Die Nacht von Potsdam

Philipp Oswalt

Ein britischer Lancaster-Bomber beim Bombenabwurf

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Der „Ruf aus Potsdam“ von 2004, der grundlegend für das heutige Wiederaufbauprojekt ist, beginnt mit dem Satz: „Der Zweite Weltkrieg war bereits entschieden, als ein Luftangriff am 14. April 1945 die Potsdamer Mitte in Trümmer legte.“ Er folgt damit einer revisionistischen Sichtweise auf das Ereignis, wie sie auch Jörg Friedrich in seinem Besteller „Der Brand“ von 2002 formuliert hatte: Potsdam sei nicht aus militärischen Gründen, sondern wegen antipreußischer Ressentiments bombardiert worden. Deutlich kommt diese auch im Buch „Der Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche“ der Fördergesellschaft aus dem Jahr 2006 zum Ausdruck. Dort schreibt Reinhard Appel im Vorwort: „Die Sinnlosigkeit der Zerstörungen noch im Februar 1945 in Dresden, als der Krieg längst entschieden war, steigerte sich noch durch die erbarmungslosen Flächenbombardements auf die Kulturmetropole Potsdam im April 1945 [….] Der britische Angriff auf Potsdam war offenkundig eine brutale Strafaktion und sollte die Deutschen in ihrem historischen Kern, dem ‚Sinnbild des deutschen Militarismus‘ treffen. Dass die Engländer den Krieg gegen den deutschen Aggressor möglichst schnell beenden wollten, war legitim; aber die hergeholte Behauptung des Hauptquartiers der Royal Air Force, dass sich das deutsche Oberkommando in Potsdam niedergelassen habe, war scheinheilig, zynisch und falsch. [….T]ritt man noch auf den Gegner, wenn er schon am Boden liegt?“[1] Die gleiche Sicht vertritt auch Altbundespräsident Richard von Weizsäcker in dem Buch, der behauptet, die Bombardierung der Stadt Potsdam hätte deren „symbolischem Stellenwert“ gegolten, denn der Krieg sei bereits entschieden gewesen. Die Zerstörung der Innenstadt Potsdams bewertet er als „besonders gravierendes Erlebnis von Verbrechen und Unsinn des Krieges“.[2] Der ehemalige Staatssekretär der CDU, Botschafter und ZDF-Intendant Karl-Günther von Hase pflichtet ihm bei: Die Bombardierung Potsdams kurz vor Kriegsende sei als „bewusstes Zeichen“ eine „Bestrafung der Kriegsgegner“[3] gewesen.

Luftfoto vom 9. April 1945 mit der Markierung von vier Straßenkreuzungen, offensichtlich den Eckpunkten des Zielgebietes. Hauptziele des Angriffs waren der Potsdamer Hauptbahnhof (1) und die Arado-Werke (2). Das Potsdamer Stadtschloss (a) und die Garnisonkriche (b) lagen außerhalb des Zielgebietes.

Doch bereits 1997 hat der Historiker Hans Werner Mihan in seinem Buch „Die Nacht von Potsdam“ anhand detaillierter Quellenanalysen nachweisen können, dass die Zielsetzung der Bombardierung Potsdams eine rein militärische war und dem Potsdamer Hautbahnhof und der Rüstungsproduktion der Arado-Werke galt. Potsdams Hauptbahnhof war damals eine der noch wenigen funktionierenden Ost-West Verbindungen, über die der Nachschub von Munition und Truppen abgewickelt wurde, nicht zuletzt für die Verteidigung der Reichshauptstadt. Der Angriff der Roten Armee auf Berlin war für den 16. April 1945 geplant und wurde von der Royal Air Force durch gezielte Angriffe auf deutsche Nachschublinien unterstützt. Die schweren Beschädigungen von Garnisonkirche und Potsdamer Stadtschloss waren Kollateralschäden eines Angriffs, der auf die Munitionszüge und die Truppenbewegung für die Verteidigung Berlins zielte und diese auch erfolgreich traf. Alle Durchgangsgleise wurden unterbrochen, das Bahnhofsgebäude, Lok-Schuppen, Stellwerke wurden zerstört, ein Munitionszug explodierte, das Reichsbahnausbesserungswerk wurde ebenso wie die Arado-Flugzeugwerke schwer beschädigt. Durch „Rückkriech-Effekte“ warfen Teile der Bomberflotte ihre Sprengladungen allerdings westlich des eigentlichen Zielgebietes ab, was zu den schweren Zerstörungen in der Innenstadt, u.a. beim Schloss und der Garnisonkirche führte. Die 488 britischen Lancaster-Bomber warfen ihre 1716 Tonnen Sprengbomben aus einer Flughöhe von 6.000 Meter ab. Die bei Flächenbombardements verwendeten Brandbomben kamen nicht zum Einsatz.

Bombenabwurfbahn. DIe Bomben wurden in 6.000 Meter Höhe abgeworfen.

Jüngst wurden die Forschungsergebnisse auch vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr bestätigt. Zusammenfassend heißt es zur Nacht von Potsdam: „Es war ein rein militärischer Angriff gegen ein militärisches Ziel.“ Die Militärhistorikerin Helene Heldt schildert dies in einem Podcast, der auf der Website der Bundeswehr 2020 veröffentlicht wurde. Im Juli 2021 wird sie zudem hierzu einen Aufsatz im Online-Magazin des Arbeitskreises Militärgeschichte veröffentlichen.

Britische Minen und Sprengbomben

Auch ohne jede Kenntnis der historischen Quellen zum Luftangriff auf Potsdam ist die Formulierung „als der Krieg längst entschieden war“ in Hinsicht auf ihren revisionistischen Charakter selbstentlarvend. Bereits mit der Niederlage der Schlacht von Stalingrad im Februar 1943, noch mehr mit der Landung der Alliierten am 6. Juni 1944 war klar, dass die Wehrmacht den Krieg nicht mehr gewinnen konnte. Aber anders als zum Ende des ersten Weltkriegs, als sich deutsche Soldaten beim Kieler Matrosenaufstand im November 1918 den unsinnigen und menschenverachtenden Befehlen der militärischen Führung entzogen, kämpfte die Deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg bis zum bitteren Ende. Allein über 4,5 Mio. Deutsche, weit über die Hälfte der im Zweiten Weltkrieg getöteten deutschen Soldaten und Zivilisten, starben in den letzten beiden Kriegsjahren, als der Krieg längst nicht mehr zu gewinnen war. Doch statt zu desertieren oder in einen Generalstreik zu treten, hielten die Deutschen ihrem Führer die Treue. So mussten die Alliierten den Krieg bis zur bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 weiterführen. Auch wenn das Ergebnis des Kriegs absehbar war: Nur die Deutschen hätten die Kampfhandlungen einstellen können, nicht die Alliierten. Dass die Alliierten versuchten, ihre eigenen Verluste zu minimieren, ist nachvollziehbar. Für den Luftkrieg bedeutete dies nach anfänglichen hohen Verlusten in Folge der deutschen Flakabwehr, dass die Bomben ab Frühjahr 1942 aus einer Höhe von 7.000 bis 8.000 Metern abgeworfen wurden, um so der deutschen Abwehr zu entgehen. Dass bei den Angriffen auf militärische Ziele die Zahl der Opfer in der Zivilbevölkerung drastisch stiegen, war die bittere Konsequenz. Auch galten nicht alle Luftangriffe primär militärischen Zielen. Doch auch ein kritischer Blick auf die alliierte Luftkriegsführung führt nicht zu ihrer pauschalen Verurteilung. So bitter der Angriff auf Potsdam und die damit verbundenen Opfer waren, so wenig ist er geeignet, sich von deutscher Seite als Opfer einer „unsinnigen“, „verbrecherischen“, „kulturlosen“ oder gar „zynischen“ Handlung zu sehen.

Auswurftrichter einer Sprengbombe

Für den Wiederaufbaugedanken zur Garnisonkirche Potsdam spielt die revisionistische Sichtweise auf den Luftangriff, welche die Erkenntnisse der historischen Wissenschaft bewusst ignoriert und verleugnet, eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die Jahrestage des Luftangriffs am 14. April sind das bevorzugte Datum für die Festakte zu den Wiederaufbaubemühungen. Zu diesem Datum fanden statt:
1986: Einweihung der 2. Ausbaustufe des Iserlohner Glockenspiels
1991: Einweihung des Iserlohner Glockenspiels auf der Plantage in Potsdam
2005: Symbolische Grundsteinlegung für den Wiederaufbau mit Ministerpräsident Matthias Platzeck, Bischof Wolfgang Huber und Minister Jörg Schönbohm zum 60. Jahrestag
2020: Fertigstellung des viergeschossigen Sockelgeschosses des Kirchturms als erste Bauetappe im Wiederaufbauvorhaben zum 75. Jahrestag

Die revisionistische Geschichtsschreibung zum Luftkrieg bedient sich nicht nur der in rechtsradikalen Kreisen etablierten Narrative, sondern knüpft ebenso an die SED-Propaganda aus der Zeit des Kalten Krieges an, die ihrerseits nicht davor zurückschreckte, auf die in der Bevölkerung noch präsenten Slogans der NS-Propaganda von Joseph Goebbels zurückzugreifen. Ab 1948/1949 sprachen SED-Funktionäre von den „anglo-amerikanischen Bombenangriffen“ auf „unschuldige“[4] Städte, die militärstrategisch wirkungs- und bedeutungslos, barbarisch und kulturfeindlich gewesen seien.[5]


[1] Reinhard Appel, Andreas Kitschke: Der Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche, Köln 2006, S. 6/7
[2] Ebenda, S. 19/20
[3] Ebenda, S. 59
[4] Siehe Matthias Neutzner: Vom Anklagen zum Erinnern. In: Oliver Reinhard, Matthias Neutzner, Wolfgang Hesse (Hrsg.): Das rote Leuchten – Dresden und der Bombenkrieg. edition Sächsische Zeitung, Dresden 2005. ISBN 3-938325-05-4, S. 128–163
[5] Siehe hierzu: Gilad Margalit: Dresden und die Erinnerungspolitik der DDR, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/ioz127/, publiziert am 28.03.2006

Das Luftbild der Royal Air Force zeigt die Potsdamer Innenstadt nach dem verheerenden Bombenangriff vom 14. April 1945. Ein Teil der Bomben ging westlich des Zielgebietes nieder.

Online seit: 8. Mai 2021

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