Editorial Juni 2021: Themenschwerpunkt Nationalprotestantismus

Die neuen, im Juni 2021 veröffentlichten Texte auf dieser Plattform führen den Themenschwerpunkt Nationalprotestantismus des Lernorts Garnisonkirche ein, dem dann auch eine Reihe von Veranstaltungen und Aktivitäten im zweiten Halbjahr 2021 gewidmet sind. Bislang hat in der Wiederaufbaudiskussion die kirchliche Tradition des Ortes kaum eine Rolle gespielt, die aber für diesen Ort deutscher Geschichte wesentlich war.

Welchen Glauben symbolisiert die Garnisonkirche Potsdam?

Die Garnisonkirche war in erster Linie ein Gotteshaus. Aber für welche Art des Glaubens stand sie? Und wie steht das Wiederaufbauprojekt zu dieser Glaubenstradition? Im Jahr 2003 schrieb Alexander Gauland als Herausgeber der Märkischen Allgemeinen Zeitung noch: Der evangelischen Kirche ist dieses Erbe peinlich. Erst wollte der Potsdamer Kirchenkreis den Bau gar nicht. Dann rang er sich dazu durch, ihn für ein "Internationales Versöhnungszentrum" zu nutzen. Aber das ist alles Geschichte. Es gelang, dieses Gefühl der Peinlichkeit abzuschütteln. Bald entwickelte sich ein Stolz auf diesen Bau, und bei manchen auch auf seine Traditionen.

Was Kirche war, soll wieder Kirche sein. Der wiederaufgebaute Kirchturm wird nun – neben der touristischen Aussichtsplattform – eine Kapelle als Ort der Verkündigung des Wortes Gottes beherbergen. Die Betreiber*innen des Wiederaufbaus haben nicht unbedingt ein einheitliches Verständnis von der Kirchengeschichte dieses Orts. Aber sie haben einen kleinsten gemeinsamen Nenner: Christlicher Glaube ist per se etwas Gutes. Die Geschichte des Ortes mag zwiespältig sein. Aber das ficht den Glauben nicht an. Er wurde missbraucht, gar misshandelt, von NS-Regime, Bombenkrieg und SED-Diktatur. Oder auch von Wilhelm II., wie wenige auch noch einzuräumen bereit sind.[1]

Aber der Wesenskern der Garnisonkirche ist tadellos, ihr Bauherr war ein frommer, ja vorbildlicher Christ. Der Soldatenkönig sei friedliebend gewesen, habe „keinen einzigen Angriffskrieg“[2] geführt. In der Kirche sei durch die Vereinigung von Lutheranern und Reformierten „Toleranz ganz selbstverständlich geübt“[3] worden, und damit habe die Kirche einen „Beitrag zur Versöhnung zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft und Glaubensüberzeugungen“[4] geleistet. Zugleich stehe sie für die Versöhnung des Menschen mit Gott,[5] auf die der christliche Glaube sich gründet. Die hierzu erklingenden Worte seien zwar oft überhört worden, „weil die Botschaft von der Versöhnung sich nicht mit dem Geist der Zeit vertrug“, aber sie haben immer wieder auch Menschen ermutigt, „ihrem Gewissen zu folgen – bis hin zu denen, die sich zur Resistenz gegen das Hitler-Regime entschlossen.“[6] Diesen Worten pflichtet der ehemalige brandenburgische Ministerpräsident Manfred Stolpe bei: Als „Keimzelle des Widerstands gegen die braunen Verbrecher“ sei die Garnisonkirche der Ort gewesen, an dem "ihr Glauben gestärkt, ihr Gewissen geschärft und ihr Verantwortungsbewusstsein geformt wurde.“[7]

Für den langjährigen Schirmherren des Projektes, den brandenburgischen Innenminister Jörg Schönbohm, verkörperte die Garnisonkirche das Preußen des 18. Jahrhunderts. Als einer der modernsten Staaten der Welt habe dieser für religiöse Toleranz, Abschaffung der Folter, Pressefreiheit, Rechtsstaatsprinzip, Bescheidenheit, Pflichtbewusstsein, Friedensliebe, Bildung und Freiheit gestanden. Und „aus diesem Geist heraus soll [das Gotteshaus] wieder entstehen“.[8] Denn „die Garnisonkirche stand und steht für christliche Tugenden.“[9]

Ganz ähnlich sieht es auch der damalige Vorstandsvorsitzende der Fördergesellschaft für den Wiederaufbau Burkhart Franck. Als Ort der „preußischen Tugenden, der protestantischen Ökumene und der sittlichen Grundlagen des öffentlichen Handelns“ habe die Garnisonkirche Symbolbedeutung. Und genau diese gelte es durch einen originalgetreuen Wiederaufbau wiederzugewinnen: „Die Kirche darf also nicht in ihrem Äußeren verfremdet werden und damit ihren Charakter, ihre Aussagekraft und ihre Anziehungskraft verlieren.“[10] Und weiter: „Die Garnisonkirche ist derjenige Ort, der wie kein anderer in Deutschland zeigt, dass christlich verantwortliches Handeln die Politik weder aussparen kann oder darf.“[11]

In gleicher Weise beschwor Francks Vorstandskollege Andreas Kitschke schon Jahre zuvor die „positiven Traditionen, die von dieser Kirche ausgingen.“[12] Die wiederaufgebaute Kirche solle gemäß der Darstellung der Fördergesellschaft im Jahr 2006 als Symbolbau und Wahrzeichen Preußens „ein Ort der sittlichen und geistigen Standortbestimmung sein“ und „zur Beantwortung der Frage einladen, wie öffentliches Handeln aus christlichem Glauben abgeleitet werden kann und auf welche Werte (Preußische Tugenden) wir dabei zurückgreifen können.“[13] Auch zehn Jahre später lässt sie verlauten, die Garnisonkirche sei „der zentrale Ort der preußischen Identität“ und stehe „für christlich verantwortetes Handeln für die Gemeinschaft, für die Verbindung von christlichem Glauben und ‚preußischen Tugenden‘.“[14]

Der Tag von Potsdam hingegen war – so Andreas Kitschke – eine „Dreiviertelstunde des Missbrauchs“[15] in der so positiv gezeichneten 200-jährigen Kirchengeschichte. Der Potsdamer Stadtverordnete Wieland Niekisch (CDU) bezeichnet den Tag als „ein Unglück, [...] da haben sich Kreise, damals auch in Potsdam, verführen lassen.“ Und die Antwort darauf: „Eine Kirche und eine kirchliche Nutzung ist die beste Grundlage, wirklich wahr, sich abzuschotten gegen ideologischen und auch politischen Missbrauch.“ [16] Er folgt damit der Position von Max Klaar aus dem Jahr 2001 – „Jesus Christus ist Konzept genug“[17] –, dass sich im Zentrum des wiederaufgebauten Kirchturms eine Kapelle als Ort der Verkündigung befindet, und eben kein Ort einer kritischen Auseinandersetzung mit der Kirchengeschichte[18].

Eine Walhalla deutscher Gotteskrieger

Doch die Behauptung, dass christlicher Glaube vor politischem Missbrauch schütze, widerspricht jeder historischen Erfahrung an diesem Ort. Leider ist die Garnisonkirche spätestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts bitteres Beispiel für das Wirken des deutschen Nationalprotestantismus, der für Antisemitismus, Frankophobie, Polenhass, völkisches Denken, Rassismus, Militarismus, Demokratiefeindlichkeit und Obrigkeitsgehorsam stand. Spätestens seit der Berufung von August Ludwig Bollert im Jahr 1847 zum Hof- und Garnisonprediger der Garnisonkirche Potsdam haben nahezu alle dort wirkenden Pfarrer solche Haltungen gepredigt und Völkermord, Angriffskriege, Kriegsverbrechen und Völkerhass als Vertreter der evangelischen Kirche religiös legitimiert und gesegnet.

Es ist unerklärlich und unverantwortlich, dass die Evangelische Kirche trotz einer dreißigjährigen Kontroverse über den von ihr betrieben Wiederaufbau nicht bereit war, sich ihrer eigenen Geschichte an diesem Ort zu stellen und diese kritisch zu erforschen und aufzuklären. Im Gegenteil. Sie hat die Arbeiten unabhängiger Historiker wie Manfred Gailus, Matthias Grünzig, Linda von Keyserlingk, Hartmut Rudolph und Reiner Zilkenat[19] weitestgehend ignoriert.[20] Stattdessen haben die Aufbaubefürworter sich an einem Geschichtsbild der Garnisonkirche orientiert, wie es auch der rechtsradikale Initiator des Bauvorhabens, der ehemalige Bundeswehroffizier und bekennende Christ Max Klaar formuliert hatte.[21] Für eine kritische Befassung mit der eigenen Kirchengeschichte sah man sich wiederholt als nicht zuständig an.[22] Auch das mit Unterstützung des Kirchenkreises Potsdam von der Historikerin Anke Silomon im Jahr 2014 vorgelegte Buch zur Geschichte der Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert hat hier kaum Abhilfe geschaffen. Sie verzichtete unter anderem auf eine Analyse der Predigten zu den Kolonialkriegen und dem Ersten Weltkrieg sowie auf eine präzise Untersuchung der Vorgänge zum Tag von Potsdam. Dies ermöglichte Altbischof Wolfgang Huber die euphemistische Äußerung im Vorwort, mit der er lediglich das „Fehlen eines starken Protests gegen den mörderischen Waffengang durch die Kirchen“[23] bedauerte. Doch längst war bekannt, dass zahlreiche Prediger spätestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts den menschenverachtenden preußisch-deutschen Militarismus mit ihrem protestantischen „Glauben“ sanktionierten, befürworteten und tatkräftig unterstützten. Doch die protestantischen Kriegstreiber wurden von den Wiederaufbaubefürworter*innen entgegen den historischen Fakten quasi zu Friedensengeln und Widerstandskämpfern stilisiert, sei es der Steigbügelhalter von Hitlers Machtergreifung Otto Dibelius[24], der NS-Pfarrer Rudolf Damrath[25] oder der Divisionsprediger Bernhard Rogge, der die Kriegsverbrechen schon zur Zeit der deutschen Einigungskriege ethisch rechtfertigte.[26] 

Die Initiative Lernort Garnisonkirche und ihr wissenschaftlicher Beirat haben daher im Herbst 2020 beschlossen, die theologischen Positionen der Pfarrer der Garnisonkirche Potsdam kritisch zu analysieren und zu debattieren und hierauf einen Themenschwerpunkt im Jahr 2021 zu legen. Dieser umfasst vor allem folgende Aktivitäten:

  • Eine zweitägige Tagung „‚Gott mit uns!‘ - Das schwierige Erbe des Nationalprotestantismus“ im Dietrich-Bonhoeffer-Haus Berlin am 1./2. Oktober 2021 mit Unterstützung der Bundeszentrale für politische Bildung. Dem vorausgehend ein Vortragsabend in Kooperation mit dem Potsdam Museum am 14. September über den preußischen Generalsuperintendenten der evangelischen Kirche Otto Dibelius im Jahr 1933
  • Ein Projekt in Kooperation mit dem Projekt „Dekoloniale Erinnerungskultur in der Stadt“ (https://www.dekoloniale.de) zur Verstrickung der Garnisonkirche in die Kolonialkriege des Deutschen Reichs am Herero-Tag am 23. August 2021
  • Ein Buch des Religionswissenschaftlers Horst Junginger, welches anhand des Adlermotivs, das auch den Turm der Garnisonkirche krönte, das Verhältnis zwischen preußisch-deutschem Machtstreben und Nationalprotestantismus von seinen Anfängen bis heute skizziert. Die bebilderte Publikation erscheint im September 2021 im Verlag spector books Leipzig und wird im Rahmen des sechsten Geburtstags des Kunst- und Kreativhauses Rechenzentrum dort vorgestellt.

Zur Einführung des Themenschwerpunkts veröffentlichen wir auf dieser Webseite die folgenden kritischen Analysen sowie Originaldokumente zum Nationalprotestantimus:

Bereits in der ersten Ausgabe des Lernorts vom Sommer 2020 adressierten Texte dieses Themenfeld, so von Christoph Dieckmann, Manfred Gailus, Matthias Grünzig, Linda von Keyserlingk, Hartmut Rudolph und Reiner Zilkenat. Die Forschungsarbeit wird fortgesetzt. Der Lernort Garnisonkirche trägt aus Archiven und Bibliotheken Originaltexte der Pfarrer der Garnisonkirche zusammen und analysiert diese in ihren biografischen, zeithistorischen und theologischen Kontexten. Herzlich rufen wir Wissenschaftler*innen dazu auf, sich an dieser gemeinschaftlichen Forschungsarbeit zu beteiligen (Kontakt: redaktion@lernort-garnisonkirche.de).

Im Juli 2021 werden auf der Webseite zudem eine Reihe weiterer neuer Texte veröffentlicht, die sich mit Themen wie dem Bauherrn Friedrich Wilhelm I., dem Kapp-Putsch, der Nacht von Potsdam und zeitgenössischer Kunst zur Geschichte des Ortes befassen.

Philipp Oswalt (Redaktion Lernort Garnisonkirche)


[1] Mit Bezug auf Martin Vogel spricht Matthias Platzeck vom dreifachen Missbrauch der Garnisonkirche durch Monarchie, Nationalsozialismus und Stalinismus. Siehe: Matthias Platzeck: Wiederaufbau als Mahnung, in: Reinhard Appel und Kitschke, Andreas, Hrsg., Der Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche (Köln: Lingen, 2006)., S. 23
[2] Johann-Peter Bauer: Der Wiederaufbau der Garnisonkirche – Bekenntnis und Verpflichtung, in: Appel und Kitschke, Andreas., S. 47
[3] Ebenda, und so auch viele andere, u.a. Manfred Stolpe: Der Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche ist notwendig, in: Appel und Kitschke, S. 32 oder auch Johann-Peter Bauer, Vorsitzender der Fördergesellschaft für den Wiederaufbau in seinem Aufsatz: „Der Wiederaufbau der Garnisonkirche – Bekenntnis und Verpflichtung“, in: Appel und Kitschke, S. 47
[4] Reinhard Appel: Vorwort, in: Appel und Kitschke, S. 7
[5] Neben Appel formuliert dies auch Peter C. Bloth, evangelischer Theologe an der Humboldt-Universität und Mitglied der Synode der EKD. Siehe Peter C. Bloth: In: Die Garnisonkirche. Beiträge zu ihrem Wiederaufbau, Heft 3, hg. von Lutz Borgmann, Peter Leinemann, Potsdam 2005, S. 22
[6] Ebenda, S. 16
[7] Manfred Stolpe: Der Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche ist notwendig, in: Appel und Kitschke, S. 31/ 32
[8] Jörg Schönbohm: „Üb‘ immer Treu und Redlichkeit“, in: Appel und Kitschke, S. 35 - 37
[9] Üb‘ immer Treu und Redlichkeit. Interview mit dem Minister des Inneren des Landes Brandenburg Jörg Schönbohm zum Wiederaufbau des Turms der Garnisonkirche, in Loyal – Das deutsche Wehrmagazin, Juni 2000, wiederabgedruckt in Soldat im Volk, Juni 2000, S 152f.
[10] Burkhart Franck: Zur Symbolbedeutung, in: Appel und Kitschke, S. 96- 98
[11] Ebenda, S. 99
[12] Andreas Kitschke, Garnisonkirche, in: DIE KIRCHE - Berlin-Brandenburg, 17.12.2000
[13] Rundschreiben der Fördergesellschaft von Januar 2006, Vorlass Huber ELAB 144/1259.
[14] Flyer „Potsdamer Spitze“, ca. 2015.
[15] Andreas Kitschke, Garnisonkirche, in: DIE KIRCHE - Berlin-Brandenburg, 17.12.2000
[16] Potsdamer Stadtverordneter Wieland Niekisch (CDU) im Gespräch mit Michael Erbach, Hauptstadt TV, 16.1.2020. Bereits bei der Stadtratssitzung am 1.11.2000 sagte der Stadtverordnete Eberhard Kaputzse (CDU): „Und was gibt es Besseres gegen Missbrauch, als wenn es eben christlich-religiös genutzt wird?“
[17] Zitiert nach Papier für das Gespräch mit Herrn Oberstleutnant a.D. Max Klaar von Gregor Hohberg und Martin Vogel; Potsdam 15.5.2001, Vorlass Huber, ELAB 144/1260.
[18] Dieser ist in das dritte Obergeschoss verbannt, jenseits der Hauptbesucherströme.
[19] Siehe hierzu deren Veröffentlichungen auf der Website des kritischen Lernorts Garnisonkirche: http://lernort-garnisonkirche.de/?cat=2
[20] Im März 2021 hat die Stiftung Garnisonkirche Potsdam ihr Konzept für die künftige Dauerausstellung unter dem Titel „Glaube, Macht und Militär: Die Garnisonkirche Potsdam“ vorgelegt, die erstmals von dieser Praxis abweicht und ein kritisches Verhältnis zur Kirchengeschichte einnimmt. Doch bislang sind dieser Ankündigung noch keine weiteren Schritte gefolgt. Die öffentlichen Verlautbarungen von Stiftung und Fördergesellschaft sind seit 2004 von einem überwiegend positiven Geschichtsverständnis des Ortes geprägt.
[21] Siehe hierzu z.B. Bataillonskommandeur Max Klaar: Ansprache vor Fallschirmjägerbataillon 271, in: OTL Max Klaar, Hrsg., „Das Potsdamer Glockenspiel in Iserlohn. Festschrift zur Einweihung am 14. April 1986“ (Iserlohn, 1986), S. 21 – 28. Klaars religiöse Heimat war die Evangelische Notgemeinschaft, und er wurde von dem evangelikalen Wochenmagazin ideaSpektrum noch zuletzt 2014 unterstützt. Siehe dazu Matthias Pankau: Kommentar: Hat die Kirche kein Geld nötig? in: ideaSpektrum, Heft 18 vom 30.4.2014
[22] So verneint der Rundbrief der Fördergesellschaft von Januar 2006 das Ziel der „Vergangenheitsbewältigung“. Die Pfarrerin der Nagelkreuzkapelle Cornelia Radeke-Engst sah sich selbst als Gesprächspartnerin bei Fragen zur Kirchengeschichte als ungeeignet an und verwies auf nicht weiter benannte Historiker*innen. (E-Mail an den Autor vom 16.11.2019)
[23] Vorwort zu Anke Silomon: Pflugscharen zu Schwertern, Schwerter zu Pflugscharen. Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert, gefördert durch den Kirchenkreis Potsdam, Berlin 2014, S. 7
[24] Laut Jörg Schönbohm habe Dibelius die Garnisonkirche vor politischer Vereinnahmung erfolgreich bewahrt. Siehe Jörg Schönbohm: „Üb‘ immer Treu und Redlichkeit“, in: Appel und Kitschke, S. 39. Siehe dem gegenüber Matthias Grünzig, Für Deutschtum und Vaterland: die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert, 1. Auflage (Berlin: Metropol, 2017). S. 141 – 170. Siehe auch die Originaltexte von Otto Dibelius zum Tag von Potsdam aus dem Jahre 1933, hier wieder veröffentlicht auf  http://lernort-garnisonkirche.de/?cat=2. Oder zu seinen Kriegspredigten im Ersten Weltkrieg exemplarisch: http://lernort-garnisonkirche.de/?p=1218
[25] Maria Luise Damrath bemüht sich in einem Buch der Fördergesellschaft für den Wiederaufbau, ihren Vater Rudolf Damrath als Mitglied des Widerstands darzustellen. Maria Luise Damrath: Rudolf Damrath – Pfarrer der Garnisonkirche, in: Appel und Kitschke, S. 74-85. Siehe Demgegenüber: Grünzig. S. 208 - 214
[26] Andres Kitschke stellt die Kaiserproklamation in Versailles 1871 mit der Predigt des Garnisonkirchenpfarrers Bernhard Rogge als Akt christlicher Demut und Friedensliebe dar: Andreas Kitschke, Die Garnisonkirche Potsdam: Krone der Stadt und Schauplatz der Geschichte, hg. von der Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam e.V. (Berlin: edition q im be.bra verlag, 2016). S. 166 – 168. Tatsächlich verteidigte Bernhard Rogge das Bombardement des belagerten Paris und die damit einhergehenden zivilen Opfer und fand Mitleid mit den leidenden Kindern, Greisen und Frauen verfehlt. Rogge freute sich bei der Kaiserproklamation, dass nicht Glocken, sondern „die Batterien unserer Belagerungsartillerie“ den großen Tag einläuten.“ Rückblickend schrieb er: „Ich halte es für eine falsche Sentimentalität, über den Schaden zu jammern, den unsere Soldaten so manchen Einwohnern zugefügt haben. Im Großen und Ganzen wird man es im Gegenteil bedauern müssen, daß Frankreich die Schrecken des Krieges noch lange nicht genug empfunden hat... Ja, hin und wieder wurde sogar eine etwas zu weit gehende Schonung geübt.“ Zitiert nach Tillmann Bendikowski, 1870/71 - der Mythos von der deutschen Einheit (München: C. Bertelsmann, 2020). S. 170, 171, 260, 270. Siehe u.a. auch Reiner Zilkenat: „Ihr seid die Pioniere des gekreuzigten Heilands!“ Die Prediger der Garnisonkirche im Kaiserreich und Ersten Weltkrieg, Vortrag vom 31.10.2015, veröffentlicht:  http://lernort-garnisonkirche.de/?p=404. Zu Rogges Kriegspredigten im Ersten Weltkrieg exemplarisch: http://lernort-garnisonkirche.de/?p=1218

Pfarrer Johannes Kessler (1893-1907)

Hof- und Garnisonpfarrer an der Garnisonkirche Potsdam 1893-1907, Hofprediger und Pfarrer in Dresden

„Diese Männergemeinde hat mich immer wieder verpflichtet, ein freudiges, männliches, heldisches Christentum zu predigen, schreibt Johannes Kessler[1] über die „glücklichste Periode meines Lebens“ – seine Zeit an der Garnisonkirche Potsdam – in seiner 1935 unter dem Titel „Ich schwöre mir ewige Jugend“ veröffentlichten Autobiographie.[2]

Am Ende seines Buches gibt Kessler Rechenschaft über den innersten Kern seines Verständnisses des christlichen Glaubens, ausgehend von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen. Die „großen Wohltäter, die an der Menschheit gearbeitet und sich für sie aufgeopfert haben“[3], hätten trotz „so vieler herber Enttäuschungen“ an die Menschen geglaubt, „weil sie an Gott, an die Gottesschöpfung des Menschen glaubten“.[4] „Weil sie an das Ebenbild Gottes im Menschen glaubten, das nie ganz verlorengehen kann…“ formuliert Kessler im Anschluss für sich: „…darum heißt für mich die praktische Konsequenz dieses Menschheitsglaubens: Niemanden aufgeben!“[5]

Buchcover von Johannes Kessler: Heil Kaiser dir, Potsdam 1913

Dieser protestantische Pfarrer war in hohem Maße nationalistisch, antisemitisch, monarchistisch und militaristisch gesonnen und hat seine Gesinnung mit Energie und Kunstfertigkeit unter die Leute gebracht. Zugleich war er ein in mancherlei Hinsicht offener, kunstsinniger und hochgebildeter Bürger und Theologe. Was im ersten Augenblick als kaum vereinbarer Gegensatz erscheint, folgt nach unseren Kenntnissen durchaus einem weitverbreiteten Muster zumindest einer bis 1945 herrschenden Elite – bei genauerer Betrachtung auch über diese Jahreszahl hinaus, aber das soll nicht der Gegenstand der kritischen Betrachtung dieser Autobiographie sein.

Kritik im Jahr 2021 kann für sich in Anspruch nehmen grundsätzlich zu wissen, welche Folgen diese nationalistische, antisemitische, monarchistische und militaristische Haltung aus sich entlassen hat und sie weiß um deren Verantwortlichkeit für den Holocaust und die Gräuel zweier Weltkriege. Die Verantwortlichkeit der damals handelnden Akteure muss jedoch in den Zeitkontext eingeordnet werden. Die Haltung und Äußerungen Kesslers sollen nicht entschuldigt, wohl aber mit dem Zeitgeist korreliert werden. Vieles konnte man auch damals absehen und es gab im zeitgenössischen Diskurs durchaus andere Stimmen, die sich gegen Nationalismus, Antisemitismus, Militarismus und Sozialistenhatz wandten. Gleichwohl darf nicht übersehen werden, dass ein Mann wie Kessler sich in einer Zeitgenossenschaft und insbesondere auch in einer bürgerlichen Schicht bewegte, die extrem nationalistisch geprägt war.[6]

Kindheit und Jugend

Geboren wurde Johannes Kessler 1865 im thüringischen Dörfchen Köstritz und war somit, wie seine aus Schleiz stammenden Eltern, ein Bürger des Fürstentums Reuß jüngere Linie. Das ist deshalb erwähnenswert, weil Kessler auch mit dieser Familie alten Hochadels in gesellschaftlichen Kontakt kam[7], wie es überhaupt zu einem der Grundzüge seines Lebens gehörte, erstaunlich früh und intensiv in Kontakt zu adligen und großbürgerlichen Kreisen zu treten. In die Wiege war ihm das nicht gelegt. Sein Vater war lutherischer Pfarrer sehr konfessionalistischer Ausprägung und enger Observanz[8], dem der Sohn einen „herben Zug“ attestiert[9]. Kurz nach der Geburt von Johannes Kessler rückte der Vater aus der Diakonatsstelle in Köstritz in eine Pfarrstelle im ebenfalls thüringischen Bröckau auf, kurz nach 1871 wurde er Pfarrer in der preußischen Altmark. In dieser ländlich geprägten Umgebung wuchs Kessler auf. In seiner Autobiographie beschreibt Kessler durchaus das dörfliche Pfarrleben in seiner Beschränktheit, doch bezeichnend für seine Schilderungen auch in späteren Lebensphasen ist schon hier, dass Beobachtungen im Blick auf die soziale Lage der Menschen in seinem Umfeld keine Rolle spielen. Frömmigkeitsgeschichtlich stellt er fest, dass „…damals in den Altmärkern ein gottesfürchtiger Geist lebte“[10] und sein Vater versucht habe, „diese kirchliche Sitte zur bewussten Sittlichkeit“[11] und „das äußerliche Kirchentum zu innerlichem Christentum zu veredeln“.[12] Für seine spätere Predigttätigkeit nahm er mit: „Was der einfache Mensch versteht, ist auch für den Gebildeten das Richtige – nicht umgekehrt!“[13]. Seine letzten Schuljahre verbrachte Kessler in einer von Friedrich Wilhelm IV 1851 gegründeten christlichen, stark pietistisch geprägten Schule – das noch heute existierende Evangelisch Stiftische Gymnasium Gütersloh, von Kessler noch „Johanneum“ genannt. Der Entschluss zur Gründung war im Revolutionsjahr 1848 gefasst worden; Kessler begleitet seinen Bericht dazu mit den Worten: „In erschreckendem Maße wuchs die Entfremdung des Volkes von Religion und Moral, es brachen aber auch Heilquellen zur Gesundung des Volkes auf.“[14] Zusammenfassend stellt Kessler im Blick auf seine Kindheit und Jugend als Schattenseiten eine große Ärmlichkeit und Enge und im Johanneum eine große Strenge fest.[15]

Studium

Sein Theologiestudium verbrachte Kessler zunächst in Leipzig und dann in Berlin. In Leipzig fand er bei seiner Großtante Unterkunft. Diese lebte offensichtlich in großbürgerlichen Verhältnissen und hier begegnete der Junge vom Lande gleich in den ersten Monaten seines Studiums im größeren Familienumkreis z.B. Mitgliedern der Familien Brockhaus, Breitkopf, Baedeker u.a.[16] Vor allem begegnete er der Welt der Musik und begann, diese für sich zu erschließen. Leipzig, so beschreibt Kessler, habe in den 70er und 80er Jahren des 19. Jahrhunderts die „Führerschaft auf dem Gebiet der Musik“ gehabt und sei auf diesem Gebiet wichtiger als Berlin, München oder Dresden gewesen[17]. Kessler berichtet von zahlreichen unterschiedlichen Begegnungen mit Orgel, Thomanerchor und Aufführungen in Kirchen, Konzertsälen und Theatern; die Studenten meldeten sich als Statisten, um hier Zugang zu finden. U.a. begegnete er Johannes Brahms persönlich sowie einer ganzen Reihe von weltberühmten Musikern und Komponisten; die Berichte von solchen und ähnlichen persönlichen Begegnungen durchziehen Kesslers gesamte Autobiographie und entbehren natürlich auch nicht einer gewissen Eitelkeit. Sie machen aber neben anderen Begebenheiten deutlich, dass dieser Junge vom Lande aus ärmlichen und engen Verhältnissen plötzlich in eine Welt des Großbürgertums katapultiert worden war und es ihm offensichtlich gelang, sich hier zurecht zu finden. Zu welch einer Steigerung des Selbstbewusstseins mag ein solcher Aufstieg und Szenenwechsel für den Charakter und die Selbstwahrnehmung eines jungen Menschen geführt haben?!

Kessler wollte Musik nicht nur hören, sondern er wollte selbst musizieren. Als Kind und Jugendlicher hatte er sich das Klavierspielen autodidaktisch bis zu einer gewissen Fähigkeit, Choräle u.ä. zu spielen, beigebracht. Schon in Gütersloh aber hatte ihn das Cello begeistert und er hatte viel Zeit bei einem Cellisten verbracht, der ihm auch die Anfangsgründe der Beherrschung dieses Instruments beigebracht hatte. In Leipzig hatte er nunmehr die Gelegenheit, bei einem hervorragenden Cellisten des Gewandhaus-Orchesters Unterricht zu nehmen und bald auch Mitglied eines Orchesters zu werden. Das Cellospiel hat ihm wiederum im Lauf seines Lebens viele Türen zu gesellschaftlichen Begegnungen geöffnet, wie Kessler nicht müde wird zu beschreiben. Sein Enthusiasmus für die Musik war so groß, dass er eine Zeit lang überlegt, das Theologiestudium für die Musik an den Nagel zu hängen.

Es war Kesslers Vater gewesen, der ihm empfohlen hatte, in Leipzig das Theologiestudium aufzunehmen. Hintergrund dieses Vorschlags war, dass dort strenge Lutheraner wie z.B. Kahnis und Luthardt lehrten, auch der Alttestamentler Delitzsch gehörte für den Vater zu dieser Riege.[18] Kessler aber war von diesen Theologen enttäuscht, u.a. weil „sie … eine theologische Richtung (vertraten), die sich bewußt oder unbewußt den gesicherten Resultaten moderner Forschung verschloß“[19]. Er aber suchte Lehrer, die „…für die neuzeitlichen Probleme vorbereiten(de) und rüsten(de) Führer“ sein konnten.[20] Immer wieder begegnet man in Kesslers Werk der rundweg positiv konnotierten Figur des „Führers“; eine solche Haltung bereitet den Boden für autoritäre Führung und dann auch einen „Führerkult“. Aber deutlich wird an diesem Zitat auch, wie sehr Kessler sich von der Vaterfigur absetzen wollte und Orientierung bei den damals wissenschaftlich fortschrittlichsten liberalen Theologen suchte. Daher besorgte Kessler sich noch in Leipzig die neuesten Erscheinungen der Werke von Julius Wellhausen, Bernhard Weiß, Adolf Harnack und Albrecht Ritschl.[21] Es bleibt auch in den nächsten Jahrzehnten so, dass Kessler sich selbst als theologisch „liberal“, als begeisterter Anhänger Harnacks versteht, aber einen „positiven Standpunkt“ einnehme.[22]

Den Wechsel nach Berlin, seit wenigen Jahren Reichshauptstadt und „…im Begriff, auf fast allen Gebieten sich zur Weltstadt zu entwickeln“[23], bedeutete einen weiteren Sprung in der Biographie Kesslers, den der Stil und die Umgangsformen des Adels und der Glanz der Monarchie tief beeindruckten. „Es war die Zeit, in der der ehrwürdige Kaiser Wilhelm I., von seinem Volk umjubelt, im offenen Wagen die Linden entlangfuhr, da man dem eisernen Kanzler auf dem Weg zum Reichstag …“ und anschließend Moltke begegnete.[24] In der begeisterten Beschreibung Kaiser Wilhelms I. und des Wechsels der Schlosswache „mit klingendem Spiel“[25] wird offensichtlich, dass Kessler dem monarchistischen Schauspiel und schönem militärischen Schein vollkommen verfallen war.

Eine Weichenstellung zu einem extremen Nationalismus und Antisemitismus in den wissenschaftlichen Begegnungen Kesslers bildet seine Begeisterung für Heinrich von Treitschke, den er als „geistesmächtigen Herold des Preußentums“ apostrophiert[26], „…der Preußens Größe uns wie ein Prophet gedeutet und Preußens Geist uns eingeimpft hat…“[27] Bekanntlich vertrat Treitschke ein extrem nationalistisches und antisemitisch gefärbtes Preußenbild. 1879 löste ein Aufsatz Treitschkes in den Preußischen Jahrbüchern unter dem Titel „Unsere Aussichten“[28] den heute so genannten „Berliner Antisemitismusstreit“ aus. Zwar wendet Treitschke sich dagegen, die Judenemanzipation zurückzunehmen, doch findet sich in dem genannten Aufsatz das später von der nationalsozialistischen antisemitischen Wochenzeitung Der Stürmer vielfach genutzte Schlagwort „Die Juden sind unser Unglück“.[29]

Kessler hörte mit großer Begeisterung auch den ebenfalls hoch anerkannten in Berlin lehrenden Althistoriker Theodor Mommsen, mit dem er in Rom bei seiner ersten Italienreise „unter einem Dache“[30] wohnte, dem er als Prinzenerzieher einige Male bei gesellschaftlichen Anlässen begegnet war und mit dem spazieren zu gehen er in Rom die Gelegenheit nutzte. Kessler lässt sich über die wissenschaftlichen Fähigkeiten und Verdienste Mommsens sehr lobend aus[31], kritisiert dann aber: Mommsen „verkannte die Größe Bismarcks“ und „unterschätzte die Gefahr der Sozialdemokratie“…, die „Eifersucht Albions“ und den „Rachegeist Frankreichs“[32]. Bezeichnend ist, dass Kessler seine Auffassungen an denen eines v. Treitschke ausrichtet, nicht aber an Mommsen, der den Aufsatz Treitschkes zusammen mit anderen Wissenschaftlern sehr heftig kritisierte.[33] Immerhin hatte sich auch Kronprinz Friedrich zwischen 1879 und 1881 mehrfach öffentlich über die von Treitschke verbreiteten Ansichten empört gezeigt[34]. Selbst wenn es richtig ist, dass Menschen auch vom Zeitgeist geprägt werden, gibt es immer auch Alternativen, die in diesem Fall im direkten Umfeld Kesslers zu greifen waren und die er bewusst verwarf!

Die in Leipzig begonnene Teilnahme am gesellschaftlichen Leben in großbürgerlichen Salons setzte sich in Berlin und im Übrigen im ganzen weiteren Leben Kesslers fort,[35] wie er am Beispiel der Abende im Hause Flinsch[36] während seiner Studienzeit schildert, wo er vor allem wichtigen Figuren der Berliner Kunst- und Musikszene begegnet.

Im Studium in Berlin nimmt Kessler viele Gelehrte wahr und lobt die moderne vorurteilslose Wissenschaftlichkeit der Professoren an der theologischen Fakultät.[37] In besonderer Weise hebt er Adolf Harnack vor, dessen Wahrheitssuche, seine offene, kritische und freie Forschung jenseits eines engen Konfessionalismus sowie seine Anleitung zu eigenem Denken und Forschen.[38] Dass Kessler seine persönlichen Begegnungen mit Harnack ins rechte Licht stellt, konnte natürlich nicht ausbleiben: „Ich schätze es als einen besonderen Vorzug, daß ich nicht nur, wie viele Tausende von Studenten, zu seinen Füßen gesessen, sondern auch als Gast in seinem Hause verkehren und in mehrfachen Besprechungen Harnack persönlich nahetreten konnte“[39]. Der noch vor dem Ersten Weltkrieg u.a. in Berlin studierende Karl Barth war ebenfalls ein begeisterter Anhänger Harnacks; Barth aber wandte sich entsetzt von ihm wie von der gesamten liberalen Theologie ab wegen deren unterstützender Haltung der deutschen Kriegspolitik zu Beginn des Ersten Weltkriegs. Kessler beschreibt, dass Harnack nach dem Krieg von konservativen Kreisen vorgeworfen worden war, „…daß er, der besondere Vertrauensmann des Kaisers, mit fliegenden Fahnen in das Lager der neuen Machthaber übergegangen sei“[40] und interpretiert, dass diejenigen, die Harnack kannten, „…ihm nie eine solche charakterlose Gesinnungsschwenkung zugetraut“ hätten.[41] Pragmatisch begründet er Harnacks Haltung damit, dass dieser um der Wissenschaft willen auch den „neuen Staatsgewalten“ seine Dienste nicht versagt habe[42]. Ganz deutlich erhellt daraus, dass Kessler offensichtlich zeitlebens bei seiner monarchistischen und allem Demokratischen abholden Haltung blieb und keine andere Weichenstellung – wie etwa die Karl Barths – auch nur im Entferntesten in Erwägung zog.

Nicht nur Männer der Wissenschaft – es waren alles Männer, die Kessler beschreibt – sondern auch Kirchenmänner prägen Kessler. U.a. beschreibt er Begegnungen mit dem Hofprediger und Militäroberpfarrer des kaiserlichen Gardekorps Emil Frommel und dem Hofprediger Stoecker.[43] Frommel wurde später sein Schwiegervater, so dass Kessler auch familiär der Garnisonkirche verbunden blieb.

Cover und Buchrücken der Autobiografie von Johannes Kessler: Ich schwöre mir ewige Jugend, Leipzig 1935

Exkurs Adolf Stoecker

In Stoeckers[44] Christlich-Soziale Partei trat Kessler ein[45] und teilte dessen heftigen Antisemitismus. Da Stoecker einen großen Einfluss auch auf Kessler ausübte, sei seine Rolle hier kurz geschildert. Kessler führt seine eigene antisemitische Haltung kaum einmal aus, sondern versteckt sich z.B. hinter der zustimmenden Schilderung einer Szene während eines Vortrages Stoeckers zum Thema „Braucht Berlin ein Heine-Denkmal?“,[46] von der er scheinbar berichtet, um Stoeckers Schlagfertigkeit zu bebildern: „Plötzlich rief er: ‚Ich bitte die aufzustehen, die für ein Heine-Denkmal sind.‘ Ein Tisch mit jüdischen Literaten erhob sich. Da rief Stoecker: ‚Meine Herrschaften, da steht das Heine-Denkmal.‘ Und wie ein Taschenmesser klappte das Denkmal zusammen“.[47]

Stoecker war ein großer Agitator, der trotz seines politischen Scheiterns den deutschen Protestantismus stark beeinflusst hatte – bis in die ersten Jahre der Bundesrepublik hinein.[48] Im Interesse einer breiten Volksmission, nationalkonservativ und patriarchalisch fundiert, scheute Stoecker sich nicht, äußerst aggressiv gegen „das Judentum“ zu Felde zu ziehen. „Der Protestantismus wurde durch ihn einseitig festgelegt und antisemitisch infiziert.“[49] Viele Protestanten kämpften unter dem Einfluss Stoeckers „zielbewußt oder unreflektiert… gegen Juden, Sozialisten und liberale Demokraten. Der Parteien- und Verbandsantisemitismus hat sich in der Folgezeit vornehmlich aus den evangelischen Bevölkerungsschichten des Reichs rekrutiert“.[50] Born merkt kurz und akzentuiert an: „Mit Stoecker kam der Antisemitismus in die deutsche Politik.“[51] Das wiegt schwer, auch wenn Stoecker sich 1879 vom Rassenhass distanzierte und gleichwohl scharf das „moderne Judentum“ angriff[52]. „Gerade im Gefolge von Stoeckers Wirken erschien es als undenkbar, daß ein wahrer evangelischer Christ anderswo als rechts stehen könnte… Die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) profitierte erheblich von dieser Überzeugung, gerade durch den Kreis der Anhänger Stoeckers; aber auch in der Christlich-Demokratischen Union (CDU) spielte diese Einstellung, zumal in der Anfangsphase der Bundesrepublik, eine außerordentlich wichtige Rolle“.[53] „Stoecker schrieb 1895 in seiner autobiographischen Skizze ‚13 Jahre Hofprediger und Politiker‘…: ‚Berlin fand ich in den Händen des kirchenfeindlichen Fortschritts und der gottfeindlichen Sozialdemokratie; das Judentum herrschte in beiden Parteien. Die Reichshauptstadt war in Gefahr, entchristlicht und entdeutscht zu werden… Es schien, als wäre der große Krieg geführt, damit das Judentum Herr von Berlin sei“.[54] „Für ihn (i.e. Stoecker) stand fest, daß ‚Fortschritt und Judentum in religiöser wie in sozialer und politischer Beziehung die Demokratisierung und Sozialdemokratisierung von Berlin verschuldet haben‘“.[55]

Stoecker war bedeutsam für die Übernahme solcher Einstellungen in der Evangelischen Kirche. Er entwickelte seine Anschauungen jedoch in einem Umfeld einer neuen antisemitischen Welle: „Deutschland erlebte im ersten Jahrzehnt nach der Reichsgründung eine neue Art von Judenfeindschaft, die sich von früheren Bekundungen von Judenhass unterschied. Der traditionelle Antijudaismus sah in den Juden vor allem die ‚Gottesmörder‘, denen die Kreuzigung Christi angelastet wurde“.[56] Genau diese Form des Judenhasses finden wir auch bei Kessler; sie bildet durchaus auch eine Prädisposition für den neuen, rassistischen Antisemitismus: „Der alte religiöse Antijudaismus starb in den siebziger Jahren nicht ab. Er floss vielmehr in den ‚modernen Antisemitismus‘ mit ein, der nur insofern ‚modern‘ war, als er sich gegen das moderne, emanzipierte Judentum richtete…“[57] Die große Wirtschaftskrise der Jahre 1873 bis 1878/79, beginnend mit dem Zusammenbruch der Wiener Börse 1873[58], wurde dem damaligen Wirtschaftsliberalismus angelastet. In diesem Zusammenhang wurde gegen die Juden und das „internationale Börsenkapital“ agitiert[59], die angeblich dieses Börsenkapital beherrschten. „Mit der Wirtschaftskrise von 1873 endete jene kurze, alles in allem judenfreundliche Zeit, die mit dem Aufschwung der liberalen Bewegung um 1859 begonnen hatte“[60]. Die antisemitische Argumentationslinie reichte bis in die katholische Kirche hinein, wo der durch sein soziales Engagement weithin bekannte Bischof von Mainz, Wilhelm von Ketteler, den Kulturkampf als eine „‘freimaurerisch-jüdisch-liberale Verschwörung‘ gegen die katholische Kirche wertete“.[61]

Von Stoecker schreibt Kessler, dass er sein Leben sehr stark beeinflusst habe.[62] Stoecker habe begeisternd gepredigt und habe dabei „die Politik völlig ausgeschaltet“[63], obwohl er Politiker war, Reichstags- und Landtagsabgeordneter und Gründer der Christlich-Sozialen Partei. Als Politiker nahm Stoecker eine Außenseiterposition wahr und scheiterte schließlich. Bemerkenswert ist vor allem vor dem Hintergrund, dass Kessler die starke Beeinflussung durch Stoecker so hervorhebt. Stoeckers Verbindung von sozialem Programm mit scharfem Antisemitismus und Gegnerschaft zur Sozialdemokratie sieht Kessler klar – und voll zustimmend! „Welches waren nun die eigentlichen zerstörenden Mächte? Er (i.e. Stoecker) erkannte immer klarer: der kirchenfeindliche Fortschritt und die gottfeindliche Sozialdemokratie, und hinter beiden als beherrschende Macht das Judentum“.[64] Nach Stoeckers Sturz und Tod notiert Kessler, dass sich seine „Mahnung zur sozialen Verantwortlichkeit in Staat und Kirche durchgesetzt“ habe[65]. Dies ist eine der äußerst rar gesäten Stellen, an denen Kessler die soziale Frage im ausgehenden 19. Jahrhundert in seiner über 350 Seiten starken Autobiographie wenigstens erwähnt. Allerdings schwimmt er auch in dieser Hinsicht wie der Fisch im Wasser: Darin, dass die soziale Frage über Seelsorge und Caritas nicht Sache der Kirche sei, ist man sich weithin einig. Die Antwort auf die soziale Frage gebe die Kirche durch Seelsorge und Predigt, so der lutherische Abt des Klosters Loccum 1887.[66] Auch die Elemente des extremen Nationalismus und des Antisemitismus teilt Kessler zumindest mit sehr breiten bürgerlichen und kleinbürgerlichen Schichten des deutschen Protestantismus. Diese verhängnisvolle Disposition bleibt dominant bis mindestens in die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein, eher noch bis zu den Umbrüchen ab Mitte der sechziger Jahre hin.

Man findet jenseits der vielsagenden Anekdote zu Stoecker und dem Heine-Denkmal keine eigenständige antisemitische Argumentation Kesslers! Kessler begründet nicht, sondern schließt sich kritiklos antisemitischen Idolen an (Treitschke, Stoecker u.a.) und bewegt sich damit in der Mitte eines bürgerlichen Mainstreams. Allerdings findet man z.B. in einer seiner Kriegspredigten[67] eine lupenreine antijudaistische Argumentation, die man als Grundlage seiner antisemitischen Haltung werten muss. In seiner Predigt am Sonntag Oculi „Der schwerste Kampf – der größte Sieg“ am 7. März 1915[68] findet sich in dem Vorwurf gegen das jüdische Volk als Christusmörder ein seit Jahrhunderten – und nicht zuletzt seit Luthers antijüdischen Exzessen – bekannter, scheinbar theologisch begründeter Antijudaismus in Verschränkung mit heftiger Kritik an England, für die Kessler eine deutsch-englische Zeugin bemüht. Kessler predigt über das Thema „Versuchungen“. „Und der dritte Feind, der furchtbarste – die Sünde der Welt. Fühlen wir doch, was es für Jesum bedeutet: Israel verwirft seinen Messias. Das auserwählte Volk, an das Gott seine höchsten Gnaden gewendet, für das Jesus drei Jahre lang in unermüdlicher Liebe sich verzehrt, dies Volk stand im Begriff, seinen Retter zu erwürgen. Furchtbarste Freveltat, die je geschehen! Grausiger Gipfelpunkt menschlicher Sünde! Wir verachten dies Volk, wir verabscheuen es, hassen es vielleicht – aber Jesus konnte das nicht, er konnte nicht Trotz gegen Trotz, Haß gegen Haß stellen, er mußte dies gemeine Volk in tiefster Seele bemitleiden – warum? – weil er es liebte, mit der ganzen heiligen Glut seiner Seele liebte. Und wie unsagbar mußte diese Liebe nun leiden! Eine Deutsch-Engländerin schreibt mir in diesen Wochen, sie habe in ihrem Leben viel Schweres durchgemacht, Mann und Kinder begraben, aber das Allerschwerste, das, woran ihr Herz sich verbluten möchte, das sei die Sünde ihres Volkes, die Schmach, die England jetzt auf sich häufte; an ihrem eigenen Volke irre werden zu müssen, das möchte ihr das Herz brechen“.[69] Neben der Gefolgschaft zu antisemitischen Idolen bildet Kesslers theologischer Antijudaismus die entscheidende Grundlage für seinen Antisemitismus. Damit wurde er, wie viele andere seines Schlages, zum Wegbereiter von Auschwitz.

Immer wieder erwies sich auch die Begeisterung für die Musik und die Tatsache, dass Kessler offenbar leidlich Cello spielte, als ein Schlüssel für gesellschaftlichen Aufstieg und Karriere: Oberhofprediger Kögel, den Kessler „gleichsam… als evangelischen Papst“ apostrophiert,[70] lernte er dadurch kennen, dass er auf dessen Bitten kurzfristig und zu für ihn ungelegenem Zeitpunkt die Cellostimme im Stadtmissionskonzert[71] übernahm. Durch diese Bekanntschaft kam Kessler kurz später im Domkandidatenstift unter, wurde Hauslehrer im Gräflich Harrachschen Haus, erhielt ein Schleiermacher-Stipendium und wurde bald auf Kögels Empfehlung hin Erzieher der Kaisersöhne.

1887 macht Kessler sein erstes theologisches Examen und tritt seine erste Hauslehrerstellung an. In die Reihe der kunstsinnigen Begebenheiten reiht sich die Italienreise Kesslers ein, die er mithilfe des Schleiermacher-Stipendiums unternehmen kann und die ihn vor allem mit bildender Kunst und Malerei in Kontakt bringt[72]. Auf der Suche nach noch unbekannten Exemplaren der Acta Martyrum, die als wissenschaftlicher Auftrag mit der Italienreise verbunden war, kam Kessler u.a. auch in Kontakt mit dem mönchischen Leben in der Abtei der Benediktiner auf dem Monte Cassino.[73] Hier wie später in Gesprächen mit katholischen oder auch islamischen Theologen[74] zeigte Kessler sich als offen und interessiert an Leben und Denken der fremden Konfession ebenso wie der fremden Religion. Bei einer späteren Italienreise wird ihm die Ehre zuteil, mit Papst Pius XI persönlich in Castel Gandolfo sprechen zu können. Am Ende seines Berichtes zu diesem Erlebnis wird deutlich, dass Kessler eine „… Communio sanctorum von der Gemeinschaft der Glaubenden auch in verschiedenen Kirchengebilden“ vorschwebte.[75]

In die Zeit der ersten Italienreise als junger Mann fällt seine Ernennung zum „Zivilerzieher der kaiserlichen Prinzensöhne“, zum Prinzenerzieher.[76] Kessler berichtet, Kaiserin Auguste Viktoria habe für diese Aufgabe einen Theologen (statt eines Philologen) gewünscht. Einleitend zu dieser Lebensstation bekennt Kessler: „Die ganze militärisch-patriotische Umwelt Berlins hatten die Bewunderung und Verehrung für das Kaiserhaus in mir erweckt“[77]. Vier Jahre lang war Kessler Hauslehrer der beiden ältesten Söhne des Kaiserpaars, Wilhelm und Eitel Friedrich. Insgesamt war er 18 Jahre lang durch seine Funktionen in der kaiserlichen Familie und an der Garnisonkirche der kaiserlichen Familie persönlich verbunden. 1893 wurde er mit achtundzwanzig Jahren als Garnisonprediger nach Potsdam berufen und erhielt zusätzlich am 21. Mai 1898 den Titel eines Hofpredigers. Auf diese Weise blieb er zunächst noch gleichzeitig Erzieher der Kaisersöhne und nahm die Stelle in Potsdam wahr. Praktisch gleichzeitig mit der Übernahme der Stelle an der Garnisonkirche heiratet Kessler die Tochter des Garnisonpredigers Frommel. Diese Stellung behielt er bis 1907 bei und war dann von 1908 bis 1933 als Gemeindepfarrer an der Lukaskirche zu Dresden tätig.

Aus seinen Jahren am Hof in Berlin berichtet Kessler begeistert u.a. von Begegnungen mit Bismarck[78], Moltke[79] und Menzel.[80]

An der Potsdamer Garnisonkirche

An der Potsdamer Garnisonkirche gab es eine (kleine) Zivil- und eine (große und mit dem Militär immer größer werdende) militärische Gemeinde. Kessler war für letztere zuständig und damit „Soldatenpfarrer“ für das „1. Garde-Regiment zu Fuß“. Das brachte u.a. mit sich, dass Gläubige verschiedener Konfessionen und Religionen die Gottesdienste besuchten.

Mit Zustimmung und Begeisterung beschreibt Kessler die militärischen Epitheta ornantia dieser damals 200 Jahre alten Garnisonkirche: „Die strahlende Sonne und der zur Sonne fliegende Adler mit der Devise ‚nec soli cedit‘ ( = „Nicht (einmal) der Sonne weicht er“, erg. TP) an Kanzel, Orgel und auf der Helmstange des Turmes sind das kühne Symbol des Preußentums[81]. Die Fahnen und Standarten rings an den Pfeilern, die seit den Freiheitskriegen unsere braven Truppen geführt und zum Teil – die goldenen Kreuze bezeichnen es – mit stürmender Hand genommen haben, sind die Sinnbilder des Soldatentums. So wird diese älteste, denkwürdige Garnisonkirche gleich äußerlich als Preußens Soldatenkirche gekennzeichnet“.[82]

Kessler lobt sich sehr dafür, Zeit und Energie in den Besuch der einfachen Soldaten in ihren Kasernen gesteckt zu haben.[83] Mag man ihm die Tatsache solcher Besuchstätigkeit noch anrechnen, wendet man sich mit Grausen bei den Themen, die Kessler mit den Soldaten bespricht, wie z.B. folgenden: „Die Wahlsprüche der Hohenzollern“, „berühmte Feldherrn“, „historische Stätten“, „soldatische Tugenden“, „Fahneneid“ usw.[84] Wie schon andere urteilten, kann man nur bestätigen, dass es sich hier um die Fortsetzung der militärischen Ertüchtigung und der Stärkung soldatischer „Tugenden“ mit anderen Mitteln handelte. Einzig das Thema „Selbstmord“ fällt etwas aus der Reihe: Noch in Dresden eckte Kessler als Gemeindepfarrer bei den vorgesetzten Kirchenbehörden damit an, dass er auch Selbstmörder kirchlich bestattete.[85]

Dass er aufgrund seiner Erfahrung bei Hofe guten Zugang zum Offizierskasino hatte, glaubt man ihm gerne; das ist einerseits soziologisch nicht weiter verwunderlich – auch wenn es offenbar Kollegen gab, denen dieser Umgang wohl schwerfiel[86] – lässt andererseits aber offen zutage treten, dass dieser Militärpfarrer wie vermutlich die meisten, wenn nicht gar alle seiner Kollegen eher auf der Seite des Offizierskorps als bei den Mannschaften zu finden waren.

Immer wieder trifft man auf geradezu groteske Diskrepanzen zwischen der (Selbst)-Wahrnehmung Kesslers und den auch in seiner eigenen Autobiographie wahrzunehmenden gesellschaftlich-politischen Wirklichkeit. Die beschriebene Begeisterung für die Symbole siegreicher Kriegsführung (u.a. in der Garnisonkirche) oder Kesslers begeisterte Beschreibung Admiral Scheers als „Führernatur“, der in der Skagerrak-Schlacht gezeigt habe, dass „Albion“ nicht unbesiegbar sei, wie Kessler es ausgesprochen hetzerisch und propagandistisch darstellt[87] – all das lässt sich nicht damit in Einklang bringen, dass Kessler keinerlei „Potsdamer Militarismus“ noch „Kriegshetzerei“ oder „Kriegslüsternheit“ erlebt haben will[88]. Über viele Seiten[89] lobt Kessler Generalfeldmarschall Mackensen – nach dem Ersten Weltkrieg – für seinen „unerschütterlichen Glauben an „deutsche Größe“ und „deutsche Kraft“ und „die sichere Hoffnung des endlichen Sieges“ über allen Klee und dafür, dass er den „deutschen Wehrwillen“ gestärkt habe.[90] Bei der Beschreibung dieses später von den Nationalsozialisten für ihre Propaganda sich benutzen lassenden militärischen Führers zitiert Kessler einen Wahlspruch Mackensens: „Gott vertrauen und der eigenen Kraft“[91]! Diese völlig unbiblische Maxime dürfte der Kern der „Koppelschlosstheologie“ des „Gott mit uns“ sein, die bei Kessler immer wieder begegnet, nicht zuletzt in seinen Kriegspredigten.

Exkurs: Verabschiedung des deutschen Expeditionschors zur Niederschlagung des „Boxeraufstands“

Schon im Jahr 1900 erweist Keßler sich anlässlich seiner Predigt in der Garnisonkirche zur Verabschiedung des deutschen Expeditionskorps[91a] zur Niederschlagung des sog. „Boxeraufstands“[91b] in China als hemmungsloser Kriegsprediger. Während Keßler in seinen späteren Kriegspredigten während des Ersten Weltkriegs immer wieder das Motiv des Verteidigungskrieges heranzog – und damit der Lehre vom „Gerechten Krieg“ entsprechend den Krieg für die deutsche Seite zu legitimieren suchte – haben wir es hier mit einem Truppeneinsatz in einem überseeischen Kolonialgebiet[91c] zu tun. Gemäß dem Bericht des Potsdamer Intelligenzblattes Nr. 173 vom 26. Juli 1900[91d] spricht Keßler in seiner Eigenschaft als Hof- und Garnisonpfarrer die „letzten seelsorgerischen Worte auf heimathlichem Boden“[91e]. Als biblische Parole für die ausziehenden Truppen gibt er aus: „Wachet im Hause, seid männlich und stark!“[91f] Dieses Wort soll eine „große starke Parole“ sein, die den Soldaten „den Tod für das Vaterland erleichtert und versüßt!“[91g].  Offenbar unter Bezug auf den Mord aufständischer Chinesen an dem deutschen Gesandten v. Ketteler bezeichnet er diese als „feige Meuchelmörder“ und andressiert die Soldaten: „Ihr sollt die gepanzerte Faust sein, die hineinfährt unter die feigen Meuchelmörder. Der tausendjährige Kampf zwischen Morgen- und Abendland ist wieder ausgebrochen, es gilt nicht nur die Glieder der Kultur, sondern auch den europäischen Handel, die Fahne, die über unseren Kolonien schwebt, zu schützen! Völker Europas, wahret die heiligen Güter. Ihr seid aber auch die Streiter Gottes, die nicht ruhen dürfen, bis sein heiliges Wort für alle gilt. Nicht Friede darf werden auf Erden, bis das heilige Evangelium der Glaube aller Völker ist. Ihr seid die Pioniere des gekreuzigten Heilands! Darum Hand an das Schwert! … Es schaut auf euch der heilige Gott“[91h] (Hervorh. i. Orig.). Die Predigt endet mit den Worten: „Geht mit Gott, kämpft mit Gott, siegt mit Gott! Amen!“ Eine kleine Ironie der Geschichte, dass die deutschen Truppen zu spät in China eintrafen, weil Russen und Japaner das Gesandschaftsviertel in Peking schon entsetzt hatten und den Deutschen so das Kampfgetümmel erspart blieb.

Zu Recht urteilt Linke: „Das klingt nach heiligem Krieg“[91i] und fügt mit einem Zitat aus Keßlers Predigt an: „Und die obligatorische Belohnung wurde auch versprochen: ‚Seid männlich und seid stark, wenn es hinein geht in die Schlacht. Seid männlich und stark, wenn die Kugeln um euch sausen, und seid männlich und stark, wenn der Tod einst naht, denn ihr werdet dann die Krone des Lebens empfangen‘“[91k].

Dem Neuen Testament und der Botschaft Jesu entgegengesetzt leitet schon der Autor des Artikels im Intelligenzblatt mit einem Rachemotiv ein: „Nun ziehen sie hinaus, unserer wackeren Söhne des Vaterlandes, zu rächen die unerhörte Schmach, die im fernen Osten unserem Deutschthum von frechen Bubenhänden zugefügt wurde…“

Keßler weckt ungeniert und gänzlich unbiblisch eine Kreuzzugsstimmung, am klarsten in der Formulierung „Ihr seid die Pioniere des gekreuzigten Heilands! Darum Hand an das Schwert…“. Damit reiht er sich allerdings in eine durchweg unrühmliche christliche Tradition ein.  Er erweist sich in seiner bellizistischen Predigt als typischer Vertreter des nationalistischen Bürgertums, das in Deutschland wie bei den anderen Kolonialmächten mehr als die jeweiligen Regierungen auf den Erwerb von Kolonien drangen[91l]. Immer wieder wird in der Predigt die Parole „„Seid männlich und stark!“ skandiert. In übersteigert nationalistischer Manier spannt Keßler einen Bogen vom Krieg 1870/71 – „Ihr seid die Söhne jener Väter, die einst auf blutigen Schlachtfeldern die deutsche Einheit erkämpft“ – zum Kaiser und zu Gott selbst – „Es schaut Euer Kaiser auf Euch! Es schaut auf Euch der heilige Gott“[91,]. Auch Friedrich Wilhelm I und Friedrich der Große schaut nach den Worten Keßlers auf die ausziehenden Soldaten. Es klingen die Glocken der Potsdamer Garnisonkirche und „ein feste Burg“ wird zitiert. Wenn man Keßler so von theologisch-nationalistischem Allgemeinplatz zu Allgemeinplatz schwadronierend folgt, wundert es nicht mehr wirklich, dass dieser Mann am Hofe Wilhelms II keinen Militarismus zu entdecken vermochte, da er in dieser Tradition zu schwimmen gelernt hat wie der Fisch im Wasser.

Keßlers Kollege an der Garnisonkirche als Pfarrer der Zivilgemeinde war der um „ein Menschenalter älter(e)“ Hofprediger Rogge, der anlässlich des Sieges über Frankreich und die Gründung des Deutschen Reiches 1871 die „Weiherede“ in Versailles gehalten hatte. Keßler erwähnt heftige Spannungen zwischen ihm und Rogge, die aber offensichtlich mehr persönlicher Natur waren und nicht auf einem Gegensatz politischer oder theologischer Art schließen lassen.[92]

Im Kontext von Begegnungen mit Friedrich v. Bodelschwingh[93], den Kessler als „die Zierde unserer evangelischen Kirche“[94] wie auch als „Führernatur“ (!)[95] apostrophiert, zeigt sich, dass er statt ins Höfische und Militärische auch in die Innere Mission bzw. entstehende Diakonie hätte gehen können. Bodelschwingh wollte Kessler für die Betheler Anstalten gewinnen[96]! Allerdings darf man auch nicht die nationalistische Seite Bodelschwinghs vergessen, der den „Tag von Sedan“ als deutschen Nationalfeiertag vorgeschlagen hatte.[97] Als Nationalfeiertag den Tag der Niederlage Napoleons (2. September 1870) zu wählen – statt z.B. das Datum der Konstituierung des Deutschen Reiches 1871 – war ein Affront gegen den französischen Nationalstolz und begünstigte künftige Feindschaft.

Im Zusammenhang der Tätigkeit Bodelschwinghs mit Kranken wie auch mit Menschen, die auf der Straße lebten – Obdachlose wie auch „wandernde Handwerksburschen“ - spricht Kessler vom „Elend der Großstadt“[98]. Selbst hatte er das „Elend der Großstadt“ in Berlin im ausgehenden 19. Jahrhundert nicht wahrgenommen oder thematisiert! Später in der Dresdener Zeit taucht das Thema als Gegenstand von an Frauen delegierter „Armenfürsorge“[99] noch einmal auf, wenn er von seiner sozialdiakonisch offensichtlich sehr aktiven Frau Maria schreibt: Maria ging nachmittags mit den Kindern zu „Armen und Kranken“, „…damit sie auch Dachstübchen und Kellerwohnungen kennenlernten und soziales Herz und soziales Gewissen bekämen…“[100].

Pfarrer Johann Kessler, 1933, Q: Archiv der Lukaskirche Dresden Sig. 294
Pfarrer Johann Kessler, 1933, Q: Archiv der Lukaskirche Dresden Sig. 294

Dresdener Gemeindepfarrer, der „Tag von Potsdam“ und Kriegspredigten

Den „Tag von Potsdam“ (21. März 1933)[101] erlebt Kessler als Dresdener Pfarrer im Übergang zu seinem Ruhestand.[102] Keine Spur von Distanz zu diesem gelungenen Propagandacoup der Nationalsozialisten ziert die Beschreibung des Erlebnisses, das für Kessler „…gewissermaßen den Höhepunkt meiner Erinnerungen an diese Kirche (i.e. die Garnisonkirche, TP) bildet“[103]. Kessler beschreibt diesen Tag als einen, „…der nicht nur für diese alten Soldatenkirche einen Ehrentag bedeutete, sondern in der Geschichte unseres deutschen Volkes ein Tag von erhabener Größe und ungeheurer Wucht war, ein tiefer Einschnitt in der Geschichte unseres Vaterlandes, ein Tag, an dem es uns war, als würden die Türen einer alten Zeit zugeschlagen und die Tore einer neuen Zeit aufgesprengt“[104]. „Meine Freude war groß, als ich in Dresden hörte, daß mein altes Potsdam zum Schauplatz der feierlichen Proklamation des Dritten Reichs bestimmt worden sei…“[105] „Und noch höher schlug mein Herz, als ich vernahm, daß das neue Reich seine Weihe, gleichsam seine Taufe erhalten sollte in meiner lieben alten Garnisonkirche“.[106] In diesen Worten beschreibt Kessler, der von Reichspräsident Hindenburg persönlich zur Teilnahme an der Feier eingeladen wurde,[107] die theologische und geschichtliche Deutung, die der Garnisonkirche gegeben werden sollte: Sie diente der „Taufe“ des „Dritten Reiches“, der Taufe der nationalsozialistischen Ideologie! In der Darstellung der propagandistisch geschickt inszenierten Demutsgeste Hitlers gegenüber Hindenburg findet Goebbels in Kessler einen perfekten Interpreten: „Hitler verneigte sich vor Hindenburg, sie reichten sich die Rechte und sahen einander still und tief in die Augen. Da fühlten wir unmittelbar: jetzt vereinigen sich zwei Mächte, zwei Zeiten, zwei Welten: das reife Alter und die männliche Jugend, die ehrwürdige Vergangenheit und die sich anbahnende Zukunft, der Heerführer mit dem Blücherkreuz und der Volksführer mit dem Hakenkreuz, der soldatische, aristokratische, konservative Volksheros und der Mann aus dem Volke, der unerbittliche Kämpfer, der Bahnbrecher eines neuen Reichs…“[108].

Publikationscover von Furchtlos und treu. Erste Sammlung von Predigten und Ansprachen in den Kriegstagen 1914, gehalten von J. Keßler, Dresden 1914

Wie schon mehrfach erwähnt, ist Keßler nicht nur empfänglich für Führergestalten, sondern sucht aktiv nach „Führern“ und ist somit sicherlich auch mitverantwortlich für einen Führerkult. Zu seiner Darstellung des „Tages von Potsdam“ passt seine Wahrnehmung Hindenburgs: „Wie es… mit den Alpenbergen ist, daß, je näher man an sie heranwandert, sie um so majestätischer, ehrfurchtgebietender werden, so ist es auch mit manchen ‚Größen‘. Im vertrauten Verkehr, in den Wänden ihres Hauses, in ihrer Berufsarbeit gewinnen sie nur, wachsen empor ins Übermenschliche. Hindenburg gehört zu diesen“.[109]

Auch für seine Zeit als Dresdener Gemeindepfarrer muss man festhalten, dass Keßler sich nicht nur als Prediger, sondern auch als Seelsorger verstand. Es war ihm wichtig, nicht nur in „Sprechstunden“ ansprechbar zu sein, wie manche seiner Kollegen und er achtete sehr darauf, z.B. alle Konfirmandeneltern zu besuchen und alle Kasualbesuche zu Hause bei den Familien zu machen[110]. Den ersten Weltkrieg erlebt Kessler zunächst als Dresdener Gemeindepfarrer. Er bemüht sich aber intensiv darum, als Militärpfarrer an der Front eingesetzt zu werden, was er nach einigen Widerständen durch die persönliche Fürsprache von Wilhelm II erreicht[111]: Er wurde als Divisionspfarrer eingesetzt, zunächst in Frankreich.

Publikationscover von Durch Gott zum Sieg. Zweite Sammlung von Predigten und Ansprachen in den Kriegstagen 1914, gehalten von J. Kessler, Dresden 1914

In seiner Autobiographie berichtet Kessler von einer Kriegspredigt, die er an Weihnachten 1915 (?) in der Kathedrale zu Lille zum Thema „Friede auf Erden“ gehalten hat[112]. Er legt dieses „Weihnachtswort“ dahingehend aus, dass „der Herzensfriede“ gemeint sei, es gehe nicht um „schwächliche, leidensscheue Friedenssehnsucht“ und „Allerweltspazifismus“[113]. Die beiden nächsten Kriegsweihnachten befindet sich Kessler in der gleichen Funktion in Russland.

Ein Charakteristikum seiner Theologie wie seiner ganzen Weltsicht – man kann auch sagen: seines Charakters – war offensichtlich die Verachtung alles Schwachen. Deutliches Signal ist schon die eingangs zitierte Aussage Kesslers, er habe sich verpflichtet gefühlt, ein „…männliches, heldisches Christentum zu predigen“.[114] Selbst im Blick auf Jesus spricht Kessler von seinem „Kampf und Heldentod“.[115] Vollends deutlich wird diese Linie in Kriegspredigten, die Kessler noch in Dresden hält.[116] In diesen Predigten wird Gott in erschreckender Klarheit für den Krieg und soldatische Tugenden funktionalisiert. Auch dort, wo Kessler vom Grauen des Krieges u.a. angesichts von Lazaretterfahrungen spricht, wird einerseits die Schuld an den Schrecken des Krieges den feindlichen Mächten zugeschoben: „Wehe den charakterlosen Fürsten, wehe den gewissenlosen Diplomaten, die solches Herzeleid heraufbeschworen! Es wird ihnen einmal schwer werden, solche Blutschuld zu verantworten vor dem Richterstuhle des heiligen und gerechten Gottes!“[117]. Aus dem Kontext geht glasklar hervor, dass die Fürsten und Diplomaten der gegnerischen Mächte gemeint sind;[118] kein Gedanke, dass ebendieser Schuldfrage sich auch die deutsche Elite einmal stellen müsste. Und andererseits wird der Krieg, eben noch in der Hand der Menschen eine „furchtbare Brandfackel“,[119] „…zu einer Zuchtrute, mit der er, der heilige Gott, das Unheilige straft und richtet und vernichtet“.[120] Und Gott führt auf geheimnisvolle Weise durch den Krieg alles zum Besseren: „Der Krieg erzeugt wieder Helden, ungezählte Helden, auch wenn keine Kriegschronik ihre Namen nennt. Der Krieg weckt wieder und steigert und vollendet die hehren Tugenden, die Schmuck und Ehre des echten Mannes sind: „Treue“, „Selbstverleugnung“, „Gemeinsinn“ usw..[121] „Schulter an Schulter verwachsen sie zu einem Leib, zu einer Seele; Todesmut – sie gehen in den Kugelregen, als gings zum fröhlichen Fest!“.[122]

Publikationscover von Licht und Kraft. Fünfte Sammlung von Predigten und Ansprachen in den Kriegstagen 1914/15

Auch der Bericht Kesslers von der Bestattung Gefallener spiegelt die Funktionalisierung biblischer Motive für das Militärische und das Lob der „männlichen Stärke“ wider: „…mit ihrem soldatischen Gepräge entsprechen sie (i.e. diese Bestattungen, TP) ganz dem Geist des Krieges – kein sentimentales Lied, kein wehleidiges Wort, keine rührselige Stimmung; das markige Arndtsche Lied ‚Ich weiß, an wen ich glaube‘, die Ansprache auf den Klang gestimmt: ‚Der Tod ist verschlungen in den Sieg‘, und nach dem Segen ein fröhlicher Marsch“.[123]

Reinste Kriegstheologie spricht auch aus den überheblichen Worten, mit denen Kessler so tut – anders lässt sich das nicht formulieren – als würde er die neutestamentliche Weisung „Überwindet das Böse mit Gutem“ in diesen Kriegszeiten adaptieren: „…es ist unsere Pflicht, unsere Ehrenpflicht, die wir als Deutsche zu erfüllen haben. Hier gilt es zu beweisen, daß wir keine barbarischen Russen, keine fanatischen Belgier sind, sondern Deutsche mit deutscher Ehrlichkeit, mit deutscher Ritterlichkeit, mit deutschem Gewissen. Hier gilt’s zu beweisen, daß wir allen Ernstes an den hehren Beruf unseres deutschen Volkes glauben, daß wir vertrauen, dass es zu einem Licht und Salz in der Völkerwelt von Gott ausersehen ist, daß es uns keine Phrase ist, daß einst an dem deutschen Wesen soll die ganze Welt genesen. Das kann nur geschehen, wenn wir besser, edler, gerechter sind, wenn wir sie durch unsere sittliche Überlegenheit beschämen und richten und so das Böse mit Gutem überwinden“.[124]

Vergleichbare Argumentationsweisen wie geschildert findet sich in sehr vielen von Kesslers Kriegspredigten: Zentrale Bibelstellen werden mit den Themen Sieg, Heldentum, Pflicht usw. verknüpft. Vermutlich betrieb Kessler nach eigener Auffassung „biblische Theologie“, denn alle seine Ausführungen in den Kriegspredigten sind mit vielfältigsten Bibelzitaten gespickt! Der Friedenswille der deutschen Führung wird immer wieder hervorgehoben. Deutlich wird auch immer wieder die große Friedensliebe des Kaisers gepriesen, wie z.B. in Kesslers Predigt zum 25jährigen Regierungsjubiläum Kaiser Wilhelm II: „‘Meine Liebe zu dem deutschen Heere und meine Haltung zu demselben wird mich niemals in Versuchung führen, dem Lande die Wohltaten des Friedens zu verkümmern‘. Die königlichen Versprechen hat er voll und ganz eingelöst“.[125] Gott will, dass wir Frieden halten, aber der Krieg wurde dem Deutschen Reich bösartig aufgezwungen. Eigentlich, so Kessler, sollten „Christenvölker“ statt sich zu „…zerfleischen und einander (zu) vernichten“ „…in edlem Wettstreit um die hohen Kulturgüter kämpfen“.[126] „Muß uns nicht Trauer ergreifen, wenn wir denken an all das unsagbare Elend, das ein solcher beispielloser Weltbrand in seinem Gefolge hat, an all die Wunden, die dieser Völkerkrieg schlägt und die wohl niemals ganz heilen werden? Ob es von Ihm, dem Friedefürsten, nicht doch in diesen Tagen heißt: Er sah die Christenheit an und weinte über sie? – Aber wir trauern nicht nur – wir zürnen in heiligem Zorn…“[127]. Eindringlich verweist Kessler auf die „Nachtseiten“ des Krieges, die ungeheure Vernichtung von materiellen und „sittlichen Werten“[128] – mit dem Ziel, dass „heiliger Ernst“ der Unterton der Siegesfreude auf deutscher Seite sein müsse.[129] Zusammenfassend gibt Kessler seiner nationalistischen Hoffnung im Blick auf die Kriegsziele wie auch auf die mit der Kriegserfahrung verbundenen volksmissionarischen Folgen[130] Ausdruck. „Wir hoffen so zuversichtlich, daß unser deutsches Vaterland in neuer Herrlichkeit aus diesem Weltbrande hervorgehen wird, neuerstarkt nach außen, frei und ungehindert auf Weltmeer und Weltmarkt, deutschen Geist und deutsche Kraft auszuwirken unter den Völkern; neuverjüngt im Innern, frei geworden von Geldsucht und Genußsucht, los gekommen von Klassenhass und Parteihader, geläutert von Vaterlandslosigkeit und Opferscheu, wiedergeboren zu neuem religiös-sittlichen Leben…“[131].

Zumindest zu Beginn des Krieges ist Kessler auch zu einer gewissen differenzierenden „Ritterlichkeit“ fähig, die nicht einfach blindem Hass seinen Lauf lässt. Unter dem Titel „Sei getreu“ predigt er am 9. August 1914 zum Thema „Treue“, mit dem er eine besondere deutsche Eigenschaft hervorzuheben meint: „…des deutschen Volkes Ruhm und Ehre, Krone und Kleinod war allezeit die Treue“.[132] „Mögen andere Völker andere Vorzüge haben – auch wenn sie unsere Feinde geworden, verkleinern und verlästern wir sie nicht…“.[133] Diese anderen Völker tragen aber aus der Sicht Kesslers die alleinige Kriegsschuld, weil sie Deutschland den Aufstieg zur „Weltmacht“[134] nicht vergönnten: „Deutschland muss geschwächt, niedergeworfen, wenn möglich vernichtet werden! Das ist der wahre Grund des Krieges, alles andere sind heuchlerische Vorwände, elende Masken. Nieder mit Deutschlands Weltmacht! Das ist die schwarze Seele dieses freventlichen Krieges“[135]. Hier wird schon das Interpretationsmodell von Versailles und der Grund des Revanchismus gelegt, der die nächsten Jahrzehnte die Politik aller Konservativen bis hin zu den Rechtsradikalen für Deutschland bestimmen sollte.

Am Sonntag Invocavit 1915[136] predigt Kessler unter dem Titel „Verklärung“ über das Thema „Der Leidensweg – ein Verklärungsweg“.[137] Jesu Leidensweg, den dieser „mit Heroismus“[138] geht, führt zu seiner „inneren Verklärung“.[139] Diese Wegvorstellung „vom Leiden zur Verklärung“ wird unmittelbar auf den Weg des deutschen Volkes im Krieg übertragen: Der Krieg ist „Passionszeit für unser Volk. Trotz all des Erhabenen, wozu der Krieg uns begeistert, trotz all der Siege, für die wir auch heute wieder Gott danken…“[140] „Wir leiden unter den furchtbaren Todesopfern, die der Krieg gefordert und noch fordern wird, unter den unsäglichen Leiden, die die Lazarette, die Gefangenenlager, all die verwaisten Stätten in sich schließen; wir leiden unter der furchtbaren Macht der Sünde, welche die halbe Welt in ein Schlachtfeld verwandelt und das Meer blutrot färbt und die Dämonen entfesselt. Aber in dieser Leidenszeit soll es heißen: Deutsches Volk, die Stunde ist da, da dich Gott verklären will!“.[141] Mit dröhnenden Worten bekräftigt Kessler, dass wir es zu tun haben mit der „…entscheidungsschwere(n) Feuertaufe, in der Gott unser Volk läutern will von so manchem Schaden… und durch gewaltige Hammerschläge es schmieden und stählen will zu dem Werkzeuge, mit dem er sein Reich weiterbauen kann in der Welt“.[142]

Kessler braucht keine Hasstiraden gegen andere Nationen: Die religiöse Überhöhung, die kurzschlüssige Identifikation des deutschen Volkes mit dem Volk Gottes, ja, mit dem Werkzeug zur Auferbauung des Reiches Gottes in der Welt, enthebt ihn dessen. Denn mit dieser Denkfigur hebt Kessler das deutsche Volk kategorial über alle anderen Völker! Der Kampf gegen sie und ihre Unterwerfung wird zum gottgegebenen „Beruf“ des deutschen Volkes, dazu hat Gott die Deutschen erwählt. So geht es immer weiter! „Wenn nicht alle Zeichen trügen, bekommt unser Volk einen neuen Weltberuf größer noch als in den Tagen der Reformation und in der Zeit der Befreiungskriege. Nicht nur deutsche Arbeit, deutsche Kultur, deutschen Geist gilt es hineinzutragen in die Völkerwelt, nein, Größeres noch: Deutschen Glauben, recht verstanden den deutschen Gott. Alle Lande sollen seiner Ehre voll werden“.[143] Das sind Aussagen, an die rund zwanzig Jahre später die „Deutschen Christen“ gut anknüpfen können. Es bleibt mir allerdings auch im Umfeld der theologischen Argumentation Kesslers ein Rätsel, wie er sich hier zu der Aussage eines „deutschen Gottes“ versteigen kann.

Schlussgedanken

In seiner Selbstwahrnehmung hat Kessler sich im Glauben als „pontifex“, als „Brückenschläger“ verstanden. „Ich habe in Atheisten und Pantheisten, Dissidenten und Zweiflern nie Gegner gesehen, sondern Brüder, und habe sie nicht gemieden, sondern gesucht und mit ihnen manche für mich selbst wertvolle Aussprache gehabt. Ich habe mir selbst gegenwärtig gehalten, daß kein einziger im vollen Besitz der religiösen Wahrheit ist, sondern daß wir alle Sucher sind“.[144] Diese Selbstwahrnehmung, die durchaus auch zu dem eingangs zitierten Satz des Niemanden aufgeben!“ als Quintessenz christlicher Praxis passt[145] ist kaum vereinbar damit, dass Kessler gleichzeitig einem monströsen kriegerischen Nationalismus frönt.

Diese Differenz in der Haltung Kesslers lässt sich nur so erklären, dass er in militärischen Dingen und in seiner nationalistischen Haltung als weit rechts stehend in Erscheinung trat, während ihm in religiösen Fragen offensichtlich eine eher auf Versöhnung und Ausgleich abzielende Haltung eigen war. Er war zwar ein äußerst entschiedener Protestant, der das Geschehen der Reformation überhöhte und vor allem immer wieder kulturell und politisch für das Deutschtum in Anspruch nahm. Er scheint aber zumindest nicht durchgehend die Vorstellungen nationalliberaler und freikonservativer Kreise vertreten zu haben, demgemäß die Reichsgründung als Sieg des Protestantismus über den Katholizismus galt und die „…kulturelle Hegemonie des Protestantismus die politische Hegemonie Preußens ergänzen und untermauern“ sollte[146]. Neben den beschriebenen Begegnungen mit Vertretern des Katholizismus bis hin zum Papst mag seine Kriegspredigt vom 30. Mai 1915 als Beleg der These von Kesslers Versöhnungsinteresse mit dem Katholizismus dienen. In einer Aufzählung – sehr fragwürdiger – durch den Weltkrieg angestoßener Entwicklungen im deutschen Volk führt Kessler aus: „Wie beglückend doch, dass jetzt der konfessionelle Hader und das kirchliche Parteigezänk verstummt sind. Wie erhebend, was wir aus dem Felde hören von dem Zusammenwirken protestantischer und katholischer Geistlicher, von der gemeinsamen Anbetung evangelischer und katholischer Soldaten. Soll dieser Burgfrieden nur ein Waffenstillstand sein? Nein, hinweg mit aller religiösen Engherzigkeit und Unduldsamkeit, mit aller kleinlichen Rechthaberei und Unfehlbarkeit! Vielmehr Achtung vor jeder religiösen Überzeugung! Verständnis für jedes wahrheitssuchende Streben! Zusammengehen und zusammenarbeiten, soweit es nicht wider die Wahrheit ist!“[147] Natürlich ist klar, dass dies alles unter demselben militaristischen und nationalistischen Vorzeichen steht wie Kesslers gesamtes Handeln und Reden! Dass es andere Möglichkeiten der Deutung jener Kriegsereignisse gab, zeigt z.B. die Wende in der Theologie Paul Tillichs, der 1914 begeistert als Freiwilliger in den Krieg zog, dort bis 1918 als Feldprediger wirkte und sich schließlich traumatisiert von seiner Kriegsbegeisterung abwandte.

Die Darstellungen seiner Autobiographie lassen Kessler sehr eindeutig als einen durchaus als extrem zu bezeichnenden Nationalisten erscheinen, der zwar ein kulturell aufgeschlossenes Bild von sich selbst zeichnet, aber jenseits der Hochkultur eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen, sozialen und auch wirtschaftlichen Fragen vollkommen verweigert. Die hasserfüllten Seitenhiebe auf die Sozialdemokratie und die offensichtliche Ablehnung der Weimarer Republik und immer wieder eingestreute Antisemitismen sowie die große Selbstverständlichkeit, mit der Kampf und Krieg in ein System positiver Werte eingeordnet werden, werden an keiner Stelle begründet, sondern erscheinen als Konsens in seiner Welt, die nach außen gewissermaßen hermetisch abgeriegelt ist.

Wie ist es möglich, dass ein und derselbe Mensch solche Toleranz und Weltläufigkeit mit Überheblichkeit und Arroganz, mit den mehrfach geschilderten nationalistischen, militaristischen und antisemitischen Zügen verbinden kann? Dem heutigen Leser erscheint das als ein kaum aufzulösender Widerspruch. Natürlich muss man konstatieren, dass allein quantitativ die Hinweise auf eine tolerante und offene Haltung und Handlungsweise in Kesslers Autobiographie doch recht spärlich gesät sind. Ein Teil der Begründung mag in der so und nicht anders geprägten Persönlichkeit Kesslers liegen: Führer, „große“ Gestalten, Motive von Kampf, Pflicht und Stärke bestimmen sein Leben. Ein anderer Teil mag darin begründet sein, dass er wie viele seiner bürgerlichen und großbürgerlichen Schicht zwar im Blick auf die Hochkultur auch hoch „gebildet“ war, sich aber nicht um strukturelle Fragen kümmerte: Weder die Frage der Massenarmut noch überhaupt wirtschaftliche oder auch im engeren Sinne politische Fragen haben Kessler je bewegt! Die deutsche Politik nahm Kessler als geradezu aufopferungsvoll friedliebend wahr.[148] Dass diese Wahrnehmung in frivoler Weise falsch war, gilt auch unter der Bedingung, dass die These von der alleinigen Kriegsschuld Deutschlands im Blick auf die Auslösung des Ersten Weltkriegs inzwischen aufgeweicht ist. Der „Missing Link“ zu einem großen Teil der Wirklichkeitswahrnehmung könnte zumindest Teil einer Ursache dafür sein, dass Kessler sich friedlich und als „Brückenbauer“ vorkam, was er in seiner Wirkung als Garnisonprediger und späterer Kriegsprediger definitiv nicht war. Eine Entschuldigung für diese Gefangenschaft in selbst verschuldeter Unmündigkeit bildet dieser fragmentarische Versuch einer Erklärung nicht.

Thomas Posern, Pfarrer und Oberkirchenrat im Ruhestand, zuletzt Beauftragter der evangelischen Kirchen bei der Landesregierung in Rheinland- Pfalz

Literatur

Born, Karl Erich: Von der Reichsgründung bis zum Ersten Weltkrieg (Gebhardt: Handbuch der deutschen Geschichte Bd. 16) 6. Aufl. 1981

Brakelmann, Günter; Greschat, Martin; Jochmann, Werner: Protestantismus und Politik. Werk und Wirkung Adolf Stoeckers, Hamburg 1982. Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte Bd. XVII

Brakelmann, Günter: Adolf Stoecker und die Sozialdemokratie, in: Ders. u.a.1982, S. 84-122

Greschat, Martin: Adolf Stoecker und der deutsche Protestantismus, in: Brakelmann u.a.1982, S. 19-83

Grünzig, Matthias: Der „Tag von Potsdam“ am 21. März 1933 (Vortrag auf der Veranstaltung „Garnisonkirche der Nation – Gesegnete Kriege vor 1933“ am 22.3.2018 im Alten Rathaus in Potsdam, abzurufen:  https://www.deutsches-bildbandarchiv.de/Maerz1933/MatthiasGruenzig-Vortrag20180322.pdf

Jochmann, Werner: Einleitung, in: Brakelmann u.a.1982, S. 7-17

Kessler, Johannes: Ich schwöre mir ewige Jugend, Leipzig 1935 (61.-80. Auflage), Zitiert als „Kessler 1935“

Keßler, Johannes: Gott segne den Kaiser! Zur Erinnerung an das Regierungsjubiläum Kaiser Wilhelm II (15. Juni 1913) (Predigt gehalten bei der 25jährigen Jubiläumsfeiern Kaiser Wilhelm II in der Lukaskirche zu Dresden am 15. Juni 1913), Dresden 1913 (Zitiert als Kessler 1913/1)

Kessler, Johannes: Heil Kaiser dir, Potsdam 1913

Keßler, Johannes: Furchtlos und treu. Erste Sammlung von Predigten und Ansprachen in den Kriegstagen 1914, gehalten von J. Kessler, Dresden 1914 (Zitiert als Kessler 1914/1)

Ders.: Durch Gott zum Sieg. Zweite Sammlung von Predigten und Ansprachen in den Kriegstagen 1914, gehalten von J. Kessler, Dresden 1914 (Zitiert als Kessler 1914/2)

Ders.: Ernst – aber getrost. Dritte Sammlung von Predigten und Ansprachen in den Kriegstagen 1914, gehalten von J. Kessler, Dresden 1914

Ders.: Kreuz und Schwert. Vierte Sammlung von Predigten und Ansprachen in den Kriegstagen 1914, gehalten von J. Kessler, Dresden 1915 (Zitiert als Kessler 1915/1)

Ders.: Licht und Kraft. Fünfte Sammlung von Predigten und Ansprachen in den Kriegstagen 1914/15 (Dresden 1915/2)

Ders.: Über alles meine Pflicht! Sechste Sammlung von Predigten und Ansprachen in den Kriegstagen 1914/15, gehalten von J. Kessler, Dresden 1915

Ders.: Werdet voll Geistes! Siebente Sammlung von Predigten und Ansprachen in den Kriegstagen 1914/15, gehalten von J. Kessler, Dresden 1916 (Zitiert als Kessler 1916)

Linke, Carsten: Hof- und Garnisonsprediger Johannes Kessler, Bernhard Rogge, Walter Richter; 22.03.2018 (www.potsdam-stadtfueralle.de/wp-content/uploads/2018/05/Gotteskrieger.pdf, abgerufen am 01.06.2021)

Mommsen, Wolfgang J.: Weltgeschichte. Das Zeitalter des Imperialismus, Bd. 28 Frankfurt/Main (Augsburg) 2000

Potsdamer Intelligenzblatt, Nr. 173, 1. Beilage, S.1, 26. Juli 1900 unter der Rubrik „Aus Potsdam und Umgegend“: Potsdams Scheidegruß dem ostasiatischen Reiter-Regiment. Zitiert als „Intelligenzblatt“

Treitschke, Heinrich von: Unsere Aussichten, in: Preußische Jahrbücher Bd. 44, 1879, S. 559-576

Winkler, Heinrich August: Geschichte des Westens. Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert, München 2009

Zilkenat, Reiner: „Ihr seid die Pioniere des gekreuzigten Heilands!“ Die Prediger der Garnisonkirche im Kaiserreich und Ersten Weltkrieg. Vortrag vom 3. Juni 2020 zilkenat">http://lernort-garnisonkirche.de/?s=zilkenat


[1] Die Schreibweise des Autors ist unterschiedlich: In seiner Autobiographie wird der Autor „Kessler“ geschrieben, in seinen Kriegspredigten „Keßler“. In diesem Artikel wird die Schreibweise „Kessler“ genutzt.
[2] Kessler 1935, S. 196, Vgl. zu Kessler auch Zilkenat 2020
[3] Kessler 1935, S. 352
[4] Ebd.
[5] Ebd.,
[6] Es war „das national gesinnte Bürgertum“ war, das unterstützt von Handel und Industrie sich z.B. „leidenschaftlich“ für den Ausbau der deutschen Flotte einsetzte, ein von Konteradmiral und Chef des Reichsmarineamtes Tirpitz betriebenes und von Kaiser Wilhelm II stark unterstütztes Projekt, das die Rivalität mit England auf die Spitze trieb und stark zur Kriegsgefahr beitrug (vgl. u.a. Mommsen S. 129 f.)
[7] Vgl. Kessler 1935, S. 14 f.
[8] Vgl. auch a.a.O. S. 32 f.
[9] A.a.O. S. 8
[10] A.a.O. S. 24
[11] A.a.O. S. 25
[12] Ebd.
[13] A.a.O. S. 92
[14] A.a.O. S. 34 f.; vgl. auch https://de.wikipedia.org/wiki/Evangelisch_Stiftisches_Gymnasium_G%C3%BCtersloh#Geschichte
[15] Kessler 1935, S. 39
[16] Vgl. a.a.O. S. 41
[17] Vgl. a.a.O. S. 42
[18] Vgl. a.a.O. S. 50
[19] Ebd.
[20] Ebd.
[21] Vgl. S. 51 f.
[22] A.a.O. S.143
[23] A.a.O. S. 57
[24] Ebd.
[25] A.a.O. S. 58
[26] Ebd.
[27] Ebd.
[28] Treitschke 1879
[29] A.a.O. S. 575
[30] Kessler 1935 S. 100
[31] Vgl. a.a.O. S. 101 f.
[32] A.a.O. S. 102
[33] Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Berliner_Antisemitismusstreit#Der_Ausl%C3%B6ser; vgl. auch Winkler S. 842
[34] Vgl. Winkler ebd.
[35] Bis hin zu entsprechenden Begegnungen bei sog. Kurpastoraten, die Kessler gerne in späteren Jahren wahrgenommen hat und die im vorliegenden Artikel nicht weiter besprochen werden (vgl. Kessler 1935 S. 284-94).
[36] Vgl. a.a.O. S. 64 f.
[37] Vgl. a.a.O. S. 66
[38] Vgl. a.a.O. S. 67
[39] Ebd.
[40] A.a.O. S. 70
[41] Ebd.
[42] Ebd.
[43] Auch für den Hofprediger Adolf Stoecker werden unterschiedliche Schreibweisen – „Stöcker“ oder „Stoecker“ – verwendet. U.a. Kessler schreibt „Stoecker“; ich verwende diese Schreibweise in dem vorliegenden Artikel.
[44] Die Begegnung mit Stoecker erweist sich als sehr wichtig für Kessler. Stoecker hatte den Protestantismus insgesamt auf lange Zeit so stark nationalistisch und antisemitisch beeinflusst, so dass seine Rolle hier gar nicht zu unterschätzen ist.
[45] Vgl. a.a.O. S. 83
[46] A.a.O. S. 83
[47] Ebd.
[48] Vgl. u.a. Jochmann 1982 S. 1 ff.
[49] Ders. a.a.O., S. 15
[50] Ebd.
[51] Born 1981, S. 32; Hervorh. i.O.
[52] Vgl. Winkler 2009, S. 841
[53] Greschat 1982, S. 79
[54] Brakelmann 1982, S. 90. Brakelmann weiter: „Das sozialdemokratische Problem…ist (i.e. für Stoecker) eingebettet in eine umfassendere Kampffront, die gekennzeichnet ist durch die Wirklichkeiten des Liberalismus, des Kapitalismus und des Judentums“ (a.a.O. S. 92)
[55] A.a.O. S. 104. Ergänzend: „Stoeckers Kampf gegen Liberalismus, Kapitalismus und Sozialismus war in seinem Kern ein antijüdischer Kampf“ (a.a.O. S. 105).
[56] Winkler 2009, S. 838
[57] A.a.O. 840
[58] Winkler 838; vgl. zu der Entwicklung in diesen Jahren dens., S. 838-843
[59] A.a.O. S. 839
[60] A.a.O. S. 840
[61] Ebd.
[62] Vgl. Kessler 1935, S. 78
[63] A.a.O. S. 79
[64] A.a.O. S. 82
[65] A.a.O. S. 88
[66] Vgl. Greschat 1982, S. 70
[67] Kessler hat als Gemeindepfarrer in Dresden sieben Bändchen mit „Kriegspredigten“ veröffentlicht (s. Literaturverzeichnis). Zum Teil sind dies Sonntagspredigten nach der Perikopenordnung, z. T. regelrechte Kasualpredigten (z.B. „Ansprachen in der Kriegsbetstunde“ (2. September 2014, S. 55 ff.; 11. September 2014, S. 70 ff.; Festpredigt am Geburtstage seiner Majestät des Deutschen Kaisers am 27. Januar 1915, S. 175 ff.))
[68] Kessler 1915/1, S. 211 - 220
[69] A.a.O. S. 215
[70] Kessler 1935, S. 72. Greschat bezeichnet den kirchenpolitisch äußerst geschickt auf konservativer Seite agierenden Kögel als „…eine ausgesprochen aristokratische Herrschernatur…“ (Greschat 19825, S. 60). Kögel habe „…mehr und mehr richtunggebenden Einfluß auf die preußische Landeskirche auszuüben vermocht“ (a.a.O. S. 63)
[71] Die Berliner Stadtmission hatte übrigens unter der Leitung von Stoecker eine scharf antisemitische Ausrichtung!
[72] Vgl. Kessler 1935 S. 94 ff.
[73] vgl. a.a.O. S. 110 ff.
[74] Kessler war drei Mal in Palästina (im „Heiligen Land“), auch z.B. Ägypten und Syrien (vgl. a.a.O. S. 241). Nach dem Besuch diverser zionistischer Siedlungen zeigt sich Kessler bei seiner letzten Palästinareise interessiert daran zu eruieren, wie es im Verhältnis von Arabern und Juden weitergehe (264f.). Seine Überlegungen enden mit der Feststellung, dass eine Einigung „heute undenkbar, eine Lösung dieser Gegensätze ein politisches Rätsel“ darstelle (a.a.O. S. 267).
[75] A.a.O. S. 339
[76] A.a.O. S. 113 ff.
[77] A.a.O. S.115
[78] Vgl. a.a.O. S. 168 ff.
[79] Vgl. a.a.O. S. 171 f.
[80] Vgl. a.a.O. S. 172 f.
[81] Immer wieder zitiert Kessler diese Devise in seinen Kriegspredigten
[82] A.a.O. S. 194 f.
[83] Vgl. a.a.O. S. 199 ff.
[84] A.a.O. S. 200
[85] vgl. a.a.O. S. 297
[86] Vgl. a.a.O. S. 202
[87] Vgl. a.a.O. S. 17
[88] vgl. a.a.O. S. 202
[89] Vgl. a.a.O. S. 206-209
[90] A.a.O. S. 209
[91] Ebd.
[91a] Es handelt sich gemäß dem Bericht im Potsdamer Intelligenzblatt um das „ostasiatische Reiter-Regiment“
[91b] Der Begriff bezieht sich auf Gruppen chinesischer Kämpfer, die kampfsportlich ausgebildet waren. Bezüglich dieses Begriffs urteilt Mommsen zu Recht: „…die Zeitgenossen sprachen, in naiver Dogmatisierung ihres Kolonialherrenstandpunktes, vom ‚Boxeraufstand‘“ (Mommsen A. 169).
[91c] Deutschland hatte China 1897 zur Verpachtung des Gebietes Kiautschou mit der Stadt Tsingtau für 99 Jahre gezwungen. Die Kolonie stand unter unmittelbarer Herrschaft der deutschen Reichsregierung.
[91d] Dieses seit 1850 erscheinende Blatt hat wie andere „Intelligenzblätter“ in dieser Zeit einen offiziösen Charakter und fungiert als Amtsblatt, bringt aber auch Berichte über lokale Ereignisse etc. Eine andere, von Keßler legitimierte Fassung seiner Ansprache als die hier berichtete Zitation, liegt dem Autor nicht vor. Ob es sich um eine Predigt im Rahmen eines Gottesdienstes oder eine Ansprache in der Garnisonkirche ohne gottesdienstlichen Charakter handelt, ist den Ausführungen des Intelligenzblattes ebenfalls leider nicht zu entnehmen. Zu vermuten ist, dass man von einer „Predigt“ sprechen kann.
[91e] Ebd.
[91f] Das vom Intelligenzblatt zitierte „Wachet im Hause“ ist wohl unbiblisch. Ohne den Zusatz „im Hause“ lautet die Textstelle im 1. Korintherbrief 16,13 in der um 1900 in Gebrauch befindlichen Fassung der Lutherbibel wie auch noch Jahrzehnte später tatsächlich genauso, wie vom Intelligenzblatt zitiert. Die 1984 und 2017 erneut revidierte Lutherbibel übersetzt: „Wachet, steht im Glauben, seid mutig und seid stark!“ (Hervorh. TP). Das griechische Wort „andrizein“ im Urtext trägt im Wortstamm „andros“, „Mann“, und kann mit „sich als männlich zeigen“ übersetzt werden, was durchaus dem antiken Verständnis entspricht. Da es Paulus aber weniger um Männlichkeit als um Mut geht, wurde der Sprachgebrauch revidiert. Übrigens wurde die Revision der Lutherbibel von 1545 im Jahr 1863 beschlossen und erst nach über 120 Jahren mit der Revision 1984 abgeschlossen. Interessant und dem kriegerischen Duktus der Keßlerschen Predigt diametral entgegengesetzt ist die Fortsetzung durch Paulus im folgenden Vers 14: „Alle eure Dinge lasst in Liebe geschehen“.
[91g] Ebd.
[91h] Ebd. (Hervorh. Im Orig.)
[91i] Linke
[91k] Linke und Intelligenzblatt
[91l] Mommsen schreibt im Zusammenhang mit den imperialistischen Bestrebungen der europäischen Staaten ab 1885 von dem „…dem diplomatischen Dienst aller europäischen Staaten eigentümlichen Konservativismus, der das populäre Geschrei nach Kolonien und neuen Märkten in Übersee vielfach nur als unangenehme Störung der geheiligten Traditionen der diplomatischen Kunst empfand…“ (Mommsen S. 152).
[91m] Ebd.
[92] Vgl. a.a.O. S. 212
[93] Vgl. a.a.O. S. 214 ff.
[94] ebd.
[95] A.a.O. S. 218
[96] Vgl. a.a.O. S. 215
[97] Vgl. u.a. Born 1981 S. 56
[98] Kessler 1935 S. 216
[99] Der Begriff „Armenfürsorge“ entspricht exakt dem patriarchalischen und gegen eine Ausbreitung der Sozialdemokratie gerichteten Verständnis des Umgangs mit dem Problem der Massenarmut Ende des 19. Jahrhunderts, wie es in kirchlichen und bürgerlichen Kreisen dominant war.
[100] A.a.O. S. 236
[101] Vgl. auch die Darstellung von Grünzig 2018
[102] Vgl. Kessler 1935, S. 219-24
[103] A.a.O. S. 219
[104] Ebd.
[105] Ebd.
[106] Ebd.
[107] Vgl. ebd.
[108] A.a.O. S. 222
[109] A.a.O. S. 340
[110] Vgl. a.a.O. S. 300 f.
[111] Vgl. a.a.O. S. 301 f.
[112] A.a.O. S. 276 f.; Kessler nennt die Jahreszahl nicht, aber er wurde wohl im Lauf des Jahres 1915 Militärpfarrer in Frankreich, so dass wir es hier wohl mit einer Predigt an Weihnachten 1915 zu tun haben. Das siebte Bändchen seiner Kriegspredigten endet mit dem 26. Juni 1915.
[113] Ebd.
[114]  a.a.O. S. 196
[115] Während einer Reise durch Israel angesichts von Gräbern gefallener deutscher Soldaten in der Umgebung von Nazareth, a.a.O. S. 246 f.
[116] Zu den „Kriegspredigten“ s. o. Anm. 53
[117] Predigt vom 30. August 1914 unter dem Titel „Nicht vergeblich“, Kessler 1914/2 S. 48
[118] Genauso verhält es sich z.B. auch in der Predigt vom 6. September 2014 unter dem Titel „Kaufet die Zeit aus“, vgl. a.a.O. S. 64 f.
[119] A.a.O. S. 49
[120] Ebd.
[121] A.a.O., S. 49 f.
[122] A.a.O. S. 50; Hervorhebung i.O.
[123] Kessler 1935 S. 305
[124] Kessler 2014/2, Predigt vom 6. September 2014, S. 65 f.
[125] Kessler 1913/1, S. 10; das Zitat im Zitat stammt von Kaiser Wilhelm II
[126] Kessler 1914/1, S. 7
[127] Ebd.
[128] Kessler 1914/3, S. 32 f.
[129] Ebd.
[130] Bei Kessler findet man immer wieder sehr deutliche Vorboten der Ideologie der Deutschen Christen zu Beginn der dreißiger Jahre, denen viele Kirchenmitglieder zunächst wegen ihre volksmissionarischen Programms gefolgt sind.
[131] A.a.O. S. 34
[132] A.a.O., S. 15
[133] Ebd.; „Ernst – aber getrost“ ist der Titel dieser Predigt vom 11.10.1914
[134] Vgl. Kessler 1914/3, S. 39 f.
[135] A.a.O. S. 40
[136] Kessler 1915/1, S. 200-210
[137] A.a.O., S. 201
[138] 104 A.a.O. S. 202
[139] Ebd.
[140] A.a.O. S. 205
[141] A.a.O. S. 206
[142] Ebd.
[143] A.a.O., S. 209
[144] Kessler 1935 S. 293
[145] s.o. / Kessler 1935 S. 352
[146] Winkler S. 835
[147] Kessler 1916, S. 71
[148] Vgl. seine Ansprache: Unser Kaiser im Feuer. Festpredigt am Geburtstage seiner Majestät des Deutschen Kaisers am 27. Januar 1915, Kessler 1915/1, S. 175 ff.). Vgl. außerdem oben S. 14 in diesem Artikel bzw. Kessler 1913/1, S. 10

Rebranding auf Basis von Geschichtsverfälschung

Die Idee des Wiederaufbaus der Garnisonkirche bedurfte eines Rebrandings der Garnisonkirche, um hierfür politische und kirchliche Mehrheiten gewinnen zu können. Maßgeblich war dabei weniger die Strategie des Bruchs und der Veränderung, denn ein gewichtiger Teil der Aufbaubefürworter wollte einen solchen vor allem architektonisch-visuell nicht. Viel wesentlicher in der Auseinandersetzung war die Durchsetzung eines neuen Geschichtsbildes.

Die Garnisonkirche stand für preußischen Militarismus, das Herrscherhaus der Hohenzollern, und eine Kirche im Dienst des Staates, welche den Kirchgängern Gehorsam gegenüber den Herrschenden predigte. Sie war von jeher Symbolort reaktionärer Kräfte. Folgerichtig wurde sie daher auch mit dem Entstehen des deutschen Parlamentarismus 1919 zu einem Gegenort, an dem sich die rechtsradikalen Kräfte sammelten, um die Demokratie zu bekämpfen. Dass sich die Nationalsozialisten dieses Ortes mit dem Tag von Potsdam mit Unterstützung des leitenden Kirchenfunktionärs Otto Dibelius so wirkungsmächtig bedienten, stellte den fatalen Höhepunkt und Radikalisierung einer in den Ort bereits eingeschriebenen Tendenz dar.

Doch die staatliche Finanzierung im zweistelligen Millionenbereich und die Schirmherrschaft des Bundespräsidenten erforderte ein neues historisches Narrativ, welches sich in den Potsdamer Diskursen ab 1990 entwickelte und durchsetzte. Dieses Narrativ basiert auf mehreren Argumentationsbausteinen, die sich wechselseitig ergänzen:

Der erste Schritt ist die Umdrehung des Grundnarrativs. Aus einem vor allem von Täterhandeln geprägten Ort wird ein Ort der Opfer. Missbraucht vom NS-Regime, schwer beschädigt im Bombenkrieg, abgerissen vom DDR-Unrechtsregime. Die Selbstviktimisierung überschreibt die eigene Schuld mit einer Opfererzählung, in der Krieg und Gewaltherrschaften als externe Schicksalskräfte an Stelle der in den Ort eingeschriebenen preußischen und deutschen Angriffskriegen, Kriegsverbrechen, Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus rücken. Bezeichnender Weise ist die Nacht von Potsdam am 14. April 1945, in der die Kirche schwer beschädigt wurde, der zentrale Gedenktag der Wiederaufbaubefürworter. Auch das Aufgreifen des Nagelkreuz-Gedanken basiert zunächst auf einer Gleichsetzung mit Kriegsopfern.

Zur Stärkung des Opfer-Narrativs war es wichtig, den Abriss von 1968 maximal ideologisch aufzuladen. Anstelle der komplexen lokalen Gemengelage, die zu dem Abriss führte, wie sie Matthias Grünzig in seinem Buch „Für Deutschtum und Vaterland: die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhunder“[1] schildert, tritt ein monokausales Deutungsmuster: Walter Ulbricht als DDR-Staatsoberhaupt habe wegen seines Preußen- und Kirchenhasses den Abriss befohlen. Diese Darstellung nimmt es mit der historischen Wahrheit nicht so genau, da nach heutigem Wissen Ulbricht in die Entscheidungsprozess so gut wie nicht eingebunden war und keineswegs den Abriss anwies. Auch das implizite moralische Urteil bzgl. des Kirchenhass der Darstellung geht fehl, wenn man sich etwa daran erinnert, dass allein in Westberlin nach 1945 vier jüdische Gotteshäuser gesprengt oder abgerissen wurden[2]. Um so mehr eignet sich dieses Feindbild aber, auf die heutigen Wiederaufbaugegner übertragen zu werden, die man gerne in die vermeintliche Ulbricht’sche Tradition[3] stellt und ebenfalls des Kirchenhasses[4] bezichtigt.

Eine besondere Herausforderung stellt die Einbettung des Tages von Potsdam, des Staatsaktes am 21.3.1933,  in das Opfernarrativ dar. Grundlegend hierbei ist, diesen als lediglich 45 Minuten dauernden Missbrauch zu deklarieren[5]. Behauptet wird, dass der Tag von Potsdam gegen den Willen und Widerstand der Kirche von der Reichsregierung durchgesetzt worden sei. Doch Matthias Grünzig konnte anhand von Archivrecherchen nachweisen, dass Generalsuperintendent Otto Dibelius die Idee des Staatsaktes in der Garnisonkirche mit der Rede Adolf Hitlers befürwortete und gegen innerkirchliche Widerstände durchsetzte[6]. Von einem Missbrauch kann also keine Rede sein.

Am radikalsten in seiner Geschichtsverzerrung ist Andreas Kitschke, der für die Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam, deren Vorstand er seit Gründung angehört, ein Buch zur Geschichte der Garnisonkirche verfasst und den Mythos von der „Dreiviertelstunde des Missbrauchs“ maßgeblich geprägt hat[7]. Ihm ist jedes mögliche und unmögliche Argument zur Marginalisierung des Ereignisses recht. In seinem Buch heißt es dazu, der Staatsakt sei „nicht gezielt, sondern eher zufällig“[8] in die Garnisonkirche verlegt worden, es sei „aussichtslos [gewesen], ihren Missbrauch zu verhindern“[9], Hitler habe „lediglich eine Nebenrolle“ gespielt[10]. Der Händedruck zwischen Hindenburg und Hitler sei nur eine „angebliche symbolische“ Geste[11], das Ganze eine „Rührkomödie“[12] gewesen.

Wichtig für die Argumentation ist auch die zeitliche Eingrenzung das angeblichen Ausnahmeereignisses auf 45 Minuten. Hierfür blendet Kitschke die rechtsradikale Vorgeschichte des Ortes gänzlich aus. Kein Wort findet sich in seinem Buch über die programmatische Rede, die Erich Ludendorff bei der Gedächtnisfeier der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) [13] am 24.11.1919 in der Garnisonkirche hielt und die nichts weniger als eine Kampfansage der rechtsradikalen Kreise an die Weimarer Republik[14] war. Ebenso wenig findet sich in dem ganzen Buch irgendein Hinweis auf die über 80 rechtsgerichteten politischen Veranstaltungen in der Garnisonkirche zwischen 1919 und 1933, zu denen neben der DNVP u.a. auch der Alldeutsche Verband, der „Stahlhelm, Bund des Frontsoldaten“, „Reichskriegerbund Kyffhäuser“ und 1932 auch erstmals die NSDAP einlud[15]. Zu den geschichtlichen Ereignissen für die Weimarer Zeit zählt Kitschke nur den Wegfall des Titels „Hofkirche“ 1928 und das zweihundertjährige Kirchenjubiläum 1932.

Ebenso verfälscht Kitschke in seiner Darstellung die Nachgeschichte zum Tag von Potsdam. Angeblich seien diesem nur noch „zwei nationalsozialistische Propagandaveranstaltungen“ [16] gefolgt. Matthias Grünzig konnte aber für die Jahre 1933 – 1945 über hundert politische Veranstaltungen benennen, die in der Garnisonkirche von der NSDAP, diverser NS-Organisationen wie Hitler-Jugend, Deutscher Arbeitsdienst, der Wehrmacht und vielen anderen ausgerichtet worden sind.[17]

Während die problematischen Seiten der Geschichte des Ortes verschwiegen oder verharmlost werden, bemüht sich Kitschke zugleich, diesen positive Narrative gegenüber zustellen. An erster Stelle ist hier die angebliche Rolle der Kirche für den Widerstand gegen das NS-Regimes zu nennen. So versucht Kitschke, den Militärpfarrer der Garnisonkirche  Rudolf Damrath als widerständig und oppositionell darzustellen, ohne seine offizielle Tätigkeit als Wehrmachtspfarrer in Polen, Frankreich, Italien, Griechenland und Nordafrika aufzuklären und kritisch zu reflektieren. Er verschweigt, dass Zeitzeugen seine Loyalität gegenüber dem Nationalsozialismus und sein Bekenntnis zu Adolf Hitler bezeugten und er in seinen Predigten die unbedingte Treue und den Heldentod der Wehrmachtsangehörigen in höchsten Tönen beschwor und zelebrierte.[18]

Im Zentrum des Widerstandsnarrativs stehen die Attentäter des 20. Juli, viele von ihnen Angehörige des 9. Infanterieregiments, für welche angeblich die „Garnisonkirche geistliche Heimat“[19] gewesen sei. In der Satzung der Stiftung Garnisonkirche ist der 20. Juli sogar das einzige konkret benannte historisches Ereignis, dessen würdig gedacht werden sollte. Bundesminister Manfred Stolpe stellte bereits 2004 die Garnisonkirche als „Keimzelle des Widerstands gegen die braunen Verbrecher“ dar, hier habe „eine Wurzel des Aufstandes der Gewissen gegen Hitler“ [20] gelegen. Der Stadtkirchenpfarrer Markus Schütte schrieb 2005, dass die Garnisonkirche für zahlreiche Beteiligte vom 20. Juli der Ort war, „an dem ihr Glauben gestärkt, ihr Gewissen geschärft und ihr Gemeinsinn geformt wurde“[21]. Auf fünf Seiten präsentiert Andreas Kitschke in seinem Buch dreißig Wehrmachtsangehörige des 20. Juli, die zur Militärgemeinde der Garnisonkirche gehörten[22]. Was er dabei aber verschweigt ist, dass die Nennung unabhängig davon erfolgte, ob sie tatsächlich am Gemeindeleben beteiligt waren.  Alle in Potsdam registrierten Wehrmachtsangehörigen protestantischen Glaubens zählten formal als Mitglieder der Militärgemeinde ganz unabhängig von der Frage, ob sie jemals die Kirche auch nur einmal aufgesucht hatten. Für manche Mitglieder des militärischen Widerstands bildete ihr christlicher Glaube in der Tat eine wesentliches Motiv für ihre Haltung. Dieser war – wie die Historikern Linda von Keyerslingk bereits 2013 dargelegt hatte - jedoch weitgehend unabhängig vom Geschehen in der Garnisonkirche, in deren Gottesdiensten die Soldaten wie eh und je zu Gehorsam und Treue angehalten wurden und die – wenig überraschend für eine Kirche der Wehrmacht – nicht zu kritischen oder gar oppositionellen Haltungen ermutigten[23].

Zum Widerstandsmythos tritt das Thema Demokratie als vermeintlich positive Traditon des Ortes. Auf der Webseite der Stiftung heißt es, „die ersten frei gewählten Stadtverordneten Potsdams tagten hier“[24] , bis 2019 hieß es auf der Webseite auch, dass der erste frei gewählte Magistrat hier ins Amt eingeführt worden sei. Beides aber ist unzutreffend. Die erste konstituierende Sitzung der ersten Potsdamer Stadtverordnetenversammlung fand am 20.3.1809 im Holländischen Haus, Lindenstraße 54 statt. Auch eine reguläre Sitzung des Magistrats fand nie in der Garnisonkirche statt. Der frei gewählte Magistrat wurde hier lediglich nach Amtsantritt am 3.August 1809 bei einem Gottesdienst auf Gott und König eingesegnet, und dies auch nur, weil die eigentlich dafür vorgesehen Stadtkirche St. Nikolai zuvor abgebrannt war.[25] Völlig verschwiegen wird von den Aufbaubefürwortern hingegen, dass die Gottesdienstbesucher in den Jahren 1848/49 auf eine Niederschlagung der Revolution eingeschworen wurden[26]. Ebenso unerwähnt bleiben – wie oben beschrieben - die zahlreichen Veranstaltungen in der Garnisonkirche, während derer in den Jahren 1920 – 1933 gegen die junge deutsche Demokratie der Weimarer Republik agitiert wurde. In der Geschichte der Garnisonkirche verkörpert sich keine demokratische Tradition, ganz im Gegenteil: Antidemokratische Kräfte haben den Ort dominiert und sich in seine Geschichte eingeschrieben.

Ein anderer Versuch, die Garnisonkirche in ein gutes Licht zu rücken, betrifft die Kultur. Kitschke bemüht sich in seinem Buch, sie als ein Ort der kulturellen Muse herauszustellen. Der Bau sei nicht nur „eine der schönsten Barockkirchen Norddeutschlands“[27], sondern ebenso die „bedeutendste Musikstätte Potsdams“[28]. Wortreich schildert er den Besuch Johann Sebastian Bachs[29] oder die Tätigkeit des Organisten Otto Becker[30]. Kein Wort aber verliert er über den kirchlichen Alltag. Was wurde in den zehntausenden Gottesdiensten der Militärgemeinde den jeweils bis über 3.000 Militärangehörigen gepredigt? Hier ging es nicht um das Musische und auch nicht wirklich um das Religiöse.  Im Vordergrund standen der Wunsch nach Disziplinierung der Kirchgänger und ihre Verpflichtung auf Gehorsam und Treue gegenüber Gott und dem König, Kaiser oder Führer, wie der Historiker Hartmut Rudolph bereits 1993 herausgearbeitet hatte.[31]Diese kritischen Geschichtsschreibungen sind Kitschke nicht unbekannt[32], aber gleichwohl ignoriert und verschweigt er deren Erkenntnisse. Dabei vertritt Kitschke keine Einzelmeinung, sondern repräsentiert das von Fördergesellschaft und Stiftung seit ihrer Gründung bis heute propagierte Geschichtsbild, wie es sich auch in den Online-Auftritten, Druckprodukten wie Ausstellungen zeigt. Erst seit Herbst 2019 hat der wissenschaftliche Beirat der Stiftung öffentlich einen kritischeren Blick auf die Kirchengeschichte eingefordert, aber bislang nur punktuelle Korrekturen auf der Website durchgesetzt. Der Vorsitzende des Beirats sagte im Interview: „Die Garnisonkirche muss Preußen als einen wunden Punkt der Geschichte zeigen, ein Preußen, das weh tut – und zwar nicht nur den Bürgern vor Ort, sondern auch den Touristen. Bislang gibt es nirgendwo in Deutschland, auch nicht in Potsdam oder Berlin, einen sichtbaren, authentischen Ort, der auch an die schwierigen und dunklen Seiten, an die schlechten Traditionen der preußischen Geschichte erinnert“[33]. Doch davon sind Stiftung und Fördergesellschaft bislang weit entfernt.

Seit fast zwanzig Jahren bilden die gezielten Auslassungen, Überformungen und Verfälschungen seitens der Wiederaufbaubetreiber die Grundlage dafür, dass sie im Fazit trotz aller eingeräumten „Ambivalenzen“ ein positives Gesamtbild zeichnen können. Der Bau sei - so die Stiftung Garnisonkirche –„nationales Tafelsilber“[34]  und stehe für „christliches verantwortetes Handeln für die Gemeinschaft, für die Verbindung von christlichem Glauben und ‚preußischen Tugenden‘.“[35] Im Jahr 2012 plädierte der damalige Vorsitzende der Fördergesellschaft Burkhart Franck für die „Versöhnung mit der eigenen deutschen Geschichte“[36] an diesem Ort. Eine solche Sicht ist nicht weit weg von dem, was Björn Höcke bei seiner berüchtigten Dresdner Rede von Januar 2017 forderte.[37] Es tut not, einem solchen Geschichtsrevisionismus entgegenzutreten. Nicht zuletzt auch, um dem preußischen Erbe und dem christlichen Glauben gerecht zu werden. Denn die Garnisonkirche repräsentiert die ambivalente Geschichte Preußens keineswegs als Ganzes, sondern überwiegend deren problematische Seite: Sie steht nicht für Aufklärung, Emanzipation und Liberalität, sondern für Dynastie und Gehorsam, sie steht nicht für Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung, sondern für Expansionsstreben und Machtanspruch, sie steht nicht für Bildung und Wissenschaft, sondern für Militär und Staatskirche, sie steht nicht für den demokratischen Freistaat Preußen der Weimarer Republik, sondern für die antidemokratischen Kräfte des Deutschen Reichs.

Anmerkungen

[1] Matthias Grünzig, Für Deutschtum und Vaterland: die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert, 1. Auflage (Berlin: Metropol, 2017). S. 319 - 344
[2] 1951 Abriss Synagoge Dresdner Straße 127, 1956 Abriss Synagoge Münchener Straße, 1958 Sprengung Synagoge Fasanenstraße, 1958/59 Abriss des Hauptgebäudes der Synagoge Fraenkelufer
[3] Sieh etwa Andreas Kitschke, Die Garnisonkirche Potsdam: Krone der Stadt und Schauplatz der Geschichte, hg. von Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam e.V. (Berlin: edition q im be.bra verlag, 2016). S. 26: Hier heißt es, SED und die erklärten Gegner des Wiederaufbaus seien gleichermaßen der NS-Propaganda aufgesessen. Der Architekt Christian Wendland geht in einem Interview noch weiter und spricht bzgl. der Aufbaukritiker*innen von "Ulrichts Enkeln". Zitiert nach Christian Klusemann: "Politik. Macht. Geschichte. Der Streit um die Rekonstruktion der  Potsdamer Garnisonkirche", in: Korduba, Piotr u. Popp, Dietmar  (Hgg.): Re-Konstruktionen. Stadt, Raum, Museum. Beiträge der 23.  Tagung des Arbeitskreises deutscher und polnischer Kunsthistoriker  und Denkmalpfleger in Posen, 7.-10. Oktober 2015, Warschau 2019, S. 191
[4] Cornelia Radeke-Engst: Geschichte erinnern – Verantwortung lernen – Versöhnung leben, Vortrag in der französischen Kirche, Potsdam 29.3.2016, abgedruckt in epd Dokumentation Nr. 18-19, Beiträge, Reden, Predigten aus der Kontroverse um den Wiederaufbau der Garnisonkirche, Frankfurt am Main 2016, S. 91 – 98. Dort heißt es auf S. 98: „Aber es gibt auch Menschen, die aus Kirchenhass heraus den Wiederaufbau verhindern wollen."
[5] Kitschke, Die Garnisonkirche Potsdam. S. 26
[6] Grünzig, Für Deutschtum und Vaterland. S. 151-161
[7] Bereits in seinem Zeitungsartikel „Zwischenruf: Garnisonkirche“ vom 17.12.2000 in Die Kirche – Berlin – Brandenburg vertrat er diese These.
[8] S. 145
[9] S. 174
[10] S. 179 und 180
[11] S. 177
[12] Ein Zitat von Friedrich Meinecke, S. 174
[13] Otto Dibelius übrigens, der nicht nur den Staatsakt in der Garnisonkirche am Tag von Potsdam durchsetzte, sondern ebenso die evangelische Predigt zum Tag von Potsdam hielt, war seit 1925 Mitglied eben jener DNVP.
[14] Auch in allen sonstigen Publikationen und Äußerungen haben sich Stiftung und Fördergesellschaft hierzu über ein Jahrzehnt lang ausgeschwiegen. Ein erster Hinweis wurde auf Veranlassung des 2018 gegründeten wissenschaftlichen Beirats 2019 in die Chronologie auf der Website nachträglich eingefügt: https://garnisonkirche-potsdam.de/das-projekt/geschichte/
[15] Grünzig, Für Deutschtum und Vaterland. S. 46 - 103
[16] S. 180
[17] Grünzig, Für Deutschtum und Vaterland. S. 252 - 264
[18] Hierzu Grünzig. S. 208 – 214. Linda von Keyerslingk hingegen betont seine Freundschaften zu Angehörigen des 20. Juli und seine Kontakte zur Bekennenden Kirche, verweist aber auf seine marginale Rolle in Potsdam. Linda von Keyerslingk: Die Garnisonkirche – Keimzelle des Widerstands? In: Michael Epkenhans, Carmen Winkel, und Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, Hrsg., Die Garnisonkirche Potsdam zwischen Mythos und Erinnerung (Freiburg, Br. Berlin Wien: Rombach, 2013). S. 91-110
[19] So ein Flyer der Stiftung Garnisonkirche ca. aus dem Jahre 2015.
[20] Zitiert nach Linda von Keyerslingk: Die Garnisonkirche – Keimzelle des Widerstands?
[21] Zitiert nach Ebenda.
[22] Kitschke, Die Garnisonkirche Potsdam. S. 303 - 307
[23] Siehe: Linda von Keyerslingk: Die Garnisonkirche – Keimzelle des Widerstands?
[24] https://garnisonkirche-potsdam.de/das-projekt/geschichte/
[25] Ich danke Carsten Linke für diese Informationen. Siehe hierzu auch: Landeshauptstadt Potsdam, Amt für Statistik, Stadtforschung und Wahlen: Wahlen seit 1809 in der Stadt Potsdam, Beiträge zur Statistik und Stadtforschung Heft 2/1998.
[26] Siehe hierzu: Hartmut Rudolph: Die Potsdamer Hof- und Garnisongemeinde (1732-1918). In: Potsdam. Staat, Armee, Residenz in der preußisch-deutschen Militärgeschichte. Im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes hrsg. von B. R. Kroener. Frankfurt a.M./Berlin 1993. S. 203-229.
[27]  Kitschke, Die Garnisonkirche Potsdam. S. 26
[28] Ebenda, S. 30
[29] Ebenda, S. 147 - 149
[30] Ebenda, S. 35 - 39
[31] Siehe hierzu Hartmut Rudolph: Die Potsdamer Hof- und Garnisongemeinde (1732-1918). Siehe auch Reiner Zilkenat: „Ihr seid die Pioniere des gekreuzigten Heilands!“ Die Prediger der Garnisonkirche im Kaiserreich und Ersten Weltkrieg. Vortrag vom 31.10.2015
[32] In seinem Literaturverzeichnis sind die beiden Sammelwerke aufgeführt, in denen die Aufsätze Linda von Keyerslingks und Hartmut Rudolphs erschienen sind, Ebenda, S. 377, 382
[33] Kritik an Wiederaufbau-Stiftung aus den eigenen Reihen. Interview mit Paul Nolte. Potsdamer Neueste Nachrichten, 25.08.2019
[34] https://garnisonkirche-potsdam.de/das-projekt/leitgedanken/ abgerufen am 18.6.2020
[35] Flyer der Stiftung von ca. 2015
[36] Zitiert nach: Andreas Clemens: Na endlich! In; Preußische Allgemeine Zeitung / 7. Juli 2012
[37] Dort heißt es: „Anstatt die nachwachsende Generation mit den großen Wohltätern, den bekannten, weltbewegenden Philosophen, den Musikern, den genialen Entdeckern und Erfindern in Berührung zu bringen, von denen wir ja so viele haben, [...] wird die Geschichte, die deutsche Geschichte, mies und lächerlich gemacht. [...] Wir brauchen nichts anderes als eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad. [...] Wir brauchen eine Erinnerungskultur, die uns vor allen Dingen und zu allererst mit den großartigen Leistungen der Altvorderen in Berührung bringt.“ zitiert nach Zeit-Online vom 18.1.2017: Die Höcke-Rede von Dresden in Wortlaut-Auszügen.

„Ihr seid die Pioniere des gekreuzigten Heilands!“ Die Prediger der Garnisonkirche im Kaiserreich und Ersten Weltkrieg

Am 10. November 1913 wurde im so genannten Langen Stall, gelegen unmittelbar hinter der Garnisonkirche, die jährliche Vereidigung des neuen Rekrutenjahrgangs der in Potsdam stationierten Garde-Regimenter vorgenommen. Es war die letzte derartige Zeremonie, bevor nur ein knappes Dreivierteljahr später der Erste Weltkrieg entfesselt wurde. Viele der versammelten Rekruten sollten, noch vor dem Ende ihrer militärischen Ausbildung, bald an den Fronten verbluten oder verwundet werden.

Anlässlich des bei diesen Zeremonien stets zu leistenden Fahneneides ergriff der Hofprediger Dr. Walter Richter das Wort, zugleich Divisionspfarrer der 1. Garde-Division. Seine Ansprache wäre es wert, Ihnen ungekürzt zu Gehör zu bringen. Wegen der knappen Zeit, die mir zur Verfügung steht, möchte ich nur einige Zitate wiedergeben. Originalton Pfarrer Richter:

„Noch einen Blick, ehe das Jahr 1913 scheidet, das unserem Kaiser den Silberkranz des Friedens aufs Haupt setzte, aber auch die blutigen Lorbeeren von 1813 wie in Rubinen leuchten ließ auf unseres Volkes Stirne. (…) Es muss der Herr unserem Heere voran ziehen im Leben und im Sterben. Wie es am Grimmaischen Tor bei Leipzig war: Hingemäht die Reihen der Treuen und die nächste Reihe stürmt schon hinein – hinan – hindurch. Was kümmern uns die Hügel unserer Leichen – das ist der ‚Herrengeist’, vor dem endlich der ‚Herrengeist’ eines Napoleon, der nichts kennt als das eigene Ich, den Rücken kehren muss. (…) Der Sieg ist grün, das Glück ist neu – o unsere Lust und Wonne, der deutsche Adler flieget frei im Licht der eigenen Sonne. Auch die alten Raben um Barbarossas Kyffhäuser mussten vor diesem Adlerflug zur Sonne in ihre Schlupfwinkel flüchten. Zurück, zurück mein Volk in diesen Opfergeist, wenn du vorwärts willst – und du stehst nicht am Ende, sondern am Anfang deiner Weltensaat.“

Und weiter: „Dem Gott nach, der uns in Christo heute, gestern und in Ewigkeit derselbe treue blieb. Das liegt in deinem Eide, der dich für die Zukunft, für die Ewigkeit bindet. Da unten in der Tiefe, da mögen die Sümpfe mit ihrem Gift und Morast liegen bleiben – was gehen sie uns an: Man braucht nicht im Sumpf zu waten, um zu wissen: Das ist ein Sumpf! Adlerflug vorwärts! Über alles Faule und Unsichere und Gemeine hinaus, so will ich mich als unverzagter, ehr- und die Pflicht liebender Soldat…in und außer Dienst beweisen bis ans Ende. Adleraugen für die Mächte, die uns und unser Volk vorwärts bringen können in der alten Treue, Adlerkrallen aber gegen die Todfeinde, die uns unser kostbarstes Erbe, deutsche Zucht und Sitte, Ehre und Frömmigkeit (man beachte die für einen Geistlichen bemerkenswerte Reihenfolge! – R.Z.) rauben wollen.“[1]

Die uns heute verstörende Militanz dieser Rede, die man in dieser Form wohl eher von einem im nationalistischen Denken befangenen, bornierten Offizier oder von einem Vertreter des Alldeutschen Verbandes erwartet hätte, war nicht dem Charakter des Hof- und Divisionspredigers Walter Richter allein geschuldet. Vielmehr spiegelt sie – wenn auch in zugespitzter Weise – wider, welche Aufgaben die Militärpfarrer im Kaiserreich zu erfüllen hatten, nicht zuletzt in Potsdam, der Heimstatt der 1. Garde-Division. Deshalb an dieser Stelle ein kurzes Wort zur Institution des Militärpfarrers und zu den Besonderheiten der Garnison Potsdam.

Die Institution des Militärpfarrers hatte in der preußischen Armee eine lange Tradition.[2] Über die Zeiten hinweg existierte es als ein probates Instrumentarium, dem Bündnis von Thron und Altar zu dienen. In der Zeit des Kaiserreiches, vor allem in der wilhelminischen Ära, erhielt es seine besondere Bedeutung durch zwei Entwicklungen: Zum einen die fortschreitende Säkularisierung der Gesellschaft, besonders in den Großstädten, und zum anderen das unaufhaltsame Anwachsen der Sozialdemokratie, zwei miteinander durchaus verbundene Prozesse. Hier setzte die Tätigkeit der Militärpfarrer ein. Während der zwei- bzw. dreijährigen Ausbildung der Rekruten sollten sie die sich bietende Gelegenheit nutzen, um die jungen Soldaten wieder für die Kirche zurück zu gewinnen, „vaterländisches Bewusstsein“ zu schaffen und die Loyalität zum Hause Hohenzollern auszuprägen – oder sie erst zu erwecken. Mit den vorhin zitierten Worten des Divisionspfarrers Richter: Sie sollten lernen, dem „Sumpf“ und dem „Morast“ entfliehen zu können – „im Adlerfluge“. Keine leichte Aufgabenstellung. Sie wurde dadurch erschwert, dass die Rekruten, Mannschaften und Unteroffiziere vollkommen zu recht Militärpfarrer weniger als Seelsorger wahrnahmen denn als Vorgesetzte, als Offiziere. Schließlich unterstanden sie in allen, außer den unmittelbar geistlichen Angelegenheiten, dem Preußischen Kriegsministerium. Im Alltag verkehrten sie vorzugsweise im Offizierskasino, ja sie pflegten regelmäßigen Umgang in den Familien der höheren Offiziere und Kommandeure. Ich komme auf diesen Punkt bei der Skizzierung der Biographien der drei wichtigsten Pfarrer, die an der Potsdamer Garnisonkirche wirkten, noch zurück.

Der Feldpropst der preußischen Armee, der geistliche Vorgesetzte der Militärpfarrer, hatte diese Probleme durchaus erkannt. In einer als geheim klassifizierten Denkschrift vom 18. September 1890, die er an seine Amtsbrüder in der Armee sandte, umriss er die Probleme der Seelsorge in der Armee, die sich bis zum Ende des Kaiserreiches grundsätzlich nicht wesentlich verändern sollten, mit außerordentlich bildhaften, ja dramatisch klingenden Worten.

„Die Sozialdemokratie wächst als eine Giftblume des Rationalismus und Materialismus aus dem Boden eines sittlich-religiös erkrankten, von dem Urquell allen Lebens sich abwendenden Volkes empor, und diese Giftblüte möchte nach allen Seiten hin ihren nur Verderben und Auflösung bewirkenden Saft…auch auf die Armee abschütteln.“ Weiterhin heißt es: „Da aber die Armee die große Pulsader der Nation ist, und man an dem Geist, der in sittlich-religiöser Hinsicht in derselben herrscht, den Geist unseres Volkes bemessen kann, wäre es falsch, die Armee als solche für etwa eingetragene Irrlehren, sittliche Schäden, ja Umsturzbestrebungen verantwortlich zu machen, vielmehr muss der ruhige Betrachter an derartigen Vorkommnissen in erster Linie nur ernste Symptome von Krankheiten des ganzen Volkslebens erkennen.“[3] Welche Therapien schlägt der Feldpropst vor? Insgesamt fünf Vorschläge werden von ihm unterbreitet, um Abhilfe zu schaffen oder das Ausmaß der von ihm geschilderten Zustände zumindest zu mildern.[4]

Erstens das Wort Gottes zu predigen, „ein Hammer, der auch Felsen zerschmeißt“, zweitens auch mit Hilfe einer „frischen, lebendigen, volkstümlichen“ Predigt Patriotismus zu vermitteln; drittens Besuche in seelsorgerischer Absicht vor allem bei Rekruten durchführen. Zum Beispiel gelte es nach einem Soldatensuizid den Kameraden des Selbstmörders die Erkenntnis zu vermitteln, dieser habe eine Sünde begangen; viertens die Gründung von Offiziers-Frauenvereinen zu initiieren, die sich auch den Mannschaften zuwenden könnten und fünftens sollten die Militärgeistlichen durch eine bescheidene Lebensführung in ihren Haushalten den Soldaten als Vorbilder dienen. Die Lebensfremdheit dieser Vorschläge wirkt geradezu grotesk. Sie waren von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Worin bestand nun die Spezifik der Militärseelsorge in Potsdam?

Sicherlich in der ganz unmittelbaren räumlichen Nähe zum Deutschen Kaiser und König von Preußen wie der Hohenzollern-Familie. Patron der am 17. August 1732 geweihten Garnisonkirche, die als Weihe- und Erinnerungsstätte eine Gruft mit den Sarkophagen Friedrich Wilhelms I. und Friedrichs II. sowie zahlreiche erbeutete Fahnen und Standarten aus dem Befreiungskriegen sowie aus den Feldzügen von 1864, 1866 und 1870/71 zur Erinnerung an „glanzvolle“ Zeiten des preußischen Militärs aufwies, war kein Geringerer als der jeweils regierende Monarch. Er hatte letztlich die in Potsdam amtierenden Militär- und Garnisonkirchenpfarrer, von denen einer zugleich die kleine Zivilgemeinde betreute, die vor allem aus Hofbediensteten bestand, zu bestimmen. Sie waren nicht nur der Seelsorge für die 1. Garde-Division verpflichtet, sondern sie pflegten, wie wir noch sehen werden, nicht selten privaten, mitunter fast freundschaftlichen Umgang mit dem Herrscherhaus, für das sie auch als Pfarrer bei Taufen, Konfirmationen und anderen Anlässen amtierten. Bei nicht wenigen Gottesdiensten waren Prinzen und Prinzessinnen des königlichen Hauses, bei Aufenthalten in Potsdam auch das Kaiser- und Königspaar in der Garnisonkirche anwesend. Sie saßen – nicht nur in übertragendem Sinne – bei den Herrschenden zu Tische und sie redeten in ihrer Sprache. Die Einheit von Thron und Altar manifestierte sich hier in einer sehr unmittelbaren, sinnlich erfahrbaren Weise.

Ich möchte an dieser Stelle die Biographien dreier bedeutende Pfarrer skizzieren, die an der Potsdamer Garnisonkirche wirkten, zwei von ihnen auch in der Zeit des Ersten Weltkrieges.

Ich beginne mit Dr. Bernhard Rogge, dessen Biographie ich etwas ausführlicher darstellen möchte. Rogge wurde am 22. Oktober 1831 als Sohn eines Pfarrers in Groß Tinz in Schlesien geboren. Am 21. September 1862 erfolgte in Anwesenheit von König Wilhelm I., des Kronprinzen sowie anderer Mitglieder des Hauses Hohenzollern seine feierliche Amtseinführung als Garnisonpfarrer in Potsdam. Zuvor hatte er bereits in gleicher Funktion in Koblenz gewirkt. Für Rogges Berufung in dieses exponierte Amt in jungen Jahren – er zählte nur knapp 31 Jahre – dürfte sich positiv ausgewirkt haben, dass es sich bei ihm um den Schwiegersohn des Feldpopstes der preußischen Armee, Dr. Thielen, sowie um den Schwager des Kriegsministers und späteren Generalfeldmarschalls Albrecht von Roon handelte. Rogge fand schnell die Sympathien des Königs und die Freundschaft des Prinzen Friedrich Carl, mit dessen Familie er regelmäßig verkehrte. Als Teilnehmer an den Feldzügen von 1866 und 1870/71, den so genannten Einigungskriegen, erwarb er auf Befehl des Königs das Eiserne Kreuz und erlebte am 18. Januar 1871 den Höhepunkt seiner Laufbahn als Militärpfarrer.

Auf ausdrücklichen Wunsch Wilhelms I. hielt er in Versailles im Angesicht der versammelten Fürsten des Deutschen Reiches, des preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck, des Generalfeldmarschalls Grafen Moltke und anderer hoher Militärs die Predigt anlässlich der Gründung des Deutschen Reiches, das soeben erworbene Eiserne Kreuz am Talar. Rogge war sichtlich beeindruckt! Wilhelm I., „der mächtigste protestantische Fürst der Welt“ hatte auf dem Sessel Platz genommen, „der einst den Thron des Sonnenkönigs zierte, das alles war an sich schon eine gewaltige Predigt“[5] – so beschrieb er in seinen Kriegsmemoiren „Bei der Garde“ die Szenerie. Seine Predigt stellte er unter das Motto: „Der Herr hat Großes an uns getan, des sind wir fröhlich“. Und er interpretierte die Reichsgründung „von oben“ im Sinne einer Erfüllung der vermeintlich göttlichen Pläne zugunsten des Hauses Hohenzollern: „In dem Werke, das sich vor unsern Augen vollziehen soll, sehen wir das Ziel erreicht, auf das Gottes Vorsehung in der Geschichte unseres Vaterlandes und Königshauses seit jener Krönung in Königsberg (gemeint ist die Krönung des Kurfürsten Friedrichs III. von Brandenburg zum König Friedrich I. in Preußen am 18. Januar 1701 – R.Z.), derer wir heute gedenken, uns hingewiesen hat.“[6] Und weiter: „Wir sehen das Deutsche Reich wieder auferstehen in alter Herrlichkeit, ja in einer Macht und Größe, die es nie zuvor besessen hat, sehen dem Deutschen Reiche seinen Kaiser wiedergegeben und dürfen als solchen einen König begrüßen, dessen greises Haar mit frischen Lorbeerkränzen geschmückt ist, in denen wir die ruhmvollen Zeiten der deutschen Vergangenheit erneuert, ja übertroffen sehen.“[7] Und er endete mit den Worten: „Allmächtiger, barmherziger Gott, Herr der Heerscharen! Ziehe ferner in Gnaden aus mit den deutschen Heeren und segne ihre Waffen zur völligen Überwindung des Feindes.“[8] Wilhelm I. standen – nach Rogges Erinnerung – tief ergriffen „die Tränen in den Augen“.[9]

Allerdings stieß die Predigt des Potsdamer Garnisonpredigers nicht nur auf Zustimmung. Vor allem Kronprinz Friedrich, der spätere „99-Tage-Kaiser“, kritisierte die Überhöhung der von Rogge in Anspruch genommen historischen Rolle des Hauses Hohenzollern. Dessen ungeachtet: Von nun an war Bernhard Rogge, dessen Versailler Predigt in den Zeitungen und anderen Publikationen sowie in Sammlungen von Quellen zur „Reichsgründung“ immer wieder verbreitet wurde, eine weit über Potsdam hinaus bekannte Persönlichkeit. Ein besonderes Ereignis stellte für den Prediger der 1. Garde-Division der Einzug zu Pferde mit den siegreichen Truppen in Potsdam und Berlin dar, wo ihn seine Konfirmandinnen bereits erwarteten und mit Blumen überschütteten bzw. wo er durch das Brandenburger Tor ritt, an dessen der Straße Unter den Linden zugewandten Seite das Transparent mit der Aufschrift prangte: „Welch eine Wendung durch Gottes Fügung“.[10]

Rogge war in den Jahren danach darum bemüht, in zahlreichen Publikationen den Ruhm des Hauses Hohenzollern und seiner Kurfürsten, Könige und Kaiser zu verbreiten. Es handelte sich dabei ausschließlich um hagiographische Studien, wie z.B. sein Buch „Das Kaiserpaar – Für das deutsche Volk und Heer, für Schule und Haus“, das er 1906 veröffentlichte. Seine fast sechshundert Seiten starke Darstellung mit dem Titel „Das Buch von den preußischen Königen“, das 1895 in erster Auflage erschienen war, wurde übrigens vor nicht allzu langer Zeit in einem Wolfenbütteler Verlag nachgedruckt.[11] Einen Karriereknick erlitt Rogge, als er nicht zum Nachfolger seines Schwiegervaters als Feldpropst der preußischen Armee ernannt wurde. Er trat deshalb 1889 zwar als Militärpfarrer zurück, verblieb jedoch als ziviler Hofprediger im Amt, bis er im September 1906, nach 44 Dienstjahren, in den Ruhestand trat.

Und der Erste Weltkrieg? Er sieht den über Achtzigjährigen wieder auf der Kanzel bzw. als Prediger unter freiem Himmel. Am 2. September 1914, dem Jahrestag des Sieges der deutschen Truppen bei Sedan 1870, hatte Rogge, zutiefst überzeugt vom scheinbar unmittelbar bevorstehenden Sieg der deutschen Waffen gegen Frankreich, im Lustgarten zu Potsdam, eine vor nationalistischen und militaristischen Tiraden triefende Ansprache vor großer Zuhörerschaft gehalten. Hier war u.a. der „heilige Krieg“, den Deutschland „als einen aufgezwungenen Krieg“[12] führe, sein Thema. Er habe „den deutschen Michel aus dem Schlafe geweckt und in einen vom Haupt bis zu den Zehen mit Wehr und Schild ausgerüsteten, in heiligem Zorn entbrannten Michael verwandelt.“[13] Und am Ende durfte die servile Referenz vor dem Kaiser nicht fehlen: „Ihm und seiner Fürsorge haben wir’s zu danken, dass unser Heer so gerüstet dasteht, dass es zum Schrecken der Feinde geworden ist, dass unsere Marine auch dem Kampfe mit einer ihr doppelt überlegenen Seemacht mit freudigem Todesmute entgegensieht. Ihm darum das erneute Gelübde unserer Treue, ihm unser Gruß ins Feldleger“; er sei, so frohlockte Rogge, „schon heute der Siegreiche“.[14]

Am 2. Weihnachtsfeiertage des Jahres 1914 wählt der greise Hof- und Garnisonprediger a.D. eine offen aggressive, ja chauvinistische Tonlage. Das deutsche Volk erscheint hier geradezu als das „auserwählte Volk“ Gottes: „Aber den Glauben wollen wir uns nicht nehmen lassen, dass Gott auch durch die Schrecken dieses Krieges etwas Besonderes aus unserem Volk machen will, dass unserem deutschen Volke Aufgaben gestellt sind, die kein anderes wie das unsere zu erfüllen berufen ist, und dass, wenn Gott in einem Kriege den wir nicht gesucht und gewollt haben, uns in solch einen Kampf stellt, wie wir ihn täglich erleben, und wenn er ihm verleiht, solche Taten zu vollbringen, wie unsere Heere und die mut uns Verbündeten sie vollbracht haben, er mit solch einem Volke noch besondere Dinge vorhaben muss.“[15] Man habe das Recht zu der Überzeugung, „dass der Kampf, in dem wir für den Fortbestand des Deutschen Reiches, für die Ehre und Wohlfahrt des deutschen Volkes stehen, zugleich ein Kampf für das Reich Gottes ist.“[16] Das deutsche Volk sei „ein Segen für die Welt, ein Träger und Bringer echter, christlicher und zugleich echt menschlicher Kultur“, es sei „ein Salz für die Erde, ein Licht für die Welt“.[17]

Bernhard Rogge trug schwer an der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg. Die Stadt Potsdam war ihm fremd geworden. Mit den neuen politischen Verhältnisse vermochte er sich verständlicher Weise nicht anzufreunden. Er verließ die Stadt, in der er jahrzehntelang gepredigt hatte und zog an die Ostsee nach Scharbeutz, wo er am 9. August 1919 verstarb. Sein Begräbnis fand vier Tage später in Potsdam auf dem Alten Kirchhof statt, die Trauerfeier unmittelbar davor, in der bis auf den letzten Platz gefüllten Garnisonkirche. Das im holländischen Exil lebende Kaiserpaar hatte einen Kranz weißer Rosen geschickt. Angehörige des Garde-Jäger-Bataillons hielten die Totenwache, Fahnen des 1. Garde-Regiments zu Fuß hatten mit entrollten Fahnen „am Haupte des Sarges“ Aufstellung genommen, die Honoratioren der Stadt, zu deren Ehrenbürger er zählte, waren erschienen. Der Hofprediger Walter Richter, wir hörten eingangs Auszüge aus seiner Ansprache zur Rekruten-Vereidigung sechs Jahre zuvor, hob in seiner Gedächtnisrede hervor: „Niemals habe Bernhard Rogge ausgesprochen, als wie jetzt mit seinen toten Lippen: ‚Eure Sünde hat mir das Herz gebrochen, und mir Potsdam zu einer fremden Stadt gemacht, denn ohne Kaiser ist Potsdam nicht mehr mein Potsdam’.“[18] Wohl kein anderer Geistlicher, der von der Kanzel der Garnisonkirche predigte, verfügte über den Bekanntheitsgrad eines Bernhard Rogge, der Generationen von Soldaten das „Bündnis von Thron und Altar“ nahe zu bringen versucht und der sein Leben aufs engste mit dem Schicksal des Hauses Hohenzollern verknüpft hatte – und wie dieses am Ende gescheitert war.

Beim zweiten Geistlichen der Garnisonkirchen-Gemeinde, zu dessen Biographie ich einige Bemerkungen formulieren möchte, handelt es sich um Dr. Johannes Vogel. Er wurde, beinahe vierzigjährig, im Februar 1912 an die Garnisonkirche berufen und erhielt den Titel eines Hofpredigers verliehen.[19] Als Militärpfarrer hatte er seit 1903 Erfahrungen gesammelt, vor allem als Divisionspfarrer in Flensburg. Der Feldpropst der preußischen Armee charakterisierte Johannes Vogel in einem Schreiben an den Chef des Militär-Kabinetts vom 16. Februar 1912 mit den Worten: „In ihm vereinigt sich der überzeugungsvolle Theologe mit dem begeisterten Soldaten.“[20]

Vogels Stunde schlug im Ersten Weltkrieg. Als Feld-Divisions-Pfarrer der 1. Garde-Kavallerie-Division war er vom ersten Kriegstage bei der kämpfenden Truppe Zeuge der Kampfhandlungen an den Fronten. Im April 1918 gelang ihm ein großer Karrieresprung: Er wurde der evangelische Feldgeistliche im kaiserlichen Großen Hauptquartier. Eine Funktion, die nicht ohne das ausdrückliche Einverständnis, wenn nicht die Initiative des Kaisers denkbar gewesen wäre, zu dessen engster Umgebung er fortan gehörte. Die Vermutung liegt nahe, dass Vogel bei seinem nur zweijährigen Wirken an der Garnisonkirche bei Seiner Majestät einen außerordentlich positiven Eindruck hinterlassen haben muss. Vogel erfreute sich bald der Allerhöchsten Huld und wurde im Hauptquartier sogar zu Vier-Augen-Gesprächen und zu Tische gebeten, wenn sich ausländische Staatsgäste angesagt hatten, wie zum Beispiel Kaiser Karl von Österreich. Als das Ende der Hohenzollern-Herrschaft nahte, war Vogel an der Entwicklung zweier Projekte beteiligt, die diesen Prozess aufhalten bzw. den Kaiser einen sicheren Aufenthalt in Deutschland verschaffen sollten.

Zum einen schlug er dem Vizepräsidenten des Oberkirchenrates der altpreußischen Landeskirche, Friedrich Lahusen, in den ersten Tagen des November 1918 vor, dass „von der obersten protestantischen Kirchenbehörde ein Rundschreiben an die Gemeinden über die Königstreue gesandt werde.“[21] Zugleich sei eine Ergebenheitsadresse protestantischer Pfarrer an den Kaiser zu richten. Offenbar waren diese Projekte im Verlaufe eines Gesprächs zwischen Wilhelm II. und Johannes Vogel erdacht worden. Der katholische Kollege Vogels, Kaplan Ludwig Beck, reiste sogleich zu Felix Kardinal Hartmann, dem Erzbischof von Köln, um zu erfahren, ob gleiches auch von Seiten der katholischen Kirche initiiert werden könnte. Kardinal Hartmann besaß jedoch weitaus mehr Realismus als der Garnisonkirchen-Prediger. Er reagierte auf die Pläne des Kaisers und seines protestantischen Pfarrers im Großen Hauptquartier mit den Worten: „Es ist jetzt zu spät!“[22]

Zum anderen war Vogel in die Planungen einbezogen, dem Kaiser heimlich eine sichere Unterkunft, irgendwo in Ostpreußen oder im Baltikum, zu verschaffen. Wilhelm II. im Exil – das müsste unbedingt verhindert werden. Auch dieses Vorhaben zerplatzte angesichts der Realitäten der Revolution wie eine Seifenblase. Johannes Vogel kehrte nach Potsdam an die Garnisonkirche zurück. Im Gegensatz zu Bernhard Rogge, der am Ende seines Lebens resignierte, war Vogel, auch wegen seines deutlich jüngeren Lebensalters von damals 46 Jahren, nicht geneigt, sich mit der neuen Ordnung zu arrangieren oder ihre Existenz resignierend in Kauf zu nehmen. Vielmehr betätigte er sich fortan bis zu seinem Tode am 19. Februar 1933 aktiv am Versuch der Wiederherstellung der Hohenzollern-Monarchie bzw. an der Zerstörung der Weimarer Republik. Der Garnisonkirchen-Pfarrer stand am Ende des Krieges und in den Wochen nach seiner Beendigung in engem Kontakt zur Garde-Kavallerie-Schützen-Division, die in Berlin zu den Exponenten der gegenrevolutionären Kräfte zählte. Sie zeichnete verantwortlich für die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg und war bei den „Märzkämpfen“ 1919 durch ihr besonders grausames Handeln hervorgetreten. Major Freiherr von Autenried, der Kommandeur des „Ost-Bataillons“ der Garde-Kavallerie-Schützen-Division, bedankte sich am 28. März 1919 bei Vogel für dessen „von Herzen gekommene und zu Herzen gegangene Predigt“ anlässlich der Gedächtnisfeier „zu Ehren der Gefallenen der Division“ bei den Märzkämpfen in Berlin-Lichtenberg. „Wahrlich“, so schreibt von Autenried, „hätte man gewünscht, diese Empfindung hörte ich vielfach, dass ganz Berlin und namentlich unsere irregeleiteten Widersacher ihren Worten gelauscht hätten! (…) Der Hinweis auf das Fenster, aus dem einst ein gütiges Auge auf uns nieder schaute, das uns Glück und Segen, Ordnung und Frieden im Lande brächte und das Fenster zum Allerhöchsten im Himmel – das waren goldene Worte! Mit kameradschaftlichen Gruß. Autenried.“[23]

Nur wenige Tage zuvor war Autenried bei Vogel vorstellig geworden, um eine finanzielle Unterstützung der Garnisonkirchengemeinde für den Deutschen Pfadfinderbund einzuwerben. Auch hier gibt es den Bezug zu den Märzkämpfen, denn „die Pfadfinder haben sich auch während der Unterdrückung der Unruhen in Berlin (gemeint sind hier wiederum die Märzkämpfe-R.Z.) im Ordonanz- und Botendienst freiwillig gestellt und auch gut bewährt. Jeder Helfer darf das Bewusstsein in sich tragen, an der Wiederaufrichtung des Vaterlandes mitzuarbeiten.“[24]Ob es zu einer Zahlung der Gemeinde oder aus Vogels privaten Einkünften an den Pfadfinderbund kam, geht aus den Akten nicht hervor. Kurz darauf verließ Johannes Vogel die Garnisonkirche, um zukünftig als Seelsorger an der Potsdamer Friedenskirche zu wirken. Seinem jetzt im holländischen Exil lebenden Kaiser und König blieb er stets in Treue verbunden. Am 5. November 1922 vollzog er hier die kirchliche Trauung Wilhelms II. mit seiner zweiten Ehefrau Hermine, geborene Prinzessin Reuß.[25]

Als dritten bedeutenden Geistlichen, der an der Potsdamer Garnisonkirche wirkte, sei von Johannes Kessler die Rede. Geboren am 8. Mai 1865 in thüringischen Köstritz als Kind eines Pfarrers, Studium der Theologie in Berlin, wurde ihm aufgrund einer Empfehlung seines „väterlichen Freundes“, des Berliner Ober-Hofpredigers Kögel, im Jahre 1888 das Amt eines zivilen Erziehers der Söhne des soeben als Nachfolger Friedrichs III. inthronisierten Kaisers Wilhelms II. und seiner Gattin, Kaiserin Auguste Viktoria übertragen. Von nun an logierte der junge Theologe in den Schlössern in Berlin und Potsdam, wo er von einem Lakaien bedient wurde, begleitete die Familie auf Reisen und bei Kuraufenthalten und hatte somit täglich engen Kontakt zum Kaiserpaar sowie den ihm anvertrauten Prinzen, darunter dem Kronprinzen. Kessler erfreute sich höchster Wertschätzung, wovon auch die Verleihung des Königlichen Kronenordens an den erst Vierundzwanzigjährigen Zeugnis ablegte – ein vollkommen ungewöhnlicher Vorgang. Der Prinzenerzieher beschloss jedoch, eine theologische Karriere zu absolvieren und nahm seinen Abschied vom Hofstaat Wilhelms II. Er blieb allerdings in der unmittelbaren Nähe des Monarchen und seiner Familie. Denn er wurde 1893 als Garnisonprediger nach Potsdam berufen und erhielt zusätzlich am 21. Mai 1898 den Titel eines Hofpredigers[26]; eine Stellung, die er bis zum Jahre 1907 inne hatte, als er an die Lukaskirche nach Dresden wechselte. Kessler war ein „schneidiger“ Prediger, dessen Ansprachen bei Rekrutenvereidigungen, Jubiläumsfeiern und anderen derartigen Anlässen höheren Ortes sicherlich viel Anklang fanden. In seinen Memoiren schreibt er rückblickend über seine Jahre als Pfarrer an der Garnisonkirche: „Mit stolzer Freude denke ich an diese glücklichste Periode meines Lebens zurück…Wohl bei keinem Gottesdienste hat mich das Bewusstsein verlassen: du stehst auf besonders geweihtem Boden. Hier, dem Altar gegenüber auf dem schlichten, roten Sessel saß so oft die Königin Luise neben dem König…(…) Hier zu deinen Füßen unter der Kanzel der große König, der das unsterbliche Wort sprach: ‚Es ist nicht nötig, dass ich lebe; es ist nur nötig, dass ich meine Pflicht tue.’ Mit jugendlicher Begeisterung…diente ich vor allem meiner großen Soldatengemeinde. Es war stets für mich ein erhebendes, aber zugleich auch verantwortungsschweres Gefühl, an so vielen deutschen Jünglingen und Männern Seelsorge treiben zu dürfen. (…) Wie manche Hunderttausende sind von mir in den Jahren vereidigt, in Kasernenstunden belehrt, in Gottesdiensten erbaut, in Lazaretten besucht und im Soldatenheim gesammelt worden. Diese Männergemeinde hat mich immer wieder verpflichtet, ein freudiges, männliches, heldisches Christentum zu predigen.“[27]

Mit diesen Anschauungen schien Johannes Kessler der rechte Mann zu sein, um Soldaten mental auf bevorstehende Feldzüge vorzubereiten. Seine diesem Zwecke gewidmeten Ansprachen – das Wort „Predigt“ will in diesem Zusammenhang nur schwer über die Lippen – hatten es in sich. Als im Juli des Jahres 1900 die nach China aufbrechenden Soldaten in der Garnisonkirche zur Niederschlagung des so genannten Boxeraufstandes verabschiedet wurden, formulierte Kessler die folgenden Gedanken: „Seid ihr bereit zum Kampfe und bereit, gegebenenfalls auch zum Sterben? Ihr sollte der starke Arm sein, der das Gericht über die Mörder verhängt. Ihr sollt die gepanzerte Faust sein, die hinein fährt unter die feigen Meuchelmörder. Der tausendjährige Kampf zwischen Morgen- und Abendland ist wieder ausgebrochen, es gilt nicht nur die Glieder der Kultur, sondern auch den europäischen Handel, die Fahne, die über unseren Kolonien schwebt, zu schützen! Völker Europas, wahret die heiligsten Güter. Ihr seid aber auch die Streiter Gottes, die nicht ruhen dürfen, bis sein heiliges Wort für alle Völker gilt. Nicht Friede darf werden auf Erden, bis das heilige Evangelium der Glaube aller Völker ist. Ihr seid die Pioniere des gekreuzigten Heilands! Darum Hand an das Schwert! (…) Es schaut auf euch der heilige Gott. Seid männlich und stark, wenn es hinein geht in die Schlacht. Seid männlich und stark, wenn die Kugeln um euch sausen, und seid männlich und stark, wenn der Tod einst naht, denn ihr werdet dann die Krone des Lebens empfangen.“[28] Der Berichterstatter des „Potsdamer Intelligenz-Blattes“ gab zu Protokoll, dass die Versammelten „hoch ergriffen“ von den „stärkenden und zugleich tröstenden und doch wiederum so anfeuernden Worten des Geistlichen“[29] gewesen seien.

Kessler bemühte sich, Soldaten in kleineren Gesprächsgruppen zu motivieren, ihre Sorgen und Nöte offen auszusprechen und miteinander zu diskutieren. Er richtete sogar ein „Soldatenheim“ mit Hilfe einer Spende des Kaisers und hoher Offiziere ein, das mit seinen Veranstaltungen nicht zuletzt davon abhalten sollte, fragwürdig erscheinende Lokale und Etablissements im nahen Berlin zu besuchen.[30] Allerdings darf bezweifelt werden, ob die gleichfalls von Kessler in den Wintermonaten organisierten „Kasernenstunden“ und die Veranstaltungen im „Soldatenheim“ auf die Interessen, Nöte und Anliegen der Rekruten und einfachen Soldaten eine Antwort geben konnten. Hier wurden u.a. behandelt: „Die Wahlsprüche der Hohenzollern“, „Sittlichkeitsfragen“, „Berühmte Feldherren“, „Soldatische Tugenden“ und „Der Selbstmord“.[31]

1907 war es mit Kesslers Karriere als Hof- und Garnisonkirchenprediger vorbei. Er folgte in jenem Jahr einem Ruf auf die Pfarrstelle der Lukaskirche in Dresden, nachdem ihm sein Hausarzt eine „ruhigere“ Tätigkeit als die an der Potsdamer Garnisonkirche dringend empfohlen hatte. So wurde aus dem preußischen Prediger jetzt ein im Königtum Sachsen wirkender Theologe, nicht zuletzt nach einem Gespräch mit dem damaligen Dresdner Superintendenten Otto Dibelius.[32] Seiner militaristischen und nationalistischen Gesinnung blieb er jedoch treu, was eine kleine Sammlung seiner im Jahre 1914 gehaltenen Kriegspredigten beweist.[33]

Die Potsdamer Garnisonkirche als Immediatkirche des Königs von Preußen und die hier wirkenden Geistlichen, von denen ich Ihnen drei in der gebotenen Kürze vorstellen konnte, hat in den Jahren von den so genannten Einigungskriegen bis zum Ersten Weltkrieg eine exponierte Rolle bei der Konditionierung junger Rekruten und Soldaten, für bevorstehende Kriege gespielt. Der spezifische genius loci mit der Königsgruft und den insgesamt 150 Fahnen und Standarten der dänischen, österreichischen und französischen Armee fand nicht seinesgleichen in Preußen. In der Garnisonkirche wurden bis in den 1. Weltkrieg hinein die in den Krieg hinausziehenden Soldaten gesegnet und ihnen versichert, auf den Schlachtfeldern als „Krieger Gottes“ zu agieren. Nationalismus und Militarismus waren die Ingredienzien der hier gehaltenen Ansprachen, für die, ich wiederhole es, der Begriff „Predigt“ nicht passend erscheinen will. Rogge, Vogel und Kessler – sie waren wichtige Exponenten der „geistlichen Leibgarde“ des Königs, des Hauses Hohenzollern und der Militärkaste, die das Schicksal des Landes auch in Zeiten der Entfaltung der bürgerlichen Gesellschaft nach wie vor wesentlich bestimmten.

Wer über die Frage des Wiederaufbaus der Potsdamer Garnisonkirche diskutiert, täte gut daran, alles dies in angemessener Weise zu bedenken. Das Bauwerk, um das es geht, lässt sich nur schwer von den Traditionen trennen, die in ihm sinnlich erfahrbar waren; Traditionen, die von seiner Kanzel vermittelt wurden von Theologen, deren Aussagen durchaus anschlussfähig waren für die später von den „Deutschen Christen“ propagierten menschenverachtenden Tiraden. Nicht nur der 30. Januar, sondern auch der 21. März 1933, der „Tag von Potsdam“, so scheint es, hat eine lange Vorgeschichte.

Reiner Zilkenat (1950 - 2020) war ein promovierter marxistischer Historiker mit Scherpunkt deutsche Arbeiterbewegung sowie die Endphase der Weimarer Republik und der Aufstieg der NSDAP.

Der hier veröffentlich Text ist ein Vortrag, gehalten auf der gemeinsam von der Martin-Niemöller-Stiftung und der Initiative „Christen brauchen keine Garnisonkirche“ am 31. Oktober 2015 in Berlin-Pankow veranstalteten Tagung „Die Garnisonkirche Potsdam: Gedenkort des Versagens – ein Ort der Versöhnung?“ Der Sprachduktus wurde beibehalten, die Anmerkungen in der Regel auf den Nachweis der Zitate beschränkt.

Anmerkungen

[1] Hofprediger Richter: Zum Fahneneid. Ansprache bei der Rekruten-Vereidigung im Langen Stalle am 10. November 1913, S. 5ff. , in: Domstiftarchiv Brandenburg (Havel), Pfarrarchiv der Garnisonkirche Potsdam, Po-G 82/208.
[2] Siehe hierzu das Standardwerk von Hartmut Rudolph: Das evangelische Militärkirchenwesen in Preußen. Die Entwicklung seiner Verfassung und Organisation vom Absolutismus bis zum Vorabend des 1. Weltkrieges. Mit einem dokumentarischen Anhang, Göttingen 1973.
[3] Der evangelische Feldpropst der Armee: Die besonderen Pflichten der evangelischen Militär-Geistlichen gegenüber den sozialen Aufgaben der Gegenwart (Geheim!), S.1f., in: Domstiftarchiv Brandenburg, Pfarrarchiv der Garnisonkirche Potsdam, Po-G 12/196.
[4] Das Folgende: ebenda, S.2ff.
[5] Bernhard Rogge: Bei der Garde. Erlebnisse und Eindrücke aus dem Kriegsjahre 1870/71, Hannover 1895, S.116.
[6] Ebenda, S.123.
[7] Ebenda.
[8] Ebenda, S.124.
[9] Ebenda, S.125.
[10] Siehe ebenda
[11] Bernhard Rogge: Das Buch von den preußischen Königen, Hannover 1895, Reprint Wolfenbüttel o.J. (etwa 2000).
[12] Bernhard Rogge: Sedanrede. Gehalten bei einer Volksfeier am Abend des Sedantages im Hofgarten in Potsdam, in: Ein feste Burg. Predigten und Reden aus eherner Zeit, hrsg. von Bruno Doehring, I, Bd., Berlin 1914, S.169.
[13] Ebenda.
[14] Ebenda, S.170.
[15] D. Rogge: Lasset uns gehen gen Bethlehem. Weihnachtspredigt, gehalten am 2. Weihnachtsfeiertag 1914 in der Potsdamer Garnisonkirche, in: Ein feste Burg. Predigten und Reden aus eherner Zeit, hrsg. von Bruno Doehring, II. Bd., Berlin 1915, S.177.
[16] Ebenda.
[17] Ebenda, S.178.
[18] Potsdamer Tageszeitung, Nr. 189, 14.8.1919, Beilage, S.1: Die Begräbnisfeier für Hofprediger D. Rogge, in: Domstiftarchiv Brandenburg (Havel), Pfarrarchiv der Garnisonkirche Potsdam, Po-G 225/162.
[19] Siehe Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, I. HA Rep. 76 III Sekt. 1 Abt. XII Nr.34, unfol.: Schreiben des Kriegsministers an den Preußischen Minister für geistliche, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten vom 16.2.1912.
[20] Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, R 5101/22382, Bl.9.
[21] „Pro Fide et Patria!“ Die Kriegstagebücher von Ludwig Berg 1914/18. Katholischer Feldgeistlicher im Gro0en Hauptquartier Kaiser Wilhelms II. Hrsg. von Frank Becker u. Almut Kriele, Köln u.a. 1998, S.777f. (Schreiben Bergs an den katholischen Feldpropst Dr. Joeppen vom 4.11.1918).
[22] Ebenda, S.778 (Eintragung über einen Besuch bei Kardinal Hartmann, 4.11.1918, abends).
[23] Brief von Major Freiherr von Autenried, Palast-Hotel Berlin, 28.3.1919, an ungenannten Empfänger (wahrscheinlich Pfarrer Johannes Vogel), in: Domstiftarchiv Brandenburg (Havel), Pfarrarchiv der Garnisonkirche Potsdam, Po-G 83/213, unfol.
[24] Brief des Deutschen Pfadfinderbundes-Beirat Major Freiherr von Autenried-Charlottenburg, 21.3.1919, an einen namentlich nicht genannten Hofprediger (wahrscheinlich Pfarrer Johannes Vogel), in: Domstiftarchiv Brandenburg (Havel), Pfarrarchiv der Garnisonkirche Potsdam, Po-G 403/90, unfol.
[25] Siehe Kraft und Sehnsucht. Predigten von Hofprediger Dr. Vogel, Bd. I, Berlin o.J., S.95ff.
[26] Siehe Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, I. HA Rep. 76 III Sektion 13 Abt. XX Nr. 31 Bd. 10, unfol.: Allerhöchster Erlass vom 21.5.1891.
[27] Johannes Kessler: Ich schwöre mir ewige Jugend, Leipzig 1935, S.203.
[28] Potsdamer Intelligenz-Blatt, Nr. 173, 26.7.1900, 1. Beilage, S.1: Potsdams Scheidegruß dem ostasiatischen Reiter-Regiment.
[29] Ebenda.
[30] Siehe Johannes Kessler: Ich wünsche mir ewige Jugend, S.208f.
[31] Siehe ebenda, S.207.
[32] Siehe ebenda, S. 306ff.
[33] Siehe Durch Gott zum Sieg. Zweite Sammlung von Predigten und Ansprachen in den Kriegstagen 1914 gehalten von J. Kessler, 2. Auflage, Dresden 1914.