DVZ Potsdam. WissenschaftlerInnen vor technischen Bedienelementen. Foto: Florian Schäffer, CC BY-SA 3.0
Abbildung 4: Ausschnitt des Mosaiks von Fritz Eisel, „Der Mensch bezwingt den Kosmos“ am DVZ Potsdam. Wissenschaftler vor technischen Bedienelementen. Foto: Florian Schäffer, CC BY-SA 3.0
Abbildung 5: Elektronische Datenverarbeitungsanlage Robotron 300. Quelle: rechentechnik/datenverarbeitung 5/1971

Das Wandbild Fritz Eisels stand „inhaltlich für die Ära der wissenschaftlich-technischen Revolution, für Planungseuphorie und Technikbegeisterung“ der 1960er-Jahre. Der Künstler verband darin progressive und technizistische Motive wie die bemannte Raumfahrt, Automatisierung und Rechentechnik

„mit konventionellen Bildstrategien, etwa der großen weiblichen Figur, welche als Repoussoir den Blick des Betrachters aufnimmt und in das Bild überleitet. Sie ist gleichzeitig Appellfigur, was bereits typisch für die sozialistische Avantgardekunst war, und stellt eine Verbindung zwischen dem Bildgeschehen und den […] Betrachter[n] her, denn schließlich war das Bild nicht nur Ornament und Dekor, sondern auch aktivierendes Element im öffentlichen Raum“.[37]

Der Fortschritt im Inneren sollte künstlerisch nach außen wirken. Dies wurde dadurch unterstützt, dass auf die Fassade angebrachte senkrechte Betonelemente auf den horizontalen dunklen Fensterbändern das Stahlbetonskelett im Inneren des Gebäudes wiederspiegelten.[38] Das Mosaik „Der Mensch bezwingt den Kosmos“ und mit ihm das ganze Gebäude des DVZ steht damit in einer Linie zu jener Kunst, „in der die Leistungen, Weltanschauung und Perspektiven der siegreichen Arbeiterklasse, die großen Ideen unserer Epoche, wirkungsvoll zum Ausdruck kommen und die dazu beiträgt, sozialistisches Bewußtsein und Lebensgefühl auszuprägen“.[39]

Deutlich wird am Motiv des Mosaiks Fritz Eisels aber noch etwas Anderes: Es veranschaulicht den Zusammenhang wie auch den Übergang von einer Leittechnologie zur nächsten. In den 1960er-Jahren war es noch die Raumfahrt, die die Menschen zum Träumen brachte. Bis heute ist die Mondlandung das größte TV-Ereignis aller Zeiten. Computertechnologie hatte dabei eher eine Hilfsfunktion. Dies änderte sich im Laufe der 1970er-Jahre, als der Pragmatismus der Gegenwart die Träume ferner Welten ablöste.

Die weitere Ereignisgeschichte des DVZ Potsdam bis zur Wiedervereinigung ist schnell erzählt. Im Jahr 1976 wurde der Maschinenpark des Rechenzentrums um einen ESER-Computer EC 1040 ergänzt. Mit dem leistungsstarken Großrechner, der an das IBM System 360 angelehnt war, konnte das Portfolio des Rechenzentrums ausgeweitet werden. Im Jahr 1983 bewilligte der Bezirksrat schließlich die Anschaffung eines EC 1057, der im Jahr 1987 installiert wurde. Die Staatliche Plankommission, zuständig für die Zuteilung der Rechenmaschinen, erteilte dazu ebenfalls ihre Zustimmung. Der EC 1057 war als „letzter Großrechner“ der DDR bekannt. Hinzu kam der Einsatz von Büro- und Personalcomputern wie dem Robotron 1715.[40]

Die Aufgaben des Potsdamer Rechenzentrums

Welche Aufgaben hatte das Datenverarbeitungszentrum Potsdam, für welche Kunden wurde gerechnet? Die ungewöhnliche Doppelstruktur in Potsdam mit dem DVZ und dem VEB Informationsverarbeitung in der Bertinistraße führte zu einer Aufgabenteilung. Während in der Bertinistraße die bezirksgeleitete Industrie mit Rechenkraft versorgt wurde, übernahm das Datenverarbeitungszentrum unter der Leitung von Ursula Stralau Aufgaben für die zentrale Verwaltung. Für diese erbrachte das DVZ analog denen anderer Bezirkshauptstädte umfangreiche Datendienstleistung. Das reichte von der Bereitstellung von Rechenleistung über die Unterstützung bei der Implementation von Computerisierungsprojekte, beispielsweise in der Frage, welche Daten erfasst und wie diese standardisiert werden konnten, bis hin zum Schreiben von Programmen.[41]

Letztlich boten die MitarbeiterInnen des DVZ anderen Institutionen anwendergerechte Lösungen von spezifischen, organisatorischen Problemen. Sie erfassten, verarbeiteten und speicherten Einwohnerdaten, bestimmten Wohnraum- und Katasterdaten und erfüllten damit ihre Funktion als Statistikbehörden. Ein Kernpfeiler dieser Aufgaben war die Erfassung und Berechnung einheitlicher Daten für die DDR-Statistiken. Die Steuerung der Planwirtschaft beruhte maßgeblich auf dem Berichtswesen aus den Betrieben und Institutionen. Dementsprechend früh wurden die R 300 zu statistischen Zwecken eingesetzt, „ihre Verfahren und Projekte waren die ersten, die auf diesen Rechnern liefen“.[42] Die Daten des DVZ wurden in aggregierter Form für die Planungsentscheidungen auf Bezirks- und Republikebene verwendet.

Nicht zu vergessen ist eine zentrale Aufgabe des Datenverarbeitungszentrums Potsdams als Ausbildungsbetrieb. Dort wurden die Fachkräfte des Digitalen Zeitalters für den Bezirk Potsdam ausgebildet: Lehrlinge, ProgrammiererInnen, Operatoren und Operatricen, WartungstechnikerInnen und viele mehr. Aber auch ‚normale‘ NutzerInnen aus den Betrieben und Institutionen wurden hier geschult, in den 1980er-Jahren beispielsweise in der Verwendung von Bürorechentechnik.

Das Aufgabenspektrum des DVZ reichte aber noch deutlich weiter. Es übernahm die Lagerverwaltung im Apothekenwesen, von der Inventarkontrolle bis zur Logistik. Eine eigene Abteilung widmete sich der Routenoptimierung beispielsweise für den Transport von Holz, Erz oder Stahl einem klassischen Problem der Informatik. Die Programme waren derartig erfolgreich, dass das DVZ sie auch in den Westen verkaufte. Das Bauwesen unterstützten sie nicht nur bei der Bauplanung, sondern viel weitergehend in Organisation, Logistik und Steuerung. Da die Rechenbetriebe Binnenhandel im Datenverarbeitungszentrum aufgegangen waren, arbeiteten die MitarbeiterInnen des DVZ auch für die Handelskombinate in der computergestützten Konsumgüterverwaltung. Auch in der Landvermessung, einem weiteren klassischen Anwendungsgebiet früher Computertechnik, was das DVZ tätig. So stellten die MitarbeiterInnen für die Wasserwirtschaft Magdeburg das Flussgebiet der Bode im Harz rechnerisch dar, um die verschiedenen Witterungsbedingungen wie beispielsweise Hochwasser zu simulieren. Für all diese Zwecke schrieben sie die passenden Programmpakete oder passten die republikweit verfügbaren Lösungen an. Sie warteten die Rechentechnik und garantierten deren einwandfreie Funktionsweise.[43]

Es ist nicht nachgewiesen, dass das Datenverarbeitungszentrum auch für das Ministerium für Staatssicherheit gerechnet hat. Da die Staatssicherheit ihre eigene Infrastruktur aufbaute, die sie für ihre Zwecke zu nutzen wusste, ist eine Nutzung des DVZ unwahrscheinlich. Anzunehmen ist hingegen, dass es einen Datentransfer gab, dass also MfS-MitarbeiterInnen auf die im Datenverarbeitungszentrum gespeicherten Daten Zugriff nahmen – ähnlich wie im Westen der Bundesnachrichtendienst. Dabei hatte es das MfS im repressiven Regime der DDR und angesichts fehlender Datenschutzstandards deutlich einfacher als die Dienste anderer Länder, auf die Daten von Wirtschaft und Bevölkerung Zugriff zu nehmen.[44]

Ein auf den ersten Blick skurriles Projekt des DVZ Potsdam verdeutlicht die Bandbreite seiner Aufträge. Im Jahr 1981 arbeiteten seine MitarbeiterInnen eine Diät-Rezepturenkartei aus, die über 600 Karteikarten mit Diätrezepten und Tageskostpläne umfasste. Dabei arbeitete sie mit dem Zentralinstitut für Ernährung der Akademie der Wissenschaften der DDR in Potsdam-Rehbrücke und der Sektion Diätetik der Gesellschaft für Ernährung in der DDR zusammen. In der „Wissenschaftsstadt Potsdam“ war kommunale Datenverarbeitung also auch immer verzahnt mit den dort ansässigen Forschungsinstituten und der kommunalen Verwaltung. Hieran wird zudem deutlich: Rechenleistung war in der DDR nicht für die Bevölkerung verfügbar, sondern stets für Politik, Wissenschaft und Wirtschaft gedacht. Ihre Ergebnisse kamen der Bevölkerung letztlich indirekt zu Gute, aber stets unter den politischen Rationalen des Regimes.

Die Entwicklung des Datenverarbeitungszentrums Potsdams nach der Wiedervereinigung

Mit dem Ende der DDR und der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten standen auch die Datenverarbeitungszentren auf dem Prüfstand. Ihre Technik war nach westlichen Standards weitestgehend veraltet, so gut sie auch die Bedürfnisse des sozialistischen Staates zu stillen vermocht hatte. Es bestand ein Mitarbeiterüberhang bei ihnen und vor allem brachen die bisherigen Kunden einer nach dem anderen weg, da viele den Übergang in eine neue Zeit nicht schafften. Die Datenverarbeitung sticht allerdings als ein Bereich heraus, in dem der Übergang vom Sozialismus in den Kapitalismus bundesdeutscher Prägung beiden Seiten gut gelang. Die DDR-Technik hatte sich seit den 1960er-Jahren an westliche Standards wie beispielsweise von IBM angelehnt, sodass die ProgrammiererInnen auf beiden Seiten der Mauer sich schnell verständigen konnten. ZeitzeugInnen des DVZ Potsdam berichten davon, wie sie „sofort eine Sprache sprachen“,[45] nämlich Programmiersprache, als sie sich nach der Wende mit ihren WestkollegInnen zusammenkamen. Im Westen wiederum wurden händeringend ComputerexpertInnen gesucht, zumal sich diejenigen aus Ostdeutschland noch dadurch hervortaten, dass sie in der Lage waren, durch die bisherigen Beschränkungen der Technik besonders speichersparsam und effizient zu programmieren.

Die Geschichte des DVZ Potsdam ist paradigmatisch für die Entwicklung vieler der insgesamt 15 Bezirksrechenzentren. Während die Treuhand für einige von ihnen keinen Abnehmer fand und sie daher abwickeln musste, spezialisierten sich andere Rechenzentren auf einen bestimmten Bereich der Datenverarbeitung und etablierten sich damit als Dienstleistungs- oder Nischenanbieter. So auch in Potsdam. In der Zeit der Wiedervereinigung führte Joachim Hesse als Hauptgeschäftsführer des DVZ Potsdam die Geschicke des Betriebes. Ihm gelang es, auf den vorherigen Datendienstleistungen aufzubauen und einen größeren Vertrag mit der AOK Brandenburg abzuschließen, der ab November 1991 begann. Auf dieser Basis gründete Hesse die DVZ-Krankenkassen-Rechenzentrum GmbH Potsdam aus, als deren Geschäftsführer er bis Ende 1995 fungierte. Etwa 50 MitarbeiterInnen des DVZ konnten auf diese Art weiterbeschäftigt werden und pflegten 1,4 Millionen Datensätze von Krankenversicherten. 40 weitere MitarbeiterInnen konnten zu Kaufleuten umgeschult werden und so den „Know-how-Bedarf in den Niederlassungen der Ortskrankenkasse“[46] decken. Mit dem Auslaufen des Vertrages mit der AOK endete auch das Bestehen der DVZ GmbH; das Gebäude in der Dortustraße wurde von einer Immobilienverwaltung übernommen. Joachim Hesse machte sich als Geschäftsführer der „TBig International GmbH“ selbstständig, einer Unternehmensberatung im IT-Bereich.

Aber auch der Strang der Datendienstleistung für den regionalen Verwaltungs- und Behördenbereich, beispielsweise in Hinblick auf Statistik oder Einwohnermeldedaten, lässt sich weiterverfolgen. Hier arbeiteten Ost- und West zusammen, um die statistischen Anforderungen einer Planwirtschaft in die einer Marktwirtschaft zu überführen. In Potsdam gingen die Statistikaufgabe des DVZ kurzfristig an das „Gemeinsame Statistische Amt der Länder Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen“ über, bis die Landesämter funktionsfähig waren. 1991 ging das DVZ im Brandenburger Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik auf, unterstützt von der Landesregierung in Nordrhein-Westfalen. 2001 wurde aus dem Landesamt ein Landesbetrieb.[47] Der war dem Ministerium des Inneren zugeordnet und beschäftige etwa 500 MitarbeiterInnen. Damit wandelte sich auch das Aufgabenprofil des Betriebs hin zu Statistiken auf Landes-, Bundes- und EG-Ebene wie Verbraucherpreisstatistiken, Schulstatistiken oder Mikrozensus, die Unterstützung von Wahlen sowie im Vergaberecht, aber auch weiterhin IT-Beratung und Ausbildung auf Landesebene. 2006 entschieden sich die Länder Brandenburg und Berlin, ihre Statistikbehörden zusammenzulegen, sodass der vorgenannte Landesbetrieb 2007 aufgespalten wurde in die Teile Datenverarbeitung und Statistik. Ersterer wurden zum Landesbetrieb für Datenverarbeitung IT-Serviceaufgaben (LDS), die Statistik wurde wiederum Teil des Amts für Statistik Berlin-Brandenburg. Hintergrund waren Synergieeffekte, die bei der Zusammenlegung der Statistikämter beider Bundesländer genutzt werden sollten. Auch in anderen Bereichen kooperierten die Bundesländer immer enger. [48]

Aus dem Landesbetrieb für Datenverarbeitung und IT-Serviceaufgaben wiederum ging letztlich 2009 der Brandenburgische IT-Dienstleister (ZIT-BB) hervor, der bis heute besteht. Seine Entwicklung ist einzuordnen in die fortschreitende Digitalisierung kommunaler und regionaler Strukturen in der ganzen Bundesrepublik und deren steten Problemen. Er beschreibt sich selbst als „zentraler IT-Dienstleister für die unmittelbare Landesverwaltung. Seine Aufgabe ist es unter anderem, die sichere technische IT-Infrastruktur für das Land Brandenburg bereitzustellen und zu betreiben“.[49] Daneben bietet der ZIT-BB auch zahlreiche Bürgeranwendungen an, beispielsweise Onlineportale wie „Maerker“, mit dem sich Mängel und Verbesserungen in der Infrastruktur des Landes melden lassen, das Landemelderegister oder das Vorschriftensystem Bravors, eine Gesetzessammlung für Brandenburg. Bis Ende 2017 nutzte der ZIT-BB das Gebäude des DVZ noch als Rechenzentrum. Insgesamt wurde das Gebäude damit fast vier Jahrzehnte in seinem ursprünglichen Zweck genutzt. Im November 2017 erfolgte schließlich der Umzug des Brandenburgischen IT-Dienstleisters ZIT-BB von der Dortustraße in ein Gewerbegebiet nach Spandau mit dem Ziel, den lang gehegten Traum der Verwaltungsautomation endlich Wirklichkeit werden zulassen. Die Brandenburger Innenstaatssekretärin changierte in ihrer Eröffnungsrede euphorisch zwischen Fortschrittsoptimismus und Bürgernähe:

 „Mit dem neuen und hochmodernen Rechenzentrum des Brandenburgischen IT-Dienstleisters ZIT-BB machen wir einen großen Schritt bei der Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung in Brandenburg. […] Die Bürgerinnen und Bürger erwarten völlig zu Recht, dass die Verwaltung ihre Dienstleistungen auch online zur Verfügung stellt. Mit dem Rechenzentrum stellen wir die technischen Weichen dafür. […] Außerdem versprechen wir uns von einem e-Government-Gesetz mehr Transparenz im Verwaltungshandeln, das dank optimierter und standardisierter Prozesse effektiver und effizienter sein wird“.[50]

Die Digitalisierung hatte also auch nach vierzig Jahren nichts von ihrer Zukunftszugewandheit und den Verheißungen von Effizienz und Standardisierung verloren, nur ihr Adressat hatte sich jetzt verändert: Von der Wirtschaft zum Bürger.

Fazit, Vergleich und Ausblick

Seit dem Auszug der ZIT-BB wird das Gebäude des Rechenzentrums als „Kreativhaus“ genutzt. Das Rechenzentrum Potsdam ist damit ein Ort der zweiten Welle kreativer Nutzbarmachung zuvor ökonomisch verwendeten Raumes. In einer ersten Welle erfuhren ehemalige Orte der Industrialisierung eine Umwertung, beispielsweise Hafenanlagen wie in Köln der Medienhafen oder alte Industriehallen eine neue Nutzung als kulturelle Veranstaltungsorte.[51] In einer zweiten Stufe, die etwa in den späten 2000er-Jahren einsetzte, folgten dann ehemalige Verwaltungsgebäude. Ob es nun die durch die Computerisierung freigewordenen Hauptpostämter sind, deren große Sortierflächen in Linz 2015 dem Medienkunstfestival Ars Electronica, in Kassel 2017 dem Festival für Zeitgenössische Kunst Documenta oder seit 2014 in Oldenburg das dortige Computermuseum umfasst – stets wurde Verwaltungsraum neu genutzt. Wo früher in Potsdam etwa 200 MitarbeiterInnen Software programmierten, Verwaltungslösungen fanden und Elektronenrechner für das DVZ zum Summen brachten, gehen heute etwa 250 KünstlerInnen ihrer Arbeit nach, die „Pixel schubsen, Farben schichten, Filme drehen, Mode entwerfen, Worte finden, [und] mit Ideen Bewegung erzeugen“,[52] wie es in der Selbstbeschreibung des Rechenzentrums heißt. Nur das Mosaik an seiner Fassade verkündet noch von den berechnend-rationalen Zukunftsträumen einer Welt von morgen, die das Gestern vergessen lassen sollte.

Martin Schmitt ist promovierter Historiker. Nach seiner Tätigkeit am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) seit 2014 hat er 2019 eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Technischen Universität Darmstadt angetreten.

Quellen und Anmerkungen

  • Landeshauptarchiv 403 BfT Pdm 465, Büro für Territorialplanung des Bezirks Potsdam: „Standortgenehmigung für das Vorhaben ‚EDVA EC 1057‘ im Datenverarbeitungszentrum Potsdam“ 1983.
  • Land Brandenburg, Ministerium der Finanzen, Ministerium des Innern und für Kommunales: „Feierliche Übergabe: Neues Rechenzentrum nimmt Arbeit auf Standort in Spandau ersetzt 26 Jahre altes Rechenzentrum in Potsdam“ 2017.
  • BStU MfS – AIM 141/88 – Teil II/3, Geißler, Eberhardt: „Bericht über das Zusammentreffen mit Dr. Suhasaria und seiner Frau in Leipzig zur Frühjahrsmesse“ 1975.
  • Ministerium der Finanzen, Ministerium des Innern und für Kommunales: „Feierliche Übergabe: Neues Rechenzentrum nimmt Arbeit auf Standort in Spandau ersetzt 26 Jahre altes Rechenzentrum in Potsdam“ 2017, http://www.mik.brandenburg.de/media_fast/4055/PM_Rechenzentrum.pdf (abgerufen am 18.02.2018).
  • BArch DN 1/17437, Ministerium der Finanzen, Müller, Rudolf: „Tagung der Rationalisatoren der Räte der Bezirke und der Investverantwortlichen am 6.3.1968“ 1968.
  • BArch DE 4/25374, Ministerium für Elektrotechnik und Elektronik, Stellvertreter des Ministers: „Protokoll über den Import einer Datenverarbeitungsanlage für den VVB Leunawerke Walter Ulbricht“ 1966.
  • BArch DE 200/269, Zentralkomitee der SED, Abteilung Planung und Finanzen: „Information über Probleme bei der Errichtung von Datenverarbeitungszentren“ 1966.
  • Michalk, Manfred: „Entwicklung und Hauptaufgabe der VVB Maschinelles Rechnen“, in: Statistische Praxis 26/2 (1971), S. 65–72.
  • Neue Zeit: „Gehaltskonto in der Sternwarte“, in: Neue Zeit (1966), S. 5.
  • Neues Deutschland, Russek, Eberhard: „Elektronenrechner als Helfer für eine stabile Versorgung“, in: Neues Deutschland (1974), S. 3.
  • o.A.: „VVB Maschinelles Rechnen gebildet“, in: rechentechnik – datenverarbeitung 3/3 (1966), S. 7.
  • o.A.: „Automatischer ‚Optiker‘ berechnet Linsen. ‚Robotron 100‘ in Aktion“, in: Neue Zeit (1967), S. 4.
  • o.A.: „DVZ Potsdam schließt Service-Vertrag mit AOK Brandenburg: RZs in der DDR auf der Suche nach einem Markt“, in: Computerwoche (1990), S. 10.
  • SPIEGEL: „DDR / COMPUTER: Rechner aus dem Westen“, in: Der Spiegel (1969), S. 105–106.
  • Statistisches Bundesamt Deutschland (Hrsg.): Dokumente und Quellen zu DDR-Statistik – Grundlagen, Methoden und Organisation der amtlichen Statistik der DDR 1949 bis 1990, Wiesbaden 2001.

Literatur

  • DVZ GmbH: „25 Jahre DVZ Datenverarbeitungszentrum Mecklenburg-Vorpommern GmbH“ 2016, https://www.dvz-mv.de/static/Dvz/Dateien/PDF-Dokumente/Chronik_25Jahre_DVZ_GmbH.pdf (abgerufen am 09.01.2018).
  • Rechenzentrum Kunst- und Kreativhaus: „Das Rechenzentrum wird zwei und startet in die Zukunft“ 2017, https://rz-potsdam.de/cms/event/rechenzentrum-4-0-wir-feiern-den-zweiten-geburstag/ (abgerufen am 16.06.2020).
  • Sukrow, Oliver: „Zukunftsorte! Das Verhältnis von utopischem Denken und Kunst in der DDR der 1960er Jahre“ 2018.
  • Allahverdy, Atreju, Klusemann, Christian: „Datenverarbeitungszentrum“, in: Klusemann, Christian (Hrsg.): Das andere Potsdam: DDR-Architekturführer, Berlin: Vergangenheitsverlag 2016, S. 163–169.
  • Bergien, Rüdiger: „‚Big Data‘ als Vision. Computereinführung und Organisationswandel in BKA und Staatssicherheit (1967–1989)“, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 14/2 (2017), S. 258–285.
  • Bergien, Rüdiger: „Südfrüchte im Stahlnetz: der polizeiliche Zugriff auf nicht-polizeiliche Datenspeicher in der Bundesrepublik, 1967-1989“, in: Bösch, Frank (Hrsg.): Wege in die digitale Gesellschaft : Computernutzung in der Bundesrepublik 1955-1990, Göttingen: Wallstein Verlag 2018, S. 39–63.
  • Bergien, Rüdiger: „Programmieren mit dem Klassenfeind. Die Stasi, Siemens und der Transfer von EDV-Wissen im Kalten Krieg“, in: VfZ 67/1 (2019), S. 1–30.
  • Datenverarbeitungszentrum Potsdam, VEB Datenverarbeitung der Finanzorgane Potsdam: „Computernutzung in der DDR Das Potsdamer Rechenzentrum und die Digitalisierung in Ostdeutschland“ (2018).
  • Donig, Simon: „Vorbild und Klassenfeind. Die USA und die DDR-Informatik in den 1960er Jahren“, in: Osteuropa 59/10 (2009), S. 89–100.
  • Emmerich-Focke, Christina: Stadtplanung in Potsdam 1945 -1990, 1999.
  • Gerstung, Tobias: „Glasfaser statt Eisenbahngleis: Eine Stadt sucht ihre Zukunft – Die Geschichte des MediaParks Köln“, in: Jahrbuch des Kölnischen Geschichtsvereins 90/2009/10 (2009), S. 149–190.
  • Haase, Wolfgang: „Vom VEB Maschinelles Rechnen Erfurt zum VEB Datenverarbeitungszentrum Erfurt“, in: Stadt und Geschichte: Zeitschrift für Erfurt 27 (2005), S. 28–30.
  • Judt, Matthias: Der Innovationsprozess Automatisierte Informationsverarbeitung in der DDR von Anfang der fünfziger bis Anfang der siebziger Jahre, Berlin 1989.
  • Kaeske, Randolf: „Zeitzeugengespräch ‚Das Datenverarbeitungszentrum Potsdam in langfristiger Perspektive‘“ (2018).
  • Landesbetrieb für Datenverarbeitung und Statistik Land Brandenburg: 200 Jahre brandenburgisch-preußische Statistik, Potsdam 2005.
  • Oertel, Ingrid: „Die Einwohnerdatenspeicher der örtlichen Staatsorgane (EDS) und ihre Nutzung im Gesundheits- und Sozialwesen der DDR“, in: Historical Social Research 32/1 (2007), S. 271–304.
  • Peters, Benjamin: How Not to Network a Nation: The Uneasy History of the Soviet Internet, Cambridge, MA 2016.
  • Pracht, Erwin (Hrsg.): Einführung in den sozialistischen Realismus, 1975.
  • Rehkämper, Klaus: „‚Elektronengehirne‘ in der amtlichen Statistik von Berlin“, in: Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1+2 (2012), S. 66–74.
  • Sabrow, Martin: „Zukunftspathos als Legitimationsressource. Zu Charakter und Wandel des Fortschrittsparadigmas in der DDR“, in: Haupt, Heinz-Gerhard und Jörg Requate (Hrsg.): Aufbruch in die Zukunft. Die 1960er Jahre zwischen Planungseuphorie und kulturellem Wandel. DDR, CSSR und Bundesrepublik Deutschland im Vergleich, Weilerswist: Wallstein 2004, S. 165–184.
  • Sabrow, Martin: „Der ‚Tag von Potsdam‘ Zur doppelten Karriere eines politischen Mythos“, in: Kopke, Christoph und Werner Treß (Hrsg.): Der Tag von Potsdam, Berlin, Boston: DE GRUYTER 2013.
  • Sabrow, Martin: „Zukunftspathos und Herrschaftslegitimation in der DDR“ (2020).
  • Schmitt, Martin: „Die Digitalisierung der Kreditwirtschaft. Computereinsatz in den Sparkassen der Bundesrepublik und der DDR, 1957-1991“, Diss., Potsdam: Universität Potsdam 2019.
  • Schulze, Lothar: „Die Rechenkünstler an der Havel haben Ungläubige längst belehrt“, in: Berliner Zeitung (1970), S. 2.
  • Sobeslavsky, Erich, Lehmann, Nikolaus Joachim: Zur Geschichte von Rechentechnik und Datenverarbeitung in der DDR 1946-1968, Dresden 1996.

Anmerkungen

[1] Martin Sabrow: „Zukunftspathos und Herrschaftslegitimation in der DDR“ (2020); vgl. weiterhin Martin Sabrow: „Zukunftspathos als Legitimationsressource. Zu Charakter und Wandel des Fortschrittsparadigmas in der DDR“, in: Haupt, Heinz-Gerhard und Jörg Requate (Hrsg.): Aufbruch in die Zukunft. Die 1960er Jahre zwischen Planungseuphorie und kulturellem Wandel. DDR, CSSR und Bundesrepublik Deutschland im Vergleich, Weilerswist 2004, S. 165–184; Martin Sabrow: „Der ‚Tag von Potsdam‘ Zur doppelten Karriere eines politischen Mythos“, in: Kopke, Christoph und Werner Treß (Hrsg.): Der Tag von Potsdam, Berlin, Boston 2013.
[2] Ein Großteil der Erkenntnisse und einige Textpassagen beruhen auf meiner 2019 an der Universität Potsdam eingereichten Dissertation zur Digitalisierung der Kreditwirtschaft. Diese habe ich am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam im von Prof. Frank Bösch geleiteten Forschungsprojekt „Aufbrüche in die digitale Gesellschaft“ geschrieben. Die Arbeit wurde zudem betreut von Prof. André Steiner (ZZF Potsdam) und Prof. Martina Heßler (TU Darmstadt). Vgl. Martin Schmitt: „Die Digitalisierung der Kreditwirtschaft. Computereinsatz in den Sparkassen der Bundesrepublik und der DDR, 1957-1991“, Diss., Potsdam: Universität Potsdam 2019. Ich danke Prof. Frank Bösch für viele hilfreiche Hinweise wie beispielsweise zu dieser Formulierung und Dinah Pfau für die Korrekturen meines Textes.
[3] Vgl. Benjamin Peters: How Not to Network a Nation: The Uneasy History of the Soviet Internet, Cambridge, MA 2016.
[4] Erich Sobeslavsky, Nikolaus Joachim Lehmann: Zur Geschichte von Rechentechnik und Datenverarbeitung in der DDR 1946-1968, Dresden 1996, S. 51.
[5] Vgl. Landesbetrieb für Datenverarbeitung und Statistik Land Brandenburg: 200 Jahre brandenburgisch-preußische Statistik, Potsdam 2005, S. 32; Klaus Rehkämper: „‚Elektronengehirne‘ in der amtlichen Statistik von Berlin“, in: Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1+2 (2012), S. 66–74. Wolfgang Haase: „Vom VEB Maschinelles Rechnen Erfurt zum VEB Datenverarbeitungszentrum Erfurt“, in: Stadt und Geschichte: Zeitschrift für Erfurt 27 (2005), S. 28–30, hier S. 28.
[6] Beispiele sind hier die VVB Leunawerke BArch DE 4/25374, Ministerium für Elektrotechnik und Elektronik, Stellvertreter des Ministers: „Protokoll über den Import einer Datenverarbeitungsanlage für den VVB Leunawerke Walter Ulbricht“ 1966. Ähnlich die VVB Stahl- und Walzwerke, BArch DC 20/18359.
[7] Für diesen Abschnitt vgl. Sobeslavsky, Lehmann: Datenverarbeitung in der DDR; Schmitt: „Digitalisierung der Kreditwirtschaft“, S. 496–498.
[8] DVZ GmbH: „25 Jahre DVZ Datenverarbeitungszentrum Mecklenburg-Vorpommern GmbH“ 2016, S. 9, https://www.dvz-mv.de/static/Dvz/Dateien/PDF-Dokumente/Chronik_25Jahre_DVZ_GmbH.pdf (abgerufen am 09.01.2018).
[9] Matthias Judt: Der Innovationsprozess Automatisierte Informationsverarbeitung in der DDR von Anfang der fünfziger bis Anfang der siebziger Jahre, Berlin 1989, S. 133; Haase: „DVZ Erfurt“, S. 29.
[10] Vgl. DVZ GmbH: „25 Jahre DVZ“.
[11] o.A.: „VVB Maschinelles Rechnen gebildet“, in: rechentechnik – datenverarbeitung 3/3 (1966), S. 7. In Berlin ergab sich Anfang der 1970er-Jahre noch mal eine Sondersituation, in der die statistische von der wirtschaftlichen Datenverarbeitung getrennt wurde.
[12] Damit gehörte der Handel in der DDR ähnlich wie in der Bundesrepublik zu einem frühen EDV-Anwender. Siehe Neues Deutschland, Eberhard Russek: „Elektronenrechner als Helfer für eine stabile Versorgung“, in: Neues Deutschland (1974), S. 3.
[13] Vgl. Manfred Michalk: „Entwicklung und Hauptaufgabe der VVB Maschinelles Rechnen“, in: Statistische Praxis 26/2 (1971), S. 65–72; Ingrid Oertel: „Die Einwohnerdatenspeicher der örtlichen Staatsorgane (EDS) und ihre Nutzung im Gesundheits- und Sozialwesen der DDR“, in: Historical Social Research 32/1 (2007), S. 271–304.
[14] Sobeslavsky, Lehmann: Datenverarbeitung in der DDR, S. 74. Bestätigen diese Zahl. Es ist zu betonen, dass dies nicht nur aus der Überlegenheit des R 300 als Computer herrührte, sondern auch aus dem Fakt, dass Großanwender in der Wirtschaft diesen als zu unterdimensioniert für ihre VVB-Aufgaben ansahen und nach Großrechnern lechzten, am liebsten aus dem Westen.
[15] Sobeslavsky, Lehmann: Datenverarbeitung in der DDR, S. 85.
[16] Michalk: „Entwicklung des VVB Maschinelles Rechnen“, S. 65.
[17] Ebd., S. 66. Es ist allerdings anzunehmen, dass Michalk mit seiner Betonung dieser beiden Entschlüsse den Fortbestand seiner VVB sichern wollte. Da unter Honecker die Investitionsmittel für EDV zurückgefahren wurden, rückte er die VVB MR in seinem Artikel von 1971 stärker in die Nähe der unter Mittag gefassten Beschlüsse, der in der neuen Regierung weiter fest im Sattel saß.
[18] Ebd., S. 67.
[19] Michalk: „Entwicklung des VVB Maschinelles Rechnen“, S. 65.
[20] Vgl. Simon Donig: „Vorbild und Klassenfeind. Die USA und die DDR-Informatik in den 1960er Jahren“, in: Osteuropa 59/10 (2009), S. 89–100, hier S. 96. Auch hier besteht noch eine Forschungslücke, warum der Staatssekretärsposten aufgelöst wurde und welche Konsequenzen dies für die Digitalisierung in der DDR hatte.
[21] DVZ GmbH: „25 Jahre DVZ“.
[22] Vgl. BStU MfS – AIM 141/88 – Teil II/3, Eberhardt Geißler: „Bericht über das Zusammentreffen mit Dr. Suhasaria und seiner Frau in Leipzig zur Frühjahrsmesse“ 1975.
[23] Vgl. Michalk: „Entwicklung des VVB Maschinelles Rechnen“, S. 70–72.
[24] Nutzungsformen früher Computer in der Bundesrepublik waren ähnlich gelagert, beispielsweise ging der erste Zuse Computer an die Firma Leitz zur Linsenberechnung. Vgl. Schmitt: „Digitalisierung der Kreditwirtschaft“, S. 7.
[25] Lothar Schulze: „Die Rechenkünstler an der Havel haben Ungläubige längst belehrt“, in: Berliner Zeitung (1970), S. 2; o.A.: „Automatischer ‚Optiker‘ berechnet Linsen. ‚Robotron 100‘ in Aktion“, in: Neue Zeit (1967), S. 4.
[26] Vgl. Landesbetrieb für Datenverarbeitung und Statistik Land Brandenburg: 200 Jahre brandenburgisch-preußische Statistik, S. 32–33; SPIEGEL: „DDR / COMPUTER: Rechner aus dem Westen“, in: Der Spiegel (1969), S. 105–106.
[27] Neue Zeit: „Gehaltskonto in der Sternwarte“, in: Neue Zeit (1966), S. 5.BLHA, Rep. 530 Nr. 4156, zit. nach Christina Emmerich-Focke: Stadtplanung in Potsdam 1945 -1990, 1999, S. 169; Atreju Allahverdy, Christian Klusemann: „Datenverarbeitungszentrum“, in: Klusemann, Christian (Hrsg.): Das andere Potsdam: DDR-Architekturführer, Berlin 2016, S. 163–169.
[28] StadtA Potsdam, A 1.867, Rat der Stadt Potsdam, Bl. 28-32, zit. nach Emmerich-Focke: Stadtplanung in Potsdam 1945 -1990, S. 175.
[29] Anders ebd., die das Argument des Baugrundes als „fadenscheinig“ bezeichnet. Zu den bautechnischen Voraussetzungen vgl. Schmitt: „Digitalisierung der Kreditwirtschaft“, S. 570–574.
[30] SAPMO BArch J IV 2 / 2A – 1.293, zit. nach Emmerich-Focke: Stadtplanung in Potsdam 1945 -1990, S. 176–177.
[31] Ebd.
[32] Ebd.
[33] BArch DE 200/269, Zentralkomitee der SED, Abteilung Planung und Finanzen: „Information über Probleme bei der Errichtung von Datenverarbeitungszentren“ 1966.
[34] BArch DN 1/17437, Ministerium der Finanzen, Rudolf Müller: „Tagung der Rationalisatoren der Räte der Bezirke und der Investverantwortlichen am 6.3.1968“ 1968.
[35] Vgl. Allahverdy, Klusemann: „Datenverarbeitungszentrum“, S. 63.
[36]Ebd., S. 164–165.
[37] Vgl. Oliver Sukrow: „Zukunftsorte! Das Verhältnis von utopischem Denken und Kunst in der DDR der 1960er Jahre“ 2018. (unveröffentlichtes Manuskript)
[38] Vgl. Allahverdy, Klusemann: „Datenverarbeitungszentrum“, S. 164.
[39] Erwin Pracht (Hrsg.): Einführung in den sozialistischen Realismus, 1975, S. 83, zit. nach Sukrow: „Zukunftsorte“.
[40] Landeshauptarchiv 403 BfT Pdm 465, Büro für Territorialplanung des Bezirks Potsdam: „Standortgenehmigung für das Vorhaben ‚EDVA EC 1057‘ im Datenverarbeitungszentrum Potsdam“ 1983; Landesbetrieb für Datenverarbeitung und Statistik Land Brandenburg: 200 Jahre brandenburgisch-preußische Statistik, S. 38.
[41] Vgl. Statistisches Bundesamt Deutschland (Hrsg.): Dokumente und Quellen zu DDR-Statistik – Grundlagen, Methoden und Organisation der amtlichen Statistik der DDR 1949 bis 1990, Wiesbaden 2001, S. 42–47.
[42] Ebd., S. 42.
[43] Vgl. Randolf Kaeske, Martin Schmitt: „Zeitzeugengespräch ‚Das Datenverarbeitungszentrum Potsdam in langfristiger Perspektive‘“ (2018); Datenverarbeitungszentrum Potsdam, VEB Datenverarbeitung der Finanzorgane Potsdam, Frank Bösch, Martin Schmitt, Thomas Kasper: „Computernutzung in der DDR Das Potsdamer Rechenzentrum und die Digitalisierung in Ostdeutschland“ (2018). Randolf Kaeske stellte zudem dankenswerter Weise Brigadetagebücher aus den 1980er-Jahren zur Verfügung, die einen Einblick in die Aufgaben und das Betriebsleben des VEB DVZ Potsdam geben.
[44] Vgl. Rüdiger Bergien: „‚Big Data‘ als Vision. Computereinführung und Organisationswandel in BKA und Staatssicherheit (1967–1989)“, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 14/2 (2017), S. 258–285; Rüdiger Bergien: „Südfrüchte im Stahlnetz: der polizeiliche Zugriff auf nicht-polizeiliche Datenspeicher in der Bundesrepublik, 1967-1989“, in: Bösch, Frank (Hrsg.): Wege in die digitale Gesellschaft : Computernutzung in der Bundesrepublik 1955-1990, Göttingen 2018, S. 39–63; Rüdiger Bergien: „Programmieren mit dem Klassenfeind. Die Stasi, Siemens und der Transfer von EDV-Wissen im Kalten Krieg“, in: VfZ 67/1 (2019), S. 1–30.
[45] Datenverarbeitungszentrum Potsdam, VEB Datenverarbeitung der Finanzorgane Potsdam: „Computernutzung in der DDR“.
[46] o.A.: „DVZ Potsdam schließt Service-Vertrag mit AOK Brandenburg: RZs in der DDR auf der Suche nach einem Markt“, in: Computerwoche (1990), S. 10.
[47] Zur Eigenständigkeit ostdeutscher und den „Übernahmebestrebungen“ westdeutscher Akteure vgl. Schmitt: „Digitalisierung der Kreditwirtschaft“, S. 738–743; Landesbetrieb für Datenverarbeitung und Statistik Land Brandenburg: 200 Jahre brandenburgisch-preußische Statistik, S. 43–44.
[48] Vgl. Landesbetrieb für Datenverarbeitung und Statistik Land Brandenburg: 200 Jahre brandenburgisch-preußische Statistik, S. 43–56.
[49] Ministerium der Finanzen, Ministerium des Innern und für Kommunales: „Feierliche Übergabe: Neues Rechenzentrum nimmt Arbeit auf Standort in Spandau ersetzt 26 Jahre altes Rechenzentrum in Potsdam“ 2017, http://www.mik.brandenburg.de/media_fast/4055/PM_Rechenzentrum.pdf (abgerufen am 18.02.2018).
[50] Land Brandenburg, Ministerium der Finanzen, Ministerium des Innern und für Kommunales: „Feierliche Übergabe: Neues Rechenzentrum nimmt Arbeit auf Standort in Spandau ersetzt 26 Jahre altes Rechenzentrum in Potsdam“ 2017.
[51] Vgl. Tobias Gerstung: „Glasfaser statt Eisenbahngleis: Eine Stadt sucht ihre Zukunft – Die Geschichte des MediaParks Köln“, in: Jahrbuch des Kölnischen Geschichtsvereins 90/2009/10 (2009), S. 149–190.
[52] Rechenzentrum Kunst- und Kreativhaus: „Das Rechenzentrum wird zwei und startet in die Zukunft“ 2017, https://rz-potsdam.de/cms/event/rechenzentrum-4-0-wir-feiern-den-zweiten-geburstag/ (abgerufen am 16.06.2020).

Online seit: 6. Juni 2020

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