Rechenzentrum Potsdam – ein skandalöser Deal

Wir würden uns gerne darüber freuen, dass die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Potsdam am 1. Juli 2026 eine siebenjährige Verlängerung der kulturellen Nutzung des Rechenzentrums (RZ) beschlossen hat. Doch die weiteren Inhalte des Beschlusses und die Art seines Zustandekommens sind skandalös.

Obwohl seit längerem eine Mehrheit der Potsdamer Stadtverordneten sich für einen zumindest einstweiligen Erhalt des RZ als soziokulturelles Zentrum ausgesprochen hatte, widersetzte sich die Stiftung Garnisonkirche fünf Jahre lang einer einvernehmlichen Lösung. Die Nutzer*innen des Rechenzentrums erhielten währenddessen wiederholt erst im letzten Moment immer kürzer werdende Mietvertragsverlängerungen, zuletzt nur noch für sechs Monate.

Potsdam Baudezernent Bernd Rubelt nahm auf den Prozess maßgeblichen Einfluss, indem er die Stadtverordneten durch irreführende, zum Teil falsche Informationen zu Rechtsfragen verunsicherte und behauptete, für eine weitere Nutzung des RZ müsste ein Einvernehmen mit der Stiftung Garnisonkirche hergestellt werden, da dieser quasi ein Vetorecht zukäme. Mit diesen Falschdarstellungen hielt Rubelt die Stadtverordneten davon ab, das der Stadt Potsdam vertraglich zustehende Recht auf eine unentgeltliche Weiternutzung des RZ gegenüber der Stiftung Garnisonkirche durchzusetzen.

Die Stiftung nutzte diese ihr von Rubelt zugestandene Position weidlich aus und stellte Maximalforderungen. Sie forderte im April 2026 eine „Entschädigungs“-Zahlung von € 70.000/ Jahr und die unumkehrbare Festschreibung des Abrisses der RZ für das Jahr 2033. Dabei wurde sie von Baudezernent Rubelt unterstützt, der eine Abrissfestlegung zunächst als unabdingbar für eine befristete Weiternutzung des RZ darstellte.

Nachdem dies von den Stadtverordneten abgelehnt worden war, stellten die Stiftung und Rubelt ihre Strategie um. Von der angeblich unumgänglichen Abrissfestlegung war keine Rede mehr, stattdessen sollte jetzt das städtische Rückrufrecht für die der Stiftung kostenfrei überlassenen Grundstücke im Wert von mehr als einer Million Euro einkassiert werden. Aus dem Scheitern im ersten Anlauf hatte man gelernt: Der maßgebliche Vertragsinhalt wurde als vermeintlich harmlose Tatsachenbeschreibung in der Präambel des Vertrags wie in einem Trojanischen Pferd versteckt und der ausgehandelte Vertragsentwurf so lange wie nur irgend möglich zurückgehalten, um eine kritische Diskussion zu verhindern. Der dafür zuständige Begleitkreis bekam den Entwurf nicht zu sehen, Baudezernent Rubelt verhinderte zweimal, dass bei seiner Zusammenkunft mit Stadtverordneten ein unabhängiger Rechtsbeistand sich dazu äußern konnte. Beim ersten Mal kam die Anwältin nicht zu Wort, beim zweiten Mal wurde die von den Stadtverordneten bereits eingeladene Anwältin auf Betreiben Rubelts wieder ausgeladen. Der Vertragsentwurf wurde nur drei Werktage vor der letzten Ausschusssitzung und acht Werktage vor der Stadtverordnetenversammlung dieser vorgelegt. Diese war die letzte, bevor vier Wochen später die Verträge für das RZ ausliefen und eine Räumung drohte. Nach fünf Jahren Vorbereitung legte die Verwaltung also in letzter Sekunde einen angeblich alternativlosen Vorschlag vor.

Verunsichert durch die jahrelangen irreführenden und falschen Informationen zur Rechtslage und dem offensiven und teilweise anmaßenden Auftreten der Stiftung, dem die Stadt nie entgegengetreten war, wollten die Stadtverordneten nichts riskieren und auf Nummer sicher gehen. Sie stimmten unverändert den vom Kuratorium der Stiftung Garnisonkirche zwei Tage zuvor diktierten Konditionen zu, aus der irrationalen Angst, sie müssten andernfalls das Ende der Nutzung des RZ und eine Räumung verantworten. Mit dieser Unterwerfung hat die Stadt ohne Not ihre zukünftigen Gestaltungsmöglichkeiten erheblich geschmälert. Zudem verlangt sie von den – meist prekär und gemeinwohlorientiert tätigen – Nutzer*innen des RZ, über sieben Jahre insgesamt € 268.000 an die Stiftung zu zahlen, obwohl die Stiftung 16 Jahre zuvor der Stadt rechtsverbindlich Kostenfreiheit zugesichert hatte.

Mit der Beseitigung des Rückrufrechts wurde zudem eine Grundstücksübertragung finalisiert, welche der rechtsextreme ehemalige Bundeswehroffizier Max Klaar 1992 erfolgreich eingefädelt hatte: Die kostenfreie Übertragung von Grundstücken an den Bauträger des Kirchennachbaus. Der von der Stadtverordnetenversammlung 2008 noch vorgesehene Rückrufvorbehalt wurde durch Rubelts Vorgehen beseitigt. Ende letzten Jahres machte Rubelt wegen seiner Verwicklung in die von seiner Frau mit dem rechtslastigen Schriftsteller Uwe Tellkamp in Potsdam organisierte Veranstaltung von sich reden. Zuvor waren bereits beiden Kontakte zur Corona-Leugner-Szene vorgehalten worden. Rubelt gibt sich neutral und sachlich, aber verfolgt doch sehr deutlich eine eigene Agenda, welche auch die Beschlusslage der Stadtverordnetensammlung unterläuft. Dass er das RZ lieber heute als morgen abgerissen hätte, ist ein offenes Geheimnis.

All diesen Widrigkeiten zum Trotz halten wir an dem Ziel des dauerhaften Erhalts des Rechenzentrums fest. Erst mit diesem Bau wird an diesem Ort deutsche Geschichte in ihren Kontrasten, Widersprüchen und Brüchen anschaulich. Zugleich ist das selbstverwaltete Rechenzentrum ein zentraler Ort für Potsdams Kultur und die soziokulturell Aktiven. Der ehemalige Schirmherr der Stiftung Garnisonkirche – Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier – hat zur Eröffnung des Kirchturms vor zwei Jahren sich für den Fortbestand des Rechenzentrums und dessen Koexistenz mit dem nachgebauten Kirchturm ausgesprochen, ebenso wie Mitglieder des aufgelösten wissenschaftlichen Beirats der Stiftung Garnisonkirche. Die selbstverschuldeten Finanznöte der Stiftung können kein Grund sein, diesen historisch wie kulturell wichtigen Ort zu zerstören.

Gerd Bauz, Vorstand Bonhoeffer-Niemöller-Stiftung

Prof. Dr. Horst Junginger, Co-Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats Lernort Garnisonkirche Potsdam

Michael Karg, Propst i.R., Vorstand Bonhoeffer-Niemöller-Stiftung

Sara Krieg, Bürger*inneninitiative für ein Potsdam ohne Garnisonkirche

Dr. Annette Leo, Co-Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats Lernort

Carsten Linke, Antimilitaristischer Förderverein Potsdam

Prof. Dr. Philipp Oswalt, Lernort Garnisonkirche Potsdam

Dr. Uwe Karsten Plisch, Vorsitzender Bonhoeffer-Niemöller-Stiftung

class="wp-block-heading">Dokumente zum Entscheidungsprozess

Im folgenden finden Sie die zentralen Dokumente zu dem Entscheidungsprozess von April 2026 bis zum 1. Juli 2026. Zunächst der erste "alternativlose" Vorschlag, der seitens der SVV-Vertreter verworfen wurde. Dann der neue Vorschlag seitens der Stadtverwaltung, dazu folgend eine kritische Betrachtung dazu von der von dem Für e.V. beauftragten Anwältin. Der aus dieser Kritik sich ergbende Entwurf für Änderungen wurden seitens der Stadtverwaltung (Rubelt) kritisch kommentiert, dem wiederum die Anwältin entgegengetreten ist.

Zuletzt der von der SVV beschlossene Antrag und die abgelehnten Änderungsanträge.

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Volk, Gott und Judenhass – Evangelische Theologen und der NS

Micha Brumlik

Am 1. Oktober 2021 hielt Micha Brumlik folgenden Vortrag bei der Tagung des Lernorts Garnisonkirche Potsdam "Gott mit uns. Das schwierige Erbe des Nationalsozialismus", den wir dann auch in der zwei Jahre später veröffentlichten Tagungsdokumentation in der Schriftenreihe der epd-Dokumentation veröffentlichten. Anlässlich von Micha Brumliks Tod veröffentlichen wir diesen Tag in Erinnerung an ihn erstmals online:

Vorbemerkung

Im Folgenden geht es um die Frage, in welcher Weise sich drei der bedeutendsten deutschen evangelischen Theologen des 20. Jahrhunderts, nämlich Emanuel Hirsch (*1888), Rudolf Bultmann (*1884) sowie Paul Althaus (*1888) zum Nationalsozialismus und speziell zu dessen antisemitischen Maßnahmen bis hin zum Genozid verhalten haben.

Emanuel Hirsch

In Emanuel Hirsch[1] begegnen wir einem hochgebildeten Theologen,[2] einem exquisiten Kenner der idealistischen und existenziellen Philosophie sowie einem brillanten, wortgewaltigen Intellektuellen, der gleichwohl ein überzeugter völkischer Denker war und sogar Adolf Hitler begrüsste.[3]

Emanuel Hirsch wurde 1888 in Bentwisch (Wittenberge) als Sohn eines Pastors geboren und studierte von 1906 bis 1911 in Berlin bei Adolf von Harnack, Hermann Gunkel und dem Lutherforscher Karl Holl[4] Theologie. 1914 in Göttingen promoviert, habilitierte sich der wegen extremer Kurzsichtigkeit vom Militärdienst freigestellte Hirsch 1915 und wurde im selben Jahr Privatdozent für Kirchengeschichte in Bonn, mit dem Schwerpunkt Geschichte der neueren evangelischen Theologie. Eng mit Paul Tillich befreundet, erhielt Hirsch, der seit 1920 dem Werk Kierkegaards entscheidende Impulse entnahm, 1921 einen Ruf nach Göttingen, wo er mit dem gleichzeitig berufenen Karl Barth in einen spannungsreichen, kontroversen und zunehmend feindseligen Dialog trat.[5] Als einflussreicher Herausgeber theologischer Zeitschriften wurde Hirsch bald ein bedeutender Kirchenpolitiker, der nach 1933 als ständiger Berater der nationalsozialistischen Reichsregierung über Lehrstuhlbesetzungen im protestantischen Bereich mitentschied. Hirsch, vor 1933 lange Jahre aktiver Parteigänger der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) gewesen, kam es in jenen Jahren darauf an,

„der ganzen volkhaften und menschlichen Sphäre unseres natürlich-geschichtlichen Daseins ethisch-religiös so die Ehre zu geben, daß wir sie als die Stätte, an der Gott Menschen ruft und findet und an der auch das Christentum lebendig empfangen werden will, kennen und daraus die Folgerungen ziehen für unser theologisches Denken und unsere kirchliche Arbeit.“[6]

1933 trat Hirsch als einer der ersten renommierten Universitätstheologen der den Nationalsozialisten verbundenen Glaubensbewegung „Deutsche Christen“[7] bei und blieb der Bewegung trotz ihres im November 1933 beginnenden Zerfalls treu. Hirsch wurde 1937 Mitglied der NSDAP, 1945 vorzeitig pensioniert, und starb, ohne jemals etwas von seinen bestreitbaren Äußerungen zurückgenommen zu haben, von treuen Schülern begleitet 1972 in Göttingen.

Systematische Motive

Fragt man nach den systematischen Motiven, die Hirsch zu seinem Bekenntnis zu Adolf Hitler geführt haben, so stößt man auf eine politische Souveränitätslehre, eine spekulative Geschichtsphilosophie, eine entfaltete Theorie des Volkes sowie auf eine an Luther orientierte Rechtfertigungslehre.

In seiner Schrift „Glaube und Volk“ aus dem Jahr 1932 unterscheidet Hirsch zwischen je zufällig vorhandenen Obrigkeiten hier und einem „verborgenen Souverän“, dem Volk dort, an dessen Willen jede staatliche Gewalt zu prüfen sei; damit ist das „Volk“ eine Instanz, die letztlich dazu legitimiert ist, gegebene Staatsformen zu zerbrechen, „wenn es einen anderen Weg, dem Volke zur Erfüllung seines Lebens und seiner Sendung zu helfen, nicht gibt.“[8]

Diese Intuition hat Hirsch 1934 in seinem Buch Die gegenwärtige geistige Lage im Spiegel philosophischer und theologischer Besinnung systematisch entfaltet, indem er drei griechische Begriffe einführt: „Horos“, „Nomos“ und „Logos“. „Horos“, zu deutsch „Grenze“, bezeichnet die jedem Volk von Gott mitgegebenen Grenzen, die sich in seinen je eigentümlichen Sitten, Gesetzen und Bräuchen äußern. Gestützt werden diese Grenzen vom von Gott gegebenen „Blutbund“: „Die Erinnerung an Blut und Rasse ist die Weise, in der uns das ganze, große Geheimnis der Grenze am mächtigsten ergriffen hat.“[9] Dem entspricht schließlich eine über ihre eigenen Grenzen belehrte Vernunft, die sich auf die Gestaltung konkreter Lebensumstände konzentriert: „Vernunft ist der sich als Logos geistig verstehende und entfaltende Nomos bestimmten menschlich-geschichtlichen Lebens selbst, und Wissenschaft ist nichts als Zucht und Rechenschaft dieses wirklichkeitsbestimmten Logos vor sich selbst über die ihn bestimmende Wirklichkeit.“[10]

Damit besteht „Vernunft“  in der historischen und politischen Selbstbesinnung eines Volkes als einer wesentlich rassischen Einheit. Aus diesem Motiv heraus wird Hirsch dann zum weltanschaulichen Antisemiten; einem Antisemiten, der nicht nur der Überzeugung war, dass Jesus wahrscheinlich nichtjüdischen Blutes war,[11] sondern dass die Juden danach strebten, jeden ihnen fremden Nomos aufzulösen und „allein eine neutrale Humanität, die mit technisch-objektiver oder formal bestimmter Wissenschaftlichkeit hochgefüttert war“,  zu befürworten. Vor allem aber sah Hirsch in den Juden die „Träger und Förderer und Steigerer aller zersetzenden Möglichkeiten, die in der geistigen Lage und den wirklichen Verhältnissen des Geschichtsalters vorhanden waren.“[12]  Daraus folgt schlüssig, dass Hirsch die Einführung des Arierparagraphen in der Kirche ebenso befürwortete wie die Bildung besonderer judenchristlicher Gemeinden.

Dieser politische Antisemitismus ist jedoch nicht identisch mit dem Kern von Hirschs Theologie, einem systematischen Antijudaismus in der kontroversen Dialektik von „Gesetz und Evangelium“ in der Spur Martin Luthers, in der dann auch die zentrale Rolle des Gewissens für eine Ethik im Allgemeinen und – daraus folgend – für ein letztlich reueloses nationalsozialistisches Engagement deutlich wird. Hirsch ist durchaus bewusst, dass das, was er als „Volksnomos“ bezeichnet, in der Tora, in der geschichtlichen Einheit des jüdischen Volkes sein Vorbild haben könnte, weshalb er alles daran setzt zu zeigen, dass seine völkischen Optionen, die einer christlichen Besinnung entspringen, grundsätzlich andere sind. Dabei gerät die Auseinandersetzung mit dem Alten Testament und seiner Bedeutung für den christlichen Glauben, der ja das Alte Testament als Teil seiner Bibel hat, zur zentralen Herausforderung – eine Herausforderung, die Hirsch in seiner 1936 publizierten Schrift Das Alte Testament und die Predigt des Evangeliums[13] annimmt.

Anders als es seine sonstigen nationalsozialistischen Optionen nahe legen, geht es Hirsch hier auf den ersten Blick gerade nicht darum, den alttestamentlich-jüdischen Glauben verächtlich zu machen, sondern – im Gegenteil – gerade darum, ihn als so stark und bedeutend wie überhaupt nur möglich darzustellen. Das geschieht sowohl aus sachlicher Überzeugung als auch aus strategischem Kalkül: Erst wenn es gelingt, den jüdisch-alttestamentlichen Glauben als die historisch bis dahin höchste Form von Religion zu erweisen, lässt sich der revolutionäre Bruch, der mit dem Christentum in die Welt kam, in seiner vollen Bedeutung ermessen.

Und genau aus einem so verstandenen Christusereignis folgt schließlich die Emanzipation der Menschen von einer metaphysisch verstandenen Geschichte: Dieser geheiligte Lebenssinn, dieser Ruf Gottes traf Emanuel Hirsch im Auftreten und in der Erscheinung Adolf Hitlers als des Führers und Erlösers jener konkreten, historisch-gesellschaftlichen Gemeinschaft, die Hirsch in seiner Existenz teuer war, des rassisch verstandenen deutschen Volkes.

Paul Althaus

Paul Althaus (1888-1966) entstammte der Familie eines evangelischen Theologen und studierte in Tübingen und Göttingen evangelische Theologie. Nach einem Dienst als Militärpfarrer im Ersten Weltkrieg bekleidete Althaus seit 1919 in Rostock eine Professur für systematische Theologie. 1925 auf einen Lehrstuhl für Dogmatik, Apologetik und Dogmengeschichte in Erlangen berufen, wurde er dort 1932 auf den Lehrstuhl für systematische Theologie und neutestamentliche Exegese berufen und war seit 1931 daselbst Universitätsprediger. Er übte diese Funktion – mit einer vom NS-Staat verfügten Unterbrechung des Amtes in den Jahren 1940 bis 1946 – über seine Emeritierung hinaus bis 1964 aus. Von 1926 und bis? 1964 war der überzeugte Lutheraner Präsident der Luther-Gesellschaft. 1945 zunächst als Leiter der universitätsinternen Entnazifizierungskommission eingesetzt, wurde er im Januar 1947 von den Besatzungsbehörden seiner Nähe zum NS-Regime wegen des Dienstes enthoben, um 1948 wieder eine Lehrerlaubnis in Erlangen zu erhalten, die er bis zu seiner Emeritierung 1957 ausübte. 1953 zum Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gewählt, starb Althaus 1966 hochgeehrt in Erlangen.

In seiner völkisch-nationalistischen Grundhaltung minder radikal als Emanuel Hirsch, seinem lutherischem Bekenntnis entsprechend jedoch minder antinationalsozialistisch eingestellt als Rudolf Bultmann, tritt uns in Paul Althaus, dessen Grundthemen eine Theologie der Schöpfungsordnungen sowie das Verhältnis von „Gesetz und Evangelium“ waren, ein Vertreter jenes national getönten Luthertums entgegen, das sich maßvoll dem Nationalsozialismus unterordnete und – entgegen den Überzeugungen der Bekennenden Kirche – stets bereit war, den kirchlichen Rassenantisemitismus mit seinem Programm, „nichtarische“ Christen von kirchlichen Funktionen und Gottesdiensten fernzuhalten, zu vertreten.

So äußerten sich am 25. September des Jahres 1933 die Erlanger Theologen Werner Elert und Paul Althaus gegen ein Gutachten der Marburger Theologen – unter ihnen Rudolf Bultmann – zum sogenannten „Arierparagraphen“ in der Kirche, den die preußischen Synodalen am 5. und 6. September des Jahres in Berlin beschlossen hatten. Sie beschlossen im Anschluss an das nationalsozialistische Gesetz zur „Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ ein „Gesetz über die Rechtsverhältnisse der Geistlichen und Kirchenbeamten“, dessen §1 (2) so lautete:

„Wer nicht arischer Abstammung oder mit einer Person nicht arischer Abstammung verheiratet ist, darf nicht als Geistlicher oder Beamter der allgemeinen kirchlichen Verwaltung berufen werden. Geistliche oder Beamte arischer Abstammung, die mit einer Person nichtarischer Abstammung die Ehe eingehen, sind zu entlassen. Wer als Person nichtarischer Abstammung zu gelten hat, bestimmt sich nach den Vorschriften der Reichsgesetze.“[14]

Als Reaktion darauf verfassten Rudolf Bultmann und andere Marburger Theologen  am 19. September ein Gutachten, das betonte, dass die bisherige Staats- und Kirchengeschichte  Juden immer nur als Konfession gekannt hätte, weshalb derartige staatliche Maßnahmen im Raum der Kirche keine Geltung hätten. Darauf legten wiederum einige Tage später die Erlanger Theologen Elert und Althaus ein „Theologisches Gutachten über die Christen jüdischer Herkunft zu den Ämtern der deutschen evangelischen Kirche“ vor, das hervorhob, dass eine allen Christen gemeinsame Gotteskindschaft biologische und gesellschaftliche Unterschiede nicht aufhebe. Werner Elert (1885-1954) vertrat seit 1932 in Erlangen das Fach Systematische Theologie, das er nach Maßgabe des „Luthertums“ deutete.[15] In dem gemeinsam mit Paul Althaus verfassten und publizierten Text hieß es:

„Das deutsche Volk empfindet heute die Juden in seiner Mitte mehr denn je als fremdes Volkstum. Es hat die Bedrohung seines Eigenlebens durch das emanzipierte Judentum erkannt und wehrt sich gegen diese Gefahr mit rechtlichen Ausnahmebestimmungen. Im Ringen um die Erneuerung unseres Volkes schließt der neue Staat Männer jüdischer oder halbjüdischer Abstammung von führenden Ämtern aus. Die Kirche muss das grundsätzliche Recht des Staates zu solchen gesetzgeberischen Maßnahmen anerkennen. Sie weiß sich selber in der gegenwärtigen Lage zu neuer Besinnung auf ihre Aufgabe, Volkskirche der Deutschen zu sein, gerufen. Dazu gehört, dass sie heute ihren Grundsatz von der völkischen Verbundenheit der Amtsträger mit ihrer Gemeinde bewusst neu geltend macht und ihn auch auf die Christen jüdischer Abstammung anwendet.“[16]

Bei alledem ist zu beachten, dass jedenfalls Paul Althaus bereits 1927 auf dem 2. Deutschen Evangelischen Kirchentag entsprechende antisemitische Überzeugungen geäußert hatte. Dort führte er u. a. aus:

„Die Kirchen müssen – unbeschadet dessen, was vorhin über antisemitischen Pharisäismus und über die von Deutschen selber ausgehende Entartung und Überfremdung unseres Volkstums gesagt ist – ein Auge und ein Wort haben für die jüdische Bedrohung unseres Volkstums. Man überwindet den wilden Antisemitismus, der so viele in unserem Volk blind hinreißt, nicht dadurch, daß man das Problem, die hier wirklich vorhandene Volksnot überhaupt nicht sehen will oder verschweigt. […] Es geht dabei nicht um Judenhaß – man kann an diesem Punkte gerade mit ernsten Juden übereinkommen – es geht nicht um das Blut, auch nicht um den religiösen Glauben des Judentums, sondern um die Bedrohung durch eine ganz bestimmte zersetzte und zersetzende großstädtische Geistigkeit, deren Träger nun einmal in erster Linie jüdisches Volkstum ist. Die Kirchen müssen wissen und zeigen, wo die Mächte stehen, die immer wieder unser Volk aufhalten in seiner Selbstbesinnung und Reinigung. Erst wenn die Kirche hier die Dinge beim rechten Namen nennt, hat sie die innere Vollmacht zur wirksamen Seelsorge am Antisemitismus.“[17]

Diese Einlassungen könnten den Anschein erwecken, als sei Paul Althaus zwar Antisemit, aber kein Vertreter eines massiven theologischen Antijudaismus gewesen. Ein genauerer Blick auf sein Gesamtwerk offenbart freilich, dass sein spätestens 1933 offener – auch Rassismus akzeptierender – Antisemitismus systematische Wurzeln hat. Es sind diese Grundsatzüberzeugungen, die Althaus motivieren:

1. Eine stark von Luther geprägte Unterscheidung von „Gesetz“ und „Evangelium“ sowie

2. eine ebenfalls in der Nachfolge Luthers stehende „Zwei–Reiche–Lehre“, die sich wiederum auf die Aussage des Apostels Paulus „Jedermann sei untertan der Obrigkeit“ (Röm 13,1) beruft.

Tatsächlich vertrat Althaus eine gegen Karl Barth und dessen Deutung des Römerbriefs gerichtete Theorie und Theologie der „Ur-Offenbarung“, gemäß derer sich Gott bereits in der Wirklichkeit der Welt, zu der eben auch unterschiedliche Völker gehören, offenbart habe. „Volk“ galt Althaus demnach als „eine Lebenseinheit von Menschen gemeinsamer seelischer Art“, aus der die ur-menschliche Gabe des „menschlichen Beschenkt- und Gefordertseins“ resultiere – so, dass die Ur-Offenbarung der Schöpfung, der „uns tragenden und bindenden Wirklichkeit“ und die Offenbarung in Christus sich wechselseitig bezeugen.[18]

Dieser schöpfungstheologisch begründete Antijudaismus konnte über die Rezeption von Luthers Lehre von den Zwei Reichen zu einer theologisch begründeten Anerkennung jeglicher staatlicher Herrschaft – in diesem Fall des nationalsozialistischen Rassenantisemitismus – führen. Eben dies beglaubigte der sog. „Ansbacher Ratschlag“ vom Juni 1934:

„Als Christen ehren wir mit Dank gegen Gott jede Ordnung, also auch jede Obrigkeit, selbst in der Entstellung, als Werkzeug göttlicher Erhaltung, aber wir unterscheiden auch als Christen gütige und wunderliche Herren, gesunde und entstellte Ordnungen.“[19] War also Althaus wirklich nur – wie Ericksen behauptet – ein „Vermittler“[20]?

Rudolf Bultmann 

Mit Rudolf Bultmann (1884-1976) und seinem Werk begegnen wir einem hochbegabten Theologen, der als Linksliberaler und als Mitglied der Bekennenden Kirche einen hoch sublimierten Antijudaismus vertrat. Zudem stand Bultmann in den Jahren der Judenverfolgung zu seinen jüdischen Freunden – wie Hans Jonas, Paul Friedländer oder Erich Auerbach[21] –, bevor diese Deutschland verließen.

In seinem Buch Jesus aus dem Jahre 1926 räumt er zwar ein, dass Jesus von Nazareth ein jüdischer Rabbi gewesen sei, behauptet jedoch zugleich, dass Jesu Unterschied zum Judentum darin bestehe, „daß er den Gedanken des Gehorsams radikal zu Ende denkt.“[22] Im gleichen Buch geht es ihm darum, Jesus in den Zusammenhang der jüdischen Gottesvorstellung zu stellen, um ihn zugleich davon abzuheben.[23] In diesem Sinne argumentiert Bultmann bereits 1931 quasi markionitisch, indem er den Offenbarungscharakter der hebräischen Bibel für den christlichen Glauben verwirft: „Für den christlichen Glauben ist das Alte Testament“, so Bultmann, „nicht mehr Offenbarung, wie es das für die Juden war und ist. Wer in der Kirche steht, für den ist die Geschichte Israels vergangen und abgetan.“[24]

Bultmann, Sohn eines Pfarrers, studierte ab 1903 in Tübingen evangelische Theologie und Philosophie, um ab 1904 in Berlin u. a.bei Adolf von Harnack zu studieren. Seit 1933 Mitglied der Bekennenden Kirche und des Pfarrernotbundes übte er seine Professur ohne offenen Widerstand aus, um 1941 mit seinem Vortrag „Neues Testament und Mythologie“ die sog. „Entmythologisierungsdebatte“ anzustoßen.[25] Unter Entmythologisierung wurde eine Betrachtungsweise biblischer Texte verstanden, die diese u. a. nicht mehr als wörtlich zu verstehende Berichte über übernatürliche Wunder ansahen, sondern als Texte, die Offenbarung und Wunder, im Falle des Christentums vor allem die Auferstehung Jesu als sprachlich-existenzielles Geschehen in menschlicher Rede und Gemeinschaft zu deuten. Biblische Offenbarungstexte entmythologisiert zu lesen, bedeutet dann, ihr Geschehen als innerweltlich zu verstehen, ihren Sinn aber als Einbruch der Tranzendenz in die menschliche Existenz wahrzunehmen. Diese Gedankenfigur entwickelte Bultmann unter dem Einfluss der Philosophie Martin Heideggers, mit dem er während seiner Lehrtätigkeit in Marburg in engen Kontakt kam.[26]

Der von ihm systematisch und auch unter Heideggers Einfluss vertretene – allerdings subtile – Antijudaismus kam besonders in dem von Bultmann 1941 veröffentlichten Kommentar Das Evangelium des Johannes[27] zum Ausdruck – vor allem im Kommentar zu Joh 8, 41-47. Dort heißt es:

„Können die ‚Juden‘ nicht verstehen, so liegt das daran, daß sie das echte Hören nicht aufbringen können, ein Hören, das nicht schon immer wieder das schon Gewußte vernehmem […] will, sondern das bereit ist, das Neue zu vernehmen und deshalb alles schon Gewußte und damit dessen Voraussetzung, das eigene Selbstverständnis preiszugeben. Solches Hören können sie nicht aufbringen!“[28]

Zwar setzt Bultmann den Begriff „Juden“ auch im Text immer wieder in Anführungszeichen, so dass die im neutestamentlichen Text genannten Juden hier nicht als die wirklichen Juden seiner Zeit gedeutet werden können. Welcher Herkunft Menschen sind, bemisst sich demnach nicht ihrer Abstammung nach, sondern erst im Augenblick der Glaubenentscheidung – was für die Zeit des NS nichts anderes heißen konnte, als dass Christen jüdischer Herkunft eben Christen und nur Christen waren und der „Arierparagraph“ daher zutiefst gegen den christlichen Glauben verstieß.[29] Aber auch Joh 4, 22, wo die Rede davon ist, dass das Heil von den Juden kommt, wollte Bultmann lediglich als spätere Glosse der Redaktion, die nicht wirklich in den johannäischen Sachzusammenhang gehört, bestimmen[30] – womit doch ein subtiler Antijudaismus zum Ausdruck kommt.

Schließlich: so sehr Bultmann der nationalsozialistischen Politik mutig widersprach und zu seinen jüdischen Freunden stand,[31] so konzedierte er bei den entsprechenden Beratungen im Pfarrernotbund dem nationalsozialistischen Staat dennoch das Recht, das zu tun „was er für recht hält um des Volkes willen.“[32]

Daher stellt sich dann die Frage nach dem Verhältnis Bultmanns zu seinen ungetauften jüdischen Freunden, vor allem zu Hans Jonas. Nach Jonas’ eigenen Worten war sein Verhältnis zu Bultmann das „eines Schülers zu seinem verehrten Lehrer und das eines Lehrers zu seinem von ihm hoch geschätzten Schüler“,[33] – erschien doch die erste Auflage von Jonas’ Buch Gnosis und spätantiker Geist mit einer Einleitung von Rudolf Bultmann. Tatsächlich hatte Bultmann noch im Dezember 1933 ein lobendes Gutachten für Jonas verfasst, das diesem die Türen für ein akademisches Wirken in der Emigration ermöglichen sollte. Wünsche er doch, so schloss das Gutachten, „daß es Herrn Dr. Jonas ermöglicht wird, seine wissenschaftliche Arbeit fortzusetzen; ich wünsche das umso mehr, als ich Herrn J. auch als Menschen achten und schätzen gelernt habe.“[34]


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[1] Robert P. Ericksen/Susannah Heschel (Eds.), Betrayal. German Churches and the Holocaust, Minneapolis 1999, p. 26-33; Ericksen, Theologen unter Hitler, München/Wien 1986, S. 167-269; Heschel, The Aryan Jesus. Christian Theologians and the Bible in Nazi Germany, Oxford 2008, p. 114-115; Wolfgang Fenske, Wie Jesus zum Arier wurde. Auswirkungen der Entjudaisierung Christi im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Darmstadt 2005, S. 226.

[2] Ulrich Barth, Die Christologie Emanuel Hirschs. Eine systematische und problemgeschichtliche Darstellung ihrer geschichtsmethodologischen, erkenntniskritischen und subjektivitätstheoretischen Grundlagen, Berlin/N.Y. 1992.

[3] Christoph Weiling, Die „Christlich-deutsche Bewegung“. Eine Studie zum konservativen Protestantismus in der Weimarer Republik, Göttingen 1998, S. 201-214.

[4] Marikje Smid, Deutscher Protestantismus und Judentum 1932/1933, München 1990, S. 264-279.

[5] Christiane Tietz, Karl Barth. Ein Leben im Widerspruch, München 2018, S. 126-128.

[6] Willy Schottroff,  Theologie und Politik bei Emanuel Hirsch. Zur Einordnung seines Verständnisses des Alten Testaments, in: Kirche und Israel. Neukirchener Theologische Zeitschrift 1 (1987), S. 27f.

[7] Oliver Arnhold, „Entjudung“ – Kirche im Abgrund. Die Thüringer Kirchenbewegung Deutsche Christen 1928-1939, Berlin 2010.

[8] Weiling, Die „Christlich – deutsche Bewegung“, S. 216.

[9] Weiling, a.a.O. S. 208.

[10] Weiling, a.a.O. S. 209.

[11] Fenske, Wie Jesus zum „Arier“ wurde, S. 226.

[12] Smid, Deutscher Protestantismus und Judentum, S. 271.

[13] Emanuel Hirsch, Das Alte Testament und die Predigt des Evangeliums. Mit anderen Arbeiten Emanuel Hirschs zum Alten Testament neu hg. von Hans Martin Müller, Tübingen/Goslar 1986.

[14] Zitiert nach Ernst Klee, „Die SA Jesu Christi“. Die Kirchen im Banne Hitlers, Frankfurt am Main 1989, S. 114.

[15] Notger Slenczka, Selbstkonstitution und Gotteserfahrung. Werner Elerts Deutung der neuzeitlichen Subjektivität im Kontext der Erlanger Theologie (= Forschungen zur Systematischen und Ökumenischen Theologie 86), Göttingen 1999; Tanja Hetzer u. Christina Winter, Art. Elert, Werner, in: Handbuch des Antisemitismus, Bd. 2/1, 2009, S. 203f.

[16] Klee, „Die SA Jesu Christi“, S. 116.

[17] Zitiert nach Wolfgang Gerlach, Als die Zeugen schwiegen. Bekennende Kirche und die Juden, Berlin 1987, S. 75.

[18] Zitiert nach Smid, Deutscher Protestantismus und Judentum, S. 284.

[19] Zitiert nach Ericksen, Theologen unter Hitler, S. 125.

[20] Ericksen, a.a.O., S. 115.

[21] Konrad Hammann, Rudolf Bultmann. Eine Biographie, Tübingen 2012, S. 284.

[22] Rudolf Bultmann, Jesus, Berlin 1926, S. 79.

[23] Bultmann, a.a.O., S. 26.

[24] Bultmann, Die Bedeutung des Alten Testaments für den christlichen Glauben, in: ders., Glauben und Verstehen. Gesammelte Aufsätze, Bd. 1, Tübingen 1933, S. 333.

[25] Dazu Hammann, Rudolf Bultmann, S. 421-432.

[26] Hammann, a.a.O., S. 192-216.

[27] Bultmann, Das Evangelium des Johannes (= Kritisch-exegetischer Kommentar über das Neue Testament), 20. Aufl., unveränd. Nachdr. d. 10. Aufl., Göttingen 1978.

[28] Bultmann, a.a.O., S. 240.

[29] Bultmann, Der Arierparagraph im Raume der Kirche, in: Die Evangelische Kirche in Deutschland und die Judenfrage. Ausgewählte Dokumente aus den Jahren des Kirchenkampfes 1933 bis 1943, Genf 1945, S. 78-97.

[30] Bultmann, Das Evangelium des Johannes, S. 139, Anm. 6.

[31] Hammann, Rudolf Bultmann, S. 255-274.

[32] Gerlach, Als die Zeugen schwiegen,  Berlin 1987, S. 69.

[33] Hans Jonas, Erinnerungen, Frankfurt am Main/Leipzig 2003, S. 237.

[34] Jonas, a.a.O., S. 447.

Buch „Geist von Potsdam“

Geist von Potsdam. Preußisches Militär als Tradition und Erbe

Hrsg von Philipp Oswalt und Agnieszka Pufelska

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Die Militärtradition des „Semper Talis“ und der Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam stehen exemplarisch dafür, dass die preußischen Militärtraditionen bis heute in die Gesellschaft hineinwirken. Doch eignet sich diese nicht zuletzt imperialistische und koloniale Tradition für uns heute? Was macht den „Geist von Potsdam“ aus? Wie hat das Militärische die Gesellschaft geprägt? Welche gesellschaftlichen Kräfte wehrten sich gegen Militarisierung und Autoritarismus? Wie sind die Gewaltexzesse in den Kolonial- und Weltkriegen zu verstehen? Und wie gingen die Deutschen nach 1945 mit den preußischen Militärtraditionen um? 

Dr. Agnieszka Pufelska, Prof. Dr. Barbara Stollberg-Rilinger und Prof. Dr. Philipp Oswalt stellten am 6. Mai 2025 in der Stadt- und Landesbibliothek Potsdam als Autorinnen bzw. HerausgeberInnen Kernthesen des neu erschienen Buchs "Der Geist von Potsdam. Preußisches Militär als Tradition und Erbe" vor, das anschließend von Prof. Dr. Sönke Neitzel kommentiert und mit ihm diskutiert wurde. 70 Zuhörer waren gekommen, unter ihnen auch Vertreter des Rohdich´scher Legatenfonds/ Semper-Talis-Bunds und des Wachbataillons beim Bundesministerium der Verteidigung. Dier Veranstaltung war Teil der Gedenkwoche der Stadt Potsdam „80 Jahre Kriegsende - besiegt und befreit“.

In ihrer Einleitung fasste Agnieszka Pufelska die Inhalte des Buchs wie folgt zusammen:

Der von Philipp Oswalt und mir herausgegebene Sammelband "Das preußische Militär als Tradition und Erbe" basiert auf einer Tagung im Potsdam Museum im Jahr 2023. Dieses interdisziplinäre Buch untersucht die ideellen, institutionellen und kulturellen Nachwirkungen des preußischen Militärmodells in deutschen Gesellschaften vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Seine Grundfrage ist damit ebenso historisch wie hochaktuell: Welche langfristigen Wirkungen hatte das preußische Militär in Politik, Gesellschaft und Kultur Deutschlands – und in welchen Formen leben diese Wirkungen bis heute fort? Was bedeutet es für eine moderne Demokratie, dass große Teile ihrer staatlichen Infrastruktur, ihres Symbolrepertoires und ihres Sicherheitsverständnisses auf eine militarisierte Vergangenheit zurückgehen? Und was heißt es schliesslich, dass diese Vergangenheit in Krisenzeiten – wie aktuell durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine – nicht nur historisch diskutiert, sondern politisch reaktiviert wird? Der Band liefert keine einfache Abrechnung, sondern eine vielstimmige und analytisch präzise Auseinandersetzung mit diesen Fragen. Seine Relevanz liegt nicht allein in der Geschichtsschreibung, sondern in seiner Bedeutung für die Gegenwartsdiagnose: Wer heute über Verteidigungsetats, über Wehrpflicht oder das Selbstverständnis der Bundeswehr spricht, kann dies nicht tun, ohne sich der historischen Tiefenschichten dieser Debatten bewusst zu sein.
Der Band ist in fünf große Abschnitte gegliedert, deren inhaltliche Spannweite ich Ihnen im Folgenden thesenhaft vorstellen möchte.
1. Kulturen des Militärischen Am Anfang steht die Beobachtung, dass das preußische Militär nicht nur Schlachten plante, sondern Gesellschaft entwarf und formte. Hartwin Spenkuch zeigt auf, wie der preußische Staat über Generationen hinweg eine militärisch geprägte Verwaltungskultur etablierte, die Gehorsam und Hierarchie in alle Ebenen des Alltags einsickern ließ. John Zimmermann verfolgt, wie dieses Denken auch in der Reichswehr der Weimarer Republik nachwirkte und den demokratischen Aufbruch blockierte. In den Kadettenanstalten, die Heiger Ostertag und Olaf Briese beschreiben, wurde nicht bloß drillt, sondern eine autoritäre Männlichkeit institutionalisiert – im Gleichschritt marschierend in die Elite. Jeanette Toussaint macht deutlich, dass auch Frauen in dieses System eingebunden wurden – nicht an der Front, aber in der Erziehung, in der Symbolik, im nationalen Pathos. Thomas Kühnes Analyse der Kameradschaft schließlich berührt einen Nerv: Diese emotionale Gemeinschaftsidee lebt – von den Gräben der Weltkriege bis in heutige Bundeswehr-Leitbilder. Wer hier beginnt zu lesen, versteht: Das preußische Militär war keine geschlossene Institution – es war ein kulturelles Kraftfeld.

2. Konflikte im Inneren – Die Militarisierung der Gesellschaft und ihre Brüche Wenn man glaubt, der Militarismus sei nur von oben verordnet worden, belehren die Beiträge dieses Abschnitts eines Besseren. Rüdiger Hachtmann zeigt, dass das Militär stets dort zur Stelle war, wo es galt, bürgerliche Revolutionen zu unterdrücken – ob 1848 oder 1918. Christine G. Krüger ergänzt, dass sich selbst die Idee der Nation in Deutschland im 19. Jahrhundert über militärische Mythen und Schlachten definierte – ein Nationalgefühl in Uniform. Doch dem steht ein anderer Ton gegenüber: Friedhelm Greis und Stefanie Oswalt verorten in der Zeitschrift Die Weltbühne einen Ort publizistischen Widerstands, Michael Sikora rehabilitiert den Deserteur als politischen Denker – als Figur, die uns gerade heute, wo das Soldatische erneut aufgewertet wird, an das Recht auf Verweigerung erinnert. Die innere Spannung des preußischen Modells wird in diesem Abschnitt greifbar: zwischen nationaler Identifikation und kritischer Distanz, zwischen Gehorsam und Gewissen.


3. Gewalt und Expansion –Die dritte Sektion verbindet innere und äußere Gewaltlogiken und zeigt: Das preußische Militär war nicht nur Träger disziplinierter Stärke, sondern auch ein Vehikel imperialer Expansion und kolonialer Herrschaft. Mein Beitrag erklärt, wie Friedrich der 2, der Große wenn Sie mögen, Gewalt als aufgeklärtes Herrschaftsinstrument rationalisierte – ein Denken, das bis zur kolonialen "Zivilisierungsmission" reicht. Sandra Maß beleuchtet, wie der Generalmajor und Schriftsteller Paul von Lettow-Vorbeck nicht nur als kolonialer Held glorifiziert, sondern als Träger eines rassistischen Imperialethos erinnert wurde. Rainer Orth analysiert die Freikorps als Brücke zwischen kaiserlicher Armee und nationalsozialistischer Gewaltpolitik. Und Jochen Böhler schließt den Bogen mit der Wehrmacht in Polen, deren Kriegsverbrechen in einem langen Traditionsstrom stehen. In Zeiten globaler Krisen und wachsender Kriegsbereitschaft erinnert dieser Abschnitt an eine unbequeme Wahrheit: Aufrüstung bringt keine moralische Läuterung mit sich – sie bringt Systeme der Legitimation von Gewalt hervor.

4. Mythos Potsdam –Potsdam wird in diesem Abschnitt zum Kristallisationspunkt eines konservativen Erinnerungskanons. Die zentrale These dieses Teils: Der Mythos vom "Geist von Potsdam" war kein Zufall, sondern das Resultat aktiver politischer Konstruktion – und wurde von verschiedenen Machthabern bewusst als Symbol staatlicher Legitimation genutzt. Barbara Stollberg-Rilinger rekonstruiert die Sakralisierung des Militärs unter Friedrich Wilhelm I. als frühmoderne Ideologieinszenierung. Matthias Grünzig beleuchtet, wie in der Weimarer Republik monarchistische Netzwerke gezielt an diese Deutungsmuster anschlossen. Marcus Funck verfolgt die Traditionspflege rund um das 9. Infanterieregiment, das bis in die Bundeswehr hinein als moralische Instanz verklärt wurde. Philipp Oswalt zeigt schließlich, dass der Streit um die Wiedererrichtung der Garnisonkirche mehr ist als ein ästhetischer – er ist ein Streit über Geschichte, Macht und die Symbole der Gewalt. Alle Beiträge entfalten ein Panorama der Erinnerungspolitik, in dem militärische Symbole, Orte und Rituale nie nur rückblickend, sondern stets zukunftsgerichtet wirken, auch oder vielleicht besonders in Potsdam.

5. Traditionen in der Gegenwart Was bedeutet das preußische Erbe heute – im Licht der Zeitenwende, des Ukrainekriegs, der Milliardenetats für Rüstung? Die Beiträge dieses Abschnitts versuchen keine einfachen Antworten, aber sie stellen die richtigen Fragen. Detlef Bald zeigt, dass autoritäres Denken in der Bundeswehr nie völlig verschwunden ist. Paul A. Koszuszeck analysiert, wie auch die DDR mit dem preußischen Erbe spielte – es ablehnte, aber gleichzeitig vereinnahmte. Auch Linda von Keyserlingk-Rehbein macht auf eine doppelte Erinnerung aufmerksam: Der 20. Juli 1944 steht für Widerstand – aber auch für eine Elite, der die Demokratie sehr oft fremd war. Jakob Saß benennt Kontinuitäten rechter Traditionslinien in der Bundeswehr und warnt vor einem Militär, das sich seiner Geschichte zu sicher ist. Sven Lange schließlich diskutiert, was ein demokratisches Traditionsverständnis heute leisten muss – und wie schwer es ist, eine Balance zwischen Zugehörigkeit und Distanz zu finden. Gemeinsam zeichnen diese Beiträge ein Bild militärischer Erinnerung als offenes Feld, das gesellschaftlicher Aushandlung und demokratischer Transparenz bedarf.

Fazit: "Das preußische Militär als Tradition und Erbe" ist ein Sammelband von bedrängender Gegenwärtigkeit, weil die hier versammelten Texten nach den Grundlagen fragen: Was ist ein Militär in einer Demokratie? Was bedeutet heute eine Soldatin oder ein Soldat zu sein? Dieses Buch ist daher ein Angebot zur politischen Mündigkeit: Es lädt dazu ein, das vermeintlich Selbstverständliche – die Uniform, den Zapfenstreich, den Begriff der Kameradschaft oder die Garnisonkirche– als historische Konstrukte zu begreifen, die immer neu gedeutet und verhandelt werden müssen. In einer Zeit, in der die Wehrpflicht neu debattiert wird, erinnert dieser Sammelband daran, dass das Militär nie eine neutrale Institution war, sondern immer ein kultureller Ausdruck – mit Idealen, Widersprüchen und sehr vielen blinden Flecken. Und genau darum ist seine kritische Reflexion so wichtig.

Links zur Rezension des Buchs von Eckart Conze in der Süddeutschen Zeitung, Kurzfassung der Rezension im Perlentaucher ohne Paywall. Eine Rezension von Peter Steinbach erschien in das Das Historisch-Politische Buch (HPB)Vol. 73, Issue 1 pp. 157–159

Warum wird die Turmhaube gebaut?

class="wp-block-heading">Die Stiftung Garnisonkirche ist Pleite. Und gibt Geld aus, was sie nicht hat.

Die Stiftung Garnisonkirche ist Pleite, wie gestern auf der Frühjahrssynode der EKBO berichtet wurde. Sie kann ihre Kredite nicht bedienen. Ihre Einnahmen decken nicht ihre Ausgaben. Als privatwirtschaftliches Unternehmen müsste sie einen Insolvenzantrag unterstellen. Doch untersteht die Stiftung nicht dem Wirtschaftsrecht, sondern dem Kirchenrecht. Und die kirchliche Finanzaufsicht schaut weg, um die gemachten Verfehlungen zu vertuschen.
Denn der Befund ist wenig überraschend. Bereits vor drei Jahren legte der Lernort Garnisonkirche  gemeinsam mit Potsdamer Initiativen eine umfangreiche Recherche vor, die ergab: „Nach der geplanten Eröffnung des Turms wird, anders als von der Stiftung behauptet, dessen Betrieb keinen Überschuss erzeugen, mit der die eingegangenen Kreditverbindlichkeiten bedient werden können. Im Gegenteil ist von einem dauerhaften Defizit von über einer halben Million Euro im Jahr auszugehen, denen keine Einnahmen zur Deckung gegenüberstehen.“ (Q: https://lernort-garnisonkirche.de/unrechtmaessige-stiftungskonstruktion-strukturelles-defizit-und-spendenbetrug/).  
Doch nur mit den geschönten Bilanzen, mit verschwiegenen Kosten und Risiken und aufgeblähten Einnahmen bekam die Stiftung die für den Bau erforderlichen Fördermittel und Kredite. Die Kirche wird die Konsequenzen dieser gezielte Fehlkalkulation ausbaden müssen, auch wenn ihre Entscheidungsträger teilweise bewußt getäuscht wurden. Ungeniert fordert die Stiftung von der Kirche die Stundung der Kredite und eine institutionelle Förderung.
Es fragt sich allerdings, wie es sein kann, dass angesichts dieses sich schon seit langem abzeichnenden Desaster die Stiftung erst vor kurzem - im Januar diesen Jahres -  den Bau der Turmhaube für einen größeren, aber ungenannten Millionenbetrag beauftragt hat. Wie kommt sie dazu, wenn sie ohnehin schon massiv in den roten Zahlen ist, weiteres Geld auszugeben, welches zudem das dauerhafte Defizit im Betrieb nochmals merklich erhöht. Denn die Turmhaube wird keine zusätzlichen Einnahmen generieren, ihr Unterhalt aber einiges kosten. Welche Pfarrstelle wird eingespart, welche Kirche geschlossen werden müssen, um die Gelder aufzutreiben, um den Bau und Betrieb der Turmhaube zu finanzieren?
Und all dies, obwohl (oder gerade weil?) die Turmhaube wegen ihrer Symbolbedeutung heftig umstritten ist. Im März 2021 plädierten viele Prominente unter dem Motto „Keine Kirchturmhaube – Priorität für einen Lernort!“ an die Stiftung, auf den Bau der Turmhaube zu verzichten. (Q: https://lernort-garnisonkirche.de/keine-kirchturmhaube-prioritaet-fuer-einen-lernort/). Zu den Unterzeichnern gehörten die Wissenschaftler Micha Brumlik, Geoff Eley, Hans Ulrich Gumbrecht, Susannah Heschel, Uffa Jensen, Robert Jan van Pelt, Stefanie Schüler-Springorum, James E. Young und Wolfram Wette; die Kulturschaffenden Mo Asumang, Monica Bonvicini, Jochen Gerz, Katharina Hacker, Thomas Heise, Kasper König und Olaf Nicolai; die Architekten HG Merz, Matthias Sauerbruch, Michael Schumacher, Werner Sobek, der Kirchenmann Friedrich Schorlemmer sowie Anetta Kahane (Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung), Franz Nadler (Vorsitzender von Connection e.V., Internationale Arbeit für Kriegsdienstverweigerer und Deserteure, Offenbach) und Ulrich Schneider (Bundessprecher der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten).

Die Stiftung reagierte auf unsere Kritik wie folgt:

"Wie auch dauerempörte Kritiker wissen, haben wir zwei Finanzkreise. Zum einen das durch zweckgebundene Spenden und Bundesmittel ausfinanzierte Baugeschehen (Turmhaube) zum anderen den laufenden Betrieb. Selbst wenn wir das wollen würden, könnten wir mit den zweckgebundenen Baumitteln nicht den Betrieb gegenfinanzieren.

Aufgrund der hohen Nachfrage der inhaltlichen Arbeit setzen sich die Stiftung für die Möglichkeit einer institutionellen Förderung ein. Denn nach den ersten sechs Monaten wird deutlich, wie sehr sich der Ort eignet, Fragen nach der Verantwortung für unsere freiheitliche Demokratie zu diskutieren. Der neue Garnisonkirchturm ist dafür ein wichtiges Forum geworden.

Parallel zur Frage einer institutionellen Förderung ist die Stiftung mit den drei kirchlichen Kreditgebern im Blick auf eine Verschiebung der Tilgung der Darlehnen im Gespräch. Dazu müssen das Probejahr 2025 und mögliche Auswirkungen des Baus der Turmhaube in den Jahren 2026 und 2027 auf den
Besucherbetrieb ausgewertet werden."

Unsere Antwort hierauf:

(1) Die Stiftung hat ihren Geldgebern (BKM) und Kreditgebern (EKBO) vor Jahren zugesichert, dass sie aus eigenen Ressourcen selber den Betrieb gewährleisten kann und sogar einen Überschuss erwirtschaftet, um den Betrieb zu gewährleisten. Ohne diese Zusage hätte sie die Mittel nicht bekommen und bauen können. So hat die Stiftung im April 2016 gegenüber der Synode der EKBO erklärt: „Das Darlehen soll perspektivisch in erster Linie aus Einnahmenüberschüssen nach Errichtung des Turms der Garnisonkirche zurückgezahlt werden. Die Stiftung hat eine entsprechende Einnahmen- / Ausgabenrechnung vorgelegt, die auf realistischen Annahmen beruht. Dabei könnte in den ersten Jahren eine wesentlich höhere Tilgung erfolgen, weil hier auf Zuführungen zur Baurücklage zugunsten der schnellen Tilgung verzichtet werden könnte. Die zinsfreien Darlehen sollen nach Möglichkeit nach zwanzig Jahren; spätestens nach dreißig Jahren komplett an die Darlehensgeber zurückgeführt sein."
Sie hat bislang nicht dargelegt, wieso sie nicht einhalten kann, was sie zugesichert hat. Wir haben vor drei Jahren dargelegt, warum dieses Behauptung von Anfang an falsch waren. Unsere Kritik hat sich bestätigt, dies „News“ wenig überraschend. Die Stiftung hat 2016 unvermeidbare Kosten und Risiken verschwiegen und überhöhte Einnahmen dargestellGleiches gilt im übrigen für die Baukosten, die immer dahin gerechnet wurden, wie man es brauchte, um eine Hürde zunehmen, die man eigentlich gar nicht nehmen d.h. einhalten konnte. Die Stiftung hat beweisen, dass auf finanziellen Aussagen kein Verlas i

(2) Dieses betrügerische Vorgehen kaschiert sie, in dem sie sich seit vielen Jahren weigert, ihren Geldgebern – des EBKO-Synode und den Steuerzahlern - ihre Finanzen offen zu legen. Und sie kann sich bislang darauf verlassen, dass die kirchliche Finanzaufsicht dies nicht aufdeckt, sondern Stillschweigen bewahrt, um so auch die Beteiligung der Kirchenleitung an diesem Vorgehen zu decken, der ihrerseits ja auch die Finanzaufsicht unterstellt ist. Diese Geheimniskrämerei ist nicht weiter hinnehmbar.

(3) Natürlich gibt es Zweckbindungen bei manchen Geldern, aber es sind keine zwei absolut getrennten Finanzkreise. Die Stiftung weiss die Zuordnung der Gelder zu diesen Kreisen kreativ zu nutzen. So hat sie seit Beginn die Spenden (so gut wie) nur für Bauinvestitionen eingeworben, aber im erheblichen Ausmass (d.h. über die Jahre in Millionenhöhe) für ihre laufenden Kosten verausgabt. Auch hat sie mit ihren privaten wie staatlichen Geldgebern wiederholt erfolgreich verhandelt, für ihre jeweils aktuellen Bedürfnisse die Zweckbindung von Gelder zu verändern.

(4) Es ist sehr unwahrscheinlich, dass staatliche Stellen bereit sind, eine institutionelle Förderung aufzunehmen. Die Landeskirche wird daher gezwungen sein, das von Anfang absehbare ständige Defizit trotz aller anderslautenden leeren Versprechen der Stiftung zu decken. Dies ist bitter, weil das heißt, dass dies an andere Stelle weggenommen werden muss, und dort Personal eingespart und/  oder Baulichkeiten (Kirchen) aufgegeben werden müssen. Ein Beispiel: Angesichts der schon ohnehin bestehenden Finanznot wird die Landeskirche die Stelle der Beauftragten für Erinnerungskultur (bislang Pfarrerin Marion Gardei) wohl nicht neu besetzen, sondern streichen.

(5) Selbst wenn die beiden Finanzkreise hermetisch voneinander getrennt wären, ist es wirtschaftlichen unverantwortlich, dass die Stiftung in ihrer gegenwärtigen Situation den Bau der Turmhaube beauftragt. Dies verursacht zusätzliche und substantielle Betriebs- und Instandhaltungskosten, der keinerlei Mehreinnahmen gegenüberstehen. Es sind in der Turmhaube keine nutzbaren Räume vorgesehen. Die Turmhaube verbessert nicht den Ausblick, und sie verbessert auch nicht die Nutzungsmöglichkeiten der Kapelle, der Ausstellung- und Seminarräume. Die Turmhaube erfüllt allein symbolische Zwecke.

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Das Deutsche Alibi

Wie der 20. Juli 1944 verklärt und politisch instrumentalisiert wird.

Vortrag und Diskussion

Freitag, 21. März 2025 / 18:00
Kosmos im Kunst- und Kreativhaus Rechenzentrum, Dortustraße 46, 14467 Potsdam
Eintritt ist frei

Buchvorstellung von Ruth Hoffmann, gefolgt von einem Gespräch mit Dr. John Zimmermann (Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) und Prof.Dr. Philipp Oswalt (Lernort Garnisonkirche), moderiert von Stefanie Schuster
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Noch heute gilt der 20. Juli 1944 als »Aufstand des Gewissens« einer kleinen Gruppe konservativer Militärs, noch heute verstellt diese legendenhafte Überhöhung unseren Blick auf die Ereignisse und die gesellschaftliche Vielfalt der Verschwörung. Die Journalistin Ruth Hoffmann unternimmt eine längst überfällige Dekonstruktion des Mythos »Stauffenberg-Attentat« und zeichnet nach, wie der 20. Juli nach 1945 politisch instrumentalisiert wurde. Von der frühen Bundesrepublik bis zur AfD heute, und auch für den Aufbau der Garnisonkirche Potsdam.

Eine Veranstaltung des Lernort Garnisonkirche in Kooperation mit dem Rechenzentrum anläßlich des 92. Jahrestags des „Tag von Potsdam“

Link zur Videoaufzeichnung:

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https://uni-kassel.cloud.panopto.eu/Panopto/Pages/Viewer.aspx?id=2a02db17-f889-44b4-b609-b2a800deca12


Friedrich Schorlemmer (1944-2024) – In Memoriam

Der ehemalige Studentenpfarrer, Dozent, Friedenspreisträger und Ehrendoktor Friedrich Schorlemmer ist am Montag, den 9. September 2024, im Alter von 80 Jahren gestorben. Er war in der Friedens-, Menschenrechts- und Umweltbewegung der DDR aktiv und er moderierte und kommentierte 30 Jahre lang die Entwicklung der Bundesrepublik kritisch. Mehr dazu unter http://www.friedrich-schorlemmer.de/texte.html

Anlässlich seines Todes schreibt Michael Bartsch in der taz „Der unbestechliche Blick des evangelischen Pfarrers knickte vor keinem der beiden Systeme ab, in denen er lebte. „Zwischen allen Stühlen sitze ich fest auf der Erde“, könnte man ein Gedicht des DDR-Autors Peter Hacks bemühen. Schorlemmers Boden und Maß aller Dinge blieben die Versöhnungs- und Liebesbotschaften Jesu, festgehalten im Neuen Testament. Was eine Vereinnahmung durch jegliche Staatsform ausschloss, auch die der freiheitlichen demokratischen Grundordnung.“

Mehrere Medien berichten dieser Tag zum Tode Schorlemmers. Einige würdigen sein Werk, die legendäre symbolische Aktion des Umschmiedens eines Schwertes zur Pflugschar beim Wittenberger Kirchentag 1983, seine Rede am 4.Nov.1989 auf dem Alexanderplatz oder die „Erfurter Erklärung“ von 1997, die auf mehr Gemeinwohl im Sinne des Artikels 14 Grundgesetz zielte.

Wir möchten an dieser Stelle an einen unserer Mitstreiter im Widerstand gegen Wiederaufbau der Garnisonkirche erinnern. Pfarrer Friedrich Schorlemmer war im August 2014 einer der Verfasser und Erstunterzeichner der Erklärung „Warum wir Christinnen und Christen keine neue Garnisonkirche brauchen.“ Zahlreiche Gespräche mit ihm waren für einige von uns eine Bereicherung. Auch war er MItunterzeichner der Petitionen des Lernorts "Bruch statt Kontinuität – Notwendig ist ein Lernort anstelle eines Identifikationsorts“ von August 2019 und "Garnisonkirche Potsdam: Keine Kirchturmhaube – Priorität für einen Lernort!" von März 2021.

class="wp-block-image size-full">Friedrich Schorlemmer bei einer Lesung in Marburg 2009, Foto Franz Mozerclass="wp-image-2442"/>
class="wp-element-caption">Friedrich Schorlemmer bei einer Lesung in Marburg 2009, Foto Franz Mozer

Anlässlich seines Todes dokumentieren wir hier einen Text zur Ganrisonkriche, den er im Oktober 2013 verfasst hatte:

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Nie wieder: Gegen eine Rekonstruktion einer barocken Militärkirche

„Was vorüber ist, ist nicht vorüber“ (R Ausländer)

Ich schlage mein Neues Testament auf und bin mir sicher. Die Botschaft ist paradox: Die Garnison- und Hofkirche, hätte es nicht geben dürfen - auch nicht den "Tag von Potsdam". Was demnächst unversehrt und makellos das Stadtbild wieder "heil" machen soll, zeigt Ungeist in neuem Glanz. Indem man wiederaufbaut, will man sich zugleich distanzieren. Wie soll das gelingen? Die Fassade und die Botschaft, die man hinter ihr vermitteln will, passen nicht zusammen. Wer kann ausschließen, dass sich nicht auch der alte Ungeist hier eine neue Heimstatt sucht?

Die Garnisonkirche lässt sich nicht lösen von ihrer problematischen Geschichte. Sie bleibt das Mahnmal der zynischen und nationaltrunkenen Inszenierung des Schulterschlusses der alten bürgerlichen Elite mit den neuen nazistischen Machthabern. Am "Tag von Potsdam" wurde sie in den fatalen Dienst der "nationalen Versöhnung" gestellt zwischen Reichswehr, SA, SS, Kirche und Antidemokraten aller Couleur. Kreide hatte Hitler gefressen. In Cut und Zylinder schwadronierte er über eine einzigartige Erhebung, und - Hindenburg dankend - von der vollzogenen Vermählung "zwischen den Symbolen der alten Größen und der jungen Kraft". Weiter im O-Ton: "Wir wollen uns redlich bemühen, diejenigen zusammenzuführen, die guten Willens sind und diejenigen unschädlich zu machen, die dem Volke zu schaden versuchen." Er sprach von "diesem für jeden Deutschen geheiligten Raum ... zu Füßen der Bahre seines größten Königs." Unser "größter König" bleibt Jesus Christus, der Friedensheiland. Oder?

200 Jahre Staatskirche

Diese Kirche hat von Anfang an zur geistigen Einschwörung für den Militärdienst gedient. Der 21. März 1933 war ein nationaler Symboltag. Am 21. März 1871 hatte die erste Sitzung des Reichstages nach der Gründung des Deutschen Reiches stattgefunden. Der Ort verkörpert die unselige Allianz der monarchistischen und militärischen Tradition Preußen-Deutschlands in seiner protestantischen Ausprägung. Hier waren die eroberten Fahnen und Feldzeichen ausgestellt worden. Die Sozialdemokraten hatten sich entschlossen, jener Zeremonie fernzubleiben. Und die Kommunisten waren bereits "durch nützliche Arbeit" (so Innenminister Frick) in Konzentrationslagern verhindert. Diese staatliche Kirche war über zweihundert Jahre ganz Staatskirche - Symbol für die willige Bereitschaft des Christentums, sich für Machtzwecke vereinnahmen zu lassen. Hier wurde die vorrangige militärische Option bei politischen Konflikten - Expansion und Okkupation - abgesegnet. Hier wurde gebetet für "Deinen Gesalbten, Seine königliche Majestät in Preußen, unserm allergnädigsten Könige" und deren "sieghafte Kriegsheere, getreue Diener und gehorsame Untertanen" (so die Agenda von 1740).

Das Konzept, in dem wiedererrichteten Turm dem Beten, dem Erinnern, dem Bilden und dem Sehen - hinaufsteigend - Raum zu geben, finde ich in sich selbst ganz überzeugend. Aber warum ausgerechnet hinter dieser Fassade? Die Geschichte dieser Kirche bis 1945 müsste breiteren Raum einnehmen, bevor die Nachkriegszeit der kleinen Heilig-Kreuz-Gemeinde im Turm und Ulbrichts Sprengungsbefehl 1968 erzählt werden kann. Wenn man keinem neuen Geschichtsrevisionismus erliegen und wenn man den Mut zur Wahrheit hat, dann muss beleuchtet werden, welch problembeladener Ort künftig als Symbol für Versöhnung dienen soll. Wäre eine leere Fläche oder die jetzt verhandene Erinnerungsstätte nicht angemessener, weil sie die Wunde und Abgründe zeigt, das Stadtbild weiter störend?

Kontaminierter Raum

Dies ist ein historisch kontaminierter Raum. Die Gefahr ist nicht von der Hand zu weisen, dass der Wiederaufbau (miss-)verstanden werden kann für Verquickung von Militär und Kirche, für die Zelebrierung von Opfertod und Heldenkult. Hier wurde der Kriegsdienst gesegnet, die Krieger und ihre Fahnen. Hier war jahrhundertelang der Feind kein Mensch mehr, sondern nur ein zu besiegender Feind. Daran zu erinnern, bleibt nötig - aber nicht durch Rekonstruktion einer barocken Militärkirchen-Kulisse.

Selbst wenn es die Heimatkirche eines Henning von Tresckow war, der schließlich den Mut zum "Verrat" bei der Vorbereitung des Tyrannenmordes fand: Sie alle hatten Hitler einen Treueeid geschworen. Sie hatten alle mitgemacht, bis Siege ausblieben und die militärische Wende durch Stalingrad einsetzte. Die Frage bleibt: Wären jene mutigen Offiziere auch umgeschwenkt, wenn sie Moskau als Sieger erreicht hätten? Siegen machte lange dumm und blind. Erst die Niederlage machte offensichtlich sehend.

Die im Zweiten Weltkrieg zerbombte, auf Ulbrichts Geheiß 1968 zusammen mit der Universitätskirche in Leipzig gesprengte Fast-Ruine der Garnisonkirche war und bleibt Symbol einer Verirrung und eines Missbrauchs der Friedens- und Versöhnungsbotschaft des Jesus aus Nazareth. Es liegt mir fern, jetzigen Akteuren restauratives oder gar militaristisches Denken zu unterstellen. Weil ich aber die Überschrift "Versöhnung" oder "Kultur des Friedens" bejahen kann, frage ich, worin sie sich manifestieren? Durch Umtaufen eines solchen Ortes? - Nein!

Kirche des Friedens

Mit der Ökumenischen Versammlung 1989 wollten wir aus der gezeichneten Dresdner Kreuzkirche heraus für alle sichtbar machen, was eine Kirche des Friedens bewegt und von welcher Hoffnung sie getragen ist: der Geist der Seligpreisungen, die Antithesen der Bergpredigt, der Einsatz für "Brot für die Welt", für zivile Friedensdienste, für die Stärkung der UNO und für strikte Befolgung des Völkerrechts, für die Erinnerung an die Versöhnungsarbeit mit unseren östlichen Nachbarn, für die vorpolitische Mittlerrolle der Kirchen im Ost-West-Konflikt, für das Tradieren und Weiterentwickeln der Einsichten eines Bonhoeffer, der es eine der scheinheiligen Fragen der Schlange nannte: "Sollte Gott nicht gesagt haben, wir sollten wohl für den Frieden arbeiten, aber zur Sicherung sollten wir doch Tanks und Giftgase bereitstellen?"

Bonhoeffer sprach 1934 davon, dass der Friede nicht auf dem Weg der Sicherheit gefunden werden könne, sondern gewagt werden müsse. Die Kirche Christi müsse den Krieg verbieten und den Frieden Christi ausrufen über die rasende Welt. Eine Kirche des Friedens kämpft heute gegen das Geldverdienen mit Rüstung unter dem Vorwand der Sicherung von Arbeitsplätzen, gegen den fragwürdigen Ehrgeiz, einer der größten Waffenexporteure der Welt bleiben zu wollen und militärische Spitzentechnologie zu produzieren. Kirche des Friedens werden wir, wenn wir Orte schaffen, die deutlich machen, wann, wo, wie Christen mit der Bereitschaft zum Risiko für den Frieden eintreten.

Ergo: Der Platz auf dem die Garnisonkirche stand, kann nur ein Ort der Erinnerung sein für eine zu Recht gewissenszerknirschte Kirche, Ort der Buße und unter der Überschrift " Selig sind die Friedfertigen, die Frieden machen, denn sie werden Gottes Kinder heißen" für das "Nie wieder". Ist es die List der Vernunft, das Wirken des Geistes oder nur Gleichgültigkeit, dass trotz der respektablen Unterstützerelite noch keine Spendeneuphorie zu erkennen ist?

Friedrich Schorlemmer

Erstmals erschienen in der Zeitschrift Zeitzeichen. Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft, November 2023

Radio Pax hat zu Friedrich Schorlemmer, Friedensengagement und Garnisonkriche mehrere Podacst ersteltl, die über folgende Links zugänglich sind:

1. Schwerter zu Pflugscharen - Prügel zu Klanghölzern 
https://open.spotify.com/episode/5icma9r6MwAvKX5S8Mr1F8

2. Granatsplitter zu Winzermessern 
https://open.spotify.com/episode/3ViibMaWzheKxSHH6wkngs

3. Potsdam Garnisonskirche - Das genagelte Osterei 
https://open.spotify.com/episode/65S31rIvwr4Ap2ScI6Tior

Weitere Infos dazu auch auf der Facebookseite von Radio Pax, das Freie Radio in Brandenburg an der Havel:

https://www.facebook.com/radiopaxbrandenburg/

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http://radio-pax.deinfo@radio-pax.de

Gegenreden zur Eröffnung der Kapelle im wiederaufgebauten Turm

Der rechtsradikale Bundeswehroffizier a.D. Max Klaar unterbreitete bei einem Treffen im Juli 2020 dem damaligen Bischof von Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Wolfgang Huber, folgenden Vorschlag: Der Turm der Garnisonkirche solle von außen originalgetreu nachgebaut werden. Darin solle eine Kapelle als Ort der Verkündung in Verantwortung der evangelischen Kirche entstehen, die oberen Etagen sollten dagegen eine Dauerausstellung über den 20. Juli 1944 beherbergen, soweit er vom Potsdamer Infanterieregiment 9 ausging. Als Träger solle eine Stiftung gegründet werden.

24 Jahre später war es soweit, der Turm der Garnisonkirche wurde eröffnet. Der preußische Symbolbau – vom Bauherren lange als „Nationales Tafelsilber“ bezeichnet – ist originalgetreu wiederaufgebaut, in der Kapelle wird der alte Altartisch von 1800 wieder verwendet, die Kirche führt wieder den alten Namen, den die einstige Gemeinde 1949 bewußt abgelegt hatte. Und im Kuratorium wird mit Vertretern aus Politik, Kirche und Militär das ehemals prägende Dreigespann der historischen Garnisonkirche wiederbelebt.

Der 1. April 2024 war daher für viele Menschen, die sich für Demokratie und Menschenrechte einsetzen und sich gegen Rassismus, Antisemitismus, Nationalismus und Kriegs- und Gewaltverherrlichung einsetzen, ein schwarzer Tag. Der Lernort Garnisonkirche Potsdam hielt daher mit seinem wissenschaftlichen Beirat Gegenreden zur Eröffnung der Kapelle im Garnisonkirchturm. Nach der Eröffnung der von der Künstlerin Annette Paul gestalteten Kioskbespielung „Verflechtungen“ sprachen Gabriele Dolff-Bonekämper, Annette Leo, Agnieszka Pufelska, Michael Daxner, Horst Junginger, Gerd Bauz, Hans Misselwitz und Philipp Oswalt im Kosmos des Kunst- und Kreativhaus Rechenzentrum. Im Folgenden dokumenbtieren wir die Videostatements von Agnieszka Pufelska und Michael Daxner sowie den Vortrag von Horst Junginger als erweitertes Manuskript:

Statement von Agnieszka Pufelska

Statment von Michael Daxner

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Statement Gabi Dolff-Bonekämper (Audio)

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Statement Hans Misselwitz

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Statement Philipp Oswalt (Audio)

class="wp-block-heading">Vortrag von Horst Junginger:

class="wp-block-heading">Friedensaltar oder Kriegsaltar?

Vorbemerkung: Der nachstehende Text ist die erweiterte Fassung meiner Widerrede bei der vom Lernort Garnisonkirche organisierten Gegenveranstaltung im Potsdamer Rechenzentrum am 1. April 2024. Sie wandte sich gegen die Einweihung der Kapelle im Garnisonkirchenturm am gleichen Tag, insbesondere aber gegen die „Wiederinbetriebnahme“ des alten Feldaltars. Dass der Gottesdienst ausgerechnet auf das Osterfest gelegt wurde, um die Wiederauferstehung Jesu mit der Wiederauferstehung der Garnisonkirche in Beziehung zu setzen, mögen manche als Blasphemie empfinden. Für einen Religionswissenschaftler stellt sich das unter religionspolitischen Gesichtspunkten als interessante Korrelation dar. Weil Quellenbelege nicht in einen Vortrag integriert werden können, finden sie sich hier in den Endnoten beigefügt. Hinzugekommen ist auch der etwas ausführlichere Blick auf die beeindruckende Vita Paul Oestreichers. Der international bekannte Friedensaktivist hatte 2004 das Nagelkreuz aus Coventry nach Potsdam gebracht. Aus der Sicht Oestreichers haben sich die mit dem Nagelkreuz verbundenen Hoffnungen zwischen 2004-2024 aber nur sehr eingeschränkt erfüllt. Um diesen Hintergrund besser verstehbar zu machen, habe ich meine Ausführungen um einige Anhänge ergänzt: (1) die zwölfseitige Broschüre des Oberhofpredigers und Divisionspfarrers Walter Richter über den Abschiedsgottesdienst im Potsdamer Lustgarten am 9. August 1914, (2) das erste Kapitel aus Oestreichers Buch „Aufs Kreuz gelegt. Erfahrungen eines kämpferischen Pazifisten“ sowie vier Stellungnahmen von ihm, die seine heutige Einstellung zur Verwendung des Nagelkreuzes in Potsdam transparent machen (3-6). Die Abbildungen im Anschluss an den Text sollen die Widersprüche visualisieren, die bei der Umwandlung eines Kriegsaltars in einen Friedensaltar unvermeidlich sind.

Den Ausdruck „Erfindung einer Tradition“, der von Terence Ranger und Eric Hobsbawm stammt, kennen sicher einige. Lässt er sich auf den Feldaltar im Turm der Garnisonkirche anwenden, der dort in Kürze im Zentrum des Gottesdienstes stehen wird? Ist aus dem ehemaligen Kriegsaltar tatsächlich ein Friedensaltar geworden?

In allen Religionen dienen Altäre dem Opfer, das Menschen ihren Göttern bringen. Dabei treten Gott und Mensch in Kontakt zueinander, so die Vorstellung. Weil Gottesdienste immer gemeinsam gefeiert werden, hat die Opferzeremonie über die individuelle Transzendenzerfahrung hinaus die wichtige Funktion, soziale Gemeinschaft zu stiften. Der Altar kann auf diese Weise zu einem Hauptort der sakralen und soziopolitischen Topographie werden. Diese drei Fotos veranschaulichen das mit großem Nachdruck. Wovor kniet die kaiserliche Familie? Es ist der Feldaltar von nebenan.

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Die kaiserliche Familie beim Feldgottesdienst im Potsdamer Lustgarten am 9.8.1914

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Aussegnungsgottesdienst im Potsdamer Lustgarten am 9.8.1914

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Der Oberhofprediger und Divisionspfarrer Walter Richter während seiner Predigt beim Gottesdienst im Potsdamer Lustgarten am 9.8.1914

Gelingt es dem Inhaber der Staatsgewalt, den Eindruck zu vermitteln, dass er seine Herrschaft im Auftrag einer höheren Macht ausübt, wird seine Autorität enorm verstärkt. Dem Priester fällt dabei die Aufgabe zu, religiöse Inhalte so zu vermitteln, dass die weltliche von der überweltlichen Legitimität profitiert. Schon an der Berufsbezeichnung „Oberhofprediger“ wird ersichtlich, dass er dem Hofstaat angehört und die Interessen des Kaisers vertritt. Er handelt stets in Übereinstimmung mit ihm. Dadurch schließt sich der Kreis und die von Gott und der Religion legitimierte Herrschaftsausübung des Monarchen wird zu einer runden Sache.

Nach kirchlicher Auffassung bildet der Altar nicht nur den religiösen Mittelpunkt des Gottesdienstes, sondern der christlichen Gemeinde als solcher. Er kann ohne Weiteres in einem Gebäude stehen, das keine Kirche ist, beispielsweise in einem Turm. Gottes Heilshandeln erfährt unabhängig vom Ort im Abendmahl bzw. der Eucharistie seinen liturgischen Höhepunkt. Der Wein und das Brot auf dem Tisch des Herrn, wie Luther den Altar nannte, repräsentieren den Leib und das Blut Jesu, der sein Leben stellvertretend für die Menschheit opferte. Das Christentum nimmt deshalb für sich in Anspruch, die blutigen Tieropfer früherer Zeit, vor allem die der Juden, religiös sublimiert zu haben. Aus dem wirklichen Töten wird ein zeremonielles. Das lateinische Wort „hostia“, auf deutsch „Hostie“, meint nichts anderes als Opfer oder Vergeltung. Man kann es auch mit Opferlamm oder Opfergabe übersetzen.

Wie es bereits der Name „Feldaltar“ besagt, wurde dieser nicht nur stationär in der Kirche, sondern auch auf dem freien Feld gebraucht. Zunächst war damit das Schlachtfeld gemeint. Später wurde daraus die allgemeine Verwendung im Freien. Ein gutes Beispiel dafür ist der Gottesdienst, der am 9. August 1914 einige hundert Meter weiter von hier im Potsdamer Lustgarten stattfand. Mit dem Feldaltar als zeremoniellem Mittelpunkt wurden die in den Krieg ziehenden Soldaten ausgesegnet. Der Abschiedsgottesdienst hieß nicht ohne Grund auch Aussegnungsgottesdienst, um an das kirchliche Trauerritual der Beerdigung zu erinnern. Jedem war klar, dass der Krieg einem das Leben kosten konnte.

Nein, nicht jedem!

Je weiter ober man in der militärischen Hierarchie stand, desto geringer wurde die Wahrscheinlichkeit, tatsächlich ins Gras beißen zu müssen. Um die Opferparallele nochmals aufzugreifen, würde ich zugespitzt formulieren, dass die Aufgabe der Soldaten darin bestand, ihr Leben stellvertretend für die Interessen des Kaisers und der Führungselite des Deutschen Reiches hinzugeben. Das vom Oberhofprediger Richter verlangte Selbstopfer der Soldaten gab dem Altar sein archaisches Gepräge aus der Frühzeit der menschlichen Zivilisationsentwicklung zurück. Isaaks Opferung im Alten Testament, aber ohne Happy End. Die meisten der zwei Millionen Soldaten, die im Ersten Weltkrieg auf deutscher Seite starben, meist jämmerlich krepierten, waren nichts anderes als Kanonenfutter. Sie starben für Zwecke, die mit ihrem eigenen Leben nichts zu tun hatten.

Anders verhielt es sich mit den Wortführern des Feldgottesdienstes im Lustgarten, auf den ich jetzt zu sprechen komme. Sie starben an Altersschwäche und schieden friedlich aus dem Leben: der Kaiser mit 80 in Doorn, sein Sohn Eitel Friedrich von Preußen mit 60 in der Villa Ingenheim im Westen Potsdams. Der bei Kriegsbeginn zum Divisionspfarrer ernannte Oberhofprediger Walter Richter lebte noch länger. Er starb erst 1958 in Charlottenburg nach einem langen Leben im Einsatz für die Monarchie. Die Kriegsbegeisterung und der Appell an die im Lustgarten angetretenen Soldaten, sich ohne Murren für Volk und Vaterland zu opfern, hatte bei den drei Genannten einen weitaus stärker ideologischen als existenziellen Hintergrund.

Wie nicht anders zu erwarten, bemühte Richter in seiner Predigt das österliche Selbstopfer Jesu. Mit dem christlichen Messias als Vorbild sollte den Soldaten ihr nicht ganz unwahrscheinliches Ableben plausibel gemacht werden, dann nämlich, wenn die „Sichel des Todes zur großen Ernte“ aushebt, wie sich Pfarrer Richter auszudrücken beliebte. Er stand dabei versum populum an den protestantischen Volkaltar gelehnt, also in körperlicher Verbindung mit einem religiösen Kraftort par excellence. Wäre der Glaube nur stark genug, würde die vom Altar ausgehende Energie bei jedem Einzelnen wirksam werden und im siegreichen Gesamteinsatz der Armee zum Höhepunkt kommen.

Analog dazu verwies der Divisionspfarrer auf den heiligen Bund zwischen Gott und Volk, den er mit dem zwischen Kriegsherr und Armee parallelisierte. Seien der König und seine Untertanen über die Religion und einen gemeinsamen Glauben zur Einheit verschmolzen, werde das den Deutschen Stärke geben und ihnen mit Gottes Hilfe den Sieg bescheren. Und natürlich mahnte Richter die Angehörigen der Ersten Gardedivision zu Opferwilligkeit und fröhlicher Hingabe des Lebens.

Nach ihm kam der große Auftritt Wilhelms II. Ich zitiere etwas ausführlicher, um die groteske Theatralik der Inszenierung zu illustrieren. Einer von Richter Ende 1914 veröffentlichen Broschüre zufolge, sagte der Kaiser wörtlich:

„Heute sind wir alle hier erschienen, den Segen für die Waffen zu erbitten, da es jetzt darauf ankommt, den Fahneneid zu beweisen bis zum letzten Blutstropfen. Das Schwert soll entscheiden, das Ich jahrzentelang in der Scheide gelassen habe. Ich erwarte von meinem Ersten Garde-Regiment und Meiner Garde, daß sie der glorreichen Geschichte derselben ein neues Ruhmesblatt hinzufügen werden. Die heutige Feier findet uns im Vertrauen auf den höchsten Gott und in Erinnerung an die glorreichen Tage von Leuthen, Chlum und St. Privat. Unser alter Ruhm ist ein Appell an das deutsche Volk und sein Schwert. Und das ganze deutsche Volk bis auf den letzten Mann hat das Schwert ergriffen. Und was ich bis jetzt vermieden habe, das tue Ich jetzt: (dabei warf der Kaiser den Feldmarschallstab in den Sand des Lustgartens und zog sein Schwert, es hoch über dem Haupte haltend), Ich ziehe mein Schwert. Ohne siegreich zu sein, ohne Ehre kann Ich es nicht wieder einstecken. Und ihr alle sollt und werdet Mir dafür sorgen, daß es in Ehren wieder eingesteckt wird. Dafür bürgt ihr Mir, daß ich den Frieden Meinen Feinden diktieren kann. Auf in den Kampf mit den Gegnern, und nieder mit den Feinden Brandenburgs! Drei Hurras auf unser Heer.“[1]

7000 Soldaten antworteten auf den Kaiser mit einem lauten Hurra und stimmten ergriffen in das Lied „Deutschland, Deutschland über alles“ ein.

Unmittelbar danach erhob der Regimentskommandeur Prinz Eitel Friedrich das Wort, um ebenfalls die ruhmreiche Vergangenheit Preußens und den unbedingten Willen zum Sieg zu beschwören. Jeder im Regiment wisse,

„daß es nur eins für uns gibt, zu siegen oder zu sterben. Dies geloben wir, indem wir in den altpreußischen Schlachtruf einstimmen, mit dem wir heute unser Leben aufs Neue bis zum letzten Blutstropfen Eurer königlichen Majestät weihen: Seine Majestät der Kaiser und König, unser geliebter Kriegsherr und Regimentschef – Hurra!“[2]

Wie sein Vater benutzte auch Eitel Friedrich bei seinem Appell an die ihm unterstellten Truppen den Pluralis majestatis: Wir werden siegen oder wir werden sterben. Seine Entweder-Oder-Alternative erwies sich allerdings rasch als Lüge. Vier Jahre später wurde daraus ein unspektakuläres Weder-Noch: Wir haben zwar nicht gesiegt, aber wir sind auch nicht gestorben. Das Leiden und Sterben haben wir anderen überlssen. Und wer bezahlt die Zeche? Wir drei und die Institutionen, für die wir stehen (Herrscherhaus, Militär und Kirche) jedenfalls nicht.

Um die Ausgangsfrage wieder aufzunehmen: Kann man den wichtigsten Kriegsaltar Preußens mit einer bloßen Willensbekundung und etwas „Abrakadabra dreimal schwarzer Kater“ in einen Friedensaltar konvertieren? Natürlich nicht. Ein Wolf bleibt ein Wolf, auch wenn er ein Schaffell trägt. Auf dem Altar ein Nagelkreuz aus der von den Deutschen bombardieren Kathedrale in Coventry zu platzieren, hat aus meiner Sicht etwas zutiefst Unmoralisches und Bigottes an sich. Das, was hier als ultimativer Beweis für den Frieden daherkommt, ist in Wirklichkeit ein Akt der Selbstsalvierung.

Heute früh erreichte mich um 7.00 Uhr eine Mail von Paul Oestreicher aus Neuseeland, einer Ikone der britischen Friedensbewegung, der 2004 das Nagelkreuz aus Coventry nach Potsdam brachte. Oestreicher war 1931 in Meiningen als Sohn eines jüdischen Kinderarztes geboren worden. 1939 floh die Familie von Berlin, wo sie sich einige Zeit versteckt hielt, nach Neuseeland. Unterstützt wurde sie dabei von Heinrich Grüber. Oestreichers Großmutter konnte die beschwerliche Reise nicht mitmachen und blieb in Meiningen. Dort nahm sie sich 1942 das Leben, um der Deportation ins Konzentrationslager zu entgehen. An ihren Sohn und Enkelsohn schrieb sie: „Ein tapferer Kapitän versenkt sein Schiff lieber, als es dem Feind auszuliefern.“[3] Mit einem Stipendium der Humboldt-Stiftung kam Oestreicher 1955 nach Bonn zu Helmut Gollwitzer. Doch schon im Jahr darauf begann er in der englischen Kathedralenstadt Lincoln Theologie zu studieren. 1960 wurde er zum anglikanischen Diakon und Priester geweiht. Danach ging er als Kaplan in eine Arbeitergemeinde in den Londoner Osten. In den 1960er Jahren verstärkte Oestreicher sein politisches Engagement. Er schloss sich der „Campain for Nuclear Disarmement“ an, war Gründungsmitglied der britischen Sektion von Amnesty International, arbeitete in der Christlichen Friedenskonferenz mit, beteiligte sich am Kampf gegen die Apartheid in Südafrika, wurde Osteuropareferent des Britischen Kirchenrates und 1981 dessen „Außenminister“, setzte sich für Dissidenten in der DDR ein, trat 1983 den Quäkern bei und forcierte den christlich-marxistischen Dialog[4], um nur einiges zu nennen. So wie er Ende 1962 im Auftrag von Amnesty International ein Gespräch mit Walter Ulbricht über die Freilassung von Heinz Brandt, einen politischen Gefangenen, der nach Ostberlin verschleppt worden war, führte, Mitte der 1970er Jahre beim Hungerstreik von RAF-Häftlingen eine vermittelnde Funktion übernahm, so traf er im Dezember 1992 mit Erich Honecker im Gefängnis in Moabit zusammen. Zwischen den verfeindeten Blöcken zu vermitteln, wurde im Kalten Krieg zur Kernkompetenz des Kirchendiplomaten Oestreicher. 1986 erhielt er die Berufung an das Domkapitel in Coventry, wo er bis 1997 das Internationale Versöhnungszentrum der Nagelkreuzbewegung leitete.

Am 14. November 1940 hatten die Deutschen Coventry in Schutt und Asche gelegt. Sie nannten ihre Operation „Mondscheinsonate“, sprachen aber auch von „coventrieren“.[5] Im Zuge der Aufräumarbeiten ließ der damalige Domprobst Richard Howard drei Zimmermannsnägel aus dem Dachstuhl der zerstörten Kathedrale zu einem Kreuz zusammenfügen. Es dient seither als Zeichen der Versöhnung und steht im Mittelpunkt der Nagelkreuzbewegung, die in Deutschland heute 60 Zentren hat. Allerdings gibt es auch Kritik an diesem Versöhnungskonzept, weil es dazu missbraucht werden kann, den Unterschied zwischen Tätern und Opfern einzuebnen.[6] Das „Alle haben gesündigt“ aus dem ersten Vers des Versöhnungsgebets von Coventry auf Kriegsverbrechen wie die Operation Mondscheinsonate oder den Angriff der Briten auf Potsdam am 14. April 1945 zu beziehen, ist höchst fragwürdig und Ausdruck eines naiven Geschichtsverständnisses, das sich nur allzu leicht instrumentalisieren lässt. Abgesehen davon bildete das Versöhnungsprojekt von Coventry nicht die Mehrheitsmeinung im Vereinigten Königreich ab. Unter den Verbündeten der Anti-Hitlerkoalition waren es die Briten, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg am energischsten gegen den Fortbestand Preußens, und sei es auch nur im Namen, aussprachen. Sollte die Garnisonkirche nach dem Wiederaufbau einmal in neuem Glanz erstrahlen, wäre das gegenüber dem stehen gebliebenen Gerippe der Coventry Cathedral der ultimative Beweis dafür, wie es den Deutschen schließlich doch gelingen kann, als Sieger aus dem Schatten ihrer Vergangenheit herauszutreten.

Wie kommt jemand wie Oestreicher dazu, sich von den Befürworten einer mehr oder weniger originalen Rekonstruktion der Garnisonkirche vereinnahmen zu lassen, einer Kirche von höchster nationaler Symbolkraft, in der am Tag von Potsdam der Schulterschluss zwischen Nationalkonservativen und Nationalsozialisten vollzogen wurde? Nach dem 21. März 1933 wurde alles, wofür sich Oestreicher politisch einsetzte, mit tödlicher Feindschaft bekämpft. Der Geist von Potsdam und der Geist der Versöhnung stellen einen Widerspruch dar, wie er größer nicht sein könnte. Blickt man etwas genauer auf das Engagement Oestreichers, legt sich die von dieser Frage bewirkte Irritation. Dann tritt die Mediatorenrolle als der rote Faden seiner politischen Vita zutage. Aussöhnung zwischen Freunden macht keinen Sinn. Sie ist nur als Annäherung von sich widerstreitenden Positionen möglich. Auf dem Fundament der christlichen Ethik versteht sich Oestreicher als Grenzgänger und Brückenbauer. In den Widersprüchen des Lebens sei oftmals gar nicht so genau klar, wo jemand steht und wie er sich in bestimmten Situationen einmal verhalten wird. Deswegen dürfe man das Risiko nicht scheuen und müsse alle nur möglichen Anstrengungen unternehmen, um politische Gegner einander näher zu bringen. Nur dann könne man hoffen, die Zukunft friedvoller zu gestalten als die Gegenwart.

In Potsdam machte Oestreicher im Laufe der Zeit aber die schmerzhafte Erfahrung, dass die Idee der ökumenischen Nagelkreuzbewegung zwar verbal übernommen, inhaltlich aber nicht so umgesetzt wurde, wie es sich ihre Urheber gedacht hatten. Sie fiel unter die Dornen und nicht auf den erhofften fruchtbaren Boden. 2014/15 übte Oestreicher zum ersten Mal öffentliche Kritik daran, wie wenig die inhaltliche Substanz des Versöhnungskonzepts aufgegriffen wurde, um tatsächlich etwas Neues zu schaffen.[7] In einem offenen Brief gab er darüber hinaus zu verstehen, dass er seine Vermittlerrolle auch auf Seiten der Opposition für denkbar hielt.

Keine Versöhnungsarbeit kann zum Erfolg führen, wenn die daran Beteiligten nicht von den gleichen Voraussetzungen ausgehen und sich nicht wirklich auf die Argumente der Gegenseite einlassen. Nach einem längeren Erkenntnisprozess gelangte Oestreicher zu der Auffassung, die Potsdamer Versöhnungsidee mit dem Nagelkreuz im Zentrum als mehr oder weniger gescheitert anzusehen. Es versteht sich dabei von selbst, dass er zu keinem Zeitpunkt seiner Bemühungen die Position der „Rekonstruktionisten“ vertrat. An seiner pazifistischen Grundeinstellung ließ er nie einen Zweifel aufkommen.

Der Garnisonkirche und ihrem Feldaltar eine Friedensfunktion anzudichten, wie es die Wiederaufbaubefürworter tun, mag zwar in strategischer Hinsicht zweckdienlich erscheinen. Nicht wenige, vor allem Politiker und Politikerinnen, können so auf eine falsche Fährte gelockt werden. Doch die Protagonisten der in sich widersprüchlichen und vor dem Hintergrund der preußischen Geschichte abwegigen Konzeption einer „Friedensgarnisonkirche“ sprechen bis auf den heutigen Tag nur im Jargon religiöser Floskeln. Eine fundierte Begründung sind sie bislang schuldig geblieben. Der Feldaltar steht mitnichten in einer Tradition des Friedens, sondern in einer des Krieges und des Tötens. Mehr noch, die Garnisonkirche repräsentiert eine Tradition, die zwar Frieden sagt, aber Krieg meint. Es gibt keinen einzigen Feldzug Preußens, der nicht mit dem Argument des Friedens eingeleitet und von Predigten begleitet worden wäre, die vor einem Feldaltar gehalten wurden. Das Wort Frieden in den Mund zu nehmen, besagt im Kontext der Garnisonkirche rein gar nichts. Wenn die Befürworter eines Friedens- und Versöhnungszentrum so darauf erpicht sind, warum bemühen sie sich dann nicht um Geld und Unterstützung für ein Friedens- und Versöhnungszentrum? Niemand könnte etwas dagegen haben.

Aus der Art und Weise, wie von ihnen das Wort Frieden in den Mund genommen wird, lässt sich schlussfolgern, dass sie es als Köder an einem Haken verstehen, deren Angelrute zur Garnisonkirche als nationalem Erinnerungsort führt. Bei dem ausufernden Reden über den Frieden ist nur schwer entwirrbar, wie taktisches Kalkül und illusionäres Wunschdenken miteinander zusammenhängen. Kaum ein Satz in dem das Wort Frieden nicht vorkommt: Friedenskirche, ein Friedensbeauftragter, Friedensverantwortung, Friedensgebete, Friedenspredigten, Friedenszeichen, ein Friedensaltar mit einem Friedenskreuz usw. Man kann es nicht mehr hören. Diese gekünstelte Friedensrhetorik quillt derart über, dass sie nur schwer zu ertragen ist. Man mag es drehen und wenden wie man will, ein Kriegsaltar und eine Kriegskirche des Friedens bleiben wie das runde Viereck eine logische Unmöglichkeit. Was für ein unwürdiges Schauspiel wäre auch eine Militärkirche ohne militärische Bezüge.

Auf der einen Seite soll mit der angeblich schönsten Barockkirche Deutschlands an die alte Größe Preußens angeknüpft werden. Andererseits will man mit der kriegerischen Substanz, mit dem, was das Wesen und die Größe der Garnisonkirche ausmacht, nichts zu tun haben. Es wird also versucht, auf Historisches unter Absehung des Historischen zu rekurrieren. Das führt zu Widersprüchen der verschiedensten Art und nimmt an manchen Stellen auch den Charakter einer Geschichtsfälschung an, etwa, wenn die Garnisonkirche zu einem Hort der religiösen Toleranz oder des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus umgedeutet werden soll. Eine solche Art der Erinnerungskultur hat mehr mit der Illusionskunst eines Bühnenmagiers als mit seriöser Geschichtspolitik zu tun. Wie aus dem Nichts kommt plötzlich eine weiße Taube aus dem schwarzen Hut hervor. Wer sich dadurch nicht blenden lässt, sieht unter einer fadenscheinigen Rekonstruktionsideologie an vielen Stellen das restaurative Anliegen hindurchschimmern.

Eine Friedensgarnisonkirche und ein Friedenskriegsaltar. Wer verfällt auf so einen Gedanken und für wie dumm muss man Menschen verkaufen, damit sie bereit sind, an etwas derart Widersinniges wie zu glauben?

Zumindest teilweise kann die Antwort mit dem kommunikationswissenschaftlichen Ansatz des „Framings“ erklärt werden. Das Framen ermöglicht es, etwas Anstößiges so zu verpacken, dass die zu erwartende Gegenreaktion auf anderes abgelenkt wird. Wenn attraktive Nebenaspekte die eigentliche Problematik überlagern, kann den Kritikern ohne großen Aufwand der Wind aus den Segeln genommen werden. Aus der Wiederaufbaudebatte kennen wir das zur Genüge: Der Tourismus, Kunst und Kultur, Konzerte, Ausstellungen, ein schönes Café und eine noch schönere Aussicht, die architektonische Wiederherstellung einer verloren gegangen Mitte, all das dient dem Ziel, den kriegerischen Wesensgehalt der Garnisonkirche aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit zu verdrängen. Aus nachvollziehbaren Gründen steht das Friedensargument an oberster Stelle der Framing-Agenda. Es soll den Menschen Sand in die Augen streuen und die Kritik am Wiederaufbau der Garnisonkirche als überzogen und unbegründet erscheinen lassen.

Ohne dass ich genügend Zeit hätte, näher darauf einzugehen, kann ich Ihnen vom Standpunkt der Religionswissenschaft aus versichern, dass Religionen bei der Frage von Krieg und Frieden, die eine Frage von Tod und Leben ist, ihre Stärke immer in besonderer Weise ausspielen können. Nicht nur die Bibel, die heiligen Schriften aller großen Religionen sind darauf angelegt, dass sie sich unterschiedlich interpretieren lassen. „Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“ Das Jesuswort aus dem Matthäusevangelium stieß im Ersten Weltkrieg auf breite Zustimmung und wurde von vielen Kanzeln herab verkündet. Die Prediger aller erfolgreichen Religionen müssen in der Lage sein, ihre Auslegung den Erfordernissen der Zeit anzupassen. Wegen seiner traditionellen Nähe zur Obrigkeit entwickelte der Pfarrstand in Preußen eine spezielle Expertise darin, je nach Bedarf den Krieg oder den Frieden zu rechtfertigen. Otto Dibelius, der Jahrhundertbischof, in dessen Fußstapfen sich Wolfgang Huber bewegt, war ein wahrer Meister darin, den Schalter von einer Sekunde auf die andere umlegen zu können, nicht nur einmal, sondern mehrfach.[8]

Der Punkt auf den ich hinaus will: Wenn es ohne Schwierigkeiten möglich ist, aus einem Kriegsaltar einen Friedensaltar und aus einer Kriegskirche eine Friedenskirche zu machen, wird es nicht besonders schwerfallen, das Prozedere auch wieder umzukehren. Es bedarf lediglich einer Änderung der äußeren Umstände, um den Friedensjargon fallenzulassen und stattdessen die Notwendigkeit eines gerechten Krieges zu propagieren. Als ich 2021 mein Adlerbuch veröffentlichte, hätte ich mir nicht träumen lassen, wie schnell das gehen würde. Bezeichnete ich damals die 50 Milliarden Euro des deutschen Rüstungsetats als gigantische Summe, sind wir mittlerweile bei Beträgen angelangt, die 100 Millionen Euro für eine Garnisonkirche als Peanuts erscheinen lassen. Wo bleibt in der Aufrüstungsorgie dieser Tage das friedenspolitische Votum der Kirche? Ihr lautes Schweigen passt nicht so recht ins Bild einer Garnisonkirche, die das Militärische zu verabscheuen vorgibt. Ist sie erst einmal errichtet, wird sie auch eine militärische Funktion bekommen.

Deswegen möchte ich meine Widerrede mit dem dringenden Appell schließen, dass wir als Zivilgesellschaft, seien wir Christen oder Nichtchristen, Atheisten oder religiös indifferent, Mitglied dieser oder jener Partei, den Kampf für eine friedliche Welt aufrechterhalten, ihn nach Möglichkeit sogar noch intensivieren. Das zielt besonders auf die Voliere neben der Garnisonkirche und den Adler, der in ihm auf seine Wiederauferstehung wartet. Mehr noch als der Feldaltar steht der zunächst preußische und dann reichsdeutsche Kriegsadler für eine Politik der militärischen Stärke. Seinen Wiederaufstieg an die Spitze des Turms gilt es unbedingt zu verhindern. Noch sitzt er in einem Käfig und harrt der Dinge die da kommen.

Am 10. November 1913 hatte der Divisionspfarrer und Oberhofprediger Walter Richter im Langen Stall hinter der Garnisonkirche den Rekruten bei ihrer Vereidigung zugerufen: „Was kümmern uns die Hügel unserer Leichen ... der deutsche Adler fliegt frei im Licht der eigenen Sonne ... Adlerflug vorwärts.“[9] Analoge Adler-Zitate von Repräsentanten der Garnisonkirche finden sich zuhauf. So wenig der Feldaltar als Friedenssymbol taugt, so wenig kann man einen Adler als Friedenstaube ausgeben. Er steht für den Aufstieg Preußens zur europäischen Großmacht, die sich nicht scheute 80 Prozent ihres Etats für das Militär auszugeben. Mit dem vielfach in Anspruch genommenen Jesaja-Wort „Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler.“ wurde zum Ausdruck gebracht, dass der „König des Himmels“ und „Gott im Himmel“ in einer besonderen Beziehung zueinander stehen. Durch seine Kraft und seinen Weitblick, vor allem aber durch seine physische Nähe zum Herrn der himmlischen Heerscharen macht der Adler anschaulich, dass auch die Menschen in der Lage sein werden, sich zu neuen Höhen aufzuschwingen, wenn sie sich glaubensstark erweisen. Der Adler ist neben dem Löwen, den man in Europa aber nicht aus eigener Anschauung kannte, das am häufigsten verwendete Wappentier der Heraldik.

Sein heimischer Jagd- und Stammsitz befand sich auf dem Turm der Garnisonkirche. Die richtige Einschätzung Wolfgang Hubers, dass der Adler „für einen Aufstieg beflügelt vom Glauben an Gott“ steht,[10] lässt den religiösen Zusammenhang von Himmel und Erde gut erkennen.  Die Kapelle im Sockel der Garnisonkirche stärkt das Fundament und verleiht dem Wechselverhältnis von Oben und Unten neuen Nachdruck. Die beschwichtigende Relativierung, man habe es hier lediglich mit einem geistigen Kraftzentrum des christlichen Glaubens zu tun, erscheint weniger arglos, wenn man sich die Geschichte des Ortes in Erinnerung ruft. Nichts würde mehr an der Realität vorbeigehen, als den Adler zu einem Symbol des Friedens umzudeuten. Er war und bleibt ein Raubvogel, der sich nicht mit vegetarischer Kost abspeisen lässt. „Seine Lebensweise und die Organe, die er vom Schöpfer erhalten hat, sind dafür nicht ausgelegt.“[11]

Seit der Wiedervereinigung hat die Sonne einer neuen Zeit das erkaltete Blut in seinen Adern wieder zum Fließen gebracht. Aus dem teildeutsch introvertierten sind wir ein gesamtdeutsch extrovertiertes Land geworden. Es komme darauf an, hört man von überallher, dass Deutschland wieder mehr Verantwortung in der Welt übernimmt, politisch, ökonomisch, aber auch militärisch. Die veränderte Lage zwinge die Bundesrepublik dazu, sich neu aufzustellen. Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine müsse es darum gehen, so schnell als möglich „kriegstüchtig“ zu werden. So hat es der deutsche  Verteidigungsminister in einem Interview mit dem ZDF am 29. Oktober 2023 kundgetan und seither viele Male wiederholt.

Ob Boris Pistorius das bewusst war oder nicht, sei dahingestellt. Jedenfalls hatte die Jungfernrede von Gustav Noske im Reichstag am 25. April 1907 den gleichen Tenor. Die SPD war von den Konservativen, vor allem vom preußischen Kriegsminister Karl von Einem, wegen ihrer Gegnerschaft gegen die Militärpolitik des Deutschen Reiches attackiert und der Kriegsuntüchtigkeit bezichtigt worden. Noske wies die Anschuldigungen zurück, um mit Nachdruck die nationale Zuverlässigkeit der Sozialdemokraten zu betonen, falls eine ausländische Macht Deutschland angreifen würde.[12]

Bei den anderen Parteien löste die Rede Noskes zunächst ungläubiges Staunen und dann freudige Erregung aus. Der antisemitische Reichstagsabgeordnete Max Liebermann von Sonnenberg sah sich fünf Tage später zu der folgenden Feststellung veranlasst:

„Wenn der Abgeordnete Noske neulich bei der Beratung des Heeresetats mit beinahe begeistert klingenden Worten die Bereitwilligkeit der deutschen Sozialdemokratie erklärte, an einem Kampfe teilzunehmen, der Deutschland aufgezwungen würde, so wollen wir das ruhig einmal vollständig ernst nehmen und als einen Anfang zur Besserung betrachten.“[13]

Droht sich die Geschichte zu wiederholen? Ich hoffe nein und schließe mit der Kritik Heinrich Heines an den Eroberungszügen Preußens in Polen, die der Adler auf Wappen und Emblemen schützend begleitete. Als schwarze geflügelte Kröte bezeichnete er ihn. Es sei von essenzieller Bedeutung auf den preußischen Adler mit Besorgnis zu achten. Die Schärfe seiner Krallen und die Weite seines Magens dürften keinesfalls unterschätzt werden. Schon immer hätten es die preußischen Machthaber verstanden, ihre Absichten hinter einer Maskerade zu vebergen.[14]

class="wp-block-heading">ANHANG

Addendum 1

R. J. Tercha (= Walter Richter), Unser Kaiser und Kriegsherr, in: Paul Fiebig, Hg., Gott mit uns! Dokumente religiöser Erhebung des deutschen Volkes im Kriegsjahr 1914, Leipzig 1914.

class="wp-block-file">class="wp-block-file__embed" data="https://lernort-garnisonkirche.de/wp-content/uploads/2024/04/Richter-Walter-1914.pdf" type="application/pdf" style="width:100%;height:600px" aria-label="Richter, Walter - 1914">Richter, Walter - 1914class="wp-block-file__button wp-element-button" download aria-describedby="wp-block-file--media-27c5152b-f1df-40cf-ae3a-d6a51ef2034b">Herunterladen

Addendum 2

Paul Oestreicher, Aufs Kreuz gelegt. Erfahrungen eines kämpferischen Pazifisten mit einem Vorwort von Desmond Tutu, Berlin 1993, S. 1-26.

class="wp-block-file">class="wp-block-file__embed" data="https://lernort-garnisonkirche.de/wp-content/uploads/2024/04/Oestreicher-1993.pdf" type="application/pdf" style="width:100%;height:600px" aria-label="Oestreicher - 1993">Oestreicher - 1993class="wp-block-file__button wp-element-button" download aria-describedby="wp-block-file--media-9b061401-5183-4d7b-b8e3-e81a48cb0bd1">Herunterladen

Addendum 3

Paul Oestreicher, E-Mail an Horst Junginger, 1. April 2024.

Betr.: Garnisonkirche DRINGENDE BOTSCHFT

Lieber Horst

Vielen, vielen Dank für die Materialien, die du mir geschickt hast. Einiges habe ich schon gelesen, dein Buch natürlich noch nicht, obwohl es sehr spannend aussieht. Nach mehr als zwei Jahrzehnten Bemühungen um eine echte Wandlung in eine Friedenskirche, sehe ich endgültig ein, dass dieser Traum keine Verwirklichung findet.

Wenn dieser Feldaltar tatsächlich der Altar der Kapelle sein soll, dann würde ich, hätte ich dazu die Vollmacht, das Nagelkreuz vom Altar und unter Umständen von der Garnisonkirche überhaupt entfernen. 

Übrigens lohnt es sich für euch zu wissen, dass Coventry zu dieser Widmung überhaupt nicht eingeladen wurde.  Der Dean der Kathedrale wusste gar nichts davon, bis ich es ihm gegenüber erwähnt habe. Nur der Vorsitzende der deutschen Nagelkreuzgemeinschaft, Oliver Schuegraf, wird dabei sein.Ich werde mich sofort beim Dean von Coventry, John Witcombe, dafür einsetzen, dass das Nagelkreuz von diesem Altar entfernt wird.

Wenn du bei der Gegenveranstaltung heute redest, darfst du mich in diesem Sinne gerne zitieren, als der, der das Nagelkreuz von Coventry ursprünglich überreicht hat.

In Solidarität mit euch

Paul 

Addendum 4

Paul Oestreicher, Die Potsdamer Nagelkreuz-Kapelle. Ein persönliche Erklärung, 2. April 2024.

Nach langem innerlichen Ringen hat mein christlicher Pazifismus über meine Kompromissbereitschaft gesiegt, über die Bereitschaft, versöhnend mit denen zusammen zu arbeiten, die zwar friedensorientiert sind, aber die Worte Frieden schaffen ohne Waffen  sich nicht zueigen gemacht haben. Im langjährigen Konflikt um die Potsdamer Garnisonkirche stand ich als Überbringer des Nagelkreuzes der Kathedrale von Coventry immer zwischen den Fronten. Das Nagelkreuz, Symbol der Versöhnung, hätte die Gegner:innen und die Befürworter:innen des Wiederaufbaus der Garnisonkirche an einen Tisch bringen sollen. Das ist leider nicht geschehen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab sich die noch zum Teil bestehende alte Kirchengemeinde den Namen Heilig Kreuz Gemeinde. Dann, nach dem Ende der DDR, ging man meines Erachtens leider auf den Namen Garnisonkirche zurück, wo sich nun im wiederaufgebauten Turm die Nagelkreuzkapelle befindet. Auf dem Altar der nun feierlich gewidmeten Kapelle steht das Nagelkreuz, aber auf was für einem Altar? Der alte Feldaltar, an dem die Truppen des Kaisers und des Führers den Segen Gottes erhielten, bevor sie während den zwei Weltkriegen in die Schlacht zogen. Das zu bejahen, hat meine Kompromissbereitschaft überfordert.

Es ist meine persönliche Gewissensentscheidung, mich mit den Militärdienstverweigern – vor allem in der ehemaligen DDR – Schulter an Schulter zu stellen. Schon als junger Mensch in meiner neuseeländischen Heimat war ich Militärdiernstverweigerer, schrieb daher als Masters-Dissertation die Geschichte der Verweigerer Neuseelands im Zweiten Weltkrieg. Mein Vorbild: der seelig gesprochene Franz Jägerstätter, der als frommer Christ zum Dienst in Hitlers Wehrmacht Nein sagte und deswegen im Zuchthaus Brandenburg enthauptet wurde. Ihm und seinesgleichen schulde ich meine Treue.

Beide Seelsorger an der Potsdamer Nagelkreuzgemeinde, erst Cornelia Radeke-Ernst und jetzt Jan Kingreen, Friedensbeauftragter der Landeskirche, hatten und haben für ihre Friedensarbeit nach wie vor meine Achtung und Unterstützung. Ihr Tun des Guten stelle ich nicht in Frage. Meine Entschdeidung soll ihr Wirken in keiner Weise belasten.

Das Nagelkreuz Coventrys wird in Potsdam bleiben als Teil der von Oliver Schuegraf geleiteten deutschen Nagelkreuzgemeinschaft, die ich einst im neuvereinten Deutschland ins Leben rief. Die Leitung der Kathedrale wird dahinter stehen, unbelastet von meiner persönlichen Entscheidung. Die Fähigkeit, mit menschlichen Widersprüchen zu leben, gehört unweigerlich zur Nachfolge Christi. Gottlob bleibt die letzte Wahrheit in der Obhut des Heiligen Geistes.

Addendum 5

Paul Oestreicher, Grußwort zur Weihe der Nagelkreuzkapelle in Potsdam, März 2024.

Dieses Grusswort erinnert mich an DDR-Zeiten, als ich und Theologen aus dem Westen nicht predigen durften. Grussworte waren jedoch erlaubt. Das wurde zu einem nützlichen Weg, die Zensur zu unterwandern und das Notwendige zu sagen.

Heute im Auftrag der Kathedrale von Coventry sprechend, muss ich an den Ursprung des Nagelkreuzes erinnern. Drei Nägel aus der Ruine der von der Luftwaffe zerstörten Kathedrale, zum Kreuz geschmiedet, wurden zum Symbol der Vergebung und der Versöhnung. Am Weihnachtstag 1940, erst sechs Wochen nach dem Luftangriff, erklärte Domprobst Howard aus der Ruine, entgegen der Volksmeinung: „Wir Christen sagen Nein zur Vergeltung, und Ja zur Vergebung. Nach diesem Krieg wollen wir gemeinsam mit unseren heutigen Feinden eine freundlichere, christlichere Welt bauen.“ Diese Worte bilden die Grundlage dieser Nagelkreuzkapelle.

Ich brachte das Nagelkreuz nach Potsdam und sorgte dafür, dass bei meiner Predigt sowohl die Befürworter als auch die Gegner des Wiederaufbaus dabei waren. Ich zögerte nicht, den langen Streit, der folgte, kritisch zu begleiten. Auf beiden Seiten hatte ich enge Freunde und Freundinnen.

Heute bin ich dankbar, dass wir soweit gekommen sind, dass der Konflikt aus meiner Sicht sinnlos geworden ist. Sinnlos war er zuvor aber nicht. Mit Hilfe der Stadt Potsdam und ganz besonders unseres Freundes Manfred Stolpe kommt es nun zu einem sinnvollen Kompromiss, dem Versöhnung folgen müsste. Der Wiederaufbau des Turmes und damit dieser Kapelle als Zentrale der Friedensverpflichtung der Landeskirche ist eine zweifache Antwort auf die Vergangenheit, einmal eine Antwort auf den Terror des Luftkriegs im Zweiten Weltkrieg und zugleich eine Antwort auf den Hass Walter Ulbrichts auf den christlichen Glauben. Andererseits ist der Beschluss, die gesamte alte Garnisonkirche nicht wieder entstehen zu lassen eine doppelte Antwort: auf den Militarismus allgemein und auf den damals vermeintlichen Sieg Adolf Hitlers. Beide Seiten im Streit um die Garnisonkirche haben sowohl verloren als auch gewonnen. Die Schirmherrschaft des Bundespräsidenten und die Mittel aus der öffentlichen Hand geben diesem Unternehmen eine Bedeutung für ganz Deutschland.

Die Aufgabe, dem Frieden zu dienen, ist dringender als je. Die von Probst Howard ersehnte freundlichere Welt liegt noch in weiter Ferne. Wir Christen sind uns noch nicht einmal darüber einig, was dem Frieden dient. Genau das sagte Jesus der heiligen Stadt Jerusalem. Wir sind uns nicht einmal darüber einig, ob die Ungerechtigkeiten unserer Welt durch Waffengewalt und im äussersten Fall durch Atomwaffen besiegt werden können. Wir Christen sind aus der Sicht von anderen nicht unbedingt die Heilsbringenden.

Möge das, was diese Kapelle darstellt, mögen wir gemeinsam mit vielen anderen aktiv und demütig bleiben auf der Suche nach einem glaubhaften, guten Weg zum Frieden. Wenigstens das schulden Christen unserem Land,  Europa und der Welt.

Addendum 6

Paul Oestreicher an seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter, Brighton im November 2014.

Liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde,
eine kurze Bestandsaufnahme:

In meiner Eigenschaft als ehemaliger Leiter des Internationalen Versöhnungszentrums der Kathedrale von Coventry wurde ich im Jahr 2001 von der Kirche in Potsdam zu Rat gezogen. Ein Traditionsverband wolle die nicht mehr existierende Garnisonkirche nach altem Muster wieder aufbauen. Die Kirche sähe dieses Vorhaben aus naheliegenden Gründen sehr kritisch. Wie solle man damit umgehen? Man könne – so meinte ich schon damals – das Wagnis eingehen, diesen schwer vergangenheitsbelasteten Ort zu etwas Gegenteiligem verwandeln, ein Friedens- und Versöhnungszentrum entstehen lassen als erkennbarer Widerspruch zu dem, was war. So etwas Prophetisches sei ein riskantes aber machbares Zeichen eines christlichen Neubeginns.

Das glaube ich heute wie damals. Deswegen begleite ich das Unternehmen – inzwischen ist die Nagelkreuzkapelle an der ehemaligen Garnisonkirche Mitglied der deutschen Nagelkreuzgemeinschaft – mit wohlwollender aber kritischer Solidarität. Der Traditionsverband war nicht zu überzeugen und hat sich mitsamt seinem Geld verabschiedet. Eine Fördergesellschaft und eine kirchliche Stiftung haben ihn ersetzt. Seit einem Jahrzehnt steht dort das Nagelkreuz Coventrys als vielversprechende symbolische Präsenz.

Es muss jedoch gesagt werden, dass von der Absicht, etwas völlig Neues zu gestalten, im Laufe dieser zehn Jahre nur wenig zu spüren war. Die Publizistik deutete zwar nicht auf eine neue Militärkirche, sondern auf eine kulturelle städtische Restauration: kein Traditionsverein, sondern eher ein Kulturverein. Nur noch ganz am Rande schienen Frieden und Versöhnung im Spiel zu sein. Von einer klar profilierten kirchenpolitischen Wende war wenig – trotz dem guten Willen einer engagierten jungen Pfarrerin – zu spüren

Kritische Fragen meinerseits, eine zunehmend ernst zu nehmende Opposition vor Ort, nun gefolgt von einer oppositionellen theologisch orientierten Gruppe profilierter (hauptsächlich ostdeutscher) Christen, brachten eine Wende zum Guten. Der etwas in den Hinterhalt geratene ursprüngliche Plan hatte frischen Wind in die Segeln bekommen.

Eine erfahrene neu ernannte Pfarrerin hat Vieles bewegt. Die Leitung der Stiftung ist munter geworden. Die Kirchenleitung hat sich zum ersten Mal öffentlich mit dem Vorhaben solidarisiert. Die Gegner haben nicht umsonst agiert. Ich wage zu sagen, die gegenwärtige Debatte wird zum Segen werden, zum Segen aber nur dann, wenn sie respektvoll geführt wird. Ich habe zwar Partei ergriffen, aber mit hohem Respekt für die Gegner. Etliche stehen mir persönlich sehr nah. Ihre Vorbehalte haben Hand und Fuss. Es geht um bedeutende ethische Sachinhalte. Wäre mein Sitz im Leben ein anderer, könnte ich wahrscheinlich, ohne mir untreu zu sein, zur Opposition gehören. Wohlbemerkt, Opposition und Feindschaft sind grundverschiedene Dinge. Bei der gelegentlichen Schärfe der Auseinandersetzung und verhärteten Positionen kann diese Unterscheidung leicht aus dem Blick geraten.


Was erhoffe ich mir? Einen runden Tisch, intelligent und fair moderiert, wo alle aufeinander hören und keine und keiner um Sieg ringt. Kommt es zu keiner Verständigung, blamieren sich alle. Meine – zwar nicht massgebliche – Meinung ist, dass die Grundlage eines guten Kompromisses im Vorschlag Manfred Stolpes enthalten ist, nämlich dass der von Ulbricht zerstörte Turm – die Heilig Kreuz Kirche von der Zeit nach 1945 – als Zentrum des Friedens und der Versöhnung und zugleich als Bereicherung des Stadtbildes, nun wieder wie einst die Stadt mit drei Türmen, wiederaufgebaut wird. Das Kirchenschiff der Garnisonkirche mit all seinen Assoziationen und seiner Symbolik bliebe dann nur noch eine Erinnerung, als Zeichen des nötigen Bruchs mit der Vergangenheit. Die Stiftung müsste sich dazu verpflichten, und die Opponenten im Gegenzug müssten den Turm begrüssen und dessen Inhalte unterstützen. (Nebenbei gemerkt, das dadurch gesparte aber ohnehin noch lang nicht vorhandene Geld, hätte ihr eigenes ethisches Gewicht).

Mitglieder der deutschen Nagelkreuzgemeinschaft befinden sich auf beiden Seiten der aktuellen Debatte. Aber alle, wie der Vorsitzende Dr. Oliver Schuegraf mir beteuerte, unterstützen die vor Ort schon begonnene Arbeit für den Frieden und die Versöhnung. Dean John Witcombe sagte mir vor einigen Tagen in Coventry, der Weg in die Zukunft sei einzig und allein die Sache der Potsdamer. Er beteuerte aber zugleich seine schon im Juli in Potsdam geäusserte Überzeugung, ein äusseres Zeichen der Gebrochenheit gehöre mit zur Heilung der Geschichte.

Das ist in Kürze nicht mehr und nicht weniger als meine sehr persönliche Bestandsaufnahme. Sie ist in Freundschaft an alle gerichtet, die sich angesprochen fühlen.

Barbara und ich fliegen am 4. Dezember für vier Monate nach Neuseeland, unserer zweiten Heimat. Das ist der rechte Moment in meinem 84. Jahr, meine intensive Beschäftigung mit der Zukunft der ehemaligen Garnisonkirche zu beenden. Ich vertraue darauf, dass Ihr gemeinsam einen guten Schluss findet. ‚Es muss ein guter da sein, muss, muss muss‘.* Zum Gespräch – auch aus der Ferne – bleibe ich stets bereit. Bleibt meiner Freundschaft und meiner anhaltenden Fürbitte gewiss. Dass wir mitdenken und mitsprechen durften, hat uns – Barbara und mich – in vieler Hinsicht bereichert. Habt Dank dafür.
Innigste Segenswünsche
PAUL

* Bertolt Brecht: die letzten Worte aus Der gute Mensch von Sezuan

Canon Dr.Dr.h.c.mult. Paul Oestreicher
97 Furze Croft, Furze Hill
Brighton BN3 1PE
United Kingdom

Der offener Brief Oestreichers ist auf der Homepage der Initiative Christen brauchen keine Garnisonkirche! herunterladbar.

Man würde sich täuschen, bei diesen vier Stellungnahmen einen Bruch in Oestreichers friedenspolitischem Engagement zu sehen. Sein Versöhnungsansatz ist sich über die Jahre hinweg treu geblieben, auch wenn deutlich wird, dass ihm der in Angriff genommene Wiederaufbau der Garnisonkirche nicht zuträglich war. Bei dem Bemühen, zwischen antagonistischen Positionen zu vermitteln, begibt sich ein Mediator immer auf eine Gratwanderung, die scheitern kann. Trotzdem gibt es aus der Perspektive Oestreichers keine Alternative zum Dialog. Der Versuch, eine Verständigung zu erreichen, muss auch dann unternommen werden, wenn die Aussicht auf Erfolg gering ist. Die an einem Konflikt beteiligten Parteien bestehen in der Regel nicht aus geschlossenen Formationen mit einer homogenen Struktur und einer Agenda, die von allen zu hundert Prozent geteilt wird. Auch auf den ersten Blick ausweglose Konstellationen enthalten deswegen Ansatzpunkte, die dazu benützt werden können, in einen Austausch zu treten, gegebenenfalls mit Hilfe eines Mediators.

Dass dabei offen und ohne gezinkte Karten gespielt wird, ist für ein erfolgreiches Gespräch unabdingbar. Genauso wichtig ist es aber auch, in seriöser Weise Rechenschaft über die verfolgten Ziele abzulegen, denn der wohlklingende aber schwammige Begriff der Versöhnung lässt viele Deutungen zu. Sich mit der eigenen Geschichte zu versöhnen, liegt auf einer komplett anderen Linie als die Versöhnung mit einem Opponenten. Vergleicht man die Gottesdienste, die bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs in der Potsdamer Garnisonkirche gehalten wurden, mit denen, die bis zum 14. November 1940 in der Kathedrale von Coventry stattfanden, kommt man nicht umhin, die Repräsentanten dieser beiden Traditionen als ungleiche Partner in einem asymmetrischen Versöhnungsprozess einzustufen. Einen Angriffskrieg und die Verteidigung gegen ihn in ein gemeinsames Schicksal überzuführen, an dem alle irgendwie beteiligt waren, macht eine wirkliche Aussöhnung von vornherein unmöglich.

Domprobst Richard Howard stand es frei, von sich aus und im Namen der Kathedralengemeinde den Deutschen unmittelbar nach dem Krieg die Hand zu reichen, noch den Schutt und die Trümmer vor Augen. Doch für wen und in wessen Namen sprach Howard? Der auf dem nachstehenden Foto neben ihm gehende Premierminister gehörte ebenso wie die Mehrheit der britischen Bevölkerung sicher nicht zu denen, die sich mit jemand versöhnen wollten, der wenige Monate vorher noch ihr Heimatland mit fanatischer, ja terroristischer Zerstörungswut angegriffen hatte. Das wirft die Frage nach der Repräsentanz und Reichweite des von der Nagelkreuzbewegung ausgehenden Versöhnungskonzepts auf. An welchem Punkt stößt die Bereitschaft zur Versöhnung an ihre Grenze? Jeder muss das für sich beantworten. Für die meisten Briten lag Howards Anerbieten allerdings außerhalb des Erträglichen und wurde für ausgesprochen naiv gehalten. Mit wem genau versöhnen sich diejenigen, die heute im Turm der Garnisonkirche vor einem preußischen Kriegsaltar Gottesdienst feiern, auf dem ein Nagelkreuz aus der zerstörten Kathedrale in Coventry steht?

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Domprobst Richard Howard, Winston Churchill und der Bürgermeister von Coventry beim Besuch der zerstörten Kathedrale in Coventry am 28. September 1941.

Man stelle sich folgendes Szenario vor: Ein Mörder wird nach einer gewissen Karenzzeit bei der Familie des von ihm Getöteten vorstellig, er wolle sich mit ihr versöhnen. Das Beispiel erscheint abwegig, ist es aber nur auf den ersten Blick. In den letzten Jahren hat die Erinnerung an die große Zahl an Menschen, die dem deutschen Expansionswahn in zwei Weltkriegen zum Opfer fielen, ganz zu schweigen von den sechs Millionen ermordeter Juden, deutlich an gesellschaftlicher Relevanz verloren. Nicht wenige Deutsche relativieren das Geschehene, indem sie sich der Strategie des „Whataboutism“ bedienen: Andere sind doch auch nicht besser. Im Spektrum der politischen Rechten hat eine Umkehrung des Täter-Opfer-Verhältnisses Platz gegriffen und bei den Rechtsextremen ist sie sogar zur Normalität geworden.

Dass sich Täter vor ihrer Verantwortung drücken und nach Mitteln und Wegen suchen, sie loszuwerden, leuchtet nicht nur in psychologischer Hinsicht ein. Ergibt sich die Möglichkeit, ihr durch die Flucht in ein allgemeines Menschheitsverhängnis zu entgehen, wird man über ein entsprechendes Angebot mehr als erfreut sein. In der Garnisonkirche wurde der Gedanke einer allgemeinen Ethik, die für jeden unabhängig von seiner religiösen Einstellung, politischen Meinung und nationalen Zugehörigkeit gilt, immer abgelehnt. Die christliche Nächstenliebe war ein Konzept, das sich im weitesten Sinn auf die eigene Nation und Gemeinschaft bezog. Umso positiver stellt sich eine Offerte dar, die den Eindruck erweckt, Schuld und Sühne könnten über die Anrufung Gottes als Allversöhner von einem historischen in ein religiöses Erklärungsmuster übergeleitet werden. Die geschehenen Verbrechen würden dadurch entkonkretisiert und diejenigen, die sie begangen haben, ihrer Zuständigkeit entledigt. Aus der Perspektive der Opfer ist das eine verheerend Entwicklung. Den Propagandisten der Versöhnung im Umfeld der Garnisonkirche stünde es vor diesem Hintergrund gut zu Gesicht, etwas weniger forsch aufzutreten und sich in der Rhetorik zurückzunehmen.

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Screenshot eines 35-minütigen Vortrags von Paul Oestreicher zum Thema Der militärische Beitrag zum Frieden in der Nagelkreuzkapelle am 13.9.2012 (0:49)

Am 13. September 2012 hielt Paul Oestreicher in der Potsdamer Nagelkreuzkapelle einen Vortrag zum Thema „Der militärische Beitrag zum Frieden“. Dabei hielt er sich mit der Hand am Feldaltar der Garnisonkirche fest, auf dem die beiden Altarkerzen zu sehen sind, die Friedrich Wilhelm III. im Zuge seiner Unionsbemühungen gestiftet hatte. Als königlicher Summus episcopus verfügte er im September 1817 die Vereinigung der reformierten und lutherischen Gemeinden zu einer unierten Kirche. Wenig später nahm er am 31. Oktober, dem Reformationstag, am ersten gemeinsamen Gottesdienst der Hof- und Garnisonsgemeinden in Potsdam teil. Allerdings schlug sein Versuch fehl, den Gegensatz zwischen einer Bevölkerung lutherischen und einem Herrscherhaus reformierten Glaubens auf dem Weg der Kirchenunion zu überwinden.

Um seinen lutherischen Untertanen entgegenzukommen, stiftete er dem Altar der Garnisonkirche ein monumentales Kruzifix und zwei fast ebenso große Kerzenständer die von sechs bronzenen Adlerplastiken am Sockel getragen werden. Im Fahrwasser eines neu erwachten lutherischen Konfessionialismus grenzte er sich vom Religionsverständnis des reformierten Christentums ab, das auf die alleinige Wortverkündigung und größtmögliche Schlichtheit im Gottesdienst ausgerichtet ist. Die barocke Ausgestaltung der Garnisonkirche bezeugt mitsamt ihrem martialischen Waffenschmuck dagegen den nationalprotestantischen Wunsch nach einem starken Staat und einer im Glauben vereinten Nation. Für den Machtanspruch der Hohenzollernmonarchie gab es kein besseres Symbol als den zur Sonne aufblickende Adler, sei es auf Wappen und Fahnen, am Fundament einer bronzenen Altarkerze oder auf der Haube des Garnisonkirchenturms.

Auffallend ist bei dem Vortrag Oestreichers nicht nur, dass man einen notorischen Pazifisten neben dem Feldaltar sprechen ließ, auf dem die von Friedrich Wilhelm III. gestifteten Kerzen standen. Diese wurden auch noch so gedreht, dass sich der Blick der Adler drohend auf den Vortragenden richtet. Das erweckt den Eindruck, als ob der Botschaft des Redners Kontra gegeben werden sollte. Die Penetranz, mit der die Kamera den preußischen Kriegsadler und den Pazifisten Oestreicher in ein gemeinsames Bild zwängt, verstärkt diesen Eindruck noch. Es fällt schwer, hier an Zufall zu glauben. Dem Nagelkreuz von Coventry durch die zwei Adlerkerzen „Flankenschutz“ zu geben, müsste sich eigentlich verbieten. Abgesehen von historischen und religiösen sprechen auch ästhetische Gründe dagegen. Der unterschiedliche Symbolgehalt macht die gemeinsame Verwendung eines Friedenskreuzes mit den alten Altarkerzen – wo ist eigentlich das Kruzifix geblieben, das mit ihnen eine Einheit bildete? – unmöglich. Akzeptiert man dieses Argument der Unvereinbarkeit, kann man aber auch kein Kreuz aus Nägeln, die dem Dachstuhl der von den Deutschen zusammengeschossenen Kathedrale in Coventry entnommen wurden, auf einen preußischen Feldaltar stellen. Eine Kirche, die sich dem Frieden verpflichtet weiß, müsste einen solchen Anschlag auf Geschmack und Gewissen tunlichst vermeiden.

Der Versuch, die Garnisonkirche und ihren Feldaltar wieder in Betrieb zu nehmen, demonstriert vor aller Augen, dass sich der Gegensatz zwischen dem politisch Gewollten und dem geschichtlich Realen nicht mit Argumenten der Logik und Vernunft auflösen lässt. Widersprüche im Denken und Handeln sind die Folge. Kann man aber derart willkürlich, möglicherweise sogar manipulativ, mit einem Altar umgehen und ihn nach freiem Belieben mal so mal so drapieren, ihn so oft weihen, bis es passt? Wenn sich ein Altar, der immerhin das Zentrum der christlichen Gemeinde bildet, nach wechselndem Gutdünken den Erfordernissen der Zeit anpassen lässt, wird es nicht ausbleiben, dass die Substanz der religiösen Glaubensbotschaft Schaden nimmt.

Auf dem nachstehenden Bild eines Gottesdienstes in der Nagelkreuzkapelle mit Wolfgang Huber am Ostersonntag 2014 sehen wir, wie „Framing“ in der konkreten Anwendung funktioniert: Zwei schlichte Kerzen und ein Frühlingsstrauß setzen das Altarkreuz aus der zerstörten Kathedrale in Coventry in ein mildes Osterlicht. Der Altarschmuck ist von schlichter Eleganz geprägt. Nichts soll an eine unschöne und wenig erbauliche Vergangenheit erinnern. Aus dem missliebigen Kriegsaltar wurde ein schön anzusehender Friedensaltar. Leider ist dieses Setting inszeniert und alles andere als ein Beweis für den Frieden. Es zeigt vielmehr, dass sich sogar im religiösen Epizentrum des preußischen Militarismus eine Tradition des Friedens erfinden lässt.

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Gottesdienst in der Nagelkreuzkappelle der Potsdamer Garnisonkirche mit Bischof Wolfgang Huber a.D., am Ostersonntag, den 20.4.2014

Einige Jahre vorher noch wollte niemand etwas von dem Friedenskreuz aus Coventry wissen. So prangt bei der „Feierlichen Gründung der Stiftung Garnisonkirche Potsdam“ am 23. Juni 2008 das alte, von Friedrich Wilhelm III. gestiftete Kreuz mitsamt den Adlerkerzen auf dem Altar. Der neue Geist des Friedens, der durch das Nagelkreuz aus dem zerstörten Dachstuhl der Kathedrale in Coventry zum Ausdruck gebracht werden soll, war noch nicht en vogue. Man zog das religiöse Machtsymbol des alten Preußen vor und hatte auch kein Problem damit, den „Tisch des Herrn“ für einen rein weltlichen Zweck, nämlich die Gründung einer Stiftung, zu instrumentalisieren. Deutlicher konnte man seine religionspolitische Agenda mit dem preußischen Feldaltar aus dem Jahr 1800 nicht zum Ausdruck bringen.

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„Feierliche Gründung der Stiftung Garnisonkirche Potsdam (SGP)“ am 23.6.2008. Von links nach rechts: Pfarrer i.R. Reinhart Lange (Vorsitzender des Evangelisch Kirchlichen Hilfsvereins), Prof. Dr. Wolfgang Huber (Landesbischof und Ratsvorsitzender der EKD), Pfarrer Andreas Neumann (stellvertretender Superintendent), Jann Jakobs (Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Potsdam) und Peter Bauer (Vorsitzender der Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam e.V.)

Abbildungsverzeichnis:

Abb. 1:   Die kaiserliche Familie beim Feldgottesdienst im Potsdamer Lustgarten am 9.8.1914, aus: R. J. Tercha, Unser Kaiser und Kriegsherr, in: Paul Fiebig, Hg., in: Gott mit uns! Dokumente religiöser Erhebung des deutschen Volkes im Kriegsjahr 1914, Leipzig 1914, S. 3

Abb. 2:   Aussegnungsgottesdienst im Potsdamer Lustgarten am 9.8.1914, Aufnahme Ernst Eichgrün (Potsdam Museum)

Abb. 3:   Der Oberhofprediger und Divisionspfarrer Walter Richter während seiner Predigt beim          Gottesdienst im Potsdamer Lustgarten am 9.8.1914, ebd.

Abb. 4:   Winston Churchill at Coventry Cathedral, Wikimedia Commons

Abb. 5:   Screenshot Youtube (0:49).

Abb. 6:   Geschichte erinnern, Verantwortung lernen, Versöhnung Leben. Der Garnisonkirchenturm     in Potsdam. Zwei Jahrzehnte Projektgeschichte, hg. von der Fördergesellschaft für den  Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam e.V., Potsdam 2020, S. 19.

Abb. 7:   Ebd., S. 10 sowie Potsdamer Spitze, hg. von der Fördergesellschaft für den     Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam e.V., Dezember 2008, S. 2. Foto: Liebe/MAZ.


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class="wp-block-heading">Fußnoten

[1]    R. J. Tercha, Unser Kaiser und Kriegsherr, in: Paul Fiebig, Hg., Gott mit uns! Dokumente religiöser Erhebung des deutschen Volkes im Kriegsjahr 1914, Leipzig 1914, S. 5. Tercha war das Pseudonym von Walter Richter. Mit dem deutschen Volk bis auf den letzten Mann spielte Wilhelm II. auf die Sozialdemokratie und seine erfolgreiche Burgfriedenspolitik an. Die vom Kaiser genannten Schlachtorte werden heute nicht mehr allgemein bekannt sein: In der Schlacht von Leuthen besiegte die preußische Armee am 5.12.1757 beim niederschlesischen Ort Leuthen (Lutynia) die Truppen der zahlen- und waffenmäßig überlegenen Österreicher. Sie waren durch einen gemeinsamen Glauben geeint und hatten den Herrn der himmlischen Heerscharen auf ihrer Seite, so das Narrativ der nationalpreußischen Historiographie. Nach der Schlacht hätten 25.000 preußische Soldaten am Abend im Feldlager spontan in das bekannte Kirchenlied „Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen, der große Dinge tut an uns und allen Enden“ eingestimmt. Seit der Völkerschlacht von Leipzig durfte der „Choral von Leuthen“ bei keinem Ereignis von nationaler Bedeutung mehr fehlen. Er wurde bei der Reichsgründung am 18.1.1871 im Spiegelsaal von Versailles, bei der Mobilmachung vor dem Berliner Schloss am 1.8.1914 und am 21.3.1934 beim Tag von Potsdam zum gesungenen Ausdruck für den Siegeswillen einer Nation, die ihre Stärke aus dem Beistand Gottes bezog. (Horst Junginger, Der Choral von Leuthen, in: ders., Der preußische Adler in der deutschen Herrschaftsgeschichte. Eine Vogelkunde aus religionspolitischer Sicht, Baden-Baden 2021, S. 37-40.) In der Schlacht bei Königgrätz stießen am 3.7.1866 die Armeen Preußens und Österreichs in der Nähe des böhmischen Ortes Hradec Králové aufeinander. Das auf einer Anhöhe liegende und vom Ersten Garderegiment eingenommene Dorf Chlum wurde ebenso zum mythischen Höhepunkt verklärt wie der preußische Sieg unter der Führung Moltkes insgesamt. Bei dieser damals größten Schlacht der Welt standen sich auf wenigen Quadratkilometern ungefähr 440.000 Soldaten gegenüber. Die Schlacht bei Gravelotte am 18.8.1870 westlich von Metz heißt auf Französisch „Bataille de Saint-Privat“. An dem überaus blutigen und verlustreichen Gemetzel waren 285.000 deutsche und 125.000 französische Soldaten beteiligt. Abends gelang den Deutschen auf dem Hügel von Saint-Privat der finale Sieg. Danach wurde Metz vom Deutschen Reich zur größten Festung der Welt ausgebaut. Die parallel dazu errichtete „Kanonenbahn“ hatte eine Länge von 800 Kilometern und ermöglichte es, Waffen im großen Umfang von Berlin nach Lothringen zu transportieren.

[2]    Taucha, Unser Kaiser und Kriegsherr, S. 6.

[3]    Paul Oestreicher, Aufs Kreuz gelegt. Erfahrungen eines kämpferischen Pazifisten, Berlin 1993, S. 15.

[4]    Siehe Paul Oestreicher, Hg., The Christian Marxist Dialogue, New York 1969. Oestreichers knapp 30-seitige Einleitung trägt die Überschrift „Dialogue in hope“.

[5]    Junginger, Der preußische Adler in der deutschen Herrschaftsgeschichte, S. 91. „Coventration“, „Coventry Bombing“ oder „Coventry Blitz“ sind die Ausdrücke, die im Englischen dafür gebraucht werden.

[6]    Siehe dazu den Redebeitrag von Gerd Bauz Kein Gottesdienst am Blutaltar, Hermann Düringer, Die Nagelkreuzbewegung und die Garnisonkirche Potsdam, in: Versöhnung geht anders. Zum Versöhnungsbegriff der Stiftung Garnisonkirche Potsdam, hg. von der Martin-Niemöller-Stiftung, Wiesbaden 2019, S. 20-23 und Philipp Oswalt, Die Potsdamer Garnisonkirche. Wiederaufbau zwischen militärischer Traditionspflege, protestantischer Erinnerungskultur und Rechtsextremismus, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Bd. 70, H. 3, 2022, S. 573-587.

[7]    Der Tagesspiegel (PNN) berichtete im Januar 2015 in zwei Artikeln darüber: Aktivist verabschiedet sich vom Projekt (12.1.) und Oestreicher zieht sich von Garnisonkirche zurück. Abschied mit kritischer Bilanz (13.1.).

[8]    Siehe zu dieser Stärke von Dibelius Junginger, Der preußische Adler in der deutschen Herrschaftsgeschichte, S. 64-72.

[9]    Walter Richter, Zum Fahneneid. Ansprache bei der Rekruten-Vereidigung im Langen Stall am 10.11.1913, in: Domstiftsarchiv Brandenburg/Havel, Pfarrarchiv der Garnisonkirche Potsdam, Po-G 82/208, S. 5, zitiert nach der Zusammenstellung von Carsten Linke vom 22.3.2018.

[10]  Junginger, Der preußische Adler, S. 3.

[11]  Ebd., S. 141.

[12]  Verhandlungen des Reichstages, Bd. 228, Berlin 1907, S. 1093-1101. Dass Noske und andere führende Sozialdemokraten 1914 auf die Politik des Kaisers einschwenkten, lag vor allem darin begründet, dass sie der Lüge eines russischen Angriffs Glauben schenkten und deshalb von einem gerechten Verteidigungskrieg ausgingen. Im Unterschied zu damals haben wir es heute mit einem wirklichen Angriffskrieg Russlands zu tun, wenn auch auf ein anderes Land und nicht auf Deutschland. Oestreicher kritisierte in einem offenen Brief an den Guardian die Allianz zwischen Politik, Militär und Religion in Russland und in diesem Zusammenhang auch den ethno-nationalistischen Militarismus des Patriarchen: Patriarch Kirill has betrayed the Christian faith, in: The Guardian, 8.4.2022. Seiner Bemerkung „Western churches, too, have not been immune to that temptation.“ könnte man hinzufügen, dass alle christlichen Adlermächte (das katholische Österreich, das orthodoxe Russland und das protestantische Preußen) ihre Territorien im 19. Jahrhundert dadurch vergrößerten, dass sie andere Länder überfielen. Wenn Pistorius heute erklärt, er wolle mit der Bundeswehr Neuland betreten, hat das einen mehr als unangenehmen Beiklang.

       Was den preußischen Kriegsminister Karl von Einem betrifft, ist es nicht unnütz zu wissen, dass er 1933/34 den Vorsitz im Bund der Aufrechten übernahm, einer 1918 gegründeten monarchistischen Vereinigung, an der sich u.a. Paul Conrad, Otto Dibelius, Walter Richter und die Hof- und Domprediger Bruno Doehring und Johannes Vogel beteiligten. Im Unterschied zu Richter relativierte Dibelius in der Weimarer Republik sein Faible für die Monarchie, um es am 21.3.1933 ganz aufzugeben.

[13]  Verhandlungen des Reichstages, Bd. 228, Berlin 1907, S. 1257.

[14]  Junginger, Der preußische Adler, S. 47-50 und S. 141.

Der Handschlag. Pathosformel der Machtübertragung

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Potsdam 21. März 1933, Handschlag zwischen Reichskanzler Hitler und Reichspräsident von Hindenburg, aus: Berliner Illustrierte Zeitung (undatiertes Sonderheft, 21.3.1933). Die Bildunterschrift lautet: „Nach dem Festakt in der Garnisonkirche: Der Reichspräsident verabschiedet sich vom Reichskanzler. Fot. N.Y.T.“

Das Foto vom Handschlag zwischen dem neu ernannten Reichskanzler Adolf Hitler in dunklem Frack und dem hochdekorierten Reichspräsidenten Paul von Hindenburg in der Uniform des preußischen Generalfeldmarschalls mit der Pickelhaube auf dem Kopf ist ein ‚Schnappschuss’. Zwischen beiden Männern steht in der Uniform der Reichswehr und mit dem neuen Stahlhelm der Kompaniechef der Ehrenkompanie des Infanterieregiments 9, der den Händedruck der höchsten Repräsentanten des neuen Staates zu beglaubigen scheint. Zwischen Hitler und dem Kompaniechef wiederum ist dem Fotografen halb verdeckt ein Mann mittleren Alters ins Bild geraten. Bei ihm handelt es sich um den Fotografen Georg Pahl, der wie kein anderer die Machteroberung der Nationalsozialisten fotografisch begleitet. Links von Hitlers Kopf ist – ebenfalls halb verdeckt – die berühmte Pelzmütze der Husaren mit Totenkopf und Federbusch zu erkennen, wie sie Generalfeldmarschall August von Mackensen – zeitweise Adjutant von Kaiser Wilhelm II. und Bewunderer Hitlers – zu tragen pflegt. Neben dem Fotografen und daher auf diesem Bild nicht zu erkennen, steht Reichswehrminister Werner von Blomberg. Die Personenkonstellation, die dem Fotografen ins Bild geraten war, ist keineswegs zufällig. Vielmehr ist sie Ausdruck des Bestrebens sowohl von Hindenburg als auch von Hitler das Militär in den Staatsakt einzubinden und auf diese Weise die Skepsis so mancher Konservativer gegenüber dem Nationalsozialismus auszuräumen.

Der Händedruck zwischen dem Repräsentanten der alten und dem der neuen Macht zum Ende des Staatsaktes ist das eigentliche Thema Bildes, wiewohl dieser sich optisch selbst nicht im Zentrum des Bildes befindet. Hitler verneigt sich respektvoll vor Hindenburg. Ob er mit dieser Höflichkeitsgeste mehr verbindet, etwa die Vereinigung von alter preußischer Tradition und nationalsozialistischem Aufbruch, von alter und neuer Rechten, von einfachem Soldaten und Feldmarschall, wissen wir nicht. Eigentlicher Akteur der Szene indes ist Hindenburg, der auf Hitler herabblickt und schon durch seine Körpergröße das Bild dominiert. Fast scheint es, dass er mit seinem Handschlag Hitler die Macht überträgt.

Der Ort der Geste: der Platz vor der evangelischen Garnisonkirche in der Stadtmitte von Potsdam, da im Gotteshaus selbst nicht fotografiert werden durfte. Die Garnisonkirche ist ein symbolischer Ort, ein „preußisches Walhalla“ (Martin Sabrow), den sich die NS-Führung bewusst ausgesucht hat, da er in der Vergangenheit wie kein anderer das Bündnis von Thron und Altar zum Ausdruck gebracht hatte.

Der Anlass der Geste: das Zusammentreten des am 5. März 1933 neu gewählten Reichstags, der sich infolge des Reichstagsbrandes nicht im Reichstag selbst konstituieren kann. An eine Eröffnungssitzung, wie sie in der parlamentarischen Praxis üblich ist, ist nicht gedacht. Vielmehr soll der ‚Tag von Potsdam’ die Botschaft der Verbundenheit der neuen Regierung mit der preußischen Tradition und den militärischen Eliten herausstellen, zumal die Macht der Nationalsozialisten noch keineswegs gefestigt ist und die SA Ansprüche anmeldet, die erste militärische Kraft im Reich zu werden – ein Affront für die Generalität. Auch der Zeitpunkt ist bewusst gewählt: am 21. März 1871 hat im Berliner Schloss unter Anwesenheit des Kaisers die erste Reichstagssitzung des neu gebildeten Deutschen Reiches stattgefunden und war Otto von Bismarck zum Reichskanzler ernannt worden. Potsdam ist auf Geheiß des Oberbürgermeisters festlich geschmückt. Tausende nehmen an dem Spektakel teil. Der Rundfunk berichtet landesweit in einer Live-Übertragung.

Bei der Verabschiedung kommt es dann zu dem Händedruck, der vermutlich – ähnlich wie die Teppichszene 1949 mit Konrad Adenauer auf dem Petersberg bei Bonn oder der Kniefall Willy Brandts 1970 in Warschau – nicht vorher minutiös geplant, sondern eine reflexartige Geste des Respekts und der Höflichkeit Hitlers gegenüber dem greisen Reichspräsidenten und ehemaligen Feldmarschall ist, die aber gleichwohl ins Kalkül der Verantwortlichen passt.  

Mit der Fotografie und ihrer Publikation gerinnt die spontane Geste allerdings zum denkmalswürdigen Bild. Wie keine andere Aufnahme scheint sie den Hoffnungen des national gesinnten Bürgertums und der konservativen Eliten nach Aussöhnung mit den Nationalsozialisten zu entsprechen, die deren Repräsentanten noch ein Jahr zuvor als ‚Herrenklub’ verspottet hatten. Für die Mehrzahl der Deutschen dürften der Staatsakt und der Handschlag von Potsdam zudem den lang ersehnten nationalen Aufbruch symbolisiert haben.

Die Aufnahme von Eisenhart erscheint erstmals in der Sonderausgabe der Berliner Illustrirte Zeitung zum 21. März 1933 unter etlichen anderen Aufnahmen bekannter Fotografen großformatig auf Seite 19. Anders als vielfach behauptet, avanciert sie so schon synchron – und nicht erst diachron – zum Bild des historischen Ereignisses. Auch Georg Pahl hat eine Aufnahme vom Handschlag gemacht – gleichsam den ‚Gegenschuss’ zur Fotografie von Eisenhart. Diese kommt aber längst nicht so symbolträchtig daher wie der ‚Schnappschuss’ seines Kollegen, der zur „landesweiten Populärikone“ (Ulrich Keller) der Machteroberung bzw. „zum ikonografischen Hauptsymbol der ‚Potsdamer Rührkomödie’“ (Martin Sabrow) werden sollte.

Mit der am selben Tag wie dem Staatsakt in Potsdam beschlossenen ‚Verordnung zur Abwehr heimtückischer Angriffe gegen die Regierung der nationalen Erhebung’ ist künftig jedwede Kritik an der Regierung, ihren Uniformen und Abzeichen unter Strafe gestellt und mit Gefängnis bedroht. Noch am selben Tag geht das Konzentrationslager Oranienburg in Betrieb, am Tag danach das KZ Dachau. Mit dem zwei Tage später beschlossenen Ermächtigungsgesetz, das die schrankenlose Machtausdehnung der Nationalsozialisten legalisiert, ist die Machteroberung der Nationalsozialisten abgeschlossen.

Die Fotografie vom Handschlag begegnete mir erstmals im Geschichtsbuch der Oberstufe. Lange Zeit verband sich mit dem Bild bei mir die Deutung, Hitler habe sich hier aus bewusstem Kalkül Hindenburg und den konservativen Eliten unterworfen. Erst der Aufsatz von Günther Kaufmann von 1977 und später der von Manfred Görtemaker begründeten Zweifel an dieser Deutung und motivierten mich, der Geschichte des Bildes genauer nachzugehen.

Mutationen und Medientransfer

Ikonografiegeschichtlich ist der Handschlag als Symbol von Verständigung und Einheit weder neu noch zufällig. Vielmehr war er Ausdruck eines verbreiteten gesellschaftlichen Bedürfnisses nach nationaler Einheit, Verbrüderung und Überwindung der Klassenschranken. Auf riesigen Plakaten hatte der Hindenburgausschuss im Wahlkampf 1932 mit ihm zur Wiederwahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten mobilisiert. Mit dem symbolischen Händedruck hatte auch die NSDAP bei der Reichstagswahl vom 5. März 1933 auf ihren Plakaten um die Wählergunst geworben. Auf dem Plakat In grösster Not wählte Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler, wählt auch Ihr Liste 1 stehen Hitler und Hindenburg beim Händedruck gleichberechtigt und auf Augenhöhe nebeneinander, obwohl Hindenburg mit einer stattlichen Körpergröße von 1,98 23 Zentimeter und damit einen ganzen Kopf größer als Hitler war. Ein anderes Plakat zeigte einen Arbeiter, einen Bauern und einen Angestellten beim gemeinsamen Händedruck vor der Schriftzeile: „Adolf Hitler hat euch in 13 Jahren zusammengebracht! Deutsche Kopf-und Handarbeiter! Deutsche Bauern! Laßt euch nicht mehr auseinanderreißen!“

An diese Symbol- und Bildtradition konnte das Eisenhart-Foto vom 21. März unmittelbar anknüpfen. Zugleich entsprach dessen Aufnahme passgenau der von der NS-Propaganda seit 1932 betriebenen visuell-symbolischen Abrüstung ihrer Bildsprache, mit der sich die NSDAP als seriöse künftige Staatspartei darzustellen versuchte, die für unterschiedlichste Klassen und Schichten wählbar sein sollte.

Es ist nicht richtig, wie verschiedentlich in Wissenschaft und Publizistik behauptet, dass die Aufnahme Eisenharts erst nach 1945 Karriere gemacht habe. Das Gegenteil ist der Fall. Erstmals erschien diese innerhalb eines Bildberichts in der Sonderausgabe der Berliner Illustrirten Zeitung zum ‚Tag von Potsdam’bereits am selben Tag neben Aufnahmen anderer Fotografen. Als Herkunftsnachweis wurde „N.Y.T.“ angegeben: das Kürzel für die New York Times. Dass in dieser Ausgabe gleich mehrere Aufnahmen u.a. auch des jüdisch-stämmigen Bildreporters Martin Munkácsi erschienen, die nicht unbedingt den Selbstinszenierungswünschen der NS-Propaganda entsprachen, war Ausdruck einer längst noch nicht hundertprozentig funktionierenden ‚Gleichschaltung’. Auch im Rahmen der Berichterstattung zum Tode Hindenburgs wurde Eisenharts Aufnahme z.T. großformatig in etlichen deutschen Zeitungen publiziert, so rechts und links leicht beschnitten im Sonderheft Die Woche vom 2. August 1934 mit der Unterzeile: „Der Reichspräsident und der Reichskanzler am Tag von Potsdam 21. März 1933. Mit einem Händedruck nimmt Hindenburg, der Präsident des Reiches, die Bekräftigung der Treue vom Führer entgegen. Der Hüter der großen alten Tradition und der Führer der jungen gewaltigen deutschen Bewegung sind eins geworden.“ Kein anderes Bild schien das durch Hitler und Hindenburg repräsentierte Bündnis von nationaler Revolution und monarchistisch-militärischer Tradition eindrucksvoller zu beglaubigen als Eisenharts Aufnahme. Zur Herkunft hieß es nun allerdings: „Scherls Bilderdienst“. Über eine amerikanische Agentur gelangte das Foto auch in die internationale Presse, so etwa in die französische VU, die das Bild am 6. Dezember 1933 im Rahmen einer Rückschau auf die vergangenen Jahre in Deutschland publizierte.

Über den Fotografen ist nur so viel bekannt, dass er zu den renommierten Berliner Pressefotografen zählte. Er war 1933 u.a. für die New Yorker Times, 1936 für die Presse Photo GmbH und während des Krieges für eine Propagandakompanie der Wehrmacht tätig. Eine Fotografie zeigt ihn 1929 zusammen mit seinen Kollegen vor dem Berliner ‚Wintergarten’, als diese auf die Ankunft einer französischen Politikerdelegation warten.

Vermutlich aufgrund der auch als unterwürfig zu deutenden Haltung Hitlers gegenüber Hindenburg machte Eisenharts Fotografie in der NS-Presse im engeren Sinne keine Karriere. Der Illustrierte Beobachter – die Wochenillustrierte der NSDAP – verzichtete darauf, den ‚Tag von Potsdam’ auf einem Cover zu illustrieren. Vielmehr setzte er auf sein Titelblatt vom 25. März 1933 eine ähnliche Aufnahme vom Zusammentreffen Hitlers mit Hindenburg anlässlich des Volkstrauertags vom 10. März 1933. Wie auf der Aufnahme Eisenharts flankieren auch hier Uniformierte den Händedruck zwischen beiden Politikern, weitere Zuschauer sind indes nicht zu erkennen. Hitler und Hindenburg sind vollständig als Personen zu sehen. Vor allem aber scheint Hindenburg nicht väterlich auf Hitler herabzublicken, sondern begegnen sich beide Männer auf gleicher Höhe; zudem nimmt Hitler keine gebeugte, sondern eine aufrechte Haltung ein, was dem Selbstverständnis der NSDAP eher entsprach.

Aufgrund der ikonischen Energie, die der Pathosformel des Handschlags innewohnte und gewiss auch, weil sie den Interpretationsbedürfnissen vieler Zeitgenossen entsprach, machte Eisenharts und eben nicht Pahls Aufnahme Karriere. Diese Energie ließ das Bild in der Folge von der Zeitungsfotografie auf andere mediale Träger wie Buch- und Zeitschriftencover sowie auf Bildpostkarten und Gemälde überspringen. Während dieses Medientransfers unterlagen das ursprüngliche Bild und sein Motiv bildverändernden Bearbeitungen und Umdeutungen. Noch 1933 erschienen in hoher Auflage etliche Bildpostkarten mit dem oftmals retuschierten bzw. freigestellten Motiv Eisenharts und Bildunterschriften wie „Die Führer des Vaterlands in Potsdam am 21. März 1933“ oder „Reichspräsident von Hindenburg und Reichskanzler Adolf Hitler begrüßen sich am 21.3.1933 in Potsdam“. Ebenfalls noch 1933 erschien die Aufnahme in bearbeiteter Form auf dem Umschlag einer vom Berliner Verlag Mittler und Söhne herausgegebenen regimetreuen Dokumentation von Hans Wendt zum ‚Tag von Potsdam’, bei dem die Hauptakteure von den Zuschauern im Hintergrund freigestellt sind und an ihre Stelle der Schatten der Garnisonkirche einmontiert ist, die symbolisch dem Handschlag Segen spendet.

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Rückseite einer Gedenkmünze zum Tode Hindenburgs aus dem Jahr 1934.

Auch die Malerei nahm sich des Motivs an. Der Porträtmaler und überzeugte Nationalsozialist Carl Langhorst übersetzte den Handschlag von Potsdam 1933 in ein farbiges Ölgemälde, das als Reproduktion auch in Postkartenformat vertrieben wurde. Der Maler verlegte den Handschlag dabei kurzerhand in das Innere der Garnisonkirche vor einen in das Licht eines Sonnenstrahls getauchten Altar. Zugleich reduzierte er den Größenunterschied zwischen Hitler und Hindenburg, indem er Hindenburg kurzerhand seiner Pickelhaube beraubte und deutlich kleiner darstelle, als er tatsächlich war. Von Langhorsts Bild existieren zwei Versionen. Auf dem Gemälde von 1933 verneigt sich Hitler fast ehrfürchtig vor dem Reichspräsidenten, während auf einer Überarbeitung von 1935 die scheinbar unterwürfige Haltung Hitlers deutlich abgeschwächt ist und sich beide Männer nun auf Augenhöhe begegnen. Die offenkundige Absicht des Malers: den Schulterschluss zwischen traditioneller und neuer Elite mit dem Segen von Gott und Kirche auszustatten und den Handschlag nicht als Unterwerfungsgeste erscheinen zu lassen. Ebenfalls noch 1933 präsentierte auch der Historienmaler Georg Marschall – ein Schüler von Adolph von Menzel und Anton von Werner – ein Gemälde mit dem Titel Tag von Potsdam, auf dem sich Hitler und Hindenburg spiegelverkehrt in einem schlossähnlichen Interieur ebenfalls auch auf Augenhöhe begegnen. Ebenso wie die Gemälde von Langhorst und Marschall als Bildpostkarte vervielfältigt und vertrieben wurden, erging es auch einer Zeichnung von Heinz Wewer mit dem Motiv des Handschlags, in dem dieser nun völlig entkontextualisiert vor der Reichsflagge und der NSDAP-Fahne stattfindet, Hitler in Parteiuniform geschlüpft ist und nur mehr im Bildhintergrund der Turm der Garnisonkirche mit der zum Christuskreuz mutierten Wetterfahne an das historische Ereignis erinnert. Turm und Kreuz statten die Szene nun zusätzlich mit dem Segen der Kirche aus.

Das Motiv des Handschlags war schließlich so populär, dass es der Akteure im Bild gar nicht mehr bedurfte, sondern nur mehr der Handschlag selbst ausreichte, um die Szene zu identifizieren, so auf der Rückseite einer Gedenkmünze aus Anlass des Todes von Hindenburg 1934, auf der der Handschlag von einem Hakenkreuz überwölbt ist. Dass die Fotografie Eisenharts binnen kurzer Zeit ikonischen Status erhalten hatte, zeigte sich schließlich daran, dass sich auch das politische Exil noch 1933 des von seinem Hintergrund freigestellten Motivs bediente. John Heartfield gestaltete mit ihm das Cover der Broschüre Hitler der Eroberer. Die Entlarvung einer Legende des ehemaligen Chefredakteurs des Berliner Tageblatts, Rudolf Olden, die noch 1933 im nach Prag übersiedelten Malik-Verlag erschien.

Pathosformel der Machtübertragung

Von Aby Warburg wissen wir, dass bestimmte emotional aufgeladene figurale Darstellungen die besten Garanten für das Wirkungspotenzial von Bildern sind. Sie bilden so etwas wie den „Treibstoff der Bildenergie“ (Martin Schulz). Solche von Warburg als Pathosformeln bezeichnete Symbolhandlungen existieren zuhauf in der christlichen Ikonografie, ob im Bild des Gekreuzigten, in der Darstellung Marias als leidender Mutter mit dem Leichnam des vom Kreuz genommenen Jesus, der Pietà, oder in der biblischen Allegorie des ungleichen Kampfes zwischen David und Goliath. Besonders reich an Bedeutungsvarianten sind ausdrucksstarke Bewegungen der Finger, Hände und Arme – vom einfachen Zeigegestus über den Handschlag und die geballte Faust bis hin zum Gruß. Als der Körperteil, mit dem die meisten Arbeiten verrichtet werden, erlangte die Hand in vielen Gesellschaften schon früh eine besondere Bedeutung.

Das ikonische Potenzial solcher Pathosformeln hat sich über Zeiten und Räume und durch unterschiedliche mediale Träger hindurch bis hinein in die Bilder der Gegenwart erhalten. Zu solchen Symbolhandlungen gehört auch der Handschlag, der sich als bewusste Geste der Verständigung und Bindung bzw. der translatio imperii, der Herrschaftsübertragung, seit dem sechsten vorchristlichen Jahrhundert im griechischen Kulturraum auf Münzen nachweisen lässt. Wer auf den Staat Einfluss nehmen wollte, musste auch in Rom öffentlich sichtbar machen, dass andere ihn unterstützten und anerkannten. Als Pathosformel, die Vertrauen, Verbrüderung und Überwindung der Zwietracht ausdrückte, blieb der Handschlag vor allem in der Frühphase des NS-Regimes ein beliebtes Bildmuster der Gemeinschafts- und Verbrüderungspropaganda. Er avancierte gleichsam zur Pathosformel der Machtübertragung.

Unter impliziter Bezugnahme auf die Symbolgeste von Potsdam 1933 erlebte der Händedruck eine für Ikonen typische politische Kanonisierung. Vor allem die ‚Deutsche Arbeitsfront’ (DAF) bediente sich der Geste als Formel ihrer ‚Volksgemeinschafts’-Propaganda. Auf Postkarten und Plakaten zum 1. Mai 1934, dem ‚Tag der Arbeit’, gaben sich auf ihnen, z.T. von der Person Hitlers besiegelt, der Hüttenarbeiter und der Ingenieur die Hand, um dadurch die Einheit der Arbeitenden der ‚Stirn’ und der ‚Faust’ zum Ausdruck zu bringen, zu der es während der Republik nicht gekommen war, die allerdings auch im ‚Dritten Reich’ ein Wunschtraum blieb. Auf anderen Plakaten der DAF war es Hitler selbst, der dem deutschen Arbeiter vor dem Zahnrad der Arbeitsfront die Hand reichte und damit etwa für die Sammelaktionen für das Winterhilfswerk warb. Dass ausgerechnet die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, die SED, nach 1945 an diese Symboltradition anknüpfte und die verschlungenen Hände zur Ikone des sozialistischen Nachkriegsdeutschlands erklärte, sei hier nur am Rande angemerkt.

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Postkarte der DAF zum 1. Mai 1934, Slg. Otto May (Hildesheim); Postkarte des Verlages Franz Eher Nachf., München 1933 zum NSPAD-Reichsparteitag 1933, Slg. Otto May (Hildesheim); Plakat, Entwurf Mjölnir o.D.

Mit der Propagandapostkarte Nürnberg 1933. Einig das Volk – Stark das Reich des Münchner Parteiverlages Franz Eher Nachf., auf der sich zwei mächtige Arbeiterarme vor der Stadtkulisse Nürnberg und unter dem Schutz des Reichsadlers die Hand reichen, warb auch die NSDAP selbst bereits 1933 für ihren ‚Parteitag des Sieges’. Fast dieselbe Geste findet sich auf einem Plakat ‚Mjölnirs’ für den ‚Volksbund für das Deutschtum im Ausland’, das die Verbundenheit der Auslandsdeutschen mit den reichsdeutschen Volksgenossen zum Ausdruck bringen sollte, sowie einem Plakat der Polizei, mit dem die Parole ‚Die Polizei – dein Freund, dein Helfer“ visuell unterfüttert werden sollte.

Indes wäre es vermessen zu behaupten, die Pathosformel des Handschlags wäre ausschließlich von den Nationalsozialisten vereinnahmt worden. Ihr sozialer Gebrauch und ihre Popularität indes gingen weit über das nationalsozialistische Milieu hinaus. So bediente sich etwa die Winterhilfe der Jüdischen Gemeinde zu Berlin der visuellen Formel auf ihrem Signet, das den stilisierten Handschlag vor dem Davidstern zeigte. Im Lauf der weiteren Jahre verlor die Pathosformel des Handschlags an Bedeutung. Allenfalls als ‚normale’ Begrüßungsgeste etwa beim Empfang von Staatsgästen spielte sie in den Medien noch eine Rolle. Andere Bilder symbolisierten nun die ‚Volksgemeinschaft’ (>PARTEIADLER UND ‚ARISCHE MADONNA’). Erst gegen Ende des Krieges tauchte sie auf dem Titelblatt des Illustrierten Beobachters am 12. April 1945 noch einmal auf, als Hitler im Garten der Neuen Reichskanzlei fast auf den Tag genau 12 Jahre nach dem Händedruck von Potsdam eine Delegation von ausgezeichneten Hitlerjungen empfing. Die Aufnahme des Fotografen der Agentur Heinrich Hoffmann, Andreas Gayk, auf der Hitler dem 12-jährigen Hitlerjungen Alfred Czech die Hand reicht, ist das letzte publizierte Bild von Hitler überhaupt. Aus der Vielzahl der an diesem Tag gemachten Fotografien wurde für die Presseveröffentlichung die Aufnahme des Händedrucks zwischen Hitler und Czech als Symbol der kampfbereiten, opferwilligen, dem Führer treu ergebenen deutschen Jugend ausgewählt. Mit dem Händedruck besiegelten beide symbolisch das Bündnis zwischen Hitler und seinem kampfbereiten Volk, repräsentiert und beglaubigt von einer mutigen und siegesgewissen Jugend. Während die Wochenschau die Szene in ihrem Gesamtverlauf dokumentierte, gerann in der Fotografie des Handschlags dieser zum bedeutungsschweren Sinn-Bild. Mit der Aufnahme wurde zugleich eine Asymmetrie in Szene gesetzt, die auch als Symbolsprache der Hoffnung gedeutet werden konnte: Der mutige David in Gestalt des Hitlerjungen wird gegen den unmittelbar vor der Tür stehenden, aber nicht sichtbaren übermächtigen Goliath in Gestalt der Roten Armee ins Feld geschickt. Mit solchen symbolischen Inszenierungen sollte für die Untergangsgesellschaft ein Sinnzusammenhang erzeugt werden, demzufolge es sich lohne, weiterhin zu Hitler zu stehen. War die NS-Propaganda 1932 mit dem übermächtigen Arbeiterprometheus angetreten (>‚PROLET-ARIER’), endete sie 1945 mit dem Hoffnungsbild des kleinen David. Stand am Beginn des NS-Regimes der symbolgeladene Handschlag von Potsdam zwischen Hitler und dem greisen Hindenburg, so am Ende der Händedruck zwischen dem kranken und müden Diktator und einem 12-jährigen Jungen.

Nachgeschichte

Nach 1945 eignete sich die Fotografie vom ‚Tag von Potsdam’  im Westen hervorragend zur Selbstviktimisierung der Deutschen. Im Kontext der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit tauchte das Bild – z.T. retuschiert und beschnitten, z.T. in der Adaption des Gemäldes von Langhorst – in Schulbüchern, Fachpublikationen, Ausstellungen und sonstigen Printmedien auf, weil es das Geschehen nicht nur in einer symbolischen Geste verdichtete und personalisierte, sondern weil es scheinbar die bewusst inszenierte Täuschung des deutschen Volkes dokumentierte, die sie de facto nicht war. „Hitler täuscht das Volk durch Berufung auf ehrwürdige Tradition“ lautete etwa der Titel eines Schulwandbildes, welches das freigestellte Foto Eisenharts in eine Fantasieumgebung stellte. Das Foto geriet zum Symbolbild der ‚Machtergreifung’. Die Fotografie – so auch Rudolf Herz – wirke wie „die kongeniale Stilisierung einer genau kalkulierten Geste im rechten Augenblick“.[1] Das Deutsche Historische Museum in Berlin interpretiert in seiner Dauerausstellung das Bild bis heute als propagandistische Inszenierung von Goebbels. Danach habe sich Hitler bewusst vor dem Reichspräsidenten verneigt, was seine Wirkung im Ausland nicht verfehlt habe. Auf Plakaten von Antifa-Gruppen gegen den Wiederaufbau der Garnisonkirche wurde der grafisch freigestellte Handschlag demgegenüber zum Sinnbild des Bündnisses zwischen Nationalsozialismus und bürgerlicher Elite. Jeder holte sich aus dem Foto das, was ihm passte. Vielfach ist das Foto Eisenharts nach 1945 übrigens mit dem Foto vom Handschlag zwischen Hitler und Hindenburg am Volkstrauertag 1933 bzw. am Heldengedenktag 1934 verwechselt worden. Dem Historiker Klaus Scheel gelang der ‚Coup’, das freigestellte Handschlag-Foto vom ‚Heldengedenktag’ 1934 auf dem Cover zu seinem Buch 1933. Der Tag von Potsdam als das Foto vom historischen ‚Tag von Potsdam’ auszugeben. Ähnliches geschah auf dem Umschlag einer französischen Publikationen zur ‚Machtergreifung’. Ein bekannter Verlag zählte die Fotografie nicht zu Unrecht zu den „Bildern der Deutschen“. Wie populär die Fotografie von Eisenhart in der Zwischenzeit ist, zeigte sich Mitte März 2019, als sie für einige Tage als ‚historisches Bild’ überall in Deutschland auf digitalen City-Light-Postern in Bahnhöfen und Shopping Malls auftauchte.

Gerhard Paul ist ein deutscher Historiker und war bis zu seiner Emeritierung 2016 Professor für Geschichte und ihre Didaktik an der Universität Flensburg. 2020 erschien sein Buch Bilder einer Diktatur: Zur Visual History des ‚Dritten Reiches‘, in dem er die Bilderwelt des Nationalsozialismus nicht nur interpretiert, sondern auch nach ihren Produktions- und Rezeptionsbedingungen fragt. Der hier veröffentlichte Beitrag ist dem Buch entnommen. Wir danken dem Autor für die Genehmigung zur Widerveröffentlichung

Quellen und Literatur:

Expedition Geschichte 3. Realschule Baden-Württemberg Klasse 9/10, hrsg. von Uwe Uffelmann u.a., Frankfurt a.M. 2002.

Für Korrekturen und ergänzende Hinweise bedanke ich mich ganz herzlich bei meinem Potsdamer/Berliner Kollegen Prof. Dr. Martin Sabrow.

Christoph Kopke/Werner Treß (Hrsg.): Der Tag von Potsdam. Der 21. März 1933 und die Errichtung der nationalsozialistischen Diktatur, Berlin/Boston 2013.

Manfred Görtemaker: Der Händedruck von Potsdam – Symbol der Machtergreifung, in: Bilder im Kopf. Ikonen der Zeitgeschichte (Ausst.-Kat.), Bonn 2009, S. 30-39.

Matthias Grünzig: Für Deutschtum und Vaterland. Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert, Berlin 2017.

Ulrich Hägele: Meister der Lüfte, fröhliche Biertrinker und ein untertäniger Diktator. Zur visuellen Ethnographie einer französisch-deutschen Nachbarschaft, in: Georg Bollenbeck/Thomas La Presti (Hrsg.): Traditionsanspruch und Traditionsbruch. Die deutsche Kunst und ihre diktatorischen Sachwalter, Wiesbaden 2002, S. 95-107.

Rudolf Herz: Hoffman & Hitler. Fotografie als Medium des Führer-Mythos (Ausst.-Kat.), München 1994.

Jesko von Hoegen: Der „Marschall“ und der „Gefreite“. Visualisierung und Funktionalisierung des Hindenburg-Mythos im „Dritten Reich“, in: kunsttexte.de 1/2009, S.1-16, online: <https://edoc.hu-berlin.de/bitstream/handle/18452/8240/von-hoegen.pdf?sequence=1&isAllowed=y>

Günther Kaufmann: Der Händedruck von Potsdam – die Karriere eines Bildes, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 48 (1997), S. 295-315.

Ulrich Keller: Bilder der „Machtergreifung“. Staatsreportagen zwischen Apologie und Distanzierung, in: Gerhard Paul (Hrsg.): Das Jahrhundert der Bilder. Bd. 1: 1900-1949, Göttingen 2009, S. 428-435.

Andreas Kitschke: Die Garnisonkirche Potsdam. Krone und Schauplatz der Geschichte, Berlin 2016.

Lars Lüdicke: Inszenierung und Instrumentalisierung. Der „Tag von Potsdam“, in: Michael C. Bienert/Lars Lüdicke (Hrsg.): Preußen zwischen Demokratie und Diktatur. Der Freistaat, das Ende der Weimarer Republik und die Errichtung der NS-Herrschaft, 1932-1934, Berlin o.J., S. 241-270.

Gerhard Paul: „Das letzte Aufgebot“. Hitlers letzter Propagandatermin am 20. März 1945, ebd., S. 690-697.

Wolfram Pyta: Hindenburg. Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler, München 2007.

Christoph Raichle: Hitler als Symbolpolitiker, Stuttgart 2014.

Martin Sabrow: Der „Tag von Potsdam“. Zur doppelten Karriere eines politischen Mythos, in: Kopke/Treß (Hrsg.): Der Tag von Potsdam, S. 47-86.

Klaus Scheel: 1933. Der Tag von Potsdam, Berlin 1996.

Martin Schulz: Ordnungen der Bilder. Eine Einführung in die Bildwissenschaft, München 2005.

Martin Warnke: Vier Stichworte: Ikonologie – Pathosformel – Polarität und Ausgleich – Schlagbilder und Bilderfahrzeuge, in: Werner Hofmann/Georg Syamken/Martin Warnke: Die Menschenrechte des Auges. Über Aby Warburg, Frankfurt a. M. 1980, S. 53-83.

Astrid Wenger-Deilmann/ Frank Kämpfer: Handschlag – Zeigegestus – Kniefall. Körpersprache, Gestik und Pathosformel in der visuellen politischen Kommunikation, in: Gerhard Paul (Hrsg.): Visual History. Ein Studienbuch, Göttingen 2006, S. 188-205.

Thomas Wernke: Der Handschlag am „Tag von Potsdam“, in: Kopke/Treß (Hrsg.): Der Tag von Potsdam, S. 8-46.


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[1]           Herz: Hoffmann & Hitler, S. 206.

Bauen am nationalen Haus. Architektur als Identitätspolitik

Buchveröffentlichung von Philipp Oswalt mit einem Vorwort von Max Czollek

Der Wiederaufbau historischer Symbolbauten gilt als Engagement für historisches Bewusstsein, architektonische Schönheit und Reparatur von Stadtraum. Doch die vermeintlich unpolitischen Fassaden zielen auf eine Änderung unseres Geschichts- und Gesellschaftsverständnisses: Populistisch werden Zeiten vor 1918 idealisiert, Brüche negiert, gewachsene Identitäten überschrieben.

Das einführende Kapitel ordnet die Entwicklung von Rekonstruktionsbauten in die geschichtspolitischen Kontexte der letzten Jahrzehnte ein. Umfassende Recherchen zum Berliner Schloss und der Garnisonkirche Potsdam zeigen auf, wie Rechtsradikale an diesen Projekten beteiligt sind und mit ihrem Ideengut bis in die gesellschaftliche Mitte eindringen. Die Neue Altstadt in Frankfurt steht exemplarisch dafür, wie die mit neoliberalen Modernisierungen verknüpften identitätspolitischen Ideologien in die Stadtplanung einsickern. Die Fallbeispiele der Dessauer Meisterhäuser und der Paulskirche Frankfurt hingegen zeigen auf, wie Gebäude ohne verklärende Idealisierungen rekonstruiert werden können.

In seiner pointierten Einleitung zeigt Max Czollek die doppelten Standards in den deutschen Erinnerungskulturen auf und fordert inklusive Identitätsangebote für die plurale Gegenwart.

240 Seiten, mit 18 Abbildungen, EUR 22
ISBN 978-3-949203-73-2
Auch als E-Book erhältlich

Buchvorstellungen:

Dienstag, 9. Januar 2024, 18:00
Philipps-Universität Marburg
Institut für Politikwissenschaft
Seminargebäude Pilgrimstein 12

Freitag, 12. Januar, 19.30
Bücherbogen am Savignyplatz
Im Gespräch mit Hans von Trotha (Historiker)
Stadtbahnbogen 593
10623 Berlin-Charlottenburg

Dienstag, 23. Januar, 18:00 
Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam
Großer Seminarraum
Am Neuen Markt 9d
14467 Potsdam

Nach Buchpräsentation Diskussion mit Prof. Dr. Frank Bösch (ZZF), Prof. Dr. Johanna Blokker (BTU Cottbus), moderiert von Dr. Achim Saupe. Weitere Infos und Anmeldung unter: https://zzf-potsdam.de/de/veranstaltungen/bauen-am-nationalen-haus-architektur-als-identitatspolitik

Montag, 26. Februar, 19.00
Berlin
Architektonische Rekonstruktionen
Plenarsaal in der Akademie der Künste
Berlin, Pariser Platz 4
Begrüßung und Statement: HG Merz, Stellvertretender Direktor der Sektion Baukunst
Einführende Thesen: Philipp Oswalt, Architekt, Kassel
Auf dem Podium diskutieren Aleida Assmann, Literatur- und Kulturwissenschaftlerin, Max Czollek, Schriftsteller, Harald Bodenschatz, Stadtsoziologe, und Philipp Oswalt, Moderation: Johanna M. Keller

Dienstag, 16. April 18.45 Uhr
Bauhaus-Universität Weimar
Hörsaalgebäude
Marienstraße 13C
Im Rahmen der Ringvorlesung „Identität und Erbe“ des gleichnamigen DFG Graduiertenkolleg

Mittwoch, 24. April 19.00 Uhr
Universität Kassel
ASL-Neubau, Raum 0106
Universitätsplatz 9, 34127 Kassel

Dienstag, 7. Mai, 19 Uhr
Technische Hochschule Ostwestfalen-Lippe
Detmolder Schule für Gestaltung
Emilienstraße 45, 32756 Detmold
Gebäude 3, 1 OG, Hörsaal 3.103

Presseberichte: Interviews

Fernsehen:

Kulturzeit ZDF/3Sat, 7.12.2023:
Preußens Prunk und rechte Netzwerke
Von Ulrich Stoll
https://www.3sat.de/kultur/kulturzeit/preussens-prunk-und-rechte-netzwerke-sendung-vom-07-12-2023-100.html (bis 7.12.2024)

Radio:

SWR2 am Morgen, 7.12.2023 6:00 Uhr, 7.09 Min.
Wann aus Rekonstruktion Geschichtsrevision wird
Von Frauke Oppenberg
https://www.swr.de/swr2/leben-und-gesellschaft/architekt-philipp-oswalt-wann-aus-rekonstruktion-geschichtsrevision-wird-100.html

Deutschlandfunk Kultur, Studio 9
7.12.2023, 7:40 Uhr, 7:34 Min.
Steinerne Identitätspolitik: Was Architektur mit unserem Stadtbild macht

https://www.deutschlandfunkkultur.de/steinerne-identitaetspolitik-was-architektur-mit-unserem-selbstbild-macht-dlf-kultur-541a8490-100.html

Deutschlandfunk Kultur Kompressor, 13. Dezember 2023, 14:15 Uhr, 11:59 Min.
Probleme rekonstruierter Architektur
Von Laura Helena Wurth
https://www.deutschlandfunkkultur.de/bauen-am-nationalen-haus-ueber-probleme-rekonstruierter-architektur-podcast-dlf-kultur-429c0e77-100.html

Kulturwelt Bayern 2, 15.12.2023, 29 Min.
Architektur und Identitätspolitik, von Christoph Leibodhttps://www.br.de/mediathek/podcast/kulturwelt/architektur-und-identitaetspolitik/2087610

Deutschlandfunk 19. Dezember 2023, Kultur heute, 17:35 Uhr, 10:17 Min.
Architektur als Identitätspolitik – Der Architekturtheoretiker Philipp Oswalt im Gespräch mit Jörg Biesler
https://www.deutschlandfunk.de/architektur-und-identitaetspolitik-philipp-oswalt-im-gespraech-dlf-a75af87d-100.html

WDR 5 Politikum - Der Meinungspodcast. 19.12.2023. 10:44 Min.
Rechtsradikale Architektur?
https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr5/wdr5-politikum/audio-rechtsradikale-architektur--hamas-besiegen-100.html
Verfügbar bis 18.12.2024

WDR 5 Scala - Hintergrund Kultur. 22.12.2023. 11:44 Min.:
Architektur als Identitätspolitik
https://wdrmedien-a.akamaihd.net/medp/podcast/weltweit/fsk0/304/3046824/wdr5scalahintergrundkultur_2023-12-22_architekturalsidentitaetspolitik_wdr5.mp3, Verfügbar bis 21.12.2024.

Radio eins – rbb
Philipp Oswalt im Gespräch mit Milena Fessmann
Sa. 23.12.2023, 16:12, 5:44  Minuten
https://www.radioeins.de/programm/sendungen/weekender/aktuell/bauen-am-nationalen-haus-philipp-oswalt.html
Der Beitrag ist noch bis zum 23.12.2024 verfügbar.

WDR 3
Gutenbergs Welt | 20. Januar 2024, 15.04 - 16.00 Uhr
Schatten der Vergangenheit. Als Teil der einstündigen Sendung: Der Architekt Philipp Oswalt zeigt in "Bauen am nationalen Haus", wie uns mithilfe von rekonstruierten historischen Symbolbauten wie dem Berliner Schloss oder der Potsdamer Garnisonkirche ein reaktionäres Geschichts- und Gesellschaftsverständnis untergejubelt wird. (Autor im Gespräch)
https://www1.wdr.de/radio/wdr3/programm/sendungen/wdr3-gutenbergs-welt/schatten-der-vergangenheit-100.html
Verfügbar bis 17.01.2025.

Rezensionen

Wolfgang Kil: Unversöhnlicher Kritiker, 23.1.2024

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class="wp-block-embed__wrapper"> https://www.marlowes.de/unversoehnlicher-kritiker/

Günter Murr: Ein gewagter Bogen zum Rechtspopulismus, FAZ-Rhein Main, 9.1.2024

Florian Heilmeyer: Buchtipp, Baunetz, 17.1.2024
https://www.baunetz.de/meldungen/Meldungen-Architektur_als_Identitaetspolitik_8469973.html?

Anna Gleichmann: Ästhetische Architektur ist jetzt auch rechts, 21.1.2024

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class="wp-block-embed__wrapper"> https://ansage.org/aesthetische-architektur-ist-jetzt-auch-rechts/

Florian Heilmeyer: Welche Rekonstruktion, welche Vergangenheit?, Die Tageszeitung, 10.1.2024
https://taz.de/Identitaetspolitik-im-Wiederaufbau/!5982365&s=Oswalt/

Videodokumentation des Kurzfestival Gegensignal

Vier Jahre nach seiner Stilllegung stand das stets umstrittene nachgebaute Glockenspiel der Garnisonkirche Potsdam im September 2023 im Zentrum eines Kurzfestivals, veranstaltet vom Verein zur Förderung antimilitaristischer Traditionen in der Stadt Potsdam e.V. und dem Lernort Garnisonkirche. Das Glockenspiel wurde in einer öffentlichen Aufführung am Samstagabend, 16.9., gegen den Strich gespielt. Auf der Potsdamer Plantage, Standort des Glockenspiels unweit der Garnisonkirche, erklang nicht mehr das untertänige Lied „Üb immer treu und Redlichkeit“, sondern „Den Marsch Blasen“ des Komponisten Christian von Borries. Die Auftragskomposition brachte die verdrängten rechtslastigen und militärischen Botschaften des Glockenspiels akustisch wie szenografisch zum Vorschein, und gab zugleich den Opfern der einstigen preußisch-deutschen Militärgewalt eine Stimme. Gerahmt wurde die Aufführung von diskursiven Beiträgen: Eine akustisch-visuelle Lecture-Perfomance des Klangkünstlers Michael Schenk im Filmmuseum Potsdam zur Geschichte des Glockenspiels und ein anschließender Workshop im Kunst- und Kreativhaus Rechenzentrum zur Zukunft des Glockenspiels auf der Plantage.

Das Festival „Gegensignal“ zielte darauf, die in die Gesellschaft infiltrierten antidemokratischen, revisionistischen, nationalistischen und bellizistischen Botschaften des Iserlohner Glockenspielnachbaus performativ und symbolisch zu konterkarieren. Dadurch, dass das Glockenspiel gegen den Strich gespielt wird, soll seine einstige Botschaft „entweiht“ werden. Zugleich wird zur öffentlichen Diskussion zur Zukunft des Glockenspiels eingeladen.

Als wichtiger Teil der Veranstaltung haben vier namhafte Intellektuelle aus Polen, Ukraine, Russland und Namibia in Vortärgfen darauf zurückgeblickt, wie sich preußisch-deutsche Militärgewalt in die Geschichte Ihrer Länder eingeschrieben hat und wie sie die heutige deutsche Erinnerungskultur zu Preußen wahrnehmen. Es sprachen:
• Jan Tomasz Gross, Historiker und Soziologe, Polen/ Berlin, Prof. emeritus der Princeton University/USA
• Esther Muinjangue, Vizeministerin für Gesundheit und Soziale Dienste, ehemalige Vorsitzende der Ovaherero Genocide Foundation, Namibia
• Kateryna Mishchenko, Autorin und Verlegerin, Ukraine/Berlin
• Sergey Lebedev, Schriftsteller, Russland/Potsdam
• Sophie De Schaepdrijver Historikerin, State College Pennsylvania

Zum Hintergrund
Im April 1991 wurde in einem großen Festakt das Glockenspiel auf der Potsdamer Plantage eingeweiht, das von 1984 bis 1987 in der Bundeswehrkaserne in Iserlohn auf Initiative der Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel entstanden war. Zuvor waren einige revisionistische Inschriften zu Deutschland in den Grenzen von 1937 auf Betreiben der Stadt Potsdam durch Abschleifen entfernt worden. Andere problematische Inschriften, welche die Wehrmacht huldigten, aber verblieben. Mit dem Glockenspiel wurde über Jahrzehnte und erfolgreich für den Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam geworben. Der Kirchturm ist seit 2017 in Bau und wird 2024 eingeweiht

Zugleich war das Glockenspiel seit Anbeginn Gegenstand von Kritik und Protestaktionen. Aber erst in Folge eines offenen Briefes namhafter KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen wurde das Glockenspiel Anfang September 2019, das bis dahin regelmäßig u.a. die Melodie „Üb‘ immer Treu und Redlichkeit„ spielte, abgestellt. Auch der wissenschaftliche Beirat der Stiftung Garnisonkirche bezeichnete in Folge die Inschriften „aus heutiger Sicht historisch-politisch unzumutbar“. Im Juli 2021 erfolgte auf Anregung von Befürwortern des Glockenspiels die denkmalpflegerische Unterschutzstellung mit einer fragwürdigen Begründung. Damit war die von einigen vorgeschlagene Entfernung des Glockenspiels aus Iserlohn obsolet. Wie mit dem sillgelegten Glockenspiel in Zukunft umgegangenen wird, ist offen.

Das Programm des Festivals vom 16./17. September 2023

Intro: Klang-Geschichten zum Potsdamer Glockenspiel von Michael Schenk. Die 60-minütige multimediale Lecture-Performance als live-Hörspiel mit Bildern wird die Auseinandersetzung um das Iserlohner Glockenspiel in Potsdam seit 1991 Revue passieren lassen, und auf die Entstehung des Liedes „Üb‘ immer Treu und Redlichkeit“ und dessen Nutzungs- und Rezeptionsgeschichte verweisen. Anschließend Gespräch mit Lutz Boede, N.N. und dem Publikum.

DEN MARSCH BLASEN. Eine psychogeographische Situation am Glockenspiel auf der Plantage von Christian von Borries

Suchscheinwerfer, Fackelträger, Glockengeläut, Gefechtslärm. Auf der Plantage marschieren in unperfekten Gleichschritt kleine Musikgruppen unabhängig voneinander im Kreis, eine Gruppierung in entgegengesetzter Richtung. Sie sind in den Uniformen des Preußischen Heeres, der Wehrmacht und der Bundeswehr gekleidet, ein oder zwei Personen auch als Pfarrer verkleidet, und spielen unterschiedliche Medleys preußischer Märsche und einiger weniger evangelischer Choräle, nichts gleichzeitig und alles in unterschiedlichen Tempi, jede Gruppierung aber in sich stimmig.

Es entsteht eine Kakophonie, eine Referenz an den amerikanischen Komponisten Charles Ives, der vor über hundert Jahren mehrere Militärkapellen gleichzeitig aus verschiedenen Richtungen an einem Kirchturm vorbeilaufen zu lassen, auf dem er selbst stand.

Teil der Performance sind Kurzreden von exemplarischen Vertretern von preußisch- deutschen Kriegsgegnern aus Afrika, Ost und Westeuropa via Megaphon von einer Tribüne.

Eine Schauspielerin liest Passagen aus Originaltexten aus der Geschichte der Garnisonkirche, politische Statements, absurde Behauptungen. Die Atmosphäre ist offensichtlich alptraumhaft. Am Schluss kommen die MusikerInnen zusammen und begleiten einen Sänger zum Bachchoral “Es ist genug”, und zu Eislers viertem Antikriegslied “An die Nachgeborenen”. 

Symposion und Workshop
Teil 1: Exemplarische Nachkommen der Adressaten preussisch – deutscher Militärgewalt erhalten das Wort:
• Jan Tomasz Gross, Historiker und Soziologe, Princeton University
• Esther Muinjangue, ehemalige Vorsitz bei der Ovaherero Genocide Foundation, Vizeministerin für Gesundheit und Soziale Dienste Namibia
• Katja Mischenko, ukrainische Schriftstellerin , lebt in Berlin
• Sergey Lebedev, russischer Schriftsteller, lebt in Potsdam
Moderation: Philipp Oswalt


Teil 2: Publikumsgespräch mit dem Komponisten Christian von Borries zur der Uraufführung seines Werk „Den Marsch blasen“ vom Vortrag.

Teil 3: Wie soll die Stadt Potsdam als Eigentümerin des unter Denkmalschutz stehenden Glockenspiels auf der Plantage umgehen?
Fishbowl Diskussion mit Lutz Boede (Die Anderen), Beate Goreczko (Bürgerinitiative für ein Potsdam ohne Garnisonkirche), Saskia Hüneke (Bündnis 90- Die Grünen), Dominik Juhnke (ZZF), Wieland Niekisch (CDU), Annette Paul (Profilgemeinde Die Nächsten), Alexander D. Wietschel (Die Partei), Sarah Zalfen (SPD) und dem Publikum, moderiert von Laura Schenderlein (demos - Brandenburgisches Institut für Gemeinwesenberatung)

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Gefördert vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg, der Bundeszentrale für politische Bildung und der Stadt Potsdam, veranstaltet vom Verein zur Förderung antimilitaristischer Traditionen in der Stadt Potsdam e.V. und dem Lernort Garnisonkirche.in Kooperation mit dem Filmmuseum Potsdam und dem Kunst- und Kreativhaus Rechenzentrum.

Idee und Gesamtkonzeption: Philipp Oswalt

F – As – C – Es: Wenn’s vom Turm Faschismus läutet

Ein unbeachtetes Detail in der Geschichte der Potsdamer Garnisonkirche

Kürzlich bekam ich das Buch von Werner Schwipps, Die Garnisonkirchen von Berlin und Potsdam (Berlinische Reminiszenzen VI), von 1964 geschenkt und bin darin über ein interessantes Detail gestolpert, das ich bisher nicht kannte. Das Buch ist sehr detailverliebt, vor allem aber war der Autor mit der Enkeltochter von Otto Becker, dem letzten Potsdamer Garnisonkirchenorganisten, verheiratet, weshalb das Buch einen starken Akzent auf Kirchenmusik legt.

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class="wp-element-caption">Glockenweihe 21. Mai 1939, Foto: Heerespfarrer Rudolf Damrath

1939, kurze Zeit vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges, erhielt die Hof- und Garnisonkirche ein schwingendes Geläut. Der Studienrat Eugen Thiele hatte sich dafür eingesetzt und vorgeschlagen, vier Glocken mit den Tönen As, C, Es und F zu beschaffen. … Die finanziellen Mittel wurden durch Stiftungen beschafft … Am Sonnabend, dem 29. April 1939, wurden die Glocken vom Güterbahnhof feierlich eingeholt. Voran ritt auf Schimmeln das Trompeterkorps der Kavallerie. Dann folgten, von Abordnungen der Militärgemeinde und der Zivilgemeinde begleitet, die Wagen mit den Glocken. …

Der Sonntag Exaudi, 21. Mai 1939, wurde für die Glockenweihe bestimmt. Noch einmal hatte die Hof- und Garnisonkirche einen großen Tag. Fast dreitausend Menschen füllten sie bis auf den letzten Platz, als Heerespfarrer Damrath die Glocken einzeln aufrief und ihnen der Reihe nach ihren Weihespruch gab. Die größte Glocke As war dem Begründer und Erbauer der Kirche, Friedrich Wilhelm I., zugedacht. Die zweite Glocke C trug den Namen Friedrichs des Großen, die Glocke Es erinnerte an die Königin Luise. Die Glocke F war Hindenburg geweiht.“ (Werner Schwipps, Die Garnisonkirchen von Berlin und Potsdam, 1964, S. 96f)

Das von Eugen Thiele angestoßene Vorhaben stieß bei der Gemeinde zunächst auf wenig Gegenliebe – man hatte ja schon das berühmte Glockenspiel und scheute die Kosten. Doch Eugen Thiele ließ nicht locker und das zusätzliche freie Geläut konnte mittels Spenden (damals klappte das noch) realisiert werden. Interessant ist an diesem Geläut zum einen die Vierzahl der Glocken (üblich sind drei) und sodann die Tonfolge, ein As-Dur-Akkord nebst dem Grundton der Paralleltonart f-Moll.

class="wp-block-image size-large">Liktor mit Rutenbündel, Museo archeologico a Verona, Foto: José Luiz Bernardes Ribeiro / CC BY-SA 4.0class="wp-image-2233"/>
class="wp-element-caption">Liktor mit Rutenbündel, Museo archeologico a Verona, Foto: José Luiz Bernardes Ribeiro / CC BY-SA 4.0

Werner Schwipps erläutert in seinem Buch den Sinn der Tonfolge nicht, konnte aber bestimmt Latein und hat sich eins gefeixt. Beim Initiator Eugen Thiele muss ohnehin mit deutschem Gymnasiallehrerhumor gerechnet werden. Um die zu Grunde liegende Intention zu verstehen, muss man die Tonfolge programmatisch lesen als F-As-C-Es, also das lateinische Wort fasces für die Rutenbündel der römischen Liktoren. Die Liktoren waren im Römischen Reich ursprünglich Leibwächter, später Begleiter hoher Staatsbeamter, denen sie eben dieses Rutenbündel, die sogenannten fasces, vorantrugen. Im 20. Jahrhundert wurden die fasces mit dem darin befindlichen Beil zum Symbol der italienischen Faschisten, der Begriff Faschismus ist von fasces abgeleitet.

Die Glocken der Potsdamer Garnisonkirche läuteten also seit dem 29. April 1939 fröhlich und mit „sehr reinem Klang“ „Faschismus, Faschismus“, auch wenn sich die Tonfolge F-As-C-Es sicher nicht so leicht beim Hören entschlüsseln lässt wie das berühmte B-A-C-H.

Dass die F-Glocke Paul von Hindenburg gewidmet ist, ist im Kontext durchaus stimmig. Er hatte schließlich als Reichspräsident Adolf Hitler zum Reichskanzler gemacht und diesem am „Tag von Potsdam“ in der Garnisonkirche (und später noch einmal draußen für die Pressefotografen) die Hand gereicht und damit als Nationalkonservativer dem Faschismus in Deutschland zum endgültigen Durchbruch verholfen.

Dr. Uwe-Karsten Plisch ist Referent des Verbands der Evangelischen Studierendengemeinden in Deutschland (ESG) für Theologie, Hochschul- und Genderpolitik in Hannover

Eine längere Version des Texts erschien zuerst in: ansätze (Zeitschrift des ESG), Heft 1-2 2023, S. 11 - 12

Eine Stunde Missbrauch?

Widerrede gegen Mythen zum Tag von Potsdam.

Der „Tag von Potsdam“ liegt als schwere Erblast über dem Projekt des Wiederaufbaus der Garnisonkirche. Kaum ein Medienbericht verzichtet auf einen Hinweis hierzu. Und so war es für die Wiederaufbaubefürworter naheliegend, nach Wegen zu suchen, diesen Sachverhalt zu relativieren. Der „Ruf aus Potsdam“ von 2004 war in der Hinsicht beherzt. Er machte aus dem Symbolort der Täter ein Symbol der Opfer. Es hieß, die Kirche sei von den Nationalsozialisten missbraucht, und dann zum Opfer von Bombenkrieg und DDR-Krieg geworden. Schon vier Jahr zuvor hat Andreas Kitschke, der Hauptgeschichtsschreiber der Wiederaufbauinitiative, die zentralen Argumente für diese Darstellung geliefert. Er behauptet, der Tag von Potsdam sei lediglich eine „Dreiviertelstunde des Missbrauchs“ der Kirche gewesen, die eigentlich für eine positive Tradition christlichen Glaubens und preußischer Tugenden stünde. Preußische Adel und das Militär hätten „der nationalsozialistische Bewegung äußerst ablehnend gegenüber“ gestanden und der Generalsuperintendent der Kurmark Otto Dibelius hätte versucht, die Nutzung der Garnisonkirche für diese politische Veranstaltung zu verhindern.[1] Jahre später ergänzt er dies mit der Behauptung, Adolf Hitler habe „an jenem Tag von Potsdam lediglich eine Nebenrolle“[2] gespielt und hätte diesen „als demütigend empfunden“, das Ereignis seit erst nachträglich zu einem für die nationalsozialistische Bewegung bedeutendem stilisiert worden, und ohnehin sei die Kirche „nie wieder Schauplatz“ nationalsozialistischer Propagandaveranstaltungen[3] gewesen.

Kitschke steht mit seiner Darstellung nicht ganz alleine. Die Historiker Martin Sabrow, Christoph Kopke und Werner Treß behaupten, dass das legendäre Foto vom Handschlag zwischen Hindenburg und Hitler in der Nazi-Zeit quasi nicht verwendet worden sei, und erst nach 1945 Karriere gemacht hätten, „entsprach die in der Verneigung Hitlers vor dem greisen Reichspräsidenten zum Ausdruck gekommene Demutsgeste doch kaum dem Allmachtsanspruch der NS-Bewegung und ihrer Propaganda.“[4] Der Tag von Potsdam sei aus nationalsozialistischer Perspektive „symbolpolitisch in vieler Hinsicht so missraten“[5] gewesen, schien er den „symbolpolitischen Sieg des monarchischen Restaurationsgedanken über die braune Revolutionsideologie“ zu unterstreichen.[6] Die „Entscheidung für die Potsdamer Garnisonkirche [drohte] eine ganz ungewollte Signalwirkung zu entfalten“.[7] Diese Darstellung wurden dann später auch von anderen übernommen, wie etwa dem Magazin der Spiegel[8] oder dem Historiker John Zimmermann.[9]

Doch hält sie einer Überprüfung stand? Eine schnelle Recherche zeigt, dass das Handschlagfoto in vielen NS-Publikationen zum Tag von Potsdam prominent genutzt wurde, wie etwa dem damaligen Leitmedium, dem Völkischen Beobachter.[10] Offenkundig war den Nazis die Angelegenheit alles andere peinlich, wie Der Spiegel vermutete. Im Gegenteil: Sie war ein essentieller Baustein nationalsozialistischer Propaganda und Geschichtsschreibung. Und das Ereignis war auch keineswegs eine gewaltsame, missbräuchliche Aneignung eines Ortes oder einer Tradition gewesen. Die fatale Wirkung des Tages lag ja gerade darin, dass die legitimen Repräsentanten von Kirche, Militär und monarchischer Tradition daran demonstrativ mitwirkten und Adolf Hitler als neuen Machthaber symbolisch inthronisierten, ihm zum Erbe historischer Traditionen machten. Das galt auch für die Institution der Kirche, die sich eben nicht der Durchführung des Tags von Potsdam wiedersetzte. Im Gegenteil: Der Gemeindekirchenrat hatte dem zugestimmt, und Generalsuperintendenten Dibelius hat am Tag von Potsdam die Predigt in der Nikolaikirche gehalten, in der er die neuen Machthaber freudig begrüßte.[11]

Die Eingrenzung des Tages von Potsdam auf den kurzen, vermeintlich unbedeutenden Augenblick von einer dreiviertel Stunde wird den historischen Tatsachen nicht gerecht. De facto hatte der Tag von Potsdam eine vierzehnjährige Vorgeschichte und eine zwölfjährige Nachgeschichte und wird erst in diesem größeren zeitlichen Zusammenhang verständlich.

1918/1933

Der Tag von Potsdam steht in direkter Korrespondenz zu Ereignissen 14 Jahre zuvor. Mitte Dezember 1918 rief Major Graf zu Eulenburg das von ihm geführte 1. Garde-Regiment zu Fuß in der Garnisonkirche zusammen. Major und Regiment weigerten sich, sich der demokratischen Revolution und der sich formierenden Republik zu fügen. Sie akzeptierten nicht die militärischen Niederlage und die Abdankung des Kaisers, sondern beschworen die Dreiheit von Hohenzollern-Preußen-Militär und sprachen ihre Verbundenheit gegenüber ihrem Kommandeur Generalmajor Prinz Eitel Friedrich von Preußen aus. Graf zu Eulenburg legte das Kommando nieder und das 1. Garde-Regiment zu Fuß löste sich auf, und zwar am Ort der Garnisonkirche.[12] Sie taten dies nicht in Resignation, sondern in Hoffnung auf andere Zeiten. Die entstehende Republik verstanden sie als zu überwindenden Zwischenzustand. Die Regimentszeichen, welche an die Sieger übergeben werden sollten, ließen sie verschwinden, um sie später in die Garnisonkirche zurückzubringen.

Ein knappes Jahr später veranstalteten Deutschnationale Volkspartei für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs eine Heldengedächtnisfeier in der Garnisonkirche, bei welcher der ehemalige Oberbefehlshaber des Königlichen Heeres Erich Ludendorff in Anwesenheit von Prinz Eitel Friedrich eine Brandrede gegen die Republik hielt und quasi der Schaffung einer neuen Militärdiktatur das Wort redete.[13] Diese Feier war Auftakt von Dutzenden von Großveranstaltungen der antidemokratischen, nationalen und rechtsradikalen Kräfte in der Garnisonkirche, welche in den folgende Jahren das Wiederaufleben des Geistes von Potsdam herbeisehnten.

Deutlich formulierten die Weltkriegsveteranen im Semper-Talis-Bund ihre Zukunftsvision: „Am 13.12.1918 wurde das Erste Garderegiment hier in unserer alten Garnisonkirche vor der Gruft der beiden großen Preußenkönige in unbeflecktem Ehrenkleide begraben. So soll es ruhen, bis Preußen wieder einst aufsteigt zu neuer Größe und mit ihm sein Erstes Graderegiment.“[14] Und: „Wir hoffen und wünschen, daß noch einmal Zeiten über Deutschland emporsteigen, wo Friedrichs des Großen Geist das deutsche Herz wieder erfüllt und fortreißt, wo die alten Fahnen wieder über einem neuen Gardecorps wehen, wo auch unser altes Regiment neu entsteht, getragen von dem alten Geist: Semper talis!“[15]. Am 21. März 1933 schien dieser Wunsch in Erfüllung zu gehen. In Anwesenheit von Prinz Eitel Friedrich und weiterer Repräsentanten des Hauses Hohenzollern übertrug Reichspräsident Hindenburg, der ab August 1916 bis Kriegsende gemeinsam mit Ludendorff Oberster Heeresleiter gewesen war, symbolisch die militärische und herrschaftliche Tradition auf Adolf Hitler. In diesem Narrativ der „nationalen Erhebung“ war der neue Reichskanzler die lang herbeigesehnte Reinkarnation des preußischen Geistes. Erst aus diesem Zusammenhang wird verständlich, wie es binnen weniger Tage der Vorbereitung möglich gewesen war, eine solche Massenmobilisierung und Masseneuphorie zu entfalten. Dazu gehört auch, dass sich der Tag keineswegs auf Potsdam beschränkte, sondern im ganzen Reich gefeiert wurde. Kinder hatten schulfreie und Staatsbedienstete arbeitsfrei, um Liveübertragung im Rundfunk zu folgen und an den zahllosen Feiern aller Ortens teilzuhaben. Auf diesen Moment hatten viele Kräfte seit vierzehn Jahren hingewirkt. In dieser Hinsicht war er alles andere als spontan und zufällig, auch wenn in der revolutionären Umbruchsituation konkrete Einzelheiten sehr kurzfristig entschieden wurden.

Auch die Nationalsozialisten selbst hatten ihre Vorliebe für Potsdam und die Garnisonkirche schon Jahre zuvor entdeckt. Adolf Hitlers „Mein Kampf“ ist voll von Referenzen auf Friedrich den Großen und Josef Goebbels Tagebücher seit Mitte der 1920er Jahre voll von hymnischen Bemerkungen über Potsdam: „Potsdam! Friedrich der Große, genannt der Alte Fritz. Die Stadt der Soldaten. Das Stadtschloß. Der Kanal. Kasernen! Kasernen! Exerzierplätze! ‚Üb‘ immer treu und Redlichkeit‘“ schrieb Goebbels etwa am 17. September 1926. Anlässlich seines Auftritts auf dem Gautag der NSDAP in Potsdam besuchte Goebbels die Garnisonkirche  am 10. September 1927, Hitler fantasierte in eine Rede im November 1928 über die Wiederauferstehung von Friedrich dem Großen aus der Gruft in der Potsdamer Garnisonkirche.[16]

Am 4. April 1932 notiert Goebbels zu einem Auftritt Hitlers: „Nach Potsdam. Stadion. 50.000. Hitler redet sehr gut. Der Geist Friedrichs steht auf.“[17] Hitler zieht Parallelen zwischen dem Aufstieg der NS-Bewegung und dem Aufstieg Preußens. Nach seiner Rede marschieren SA- und SS-Formationen mit Fackeln und gesenkten Fahnen unter Trommelwirbel an der Garnisonkirche vorbei. Die Kirche hat ihr von Fackelträgern flankiertes Turmportal geöffnet.[18]

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Buch zum NS-Reichsjugendtag in Postdam 1932

Am 1./2. Oktober 1932 feiern die Jugendorganisationen der NSDAP ihren Reichsjugendtag in Potsdam, der auch schon als „Tag von Potsdam“ bezeichnet wird. Reichsjugendführer Baldur von Schirach hat – wie er sagt - die „Stadt Potsdam auserwählt, weil sie wie keine zweite Stätte die heiligsten Begriffe unserer deutschen Nation offenbart. Friedrich der Große und die preußische Armee heißt Führertum, Sozialismus und Pflichterfüllung“.[19] Er legt an der Garnisonkirche einen Kranz für Friedrich den Großen nieder „als Gruß und Bekenntnis zu jenem Unbeugsamen, der der erste Diener seines Volkes war.“ Später ziehen zehntausend Jugendliche und NS-Funktionäre an der Garnisonkirche mit Fahnen vorbei. Am Vorabend spricht Adolf Hitler zu 70.000 Anwesenden, und Prinz August Wilhelm begeistert sich gegenüber dem Völkischen Beobachter über das Wiedererwachen des preußischen Geist: „Bewundert viel und viel gescholten, befreit dieser in den großen geschichtlichen Traditionen begründete Geist, den man tot geglaubt und tot zu reden bestrebt war, ein neues erwachtes deutsches Geschlecht. [...] Ihm [Adolf Hitler] gehört das Vertrauen von uns allen, die den Zusammenbruch erlebten, ihm der unerschütterliche Glaube der Jugend, die mit uns zusammen Deutschlands Zukunft in völliger, sich selbst verleugnender Hingabe schaffen will. Alle für Führer – Volk – Vaterland – Heil Hitler!“[20]

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Doppelseite aus dem Buch "Tag von Potsdam" mit Bildern vom Vorbeimarsch an der Garnisonkirche am Reichsjugendtag 1932

21. März 1933

Im 21. März 1933 kulminiert eine vierzehnjährige Entwicklung und zugleich markiert er den symbolischen Beginn der nationalsozialistischen Diktatur. Gerade als Moment des Übergangs ist er keine reine nationalsozialistische Feier, sondern eine Manifestation und Inszenierung eines großen überparteiliches Bündnisses antidemokratischer Nationalisten aus Politik, Militär, Adel und Kirche, welches sich in ähnlicher Konstellation bereits im Oktober 1931 zur Harzburger Front zusammengeschlossen hatte. Während damals die Initiative von DNVP und Stahlhelm ausging, folgte der Tag nun der Regie der NSDAP, welche auf dem Weg zur Diktatur noch auf Bündnispartner angewiesen war. Anders als erhofft hatte die NSDAP bei den Reichstagswahlen am 5. März 1933 keine absolute Mehrheit errungen. Doch das Bündnis vom 21. März sicherte die notwendige Zweidrittelmehrheit für die Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes zwei Tage später, dem mit Ausnahme der SPD alle anderen neun noch im Reichstag vertretenen Parteien zustimmten.

Abgesehen von dieser konkreten machtpolitischen Funktion verlieh der Tag von Potsdam der nun entstehenden nationalsozialistischen Diktatur eine historische Legitimität. Die alten Eliten des untergegangenen Kaiserreichs übergaben symbolisch die Staffel an die nationalsozialistische Führung. Und genau dies kam in dem Händedruck zwischen Hindenburg und Hitler zum Ausdruck, der anders als gerne behauptet von der nationalsozialistischen Propaganda in Wort und Bild vielfach gewürdigt wurde. So heißt es etwa in dem Millionenfach erschienenen Bildsammelalbum ‚Deutschland erwacht: Werden, Kampf und Sieg der NSDAP: „Diese Händedruckt heiligt, ein jeder spürt es, das neue Reich mit dem Segen einer jahrtausendalten Tradition.“[21] Der Militärprediger a.D. der Garnisonkirche Potsdam Johannes Kessler beschrieb diesen Moment mit den Worten: „Hitler verneigte sich vor Hindenburg, sie reichten sich die Rechte und sahen einander still und tief in die Augen. Da fühlten wir unmittelbar: jetzt verneigen sich zwei Mächte, zwei Zeiten, zwei Welten: das reife Alter und die männliche Jugend, die ehrwürdige Vergangenheit und die sich anbahnende Zukunft, der Heerführer mit dem Blücherkreuz und der Volksführer mit dem Hakenkreuz“.[22]

In der NS-Literatur wird nicht selten das Ereignis sakral-mythisch überhöht, wie etwa in einem Gedichtband für die Feiern des Dritten Reichs, in dem wiederholt die Wiederauferstehung Friedrich des Großen am Tag von Potsdam imaginiert wird: „Der König schläft? Hier seins Grabes Schwelle [...] Hier lebt, was in der Welt für tot gehalten [...] Das Grab springt auf! Die Fahnen rauschen mächtig, und auf der Schwelle stehst du, stolz und prächtig, Friedericus Rex, nein, du verlässt uns nicht. [...] Hell klingt dein Glockenspiel aus alter Zeit, Du kommst, das Reich in Hitlers Hand zu legen.“[23]

1933/ 1945

Mit dem Tag von Potsdam wurde die Garnisonkirche Potsdam zur sakralen Geburtsstätte des Dritten Reichs. Ein wahres Pilgertum setzte ein. 350.000 Menschen suchte den nationalsozialistischen Weiheort auf, ein Vielfaches der Besucherzahlen im Vergleich zu den Zeiten der Weimarer Republik.[24] Strenge Maßgaben schützten seine Aura. Filmaufnahmen waren in diesem „einzigartigen deutschen Nationalheiligtum“[25] sogar für die Produktion von Propagandafilmen verboten, ebenso wie Veränderungen an der Ausstattung, denn „der Altarraum [muss] so erhalten bleiben [...], wie er dem deutschen Volk durch das gewaltige Geschehen am 21. März 1933 bekannt ist.“[26] Die Kirche wird für unzählige NS-Veranstaltungen genutzt, aber auch hier bestehen Bedenken der Entweihung. So notiert Goebbels am 26. Januar 1934 in seinem Tagebuch: „Potsdam H.J. Fahnenweihe. Schirach hält in der Garnisonkirche eine sehr gute Rede. Aber warum gerade dort. Entwertung unserer Tradition.“[27] Dass es zu keinen weiteren Massenaufmärschen in Potsdam kommt, hat freilich noch einen anderen Grund: Potsdam ist schlichtweg zu klein für zentrale NS-Massenkundgebung, zu denen regelmäßig Hundertausende kommen. Dies wird bereits beim Reichsjugendtags 1932 konstatiert.

Vor allem in den Anfangsjahren dient der Tag von Potsdam in der NS-Propaganda der Festigung der Legitimität der Diktatur. Diese Erinnerungskultur wird auch in den Folgejahren fortgesetzt, auch wenn sich das Regime nun Angesicht seiner politischen und wirtschaftlichen „Erfolge“ mehr und mehr auf sich selbst begründen kann. Dies zeigen beispielsweise die für Briefmarken und Münzen verwendeten Motive. Anstelle von Friedrich dem Großen und der Garnisonkirche rücken nun mehr und mehr Darstellungen von Adolf Hitler und weiterer NS-eigener Motive in den Vordergrund. Zum Kriegsbeginn 1939 erfolgt allerdings eine bemerkenswertes moderne Neuinterpretation eines klassischen Motivs preußischer Militärtradition: Anstelle des Garde-Regiments paradiert nun eine motorisierte Panzerkompanie mit Panzerspähwagen entlang den Menschenmassen an der Breiten Straßen, an der mit großer Hakenkreuzfahne geschmückten Garnisonkirche vorbei. . Der Überfall auf Polen kann als vierte Teilung Polens und damit als modernes Reenactment der Expansionspolitik Friedrich des Großen verstanden werden.

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Postkarte ca. von 1939

Die Niederlage der Wehrmacht in der Schlacht um Stalingrad im Februar 1943 führt zu einem erneuten Aufleben historischer Legitimation. Die NS-Führung thematisierte Friedrich den Großen und den preußischen Geist nun wieder vermehrt. Bereits im Mai 1942 notierte Goebbels in seinem Tagebuch: „Die beste preußische Gesinnung hat der Führer in diesem Winter bewiesen. Sie kann sich an friderizianischen Vorbildern messen, und die soviel auf Preußentum verweisen, die haben in diesem Winter genauso versagt, wie die Generäle Friedrich des Großen manchmal in kritischen Situationen versagt haben.“[28] Zugleich tauchen in Goebbels Tagebuch zunehmend kritische Töne über Potsdam und sein Milieu auf.

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Die ausgelagerten Hohenzollern-Särge sind mit Hakenkreuzen dekoriert. Foto April 1945

Am 21.März 1943 schrieb der Chefredakteur des Völkischen Beobachters Wilhelm Weiß unter dem Titel „Heldengedenktag. Der Tag von Potsdam“ den Aufmacher zum 10. Jahrestages: „Seit bald vier Jahren erstrahlt der Ruhm deutscher Soldaten im härtesten Kriege, den sie jemals zu führen hatten, im hellsten Glanze. Aber ihr Mut und ihre Tapferkeit wären niemals von so unvergänglichen Siegen bekrönt worden, wenn nicht die Wehrmacht des neuen Reiches an allen Fronten von dem kühnen und zuversichtlichen Geiste erfüllt wären, den ihr die Männer von Potsdam entschlossen mit auf den Weg gaben. Wieder triumphiert heute der Geist von Potsdam an allen Fronten [...] Indem der Nationalsozialismus nach Potsdam ging, verlor er nichts von seinem revolutionären Schwung und von dem politischen Aktivismus der Kampfzeit. Aber mit dem Bekenntnis zu den wertvollen Überlieferungen der Vergangenheit legt er das unerschütterliche Fundament für den Neubau eines Reiches, das wieder fähig war, den Stürmen der Zeit die Stirn zu bieten. ‚Die Vermählung zwischen den Symbolen der alten Größe und der jungen Kraft‘, wie sich der Führer in seiner Ansprache in der Garnisonkirche ausdrückte, wurde so zur Voraussetzung für die Schöpfung des erste großdeutschen Nationalreiches.“ Es war „der starke Wille, der mit der Idee des ewigen deutschen Soldatentums den wirklichen Genius der Deutschen vor zehn Jahren zu neuem Leben erweckte.“[29]

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Szene aus dem Film Kolberg von Veit Halan, Januar 1945

In der selben Zeit um den 10. Jahrestags herum wurden in einer Geheimaktion die Särge Friedrich des Großen und seines Vaters sowie die Fahnen und Standarten aus der Garnisonkirche in den unterirdischer Bunker „Kurfürst“ in Eiche bei Potsdam, die Hermann Göring als Befehlszentrale diente, vor den britischen Luftangriffen in Sicherheit gebracht.[30] Das zuvor als unberührbare geltende Heiligtum des Tag von Potsdam war aufgelöst. Laut Goebbels wollte Hitler den Sarg Friedrich des Großen nie wieder in die Potsdamer Garnisonkirche zurückführen, sondern dem NS-Regime quasi einverleiben: Entweder in einem neu zu errichtenden Mausoleum in Sanssouci, oder in die große Soldatenhalle des geplanten Neubaus für das Kriegsministeriums.[31] Hitler nahm auch als einziges Schmuck in den Führerbunker das von Anton Graff 1781geschaffene Gemälde Friedrich des Großen. Für seinen von Goebbels beauftragten und ab Oktober 1943 produzierten Durchhaltefilm „Kolberg“ durfte Veit Halan die Gruft in der Garnisonkirche filmen, aus der inzwischen allerdings das „Allerheiligste“ entfernt worden war. Der Film mit den letzten Aufnahmen der Garnisonkirche vor ihrer Zerstörung kam zum 12. Jahrestag der nationalsozialistischen Machtergreifung am 30. Januar 1945 zur Uraufführung.

Fazit

Der Tag von Potsdam in der Garnisonkirche war ein zentrales Motiv der NS-Geschichtsschreibung und -Mythologie. Als Schwellenereignis markierte er den Endpunkt des Aufstiegs der NSDAP zur Macht und zugleich die symbolische Geburtsstunde des „Dritten Reichs“. Die Vorgeschichte des Tages reichen 14 Jahre zurück, seine propagandistische Auswertung dauert bis Zusammenbruch des NS-Regimes 12 Jahre später an. Hierbei wurden alle verfügbaren Medien genutzt: zahllose Filme, Diapositiv-Bildband, Rundfunksendungen und Rundfunkpausenzeichen, unzählige Bücher und Sonderausgaben von Zeitungen, Gedichte, Reiseführer, Schallplatten, Geld- und Gedenkmünzen, Souvenirs, Postkarten, Sammelbilder und Reklamemarken, Gemälde, Gebrauchsgegenstände wie Uhren und Bierkrüge etc.. Sowohl die historische Relevanz des Ereignisses wie auch seine propagandistische Ausbeutung haben dazu geführt, dass der Bau der Garnisonkirche heute nicht ohne dieses mehr gedacht werden kann. Dies gilt leider nicht nur für die kritische Erinnerungskultur, sondern auch für rechtsradikale Kreise. So gibt es in Neonazikreisen seit langem Schallplatten und CDs vom Tag von Potsdam zu kaufen, deren Covers die Garnisonkirche zeigen.[32]

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Schallplatte ca. aus den 1980er Jahren, inzwischen als CD erhältlich

Richtig ist auch, dass sich die Geschichte der Garnisonkirche von 1735 nicht auf den Tag von Potsdam reduzieren lässt. Anders gesagt, dass sich die Kritik an der Garnisonkirche nicht hierauf reduzieren lässt. Sicherlich war das NS-Regime keine zwangsläufige Folge von Preußen, auch wenn es fraglich ist, hier von einem Missbrauch des Erbes zu sprechen, eher von seiner Deformation. Aber von Anbeginn war diese Kirche ein Ort, an dem Untertanengengeist gepredigt, bald auch die Angriffskriege auf Polen gehuldigt, antidemokratische, völkische und bellizistische Ideologien verkündet und die Niederschlagung der demokratischen Revolution von 1848 und die Kolonialkriege gesegnet worden sind.

Was das Wiederaufbauprojekt betrifft, so wird es dem selbst formulierten Anspruch eines „Lernorts Deutscher Geschichte“ nicht gerecht. Um das umstrittene Projekt zu legitimieren, verfolgt die Fördergesellschaft für den Wiederaufbau seit Anbeginn einen Geschichtsrevisionismus, der durch verzerrte Darstellungen, umfassende Auslassungen und alternative Fakten eine geschönte und verfälschte Geschichte dieses Baus vermittelt. Dies betrifft auch gerade die Darstellungen zu Tag von Potsdam.

Exemplarisch für die Argumentation ist die Behauptung, die Kirche sei gegen ihren eigenen Willen für diesen Festakt genutzt und missbraucht worden. Verschwiegen wird hierbei nicht nur, dass der Gemeindekirchenrat der Zivilgemeinde der Nutzung mit großer Begeisterung zugestimmt hatte. Die Forschung mehrerer Historiker hat anhand umfangreicher Quellenstudien nachgewiesen, dass Generalsuperintendent Otto Dibelius als oberste Kirchenleitung die innerkirchlichen Widerstände aus dem Weg räumte und somit die Durchführung der Feier in der Garnisonkirche ermöglichte. Er ließ es sich auch nicht nehmen, an dem Tage den Festgottesdienst abzuhalten, in dem er das neue Regime freudig begrüßte. Aber von diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen lässt sich die Fördergesellschaft nicht beirren, sondern gibt stattdessen die Aussage eines NSDAP-Politikers aus dem Jahr 1937 unhinterfragt als die korrekte Beschreibung des historischen Sachverhalts wieder.[33]

Der wissenschaftliche Beirat der Stiftung Garnisonkirche weiß es besser, aber lässt die Fördergesellschaft gewähren. So trägt das Projekt des Wiederaufbaus der Garnisonkirche seit Jahren dazu bei, deutsche Geschichtsschreibung zu verfälschen und die Bedeutung des Tag von Potsdam zu relativieren.


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Anmerkungen

[1] Die Kirche, 17.12.2000
[2] Andreas Kitschke: Die Garnisonkirche, Berlin bebra verlag 2016, S. 179
[3] Ebenda, S. 180
[4] Christoph Kopke und Werner Treß, Hrsg., Der Tag von Potsdam: der 21. März 1933 und die Errichtung der nationalsozialistischen Diktatur, Europäisch-jüdische Studien : [...], Beiträge, Bd. 8 (Berlin Boston, Mass: De Gruyter, 2013). S. 1
[5] Martin Sabrow, Der „Tag von Potsdam“. Zur doppelten Karriere eines politischen Mythos, in ebenda, S. 82
[6] Ebenda, S. 77
[7] Ebenda, S. 75
[8] Der Spiegel, 22/2017, S. 102
[9] 13. Podcast des ZMSBw - Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr: „Die Garnisonkirche Potsdam“, Oktober 2020
[10] Ausgabe vom 21. März 1934
[11] Siehe die Forschungen von Manfred Gailus und Matthias Grünzig hierzu.
[12] Albrecht Hannibal, Semper Talis: eine Brandenburg-preußisch-deutsche Geschichte, Edition Octopus (Münster: Verlag-Haus Monsenstein und Vannerdat, 2009). Band 1, S. 748
[13] Matthias Grünzig, Für Deutschtum und Vaterland: die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert (Berlin: Metropol, 2017). S. 82-87
[14] Zur Einweihung des Semper Talis Monument am 24.6.1924
[15] Oberpfarrer Paul Thiede: Aus Potsdam. Erinnerung an unsere alte Soldatenkirche, in der Zeitschrift Semper Talis, Heft 26 1927, S. 16/17
[16] Adolf Hitler, Rede „Freiheit und Bro“ auf der NSDAP-Versammlung in Hersbruck am 30. November 1928, in Hitler Reden Schriften Anordnungen. Februar 1925 bis Januar Band III Zwischen den Reichstagswahlen Juli 1928 - September 1930, Teil 1 Juli 1928 – Februar 1929, Hg. vom Institut für Zeitgeschichte München 1994, S. 283
[17] Joseph Goebbels, Tagebucheintrag vom 5.4.1932
[18] Grünzig, Für Deutschtum und Vaterland. S. 101
[19] Geleitwort von Baldur von Schirach zu: Der Tag von Potsdam : 100 Bilddokumente vom größten Jugendaufmarsch der Welt / Mit einem Geleitwort Baldur von Schirach (München: Deutscher Jugendverlag, 1933). S. 13
[20] Hunderttausend auf dem Marsch zum Stadion, Völkischer Beobachter, Erstes Beiblatt, 4.10.1932
[21] Deutschland erwacht : Werden, Kampf und Sieg der NSDAP. Text von Wilfried Bade, 776.-875. Tsd. (Hamburg-Bahrenfeld: Cigaretten- Bilderdienst, 1933). S. 90
[22] Johannes Keßler, Ich schwöre mir ewige Jugend [Erinnerungen] (Leipzig: P. List, 1935). S. 222
[23] Anna Marie Koeppen, Potsdam, in: Gedichte für die Feiern des Dritten Reichs: Der Tag von Potsdam, 21. März 1933, Bd. 8, Goerlichs geschichtliche Gedichtsbogen (Breslau: Goerlich, 1934). S. 116
[24] Ludwig Bamberg, Die Garnisonkirchen des Barock in Berlin und Potsdam : Baukunst im Kontext / Ludwig Christian Bamberg (Hildesheim: Georg Olms Verlag, 2018). S. 394
[25] Verfügung des Regierungspräsidenten an die Diana-Tonfilm GmbH, zitiert nach Bamberg. S. 397
[26] Der Gemeindekirchenrat der Zivilgemeinde der Garnisonkirche am 20.11.1939 an den Regierungspräsidenten, zitiert nach Bamberg. S. 394
[27] Joseph Goebbels, Die Tagebücher. 2,3: Teil 1, Aufzeichnungen 1923 - 1941 Oktober 1932 - März 1934, hg. von Angela Hermann (München: Saur, 2006). S. 362
[28] Die Tagebücher von Josef Goebbels, Teil 2, Band 4, April - Juni 1942 / bearb. von Elke Fröhlich, Eintrag vom 24.5.1942, S. 360
[29] Völkischer Beobachter, Wiener Ausgabe, 21.3.1943, S. 1f.
[30] Hans Bentzien, Die Heimkehr der Preussenkönige. Mit Geleitworten von Louis Ferdinand Prinz von Preussen und Manfred Stolpe (Berlin: Verlag Volk und Welt, 1991). S. 27f. Andreas Kitschke, Die Garnisonkirche Potsdam: Krone der Stadt und Schauplatz der Geschichte, hg. von Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam e.V. (Berlin: edition q im be.bra verlag, 2016). S. 182f.
[31] Joseph Goebbels, Die Tagebücher: Teil 2 Diktate 1941 - 1945/  8. April - Juni 1943, hg. von Elke Fröhlich, Bd. 8 (München: Saur, 1993). S. 281
[32] Documentary Series DS 361 (LP, 1. + 2. Teil)) und DS 1361 (CD): Der Tag von Potsdam - Von der Reichswehr zur Wehrmacht.
[33]So das Vorstandsmitglied der Fördergesellschaft Andreas Kitschke jüngst wieder in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 1.11.2022: Hitler war nur einmal hier, aber auch schon zuvor, etwa Die Kirche, 17.12.2000

Der „Tag von Potsdam“ und die Medien

Am 21. März 1933 fand von etwa 10:30 bis 13 Uhr in Potsdam der feierliche Staatsakt zur Eröffnung des neugewählten Reichstages unter großem Interesse der Bevölkerung statt. Er wurde durch sämtliche Medien – Presse, Rundfunk und insbesondere den Film – intensiv begleitet.[1] Die Kirchen, ihre Gebäude und die Gottesdienste selbst, blieben in der Berichterstattung bemerkenswert unterbelichtet, was klar auf die politisch-propagandistische Indienstnahme des Aktes verweist. Bisherige Forschungen haben das Ereignis einer politisch verschieden deutbaren Phase zwischen Weimarer Republik und NS-Diktatur zugeordnet.[2] Doch waren davon auch die medialen Schwerpunkte betroffen? Neu scheint dabei insbesondere die Rolle des Films gewesen zu sein, maßen ihm die Nationalsozialisten doch eine besondere Bedeutung für die Massenbeeinflussung bei. Deshalb legt der Beitrag – nach einem Überblick über Rundfunk und Presse – ein besonderes Gewicht auf den professionellen Film und versucht anhand des „Tages von Potsdam“ die sich langsam wandelnde Funktion der Wochenschauen zum exklusiven Propagandainstrument zu beschreiben.

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Hindenburg nach dem Staatsakt vor der Garnisonkirche, im Hintergrund Wochenschaukameraleute, Standbild aus dem Amateurfilm „Potsdam 21. März 1933“ des Ruderklubs Vineta Potsdam (Filmmuseum Potsdam).

Ausgeklammert bleiben hier zum einen die zahlreichen Amateurfilme, (vier lassen sich anhand der Archiv-Überlieferung sicher nachweisen[3]), denn sie hatten in der Zeit selbst kaum eine Massenwirkung, zwei erschienen allerdings in 16mm-Kauffilm-Sortimenten. Zum anderen wird auf die Untersuchung der nachträglichen Verwendungen der beim Ereignis angefertigten Filmaufnahmen, Rundfunkbeiträge und Pressefotografien verzichtet. Hingewiesen sei auf die reichen, explizit politisch bzw. propagandistisch motivierten Nachnutzungen der Aufzeichnungen, die für das bewegte Bild bereits Mitte 1934 mit dem von der Reichspropagandaleitung der NSDAP produzierten Kurzfilm „Unser Führer“ begannen. Und wohl schon 1933 kam bei der Deutschen Lichtbildgesellschaft Berlin ein 35mm-Bildband unter dem Titel „21. März 1933“ mit Fotos von Zeiss Ikon heraus, das für private und Lehrzwecke gekauft werden konnte.[4]

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Bildband "21. März 1933" der Deutschen Lichbildgesellschaft

Die symbolische Amtseinsetzung von Hitler durch Hindenburg am 21. März 1933 war auch eine technische und logistische Premiere, ein Kraftakt, denn bereits am gleichen Abend und spätestens am nächsten Tag konnte das Ereignis im Kino nacherlebt werden.[5] Eildienste der drei Wochenschauunternehmen – Ufa, Fox und Emelka – waren mit über 20 Kameras und 40 Mitarbeitern in Potsdam im Einsatz,[6] schnitten in nur wenigen Stunden eine fertige Ausgabe, ließen sie in fünf bis sechs Stunden in Kopierwerken vervielfältigen und brachten sie mit Fahrdiensten, Fernzügen oder mit dem Flugzeug bis in die Lichtspielhäuser der Provinz. Mit den logistisch mustergültig produzierten „Groß-Reportagen“ über den „Tag von Potsdam“ sollte nun eine „gesteigerte Film-Propaganda für Volk und Reich“ beginnen. Zugleich sehnte die führende Branchenzeitung Film-Kurier am 21. März 1933 auf ihrer Titelseite eine neue Ausrichtung und Bedeutung der Wochenschau herbei. Zwar bleibe es Aufgabe des Kinos, „gute Unterhaltung zu pflegen“, doch „muß diesem dokumentarischen Dienst weit mehr als bisher, weit inhaltvoller als bisher, unverspielter, ernstzunehmender die Aufmerksamkeit aller Filmschaffenden und nicht nur der Reichsregierung und des Propaganda-Ministeriums gewidmet sein.“[7]

Die Wochenschau gehörte seit dem Ersten Weltkrieg zum festen Bestandteil des Kino-Vorprogramms in Deutschland. Sie hatte sich in den Zwanziger Jahren zu einem leichten, feuilletonistischen Format von zehn bis 15 Minuten Länge entwickelt, in dem politische, sportliche und kulturelle Ereignisse des In- und Auslandes knapp und nicht selten mit einer Prise Humor serviert wurden. Durch verschiedene Firmen, die Wochenschauen produzierten, wies dieser Programmpunkt im Lichtspieltheater eine gewisse Vielfalt auf: Bis zu 14 Unternehmen waren es in der Weimarer Republik, die das politische Spektrum ihrer Zeit abdeckten.[8] Seit 1931 gab es die Wochenschau auch mit Ton, was zu einer Marktkonzentration auf vier Anbieter führte, den informierenden und zugleich unterhaltenden Charakter der Ausgaben aber noch einmal verstärkte. Der Filmhistoriker Kay Hoffmann charakterisierte ihre Inhalte treffend mit: „Menschen, Tiere, Sensationen.“[9]

Doch was die Fachpresse in diesen Märztagen des Jahres 1933 über die Wochenschau in Umlauf setzte und als ihre zukünftige Aufgabe umriss, erinnert stark an die kommende einheitliche „Deutsche Wochenschau“ mit Adler, Hakenkreuz und der Fanfare aus dem Horst Wessel-Lied im Vorspann: strotzend von nationalsozialistischer Ideologie und massive Kriegspropaganda betreibend.[10] Solche Zuschreibungen haben in dieser Zeit allerdings noch wenig mit der Realität gemein. Sie sind mehr Wunsch als Wirklichkeit. Die NS-Diktatur hatte sich gerade mit viel Gewalt, diversen Gesetzen und Verordnungen etabliert, wesentliche Strukturen der Weimarer Republik waren aber noch intakt.


Für die Medienseite hat dabei die Gründung des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda unter Joseph Goebbels am 13. März 1933 tragende Bedeutung. Zwar sollte der „Tag von Potsdam“ eine erste Bewährungsprobe für das neue Amt und damit für eine uniforme, zentral gelenkte Berichterstattung werden, das alte pluralistische Gefüge war aber in nur neun Tagen nicht zu zerschlagen. Wenn es innerhalb der noch heterogenen Presselandschaft und der drei vor Ort operierenden Wochenschaufirmen doch zu einer gewissen Einheitlichkeit kam, so liegen die Gründe im Ablauf selbst; ferner in den Einschüchterungen des Regimes, dem vorauseilenden Gehorsam mancher Journalisten oder der blinden Begeisterung für die neuen Machthaber. Eine andere Steuerungsmöglichkeit für Goebbels bot das strenge Reglement vor Ort: Wo waren welche Kameras zu positionieren? Welche Firmen durften an und welche in der Garnisonkirche filmen und den Ton der beiden Reden – von Hindenburg und Hitler – aufzeichnen und veröffentlichen? An der Intensität und Abgestimmtheit der Berichterstattung über den „Tag von Potsdam“ zeigt sich bereits die Trias der von Goebbels auserkorenen Mittel, die zur Massenbeeinflussung besonders tauglich waren: Rundfunk, illustrierte Presse und schließlich die Wochenschau.

Den Rundfunk schätzte er als das direkteste und aktuellste Medium der Propagandaverbreitung. So musste der Reichsrundfunk sein Programm an diesem Tag vereinheitlichen – die Pläne dazu schmiedete Goebbels wohl am 17. März 1933.[11] Es blieben also zur Umsetzung sechs Tage Zeit. Mit militärischen Konzerten, Musik von Friedrich II. und seiner Hofkapelle, der „Jubel-Ouvertüre“ von Carl Maria von Weber („Preußen und das Reich“, die eigentlich für den sächsischen König August III. komponiert war) und Auszügen aus Wagner-Opern hatte man einen festlichen Rahmen aus Tradition und Klassik gebaut. In diese Musikfolge wurden dann Live-Reportagen aus Potsdam, der Berliner Kroll-Oper als Ort der für 17 Uhr anberaumten Reichstagssitzung und vom abendlichen Fackelzug in der Reichshauptstadt eingestreut.[12] Die Nachteile dieser „Hörberichte“ lagen in ihrer Konzentration auf das gesprochene Wort. So musste der Sprecher in der ab 11:30 Uhr gesendeten Reportage vom „Tag von Potsdam“ alle angetretenen soldatischen Formationen des „alten und des neuen Reiches“ in endloser Aufzählung kundtun. Suggestive Kraft erlangte der live verbreitete Rundfunkbeitrag vor allem durch die Verschmelzung verschiedener O-Töne, etwa dem Glockengeläut mit den deutlich vernehmbaren Sieg-Heil-Rufen auf der Breiten Straße.[13] Ferner konnten Reden von Amtsträgern – hier von Hindenburg und Hitler aus dem Kirchenraum – unmittelbar bekannt gemacht werden. Neben den Inhalten ließen sich dabei der jeweilige Redestil und die Artikulation für die Propagandawirkung geschickt ausnutzen.


Die Rundfunksendungen standen – soweit über Programm-Anzeigen in der Tagespresse und teilweise überlieferte Mitschnitte rekonstruierbar – ganz im Zeichen der Versöhnung von Preußentum und „neuem Reich“; einzig der 15-minütige „Stimmungsbericht“ des angehenden Reichsjugendführers Baldur von Schirach aus Potsdam, der von 10:15 Uhr bis 10:30 Uhr über den Äther ging, war vermutlich durch schärfere Töne und offen vorgetragene NS-Ideologie geprägt. Für die Rezeptionsgeschichte dieser Radio-Reportagen muss allerdings die vergleichsweise geringe Ausstattung mit privaten Rundfunkgeräten berücksichtigt werden, was teilweise durch öffentliche Lautsprecher in Berlin und Gemeinschaftsempfang (etwa in Schulen bei „Schulfeiern“) versucht wurde auszugleichen. Erst im August 1933 kam ja der VE 301, der „Volksempfänger“, auf den Markt und selbst 1938 besaßen nur 60 % der deutschen Haushalte ein Rundfunkgerät.[14] Um an das Ereignis zu erinnern, erhielt bereits am 22. März 1933 der Deutschlandsender ein neues Pausenzeichen: die ersten Klänge des Glockenspiels der Garnisonkirche „Üb’ immer treu und Redlichkeit“.[15]

Die Presse erreichte indes den weitaus größten Teil der deutschen Bevölkerung – und sie war fast so aktuell wie der Rundfunk. Bereits am späten Nachmittag des 21. März erschienen erste Sondernummern der schon um kommunistische und sozialdemokratische Blätter bereinigten Zeitungslandschaft, z.B. der Berliner Morgenpost, des Berliner Tageblattes und auch noch der liberalen Vossischen Zeitung.[16] Die Zweite Nummer der Berliner illustrierten Nachtausgabe vom 21. März prahlte mit der „ersten Aufnahme aus der Potsdamer Garnisonkirche“.[17] Am Folgetag standen dann sämtliche Zeitungen unter dem Eindruck des Festaktes. Die Ausgaben dominierten allerdings lange Wortberichte und Abdrucke der Reden von Hindenburg und Hitler, meist wurde lediglich ein Foto auf der Titelseite platziert.[18] Diese „Bleiwüsten“ waren zwar nicht ungewöhnlich, doch fällt auf, dass die reich bebilderten Sondernummern des Illustrierten Beobachters, der Woche und der Berliner Illustrirten Zeitung spät, nämlich erst nach dem 25. März 1933 heraus kamen. Damit lagen sie im Erscheinungsdatum hinter sämtlichen Wochenschauen und konnten im gedruckten Momentbild nur noch das wiederholen, was ein Teil der Bevölkerung bereits im bewegten Bild gesehen hatte.


Freilich war es möglich, in Fotoauswahl und Platzierung Schwerpunkte zu setzen und somit auch eine Bewertung einzuschreiben. Ein wichtiges Kriterium bildete dabei die Präsenz von Hitler und seiner Verbände: SA, Hitlerjugend und Bund Deutscher Mädel. Ulrich Kellers Vergleich der Titelmotive im Band Jahrhundert der Bilder kommt dabei zu dem Ergebnis, dass der Illustrierte Beobachter vom 31. März 1933 mit dem Cover-Motiv „lässig grüßender Hitler in Zivil“ und dem leicht zurückgesetzten Franz von Papen eine den Nationalsozialisten genehme Lesart anschlug. Die Münchner Illustrierte Presse brachte hingegen Hindenburg groß im Titel und die Berliner Illustrirte Zeitung sowie Die Woche entschieden sich für keinen der beiden Hauptakteure als Aufmacher, wahrten also in dieser Hinsicht Neutralität. Schließlich gehörten die letztgenannten Blätter zur parteiunabhängigen Presse, während der Illustrierte Beobachter von der NSDAP herausgegeben wurde. Das deutlichste Kritikpotential wohnte dabei einer Fotografie von Martin Munkácsi im Innenteil der Berliner Illustrirten Zeitung inne. Sie zeigt den unsicher über das Pflaster vor der Garnisonkirche schreitenden Hitler, der die Balance zu verlieren scheint und hinzustürzen droht.[19] In der Bildpublizistik lassen sich demnach offenbar Rudimente der pluralistischen Weimarer Presselandschaft nachweisen, obwohl die NS-Gleichschaltung bereits begonnen hatte.

Trotz der schon im März 1933 einsetzenden Lenkung des Filmsektors durch Goebbels – mit Verboten vor allem sowjetischer Klassiker und links engagierter deutscher Filme – wären ähnliche Informationsspielräume auch für die Wochenschau zu vermuten. Allerdings stößt der exakte Nachweis an Grenzen, denn im Gegensatz zum Pressespiegel und der fast komplett erhaltenen Kriegswochenschau ab 1939 klaffen für die Jahre 1933 bis 1936 erhebliche Überlieferungslücken, und zwar sowohl für die erhaltenen Filme als auch für Zensurdokumente, die eine Identifizierung der Inhalte ermöglichen würden.[20]

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Anzeige der Ufa für Ihre Wochenschauen zum „Tag von Potsdam“, in: Film-Kurier, 22.3.1933. Im Teil „Potsdam“ wird die Garnisonkirche mit der Nikolaikirche verwechselt.


Am 21. und 22. März 1933 gelangten sechs verschiedene Wochenschauen mit abweichenden Sujets vom „Tag von Potsdam“ in die Kinos: Ufa-Ton-Woche, Ufa-Wochenschau, Deulig-Ton-Woche (auch von der Ufa produziert), die US-amerikanische Fox Tönende Wochenschau mit der regulären Ausgabe und der Sondernummer „Deutschland ringt sich wieder empor“ sowie die Emelka-Ton-Woche der Bavaria aus München. Von diesen Filmen ist – nach derzeitigen Recherchen – der Eildienst der Ufa-Ton-Woche (Nr. 133/1933) sowie die mit ähnlichem Bildmaterial ausgestattete kürzere stumme Ufa-Wochenschau (Nr. 13/1933) komplett erhalten geblieben. Aufnahmen der Emelka wurden in den Emelka-Ton-Wochen vom 22. und 30. März 1933 überliefert, die längeren Sequenzen enthält dabei die spätere Ausgabe.

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Anzeige der Fox Tönenden Wochenschau für Ihren Sonderdienst zum „Tag von Potsdam“, in: Film-Kurier, 22.3.1933.

Die überschwängliche Presseresonanz auf die Wochenschau-Beiträge,[21] diverse Eigen-Reklamen der beteiligten Firmen[22] wie auch die Menge der verschiedenen Schutzmarken und Ausgaben lassen auf eine schnelle und flächendeckende Belieferung der Kinos mit Filmberichten vom „Tag von Potsdam“ schließen. Dem stehen allerdings die vergleichsweise geringen Vervielfältigungszahlen pro Ausgabe entgegen. So wurden die Ufa-Ton-Woche und die Deulig-Ton-Woche 1932 mit wöchentlich 118 und zwei Jahre später mit 179 Kopien gestartet. Eine gleichzeitige Belieferung aller rund 3.000 Kinos in Deutschland mit aktuellen Wochenschauen scheint also 1933 ausgeschlossen gewesen zu sein.[23]

Der Eildienst der Ufa-Ton-Woche vom 22. März 1933 sowie die Emelka-Ton-Woche vom 30. März 1933 repräsentieren zwei Typen von Wochenschaureportagen. Im ersten Beispiel wurde eine komplette Ausgabe als Sondernummer ausschließlich dem Ereignis gewidmet. Die Emelka passte hingegen die Berichterstattung vom Staatsakt und der Reichstagseröffnung in das übliche Schema einer Wochenschau – mit Kurzberichten aus dem In- und Ausland – ein. Beide Varianten greifen dabei auf eine chronologische Struktur zurück und zeigen im Wesentlichen Aufnahmen der gleichen Potsdamer Schauplätze: Garnisonkirche von außen, Platz vor der Garnisonkirche und Breite Straße mit dem Vorbeimarsch von Einheiten der Reichswehr, SA, Stahlhelm, Hitlerjugend, Bund Deutscher Mädel und Schutzpolizei. Der meiste Platz wird jedoch Hindenburg, Hitler und der übrigen Reichsregierung eingeräumt, wobei Großaufnahmen einzelner Protagonisten eher selten sind. Die Ausgaben schließen mit der Nationalhymne. Überwiegend zeichnen sich die Außenaufnahmen durch erhöhte und damit „privilegierte“ Kamerastandpunkte aus, was insbesondere im Vergleich mit überlieferten Amateurfilmen auffällt. Formale Übereinstimmungen der Wochenschausujets betreffen auch die Tonebene: Sie umfasst vor Ort aufgezeichnete Geräusche, Marschmusik und Redeausschnitte. Aus technischen Gründen fehlt ein Off-Kommentar (dies hätte einer komplizierten Ton-Montage im Studio bedurft), so dass einzelne Stationen per Zwischentitel eingeblendet werden, um den Zuschauern die Orientierung zu erleichtern. Ebenfalls noch nicht enthalten war die – insbesondere für die Wochenschau im Zweiten Weltkrieg typische – sinfonische Begleitmusik, die den späteren Kampfbildern einen heroischen bis feierlichen Gestus verlieh.[24] Zusammen schaffen diese für 1933 üblichen Wochenschau-Elemente einerseits eine sehr direkte Live-Atmosphäre. Andererseits entsteht ein eher distanzierter Blick auf das Ereignis, da ein Sprecherkommentar – und damit eine wörtliche „Interpretation“ – nicht enthalten ist.

Die größten Unterschiede der untersuchten Ausgaben – Eildienst der Ufa-Ton-Woche vom 22. März 1933 sowie die Emelka-Ton-Woche vom 30. März 1933 – liegen in der Wiedergabe des Staatsaktes in der Garnisonkirche selbst. Da die Ufa offenbar im Gotteshaus nicht filmen durfte, ihr aber die im Rundfunk übertragenen Reden von Hindenburg und Hitler zur Verfügung standen, integrierte sie in ihren Eildienst die jeweils zweiminütigen Tonaufnahmen zu Schwarzbild bzw. entsprechenden Zwischentiteln. Hier rangierte der Neuigkeitswert des Gesagten eindeutig vor der eigentlich für das Medium unwürdigen Verfahrensweise, über vier Minuten lang keine Bilder zu liefern. Auch hielt man bei der Ufa – im Gegensatz zur Emelka rund eine Woche später – die Reichstagssitzung in der Kroll-Oper und den Fackelzug für wichtig genug, sie als Schlussepisoden und „Abrundung“ des Tages einzubeziehen.

Indem der Ufa-Eildienst das übrige Weltgeschehen völlig ausblendet, wird der „Tag von Potsdam“ hier in seiner tagesaktuellen Bedeutung noch einmal erhöht. Für die Emelka ist das Ereignis am 30. März 1933 immerhin eine rund siebenminütige Reportage am Schluss der insgesamt 15 Minuten umfassenden Wochenschau wert. Damit folgt sie der eingespielten Dramaturgie, das Hauptsujet entweder am Anfang oder am Ende einer Ausgabe zu exponieren.[25] In dieser Anordnung ist es zwar hervorgehoben, es tritt jedoch mit den anderen Themen und Beiträgen in Beziehung und kann unweigerlich zu politisch mehr oder weniger gewünschten Assoziationen des Publikums führen. Sicher war dabei das vor die Potsdam-Aufnahmen platzierte Sujet über amerikanische Flottenmanöver vor Hawaii geeignet, die Wirkung der NS-Machtdemonstration noch zu steigern – nach dem Motto: wenn die USA rüstet, müssen auch wir vaterländische Stärke zeigen. Die davor liegenden zwei Aprilscherze[26] sowie Sujets wie „Das kleinste Klein-Auto! Der vierjährige Kurt Leschke mit seinem überdimensionierten Super-Kompressor“ und „Wildfütterung im Park Nymphenburg“[27] bildeten aber einen solch starken Kontrast zum „Tag von Potsdam“, dass sich der Charakter der gesamten Wochenschau-Nummer in Richtung „Menschen, Tiere, Sensationen“ verschob. Der staatsmännische Akt geriet damit in ein allzu unfeierliches und propagandistisch ungünstiges Umfeld.

Gerade die Emelka-Ton-Woche vom 30. März 1933 ist so als Zwitter zu kennzeichnen, in der die mediale Umbruchsituation jener Zeit markant hervor tritt: In der Weimarer Republik entwickelte Elemente treffen auf Versuche, den Film für die NS-Propaganda zu instrumentalisieren. Deutlich wird, warum die gleichgeschaltete Fachzeitschrift Film-Kurier im Dezember 1933 die „innere Systemlosigkeit der Wochenschau“[28] anprangerte und erst im Juni 1935 eine Ausgabe die von den Nationalsozialisten eingeführten Prädikate „künstlerisch wertvoll“ und „staatspolitisch wertvoll“ erhielt.[29] Die Berichterstattung vom „Tag von Potsdam“ erscheint somit ähnlich ambivalent, wie es die Forschung für den politischen und kirchlichen Kontext ermittelt hat.

Dieser Text beruht wesentlich auf dem Aufsatz des Autors in: Manfred Gailus (Hg.): Täter und Komplizen in Theologie und Kirchen 1933-1945. Berlin: Wallstein 2015. Wir danken herzlich dem Verlag für die Genehmigung zur aktualisierten Wiederveröffentlichung.

Dr. habil. Ralf Forster ist Medienwissenschaftler, Filmtechnikhistoriker am Filmmuseum Potsdam und Kurator von Ausstellungen und Filmprogrammen


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Anmerkungen

[1] Vgl. Thomas Wernicke: Der Handschlag am „Tag von Potsdam“, in: Der Tag von Potsdam. Der 21. März 1933 und die Errichtung der nationalsozialistischen Diktatur, hg. von Christoph Kopke und Werner Treß, Berlin 2013, S. 8-34.
[2] Während die wissenschaftliche Rezeption das Ereignis lange als glänzendes und wohldurchdachtes Schauspiel der Nationalsozialisten zum Zwecke ihrer Machtentfaltung bewertet hat, wird mittlerweile vor allem auf die dominierenden konservativ-monarchistischen Elemente und die Zuschneidung der Veranstaltung auf Hindenburg aufmerksam gemacht. Vgl. Martin Sabrow: Der „Tag von Potsdam“. Zur doppelten Karriere eines politischen Mythos, in: Der Tag von Potsdam. Berlin 2013, S. 47-86.
[3] 1. „Deutschland ist erwacht! Der Tag von Potsdam: 21. März 1933“, Zensur: 29.3.1933, 268 m, 16mm, stumm, laut Zensurkarte „ein Kinagfafilm aufgenommen mit der Agfa-Movex auf Agfa-Umkehrfilm 16mm“; 2. „Der Staatsakt in Potsdam“, Zensur: 4.4.1933, 57 m, 16mm, stumm, laut Zensurkarte „Vertrieb: Kurt Kruschke, Berlin-Charlottenburg, Luisenplatz 1“; 3. „Potsdam 21. März 1933“, Amateurfilm, Produktion Ruderklub Vineta Potsdam, um 80 m, 16mm; 4. „Tag von Potsdam“, Amateurfilm, Verein der Thomasmehl-Erzeuger.
[4] https://www.deutsches-bildbandarchiv.de/Filmrollenliste-Teil1.pdf, 18.3.2023.
[5] Üblicherweise kamen Ereignisberichte erst nach mehr als einer Woche in die Kinos; diese Praxis änderte sich auch im Zweiten Weltkrieg kaum. Vgl. Ralf Forster: Von der Front in die Kinos. Der Weg der PK-Berichte in die Deutsche Wochenschau, in: Die Kamera als Waffe. Propagandabilder des Zweiten Weltkrieges, hg. von Rainer Rother und Judith Prokasky, München 2010, S. 49-63.
[6] „Die Ufa-Wochenschau wird mit 4 Ton- und 6-8 Stummapparaturen aufnehmen. Die Fox Tönende Wochenschau setzt fünf Tonapparaturen ein, die sie mit drei Wochenschau-Autos heranbringt und die Emelka-Woche wird mit insgesamt 6 Aufnahmegeräten, 2 Tonaufnahme- und 4 Stummkameras vertreten sein.“ (Tag der Wochenschauen, in: Film-Kurier, 20.3.1933, S. 1)
[7] Der 21. März im Tonfilm, in: Film-Kurier, 21.3.1933, S. 1.
[8] Klaus Kreimeier: Frühes Infotainment. Entwicklungstendenzen der Wochenschau, in: Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland. Band 2 Weimarer Republik 1918-1933, hg. von Klaus Kreimeier, Antje Ehmann und Jeanpaul Goergen, Stuttgart 2005, S. 322-347, hier S. 340.
[9] Kay Hoffmann: Menschen, Tiere, Sensationen. Die Wochenschau der 30er Jahre, in: Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland. Band 3 „Drittes Reich“ 1933-1945, hg. von Peter Zimmermann und Kay Hoffmann, Stuttgart 2005, S. 211-230, hier S. 211.
[10] Die institutionell und über den Vorspann erkennbar vereinheitlichte „Deutsche Wochenschau“ erschien erstmals am 20. Juni 1940; mit Beginn des Zweiten Weltkrieges waren jedoch die Inhalte aller Wochenschauen bereits identisch, die Ausgaben unterschieden sich nur in den Titelvorspännen.
[11] „Abends Arbeit zu Hause. Ganze Potsdamer Feier fertig gemacht. Wird groß und klassisch. Ich schufte bis in die Nacht. Mit Krukenberg Rundfunkprogramm fertig gemacht.“ (Die Tagebücher von Joseph Goebbels, hg. von Elke Fröhlich, Bd. 1, S. 149) Gustav Krukenberg war 1933 Rundfunkkommissar im Propagandaministerium.
[12] Das Programm für Potsdam, in: Berliner Tageblatt, 20.3.1933, S. 3.
[13] Die etwa fünfminütige Reportage ist im Deutschen Rundfunkarchiv Frankfurt am Main überliefert und auf der CD „1933 - Der Weg in die Katastrophe. Tonaufnahmen aus dem Jahr 1933“ (produziert vom Deutschen Historischen Museum Berlin und Deutschen Rundfunkarchiv) enthalten.
[14] Vgl. Hermann Glaser, Hans Jürgen Koch: Ganz Ohr. Eine Kulturgeschichte des Radios in Deutschland, Köln 2005, S. 100-101.
[15] Der Tag im Sender, in: Berliner Tageblatt, 22.3.1933, Morgen-Ausgabe, 1. Beiblatt.
[16] Bemerkenswert an der Abendausgabe der Vossischen Zeitung vom 21.3.1933 sind die bereits im Leitartikel eingestreuten Nebensätze zur politischen Situation, die auf Kritik und Verfolgung gleichermaßen hindeuten: „Auf den Bänken der alten Garnisonkirche saßen nur die Vertreter der bürgerlichen Parteien. Dem Staatsakt folgt am Nachmittag die erste Arbeitssitzung, an der auch die Sozialdemokraten teilnehmen, soweit sie in Freiheit sind.“ (Der Festtag von Potsdam, in: Vossische Zeitung, 21.3.1933, S. 1) Das Blatt musste zum 1.4.1934 ihr Erscheinen einstellen.
[17] Berliner illustrierte Nachtausgabe, 21.3.1933, 2. Ausgabe, S. 1.
[18] Immerhin kam die Berliner Morgenpost am 22.3.1933 mit der ganzseitigen Rubrik „In Potsdam und in Berlin. Der 21. März im Bild“ heraus, in der sechs Fotografien veröffentlicht wurden.
[19] Ulrich Keller: Bilder der „Machtergreifung“. Staatsreportagen zwischen Apologie und Distanzierung, in: Das Jahrhundert der Bilder, hg. von Gerhard Paul, Göttingen 2009, S. 428-435, hier S. 433.
[20] Vgl. Ulrike Bartels: Die Wochenschau im Dritten Reich. Entwicklung und Funktion eines Massenmediums unter besonderer Berücksichtigung völkisch-nationaler Inhalte, Frankfurt am Main u.a. 2004, S. 265-267.
[21] „So wendet sich der Film nun in dreitausend deutschen Lichtspieltheatern an das ganze Volk und bringt ihm das gewaltige Erlebnis dieses Tages vor Auge und Ohr. Hunderttausende, die dabei gewesen sind, erleben die Ereignisse noch einmal mit.“ (hs.: Der Tag von Potsdam, in: Film-Kurier, 23.3.1933)
[22] Fox-Rekorddienst. Aufnahmen vom Staatsakt in Potsdam zeigte Fox Tönende Wochenschau noch am selben Tage. Fox – immer Rekord. Anzeige der Fox Tönende Wochenschau in: Film-Kurier, 22.3.1933.
[23] Die Laufzeit konnte bis zu 16 Wochen betragen. Erst im September 1939, mit Beginn des Zweiten Weltkrieges, wurden Auflagenhöhen von 865 Stück pro Ausgabe erreicht. Vgl. 25 Jahre Wochenschau der Ufa, hg. Ufa-Lehrschau, Berlin 1939, S. 25.
[24] Bartels (Anm. 18), S. 99-100.
[25] Lars Geerdes: Die Sportberichterstattung in den deutschen Wochenschauen 1930-1939. Magisterarbeit an der Freien Universität Berlin 1988, S. 26-27.
[26] Einer der Scherze „zeigt Versuche mit der Stromlinienform bei einem Läufer; ihm werden auf den Kopf, auf den Rücken und an den Fersen spitze Kegel gebunden und er gewinnt damit.“ (Hoffmann, Anm. 7, S. 227)
[27] Sichtungsprotokoll zur „Emelka-Ton-Woche“ Nr. 14, 1933, vom 30.3.1933, in: Haus des Dokumentarfilms Stuttgart, Akten zum DFG-Projekt Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland bis 1945.
[28] Film-Kurier, 5.12.1933.
[29] Bartels (Anm. 18), S. 76. Es handelte sich um die „Ufa-Ton-Woche“ Nr. 246, 1935 mit der Einweihung des Autobahnabschnittes Frankfurt – Darmstadt am 19.5.1935 durch Hitler.

Nationale Mythen und kirchliches Heil: Der „Tag von Potsdam“

In der der Potsdamer Garnisonkirche begegneten sich am Tag von Potsdam, dem 21. März 1933, Adolf Hitler, der neue Reichskanzler, und Reichspräsident von Hindenburg anläßlich der Eröffnung des Reichstages.[1] Die Machtergreifung der Nationalsozialisten habe durch diese Feier ihren symbolischen Abschluß erfahren, Preußentum und Nationalsozialismus seien im Rahmen eines schäbigen „Schmierenstücks“ eine unheilvolle Verbindung eingegangen. Das historische Argument wird durch die Forschung einhellig gestützt[2]. Der Tag von Potsdam wird als geschickte Inszenierung des Propagandaministers Goebbels herausgestellt, dessen Ziel es war, eine nationale Euphorie zu erzeugen und damit „Illusionen“ über den Charakter der NS-Bewegung zu wecken. Der Tag sei Zwischenstation auf dem Weg zum Ermächtigungsgesetz und damit zur Etablierung des Terrors gewesen. Konstatiert wird zwar die ungeheure Begeisterung, die in weiten Kreisen der Bevölkerung hervorgerufen wurde, doch hakt man diese lapidar als Resultat erfolgreicher Propaganda und Manipulation ab. Die funktionale Deutung wird folglich angereichert durch eine Argumentation, die das ganze Geschehen in Anlehnung an die Formulierung von Friedrich Meinecke als „Rührkomödie“ ideologiekritisch zu entlarven sucht[3]. In den einschlägigen historischen Untersuchungen gibt es jedoch einige Hinweise, die eine Spur sein könnten, jenseits aller berechtigten Abscheu über die Verherrlichung von Militarismus, Diktatur und Unrecht dem Erfolg der Inszenierung auf den Grund zu gehen. Begrifflichkeiten wie „Weihe“ und „Fest der nationalen Wiedererweckung“ verweisen darauf, daß offensichtlich am Tag von Potsdam im Gegensatz zu heute gänzlich anders gelagerte mentale Tiefendimensionen, Glaubensvorstellungen und nationale Deutungsmuster ihren Ausdruck fanden. Der Historiker Kershaw sieht denn auch im Tag von Potsdam ein wichtiges Ereignis, das das Charisma des neuen Reichskanzlers über seine eigentliche Anhängerschaft hinaus erhöhte. Der „überdimensionale Nimbus des Führers wurde nicht nur künstlich von der Propaganda geschaffen, sondern war im hohen Maße ein gesellschaftliches Produkt, erzeugt von den Führer-Erwartungen, Ressentiments und Sehnsüchten breiter Volksschichten“[4]. Die Erzeugung solcher außeralltäglichen Eigenschaften stand, so meine von der Weberschen Herrschaftssoziologie angeregte Ausgangshypothese, in engstem Zusammenhang mit der Art und Weise, wie die Feier in Potsdam durchgeführt wurde und welche Konnotationen sich mit dem Ort für die Zeitgenossen verbanden. So ist in der bisherigen Betrachtung die religiöse Dimension vernachlässigt worden: Die Feierlichkeiten fanden in drei Kirchen Potsdams statt, die Inszenierung enthielt religiöses Liedgut, Predigt und kirchliche Liturgie[5]. Demzufolge stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von historischer Erinnerung, politischer Herrschaft und von religiösen Überzeugungen in Verbindung mit der Rolle der Kirchen. Ihr liegt die Prämisse zugrunde, daß charismatische Herrschaft durch religiöse Handlungen eine Begründung findet. Die geschichtsmächtige Kraft religiöser Vorstellungen zeitigt Wirkung, solange Ritual und Inhalte der Glaubensüberzeugungen konform gehen, das Ritual also nicht, wie unlängst in Potsdam zu sehen, inhaltsleer ist.

Die Religionssoziologie faßt Religion als Beziehung zu übersinnlichen Gewalten auf, die sich in Bitte, Dank und Opfer sowie Gotteslob (Doxologie) äußert und sich in gemeinschaftlich vollzogenen, geregelten Ritualen (Liturgie) und in individueller Verehrung vollzieht[6]. Die Rituale bedürfen der Normierung, des Kultortes, der Kultgeräte und des symbolischen Ausdrucks. Damit ist die Kirche angesprochen: Sie ist gekennzeichnet durch anstaltliche Merkmale, d. h. durch schriftliche Satzungen, ein System der Lehre, eine Priesterschaft und vorgeschriebene gottesdienstliche Ordnung. Jede Kirche zeichnet das Bestreben aus, die ausschließliche Deutung der göttlichen Offenbarung vorzunehmen und exklusiv für die Angehörigen der Anstaltskirche göttliche Hilfe (Heil) zu sichern und zu spenden (extra ecclesiam nulla salus)[7]. Eine so verstandene Kirche ist, wie Ernst Troeltsch ausführt, als Wunderkirche zu verstehen, denn sie verwaltet die von Christus hergeleitete „Gnaden- und Wunderkraft“. Dabei ist es gleichgültig, ob diese im Sakrament katholischer Prägung oder in der Wunderwirkung der Verkündigung des göttlichen Wortes protestantischerseits gespendet wird[8].

Für den Tag von Potsdam ergibt sich also die Frage, ob hier kirchliches Heil und damit göttliche Hilfe den Mächtigen zuteil wurde. Die skizzierte Definition von Religion macht auch den Zugriff auf die mentale Tiefendimension in Verbindung mit der Wahrnehmung von Geschichte leichter: Geht man von der Überlegung aus, daß sich einerseits im Prozeß der Säkularisierung der religiöse Verweis auf die Endzeit wandelt zu einem Ziel innerhalb der Welt[9], andererseits Geschichte über die Zwischenstation Mythos religiöse Züge annimmt, zur Heilsgeschichte wird[10], so kann gefragt werden, ob im Verein mit der kirchlich verkündeten Offenbarung oder separat dazu religiöse Deutungen des politischen Handelns in Vergangenheit und Gegenwart die Vorstellungswelt der Zeitgenossen beeinflußten.

Die Analyse bietet somit die Möglichkeit, den „heiligen Schauer“ (Thomas Sandkühler), der die Akteure erfaßte, in allen Facetten nachzuzeichnen. Damit ist der Problemkreis angesprochen, den ich eher vage mit dem Begriff ‚mentale Tiefendimensionen‘ umschrieben habe. Darunter sind jene unbewußten, handlungsleitenden und Wahrnehmung konstituierenden Dispositionen zu verstehen, die sich speisen aus anthropologischen Grundbedürfnissen nach Vergegenwärtigung und Sicherstellung des Heiligen und aus den menschlichen Versuchen, göttliche Hilfestellungen zu erlangen. Im ersten Teil des Aufsatzes werden die Glaubensüberzeugung der Kirche und die nationalen Mythen in ihrer religiösen Aufladung herausgearbeitet. Der zweite Hauptteil beschäftigt sich mit dem feierlichen Ritual in Potsdam. Der abschließende Teil versucht am Beispiel protestantischer und katholischer Städte und Dörfer Westfalens, die Breitenwirksamkeit des Tages von Potsdam nachzuzeichnen. Auf diese Weise wird geprüft, ob die in den ersten Kapiteln skizzierten Vorstellungswelten diejenigen einer abgehobenen Gruppe kirchlicher Funktionäre und politischer Handlungsträger waren oder ob nicht ähnliche Dispositionen und Deutungen in der Provinz vorhanden waren, die die Inszenierung des Tages von Potsdam erst zum Erfolg werden ließen und damit langfristig die Herrschaft des Nationalsozialismus religiös legitimierten.

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Abb 1: Gerlach Philipp (1679-1748), Garnisonkirche, Potsdam (Foto von 1920). TU Architekturmuseum Inv. Nr. F 0518.

I. Die Kulisse und die Beteiligten

1. Potsdam als Wallfahrtsort der Nation[11]

Die Stadt Potsdam war mit ihren Kirchen der Inbegriff der besonders engen Verbindung protestantischer Kirchlichkeit mit der preußischen Staatsidee. Friedrich Wilhelm I. hatte die 1735 vollendete Garnisonkirche als Ort des Gottesdienstes für seine Soldaten und als Grablege für sich errichten lassen (Abb. 1). 1786 Fand in Mißachtung seines Testamentes Friedrich II. in der Gruft der Kirche neben seinem Vater seine vorerst letzte Ruhestätte. Im Laufe der Zeit trat die Funktion als Gotteshaus der Potsdamer Garnison zurück zugunsten einer Kirche des Herrscherhauses. Die Hohenzollern ließen sich von den protestantisch-preußischen Hofpredigern das Wort Gottes in der Predigt auslegen und empfingen das Abendmahl. In der Architektur und Ausstattung der Kirche spiegelt sich die Herrscherzentriertheit wider: Der Ort, an dem sich gemäß dem protestantischen Selbstverständnis göttliche Gnade manifestiert, die marmorne Kanzel stand der auf derselben erhöhten Ebene befindlichen Königsloge gegenüber; schräg darunter, im Kirchenschiff, befand sich der Altar. Im Gegensatz zu der kargen Ausstattung vieler anderer protestantischen Kirchen fiel dem damaligen Betrachter der reiche Schmuck auf. Doch statt der Darstellung biblischer Geschehnisse war das Bildprogramm der Garnisonskirche eine Vergegenwärtigung von Preußens Gloria: Während katholische Kanzeln die Abbildungen der vier Evangelisten zeigen, verherrlichte die Potsdamer Kanzel den Krieg. Auf dem Sockel der Marmorkanzel waren Panzer, Waffen und Trompeten zu sehen, an den Pfeilern rechts und links der Kanzel Fahnen und Standarten des ehemaligen preußischen Regiments Gardeducorps. Seitlich der Kanzel erinnerten in einer Nische die Wappen von Preußen, Rußland und Österreich an das Bündnis gegen Napoleon, sie mahnten an den Wiederaufstieg Preußens nach einer Zeit der „Erniedrigung“. Über dem Schalldeckel war das Symbol göttlicher Gegenwart, das Dreieck mit dem Auge Gottes, zu sehen, darunter das Sinnbild Preußens, der mit Krone, Zepter und Apfel geschmückte Adler mit ausgebreiteten Flügeln. Die Ausstattung verdeutlichte folglich die Hilfe Gottes in der preußischen Geschichte. Gleiches für Fahnen und Standarten, die man in den Befreiungskriegen und den Reichseinigungskriegen den gegnerischen Truppen abgenommen hatte. Auch dem Sterben in den Kriegen wurde in der Garnisonskirche sind verliehen: Gedächtnistafeln für die gefallenen der Kriege 1805/06 / 1813-1815 / 1806 4/66/70/71 / 1914-1918 waren angebracht.

In der Zeit von 1735-1933 stand die Garnisonkirche folglich nicht allein für einen Protestantismus der „reinen Lehre“, sondern für den preußischen Weg des Protestantismus in seiner Einbeziehung des Staates als Objekt kirchlichen Heils. Doch ist dies nur die eine Dimension, die die Garnisonkirche auszeichnete. Einzigartig unter allen Kirchen in Preußen war sie aufgrund ihrer besonderen Heiligkeit. Die preußischen Herrscher als oberste Bischöfe der Kirche (summus episcopus) besuchten diesen Ort auch deshalb[12], weil er die Grablege ihrer Vorfahren war. Hier verweilten sie im Gedenken, sie waren Pilger, da sie einen Gang zu einer herausgehobenen heiligen Stätte unternahmen, deren Kultobjekt die sterblichen Überreste der beiden Könige war. Diese besondere Funktion der Kirche wird in der baulichen Ausgestaltung deutlich: Nach der Fertigstellung der Kirche 1735 fanden 1737 auch die Bauarbeiten an der Krypta (Gruft) der Kirche ihren Abschluß. Die Kanzel der Garnisonkirche als Ort der Verkündung des göttlichen Wortes stand nicht isoliert dar, sondern war architektonisch mit der Gruftkammer zum „Königlichen Monument“ vereinigt.

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Abb 2: Nachzeichnung in die Gartenlaube (1886)

Das 1842 entstandene Bild (Abb. 2) von Adolph Menzel zeigt uns diesen Zusammenhang. Das Ensemble bestand also aus Gruft, darüber, direkt anknüpfend, die Kanzel und in luftiger Höhe die Orgel — die Gruft erhöhte die Heilswirkung des Ortes bzw. fundierte sie erst. Dies wird auch daran deutlich, daß die Prediger, wollten sie die Kanzel besteigen, eine Treppe benutzen mußten, die über die Decke der Gruft zur Kanzel führte.

Dieses Pendant zur katholischen Praxis, Altäre als Orte des eucharistischen Mysteriums mit Reliquien auszustatten, verweist darauf, daß mit den Leichnamen der beiden Könige Deutungen verbunden waren, die nicht in Einklang mit der protestantischen Lehre standen. Ließen die Reformatoren Heilige nur als Vorbilder für ein gottgefälliges Leben zu und verwarfen den Kult um Reliquien völlig, so scheint die Hervorhebung der Gruft dafür zu sprechen, daß sie eine besondere Aura barg. Nicht als katholische Heilige, die im Jenseits Fürbitte bei Gott einlegen, doch immerhin als transzendente Wesen, die über ihr irdisches Leben hinaus erfahrbar sind, so wurden die Könige im „Monument“ aus der Vergangenheit in die Gegenwart projiziert. Daß diese aus der Ausstattung der Kirche gewonnene Interpretation tatsächlich den Wahrnehmungshorizonten der Zeitgenossen bis 1933 entsprach, soll im weiteren geklärt werden. Offen ist auch die Frage geblieben, auf welche Art und Weise die beiden Hohenzollern in den Glaubensüberzeugungen der Zeitgenossen verwurzelt waren.

Der Begriff „Realpräsenz“ (Peter Dinzelbacher) aus den Untersuchungen zur mittelalterlichen Volksfrömmigkeit[13] trifft m. E. den Sachverhalt in etwa: am Ort ihrer Leiber waren Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II. den frommen Pilgern gegenwärtig und erschienen kommunikationsfähig. Diese Vorstellung speiste sich aus verschiedenen Quellen: Zum einen ist die Ausstattung der Kirche hervorzuheben. Die Kirche war angefüllt mit Erinnerungen an die beiden Könige. Es handelte sich um Stiftungen, beispielsweise liturgische Geräte, die Fahnen ihrer Regimenter, die Inschriften an verschiedenen Stellen der Kirche und am Eingang. Die Verherrlichung fand ihren Gipfelpunkt auf der Spitze des 88 Meter hohen Turmes. Dort war das Sinnbild des Preußentums, der zur Sonne fliegende Adler, mit dem Namenszuge Friedrich Wilhelm I. zu sehen. Damit wurde wiederum an das Programm von Kanzel und Gruft angeknüpft. Auch ‚Sekundärreliquien‘ anderer herausragender Persönlichkeiten preußischer Geschichte zeugten von der besonderen Aura, die man bestimmten Hohenzollern zuwies. Zu erinnern ist hier insbesondere an den in der Familienloge befindlichen Stuhl der Königin Luise, der Ehefrau König Friedrich Wilhelms III. Die Königin, in der Literatur als „preußische Madonna“ bezeichnet[14], repräsentierte ebenfalls das Ineinandergehen von Mythos und Religion. Sie habe durch ihr inständiges Bitten bei Napoleon 1807 in Tilsit den preußischen Staat gerettet, doch sei es ihr nicht vergönnt gewesen, die Befreiung Preußens zu erleben: Sie starb 1810 im blühenden Alter von 34 Jahren.

In allen Stadtführern Potsdams und den zeitgenössischen Darstellungen zur Geschichte Preußens sowie in Bildern wird die Wallfahrt berühmter Persönlichkeiten zu den Gräbern tradiert. Sie verrichteten ihre Andacht oder kamen zu entscheidenden politischen Gesprächen zusammen. Insofern tun sich hier Ähnlichkeiten mit den Reichsheiligtümern katholischer Prägung auf, wie Altötting für die Wittelsbacher und Mariazell für die Habsburger. Im Zentrum stand dabei nicht der bigotte Friedrich Wilhelm, sondern Friedrich der Große, zu Lebzeiten ein Freigeist.

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Abb. 3: Friedrich Wilhelm III., die Königin Luise und Zar Alexander I. in der Gruft, 1805. Stich von I. Berka nach Le Gros

1805 trafen sich Friedrich Wilhelm III., die Königin Luise und Zar Alexander I. in der Gruft, um das preußisch-russische Bündnis gegen Napoleon zu bekräftigen, das sich dann in den „Befreiungskriegen“ bewährte (Abb. 3). Immer wieder nacherzählt wurde auch der Besuch des Kaisers Napoleon 1806. Der Kaiser betrat in Begleitung seines Bruders Jerome die Gruft, um „in tiefer Betrachtung an dem Sarge des großen Königs“ zu verweilen. „Sic transit gloria mundi“ habe er dann nach einer Weile der Nachdenklichkeit gesagt. Die besondere Aura machte, so die Logik der Erzählung, Eindruck auf den Eroberer, denn er befahl, die Garnisonkirche nicht wie die anderen Kirchen der Stadt militärisch zu nutzen, sie also nicht zu profanisieren. Kann man nun schließen, daß der König zum preußischen „Pantheon“ gehörte? Dies würde bedeuten, daß er in der Lage gewesen wäre, ins Diesseits machtvoll einzugreifen. Eine solche Interpretation der Vorstellungswelten geht jedoch zu weit. Verbunden wurde seine Anwesenheit mit einem Gott, der als machtvoller Gott verstanden wurde. Das „königliche Monument“, Gruft mit der Kanzel, beleuchtet diesen Aspekt; die Allmacht Gottes, an der Spitze der Kanzel dargestellt, war die Grundlage. Diese auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinende Deutung kann mit den bis 1933 massenhaft verbreiteten Beschreibungen der Leben und Taten von Friedrich II. belegt werden[15]. In den „Heiligenviten“ spiegeln sich herausragende Tugenden, die einen heiligmäßigen Rang zuwiesen, aber auch den Aufstieg des preußischen Staates mit sich brachten. An entscheidenden Stellen des Lebens ist es Gott, der Hilfe in der Bedrängnis leistet. Im Gegensatz zum protestantischen Verständnis der Rechtfertigung half Gott Friedrich und der Nation auch deshalb, weil Fleiß, Tapferkeit und Disziplin beherzigt wurden.

Diese enge Verbindung zwischen der in der Vita begründeten Überhöhung preußischer Tugenden zu heiligmachenden Eigenschaften und der den Preußenkönig mit seiner Gnade ausstattenden Person Gottes wird auch in dem in allen Beschreibungen herausgehobenen Glockenspiel der Garnisonkirche deutlich. Seit 1797 spielte der vierzigstimmige Glockenchor zur vollen Stunde „Lobe den Herren“, zur halben Stunde „Üb‘ immer Treu und Redlichkeit“.

Eine zentrale Begegnung von Gott und tugendhaftem Herrscher war für die Zeitgenossen die Schlacht von Leuthen 1757, der kriegsentscheidende Bedeutung zugemessen wurde, weil die preußische Armee die weit überlegenen Österreichischen Regimenter niederrang. Der König begann die Schlacht, so ein vielfach wiedergegebener Bericht, mit den Worten: „Nun Kinder, frisch heran in Gottes Namen!“. Nach dem Sieg habe ein alter General dem König seine Gratulation abgestattet. Dieser erwiderte: „Das, das hat ein Höherer getan!“. Und seine Soldaten dachten ebenso, als sie den alten evangelischen Choral „Nun danket alle Gott“ anstimmten, der hiernach als Choral von Leuthen in der protestantisch-preußischen Liturgie seinen Einzug hielt[16]. Wer dermaßen dem Schicksal eine Wende geben konnte, mußte mit Gott im Bunde sein. Konsequenterweise erhielten die Mythen auch eine religiöse Komponente, als das Sterben des Königs beschrieben wurde: Der Agnostiker Friedrich II. starb, so der Neuruppiner Bilderbogen von 1882, nicht allein, sondern im Kreis seiner Vertrauten: „Heiterer Friede, Sieg und Versöhnung ruhten auf der Stirn des Verklärten“[17]. Auf vielfältige Weise legitimiert durch die göttliche Hilfe schon in ihrem Leben, waren die Könige auch später noch, vor allem Friedrich II, Bindeglieder zwischen Diesseits und Jenseits: in Potsdam als Reliquien gegenwärtig und in den Mythen, die religiöse Züge enthielten, am Leben erhalten, verortet auch im Jenseits bei einem Gott, der seine Hand schützend über Preußen legte und diesen Staat dazu berief, das neue deutsche Reich zu errichten. Dermaßen nicht der unbegreiflichen göttlichen Entscheidung ausgeliefert, wie sie gerade der Calvinismus verkündete — und die Hohenzollern waren Calvinisten —, erwuchs der Mythos Friedrich zum Ausdruck für das Bedürfnis der Menschen nach Heilsgewißheit.

In der Weimarer Republik wurden die Preußenkönige, und insbesondere Friedrich II, von nationalistisch-monarchistischen Kreisen genutzt, um gegen vermeintliche Mißstände anzugehen, gleichzeitig war vor allem der große König für diese Gruppen Hoffnungsträger, der eine bessere Zukunft verhieß. Plakate mit dem Bild des Königs warben dafür, das Volksbegehren für die Auflösung des preußischen Landtages zu unterstützen. Friedrich II. zerschlug die Bastion der Sozialdemokratie[18]. In den Filmen wurde der preußische Nationalheilige Friedrich gefeiert, sein Leben nachgespielt mit all den vielen wunderbaren Wandlungen[19]. Auch erlebte die Garnisonkirche eine bedeutende Aufwertung, indem sie einer umfangreichen Restaurierung unterzogen wurde und zum Mekka der nationalistisch-monarchistischen Kreise aufstieg. Wie aktuell die Verehrung in breiten bürgerlichen Kreisen blieb, zeigt das Beispiel der Kriegervereine. Die Mitglieder rechneten es sich als besondere Ehre an, für ihre Feierlichkeiten den berühmten Friedrich-Darsteller Otto Gebühr einzuladen, um auf diese Weise des großen Preußenkönigs Teilnahme anzudeuten[20].

Historische Sachverhalte erlangten eine Anbindung an die Göttlichkeit. Dieses Gottesverständnis jedoch löste sich von dem Bild der Reformatoren. Dieser Aspekt soll im folgenden weiter ausgeführt werden, um die Stellung der Kirchen verstehen zu können.

2. Die Kirchen

Weite Kreise des Protestantismus hatten die christliche Eschatologie mit einer nationalen Heilslehre vermengt, die in einem Deutschen Reich protestantisch-preußischer Prägung den erhofften Endzustand sah. Eine wichtige Rolle in dieser Endzeitperspektive bildete dabei die Vorstellung vom „Volksnomos“: die Einigung des ganzen deutschen Volkes in Gläubigkeit. Der Gott, dem die Mehrzahl der Theologen am Ende des 19. und am Beginn des 20. Jahrhunderts huldigte, war ein Gott, der sein besonderes Augenmerk auf das deutsche Volk gerichtet hatte[21]. Dieses war herausgehoben, denn im geschichtlichen Prozeß, insbesondere in der Reichseinigung, später auch am Beginn des Krieges 1914, zeigte sich die besondere Hilfestellung Gottes.[22]

Die Kirche reservierte und spendete göttliche Gnade exklusiv für Volk und Staat, dabei tolerierend, daß sich neben den reformatorischen Leitsätzen auch eine eigenständige Frömmigkeit bilden konnte, die auch die Kirche erfaßte. An der Garnisonkirche kann man die Akzeptanz außerkirchlicher Deutungsmuster wahrnehmen: Hier trafen die protestantischen Hofprediger ihren obersten Bischof bzw. Dienstherren und legten ihm die Schrift aus, spendeten göttliche Gnaden gemäß der Vorstellung von „sola scriptura‘“. Gleichzeitig betreute man den Wallfahrtsort der Nation, erlag dem Kult um Friedrich den Großen und seinen Vater und minderte dadurch die Vorstellung von der Einzigartigkeit Gottes, indem man heiligenähnliche Gestalten in seine Nähe rückte. Mit der Niederlage 1918 brach für viele Kirchenvertreter eine Welt zusammen. Es begann eine Zeit der Leiden. Die Mehrzahl der protestantischen Pfarrer huldigte weiter einem Pastorennationalismus, eine „Krisenmentalität“[23] äußerte sich in der Wahrnehmung von Atheismus, Liberalismus und Bolschewismus sowie in dem Klagelied über den Verlust preußisch-protestantischer Tugenden wie Disziplin, Fleiß und Ordnung.

Die Zeit der Prüfung und Leiden hatte für die katholische Kirche im Deutschen Reich früher angefangen, von daher huldigte sie nicht einer wie auch immer gearteten eschatologischen Nationalperspektive. Auch der Kult um die Könige gewann im katholischen Bereich keine Anhänger, da die Auseinandersetzung mit dem Preußentum in den „Kölner Wirren“ und dem Kulturkampf traumatische Wirkungen gezeitigt hatte. Der Gott der Katholiken war, wenn man so will, ein übernationaler Gott, zumindest für die politische Führung der Katholiken und für den Klerus. Der Wunsch nach Integration, der seinen lebhaftesten Ausdruck in der Kriegsbegeisterung 1914 fand, war in der Weimarer Republik nach wie vor virulent. Auf der einen Seite arbeitete der politische Katholizismus entscheidend mit am Aufbau der Demokratie, auf der anderen Seite sahen die Katholiken in dieser Zeit einen verhängnisvollen Niedergang christlicher Deutungsmuster und kirchlicher Reichweite[24].

II. Das Ritual

Die Inszenierung[25]

Die Initiative, die Wiedereröffnung des Deutschen Reichstages in Potsdam durchzuführen, kam vom neuen Propagandaminister Joseph Goebbels, dessen Absicht es war, eine Feier zu veranstalten, die sich „unverlöschlich‘“ im Gedächtnis der Menschen festsetzt. Diesem Zweck diente zunächst der Termin: der 21. März war der Tag, an dem der deutsche Reichtstag des Kaiserreiches 1871 erstmals zusammentrat. Der auserkorene Ort verband folglich das Kaiserreich preußischer Prägung mit der Jetztzeit. Der „Tag der nationalen Erhebung“ hatte auch im Jahresablauf eine wichtige Stellung, er war gleichzeitig Frühlingsanfang. Goebbels setzte alles daran, das Ereignis reichsweit verbreiten zu lassen. Den noch existierenden Zeitungen wurde seitens der Reichsregierung empfohlen, einen Aufruf des Propagandaministers zu veröffentlichen. Darin heißt es: Die Feier in Potsdam demonstriere den nationalen Wiederaufstieg nach Zeiten der „Schmach und Demütigung“. Potsdam sei der Ort eines „unsterblichen Preußentums“, die Garnisonkirche die „geschichtlich geweihte Ruhestätte unserer großen preußischen Könige‘. Potsdam als Weihestätte ist für Goebbels also der Garant für den nationalen Wiederaufstieg. Insofern enthält das Motto des Tages auch religiöse Beschwörung: „Nimmer wird das Reich zerstöret, wenn Ihr einig seid und treu“. Goebbels steuerte die mediengerechte Verbreitung des Ereignisses: Alle deutschen Sender waren von dem neuen Propagandaminister angewiesen worden, ein einheitliches Programm zu senden. Lifeschaltungen aus Potsdam wechselten sich mit preußischen Märschen und historischen Vorträgen ab. Abends folgte eine Übertragung der Festvorstellung der Berliner Staatsoper mit Wagners „Die Meistersinger“.

Aus der Nichterwähnung der Kirchen darf jedoch nicht geschlossen werden, daß diese bei der Inszenierung ausgeblendet blieben. Sie waren vielmehr in die Vorbereitungen einbezogen worden und entwickelten ihre Vorstellungen sowohl was die liturgische Ausgestaltung als auch die Inhalte der Predigten angeht. Zwar lehnte die Spitze der evangelischen preußischen Kirchenleitung das Ansinnen der neuen Reichsregierung ab, die Garnisonkirche als neuen Sitz des Reichstags zur Verfügung zu stellen, doch gegen eine Eröffnungsfeier erhob sie keine Einwände. Auch die Glocken aller Potsdamer Kirchen, so die kirchliche Entscheidung, konnten den geplanten „Staatsakt“ einläuten[26]. Der evangelische Festgottesdienst sollte in der Potsdamer Nicolaikirche stattfinden, einem der berühmtesten Bauwerke Schinkels. Das Bildprogramm der Kirche zeigt zentrale Aussagen der evangelischen Glaubenslehre und Bildnisse von Kirchenvätern sowie von Reformatoren. In der Ausstattung lassen sich u. a. auch Stiftungen der Hohenzollern nachweisen[27]. Die Gemeindevertreter hatten sich angeboten, Ordner für den Festgottesdienst zu stellen. Der Superintendent Görnandt und der Pfarrer der Nicolaikirche, Lahr, organisierten die Ausschmückung. Der für Potsdam zuständige Generalsuperintendent der Kurmark, Otto Dibelius, arbeitete an einer Predigt und überhörte bei dieser Gelegenheit die Warnungen des Theologieprofessors Karl Barth[28].

Auch die katholische Kirchengemeinde St. Peter und Paul hatte entsprechende Vorbereitungen getroffen, der geistliche Nuntius, Botschafter des Papstes, war eingeladen worden, die Meßfeier selbst sollte von einem Vertreter des Berliner Bischofs zelebriert werden.

2. Die Feier in der Nicolaikirche

Die evangelischen Mitglieder der Reichsregierung, die Mitglieder des Staatsrates und die evangelischen Abgeordneten wurden von den Gemeindevertretern in das Kirchenschiff geleitet; im Altarraum fanden Vertreter der Stadt Potsdam und die örtliche Geistlichkeit Platz. Kurz vor 10.30 Uhr, dem Beginn des Gottesdienstes, traf Hindenburg ein. In seinem Empfang spiegelt sich nicht nur die Wertschätzung für den Vertreter der weltlichen Obrigkeit wider, vielmehr auch die Unterordnung gegenüber der „geistigen‘“ Führung der Kirchen der Altpreußischen Union in der Tradition des landesherrlichen Kirchenregiments und Staatskirchentums (Abb. 4a u. b). Der Hausherr, Pfarrer Lahr, hatte sein Töchterchen beauftragt, dem greisen Präsidenten einen Blumenstrauß zu überreichen. Anschließend begrüßten Generalsuperintendent Dibelius und Superintendent Görnandt den mit seiner Generalfeldmarschalluniform bekleideten Reichspräsidenten ehrerbietig. Die Gruppe betrat die Kirche, Hindenburg wurde zu seinem am Fuß des Altars befindlichen Sessel geleitet; der Gottesdienst konnte beginnen.

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Abb 4a: Vor Eröffnung des Staatsaktes begibt sich der Reichspräsident Paul von Hindenburg (links), begleitet von seinem Sohn und Adjutanten Oberst Oskar von Hindenburg und Staatssekretär Otto Meißner, zum Gottesdienst in der Nikolaikirche; von der Kirche wird er von Generalsuperintendant D. Dr. Otto Dibelius (rechts) empfangen. Zentralbild 9723-33
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Abb 4b: Hindenburg während des Gottesdienst in der Nikolaikirche

Die ihm zwar nicht formal untergebenen, doch ihn als „Ersatzkaiser‘“ und „-bischof‘““ schätzenden geistlichen Würdenträger standen somit in derselben Situation wie einstmals die Hofprediger des Kaiserreiches: In der Nicolaikirche fand ein Gottesdienst statt, in dem evangelische Pfarrer den Regierenden das Wort Gottes auslegten und göttliche Gnade herabflehen. Die Feier war jedoch auch Gottesdienst der Gemeinde, deren Mitwirkung sich nicht allein im Zuhören erschöpfte, sondern sich in Lied und Gebet ausdrückte. In der Eingangsliturgie wurde zunächst das Lob Gottes ausgesprochen, dann in Anknüpfung an den vom Superintendenten Görnandt vorgetragenen Psalm 46 („Gott ist unsere Zuversicht und Stärke“) das Vertrauen auf die göttliche Gnade von der Gemeinde zum Ausdruck gebracht, die eines der zentralen Lieder des Protestantismus, „Ein‘ feste Burg ist unser Gott“, sang: „Er hilft frei uns aus aller Not, die jetzt uns hat betroffen“. Das Vertrauen auf Gott in der Zeit der Bedrängnis durchzog auch die Lesung. Görnandt zitierte aus dem Epheserbrief, in dem Paulus vor den Herren der Finsternis warnt. Vor ihnen schütze Wahrheit, Gerechtigkeit und der Glauben, der das Wort Gottes sei. Der zu lobende Gott, der die Gegenwart ertragen hilft und sie als Zeit der Prüfung dem Menschen auferlegt, war für den Superintendenten auch derjenige, der für die Wende zum Besseren verantwortlich zeichnet! Dies entspreche seinem göttlichen Willen und sei Ausdruck seiner Annahme des sündigen Menschengeschlechtes.

Der ordinierte Prediger, hier Otto Dibelius, wußte die Offenbarung in die richtigen Zusammenhänge zu stellen. Dibelius hat die göttliche Hilfe erkannt. Schon im Vorfeld äußerte er seine Zustimmung zu dem neuen Aufbruch in Deutschland, wenn er auch die Kirche aus dem Bereich der Politik heraushalten wollte. Und doch waren die Anknüpfungen an zentrale Ereignisse der deutschen Geschichte nicht zu überhören, da Dibelius über dieselbe Stelle des Römerbriefes predigte, die schon der Hofprediger Dryander bei der Eröffnung des Deutschen Reichstages am 4. August 1914 anläßlich des Kriegsbeginnes ausgelegt hatte: „Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein“.

Erneut ist es eine Umbruchsituation, in der sich göttliches Wirken offenbart. War es 1914 der Krieg, der von protestantischen Theologen als Zeit christlicher Bewährung gesehen wurde, so ist für Dibelius 1933 die Zeit des Niederganges beendet, die die Einheit des gläubigen Volkes zerstört habe. Schuld an dieser Trennung seien „Klassenhaß und Parteizerklüftung‘“ gewesen. Der Neubeginn der politischen Geschichte ist zeitgleich mit dem Neuanfang der Kirche anzusetzen, denn politischer Wandel und eine erneute Hinwendung des Volkes zum Glauben bedingen sich, so der Prediger. Gottes unbegreifliche Gnade zeige sich allen Menschen, doch die Losung „Mit Gott zu neuer Zukunft“ läßt Dibelius exklusiv für das deutsche Volk gelten. Denn während in Rußland der Bolschewismus herrsche und in den Wolkenkratzern New Yorks der Materialismus, eröffnet sich dem deutschen Volk nach einer Zeit des Niederganges, in der es nur noch den „mechanisierten Menschen gab“, eine Zukunftsperspektive, in der „durch Gottes Gnade ein deutsches Volk“ im Entstehen begriffen sei. Dieser religiöse und völkische Einigungsprozeß werde auf der einen Seite von einer missionarischen Kirche, die das Wort Gottes in rechter Weise verkündet, geleitet, zum anderen durch den Staat. Darum habe der Staat gegen diejenigen vorzugehen, die „die Grundlage der staatlichen Ordnung untergraben, die die Ehe zerstören, den Glauben verächtlich machen und den Tod für das Vaterland begeifern“. Nach einer Phase, in der sich diese neue Ordnung durchsetze, müsse jedoch zu Rechtsstaatlichkeit zurückgekehrt werden.

Diese Rechtfertigung staatlicher Gewalt gegenüber Andersdenkenden wird in der Literatur zu Recht betont. Unberücksichtigt bleibt, daß die Unterstützung der neuen Machthaber nicht in der Autoritätshörigkeit der Protestanten und ihrem „Quietismus‘“ ihre zentrale Begründung fand. Dieses Argument ist insofern unberechtigt, als sich Dibelius eine optimistische Sichtweise des lutherischen Verständnisses zum Verhältnis von Welt und Kirche angeeignet hat. Für Dibelius bekommt die Zwei-Reiche-Lehre Luthers eine neue, unerwartet positive Wendung[29]. Während für den Reformator, beispielsweise in der Fürstenpredigt[30], die weltliche Obrigkeit keine christlichen Ideale verwirklicht und dies, selbst wenn sie guten Willens wäre, wegen der Boshaftigkeit vieler Menschen auch gar nicht kann, und sich der isolierte Christ folglich nur im Leiden der unchristlichen Obrigkeit unterwerfen kann, zeichnet sich für Dibelius mit dem Tag von Potsdam eine neue Entwicklung ab: Der Christ kann, so meine Interpretation der Predigt, freudig der Obrigkeit untertan sein, denn diese führt ein evangeliumsgemäßes Regiment in der Welt und verwirklicht dadurch die Gebote der Bergpredigt. Bedingung ist die Ergriffenheit aller, Herrscher und Beherrschte, vom Geist Christi durch Gottes Gnade, denn sie erzeuge ein „geheiligtes Volk“. Dies ist eine einzigartige geschichtstheologische Wendung: „Gott handelt! Er handelt in der Geschichte. Er handelt in jedem Menschenleben. Er ist persönlicher Gott — für uns!“ Gerade um die zwei Reiche miteinander zu versöhnen, erscheint es Dibelius notwendig, staatliche Gewaltanwendung als Grundlage eines Neuanfangs, in dem Volk und Obrigkeit einen christlichen Weg einschlagen, zu rechtfertigen. Dermaßen von dem Eingriff Gottes im Diesseits überzeugt, kann Dibelius den göttlichen Segen auf das Werk der Regierung, der christlichen Obrigkeit und auf die Christen in und unter dieser Obrigkeit herabflehen: „Das ist heute unser Gebet: daß Gottes Gnadenhand über dem Bau des Deutschen Reiches die Kuppel wölbe, die einem deutschen, einem geheiligten, einem freien Volk den Blick für immer nach oben zieht, Deutschland wieder und für immer: Ein Reich, ein Volk, ein Gott!“

Nimmt man die Formulierung Troeltsch’ von der Wunderkirche auf, so äußert sich in der Predigt die feste Überzeugung, die Kirche könne durch ihr Wirken das göttliche Wunder verstetigen. Demzufolge enthielten auch die Fürbitten nochmals die Überzeugung, daß der mit der Reichstagseröffnung begonnene Wandel auch hinfort mit göttlicher Gnade ausgestattet sein wird: „Segne und behüte unseren Reichspräsidenten, lenke und erleuchte alle, die unser Volk regieren und führen ... Setze sie uns allen in Glaube und Liebe zur christlichen Obrigkeit, zu schützen die Frommen und zu steuern die Bösen.“ Die Zeit der Leiden wurde in den Fürbitten nochmals als Argument gegenüber Gott angeführt, daß er nun den christlichen Wiederaufstieg fortführen möge: „Nachdem wir solange Unglück leiden, kehre Dich doch wieder zu uns und sei unserem Volk gnädig.‘“ Nach dem Segen setzte die Liturgie den Schluß- und einen weiteren Höhepunkt: im Niederländischen Dankgebet kulminierte im gemeinsamen Gesang die Zuversicht auf die Wende zum Besseren und das Selbstverständnis, auf der richtigen Seite zu stehen: „Wir treten zum Beten vor Gott, den Gerechten; er waltet und haltet ein strenges Gericht. Er läßt von den Schlechten die Guten nicht knechten, sein Name sei gelobt, er vergißt unser nicht ... Im Streit zur Seite ist Gott uns gestanden. Er wollte, es sollte das Recht siegreich sein. Da ward, kaum begonnen, die Schlacht schon gewonnen. Du, Gott, warst ja mit uns, der Sieg, er war Dein ... Oh Herr, mach uns frei!“ Der Choral stand für die Befreiungskriege. Von daher floß auch in dieses Lied die geschichtliche Perspektive mit ein. Festzuhalten bleibt jedoch, daß in der kirchlichen Feier der Mythos Preußen in seiner religiösen Aufladung nicht die zentrale Rolle spielte, vielmehr ist eine von der lutherischen Tradition ausgehende Interpretation der Offenbarung nachzuweisen. Für Gläubige und Pfarrerschaft stand es fest, daß die nun berufene Obrigkeit nicht nur eine rechtmäßige, sondern auch diejenige ist, die in Verbindung mit der Einigung des Volkes die Reformation Luthers vollenden konnte! Deshalb war der Verweis auf Römer 13, 1 f. für Dibelius auch nicht zentral. Die evangelische Kirche sah sich geradezu gezwungen, den beginnenden Staatsterror zu unterstützen.

Fragt man nach den Wirkungen dieser Feier für die neue Reichsregierung, so wird deutlich, daß kirchliches Heil und damit der göttliche Segen gespendet wurde. Dies erhöhte, zumindest in den Augen kirchlicher Kreise und der Pfarrerschaft, die Legitimität Hitlers und verschaffte ihm auch die Aura des gottwohlgefälligen Herrschers.

3. Die katholische Feier in der St.-Peter-und-Paul-Pfarrkirche

Noch geringere Beachtung fand in der bisherigen Forschung das katholische Pendant zum evangelischen Gottesdienst. Die Interpretationen sehen auch hier die politischen Aspekte im Mittelpunkt. Die Abgeordneten des Zentrums seien, trotz ihrer Diskriminierung bei der Abfahrt nach Potsdam — Polizeibeamte wollten die Abgeordneten nach Waffen untersuchen —, von der „national-pompösen“ Szene des Potsdamer Staatsaktes beeindruckt worden[31]. Die Bischöfe hätten in Abkehr zu der Erklärung vom 20. Februar 1933 eine vorsichtige Annäherung gegenüber den neuen Machthabern vollzogen[32]. Wie in der Nicolaikirche stellten auch in der Peter-und-Paul-Kirche die (katholischen) Mitglieder der Reichsregierung, des Staatsrates und die Abgeordneten des Reichstages die Besucher: Der NSDAP gelang es erstmals, das bischöfliche Uniformverbot für katholische Gottesdienste zu durchbrechen: Die Abgeordneten der Regierungspartei wohnten dem Gottesdienst im Braunhemd bei. Stand Hindenburg als evangelischer „Ersatzbischof“ im Mittelpunkt der Feier in der Nicolaikirche, so war es hier der Vertreter des geistlichen Oberhauptes der katholischen Kirche, des unfehlbaren Papstes und Stellvertreters Christi auf Erden. Dies wird am Beginn deutlich: Als der Nuntius Orsenigo die Kirche betrat, knieten die Gläubigen, um seinen Segen zu erlangen. Nach seinem Eintritt begann der Gottesdienst, der einen auf das aktuelle Ereignis gerichteten Ablauf enthielt. Obwohl die Kirche in ihrem Schmuck der Fastenzeit entsprach — Altarparamente und die Gewänder der Priester zeigten sich in Violett —, zelebrierte man, dem Kirchenjahr nicht entsprechend, ein feierliches Leviten-Hochamt, das durch eine festliche Messe („missa stella maris“) musikalisch untermalt wurde. Das Hochamt feierten Priester, d.h. die Geweihten und damit zum Vollzug des Meßopfers befähigten Kleriker. Während der päpstliche Nuntius im Chor, also an herausragender Stelle, dem Gottesdienst beiwohnte, verrichtete der Domkapitular Prälat Dr. Barnasch als Vertreter des Bischofs das Meßopfer, assistiert von den Kaplänen der Kirche. Die Liturgie unterschied sich, das ist evident, in wesentlichen Bestandteilen vom evangelischen Gottesdienst, nicht jedoch in der Intention: Zunächst war wie vor dem zweiten Vatikanum üblich die Kultsprache Latein. Dies sollte gemäß katholischem Verständnis die Reinheit und den Geheimnischarakter des Kults, aber auch dessen Wirksamkeit ausdrücken. Das Lob Gottes war die eine Seite des Gottesdienstes, im zweiten Teil des Gottesdienstes, der Eucharistiefeier, kam zur Doxologie auch der Kultzweck hinzu, Heil für die Menschen herabzuflehen und für schon gespendetes Heil zu danken, also Lob- und Dankopfer sowie Bitt- und Sühneopfer. Auch die Gläubigen waren am „Erfolg“ des Gottesdienst beteiligt, sie besaßen zwar keine aktive „liturgische Potenz“, doch äußerten sie ihre Anliegen, ihr Bitten und ihr Gotteslob im gemeinsam gesprochenen Gebet, in den lateinischen Akklamationen und im Lied. Statt daß sich die göttliche Gnade in den Worten des Predigers offenbarte, fand das entscheidende Mysterium des katholischen Kultus in der, so der Festbericht, „feierlich vollzogenen Wandlung“ statt. In ihr wurde die wunderbare Umwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi vollzogen. Die sakramentale Anwesenheit des Gottessohnes war somit manifest und damit auch die Wiederkehr seiner Heilstat. Garantiert wurde dieses durch den richtigen, dem Missale Romanum entsprechenden Vollzug des Meßopfers: Vorbereitung der Gaben von Brot und Wein, Verrichtung der ausführlichen Gebete-zur Präfation, wobei auch die Laien im Sanktus und im Lied an der Gabenbereitung mitwirkten. Nach der Wandlung lag der göttliche Segen auf den Anwesenden und galt hinfort auch für den Zweck des Tages von Potsdam, für das Wirken des neuen Reichstages und der Regierung des Reiches. Dieser Aspekt wurde herausgestellt: Nachdem Prälat Dr. Barnasch das für die Fastenzeit unübliche Veni creator („Komm Schöpfer heiliger Geist“) anstimmte, rief er den göttlichen Segen auf die „Leiter des neuen Staates“ herab. Fragt man abschließend danach, ob auch die Katholiken im Rahmen des Gottesdienstes den Anbruch einer neuen Zeit, den Eingriff Gottes in das politische Geschehen konstatierten, so läßt der Charakter des Gottesdienstes darauf keinen Hinweis zu — der Eingriff Gottes ist sakramental immer, soweit die gültigen Regeln befolgt werden (ex opere operato), gewährleistet, doch: Im Gloria des Wortgottesdienstes wurde die Zeitenwende in den Worten des Weihnachtsevangeliums deutlich gemacht und in der Messe durch die feierliche Gestaltung besonders hervorgehoben: „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden den Menschen, die guten Willens sind“ — das Weihnachtsevangelium verkündet die Ankunft einer neuen Zeit. Inwieweit hierauf Bezug genommen wird, bleibt offen. Hier muß die regionale Fallstudie Aufschlüsse bringen.

Doch hatten es nicht alle Katholiken vorgezogen, dem Mysterium Meßfeier beizuwohnen und sakramentales Heil zu erlangen. Das Fehlen des Reichskanzlers Hitler und seines Propagandaministers Goebbels stand den Zentrumsabgeordneten und dem katholischen Episkopat als Menetekel vor Augen. Die Zeitungen des folgenden Tages brachten die Gründe in die Öffentlichkeit und verstärkten auf diese Weise den Druck auf Zentrum und Episkopat, die Distanz zum Nationalsozialismus abzubauen. Hierauf zielte die offizielle Ablehnung Hitlers: Mit der Erklärung vom 20. Februar 1933 sowie weitere Erklärungen hätten die Bischöfe „Führer und Mitglieder der NSDAP als Abtrünnige der Kirche bezeichnet, die nicht in den Genuß der Sakramente kommen dürfen“[33]. Die beiden Nationalsozialisten entzogen sich nicht nur der Kirche, sie setzten neue Akzente. Indem sie auf dem Berliner Luisenstätter Friedhof die Gräber von Horst Wessel und einem anderen ermordeten Nationalsozialisten besuchten, ehrten sie Märtyrer der Bewegung und deuteten damit die in Teilen des Nationalsozialismus vorhandene, von der christlichen Offenbarung gänzlich unterschiedene Religiosität an, die den Nationalsozialismus als neue Religion und Kirche sah.

4. Die Feier in der Garnisonkirche — Weihe und Berufung

Orientierten sich die beiden Gottesdienste noch an den liturgischen Gepflogenheiten und den Glaubensaussagen der Konfessionen, so war die Feier in der Garnisonkirche ein Ereignis, in dem sich im gemeinschaftlichen Handeln Glaubensäußerungen zeigten, die außerhalb kirchlicher Deutungen standen. In ihr gab es zwar in Gestalt von christlichem Liedgut und Versatzstücken der Liturgie Anknüpfungspunkte zu den Anstaltskirchen und ihrem Heilsangebot, doch im Zentrum des Glaubens standen eine Heilsgeschichte, in der das Schicksal der deutschen Nation die christliche Eschatologie verdrängte, und ein deutscher Nationalgott, der mit dem deutschen Volk einen neuen „deutschen Bund“ geschlossen hatte. Diese Gestalt Gottes war jedoch nicht absolut in ihrer Größe, wie es der Protestantismus deutete, sondern — durchaus in Parallelität zur katholischen Volksfrömmigkeit — in ihrer Wirksamkeit den Menschen nahe durch eine Do-ut-des-Mentalität, die den gerechten göttlichen Lohn für die Erfüllung „deutscher“ Tugenden sah, und durch heilige Gestalten, vergegenwärtigt in Reliquien der preußischen Könige. Dieser Synkretismus einer neuen Nationalreligion, der anstaltliche Merkmale fehlten, spiegelt eine Säkularisierung bzw. Nationalisierung von Kirchlichkeit wider. Die Feier in der Garnisonkirche war demzufolge kein Theaterspiel mit verstaubten Requisiten, sondern ritueller Ausdruck eines Glaubensverständnisses, in dem Mythos und christliche Religion eine Verbindung eingingen. Hieraus erwuchs das religiös überhöhte Charisma Hitlers.

Der Ablauf

Im Mittelpunkt standen nicht die Geistlichen; der Reichspräsident und der Reichskanzler waren es, die mit ihren Reden und ihrem Handeln der Feier ihren Stempel aufdrückten. Die Kirche als Ort des Gottesdienstes und die Kirche als Institution nutzte man nur noch als Staffage. Dies wird bereits an dem Beginn der Feier deutlich: Während die Reichsregierung, die Abgeordneten und die sonstigen geladenen Gäste bereits Platz gefunden hatten, vollzog sich vor dem Gotteshaus der Empfang Hindenburgs: der Regierungspräsident, der Oberbürgermeister der Stadt und die Pfarrer der Garnisonkirche als Hausherren begrüßten ihn.

In dem Moment, als Hindenburg das Innere der Kirche betrat, erhoben sich alle Anwesenden: Hindenburg galt zunächst die Aufmerksamkeit, ihm wurde dieselbe Ehre zuteil, die sonst beispielsweise dem katholischen Pfarrer im Gottesdienst zukommt. „Tief prägt sich dieser überwältigende Augenblick ein: Deutschlands großer Generalfeldmarschall und Reichspräsident betritt die Garnisonkirche, ...“ Als Ersatzkaiser ehrte er das Hohenzollernhaus, indem er mit seinem Marschallstab den Sitzplatz des in Holland weilenden Wilhelm II. grüßte, als „Ersatzbischof“ kam dem Reichspräsidenten ein herausgehobener Platz in der Kirche zu — Hindenburg machte sich auf den Weg, den ihm zugewiesenen Sitz unmittelbar vor dem Altar, der Kanzel und der Gruft einzunehmen. Unterdessen spielt der Organist den Choral von Leuthen: „Nun danket alle Gott“! Damit war musikalisch an das Wirken Friedrichs II, erinnert. Der König stand den Teilnehmern nun vor Augen.

Dermaßen an den Aufstieg Preußens und den Beistand Gottes in der Geschichte erinnert, konnte Hindenburg seine Rede beginnen. Er gab dem Ort des Geschehens, der Garnisonkirche, den Charakter einer religiösen Weihestatte: Es sei ein besonderer „alter Geist dieser Ruhmesstätte‘“ zu verspüren, der auch das „heutige Geschlecht beseelen“ möge. Mit diesen Worten knüpft Hindenburg an die Bedeutung der Garnisonkirche als Wallfahrtsort, denn auch das, was eigentlich Vergangenheit ist, kann in der Garnisonkirche empfunden werden. Die Tugenden des Preußentums sind jedoch auch für Hindenburg gekoppelt an eine höhere Macht, an Gott: „In Gottesfurcht ist das alte Preußen durch pflichttreue Arbeit, nie verzagendem Mut und hingebende Vaterlandsliebe groß geworden.“ Dies solle heute wieder an Aktualität gewinnen. Der Choral von Leuthen und der Rückbezug auf Gott sind folglich die eine Seite, die zukünftiges Heil für das ganze Volk im Einigungsprozeß garantieren sollen. Für Hindenburg tritt eine zweite Komponente hinzu: in der Grabesstätte der Preußenkönige spürt man den „alten Geist“, d. h. preußische Geschichte gerät durch die Anwesenheit der Könige zur Religion. Gott und die Stätte mit ihren Heiligen machen die besonderen Heilswirkungen aus. Die Rede ist ein erstes Argument für die sakrale Funktion des Reichspräsidenten, der die Jetztzeit mit der Vergangenheit nicht nur durch sein hohes Alter verbinden kann, sondern auch durch seine Fähigkeit, transzendente Bezüge herzustellen. Damit ist er nicht nur Ersatzbischof, er fungiert vielmehr auch als Priester einer nicht anstaltlich gebundenen Religion.

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Rede Adolf Hitlers in der Garnisonkriche. Bundesarchiv_BA02-16093

Diese Aufgabe Hindenburgs betont Hitler in seiner Regierungserklärung, die er am kunstvollen Lektorenpult der Kirche halten darf (Abb. 5). Wenn auch Hitler Gott explizit nicht erwähnt, so ist er noch in dem mehrfach erwähnten Begriff der Vorsehung angedeutet. Diese Vorsehung habe Hindenburg zum „Schirmherrn“ für die „neue Erhebung unseres Volkes‘ werden lassen. Dieser nicht mehr christliche Gott hat, so meine Interpretation von Hitlers Worten, Hindenburg den Auftrag gegeben, den politischen Wandel einzuleiten und zu beschirmen. Dermaßen schon in die Nähe Gottes gerückt, kann Hitler Hindenburg zu einem Menschen mit besonderer Gnadenkraft herausheben: Er habe ein „wundersames Leben“ geführt, das ein „Symbol der unzerstörbaren Lebenskraft der deutschen Nation“ sei. Das ganze Volk empfinde das Eintreten des Reichspräsidenten für das „Werk der deutschen Erhebung als Segnung“. Hindenburg ist somit, religionsphänomenologisch gesprochen, eine Kraftquelle, die ihren Ursprung jedoch in der „Vorsehung“ oder in der Gestalt des deutschen Nationalgottes hat. Doch Hitler verweist zu Recht auf die zweite Fundierung der besonderen religiösen Qualitäten Hindenburgs, abseits von seiner kirchlichen Funktion. Seine Kraft ist eben auch darin begründet, daß er durch seine Verkörperung preußischer Traditionen berufen ist, die Aura der großen Preußenkönige zu vermitteln. „Möge uns dann aber auch die Vorsehung verleihen jenen Mut und jene Beharrlichkeit, die wir in diesem für jeden Deutschen geheiligten Raum um uns spüren, als für unseres Volkes Freiheit und Größe ringende Menschen zu Füßen der Bahre seines größten Königs.“

Unmittelbar nach der Rede kam es zu dem, was die zentrale Botschaft des Tages von Potsdam sein sollte: die Verbindung des alten Deutschlands mit der neuen Kraft des Nationalsozialismus per Handschlag: „Ein inniger, kräftiger Händedruck zwischen dem greisen Feldmarschall und dem jungen Kanzler der nationalen Erhebung besiegelte den Bund“; dazu spielte die Orgel und sang der Chor eine Motette von Brahms, dann das „machtvolle‘“ Amen der ganzen Gemeinde[34]: „Ja, so sei es“, so die Bedeutung des Wortes. Folglich war der Händedruck nicht nur symbolischer Ausdruck von Wertschätzung, vielmehr war er vor dem Hintergrund der religiösen Vorstellungen der Zeitgenossen Weihe und an die kirchliche Eheschließung erinnernde Gemeinschaft zugleich. Diese verdankten jedoch ihre tiefere Begründung den besonderen Gnaden der Wallfahrtsstätte.

Den folgenden Akt konnte vor diesem Hintergrund nur Hindenburg vollziehen: Ausschließlich der von der „Vorsehung“ Berufene, durch sein „wundersames Leben“ ausgezeichnete Garant des nationalen Aufstiegs und Wissende um die preußische Vergangenheit war berechtigt, in der Krypta der Kirche Kränze an den Särgen der Könige niederzulegen[35]. Die Pfarrer geleiteten als Hausherren Hindenburg und seinen Sohn zu ihrem Reliquienschatz, den Heiltümern der Garnisonkirche. Beim Betreten der Gruft wurde nochmals das Niederländische Dankgebet angestimmt, also die Anknüpfung an preußisch-protestantische Traditionen und das Wirken Gottes in der preußischen Geschichte. Als Hindenburg die Kränze vor die Särge legte, waren 21 Schuß der Salutbatterie zu hören. Auch hier fallen rituelle Parallelen zur kirchlichen Liturgie auf: Bei der katholischen Eucharistiefeier erinnert eine Glocke an die vollzogene Wandlung; im evangelischen Gottesdienst Läuten an das beim Schluß des Gottesdienstes von der Gemeinde gesprochene Vaterunser. Insofern hatte dieser Gang den Charakter einer Kontaktaufnahme mit der durch Ort, Liedgut und Zeiterfahrung ermöglichten Realpräsenz des preußischen Nationalheiligen Friedrich II. Durch diesen zentralen Akt der Feier war der oberste Priester Hindenburg nicht nur ausgestattet mit der Gnade der „Vorsehung“, er war auch durchdrungen von dem „alten Geist“ (Hindenburg) der Stätte, den es zu übertragen galt: Nach der Rückkehr aus der Gruft erhob Hindenburg wie zu Beginn der Feierlichkeit seinen Marschallstab und grüßte die Anwesenden in der Kirche. So bündelte sich in diesem Tun der gesamte liturgische Ablauf. Dann geleitete Hitler, nun vollends mit dem Einverständnis übernatürlicher Mächte ausgestattet, Hindenburg zum Ausgang.

Die Legitimation des neuen Herrschers auf religiöser Grundlage ist der zweite Akt der Machtergreifung nach der bürokratisch-legalen i. S. der Weberschen Herrschaftssoziologie Beauftragung mit den Regierungsgeschäften durch den Reichspräsidenten aufgrund seiner verfassungsmäßigen Vollmachten. Dieser Händedruck, durch das nachfolgende Handeln des obersten Priesters zum sakramentalen Akt erwachsen, wird auch in der zeitgenössischen Publizistik als Weihe verstanden. Die Zeitschrift Der Tag bringt es auf den Punkt: „Der Repräsentant dieser Zeit grüßt die Großen der Vergangenheit und bringt, aus der Gruft wiederemporschreitend, als ehrfurchtgebietender Mittler dem Jungen Geschlecht den Segen vergangener Jahrhunderte zurück.“

Bedingung für den gültigen Vollzug der Weihe war jedoch das Vorhandensein der Reliquien. Die Parallelen zu den Krönungsordines der Könige und Kaiser vor dem Investiturstreit springen ins Auge: Während die hochmittelalterlichen Herrscher jedoch ihre Stellung als Priesterkönige in einer kirchlich-christlichen Salbung erlangten und dabei Reliquien als Garanten der Wahrheit und Echtheit dieses Vorgangs eine zentrale Rolle spielten, löste sich der Weiheakt 1933 aus dem kirchlichen Kontext. Jedoch bleibt die Einheit von göttlicher Legitimation und politischer Macht erhalten, nun garantiert durch die Anwesenheit der preußischen Könige in ihrer Grablege. Das genaue Verhältnis zwischen göttlichem Heil und dem Segen der Könige bleibt offen, es war eine Gemengelage, je nach den individuellen Dispositionen der Teilnehmer. Entscheidend für die Rekonstruktion der Wahrnehmungshorizonte ist, daß Gott und der „große“ König ihr Einverständnis erteilt haben, Hitler mit dem Neuaufbau eines einigen Reiches zu betrauen.

Nun mag eingewandt werden, diese Interpretation der Feier in der Garnisonkirche sei in ihrer religionssoziologischen und religionsphänomenologischen Perspektive weit hergeholt. In Wirklichkeit sei das Ritual wie auch das vor kurzem in Potsdam geschehene ohne religiöse Sinnstiftung vonstatten gegangen. Dann dürfte jedoch die Stimmung des Tages für die Beteiligten nicht so „ergreifend“ gewesen sein. Dafür sprechen die Zeugnisse ausländischer Beobachter; ein Zeuge ist auch der Arrangeur der Festlichkeit: Goebbels schreibt in seinem Tagebuch, daß alle Teilnehmer Potsdam „erschüttert“ verlassen hätten. Selbst der durchtriebene Propagandaminister sieht Hindenburg ohne Ironie in die Nähe Gottes gerückt: „Er steht und grüßt. Über alldem liegt die ewige Sonne, und Gottes Hand steht unsichtbar segnend über der grauen Stadt preußischer Größe und Pflicht“[36].

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Abb 6: Cover der Publikation von Hans Hupfeld: Reichstagseröffnung in Potsdam. Das Erlebnis des 21. März in Wort und Bild, Potsdam 1933

Auch ikonographische Interpretationen vermögen die religiöse Dimension des Tages von Potsdam zu stützen. Aufschlußreich vor allem das Titelblatt der Erinnerungsschrift Hupfelds, in dem sich dieselben Elemente einer synkretistischen Nationalreligion wiederfinden. Im unteren Teil des Bildes wird die politische Dimension des Tages angedeutet (Abb. 6), nämlich die Verbindung von altem und jungem Deutschland. Die Kolonnen der jungen SA-Männer und die Vertreter des alten Reiches, erkennbar an der Reichskriegsflagge, marschieren zu einem gemeinsamen Ziel, der im Nimbus erscheinenden Garnisonkirche. Folglich handelt es sich bei dem Gang der uniformierten Männer um eine Wallfahrtsprozession, denn ihr Ziel ist ein heiliger Ort, der sich durch die Gräber der beiden Preußenkönige auszeichnet. Die Realpräsenz der Heiligen am Wallfahrtsort findet an der linken Bildseite ihren Ausdruck: deutlich zu erkennen sind die Gruft, die darüber befindliche Kanzel und das Dreieck, das Auge Gottes, in Verbindung mit dem preußischen Adler. Aus der Gruft, gekoppelt jedoch an Predigt und Gott, steigt, wenn man es so sagen darf, Friedrich II. als der Diesseits und Jenseits verbindende Heilige auf. Der König ist in seiner Ikonographie den Zeitgenossen bekannt, denn das Porträt lehnt sich an die Zeichnungen von Adolph Menzel an; auch Gruft und Kanzel sind Menzel nachempfunden. Die Adler verweisen auf das Ringen des Königs in der schweren Zeit des Siebenjährigen Krieges. Auch dieses Motiv findet sich in der Geschichte Friedrichs von Kugler und Menzel[37]. Solchermaßen erfahrbar, verweisen Garnisonkirche und die Gestalt des Königs auf Hindenburg, den Vertreter des deutschen Reichsgedankens, der quasi als Gottvater, zumindest aber als Spitze der priesterlichen Hierarchie dargestellt wird. Seine Attribute sind die Fahne des alten und die des neuen Reiches. Die Beauftragung durch Gott (Auge Gottes und Predigtstuhl) und durch den König gibt Hindenburg die Vollmacht, die Herrschaft nun einem jüngeren, entschlußkräftigen Mann in die Hände zu legen. Was bei der Feier in der Garnisonkirche durch Handschlag und Besuch der Krypta seinen liturgischen Ausdruck fand, wird im Bildaufbau durch den achsenmäßigen Bezug zwischen Hitler und Hindenburg in Szene gesetzt. Gleichzeitig demonstriert der aufschauende Papen sein Einverständnis mit dieser Beauftragung: Die Botschaft von Hindenburg sind die Worte von Goebbels‘ Aufruf „Nimmer wird das Reich vergehen, wenn Ihr einig seid und treu“. Dermaßen die Weisung Hindenburgs beherzigend, zeigt der in sein Amt eingeführte Hitler den Wallfahrern den Weg und verheißt gleichzeitig mit einer Geste, die Hitlergruß und Segnung zugleich ist, eine bessere Zukunft. Bis hierhin kann die Deutung des Bildes und damit der mentalen Dispositionen der Zeitgenossen auf kirchliche Sichtweisen und christliche Offenbarung verzichten. Die religiöse Herrschaftslegitimierung Hitlers könnte jedoch auch mit einem Bild des Neuen Testamentes assoziativ verbunden sein, der Taufe Christi im Jordan. Hindenburg als „Schirmherr“ des deutschen Volkes kann in der Garnisonkirche die Macht auf jemanden übertragen, der ihn an Größe überragt: Hindenburg, der Ältere und ‚Täufer‘, kennt die Tatkraft des Jüngeren, dessen Fähigkeit, dem Willen Gottes zu entsprechen. Auf ihm ruht also der wohlgefällige Blick Gottes. Das biblische Geschehen stellt Bezüge her, wenn auch nicht auf die Gottessohnschaft von Anfang an, so doch zumindest auf die Adoption: „siehe, das ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe.“ Einerlei, ob die Begründung des Charismas Hitlers und damit seiner Herrschaftslegitimation in dem Handschlag Hindenburgs und der damit erfolgten „Kraftübertragung“ oder in der Assoziation mit der Taufe am Jordan begründeten messianischen Komponente des Führers beruhte, das Ergebnis des Tages von Potsdam in seiner religiösen Dimension wird deutlich: Kirchliches Heil und die aus den nationalen Mythen sich kristallisierende, kultisch verselbständigende Nationalreligion begründeten den Herrschaftsanspruch Hitlers. Ein solches Ritual erzeugte Begeisterung und religiöses Vertrauen in die außeralltäglichen Qualitäten des neuen Reichskanzlers, die sich über den Tag von Potsdam und die zwei Tage später stattfindende Sitzung des Reichstages in der Krolloper hinaus erstreckten.

Die Vertreter der evangelischen Kirchen der Altpreußischen Union standen noch zwei Wochen später unter dem nachhaltigen Eindruck des Tages von Potsdam. Sie hatten ja in der Nicolaikirche der neuen Regierung den kirchlichen Segen gegeben, hatten auch der Feier in der Garnisonkirche beigewohnt und dabei die bekannten Choräle und Reminiszenzen an die preußische Geschichte erfahren. So sahen die Kirchenmänner den Tag nun nahtlos eingereiht in den kirchlichen Kalender, denn in ihrer Osterbotschaft kann man den Tag von Potsdam wiederfinden. Die Auferstehung Christi fand so eine neue heilsgeschichtliche Dimension: „Die Osterbotschaft von dem auferstandenen Christus ergeht in Deutschland in diesem Jahr an ein Volk, zu dem Gott durch eine große Wende gesprochen hat.“ In der Botschaft spiegelt sich die dynamische Interpretation der Zwei-Reiche-Lehre Luthers, wie wir sie schon in der Predigt von Dibelius gefunden haben: Es ist nicht mehr Aufgabe der evangelischen Christenheit, der rechtmäßigen Obrigkeit untertan zu sein, sondern aktiv zu helfen: „Sie ist freudig bereit zur Mitarbeit an den nationalen und sittlichen Erneuerungen unseres Volkes“[38]. Dies gilt mit Einschränkungen auch für die Katholiken, wollte man bei dieser nationalen Einigung nicht ausgegrenzt bleiben. Der ungeheure Eindruck, den die Vermittlung kirchlichen Heils machte, ließ es der Zentrumsfraktion u. a. ratsam erscheinen, dem Ermächtigungsgesetz zuzustimmen; die Bischöfe verstanden die Drohgebärde Hitlers in Gestalt seines Fernbleibens bei dem katholischen Gottesdienst richtig, hörten aber auch aus seinen Reden heraus, daß das Christentum und damit auch der Katholizismus in Zukunft eine zentrale Rolle spielen werde.

Im folgenden soll am Beispiel Westfalens der rituelle Nachvollzug des Tages Gegenstand sein. Hier werden Argumente zu suchen sein, die die oben gemachten religionssoziologischen und religionsphänomenologischen Deutungen stützen können. Zudem liegt das Erkenntnisinteresse der Fallstudie darin begründet, den Tag von Potsdam nicht als isoliert dastehendes Ereignis zu betrachten, sondern seine Ausstrahlung auf breite Gruppen der Bevölkerung zu belegen. Die Fallstudie leistet insofern einen Beitrag, die religiöse Tiefendimension und die kirchlichen Deutungen verallgemeinerbar zu machen. Sie könnte auch eine genauere Antwort auf die Frage geben, wie das Spannungsverhältnis zwischen Kirchen und nationaler Religion aussah und wie sich dieses im Verhalten von kirchlichen Amtsträgern und Laien konkret äußerte.

III. Die Feier in Westfalen

Die Ereignisse in Potsdam standen nicht isoliert da. Was sich in den Berichten der Nachrichtenbüros nur als kurze Notiz niederschlägt („aus Anlaß der Reichstagseröffnung fanden auch im ganzen Reich würdige Feiern statt“), läßt sich bei näherer Betrachtung als Nachvollzug und eigenständige Ausgestaltung des Ereignisses mit wenigen Ausnahmen selbst in der kleinsten Ortschaft nachweisen.

1. Voraussetzungen

Zentrale Bestandteile der Feierlichkeiten in Potsdam gehörten zur nationalen Festkultur und zu den gottesdienstlichen Feiern in Westfalen. Dies gilt beispielsweise für die in Potsdam verwandten Lieder. Der Choral von Leuthen und das Niederländische Dankgebet stellten einen unverzichtbaren Bestandteil der Gedenkfeiern der Völkerschlacht von Leipzig 1813 oder von Regierungsjubiläen dar. Die evangelischen Gläubigen von Versmold im Ravensberger Land feierten in ihrer Kirche das 100jährige Jubiläum der Befreiungskriege. Das Schlußlied bildete der Choral von Leuthen: Die Gemeinde sang die erste Strophe stehend, bei der zweiten Strophe untermalten Glocken den Gesang, dann setzte auch die Orgel ein[39]. Als man in Bielefeld 1913 das Regierungsjubiläum von Kaiser Wilhelm II. feierte, begann der Gottesdienst mit dem Niederländischen Dankgebet[40]. Zu einem Massenereignis wurde 1896 der Besuch des Kaisers anläßlich der Einweihung des Kaiser-Wilhelm-Denkmals an der Porta Westfalica, 1 300 Posaunenbläser huldigten im Spalier dem Kaiser. Als dieser den Rückweg nach Minden antrat, war als Schlußpunkt ihres Abschieds „Nun danket alle Gott“ vorgesehen[41]. Auch in der Arbeiterschaft, zumindest der christlich orientierten, waren diese Lieder bekannt. Der Jöllenbecker Posaunenchor bereicherte die Jubiläumsfeier des christlichen Textilarbeiterverbandes mit dem Niederländischen Dankgebet[42]. Auch im katholischen Bereich hielten die beiden Choräle gelegentlich ihren Einzug[43].

man in Zentrumskreisen in Westfalen der Weimarer Republik zumeist wohlwollend gegenüberstand, sah man insbesondere im Klerus die Gefahren des Atheismus in Verbindung mit dem zunehmenden Bedeutungsverlust kirchlicher Normen und Werte. Zudem wurde die allmähliche Auflösung des katholischen Milieus konstatiert und auf Abhilfe gesonnen[44]. Generell war die Loyalität zum Weimarer Staatswesen jedoch vorhanden, wenn auch autoritär-ständische Konzepte im Kommen waren. Anders sah es in protestantisch-nationalkonservativen Kreisen aus.

Die Distanz zu dem durch „Revolution“ und militärische Niederlage zustandegekommenen ersten deutschen demokratischen Staatswesen läßt sich von 1918 bis 1933 nachzeichnen. Kriegervereine, Jungdeutscher Orden, konservative Parteien und gegen Ende der Republik der Stahlhelm waren Organisationen des bürgerlichen oder großbäuerlichen Vereinswesens, in denen sich auch kirchliche Kreise inklusive der Pfarrerschaft wohlfühlten. Die nationalkonservativen Pastoren wohnten Kriegerfesten bei, auf denen man sich in das Kaiserreich zurücksehnte, hielten Feldgottesdienste ab und diskriminierten die als sozialdemokratisch oder kommunistisch verdächtigte Arbeiterschaft bei vielen Gelegenheiten, selbst bei Beerdigungen[45]. Viele Pfarrer sahen die Weimarer Republik als Zeit der Not und der gottgewollten Prüfung. 1929 fanden sich Bielefelder Protestanten anläßlich des zehnten Jahrestages des Versailler Vertrages zu einem Gedenkgottesdienst in der Altstädter Kirche ein, Pastor Köhler malte in seiner Predigt den Niedergang Deutschlands an die Wand. Ein neuer Wiederaufstieg sei erst dann möglich, „wenn das deutsche Volk die Frage ‚wuchs und reifte ich durch all diese Not?‘“ beherzige. Die Hoffnung auf Besserung klammerte sich an die Gestalt Hindenburgs. Er galt bei den Protestanten Westfalens als Schutzherr des Reiches und des protestantischen Glaubens. In Ersatz für die Feier von „Kaisers Geburtstag“ hielt man etwa in Bielefeld am 2. Oktober 1932 — Hindenburgs Geburtstag — eine Feier auf dem Johannesberg ab. Die Stellung Hindenburgs als priesterliche Gestalt, die einen göttlichen Auftrag habe, wird in einem Gedicht deutlich, das ihm die Bielefelder widmeten. Zunächst dankt der Autor Gott, daß er Deutschland das „teure Leben“ Hindenburg geschenkt habe. Hindenburgs stetes Bestreben sei es gewesen, in „Kampf und Leiden für die Deutschen Wach’“ zu stehen, für sein Volk, seine „Herde“. Das Dank- und Bittgebet läßt also die Assoziation von Hindenburg als guten Hirten aufkommen, macht ihn zur christusähnlichen Gestalt. Das Leiden des alten Mannes solle Gott doch beherzigen, um ihm „ein bißchen Sonne vor dem Scheiden“ zu vergönnen. Dieses sei die Zeit, in der das deutsche Volk wieder geeint werde, in der der „heilige deutsche Name von allen Völkern vernommen wird“. Die Zeilen enden in einem beschwörenden Stoßgebet: „Die Stunde noch! Die Stunde, Gott im Himmel!“[46] Am 21. März 1933 sahen viele Bielefelder ihre Gebete erhört.

2. Grundzüge[47]

Die Voraussetzungen für eine Heraushebung des Tages aus dem Wochenablauf wurden von der Reichsregierung und den Länderregierungen sowie den kommunalen Verwaltungen geschaffen. Für die preußischen Behörden erging die Anweisung, Hakenkreuz und schwarz-weiß-rot zu flaggen; die Beamten waren angewiesen, Sonntagsdienst zu verrichten und die frei werdende Zeit für die Teilnahme an den örtlichen Feierlichkeiten zu verwenden. Gleiches galt für die Kommunalbeamten. In der preußischen Provinz Westfalen ebenso wie im Land Lippe fiel für die Schulkinder der Unterricht aus, um geschlossene Schulfeiern zu ermöglichen, in deren Mittelpunkt die Übertragung der Feier in der Garnisonkirche stehen sollte. Die Gewerbeämter wiesen die Geschäftsinhaber an, von 12 bis 14 Uhr die Ladenlokale zu schließen, um auch auf diese Weise eine ungestörte Rundfunkübertragung zu ermöglichen[48]. Die weitere Ausgestaltung der Feierlichkeiten wurde hingegen nicht von oben dirigiert.

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Abb 7: Aufruf zur Feier in Bad Oeynhausen

Initiativbildend war jedoch der Aufruf von Goebbels, der die „nationalen Verbände“ im ganzen Reich aufgerufen hatte, die Feier der Reichstagseröffnung durch abendliche Fackelzüge und, wo möglich, Feuer auf den Bergen nachzuvollziehen. Diese Gruppen waren es denn auch, die in Verbindung mit den Spitzen der örtlichen Verwaltungen organisatorisch tätig wurden. Es beteiligten sich insbesondere Kriegervereine, Stahlhelm, bürgerliche Turnvereine, Schützenvereine, freiwillige Feuerwehr, bürgerliche Gesangvereine, deutschnationale Formationen als Vertreter des nationalen Spektrums, NSDAP, SA, SS, Hitlerjugend als Vertreter der Nationalsozialisten (Abb. 7). Diese Gruppen besprachen sich, wie der abendliche Fackelzug durchgeführt werden konnte, überlegten, wer für die Reden in Frage kam. Ein Beispiel aus dem Ravensberger Land ist die Gemeinde Spenge, wo sich aufgrund von Interviews und Archivüberlieferung die Organisation nachzeichnen läßt[49]. Der Bürgermeister koordinierte die Vorbereitungen, indem er die einzelnen Vereine und Verbände zu einer Zusammenkunft aufrief. Stahlhelm, Kriegerverein, Deutsche Turnerschaft, Sanitätskolonne, freiwillige Feuerwehr und evangelischer Männer- und Jünglingsverein waren vom bürgerlich-nationalen Milieu her beteiligt. Es waren dieselben Gruppen, die die Verfassungsfeier des Jahres 1932 hatten platzen lassen. Zu diesen Gruppen stieß die SA. Man kam beim örtlichen Buchhändler zusammen, der die notwendigen Fackeln beschafft hatte. Darüber hinaus lud der Bürgermeister von Spenge die Einwohnerschaft ein, sich am abendlichen Fackelzug zu beteiligen. In Lünen trafen sich sämtliche Gesangvereine des Ortes zu einer Probe am Montagabend, bei der der gemeinsame Auftritt eingeübt werden sollte. Zusammen mit dem Bürgermeister riefen der Verband der militärischen Vereine, Stahlhelm und die NSDAP die Bevölkerung auf, schwarz-weiß-rot und Hakenkreuz zu flaggen und am Fackelzug teilzunehmen. Ähnliche Aufrufe gibt es für Orte, in denen der Katholizismus prägendes Moment war. Auch hier zeichneten lokale Verwaltungsbeamte und die militärischen Vereine für die Organisation und Einladung verantwortlich. Als Ziel der abendlichen Fackelzüge rückten zentrale Plätze, herausgehobene landschaftliche Gegebenheiten und die aus den nationalen Festen bereits hinlänglich im Mittelpunkt stehenden Kriegerdenkmäler bzw. Denkmäler der Befreiungskriege ins Blickfeld. Einige Beispiele für die Geschichte und Mythen vermittelnde Platzwahl: in Porta Westfalica bot sich das Kaiser-Wilhelm-Denkmal über dem Ort an; in Bielefeld erkoren sich die nationalen Vereinigungen den Ort, an dem schon 1932 das Geburtstagsfest des Reichspräsidenten stattfand, den Johannesberg; und in Bad Oeynhausen war als Zielpunkt eine Insel im Kurpark bestimmt. Wo es die landschaftlichen Gegebenheiten zuließen, griff man die Anregung des Propagandaministers, „Freudenfeuer“ auf den Bergen anzuzünden, dankbar auf, so in Halver und Brügge im märkischen Industrierevier und an der Porta.

An allen Orten fanden Schulfeiern statt, in denen Lehrer die Einführung in die Übertragung aus Potsdam gaben. In Städten, in denen Militär oder größere Polizeieinheiten stationiert waren, gab es bereits mittags eigenständige Veranstaltungen.

3. Die Feier im evangelischen Westfalen

Zunächst ist festzuhalten, daß es für die evangelische Kirche keine Richtlinien für die Zelebrierung des Tages gegeben hat. Predigthinweise, Anordnungen zur Gottesdienstgestaltung oder sonstige Anweisungen, den Tag feierlich zu begehen, können nicht nachgewiesen werden[50]. Überblickt man die Zeugnisse zur Feier, so fällt mit Ausnahme der Militär- und Polizeistandorte auf, daß nur an wenigen Orten gottesdienstliche Einleitungen des abendlichen Fackelzuges stattgefunden haben. Einige Ausnahmen sind zu nennen: besonders im märkischen Industrierevier gab es eine Einheit zwischen Fackelzug und kirchlicher Feier, so in Herscheid und in Milspe bei Schwelm. Dort fand ein „vaterländischer Dank- und Bittgottesdienst“ statt. Einige Hinweise lassen sich auch noch auf Gemeinden im Ostwestfälischen finden, so in Hagedorn (Häver).

Militärseelsorger oder Pfarrer, die mit der Seelsorge der Polizei betraut waren, übernahmen es in den morgendlichen Gottesdiensten, ihre Interpretation des politischen Geschehens und der sakralen Ereignisse in Potsdam zu verkünden. Kirchlich vermittelte Frömmigkeit und damit liturgisch abgesicherte Heilsspendung nahmen nicht die hohe Bedeutung ein, wie ich sie für Potsdam herausgearbeitet habe. Dies kann zunächst eine ganz profane Ursache gehabt haben: Nach wie vor war der 21. März ein Arbeitstag. Ein abendlicher Gottesdienst war unüblich, und von daher entfiel eine solche Einleitung für den Fackelzug. Vielmehr verließen sich die Kriegervereine und nationalen Verbände unter Einschluß der NSDAP auf die schon Jahrzehntelang bewährten Abläufe nationaler Feierlichkeiten. Elemente von Kirchlichkeit waren integrale Bestandteile der Ehrung der Kriegsgefallenen, der Kriegerfeste und nationaler Weihestunden. Viele der Pfarrer waren an führender Stelle in den nationalen Verbänden tätig und nahmen auf diese Weise an den Feierlichkeiten teil, einige sogar in herausragender Stellung als Redner. An den Orten, an denen für Polizei und Garnison Gottesdienste stattfanden, nutzte die Bevölkerung die Gelegenheit zur Teilnahme.

Die Bereitschaft, dem Tag von Potsdam auch in Westfalen kirchliches Heil nicht zu versagen, wird aus den Predigten der mittäglichen Feldgottesdienste, den Reden von Pfarrern im Verlaufe der abendlichen Feiern und aus den wenigen Belegen für die Integration kirchlicher Feiern in das abendliche Geschehen deutlich. Zunächst soll jedoch ein führender Vertreter des westfälischen Protestantismus zitiert werden, zum einen im Hinblick auf seine kirchlich-theologische Deutung, zum anderen daraufhin, ob sich Elemente der nationalen Religion nachweisen lassen.

Der ehemalige Generalsuperintendent von Westfalen, Wilhelm Zoellner, hielt am Vorabend des Tages von Potsdam einen Vortrag, in dem sich ähnlich der Predigt von Dibelius die religiöse Erfahrung einer „Zeitenwende“ findet[51]. Anknüpfungspunkt ist für ihn die Reformation, in der die Gnade Gottes nach „schwerster Notzeit“ allen zuteil wurde. Doch dann, so Zoellners Geschichtstheologie, habe das deutsche Volk „nach den ersten schönen Anfängen diese Gnade verschmäht“. Es begann das Zeitalter des Individualismus und der Aufklärung. Nun sei etwas „Neues“ angebrochen, der „Gedanke des Volkstums“ sei anerkannt worden, insbesondere auch durch die völkische Bewegung. Volkstum bringe es nämlich mit sich, dem Glauben eine zentrale Bedeutung zuzusprechen. Die Aufgabe der evangelischen Kirche bestehe insofern darin, als „Leuchtturm“ die Botschaft der Reformation nun wieder in das Volk zu tragen. Die von Gott eingesetzte Obrigkeit müsse jeder Christ anerkennen und seine Pflicht als Christ und als Staatsbürger tun, auf der anderen Seite sich nach den Geboten Christi, dem „Gesetz der dienenden Liebe“, verhalten. Wenn man Zoellner richtig versteht, hat die NS-Bewegung mit ihrer Betonung des christlichen Gedankens der Kirche die Möglichkeit eröffnet, eine neue Reformation anzustreben, was die Unterstützung der Kirche für die neue Regierung begründen hilft. Die dynamische Interpretation der Zwei-Reiche-Lehre veranlaßt Zoellner zu folgendem Bekenntnis: „Wir stellen uns heute am Vorabend des 21. März auf den Boden der völkischen Bewegung. Wir stellen uns so darauf, daß wir auf diesem Boden kämpfen wollen für die Einsetzung des reformatorischen, d. h. des biblischen Glaubens, in der Kraft des geoffenbarten Evangeliums in seiner Kirche, zum Dienst an Volk und Vaterland. So stehen wir heute Abend in heißem Gebet für den Tag und den Abschnitt, der morgen in dem feierlichen Akt kundgetan wird. Möge der Tag der Umkehr unseres Volkes auch ein Tag der Umkehr werden zu dem lebendigen Gott!“

Die Erfahrung vom göttlichen Eingriff in die Welt nach einer Zeit des Niederganges und die daraus resultierende Bejahung des neuen Staatswesens leiteten auch andere Pfarrer Westfalens und machten es ihnen leicht, die göttliche Gnade für das Handeln der Regierenden herabzuflehen. Stand Zoellner fest in der Tradition des lutherischen Protestantismus, so läßt sich in den Predigten oder Reden anderer evangelischer Pfarrer die Infiltration der nationalen Mythen nachweisen, ja mehr als das, eine Religiosität, die nicht mehr durch den offiziellen Protestantismus gedeckt wird. Das Oszillieren zwischen Mythos, nationaler Religion und kirchlicher Lehraussagen ist ein zentrales Ergebnis, wenn man die evangelische Geistlichkeit betrachtet. Dies erscheint auch folgerichtig, weil in Potsdam die beiden Ebenen getrennt zelebriert wurden und in ihrer Gesamtheit erst die Durchschlagskraft der Herrschaftslegitimation auf religiöser Grundlage ausmachten. Besonders in der überkommenen Form der Feldgottesdienste zeigt sich die Verbindung von Nationalprotestantismus und religiöser Anknüpfung an die Mythen um die Preußenkönige.

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Abb 8: Festakt in Osnabrück

In der Bezirkshauptstadt Minden nahmen am Feldgottesdienst auf dem Simeonsplatz neben der Reichswehr SA und SS sowie der Stahlhelm teil. Nach dem gemeinsamen Choral: „Großer Gott wir loben Dich“ folgte die Predigt des evangelischen Feldgeistlichen. Es sei die Zeit des „Frühlingserwachens“ und der „Märzstürme“ gekommen, die das bisherige Staatswesen — „ein armseliger, morscher Bau“ — zusammenbrechen ließen. Der Tag zeige den Sieg des „friderizianischen Geistes“ über den Geist von Weimar. Dann wird jedoch der Bezug zu Gott hergestellt, denn der Tag von Potsdam sei eine „Gnade aus Gottes Hand“ und die Erfüllung „unserer Gebete“. Es gelte auch zukünftig, den Neuaufbau zu leisten, für den man aber beständig beten müsse.

In der Garnisonsstadt Osnabrück, die man historisch getrost zum nichtpreußischen Westfalen zählen kann, fand der Feldgottesdienst eine halbe Stunde vor Beginn des Festaktes in der Garnisonkirche statt (Abb. 8). Stahlhelm, SA und Reichswehr hatten sich auf dem Ledenhof versammelt. Die Glocken der evangelischen Kirchen läuteten die Festlichkeit ein. Den Beginn markierte der Choral von Leuthen. Pastor Schmelzkopf kann in seiner Predigt den Eingriff Gottes in das weltliche Geschehen mit dem Psalm 77 belegen: „Gott, Dein Weg ist heilig — Du hast Dein Volk erlöst mit Macht“. Ein Sturm brause durchs Land, der jeden einzelnen erfasse. Einen ähnlichen einheitsstiftenden Sturm habe Deutschland am 21. März 1871 und bei Kriegsbeginn 1914 erlebt. Die völkische Theologie feiert bei Schmelzkopf fröhliche Urständ. Der Tag von Potsdam markiere einen gottgewollten neuen religiösen Aufbruch, „nun endlich ist‘s so weit, nach langer Irrfahrt auch ein Volk des Glaubens“. Das deutsche Volk sei deshalb herausgehoben, weil es seine Bindung nicht im Diesseits gefunden habe, sondern — im Gegensatz zu anderen Völkern — immer den Blick auch in „Gottes Ewigkeit“ geworfen habe. Es sei ein Volk gewesen, das seine Geschichte nicht allein als ein Stück des Weltgeschehens auffassen konnte, sondern als Ausdruck des „heiligen Willens seines Gottes“. Demzufolge kann Schmelzkopf nun die Zeit des Niederganges von 1918 bis 1933 mit neuem Sinn erfüllen: Es sei eine Zeit der Prüfungen gewesen, gleichzeitig aber auch ein Weg der „Reinigung“, der beschritten werden mußte, um zu einer besseren Zukunft zu gelangen. Das Ende der Leidenszeit zeige sich nun im „Aufbruch“ der Nation, der einhergehe mit der Einheit des Glaubens, denn: „gottlose Völker vergehen — gottgebundene Völker bestehen und werden leben“. Das Leid der Weimarer Republik bekommt hier einen höheren, Gott gewollten Sinn, der die jeder Religion eigene Frage nach dem Leiden in der Welt und der Stellung Gottes (Theodizee-Problematik) eine Antwort gibt. Schmelzkopf konnte auf diese Weise die Bahnen des Protestantismus verlassen und Bilder gebrauchen, die den Leidensweg Christi und seine Auferstehung in Beziehung zu den Geschehnissen in Potsdam setzten — deutlicher kann man die Nationalisierung der Religion nicht zum Ausdruck bringen. Christi Auferstehung bleibe ohne seine Leiden unverständlich, gleiches gelte für das deutsche Volk, deshalb: „Du sollst an Deutschlands Zukunft glauben, an Deines Volkes Auferstehen“. Auch das welfische Osnabrück blieb vom Ruhm Potsdams nicht verschont. Hindenburg habe in der Gruft für das „ganze einige Volk“ Dank abgestattet und seine „Ehrfurcht“ zum Ausdruck gebracht.

Für die Polizei und die aus SA, SS und Stahlhelm gebildeten Verbände der „Hilfspolizei“ Bielefelds fand in der Neustädter Kirche am Morgen des 21. März ein Gottesdienst statt. Der mit der Seelsorge der Beamten betraute Pfarrer Bonhoff sah den Tag als ein Bekenntnis dafür an, daß die durch die beiden Preußenkönige verkörperten „Energien“ die tragenden Kräfte einer neuen „Volksbewegung“ seien. Friedrich Wilhelm I. stehe für eine „männliche Glaubenshaltung“, sein Sohn für die „Pflichterfüllung‘“ und für den Aufstieg Preußens zur Großmacht. Nicht die Gestalten des Christentums wurden als Vorbilder präsentiert, wie es die Reformatoren trotz ihrer Ablehnung der Heiligenverehrung noch für möglich hielten, vielmehr Gestalten der preußischen Geschichte, die mit Eigenschaften versehen wurden, die ihr Weiterleben auch in der Gegenwart sicherten. Bonhoff verfiel wie Dibelius, Zoellner und Schmelzkopf der durch den Tag von Potsdam möglich gemachten neuen Deutung der Zwei-Reiche-Lehre Luthers und verknüpft diese mit der Volkstheologie: Die neue Regierung könne ihr Einigungswerk nur vollbringen, wenn religiöse Kräfte das ganze Volk beseelen würden.

Was sich in den offiziellen Gottesdiensten abzeichnete, nämlich die besondere Hinwendung Gottes zum deutschen Volk, wird auch in den Redebeiträgen evangelischer Pfarrer bei den abendlichen Kundgebungen deutlich.

Wie das Neue Testament die Heilstat Christi als Neuen Bund schildert, so sahen viele protestantische Pfarrer Westfalens, weitergehend als Dibelius, in ihren Predigten und Redebeiträgen einen weiteren Bund in der deutschen Geschichte, beginnend mit der Reformation Luthers, fortgeführt im Preußen Friedrich des Großen, weiterentwickelt im Deutschen Reich Bismarcks und dann, nach einer Zeit des Niederganges, nun wieder beginnend mit dem Tag von Potsdam. Pfarrer Wendland, lutherischer Pfarrer der Hagener Kirchengemeinde Haspe, sprach (besser: predigte) bei der abendlichen Feier in der Hagener Stadthalle als Vertreter der Kampffront schwarz-weiß-rot, der Organisation der DNVP, zum Thema: „Zeitenwende‘“[52]. Gott ist es, dessen Gnaden im März 1933 besonders intensiv zu spüren sind, so der Pfarrer. „Wir fühlen, daß eine unsichtbare Hand arbeitet, um wieder ein Blatt deutscher Geschichte umzuwenden.“ Warum ist das deutsche Volk so besonders eng mit Gott verbunden? Zunächst durch die Geschichte, denn in der Reformation Luthers und im Beginn des deutschen Reiches 1870, von Wendland als protestantisches Reich verstanden, zeige sich dies deutlich. Folgt man Wendland weiter, können Gedankengänge identifiziert werden, die sich von der lutherischen Rechtfertigungslehre unterscheiden. Ausgangspunkt ist für Wendland wiederum die Weimarer Republik als Zeit der Leiden, die es zu erklären galt: „Noch vor einigen Jahren wußten wir nicht, warum wir den Krieg verloren hatten. Es war eine scheinbare Sinnlosigkeit, heute kennen wir den Sinn: es ist das blutgeeinte deutsche Volk.“ So verstanden, sind die Toten des Weltkrieges und das Leiden in der Weimarer Republik das Opfer, um Gott wieder versöhnlich zu stimmen. Das Opfer, das das deutsche Volk gebracht hat, garantiert göttliche Wohltaten, so kann man die Worte des Hasper Pfarrers verstehen; zudem tauchen wie bei der Predigt Schmelzkopfs Bilder auf, die den Leidensweg Christi in Analogie stellen zum Blutopfer der Soldaten.

In der ostwestfälischen Kleinstadt Gütersloh, einem der Zentren der neupietistischen Erweckungsbewegung, sprach der Pastor der lutherischen Kirchengemeinde, Gronemeyer. Wie bei Wendland zeigt sich für den Gütersloher Geistlichen Gott bevorzugt in der deutschen Geschichte. Hervorstechendes Merkmal der Deutschen sei der Wunsch nach Einheit und Gläubigkeit, wie es sich beispielsweise in der Zeit des Krieges gegen Frankreich 1870/71 gezeigt habe. Gronemeyer bewegt sich wie die anderen Pastoren in der Grauzone zwischen kirchlicher Theologie und nationaler Religion. Die Herrschaft der Preußenkönige sei auf „Gottesfurcht und Glauben“ gegründet gewesen. Von daher fällt es Gronemeyer leicht, als zentralen Bestandteil der Feier in Potsdam die Kranzniederlegung Hindenburgs an den Gräber der Preußenkönige herauszuheben. In diesem Moment sei es den Güterslohern klar geworden, daß die Arbeit der neuen Regierung unter Gottes Schutz stehe: „Gott möge es lenken, denn er allein hat die Macht dazu“. Gronemeyer verweist dann auf den Handschlag zwischen Hindenburg und Hitler und erinnert an die Rede des letzteren: wenn seine Sympathien auch dem Reichspräsidenten gelten und er ihm eine besondere Stellung im heilsgeschichtlichen Werk zuweist, kann Gronemeyer nicht umhin, auch in den Worten Hitlers „den großen Ruf [Gottes, W. E.]“ zu fühlen. Damit hat auch der deutschnationale Pastor Gronemeyer über die Feier in Potsdam zu einem Hitler gefunden, der zum einen durch die überragende Person Hindenburgs und die mit ihm verbundenen preußischen Mythen religiös legitimiert wird, der zum anderen jedoch auch aus der Geschichtstheologie heraus zu einem von Gott Herausgehobenen wird. Damit verläuft die religiöse Legitimierung wieder in kirchlichen Bahnen, wofür auch die abschließenden Lieder sprechen: „ich hab‘ mich ergeben‘ und „Gott behüte unsere Lande, unsere Seelen vor der Schande, Gott erhalte Deutschland frei“.

Festzuhalten bleibt, daß die Kirche der Feier des Tages von Potsdam generell nicht ihren Stempel aufdrücken konnte. Dies ist nicht als Argument für fehlende Kirchlichkeit zu werten: Die Potsdamer Gottesdienste wurden im Rundfunk übertragen, am folgenden Tag in den Zeitungen beschrieben. Die Kirchengebäude traten durch Beflaggung und/oder Glockengeläut in Erscheinung. Auch boten sich den Teilnehmern in der evangelisch-westfälischen Provinz Bestandteile bei den Feierlichkeiten an, die sie im Kontext ihrer Kirchenerfahrung mit Kirchlichkeit gleichsetzen konnten. Laien kam die Funktion zu, die Geschehnisse in Potsdam in ihrem religiösen Sinngehalt zu deuten und den Beistand Gottes und/oder der heiligen Könige herabzuflehen. Es hat sich die lutherische Idee des allgemeinen Priestertums der Gläubigen durchgesetzt, doch entsprang der Anlaß nicht dem reformerischen Wollen der Amtskirche.

Laien als Prediger

Als Vertreter des deutschnationalen Lagers traten die Bürgermeister als Spitzen der Verwaltung, Schulleiter, Ärzte oder sonstige Vertreter des Bildungsbürgertums auf; dazu kamen die Redner der NSDAP. Zunächst lassen sich Parallelen zu den Reden und Predigten der Pfarrer aufzeigen: Der Tag von Potsdam war der Tag, an dem auch die Laien den göttlichen Eingriff in die Welt verspürten. Offensichtlich benötigten sie hierfür nicht die Interpretation aus berufenerem Munde, also seitens der Pfarrerschaft. Die Deutung des Tages als göttliches Wollen bekamen die Westfalen bereits am Morgen in der Zeitung zu lesen. Eine Hagenerin gibt im Westfälischen Tageblatt ihren Gefühlen Ausdruck: Der Tag sei „ein gewaltiges Beben, das Deutschland erzittern“ lasse. Die Zeit der Not, die Zeit von „Jammer und Pein“ seien vorbei, denn „Oh, Herr, mach uns frei!“. Die Anspielung auf das Niederländische Dankgebet wird fortgeführt, indem die Autorin an das nahe Gericht erinnert, doch nun habe das deutsche Volk seine Pflichten erkannt, Gott der „Allmächtige“ helfe nun, das Reich der Zukunft zu bauen, das „Heilige Deutschland“. Die Autorin verläßt sich nicht auf die kirchliche Lehre vom Vertrauen auf die göttliche Gnade, nein: die Deutschen hätten durch die Leidenszeit und durch ihre Tugenden die göttliche Hilfe auch verdient. Diese enge Verbindung von Werkfrömmigkeit und göttlichem Eingriff fand auch bei den Feiern ihren Ausdruck. Der Rektor der Herforder Mittelschule, Fischer, übernahm es, seine Sichtweise von Potsdam den Zuhörern zu verkünden: Die Reichstagseröffnung bedeute das Zeichen religiöser Erneuerung: „Wir müssen es wieder lernen, uns in Dankbarkeit vor der Majestät des Leiters des Weltgeschicks zu beugen“, Fischer nutzt die Metapher des Feuers: Heiliges Feuer und Freiheitsfeuer, in der deutschen Geschichte belegt, würden an diesem Tag das gesamte deutsche Volk verzehren, hier gelte es anzuknüpfen, denn alle Herforder sollten „Fackelträger‘“ an dem Neuaufbau Deutschlands werden. Dieses Feuer sei jedoch nicht allein menschliches Werk, es brenne zwar durch den Tag von Potsdam, doch sein Ursprung sei Gott. Fischer zieht das Pfingstereignis heran und interpretiert es als Form des göttlichen Beistandes, der automatisch-sakramental erwirkt werden kann: Gott gebe „das Feuer des Heiligen Geistes; das der allmächtige Gott denen verheißen hat, die ihn darum bitten!“

Ein anderer Schulleiter Herfords, der Direktor des Friedrichsgymnasiums; Dr. Deneke, hatte in Befolgung der Anweisung der preußischen Regierung Zeitgleich mit dem Ereignis in Potsdam eine Feier abhalten lassen. Die Schüler intonierten zu Beginn: „Ein’ feste Burg ist unser Gott“. Dem lutherischen Bekenntnislied folgte eine Verlesung aus dem Neuen Testament, hier aus der Offenbarung des Johannes. Der Schulleiter hatte sich das 21. Kapitel ausgesucht: „Siehe; ich mache alles neu!“ Die Wahl einer Passage aus der Apokalypse demonstriert nachhaltig, wie sehr der Schulleiter den Tag als den Beginn eines neuen Gottesreiches ansah. Diese Interpretation des Tages geht über die oben skizzierten Predigttexte hinaus, sie zeigt, daß sich religiös gesinnte Laien zwar noch von der Bibel leiten ließen, jedoch sich aus dem kirchlichen Kontext lösten. Hauptredner der Feier in Lünen war einer der Organisatoren, der Oberbürgermeister Schlegtendal. Auch sein Redebeitrag ist als Predigt außerhalb der Kirche zu werten: Er sah mit dem Tag von Potsdam einen Einigungsprozeß des Volkes im Entstehen, der gleichzeitig auch eine Rückkehr zum Christentum bedeute. Die neue Regierung sei der Garant für die Bekämpfung der Gottlosigkeit. Gestützt werde sie von Gott, der ein „mächtiger Gott“ sei, vor dem man sich nur verneigen könne. In Bad Oeynhausen endet der Bericht über die örtliche Feier mit den Worten: „Gott gebe es und lasse das große Erlebnis dieses wundersamen Abends zu einem Mark- und Grundstein einer neuen und zukunftsstarken Zeit werden.“

Was sich bei den protestantischen Predigern in Westfalen bereits abzeichnete, nämlich die Eigendynamik des Mythos Potsdam, wird in Zeitungen und in Redebeiträgen von Laien noch offensichtlicher. Der Leitartikler der Hagener Bergisch-Märkischen Zeitung verbindet Potsdam mit religiösen Gedanken. Die Zusammenkunft in der Garnisonkirche sei zum einen gottgebunden, denn in der Feier habe man sich vor dem „Ewigen“ gebeugt. Zum anderen kämen aber auch die Verbindungen mit der großen Vergangenheit zutage. Beides zusammen sieht der Autor als „Kraftquellen“, aus denen der preußische Staatsgedanke sich speise. Solange ein preußischer Staat vorhanden sei und auch seine Bewohner ihre Pflicht tun würden, solange sei der König unsterblich. Dies äußerte sich, folgt man dem Artikel weiter, in vielen Begegnungen der Garnisonkirche: erinnert wird an die Zusammenkunft von Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise mit dem Zar und an den Besuch von Napoleon. Die Gräber der beiden Könige nähren die „Hoffnung in unseren Herzen“, die „jung und stark“ bleibt. In Bünde rief der Sprecher des Stahlhelms: „Möge der Geist Friedrichs des Großen, ..., auch unseren Reichstag beseelen und ihm zum Siege verhelfen.“ Danach wurde Friedrich der Große mit dem Choral von Leuthen beschworen.

Offensichtlich entsprechend zur Feier in der Garnisonkirche geriet Friedrich zu der Gestalt eines Heiligen, dem man eine besondere Kraft zutraute, Tief im Innersten waren die Redner davon überzeugt, daß er am 21. März seine Hilfe zur Verfügung stellen wird: Wilhelm Gräfer, Bürgermeister der lippischen Stadt Lemgo, sieht ein militärisches Bild. Der Tag von Potsdam sei derjenige Tag, an dem Reichsregierung und Reichstag in der Garnisonkirche zum „Appell“ am Sarge Friedrich des Großen angetreten seien. Dieser habe den „Befehl erteilt“, im „Geist des Preußentums den Wiederaufbau“ vorzunehmen. Was dem heutigen Leser vielleicht pathetisch vorkommt, spiegelt kollektive Mentalitäten breiter Schichten des nationalkonservativen Bürgertums wider, in denen sich historisches Wissen, mythisierende Darstellung, kirchliche Deutungen und persönliches religiöses Erlebnis, in langen Zeiträumen erfahren, nun in einem konkreten Augenblick und in ritueller Feier verdichteten. In den Wortbeitragen kam das außerordentliche religiöse Erlebnis zum Ausdruck: Wahrnehmung der Nähe Gottes und der „Realpräsenz“ Friedrich des Großen in einer Zeit der Bedrängnisse.

Die religiösen Gefühle schwappten auch auf die Akteure des Tages über: Wie schon 1932 am Beispiel Bielefelds erläutert, so war auch im März 1933 Hindenburg eine Person mit hoher kultischer Bedeutung. Hindenburg habe, als er die Gruft Friedrich des Großen besuchte, etwas von der „unendlichen Liebe zur Nation“ ausgedrückt, so die Deutung des Rektors Winter in Herford. Ein zweiter Name stand im Rampenlicht: Adolf Hitler. Er lebe zusammen mit Hindenburg den Herfordern vor, „sich in demütiger Ehrfurcht [zu] beugen vor den Heldentaten der deutschen Männer, des Staats- und Geisteslebens und der Arbeit“. Beide hatten sich in Potsdam „in stiller Ehrfurcht vor dem Leiter der Geschichte, dem himmlischen König“ gebeugt und seine Gnade erfleht. Ihnen komme deshalb der „heilige Geist“ zu. Ein anderes Bild benutzt der Bürgermeister von Bad Oeynhausen, Dr. Kranold, jedoch mit dem gleichen Ergebnis: der Sakralisierung des Herrschers. Ins Zentrum stellt er die Begegnung zwischen Hitler und Hindenburg. Der „greise“ Reichspräsident habe dem Reichskanzler in die Augen gesehen und ihm mit seinem Händedruck mehr gesagt, als „Worte auszudrücken vermögen“. Der Salbungscharakter dieses Handschlags wird von Dr. Kranold rezipiert als „Vereinigung“ dieser beiden Männer, die „lange Zeit vorher nicht möglich“ war — dies sei göttliches Wollen. Doch komme ein entscheidendes Verdienst Adolf Hitler zu, hier wird m. E. wiederum die Verpflichtung Gottes angesprochen, die menschlichen Leistungen und Entbehrungen zu belohnen: Der Reichskanzler sei „auf einem langen und dornenvollen Wege über die Eroberung der Herzen seiner Volksgenossen emporgestiegen, von vielen verkannt, ... Mit zielbewußter Folgerichtigkeit ist er seinen Weg gegangen, ..., dessen Ziel einzig und allein war: Deutschland.“ Nur er sei es, der Deutschlands Einigkeit herstellen könne und die Deutschen „hinaus führe“ aus der Not unserer Tage. Konsequent bezeichnet der Redner Hitler als „gottbegnadeten Führer“! Hitler mit seiner Passionsgeschichte wird zum Erlöser stilisiert.

In diesem Sinne äußerte sich auch der Lünener Bürgermeister. Hitler sei ein „heroischer Mann, der aus kleinen Anfängen die gewaltige Bewegung des Nationalsozialismus geschaffen hat. Er ist es, der uns mit Gottes Hilfe gerettet hat .... Gott schütze sein Leben und sein Werk!“ Der Oberbürgermeister Lünens greift dann, ohne daß er sich der Blasphemie bewußt wird, zu dem Bild des Einzuges in Jerusalem: „Ihm jauchzen wir entgegen“. Die Messiaserwartung konnte sich folglich verschiedener biblischer Erzählungen bedienen: in der Garnisonkirche war es die Taufe am Jordan und die alttestamentarische Salbung des Priesterkönigs, in der Provinz das Bild des Leidensweges und des Hosianna beim Einzug in Jerusalem.

Die zutiefst religiöse Ergriffenheit machte es auch möglich, daß verschiedene Redner versuchten, sich den neuen Machthabern anzudienen. Vorschnelle Interpretationen, hier allein von Opportunismus zu sprechen, sind verfehlt: In der Wahrnehmung der Betroffenen stellte sich der Tag von Potsdam als ein „Erweckungserlebnis“ heraus, das öffentlich verkündet werden mußte und dabei auch die individuelle Läuterung zur Sprache brachte. In Spenge tat dies der Bürgermeister Frentrup, in Lemgo der Bürgermeister Gräfer. Nachdem Wilhelm Gräfer zwölf Jahre lang an der Spitze der kommunalen Selbstverwaltung tätig gewesen war[53],  konnte er nun ohne Gewissensbisse verkünden, er werde am Fackelzug in Lemgo teilnehmen. Die Bedenken einiger Bürger, er solle doch objektiv bleiben, habe er zurückgewiesen: „Ich pfeife auf die verfluchte Objektivität! Ich bekenne mich zu dem nationalen Deutschland.“ Er werfe jetzt alles hinter sich, um sich ganz dem neuen Staat zur Verfügung zu stellen.

Es wird ersichtlich, daß in der Mehrzahl die Feierlichkeiten nicht in kirchlichgebundene Bahnen zurückführten, sondern im religiös-nationalen Raum blieben, somit Entkirchlichung mit sich brachten, auch den Verlust des Heilsmonopols der Kirche implizierten. Die genaue Gewichtung bleibt schwierig, denn der regionale Widerhall der kirchlichen Gottesdienste in Potsdam ist kaum zu bestimmen.

Der Tag von Potsdam in seiner sozialintegrativen Bedeutung

Die Redebeiträge bildeten nur ein Teilelement der abendlichen Feier. Auch die anderen Bezüge lassen es zu, die Feierlichkeiten in evangelischen Orten Westfalens als religiöse Versammlungen zu identifizieren. Dabei bildeten an sich profane Elemente, außerkirchliche Frömmigkeit und kirchliche Versatzstücke eine untrennbare Einheit. Zunächst ist auf die religiöse Dimension des alle Feiern kennzeichnenden Fackelzugs hinzuweisen. Man erlebte im Zug durch den Ort das Gefühl von Gemeinsamkeit, verstärkt durch das Ziel, nämlich den Nachvollzug eines schon am Vormittag im Radio übertragenen und in den Medien groß angekündigten Ereignisses. Er ähnelt der Prozession, die ja religionsphänomenologisch gesprochen Heiligkeit in Bewegung setzt. Prozessionen enthalten heilige Requisiten und Rollen, hier sind es die den Abend erleuchtenden Fackeln, die Fahnen, sodann die Heraushebung bestimmter Personen. Zunächst ist hier an den Pfarrer zu denken. Die Pfarrer sind in Spenge, so Interviewpartner, an der Spitze des Zuges zusammen mit den Vertretern der NSDAP und den örtlichen Honoratioren marschiert. Wichtig auch die Teilnahme kirchlicher Gruppen. Dies konnte im dörflichen Bereich der Posaunenchor sein, der religiöses und militärisches Liedgut intonierte, so in Rödinghausen, Bünde, Spenge, Schalkmühlen im Märkischen. Auch Männer- und Jünglingsvereine wie in Spenge, die in der Tradition der Erweckungsbewegung stehende Vereinigung für entschiedenes Christentum in Elverdissen (Kreis Herford) oder kirchliche Gesangvereine wie in Lünen beteiligten sich. Auch Glockenläuten konnte einfließen, so in Hagedorn und Schalkmühlen.

In den Abschlußkundgebungen brachten, religionsphänomenologisch gesprochen, die Teilnehmer des Fackelzuges ihren gemeinsamen Gang als Opfer ein. Wenn auch diese Interpretation vielleicht zu weit geht, so können Fackelzug und anschließende Feierlichkeit in ihrem religiösen Sinngehalt nicht voneinander getrennt werden. Eingeleitet wurde die Feierlichkeit durchweg von kirchlichen Liedern: Der Posaunenchor, kirchliche Gesangvereine, aber auch Feuerwehrkapellen oder andere Musikgruppen spielten oder sangen Lieder wie „Lobe den Herren“, den Choral von Leuthen oder das Niederländische Dankgebet. Es folgten die Reden. Ähnlich dem kirchlichen Gottesdienst wurde beim Tag von Potsdam das Band zwischen Lebenden und Toten gefestigt: Auffallend ist nämlich, daß der Toten des Weltkrieges gedacht wurde. Die Einbeziehung der Toten schloß auch dorfbekannte Persönlichkeiten ein: In Rödinghausen erinnerte man sich etwa an den kürzlich verstorbenen Ökonomierat Meier. Ihm sei es nicht vergönnt gewesen, diesen Tag noch mitzuerleben. An zwei weiteren Punkten der abendlichen Feier wird der Totenkult deutlich: Mit dem Absingen des Horst-Wessel-Liedes kam auch die neue Partei, die NSDAP, zu ihrem Recht: An den Märtyrer ihrer Bewegung, überhaupt an die Toten ihrer „Kampfzeit‘“, wird in den evangelischen Orten durchweg erinnert, hinzu trat an vielen Orten der Große Zapfenstreich.

Die Teilnehmer der abendlichen Feier stellten nicht nur Zuhörer wie bei der Potsdamer Übertragung; sie betätigten sich auch, und dies intensiver als in der evangelischen Kirche, wo man es bei Gesang und Gebet bewenden lassen mußte. In der abendlichen Feier des Tages von Potsdam gab es ausschließlich Akteure: Teilnehmer des Umzuges, Fahnenträger, Sänger, Jubelnde, Fackelträger und Mitorganisatoren. Die Ähnlichkeit mit den vielfältigen Rollen und Funktionen katholischer Laien im Rahmen des Prozessionswesens sind offensichtlich.

Die Parallele zu den vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten katholischer Volksfrömmigkeit demonstriert auch des letzte Teilelement des rituellen Nachvollzugs des Potsdamer Ereignisses. Das Ende der abendlichen Veranstaltung bedeutete nämlich keinesfalls, daß die Teilnehmer nun voll der erhebenden Gefühle nach Hause gingen. Ganz im Gegenteil: Zwar nur in wenigen Zeitungen angedeutet, doch in der Festkultur fest verankert, war der Übergang in die Profanität. Was in Berlin das ausgelassene Feiern nach dem großen Fackelzug war[54], spielte sich in Westfalen in den dörflichen oder städtischen Gaststatten ab. In Lethmate im märkischen Industrierevier fand der Tag von Potsdam im Rahmen eines deutschen Abends statt „mit anschließendem gemütlichen Beisammensein“. Daß Geselligkeit und sakrale Weihe aufs engste zusammenhingen, gehörte auch zum Selbstverständnis der Lünener: „Naturgemäß fühlte jeder nationalgesinnte Bürger das Bedürfnis, dem Gefühl der Begeisterung auch im Kreise Gleichgesinnter Luft zu machen. Die Wirtschaften wurden angekurbelt wie noch nie.“ So klang der Tag von Potsdam in einem mehr oder weniger feuchtfröhlichen Abend aus, der die nachhaltige Wirkung — und hier nicht nur auf den nächsten Morgen beschränkt — nur noch erhöhen konnte. Erst jetzt erscheint es verständlich, welch tiefere Bedeutung kurze Notizen in den Zeitungen hatten: „Solch einen Tag hat Spenge noch nicht erlebt“; „eine Kundgebung, wie sie Groß-Aschen noch nie erlebt hat“. Das Westfälische Tageblatt kommt zu dem Schluß: „Die Feiern nahmen ausnahmslos einen erhebenden Verlauf und werden in der Erinnerung aller Teilnehmer unauslöschlich nachwirken“.

So ungewöhnlich es zunächst also klingen mag: aus dem gemeinsamen religiösen Handeln rührte eine sozialintegrative Bedeutung her. Die Feierlichkeiten schweißten somit die Koalition von Nationalsozialisten und nationalen Gruppen  zusammen und legten die Grundlage für die von dem kollektiven Erlebnis ausgehende religiöse Legitimierung der Machthaber.

4. Die Feier im katholischen Westfalen

Die Rolle des Klerus

Ein Bestandteil der Feierlichkeiten in Potsdam war das feierliche Hochamt in der Sankt-Peter-und-Paul-Pfarrkirche. Hier deutete sich die vorsichtige Annäherung des Berliner Bischofs und des päpstlichen Nuntius gegenüber den neuen Machthabern an. Anders in Westfalen: Die generelle Zurückhaltung der katholischen Amtskirche wird an der Wahrnehmung der Ereignisse in Potsdam bereits deutlich: Der Paderborner Erzbischof Klein, der schon 1931 die Unvereinbarkeit von Kirche und Nationalsozialismus festgestellt hatte[55], äußerte gegenüber dem Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz, dem Breslauer Kardinal Bertram, seine Bedenken über die Anwesenheit der NS-Abgeordneten in Uniform im Gottesdienst. Er befürchtete, daß dies „von den Nationalsozialisten in den einzelnen Diözesen reichlich ausgenützt“ werde[56]. Vertrat der Paderborner Erzbischof somit noch die ablehnende Linie des Hirtenbriefes vom 20. Februar 1933, so galt ebensolches auch für die Verantwortlichen in der zweiten westfälischen Bischofsstadt, Münster. Das dortige Domkapitel hatte am 21. März 1933 ‚Besseres‘ zu tun, als Gottesdienste für die neuen Machthaber zu zelebrieren: An diesem Tag kamen die Domkapitulare zusammen, um einen neuen Bischof zu wählen. Doch gab es auch erste Signale der Annäherung: Zwei Tage zuvor, am Sonntag, dem 19. März, dem Fest des Heiligen Josef (des Arbeiters), war Domvikar Rensing nach Herzfeld gereist, um vor den dortigen Kolpingbrüdern einen Vortrag mit dem Titel „Wir bauen mit!“ zu halten. Die Ziele der neuen Regierung, die gut seien, hätten die Kolpingsöhne schon lange erreichen wollen. Im einzelnen führte der Kleriker den Kampf gegen den Liberalismus, die Gottlosigkeit, den Marxismus an sowie die Hebung des Nationalbewußtseins und die Verchristlichung der Familie. Orientiert man sich am Westfalen des alten Reiches, so kann der Blick auf die dritte westfälische Bischofsstadt gerichtet werden: In Osnabrück beteiligte sich ein Vertreter der katholischen Geistlichkeit, der Domarchivar Dolsen, an der Feierlichkeit. Doch wird ein gewichtiger Unterschied zu den Predigten protestantischer Geistlicher deutlich: Er blieb eine Randfigur bei dem Feldgottesdienst der Reichswehr, einem Ereignis, das die Teilnahme katholischer Geistlicher aufgrund rechtlicher Verpflichtungen und lang geübter Praxis erforderte. Als Hauptakteur kirchlicherseits engagierte sich der evangelische Pastor Schmelzkopf. Auch an anderen Orten entzogen sich die katholischen Geistlichen dem seelsorglichen Auftrag für das Militär und für die Polizei nicht. So sind Andacht oder Meßopfer in den Kirchen oder die Beteiligung am Feldgottesdienst in den Garnisonsstädten und Standorten größerer Polizeieinheiten festzuhalten. Die Andachtstexte oder Predigten fielen im Vergleich zu denen der evangelischen Pfarrer ‚gemäßigt‘ aus: Es fehlen die nationalistischen Töne, es fehlt der Bezug auf die heiligen Gestalten Friedrichs des Großen und dessen Vater. Dies könnte in der leidvollen Erfahrung mit der preußischen Religionspolitik im 19. Jahrhundert begründet sein, dies könnte aber auch in einer anderen Sichtweise der Geschichte eine Erklärung finden, die sich katholisch-großdeutsch definierte und daher die preußisch-kleindeutsche Entwicklung nicht als die Geschichte eines ‚neuen Bundes‘ mit Gott verstehen konnte — Reformation und Reichsgründung waren negativ besetzt.

In den Gottesdiensten wurden Hitler und Hindenburg nicht explizit gewürdigt, wenn auch das Gebet für die neue Regierung nicht ausgespart blieb. Im Mittelpunkt der Predigten stand Christus, ethische Gebote des Christentums wurden aufgerufen, um sie für den neuen Staat nutzbar zu machen. Einige Beispiele: Im Gottesdienst für die Garnison in Minden erinnerte der katholische Dompropst an das Zusammengehörigkeitsgefühl, das die Katholiken 1914 erfaßt habe. In dieser Zeit habe sich die Liebe zum Vaterland geäußert. Dieses Gefühl rühre jedoch von Gott her, bei Ihm fänden die Menschen Halt, könnten sich erst dann erneut ihrer nationalen Verpflichtung widmen. In der Bielefelder Sankt-Jodokus-Kirche hielt der mit der Seelsorge für die Polizei betraute Pfarrer Schmidt die Festpredigt. Er knüpfte an eine Passage des Epheserbriefes an, nach der Christus im menschlichen Herzen wohne. Für die Katholiken bestehe die Pflicht, am Neuaufbau des Staates mitzuwirken. Es gebe jedoch nur ein Vorbild, um im rechten Glauben tätig zu sein: Christus, Dechant Ostermann hielt für die Hagener Schutzpolizei eine Andacht, in der er auf die enge Verbundenheit von Volk, Familie, christlicher Religion und Kirche hinwies. Der Bochumer Pfarrer Helmhardt sprach in einem Gottesdienst für die Schutzpolizei von einem wachsenden Glauben, der in das deutsche Volk eingezogen sei. Die Katholiken reklamierten folglich ihren Wunsch nach Integration in ein neues Staatswesen, wobei — hier sind die Parallelen zu den protestantischen Kirchen deutlich — dieses Deutschland auf christlicher Grundlage beruhen sollte. Das Motiv der Reevangelisierung scheint einen Aspekt auszumachen, der die Teilnahme erleichterte. Die Annäherung darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Vorbehalte der Kleriker noch groß waren.

Konflikte zeigen, welche Widerstände Pfarrer gegen die Inanspruchnahme kirchlichen Heils entwickelten. In Castrop-Rauxel fand in der evangelischen Kirche ein Gottesdienst statt, an dem die SA, SS und der Stahlhelm geschlossen teilnahmen. Die Rote Erde, die NSDAP-Zeitung der Region, griff die katholische Geistlichkeit scharf an, da sie keine Meßfeier zelebrieren wollte. Pfarrer Funke, ein „Zentrumsmann“ in Menden im Sauerland, war zwar bereit, einen Gottesdienst abzuhalten, wollte jedoch uniformierte NSDAP-Formationen nicht zulassen. Die Partei habe sich an den „Bischof“ (wohl den von Paderborn) gewandt, um das Uniformverbot des Pfarrers aufzuheben. Mit Genugtuung stellt die Rote Erde fest, daß dies auch geschehen sei. Die Konfliktsituation in der Gemeinde zwischen Zentrum und NSDAP wird auch am weiteren Ablauf der Feierlichkeit deutlich: Das Heft des Handelns hatten nicht mehr die von der NSDAP verachteten „Zentrumsmänner“ inne, sondern der Ortsgruppenleiter. Auf Veranlassung seiner Partei marschierten die Schulen des Dorfes zur Wilhelmshöhe, wo die Feier ihren Fortgang nahm. Abends stand die Rede des NSDAP-Führers im Mittelpunkt. So konnte die Rote Erde voller Genugtuung den Pfarrer warnen. „Bald wird der Tag kommen, wo kein Gegner gegen das nationale Deutschland aufzustehen wagt!“ Die Mendener Auseinandersetzungen führen zu der Frage, ob die in Alleinregie der NSDAP durchgeführte Feierlichkeit wirklich der „gewaltige“ Fackelzug gewesen ist, wie es die Parteizeitung verkündet, und ob sich damit eine Spaltung der katholischen Laien abzeichnet, hier Befürworter des Festes und damit der neuen Regierung, dort die noch im katholischen Milieu verhafteten, auf Zentrumskurs befindlichen Gegner der Partei.

Das Verhalten der Laien

Die kontroversen Meinungen kirchlich gebundener Kreise können am Beispiel des Vereinswesens deutlich gemacht werden. Die Frage, ob man zusammen mit Stahlhelm, Kriegerverein und NSDAP als geschlossene Gruppe am Durchzug/Fackelzug und der abendlichen Feier teilnimmt, führte in den katholischen Orten Westfalens zu unterschiedlichen Antworten. Nicht nachzuweisen sind katholische Organisationen beim Tag von Potsdam beispielweise in Bocholt, Everswinkel, Herzfeld im Münsterland; Bad Lippspringe und Schloß Neuhaus im Paderborner Land; Hagen und Lethmate; Cloppenburg und Meppen im ehemaligen Niederstift Münster. Daß das Kolpingwesen als ein Bestandteil des katholischen Vereinswesens und des katholischen Milieus bedeutsam war und damit für die zum Teil nach wie vor existierende Geschlossenheit des katholischen Milieus spricht, wird am Beispiel von Lethmate deutlich. Am Sonntag, dem 19. März, dem Fest des Heiligen Josef des Arbeiters, hatten die Katholiken ihr Kolpinghaus eingeweiht, alle Vereine hatten sich eingefunden, ebenso die Geistlichkeit. Zwei Tage später fehlten diese Gruppen oder Personen beim Umzug. Wie schwer man im katholischen Vereinswesen um eine Beteiligung rang, wird am Beispiel Hagens deutlich. Der „Führerring‘ der katholischen Jugend Hagens entschuldigte sich in der dem Zentrum nahestehenden Westdeutschen Volkszeitung für die Abwesenheit beim 7ug von Potsdam, „Wir treiben keine Gesinnungsakrobatik, sondern wir bleiben uns selbst treu und den Tausenden katholischer Jugend in Hagen, die stets zu uns standen.“ Die Gewissenskonflikte, die dazu führten, an der nationalen Feier nicht teilzunehmen, bedeuteten jedoch keine Ablehnung der neuen Regierung gegenüber: „Ja, wir fühlen uns berufen, aus heißer Liebe zum deutschen Volke mit den Kräften, die aus unserer Religion entströmen, am Neubau von Staat und Gesellschaft mitzuwirken.“ Führt man sich die teilnehmenden Gruppen und die Rede des Pfarrers Wendlandt vor Augen, so kann man sich vorstellen, was den Katholiken aufstieß: die Sichtweise der deutschen Geschichte als Heilsgeschichte, die religiösen Züge, die dem Preußentum zugewiesen Wurden, und die erbitterte politische Feindschaft der nationalen Gruppen Hagens[57].

In anderen Orten weichte die geschlossene Front katholischer Laienorganisationen auf. Festzuhalten bleibt jedoch, daß nie das gesamte Vereinswesen marschierte. In Dülmen, im südlichen Münsterland, zog die Deutsche Jugendkraft mit, in Paderborn die Pfadfinder. In Delbrück waren es die Deutsche Jugendkraft, die Kolping-Söhne und die Jungmänner, die „ebenfalls nicht bei dieser vaterländischen Kundgebung fehlen wollten‘.

Das Fehlen kirchlicher Gottesdienste und die Spaltung innerhalb des kirchlichen Vereinswesens dürfen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß insgesamt gesehen die Initiative von Goebbels auch in der katholischen Provinz von Erfolg gekrönt war. In fast allen Orten bedeutete der Tag von Potsdam ein Durchbrechen des vom Kirchenjahr geprägten Festkalenders. Der Klerus, die „Zentrumsmänner“ und die milieutreuen Katholiken gerieten zunehmend in die Isolation, als sie sich weigerten, diesen „Aufbruch“ mitzugestalten. Die katholischen Zeitungen sahen sich genötigt, einerseits die fehlende Begeisterung zu erklären, andererseits vorsichtige Zustimmung zu signalisieren. Das Eintreten der Katholiken für das „nationale Endziel“ ist eine „Herzenssache“, so der Münstersche Anzeiger. In Meppen bekundet der Leitartikler der zentrumsorientierten Ems-Zeitung die nationale Gesinnung des Ortes[58], doch gebe es in Meppen, der Stadt des berühmten katholischen Politikers Windthorst, eben keine „Konjunkturritter“. Sie, die Katholiken, kämen zwar spät, doch aus freien Stücken, um am nationalen „Endziele“ eines einigen Deutschlands mitzuwirken.

Auffallend, daß auch die katholischen Redner durchweg den Tag als göttlichen Fingerzeig wahrnahmen und daß sie in den beteiligten Akteuren verehrungswürdige Gestalten sahen, Interpretationen, die der Klerus nicht teilte. Der Redner in Everswinkel, Diplomingenieur Lohmann, ging von Gott als Urheber aus, denn dieser habe nach dem „Zwiespalt der vergangenen Jahre“ nun Männer in die Mitte des Volkes gestellt, die die Einigkeit schaffen wollten. Lohmann betete zum Himmel, „daß der Herrgott die Arbeit unserer Regierung segne“. Der Redakteur des Lippspringer Anzeiger stilisiert Hindenburg als Mittler zwischen Vergangenheit und Zukunft Deutschlands. Er habe nach dem „Bruderkrieg“ gegen Österreich das Kaiserreich miterlebt und dann die Zeit, in der alles „einzustürzen“ schien. Doch immer seien seine Augen in eine bessere Zukunft gerichtet, und diese sei jetzt eingetreten: „welch‘ eine Wendung!“[59] Der neue Kanzler komme aus dem Land, gegen das der Reichspräsident einst gekämpft habe. Der Oberbürgermeister von Bocholt bezeichnet Hindenburg als Garant für den Einigungsprozeß. Seine „erhabene unantastbare Gestalt steht fest in unseren‘ Herzen“. Einige Redner sprachen religiöse Bereiche an, die mit der katholischen Auffassung der Offenbarung nichts mehr gemein hatten. Diplomingenieur Lohmann fühlte wie die Laien im evangelischen Westfalen die besondere Bedeutung der Grabesstätte Potsdam. Die Feier sei „im Geiste Friedrichs des Großen [vonstatten gegangen], an dessen Grab der Feldmarshall von Hindenburg seine Referenz“ erwiesen habe. In Meppen unterstellte der Redner des Kriegervereins, Major a. D. Wesener, der neuen Regierung ein „Aufbauwerk im friderizianischen Geist“. In Rietberg verstand es der bereits in der Weimarer Republik tätige Bürgermeister Agethen, den Tag von Potsdam als Bekehrungserlebnis gegenüber dem neuen Staat zu gestalten — Ähnlichkeiten mit dem Lemgoer Bürgermeister werden deutlich. Er ehrte Hitler und Hindenburg als Heilige, denn an der Front des Rathauses wurden ihre Bilder angebracht, umgeben von einem Kranz „elektrischer Flammen‘.

Daß katholische Heilige jedoch für die Mehrzahl der Katholiken nach wie vor wichtiger waren als die beiden Preußenkönige, wird an den kirchlichen Feiertagen jener Zeit deutlich, in der der Tag von Potsdam stattgefunden hat: Auf das Fest des Heiligen Josef ist bereits verwiesen worden, sechs Tage später, am Samstag, dem 25. März, war das Fest Mariä Verkündigung, in den katholischen Zeitungen betont und in den Kirchen als Verweis auf den Beginn der Heilsgeschichte, das Weihnachtsfest, gefeiert[60]. Maria stand nach wie vor im Mittelpunkt katholischer Volksfrömmigkeit, sie trat ein für die Belange der Menschen im Diesseits und Jenseits, ihre Fürbitte wurde nicht angerufen, wenn es um die Belange der neuen Regierung ging.

Folgende Zwischenüberlegung kann angestellt werden: Die katholische Geistlichkeit Westfalens versagte der neuen Regierung ihre Unterstützung und verzichtete im Gegensatz zu den Klerikern in Potsdam darauf, göttliche Gnadenwirkungen sakramental zu stiften; ein Teil der katholischen Laien, insbesondere des katholischen Milieus, sah sich ebenfalls nicht in der Lage, der Feier des Tages von Potsdam beizuwohnen. Andere hingegen beteiligten sich, waren vom Wirken Gottes in der Geschichte ergriffen und glaubten auch an die Heilswirkungen des Wallfahrtsortes Potsdam. Um eine nähere Einschätzung zu erlangen, wie groß der Verlust kirchlicher Deutungsmacht einerseits und wie attraktiv andererseits die außerkirchliche Religiösität war, müßten Hinweise über die Beteiligung an den abendlichen Feiern gefunden werden. Hier ist den Zeitungsberichten natürlich wenig zu trauen, wenn der Erfolg der Feierlichkeiten herausgestellt wird. Das Fehlen kirchlicher Verbände ist ein erster Hinweis darauf, daß die Feierlichkeiten im katholischen Bereich nicht die Resonanz fanden, wie sie für den evangelischen Bereich herausgearbeitet wurde. Ein weiterer Beleg hierfür 1st Münster.

Zwar war die Stadt mit Flaggen geschmückt, auch hatten die protestantisch dominierte Universität, die Polizeischule und die Reichswehr entsprechende Feierlichkeiten veranstaltet, doch fehlte der ansonsten bekannte abendliche Fackelzug in der Stadt. Selbst die nationalen Verbände waren offensichtlich nicht in der Lage, eine entsprechende Feierlichkeit durchzuführen. Dem Schreiber des Münsterschen Anzeigers blieb nichts anderes als Schönfärberei: „50 kam es, daß auch in dem schwarzen Münster der Tag der nationalen Revolution einen Verlauf nahm, der dem in anderen Städten des deutschen Vaterlandes in nichts nachstand.‘“ In Paderborn wagten es die nationalkonservativen Kräfte nicht, bei der Feier federführend tätig zu werden. Von dem Lokal der NSDAP zog der Fackelzug zum Rathaus, einziger Redner war wie auch in Dülmen der Kreisleiter der Partei. Die katholische Zeitung stellt fest, daß „Hakenkreuzfahnen in Paderborn nicht zur Geltung kamen“. Dies wird auch aus Cloppenburg im Oldenburger Münsterland berichtet, der Region, in der 1936 der Kreuzkampf gegen die Nationalsozialisten stattfand. Dort wurde die Partei gar nicht miteinbezogen. Der Stahlhelm, der seit eh und je in diesem Hort des Katholizismus einen äußerst schwachen Stand hatte[61], und der Amtskriegerverband stellten mit einem Rechtsanwalt und einem Oberstudiendirektor die Redner. Was im evangelischen Bereich vor dem März 1933 mit dem Anwachsen der Deutschen Christen zu beobachten war und mit der Feier des Tages von Potsdam endgültig seinen Abschluß fand, gelang im Katholizismus folglich nur unvollkommen: Der Nationalsozialismus und seine Regierungsmitglieder hatten Schwierigkeiten, salonfähig zu werden. Doch konnten immerhin Elemente des Nationalsozialismus (Fahnen, Redebeiträge, Horst-Wessel-Lied) ihren Einzug in die katholischen Regionen halten, wenn auch nicht in dem Ausmaß, wie wir es für den Protestantismus beobachten konnten.

Unabhängig davon, daß die Beteiligung des Klerus und der Laien geringer war als im Protestantismus, wird sich im Episkopat unter dem Eindruck der außerkirchlichen Zelebration eines solchen Massenereignisses der Handlungsdruck verstärkt haben, den in Potsdam gegangenen Weg fortzusetzen, sonst hätte der Verlust des kirchlichen Deutungsmonopols gedroht. Hinzu kam, daß die Nationalsozialisten den Tag gezielt nutzten, um von den Bischöfen die Rücknahme ihrer Verurteilung der Nationalsozialisten zu verlangen. Die Rote Erde nahm beispielsweise die Ereignisse in Menden zum Anlaß zu hoffen, daß dieses Ereignis „in allen deutschen Gauen Schule macht und die Bischöfe ihren damaligen Erlaß einer gründlichen Revision unterziehen werden‘. Auf diese Weise geriet der Tag von Potsdam in der Provinz in all seinen Facetten zum Katalysator für die Fuldaer Erklärung vom 28. März.

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Abb. 9: Der Tag von Postdam im Kino

Unmittelbare Nachwirkungen

Vielfältige Anknüpfungspunkte ergaben sich, um die religiösen Empfindungen wachzuhalten oder wieder ins Gedächtnis zu rufen. Der Rundfunk verwandte ab dem 22. März 1933 das Glockenspiel der Garnisonkirche („Üb‘ immer Treu und Redlichkeit“) als Pausenzeichen. Nur wenige Tage später lief reichsweit im Kino ein Film mit Otto Gebühr an: Der Choral von Leuthen. Sinnfällig wurden also auch auf der filmischen Ebene die heiligmäße Gestalt des Königs und sein Schlachtenglück als Ausdruck der göttlichen Zuwendung  dargestellt. Ideen des Tages von Potsdam fanden hier Wiederholung. Die Wochenschau berichtete ab dem 25, März ausführlich über das Treffen von Hitler und Hindenburg am Grabe Friedrichs des Großen (Abb. 9). Die bürgerlichen Zeitungen Westfalens schlachteten auch in den folgenden Tagen die Ereignisse mit den aus Berlin zur Verfügung’ gestellten Materialien und eigenen Korrespondentenberichten weidlich aus. Auch in den illustrierten Wochenblättern gedachte man des Tages. Die Zeitschrift des Hugenberg-Imperiums Die Woche stellte Friedrich den Großen vor der Garnisonkirche dar, heiliger Ort und der realpräsente Heilige wurden nochmals sinnfällig vor Augen geführt.

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Abb. 10: Postkarte zum Tag von Potsdam

Postkarten und von den Nationalsozialisten in Umlauf gebrachte Plakate dienten ebenfalls als Gedächtnisstütze (Abb. 10). War diese Aufbereitung Ausdruck der vielfältigen Möglichkeiten, die das neue Propagandaministerium und die Rechtspresse geschickt einsetzten, so gab es darüber hinaus Impulse, die das Ereignis nicht vergessen ließen: Eine Kaffeerösterei beispielsweise schaltete am 23. März eine Anzeige, in der an die Gefühle und die Slogans des Tages verkaufsfördernd appelliert wurde: „Ein neuer Aufstieg erfordert Kraft durch Nerven. Alle Nervenkraft auf nützliche Arbeit konzentrieren, sie sonst aber schonen ... — das ist das Gebot der Stunde. Darum Kaffee-Hag.“

Ein solches mediengestütztes Erlebnis mußte einen nachhaltigen Eindruck bei den Zeitgenossen hinterlassen. Ein Beispiel: Der reformierte Bekenntnispfarrer Voget aus Heiligenkirchen in Lippe blickte Silvester 1933 auf das vergangene Jahr zurück. In guter Erinnerung blieb ihm der „denkwürdige‘“ Frühlingsanfang, die Potsdamer Feier, sie ist neben anderen ein Anlaß, „Gott zu danken für Bewährung, Erhaltung und Förderung“[62]. Und noch 1941 beschrieb ein ehemals führender Vertreter der evangelischen Kirche, Otto Dibelius, die heilige Stätte, gab die ‚Mirakel‘ des Ortes zum besten und scheute sich auch nicht davor, trotz aller leidvollen Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus, den Tag von Potsdam als herausragendes Ereignis herauszustellen[63]. Auch Laien blieben ergriffen: Der aus Rhaden im Kreis Minden stammende Maler Karl Langhorst stellte im Sommer 1933 seiner Heimatgemeinde ein Gemälde zur Verfügung, das den Händedruck von Hitler und Hindenburg zeigte[64]. Dieses Treffen wurde von Langhorst als religiöse Weihe aufgefaßt, wie an der Kulisse Altar, Gruft und Predigtkanzel deutlich wird (Abb. 11).

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Abb. 11 Gemälde von Carl Langhorst zum Tag von Potsdam

Schlußbemerkungen

Die vorliegende Studie ließ sich von der Frage leiten, ob neben der politisch-institutionellen Geschichte des Tages von Potsdam auch eine religionsgeschichtliche Deutung möglich ist. Anhand der Stätte Potsdam, der Gestalten der beiden Könige, der rituellen Abläufe in Potsdam und in der Provinz sowie den Predigten und Reden der Beteiligten konnten kirchliche Deutungen und eine außerkirchliche Religiosität aufgezeigt werden. Sowohl die Feierlichkeit in ihrer Gesamtheit in Potsdam als auch ihr Nachvollzug in der Provinz zeichneten sich durch das Nebeneinander zweier Wege der Heilssuche und Heilsvergewisserung aus: Auf der einen Seite verkündeten Vertreter der evangelischen Kirche den Regierungswechsel als Ausdruck göttlichen Willens, als Eingriff Gottes in die Welt. Die Protestanten reklamierten die deutsche Geschichte seit der Reformation als Heilsgeschichte, der März 1933 war eine „Zeitenwende“, die einen erneuten Aufstieg des Reiches bedeutete, hin zu einem christlichen, evangelischen Reich. Von daher fühlten die evangelischen Pfarrer sich von der Last der pessimistischen Weltsicht Luthers, wie sie sich in der Zwei-Reiche-Lehre niederschlägt, befreit und konnten ihre Mitwirkung am Aufbau eines Reiches zusagen, in dem das Reich Gottes und das Reich der Welt in Einklang standen. Aus diesem Verständnis rührte die Konsequenz der Kirchenvertreter her, die Wundergaben ihrer Kirche bereitzustellen. In Predigten und Reden sprach das Evangelium, „aus dem dann Kraft und Wille des Guten von selber quillt“ (Ernst Troeltsch). Diese kirchliche Heilsspendung erzeugte Legitimitätsglauben, festigte die charismatische Herrschaft Hitlers, die hinfort eine religiöse Dimension enthielt.

Zurückhaltender agierte die katholische Kirche. In Potsdam zeichnete sich die vorsichtige Annäherung des Papstes, der Zentrumsfraktion und von Teilen der höheren Geistlichkeit ab, als für das Werk der neuen Regierung ein feierliches Hochamt gehalten wurde. Auch hierin äußerte sich die kirchliche Heilsspendung, nun nicht als Ausdruck der wunderstiftenden Kraft des Evangeliums, sondern als Ausdruck der Verfügungsgewalt der katholischen Kirche über den Gnadenschatz Christi, garantiert durch den regelgerechten Vollzug des Meßopfers. In der Provinz hingegen war die Präsenz der katholischen Kirche wesentlich geringer; demzufolge konnte die neue Regierung nicht so viel kirchliches Heil akkumulieren. Doch erhielt die nationalsozialistische Diktatur mit dem Agieren des Episkopats in der Folgezeit bis hin zum Konkordat vom 20.7.1933 und dem Auftreten des lokalen Klerus bei Maifeiern und Erntedankfesten auch von dieser Seite her die notwendige religiöse Legitimierung. Die partielle Verweigerung und die im Unterschied zum Protestantismus fehlende Wahrnehmung des Machtwechsels als heilsgeschichtliche Tat machten es jedoch der Amtskirche in der Folgezeit leichter, sich mitunter dem Regime zu versagen und nicht alle seine Maßnahmen durch gottesdienstliche Feiern religiös zu überhöhen. Dies kann besonders deutlich am Beispiel Westfalens aufgezeigt werden: Die Resistenz von Teilen des westfälischen Klerus und der Widerstand des Bischofs von Galen beruhten nicht zuletzt darauf, daß man den Machtantritt Hitlers nicht euphorisch begrüßt hatte und sein Regime nicht zum Anliegen des eucharistischen Opfers werden ließ.

Für die Protestanten stellte sich dieser Sachverhalt im Kirchenkampf anders dar: Sie sahen sich, so meine Hypothese, mit dem Dilemma konfrontiert, wie der verstärkte Druck der Nationalsozialisten auf die protestantischen Kirchen mit der „Zeitenwende‘“ des März 1933 vereinbar war. Hatte nicht Gott machtvoll in die Geschichte eingegriffen, um ein neues Reich auf den Weg Zu bringen? Wie konnte er dann die nachfolgenden Geschehnisse, die Zeit der Prüfungen und Leiden, wieder zulassen? Diese Theodizee-Problematik war letztlich für die protestantische Geistlichkeit nach ihrem Engagement im Umfeld des Tages von Potsdam kaum lösbar. So fanden sie sich trotz der herausragenden Barmer Erklärung von 1934 denn wieder im „Irrgarten“ (Johannes Heckel) und im Pessimismus der Zwei-Reiche-Lehre und verwahrten sich im Kirchenkampf nur dann gegen die Anmaßungen der neuen Machthaber, wenn es um Fragen des Bekenntnisses und der Rechtskirche ging. Römer 13 hatte wiederum die Oberhand gewonnen, man verhielt sich quietistisch.

Die Grundlegung des Hitlermythos (Ian Kershaw) auf religiöser Grundlage konnte jedoch nur dann langfristig Legitimitätsglauben erzeugen, wenn die Gläubigen den kirchlichen Feiern beiwohnten. Gebete und Gesang, Sakramentenempfang und Anwesenheit bei der Predigt machten erst die Wirksamkeit des Gottesdienstes aus, riefen, so die Wahrnehmung von Geistlichen und Gläubigen, göttliche Gnaden herab. Unzweifelhaft war die Beteiligung sowohl bei den kirchlichen Feierlichkeiten als auch bei den Fackelzügen, an denen evangelische Pfarrer als Redner teilnahmen, groß. Wenn auch Zahlenangaben nicht immer zu trauen ist, so imponieren Angaben wie 60 000 Teilnehmer in Hagen oder 5 000 bis 6 000 in Gütersloh. Auch Formulierungen wie die für die Gottesdienste der drei Konfessionen in Dortmund: „Die Kirchen konnten die großen Scharen der Gläubigen kaum fassen“ lassen die Nachfrage nach dem kirchlichen Heilsangebot für die neue Regierung deutlich werden.

Der Legitimitätsglaube speiste sich aus einer zweiten, nicht zu unterschätzenden Quelle: Die Feier in der Garnisonkirche und die Redebeiträge von Laien und selbst protestantischer Pfarrer ließen erkennen, in welch hohem Ausmaß Glaubensdeutungen vorhanden waren, die nichts mehr mit den anstaltlich normierten Lehren gemein hatten. Deutungen des Nationalprotestantismus hatten sich mit dem Mythos der preußisch-deutschen Geschichte und seiner heroischen Gestalten zu einer neuen Religion verdichtet, in der Gott zum deutschen Nationalgott geriet und Friedrich zu dessen auserwähltem Werkzeug. Manifest wurde diese Religion an dem Wallfahrtsort Potsdam mit seiner Gnadenstätte, der Garnisonkirche. In ihr waren die Gebeine Signal für die Anwesenheit der ansonsten transzendenten Gestalten auf Erden. Das „königliche Monument“ machte die unsichtbare Welt sinnlich erfahrbar. Friedrich der Große war in einer als Heilsgeschichte verstandenen Abfolge von Schlachten und staatlicher Geschehnisse herausgehoben und nahe bei Gott, zum anderen jedoch am Wallfahrtsort gegenwärtig, wo er aufgrund seiner Verdienste Gottes Hilfe auf die Mächtigen leitete. Dies zeigte sich im März 1933. Obwohl die kirchliche Lehre allen Agierenden bewußt war und sie die Präsenz der Könige sicherlich als Aberglauben verworfen hätten, stieg durch den rituellen Vollzug der Feier ein anderes religiöses Verständnis aus der Tiefe des Unbewußten auf. Diese Deutungen der Zeitgenossen machten den zweiten Bereich der Heilsstiftung möglich, doch außerhalb der kirchlichen Liturgie.

Dieser Strang der religiösen Begründung des Führermythos ist das Resultat einer Dialektik von Säkularisierung, die sich im Verlust des Sinndeutungs- und Heilsmonopols der Kirche abzeichnet, und der religiösen Aufladung nationaler Mythen. Doch stand diese rituell ausgedrückte Religion auf tönernen Füßen, wie sich in der Folgezeit erwies: Die Nationalsozialisten erhoben ihre Weltanschauung zur Religion. Demgegenüber besannen sich die Kirchen wieder auf ihre christlichen Gebote, die beim Tag von Potsdam vergessen schienen. Gleichwohl: dies geschah zu spät. Der Tag von Potsdam als kirchlich-religiöses Geschehen hatte bereits mit den Grundstein für Unrecht und Terror gelegt. Diesen Zusammenhang sah ein Schweizer Protestant, Leonhard Ragatz, in einem Kommentar unmittelbar im Anschluß an den Tag von Potsdam in prophetischer Weitsicht. Alles sei eine Lüge gewesen, „der Gipfel der Lüge, die Lüge, die religiöse Aufmachung dieses ganzen dämonischen Schwindels, dies Glockengeläute und Orgelspiel, diese Choräle, diese Gebete, diese Predigten — alles auf den Ton gestimmt: Gott ist mit uns! —, dies zuletzt eine schwere Lästerung. Denn abgesehen von all der Lüge — in dieses Glockenläuten, Orgelspielen, Singen, Beten, Predigen tönen die Schreie der ... gemarterten Söhne und Töchter Deutschlands. Das ist diese Eröffnungsfeier in der Potsdamer Garnisonkirche ...: Ein Gebäude aus Schein und Trug — gekrönt durch diesen religiösen Trug — das furchtbar zusammenstürzen wird, als Symbol des Sturzes all der Mächte, die sich darin zusammenfanden[65]. In der Nacht des 14. April 1945 zerstörten alliierte Bomber die Potsdamer Garnisonkirche, ihr Schatz war indes bereits in ein Bergwerk ausgelagert worden. Die Rückführung der Gebeine vor wenigen Wochen hat bei uns keine religiösen Gefühle mehr wachgerufen, das Medienspektakel ist vergangen, ohne nachhaltige Spuren zu hinterlassen.

Die Text erschien zuerst in: Westfälische Forschungen 41, 1991, S. 379-430.

Prof. Dr. Werner Freiatg war von 1996 - 2004 Professor für die Landesgeschichte Sachsen-Anhalt am Institut für Geschichte der Martin-Luther-Universität Halle und von 2004 bis zu seiner Emeritung 2022 Professor für Westfälische und Vergleichende Landesgeschichte in Münster.


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Anmerkungen

[1] Wesentlich erweiterte Fassung eines Vortrages anläßlich der Verleihung des „‚Karl-Zuhorn-Stipendiums zur Förderung der westfälischen Landesforschung‘“ des Landschaftsverbandes Westfalen- Lippe am 22. September 1991 in Lünen. Der Aufsatz fußt wesentlich auf Überlegungen und Materialien eines Grundkurses „Kirche und Herrschaft‘, den ich mit Thomas Sandkühler an der Universität Bielefeld, Fakultät für Geschichtswissenschaft und Philosophie, Abteilung Geschichte, im Wintersemester ’90/91 und Sommersemester ’91 durchführte. Dem Kollegen Sandkühler kann an dieser Stelle gar nicht genug gedankt werden für seine Ideen, konzeptionellen Präzisierungen und Literaturanregungen. Auch den Teilnehmern des Grundkurses gebührt ein Dankeschön. Stellvertretend seien genannt: Simone Ameskamp, Philipp Koenen, Melanie Meyer zur Heide, Elke Potthoff, Remco Schaumann, Thorsten Schrumpf und Martin Vogt. Anregungen und Hilfestellungen gaben Winfried Heß, Lünen, Dietrich Korthals, Spenge, Bernard Korzus, Münster, und Norbert Schnitzler, Universität Bielefeld.
[2] Einschlägig: Karl-Dietrich Bracher: Stufen der Machtergreifung (Teil 1: Bracher/Schulz/Sauer: Die nationalsozialistische Machtergreifung: Studien zur Errichtung des totalitären Herrschaftssystems in Deutschland 1933/34), Frankfurt 1979, S. 202-213, bes. 212 f.; Joachim Fest: Hitler. Eine Biographie, Frankfurt 91977, S. 555-557; Hans-Ulrich Thamer: Verführung und Gewalt. Deutschland 1933-1945, Berlin 1989, S. 270-272. „Kein anderes Ereignis in den Anfängen des Regimes hat die Illusionen so gefördert wie der Tag von Potsdam. Der wilde Nationalsozialismus schien allen Erfahrungen der vergangenen Wochen zum Trotz doch in das Netz des traditionellen Konservativismus gegangen zu sein. Die Verbeugung Hitlers vor dem nationalen Mythos [!] Hindenburg erschien als Verbeugung einer jungen, dynamischen Bewegung vor der Tradition, auf deren Grundlage sie das Werk der Erneuerung und nationalen Einigung über den Klassen zu verwirklichen gedachte“ (ebd., S. 271).
[3] Bracher, Stufen, S. 209; Thamer, Verführung, S. 270.
[4] Ian Kershaw: Der Hitler-Mythos. Volksmeinung und Propaganda im Dritten Reich, Stuttgart 1980, S. 16.
[5] De historische Forschung läßt uns an diesem Punkte im Stich: Lediglich Brakelmann Jasper und Scholder gehen der Frage nach, wieweit die bei der Durchführung des Tages mitwirkende proteantische Kirche bestrebt war, eine Neubelebung der Allianz von Thron und Altar zu erzielen und in welchem Ausmaß sie den nationalsozialistischen Terror rechtfertigte. Vgl.: Günter Brakelmann: Hoffnung und Illusionen evangelischer Prediger zu Beginn des Dritten Reiches: gottesdienstliche Feiern aus politischen Anlässen, in: Detlef Peukert u. Jürgen Reulecke: Die Reihen fast geschlossen. Beiträge zur Geschichte des Alltags unterm Nationalsozialismus, Wuppertal 1981, S. 129-148, hier S. 141-46; Gotthard Jasper: Die gescheiterte Zähmung. Wege zur Machtergreifung Hitlers 1930-1934, Frankfurt 1986, S.173 f.: ausführlicher: Klaus Scholder: Die Kirchen und das Dritte Reich, Band 1: Vorgeschichte und Zeit der Illusionen 1918-1934, Frankfurt 1977, S. 324 f., 285 f.
[6] Zentral für das Verständnis von rituellen Handlungen im Kontext von Religion: Emile Durkheim: Die elementaren Formen des religiösen Lebens, Frankfurt 1981. Rituale sind „Verhaltensregeln, die dem Menschen vorschreiben, wie er sich den heiligen Dingen gegenüber zu benehmen hat“ (ebd., S. 67). Genutzt wurde weiterhin die Webersche Religionssoziologie in: Max Weber; Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, Tübingen 51980, S. 245-381, prägnante Definitionen ebd., S. 288, 307, 259.
[7] Ebd., S. 29, Ernst Troeltsch, Artikel: Kirche, III. Dogmatisch, in: Die Religion in Geschichte und Gegenwart, Band 3, Tübingen 1912, Spalte 1147-1155.
[8] Ebd., Spalte 1150 f.
[9] Reiner Küpper u. Thomas Sandkühler, Artikel: Säkularisierung/Modernisierung, in: Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften, Band 2, S. 163-170.
[10] Mythos ist die in Legenden, Erzählungen und Bildern manifest gewordene Erinnerung eines Volkes, die durch literarische Verfahren, zum Teil wissenschaftlich gestützt, zum Alltagswissen der Gesellschaft gehört. Vgl. Wulf Wülfing u. a.: Historische Mythologie der Deutschen 1798-1918, München 1991, 5. 2-5.
[11] Die folgenden Ausführungen beruhen auf: Robert Ostmann: Geschichte der Königlichen Hof- und Garnisonkirche zu Potsdam, Potsdam 1862; Die Hof- und Garnisonkirche zu Potsdam, hg. vom Gemeindekirchenrat, o.O, o.J. (1932); Die Potsdamer Hof- und Garnisonkirche seit dem 21. März 1933 die Geburtsstätte des Dritten Reiches, Anhang zu: ebd.; Artikel: Potsdam in: Inventar der Bau- und Kunstdenkmäler in der Provinz Brandenburg, bearb. von R. Bergau, Berlin 1885, S. 570-581.
[12] Zentral: Otto Hintze: Die Epochen des evangelischen Kirchenregiments in Preußen, in: ders.: Regierung und Verwaltung. Gesammelte Abhandlungen zur Staats-, Rechts- und Sozialgeschichte Preußens, hg. von Gerhard Oestreich, Band 3, Göttingen 21967, S. 56-96.
[13] Peter Dinzelbacher: Die „Realpräsenz“ der Heiligen in ihren Reliquiaren und Gräbern nach mittelalterlichen Quellen, in ders. u. Dieter Bauer (Hg.): Heiligenverehrung in Geschichte und Gegenwart, Ostfildern 1990, S. 115-174.
[14] Vgl. zur Königin Luise von Preußen: Wülfing, Mythologie, S. 59-111.
[15] Besonders hinzuweisen ist auf die von 1842 bis in die ‘30er Jahre des 20. Jahrhunderts kontinuierlich aufgelegte Geschichte Friedrichs des Großen von Franz Kugler und Adolph Menzel. Vgl. hierzu: Peter Paret: Kunst als Geschichte. Kultur und Politik von Menzel bis Fontane, München 1990, S. 17-73. Einzelne Erzählungen finden sich auch in: Preußischer Choral. Deutscher Soldatenglaube in drei Jahrhunderten, Berlin 51940, S. 23-80, Freundlicher Hinweis Frank-Michael Kuhlemann.
[16] Ebd., S. 46-51. Das Deutungsmuster der Leuthener Schlacht war auch in späteren Zeiten nicht ungewöhnlich. Wilhelm I. kommentierte das Schlachtenglück bei Sedan als göttliche Hilfe: „Was für eine Wendung durch Gottes Fügung‘“. Auch dieser Ausspruch gehörte zum Bildungsgut der Zeit bis 1933.
[17] Ich danke Stefan Brakensiek für seine Hilfe bei der Beschaffung des Bilderbogens.
[18] Abbildung in: Hans Mommsen: Die verspielte Freiheit. Der Weg der Republik von Weimar in den Untergang 1918 bis 1933, Frankfurt 1989, vor S. 377.
[19] Die Filme erreichten per Wanderkino selbst das kleinste Dorf. Vgl. expl. Stadtarchiv Spenge, A 461-463.
[20] Auch im Laienspiel der Theatergruppen nationaler Organisationen konnte die Gestalt Friedrichs lebendig bleiben. Vgl. ebd.
[21] Wolfgang Tilgner: Volk, Nation und Vaterland im protestantischen Denken zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus (ca. 1870-1933), in: Horst Zilleßen (Hg.): Volk — Nation — Vaterland. Der deutsche Protestantismus und der Nationalismus, Gütersloh 21970, S. 135-171.
[22] Karl Hammer: Der deutsche Protestantismus und der Erste Weltkrieg, in: Francia 2 (1974), S. 398-414.
[23] Karl-Wilhelm Dahm: Pfarrer und Politik. Soziale Position und politische Mentalität des deutschen evangelischen Pfarrerstandes zwischen 1918 und 1933, Opladen 1965.
[24] Karl-Egon Lönne: Politischer Katholizismus im 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt 1986, S. 217-247; Doris Kaufmann: Katholisches Milieu in Münster 1928-1933, S. 33-39, 54-62; Scholder, Kirchen, Band 1, S. 12-19.
[25] Die Analyse erfolgt nach Hans Hupfeld (Hg.): Reichstags-Eröffnungsfeier in Potsdam. Das Erlebnis des 21. März in Wort und Bild, Potsdam 1933; Hans Wendt: Die Nationalversammlung von Potsdam. Deutschlands große Tage 21.-23. März 1933, Berlin 1933 sowie den Berichten und Meldungen der Tageszeitungen. Die Zitate sind, soweit nicht anders vermerkt, dem Text von Hupfeld entnommen.
[26] Scholder, Kirchen, Band 1, S. 285.
[27] Bergau, Inventar, S. 579 f.
[28] Scholder, Kirchen, Band 1, S. 296. Vgl. zur Person: Robert Stupperich unter Mitarbeit von Martin Stupperich: Otto Dibelius. Ein evangelischer Bischof im Umbruch der Zeiten, Göttingen 1989.
[29] Vgl. zur Diskussion um die Zwei-Reiche-Lehre: Harald Diem: Luthers Lehre von den zwei Reichen — untersucht von seinem Verständnis der Bergpredigt aus. Ein Beitrag zum Problem: ‚Gesetz und Evangelium‘, in: Gerhard Sauter (Hg.): Zur Zwei-Reiche-Lehre Luthers, München 1973, $. 1-173; Johannes Heckel: Im Irrgarten der Zwei-Reiche-Lehre. Zwei Abhandlungen zum Reichs- und Kirchenbegriff Martin Luthers, München 1957.
[30] Von weltlicher Obrigkeit, wieweit man ihr Gehorsam schuldig sei (1523), in: Kurt Aland (Hg.): Martin Luther. Der Christ in der Welt (Werke, Band 7), Stuttgart 1967, S. 9-51.
[31] Rudolf Morsey: Der Untergang des politischen Katholizismus. Die Zentrumspartei zwischen christlichem Selbstverständnis und ‚nationaler Erhebung‘ 1932/33, Stuttgart 1977, S. 128 f.
[32] Ludwig Volk: Das Reichskonkordat vom 20. Juli 1933. Von den Ansätzen in der Weimarer Republik bis zur Ratifizierung am 10, September 1933, Mainz 1972, S. 72; Bracher, Stufen, S. 210; Scholder, Kirchen, Band 1, S. 317 f.
[33] Waldemar Gurian: Der Kampf um die Kirche im Dritten Reich, Luzern 1936, S. 92.
[34] Zitiert nach den Tageszeitungen, hier Engerscher Anzeiger, 22. März 1933.
[35] Vgl. hierzu auch: Otto Meissner u. Harry Wilde: Die Machtergreifung. Ein Bericht über die Technik des nationalsozialistischen Staatsstreichs, Stuttgart 1958, Anm. 23, S.311.
[36] Elke Fröhlich (Hg.): Die Tagebücher von Joseph Goebbels, Sämtliche Fragmente, Teil 1: Aufzeichnungen 1924-1941, Band 2, 1.1.1931 bis 31.12.1936, München 1987, S. 396.
[37] Hier nach der Gedenkausgabe Leipzig 1936, S. 255.
[38] Scholder, Kirchen, Band 1, S. 299.
[39] Freundlicher Hinweis Rolf Westheider.
[40] Evangelische Kirche im Nationalsozialismus am Beispiel Bielefeld, Dokumentation einer Ausstellung, Bielefeld 1986, 5. 11 f.
[41] Kaiserhuldigung durch die Christlichen Posaunenchöre Minden-Ravensbergs bei der Einweihung des Porta-Denkmals am 18, Oktober 1896, 0.0. o.J., S. 12. Freundlicher Hinweis Roland Gießelmann.
[42] Horst Ulrich Fuhrmann: Jöllenbeck. Heimat im Wandel der Zeit, Bielefeld 1991, S. 379.
[43] Ein Beleg findet sich in Hans Büning: Volksfrömmigkeit oder Zeichen christlichen Glaubens. Religiöse Sitten und Gebräuche in Kirchhellen, 0.0. 1990 (Schriftenreihe des Vereins für Orts- und Heimatkunde Kirchhellen 20/21), S. 200.
[44] Ein Beispiel ist der spätere Bischof Clemens August Graf von Galen mit seiner 1932 erschienenen Broschüre ‚Die Pest des Laizismus‘.
[45] Exemplarisch Werner Freitag: Spenge 1900-1950. Lebenswelten in einer ländlich-industriellen Dorfgesellschaft, S. 72-78, 262 f.
[46] Bielefeld, Kirche, S. 27 f.
[47] Soweit nicht anders vermerkt, beruhen die Ausführungen zum Tag von Potsdam in Westfalen auf der Durchsicht folgender Tageszeitungen: Bielefeld: Westfälische Zeitung v. 22.3.1933, Westfälische Neueste Nachrichten v. 22.3.; Dülmen: Bulderner Zeitung vom 22., 23.3.; Bünde: Bünder Generalanzeiger vom 22.3.; Cloppenburg: Münsterländische Tageszeitung v. 22.3.; Bad Lippspringe, Paderborn, Neuhaus, Delbrück: Lippspringer Anzeiger v. 22.-25.3.: Bad Oeynhausen: Bad Oeynhausener Anzeiger v. 22.3.; Bad Salzuflen: Lippische Landeszeitung vom 23.3.; Bocholt: Bocholter Zeitung vom 22.3.; Herford, Elverdissen, Rödinghausen, Wallenbrück, Kirchlengern: Herforder Zeitung v. 22.3., Herforder Kreisblatt v. 21.-25.3.; Lemgo: Lippische Post v. 22.3.; Meppen: Katholisches Volksblatt (Emszeitung) v. 22.3.; Osnabrück: Osnabrücker Tageblatt v. 22.3.; Lünen: Lünener Tageblatt v. 20.-22.3.; Münster: Münsterscher Anzeiger v. 22.3.; Minden, Porta Westfalica: Mindener Tageblait v. 22.3.; Everswinkel, Gütersloh, Rietberg, Herzfeld: Die Glocke v. 22.3.; Gütersloh: Westfälische Zeitung v. 22.3.; Spenge, Stift Quernheim, Rödinghausen: Engerscher Anzeiger v. 22.3.; Dortmund, Wanne-Eickel, Menden, Castrop-Rauxel, Mengede: Rote Erde v, 21.-23.3.; Hagen: Bergisch-Märkische Zeitung v. 21.-22.3., Hagener Zeitung v. 22.3.; Hagen, Lethmate, Meggen: Hasper Zeitung v, 22., 25.3.; Hagen, Lethmate, Schwelm: Westdeutsche Volkszeitung v. 10.3.,21.-25,3.
[48] Neben den behördlichen Anweisungen in den Zeitungen der Provinz Westfalen ist hinzuweisen auf Reinhard Wulfmeyer: Lippe 1933, Die faschistische Machtergreifung in einem deutschen Kleinstaat, Bielefeld 1987, S. 75 f.
[49] Vgl. Freitag, Spenge, S. 393 f.
[50] Wolfgang Günter u. Dr. Bernd Hey, Archiv des Landeskirchenamtes Bielefeld, bin ich für Hilfestellungen dankbar.
[51] Der in Düsseldorf gehaltene Vortrag, betitelt ‚Die Bedeutung der Reformation für das‘ deutsche Volkstum‘, findet sich in: Wilhelm Zoellner: Die Kirche der Geschichte und die Kirche des Glaubens. Beiträge zum Neubau der Kirche, Berlin 1933, S. 84-101. Vgl. auch Werner Philips: Wilhelm Zeollner — Mann der Kirche in Kaiserreich, Republik und Drittem Reich, Bielefeld 1985, S. 114-118.
[52] Vgl. zur Person Wendlands Dirk Bockermann: Die Anfänge des evangelischen Kirchenkampfes in Hagen 1932-1935, Bielefeld 1988, S. 31-36.
[53] Vgl. hierzu Arnd Bauerkämper u. a.: Zur Stellung des Bürgermeisters im nationalsozialistischen Staat. Wilhelm Gräfer in Lemgo. Eine Fallstudie, in: Lippische Mitteilungen 51 (1982), S. 211 -239
[54] Anschaulich: Goebbels, Tagebücher, Teil 1, Band 2, S. 396.
[55] Scholder, Kirchen, Band 1, S. 169.
[56] Volk, Reichskonkordat, S. 72.
[57] Westdeutsche Volkszeitung vom 10. März 1933.
[58] Vgl. auch Wilfried Hinrichs: Die Emsländische Presse unter dem Hakenkreuz. Selbstanpassung und Resistenz im katholischen Milieu, in: Emsland/Bentheim, Beiträge zur Geschichte, Band 6; Sögel 1990, S. 7-253, hier S. 101 f.
[59] Vgl. Anm. 16.
[60] Westfälische Volkszeitung, Lippspringer Anzeiger v. 25.3.1933.
[61] Vgl. Joachim Kuropka: Schlageter und das Oldenburger Münsterland 1932/1933, in: Jahrbuch für das Oldenburger Münsterland 1984, S. 85-98.
[62] Zitiert nach Volker Wehrmann (Bearb.): Lippe im Dritten Reich. Die Erziehung zum Nationalsozialismus, Eine Dokumentation 1933-1939, Detmold 1984, S. 278.
[63] Otto Dibelius: Vom Erbe der Väter, Berlin 1941, S. 105 f. Das Buch des ehemaligen Generalsuperintendenten war auch in Westfalen verbreitet. Ich danke Hern Dietrich Korthals für die Überlassung des Buches, das seine Eltern anläßlich ihrer Silberhochzeit von einem Pfarrer der ‚Bekennenden Kirche‘ als Geschenk erhielten.
[64] Marianne Nordsiek: Fackelzüge überall. Das Jahr 1933 in den Kreisen Minden und Lübbecke, Bielefeld 1983, S. 53.
[65] Zitiert nach Scholder, Kirchen, Band 1, S. 325.

Im Bann des Deutschnationalen

Die Predigt von Otto Dibelius am Tag von Potsdam

In dieser Fallstudie will ich darstellen, wie der Prediger Otto Dibelius meines Erachtens zum willigen theologischen Helfer[1] Adolf Hitlers in der Frühphase von dessen Machtergreifung[2] wurde. Diese These möchte ich in fünf Schritten erläutern, die sich wie fünf Akte eines Theaterstücks ausnehmen.

(1) Der äußere Rahmen von Ort und Zeit: Die politische Zielsetzung des „Tages von Potsdam“ -   Nebenschauplatz Nikolaikirche

Den äußeren Rahmen gaben die Nationalsozialisten vor. Nach dem Brand des Reichstagsgebäude in Berlin beschloss das Kabinett Hitlers am 2. März, die erste Sitzung des neu zu wählenden Reichstages in der Garnisonkirche abzuhalten – passend zu der Strategie, sich im Wahlkampf auf die Tradition des Preußentums zu berufen und Hitler in eine Reihe mit Friedrich dem Großen, Bismarck und vor allem Hindenburg zu stellen. Der Wahlausgang war eine Enttäuschung. Nicht einmal 44 Prozent der abgegebenen Stimmen entfielen auf die NSDAP, die damit die angestrebte eigene Mehrheit deutlich verfehlte. Deshalb „berief sich Hitler noch einmal emphatisch auf das nationale Bündnis und wiederholte in der Schaustellung des Tages von Potsdam am 21. März die nationalkonservativen Bekenntnisse der Anfangstage, die Bürgertum, Beamtenschaft und Armee so nachhaltig beeindruckt und von den terroristischen Machtergreifungsakten der nationalsozialistischen Funktionäre abgelenkt hatten.“[3]

Was Joseph Goebbels, seit dem 13. März Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, dem Volk einhämmerte, hatte Otto Dibelius schon vorher enthusiastisch begrüßt: „Der Gedanke, den neuen Reichstag in Potsdam, über dem Grab Friedrich des Großen, zu eröffnen, hat einen lauten Widerhall gefunden. 1848 die Paulskirche, 1919 das Theater in Weimar, 1933 die Garnisonkirche in Potsdam – solche Symbole prägen sich dem Gedächtnis eines Volkes tiefer ein als alle Reden. Sie stellen einen neuen Abschnitt der Geschichte in ein bestimmtes Zeichen.“[4]

Wie der Ort Potsdam war auch der Tag symbolträchtig aufgeladen. „Deutschland ist erwacht!“ hieß es in Goebbels „Aufruf an das deutsche Volk“, abgedruckt in allen Tageszeitungen am 21. März, dem Frühlingsanfang im Ablauf eines Jahres. Zudem war schon einmal ein Reichstag zu seiner ersten Sitzung an einem 21. März zusammengetreten: der Reichstag 1871, der erste im Deutschen Kaiserreich. 

(2) Der Prediger Otto Dibelius

Ein erstes Ziel hatte Otto Dibelius schon erreicht, als er seine Predigt vorbereitete: er hatte die Pläne Hermann Kaplers, des juristischen Präsidenten des Evangelischen Oberkirchenrats, und Georg Burgharts, des geistlichen Vizepräsidenten, eine feierliche Eröffnung des Reichstags in der Garnisonkirche zu verhindern, erfolgreich durchkreuzt.[5]

Ein zweites Ziel hatte Otto Dibelius auch erreicht: er selbst war damit beauftragt worden, die Predigt in dem evangelischen Gottesdienst zu halten, wenn auch auf dem Nebenschauplatz Nikolaikirche.[6]   

Nun musste er nur noch eine Predigt entwerfen. In der Wahl des Predigttextes war er frei. Zwei Briefe hatten ihn erreicht, die – so unterschiedlich die Absender ansonsten waren – darin übereinstimmten, dass sie Dibelius einerseits zutrauten, an diesem Tag als Prediger die richtigen Worte zu finden, Dibelius andererseits auf die schon erfolgte und noch zu erwartende Zerstörung des Rechts im Lande hinwiesen.

Den einen Brief erhielt Dibelius von Karl Barth, seinem schärfsten theologischen und kirchlichen Kontrahenten. In der Auseinandersetzung um den richtigen Weg der Kirche hatten die beiden sich nichts geschenkt. Doch nun hatte Barth ihm geschrieben, dass er über den „entscheidenden Inhalt“ des vertraulichen Rundschreibens, das Dibelius am 8. März den Pfarrern seines Sprengels und auch Barth zugeschickt hatte, „aufrichtig froh“ sei. Barth erwartete von Dibelius freilich, dass diesem „auch vor Augen stehen wird“, dass „für viele Millionen Menschen in Deutschland“ – „wenn in Potsdam die Glocken läuten und die Fahnen wehen“ – die Situation „eindeutig unter dem Aspekt von Gewaltherrschaft und Unterdrückung steht“.[7] 

Den anderen Brief hatte ihm Theodor Heuss geschrieben. Mit Heuss und auch dessen Ehefrau Heuss-Knapp war Dibelius, seit diese vor bald 20 Jahren sich seiner Gemeinde in Berlin angeschlossen hatten, freundschaftlich verbunden. Politisch gehörten Heuss und Dibelius verschiedenen Parteien an. Heuss war von 1924 – 1928 Abgeordneter des Reichstages für die Deutsche Demokratische Partei und nach deren Umbenennung in Deutsche Staatspartei für diese von 1930 - 1933; Dibelius war Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei. Heuss berichtete Dibelius von einem Ausspruch eines „der heute leitenden Männer […], seine Aufgabe sei nicht Gerechtigkeit zu üben“. Heuss beendet seinen Brief mit den Sätzen: „Es würde mir seltsam vorkommen, wenn ich Ihnen Bibeltextvorschläge machen sollte. Es gibt einen prachtvollen Spruch bei Hosea 10,12.[8] Es müsste aber vor allem das Wort aus den Sprüchen über diese Tage gestellt werden: Gerechtigkeit erhöht ein Volk, aber die Sünde ist der Leute Verderben.“ „Es müsste in dieser Stunde ein starkes und vernehmbares Wort gesprochen werden“[9], hatte Heuss angemahnt. Ein solches Wort zu sprechen, hatte Dibelius sicher vor. Aber wen wollte er stärken, was stark machen an diesem Tag?

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Aus: Illustrierter Beobachter, 31.3.1933, S.2

(3) Die Predigt

Ich versuche, die Predigt mit den Ohren eines – freilich kritischen – Ersthörers zu hören und die Gedanken zu formulieren, die dieser beim Hören hätte haben können. [10]

„Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein? Römer 8,31

     Über diesen Text hat D. v. Dryander bei der Eröffnung des Deutschen Reichstages am 4. August 1914 gepredigt. Es war ein Tag, an dem das deutsche Volk das Höchste erlebte, was eine Nation überhaupt erleben kann: einen Aufschwung des vaterländischen Gefühls, der alle mit sich fortriss;

Deshalb also hat Dibelius dieses Wort als Predigttext gewählt. Ich erinnere mich auch an diesen Tag zu Beginn des fürchterlichen Krieges. Dass alle von einem Aufschwung des vaterländischen Gefühls erfasst wurden, kann man ja nicht sagen. Aber es riss später alle mit sich fort in den Abgrund von Tod, Not und Elend. Will Dibelius jetzt daran erinnern, welchen Preis das deutsche Volk als Staat und Nation für diesen vaterländischen Rausch bezahlt hat?

"ein Aufflammen neuen Glaubens in Millionen Herzen; eine heiße Bereitschaft, das eigene Leben zu opfern, damit Deutschland lebe – ein Reich, ein Volk, ein Gott!"

     Ja, die hat es wohl gegeben, die bereit waren, ihr eigenes Leben zu opfern. Aber noch mehr Leben wurden im Laufe des Krieges von denen geopfert, die keineswegs bereit waren, ihr eigenes Leben zu opfern, nur das der anderen.

"Der heutige Tag ist jenem Tag ähnlich, und ist doch wieder anders. … Noch sind wir nicht wieder ein einiges Volk."

     Das kann man daran sehen, wer heute nicht da ist, freiwillig und gezwungenermaßen: Sozialdemokraten und Kommunisten. Aber die will der deutschnationale Dibelius vielleicht auch gar nicht dabei haben, zumindest am heutigen Festtag nicht.

"Das weiß niemand so gut wie die Kirche, die das Evangelium allen Gliedern des Volkes zu bringen hat. Aber das Verlangen ist doch da bei Ungezählten, sich aus Klassenhass und Parteizerklüftung in das zu retten, was uns alle eint: dass wir Deutsche sind!"

     Nur weil wir alle Deutsche sind, gibt es in Deutschland keine Klassen mehr? Nur noch eine deutsche Volksgemeinschaft, wie die Nazis jetzt immer sagen, dass sie die verwirklichen wollen?

"… Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein? Das Wort kommt aus dem Zentrum evangelischen Glaubens. … Gott ist nicht gegen die Menschen … Er ist nicht der ewig Fordernde, nie Zufriedengestellte, der mit den Menschen handelt Auge um Auge, Zahn um Zahn."

     Na, jetzt sag bloß nicht, dass die Juden unser Unglück sind. Du sollst ja selbst von Dir gesagt haben, Herr Dibelius, dass Du Antisemit bist. Ich verstehe ja nicht viel von Theologie, aber ich weiß doch, dass es in der Bibel auch die Zehn Gebote gibt.

"Gott spricht am Kreuz von Golgatha: Für Euch! …
Das ist die Wahrheit, die unsere Kirche bezeugt.
Diese Wahrheit aber wird nur verstanden, wenn man begreift, dass sie Gnade ist! …

…. Wir wollen wieder sein, wozu uns Gott geschaffen hat. Wir wollen wieder Deutsche sein! …
Das ist es, was wir in dieser Stunde ersehnen: Durch Gottes Gnade ein deutsches Volk!"

     Warum soll das ein Zeichen der Gnade Gottes sein, dass ich Deutscher bin, dass wir Deutsche sind? Gäbe es nach dem, was Deutschland im Krieg bzw. in der Welt angerichtet hat, nicht mehr Sinn, zu sagen: Gnade uns Gott!

"Mit Gott zu neuer Zukunft! Ein neuer Anfang steht immer irgendwie im Zeichen der Gewalt. Wir haben von Dr. Martin Luther gelernt, dass die Kirche der rechtmäßigen staatlichen Gewalt nicht in den Arm fallen darf, wenn sie tut, wozu sie berufen ist. Auch dann nicht, wenn sie hart und rücksichtslos schaltet. Wir kennen die furchtbaren Worte, mit denen Luther im Bauernkrieg die Obrigkeit aufgerufen hat, schonungslos vorzugehen, damit wieder Ordnung in Deutschland werde."

     Also darauf läuft das Ganze hinaus: hart, rücksichtslos und schonungslos kann man die Art schon nennen, in der die Nazis für Ordnung sorgen. In der Zeitung steht heute, dass in der Nähe von München, in Dachau, ein Konzentrationslager für 5.000 politische Gegner eingerichtet werden soll. Wenn das man für die nicht so ausgeht wie für die Bauern im Bauernkrieg! Und das findet der Dibelius in Ordnung?

"Aber wir wissen auch, dass Luther mit demselben Ernst die christliche Obrigkeit aufgerufen hat, ihr gottgewolltes Amt nicht zu verfälschen durch Rachsucht und Dünkel, dass er Gerechtigkeit und Barmherzigkeit gefordert hat, sobald die Ordnung wiederhergestellt war.

Das muss die doppelte Aufgabe der evangelischen Kirche auch in dieser Stunde sein. Wenn der Staat seines Amtes waltet gegen die, die die Grundlagen der staatlichen Ordnung untergraben, gegen die vor allem, die mit ätzendem und gemeinem Wort die Ehe zerstören, den Glauben verächtlich machen, den Tod für das Vaterland begeifern – dann walte er seines Amtes in Gottes Namen!"

     In Gottes Namen – ob das Gott so recht ist?

"Aber wir wären nicht wert, eine evangelische Kirche zu heißen, wenn wir nicht mit demselben Freimut, mit dem Luther es getan hat, hinzufügen wollten: staatliches Amt darf sich nicht mit persönlicher Willkür vermengen!"

     Da hat er aber mal recht, der Luther!

"Ist die Ordnung hergestellt, so müssen Gerechtigkeit und Liebe wieder walten, damit jeder, der ehrlichen Willens ist, seines Volkes froh sein kann. ..."

      Das kann dauern. Und in der Zwischenzeit? Wenn die man sich nicht täuschen, die sagen: Es wird schon nicht so schlimm kommen; wo gehobelt wird, da fallen Späne. Wenn die man sich nicht täuschen, die sich damit beruhigen, dass da ja auch noch der Hindenburg ist, der im Notfall schon für Recht und Ordnung sorgen wird.

 "… Das ist heute unser Gebet: dass Gottes Gnadenhand über dem Bau des Deutschen Reiches die Kuppel wölbe, die einem deutschen, einem geheiligten, einem freien Volk den Blick für immer nach oben zieht. Deutschland wieder und für immer: ein Reich, ein Volk, ein Gott! ..."

      Also, das ist mir nun doch etwas zu viel Pathos und Symbolik.

(4) Die Predigt in der Rückschau des Predigers

In seinen Lebenserinnerungen „Ein Christ ist immer im Dienst“ von 1961 blickt Dibelius zurück auf seinen Anteil an dem Ablauf des Tages von Potsdam. Er habe verhindert, dass der neu gewählte Reichstag – wie zunächst geplant – seine erste Sitzung in der Garnisonkirche abgehalten hätte. Dann schildert er den Gottesdienst in der Nikolaikirche: „Endlich kam Hindenburg ... Der Jubel der Menschen tat ihm sichtlich wohl. Als er mich begrüßte, sagte er mit seiner tiefen Stimme: `Gott sei Dank, dass wir endlich wieder so weit sind!´ Ich hielt die Predigt. An entscheidender Stelle sagte ich: `Wir haben von Dr. Martin Luther gelernt … Das ist unser heißes Anliegen, dass eine neue deutsche Zukunft heraufgeführt werde von Männern, die aus Dank für Gottes Gnade ihr Leben heiligen in Zucht und in Liebe und dass der Geist solcher Männer dann das ganze Volk durchdringe! Herr, lass uns wieder werden, was unsere Väter waren: durch Gottes Gnade ein geheiligtes Volk!´.[11] Die Nationalsozialisten sahen mich feindselig an. Sie haben mir diese Worte nie vergessen.“[12] 

Dibelius hat sich, soweit ich sehe, nie kritisch zu seiner Mitwirkung am Tag von Potsdam geäußert.[13] Dibelius wird kaum sich selbst gemeint haben, als er 1960, noch immer Bischof der Evangelischen Kirche in Berlin und Brandenburg, in seinem Bericht vor der Synode ausführte: „Ich bitte Gott, dass er die Kirche immer wieder frei mache von der Versuchung, den Geist der Agitation und der Propaganda, der vor ihrer Tür sein Wesen treibt, in ihre Mitte einzulassen.“[14]

(5) Noch einmal Otto Dibelius am Tag von Potsdam – eine späte, notwendige Kontroverse

Dibelius war seit fast 23 Jahren tot[15], als ein Satz, fast eine Nebenbemerkung eine wochenlange Kontroverse auslöste. Aurel von Jüchen bezog sich in einem Leserbrief an das Berliner Sonntagsblatt, erschienen am 24. September 1989, auf einen drei Wochen zuvor in derselben Zeitung erschienenen Kommentar zum Beginn des Zweiten Weltkriegs. Als ein „Dolmetscher zwischen den Generationen“ wolle er, ein 87jähriger Zeitzeuge, eine zu kurz gekommene Frage beantworten, die Frage nämlich, wie es kam, „dass das deutsche Volk auf den Meister der Lüge und der betrügerischen Propaganda hereinfallen konnte, […] welche Glaubenshaltung aus Hitler `den Führer´ machen konnte“.[16] In diesem Zusammenhang, den von Jüchen historisch breit darlegte, steht der Satz „Unter Berufung auf Luthers Haltung im Bauernkrieg segnete er (gemeint ist Dibelius in seiner Predigt am Tag von Potsdam) auch alle Gewalttaten des Nationalsozialismus ab.“ Wulf Thiel, der Dibelius aus eigenem Erleben kannte, reagierte umgehend: „So war er nicht“. Dann nahm die Kontroverse Fahrt auf.   

Zweimal meldete sich Pfarrer i.R. Johannes Müller, Jg. 1909, zu Wort, musste sich den Vorwurf anhören, er zitiere aus einer „SED-Quelle“. Ulrich Peter meldete sich zu Wort: „Vorab eine Klarstellung: Dibelius war kein Nazi und hat im Kirchenkampf eine wichtige Rolle gespielt. Das ändert an der Tatsache, dass Leute wie er die Machtübernahme der Nazis ermöglicht haben und in der ersten Phase der NS-Diktatur diese ideologisch abgesichert und legitimiert haben, allerdings kein Jota.“  

Altbischof Kurt Scharf zeichnete ein versöhnliches Bild von Otto Dibelius: Zwar Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei, habe Dibelius „als Mann der Kirche, als Prediger und Seelsorger“ den Forderungen der Nationalsozialisten „mehr als einmal öffentlich widersprochen“, in den Bruderräten der Bekennenden Kirche „exponiert“ mitgearbeitet und sei im neuen leitenden Amt nach 1945 „außerordentlich fair (gewesen) gegen solche, die ihn kritisierten oder ihm widersprachen. Er mühte sich, nach bestem Wissen und Gewissen der Heiligen Schrift gemäß zu leben. So war er! So habe ich ihn erlebt!“  

Das Berliner Sonntagsblatt beendete schließlich die Debatte nach zehn Wochen, indem sie Aurel von Jüchen, der die Debatte ausgelöst hatte, noch einmal das Wort gab. Von Jüchen, der sich zwischendurch dagegen ausgesprochen hatte, dass die Debatte eine „personalistische Wende“ genommen hatte, bekräftigte noch einmal, dass die Schuld der Kirche „in der Schieläugigkeit einer Theologie und einer Verkündigung“ bestanden habe, „die mit einem Auge auf Jesus Christus als den einzigen Herrn der Kirche sah, und mit dem anderen auf den starken Staat, die traditionssichernde Obrigkeit und die Obrigkeitshörigkeit ihrer Untertanen.“ Deshalb: „Macht Schluss mit dem [...] `Dibelianismus´“.

Fazit

Dass das Berliner Sonntagsblatt Anfang Dezember 1989 die Debatte in der eigenen Zeitung nicht fortführen wollte, kann man verstehen. Damals verdrängten Fragen nach der Zukunft die Frage, wie es in der Vergangenheit wirklich gewesen ist. Das kann man freilich auch bedauern. Erzeugte der Prozess der Vereinigung der beiden deutschen Staaten nicht auch einen Rausch, durch den Fragen der Gerechtigkeit und der Demokratie in den Hintergrund gedrängt wurden? Und für wen hatten die Kirchen in diesem Prozess ihre Stimme zu erheben? Dass z. B. der Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 mit einem ökumenischen Gottesdienst begonnen wurde, wird man nicht selbstverständlich finden, wenn man genau hinsieht.[17]

Was die historische Beurteilung angeht, wird man zumindest dem milden Urteil von Klaus Scholder zustimmen müssen: Man wird „schwerlich an dem Urteil vorbeikommen, dass auch Dibelius dem illusionären Glanz des Tages von Potsdam wenigstens teilweise erlegen ist. Zwar waren die kritischen Untertöne in der Predigt nicht zu überhören. Aber sie blieben Untertöne, die überlagert wurden vom pathetischen Oberton preußisch-protestantischer Hoffnungen“. Mit der Wahl des Predigttextes „bestätigte Dibelius, dass auch er an die Potsdamer Täuschung glaubte; und zugleich übernahm er mit seiner Predigt ungewollt eine wichtige Rolle dabei.“[18]

Einfach macht es Dibelius den Nachgeborenen nicht. Er war kein Nazi und kein Opportunist. Er ging aus Überzeugung „in die Irre“.[19] Er war kein bornierter Nationalist, sondern früh ökumenisch ausgerichtet. Nachdem er an der Weltkirchenkonferenz 1925 in Stockholm teilgenommen hatte, war für ihn Nathan Söderblom, der Erzbischof von Uppsala und Wegbereiter der ökumenischen Bewegung, über dessen Tod hinaus ein Vorbild. Es bleibt eine spannende Frage, was Menschen mit ähnlichen Erfahrungen und Einstellungen zeitweilig zusammenführte oder getrennte Wege gehen ließ.[20]

Diese Predigt zeigt schließlich, wie eine versäumte Einsicht der eigenen Schuld und eine  unterlassene Umkehr anfällig machen, die Schuld, Gott in den Dienst eigenmächtig gewählter Ziele zu stellen. zu wiederholen.[21] Nicht zuletzt der unbedachte Kontext sorgte dafür, dass der Predigttext beim Hörer in der Fassung Ist Gott für uns Deutsche, wer mag wider Adolf Hitler sein? ankommen konnte.

Der Text erschien zugleich in: Jahrbuch des Ökumenischen Instituts für Friedenstheologie 2023: "Die Reich-Gottes-Botschaft in Theologie und Politik"

Johannes Weissinger, Jg. 1948, Pfarrer i.R., Dortmund. Mitarbeit im Ökumenischen Institut für Friedenstheologie, Mitglied der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerung und Frieden AG Westfalen


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[1] Der Anklang an den Titel des Buches von Jonathan Goldhagen Hitlers willige Helfer ist beabsichtigt.
[2] Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler vom Reichspräsidenten Hindenburg zum Reichskanzler ernannt. Es ist irreführend, diesen Tag als Tag der Machtergreifung zu bezeichnen. Es handelte sich um eine Machtübergabe. Die Macht ergriffen hat Hitler in den folgenden Wochen und Monaten. Einen ersten Abschluss dieser Machtergreifung bildet das sogenannte Ermächtigungsgesetz, das der Reichstag am 23. März 1933 beschlossen hat. 
[3] Bracher: Die deutsche Diktatur, 215 [Hervorhebung von J.W].
[4] Sonntagsspiegel der Tageszeitung Die Tat, 5. März 1933, zitiert nach Grünzig: Für Deutschtum und Vaterland,154. Zu beachten ist, dass Dibelius für die Eröffnung des Reichstags in der Garnisonkirche war. Eine etwaige erste Sitzung des Reichstags an diesem Ort lehnte Dibelius strikt ab.
[5] Vgl. Grünzig: Für Deutschtum und Vaterland, 150f. Dibelius ging dabei eigenmächtig vor. Er war – anders als er es 1961 behauptete – für die Garnisonkirche nicht zuständig. Vgl. ebd., 16, 29, 149.
[6] Vgl. Grünzig: Für Deutschtum und Vaterland,159: Ministerialrat Kaisenberg aus dem Reichsinnenministerium, das mit der Planung des 21. März beauftragt war, hatte Georg Burghart, den Geistlichen Vizepräsidenten des preußischen Oberkirchenrats, eingeplant, doch der Gemeindekirchenrat der St. Nikolaikirche hatte sich für Dibelius ausgesprochen.
[7] Alle Zitate nach Scholder: Die Kirchen und das Dritte Reich I, 296.
[8]„Säet Gerechtigkeit und erntet nach dem Maße der Liebe!“
[9] Alle Zitate nach Hamm-Brücher: Zum Demokratieverständnis von Theodor Heuß, 53f.
[10] Die Zitate aus der Predigt (vgl. Dibelius: Festpredigt) sind fortlaufend wiedergegeben, die Hervorhebung durch Kursivschrift im Original. Um der besseren Lesbarkeit willen werden die Anführungszeichen nur zu Anfang und zum Ende gesetzt.
[11] Dibelius: Ein Christ ist immer im Dienst, 171f.  In der Auslassung stehen die beiden Absätze, die im vorigen Kapitel zitiert wurden, fortgeführt in dem Satz: „Die beiden Reiche, die Luther so sorgfältig auseinander hielt, das Reich der weltlichen Gewalt und das göttliche Reich der Gnade, werden eins in der Person des Christen.“
[12] Es gab freilich eine Ausnahme: „Nur Göring schüttelte mir die Hand, als wir den Reichspräsidenten hinausbegleiteten: `Das war´, sagte er, `die beste Predigt, die ich in meinem Leben gehört habe!´“ Dieses Lob bagatellisiert Dibelius umgehend: „Ich unterdrückte die naheliegende Frage, wie viele Predigten der Herr Ministerpräsident in seinem Leben gehört habe.“ ebd., 172f.
In dieser Situation wird freilich auch Dibelius´ ganze Aufmerksamkeit Hindenburg gegolten haben. Vgl. den weiteren Bericht: „(Hitlers) Rede (in der Garnisonkirche) war eine Enttäuschung. Es war nichts darin, was ein Herz hätte höher schlagen lassen. Hindenburg antworte würdig, aber ohne etwas Markantes zu sagen.“ ebd., 173.
[13] Im Gegenteil. Nach dem Bau der Mauer in Berlin 1961 hält Dibelius vom 28. August bis 1. September in der Kirche am Südstern fünf „Reden an eine gespaltene Stadt“. In der ersten Rede verweist er zur Begründung dafür, dass die Kirche ein Angebot der DDR, den Deutschen Evangelischen Kirchentag wie 1954 auch 1961 in Leipzig abzuhalten, nicht angenommen habe, darauf, dass die Kirche schon einmal einem totalen Staat nicht zu Diensten war, nämlich als er, Dibelius, 1933 zu einem entsprechenden Befehl Hitlers Nein sagte: „Zu einer Reichstagssitzung geben wir eine Kirche nicht her!“  Dibelius: Reden an eine gespaltene Stadt, 5.
[14] Dibelius: Selbstzeugnisse, 345. Dabei hätte Dibelius allen Grund zur Selbstkritik gehabt. Er hatte in seiner Predigt fast wörtlich wiederholt, was Goebbels in seinem „Aufruf an  das deutsche Volk“ am 21. März in allen Zeitungen hatte abdrucken lassen:  die innere Zerrissenheit des deutschen Volkes werde„von nun an endgültig“ beendigt sein; „über  Klassenunterschiede und konfessionellen Zwiespalt hinweg“ reichten sich „alle Stämme, Stände und Bekenntnisse in den vielen Millionen Menschen, die hinter der Regierung der nationalen Revolution stehen, die Hand“. Der Unterschied: Was Goebbels als Tatsache hinstellte, war für Dibelius eine Hoffnung.
[15] Otto Dibelius starb am 31. Januar 1967 in Berlin.
[16]Dokumentation der LeserInnenbriefe in Asta (Hg.): Deutschnationales Christentum, 5. Dort auch alle folgenden Zitate auf den Seiten 6-16.
[17] Vgl. Schellong, Dieter: Ein Skandal auch über den 3. Oktober hinaus.
[18] Scholder: Die Kirchen und das Dritte Reich I, 296 Zu der historischen Einordnung der Inszenierung in Potsdam insgesamt vgl. Grünzig: Für Deutschtum und Vaterland, 178f: „Der `Tag von Potsdam´ markierte einen entscheidenden Schritt zur absoluten Macht der NSDAP. Nach dem Staatsakt kam es zu einer massenhaften Anbiederung des deutschnationalen Lagers an die NSDAP. […] Ebenso wichtig war die Wirkung […] auf den Reichspräsidenten. Er unterstützte Hitler nach dem 21. März 1933 fast bedingungslos […] Am wichtigsten aber war, dass Hitler nach dem Händedruck in der Garnisonkirche als der legitime Erbe Hindenburgs galt. Daher regte sich auch kaum Widerstand, als Hitler nach dessen Tod am 2. August 1934 die Befugnisse des Reichspräsidenten übernahm...“
[19] Vgl. das sog. Darmstädter „Wort des Bruderrates der EKiD  zum politischen Weg unseres Volkes“ vom 8. August 1947. In: KUPISCH 1971, 57-59
[20] Vgl. die Lebenswege von Friedrich Siegmund-Schultze, Karl Barth, Dietrich Bonhoeffer, Martin Niemöller u. a.
[21] Vgl. die These 6 der Theologischen Erklärung der Barmer Bekenntnissynode 1934. In: KUPISCH 1965, 277

Gedenkmünzen und Medaillen zum „Tag von Potsdam“

In der nationalsozialistischen Propaganda spielte der „Tag von Potsdam“ eine große Rolle. Am 21. März 1933 übergab Reichspräsident Paul von Hindenburg anlässlich der Eröffnung des am 5. März 1933 gewählten Reichstags symbolisch die Macht an Hitler, den am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannten Führer der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (NSDAP). Zu dem Staatsakt unter der Parole „Einheit von alter Kraft und neuer Größe“ in der barocken Garnisonkirche an der Breiten Straße in Potsdam waren Minister und Abgeordnete, aber auch Hohenzollernprinzen, hochrangige Militärs und andere Vertreter des altpreußischen Staates erschienen. Deren Beteiligung an dem Spektakel kam den Nationalsozialisten gelegen, denn sie konnten damit demonstrieren, dass die neue Regierung auf preußischen Traditionen wie Gottvertrauen, Nähe zum Volk und Treue zum Staat, aber auch Verlässlichkeit, Ordnung und Pünktlichkeit beruht und sich damit fundamental von der Weimarer Republik unterscheidet, die von den Nationalsozialisten und der extremen Rechten als chaotisch sowie jüdisch-bolschewistisch verseucht verteufelt wurde. Der 21. März wurde mit Bedacht als Datum für den „Tag von Potsdam“ gewählt, denn er war nicht nur der mit vielen Erwartungen verbundene Frühlingsanfang, sondern war auch derjenige Tag, an dem Kaiser Wilhelm I. 1871 Otto von Bismarck zum Reichskanzler ernannte.

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Gedenkmünzen zu 2 und 5 RM aus Silber zum „Tag von Potsdam“ wurden 1934 und 1935 in einer Gesamtauflage von 80 Mio. Exemplaren geprägten

Die barocke Garnisonkirche war für die von Hitler geführte „Regierung der nationalen Revolution“ so wichtig, dass sie 1934, zum ersten Jahrestag des Tags von Potsdam, silberne Zwei- und Fünf-Reichsmark-Münzen (RM) mit der Gebäudeansicht von vorn prägen ließ. Die „Bekanntmachung über die Ausprägung von Reichssilbermünzen im Nennbetrage von 2 und 5 Reichsmark“ vom 16. März 1934 gibt außer Angaben über die Gestaltung und die technischen Parameter nichts über die Absichten her, die mit dieser Ausgabe verbunden war. Auf dem Rand ist die aus dem Programm der NSDAP von 1920 entnommene Randschrift „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ zu lesen. Mit dem Schlagwort sollte die so genannte Volksgemeinschaft nach dem Motto „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“ geschmiedet werden. Dass im Reichsrundfunk als Pausenzeichen das Glockenspiel der Garnisonkirche mit der von Wolfgang Amadeus Mozart komponierten Melodie zum Choral „Üb immer Treu und Redlichkeit“ erklang, unterstreicht die besondere Wertschätzung der Garnisonkirche in der von Joseph Goebbels kommandierten Nazi-Propaganda.

Die näheren Umstände für die von dem Bildhauer und Medailleur Alfred Vocke (Vorderseite) und dem Stempelschneider der Berliner Münzstätte Reinhard Kullrich (Rückseite) gestalteten Geldstücke mit der Garnisonskirche ist bislang nicht erforscht. Vocke muss einen guten Stand bei der Regierung und Parteiführung gehabt haben, denn er war auch Gestalter der von 1936 bis 1939 ausgegebenen Kursmünzen zu fünf und zwei RM aus Silber mit dem Kopf des 1934 verstorbenen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg. Es ist davon auszugehen, dass die Münzen im Zusammenspiel von Reichskanzlei, Propagandaministerium, Finanzministerium und NSDAP entstanden sind.

Die Münzen mit der Garnisonkirche zu 5 RM wurden 75 Millionen mal in 900er Silber,[1] die zu 2 Reichsmark 5 Millionen mal in 625er Silber geprägt. Damit waren sie ein weit verbreitetes Zahlungsmittel und viel häufiger als die Gedenkausgaben von 1933 zum 450. Geburtstag von Martin Luther (5 RM, Auflage 1 Million) und die von 1934 zum 175. Geburtstag von Friedrich Schiller (2 und 5 RM, 1934, Gesamtauflage 400.000).

Eine wohl noch in der Weimarer Republik geplante Gedenkmünze zum 50. Todestag von Richard Wagner 1933 kam aus bislang nicht bekannten nicht zustande. Das gilt auch für Sondermünzen zu 5 RM, die 1935 zur „Heimkehr der Saar“ herauskommen sollte. Von ihr existieren nur wenige Probeabschläge. Dies gilt ebenso für die Zeit nach dem „Endsieg“ geplante Münze zu 5 RM mit dem Kopf von Hitler und einer „Siegesmünze“ von 1940 zu 10 RM.

Die Münzjahrgänge von 1934 und 1935 mit der Garnisonkirche kommen auf der Vorderseite auch ohne das Datum vor. Regimegegner benutzten die freie Fläche, um Parolen wie „Hitler verrecke“ oder „Brandstifter Nazis und Mörder“ zu gravieren. Vor allem im Stuttgarter Raum wurden derartige Münzen von der Reichsbank und Gestapo sichergestellt. Solche Veränderungen durch Gravur oder Auflöten von Hüten sind aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert bekannt. Ab und zu kommen so umgewandelte und daher ungültig gemachte Silbermünzen mit dem Kopf des 1918 ins Exil gegangenen Kaisers Wilhelm II. vor. Sammler legen diese Stücke in das Fach Spottmünzen oder „Wilhelm mit Zylinder“ ab.

Das Motiv der Garnisonkirche wurde im Jahr 1936 durch die Darstellung des 1934 verstorbenen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg auf den 5 und 2 RM Münzen abgelöst. Von 1936 bis 1939 wurde von ihnen über 250 Millionen Exemplare (zu 2 bzw. 5 RM, Reichsadler mit oder ohne Hakenkreuz) geprägt.[2] Laut Artikel III im Gesetz 53 der Alliierten Militärregierung wurden die 5-RM-Münzen am 18. September 1944 außer Kurs gesetzt. Dieses Gesetz galt für das gesamte von den Alliierten besetzte deutsche Gebiet und verlangte die Ablieferung der Münzen. Diesem Gebot kamen allerdings nur wenige Menschen nach, so dass sich heute noch sehr viele Stücke in Privatbesitz befinden, während ein Großteil eingeschmolzen wurde.

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Gussmedaille in Bronze von Karl Goetz. Von dieser Medaille gibt es auch eine Versionen aus geprägtem Silber.

In der NS-Zeit wurden auch Medaillen zum „Tag von Potsdam“ hergestellt. Eine von Karl Goetz gestaltete Gussmedaille feiert den Tag von Potsdam mit einer Darstellung des Handschlags von Hindenburg und Hitler sowie einem über der Potsdamer Garnisonkirche kreisenden Adler, der das Hakenkreuz in den Klauen hält. Diese Medaille gibt es in Bronze (110 mm) und in Silber (36 mm, 19,57 g). Letztere wurde vom Bayrischen Hauptmünzamt in München vertrieben.

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Porzellanmedaille der Königlichen Porzellanmanufaktur Berlin

Die Königlichen Porzellanmanufaktur Berlin würdigte den „Tag von Potsdam“ mit einer Porzellanmedaille, die die Garnisonkirche von der Seite darstellt. Mit der einem Gedicht von Max von Schenkendorf übernommenen Parole auf der Rückseite „Nimmer wird das Reich zerstöret, wenn ihr einig seid und treu“ hatten die Nationalsozialisten zur Reichstagswahl 1933 um Stimmen für Hitler geworben. Sieben Jahrzehnte später bot die Porzellanmanufaktur Weihnachtkugeln an, deren Erlös dem Wiederaufbau der 1945 zerbombten und 1968 abgerissenen Kirche zugute kommen sollte.

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Staatliche Münze Berlin 2005

Zum selben Zweck bot die Staatliche Münze Berlin 2005 eine Medaille mit der Garnisonkirche an (30 mm, 500er Silber, Auflage: 50.000, Gestalter: Othmar Kukula).

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Berolina Medaillenvertrieb 1979

Bereits 1979 hatte der Berolina Medaillenvertrieb eine Medaille mit der der Garnisonkirche und dem Sinnspruch „PRO GLORIA ET PATRIA hergestellt (40 mm, 23 g).

1991 brachte die rechtsgerichtete Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel eine vergoldete Medaille auf den Markt, mit einer Darstellung des von ihr gestifteten Nachbau des Glockenspiels auf der Plantage, verbunden mit der Choralzeile „Üb immer treu und Redlichkeit“. Ein zweites Motiv zeigt das Glockenspiels des historischen Kirchturms.

Alle nach 1945 hergestellten Münzen thematisieren nicht den Tag von Potsdam. Allerdings sind aus der Zeit vor 1933 keinerlei Münzen und Medaillien zur Garnisonrkirche Potsdam bekannt.

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Medaille von 1991

Helmut Caspar (*1943) verlebte seine Kindheit und Jugend in Potsdam. Nach einer Schriftsetzer-Lehre und dem Geschichts- und Germanistikstudium an der Universität in Rostock arbeitete er als Lehrer, aber wechselte bald nach Ost-Berlin, um zunächst als Redakteur der Tagespresse zu arbeiten. In den achtziger Jahren war er am Institut für Denkmalpflege der DDR als Pressereferent tätig. Ab 1991 war Caspar als Redakteur in der Tageszeitung Neue Zeit tätig. Im Juli 1994 stellte das Blatt sein Erscheinen ein; seitdem ist er in Berlin als freier Journalist tätig und unterhält dort auch die Geschäfts- und Pressestelle des Verbands der deutschen Münzenhändler.


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[1]           Die Verbesserung der Legierung von 500er Silber auf 900er beziehungsweise 625er Silber war schon während der Weimarer Republik geplant gewesen, um, wie von Vielen gewünscht, Durchmesser und Gewicht der Geldstücke zu verringern.
[2]           Die genauen Angaben finden sich im Katalog von Kurt Jaeger „Die deutschen Münzen seit 1871“ (Gietl Verlag Regenstauf, 26. Auflage 2019) und in anderen Publikationen

Björn Höcke, Preußen und die Turmkopie

In seiner programmatischen Rede in Dresden am 17. Januar 2017 sprach der AfD-Politiker Björn Höcke auch von Preußen. Und brauchte, um verstanden zu werden, nicht viele Worte. Es ging ihm nicht um einen genaueren Blick in die Geschichte oder die Geographie, schon gar nicht um Ausbeutung, Unterdrückung, Militarismus, gewaltsame Soldatenaushebung und Annexionskriege, und es ging ihm auch nicht um den Widerspruch zwischen mancherlei Fortschrittsfähigkeit auf der einen und verheerender Rückwärtsgewandtheit auf der anderen Seite. Nein, worum es ihm ging, war, was im Deutschen im Sinne einer „popularen Anrufung“ (Ernesto Laclau) als „Preußisch“ verstanden wird – und zwar unbedingt in der Verbindung mit „Tugend“.

Die „preußischen Tugenden“ sind es, die er beschwört. „Ich möchte“, rief er aus, „dass ihr euch im Dienst verzehrt. Ja, ich möchte euch als neue Preußen. Ja, liebe Freunde, ich weise euch einen langen …“ – hier wurde er durch nicht protokollierte Zwischenrufe unterbrochen – „… ich weise euch einen langen – ich weiß, ich bin in Sachsen …“ – das Protokoll vermerkt eigenes Lachen und Gelächter aus dem Publikum – „… aber die preußischen Tugenden, die tun uns allen gut, egal ob wir Thüringer sind, Brandenburger sind oder Bayern sind oder ...“ – der Rest des Satzes ging im Applaus unter.[1]

„Positives Leitbild“ als Kampflinie

Ein Jahr später – in seinem Buch „Nie zweimal in denselben Fluss“, in dem er im Dialog mit Sebastian Hennig großflächig sein Weltbild ausbreitet – geht Höcke weit über die „Tugenden“ hinaus und erhebt Preußen mit Blick auf Gesellschaft und Staat insgesamt zum „positiven Leitbild“.[2] Das mag an sich noch nichts Besonderes sein, aber der Kontext ist es, denn der besteht – Meinhard Creydt hat darauf gleich nach Erscheinen des Buches aufmerksam gemacht – im „Lob eines faschistischen Regimes“.[3] Das verlangt genaueres Hinschauen.

Höcke, emsig darauf bedacht, sich nicht in direkter Verbindung mit dem deutschen Faschismus zu zeigen, wählt als Bezugspunkt den italienischen sowie die heute auf diesen sich berufende – ebenfalls italienische – „CasaPound-Bewegung“. Ob es einer solchen Bewegung auch in Deutschland bedürfe? Nein, sagte er, eine solche „brauchen wir in Deutschland nicht: wir haben Preußen als positives Leitbild.“

Das „positive Leitbild Preußen“ ist für Höcke demnach geeignet, in Deutschland Funktionen einer neofaschistischen Bewegung à la „CasaPound“ wahrzunehmen. Das Leitbild nicht nur eine akademische Veranstaltung, sondern eine Kampflinie. Der Gestalt und Inhalt zu geben Höcke mit dem Knüpfen weiterer Verbindungen zwischen Italien und Preußen unternimmt: Als Gesprächspartner Hennig – gleichaltriger, aus Leipzig in der DDR stammender Gesinnungsfreund des 1972 in Lünen in der BRD geborenen Höcke, mithin ein Umstand, der  dem Buch die für Höcke nützliche Aura der Ost-West-Gemeinsamkeit verleiht – die Vermutung äußert, man könne „den Faschismus ja auch als den Versuch einer ‚Preußifizierung‘ Italiens verstehen“, hält Höcke das für einen „interessanten Gedanken“ und fügt hinzu: „Das ‚unbequeme Leben‘, das Mussolini seinen Landsleuten abforderte, erinnert zumindest ein bisschen an die kratzige, aber wärmende preußische Jacke, von der Bismarck sprach.“

Und dabei macht er noch nicht halt. Am Faschismus – teilt er weiter mit – „schätzten die Italiener bekanntlich [sic!] […] die Ausschaltung der Mafia, die Trockenlegung der Sümpfe, die guten Straßen und die pünktlichen Züge“, und es verdanke sich „auch die heute noch wahrnehmbare moderne Urbanität“ – er nennt als Beispiele Turin, Florenz und Rom – „einem ‚faschistischen Stil‘, der in seiner nüchternen Klarheit durchaus Anlehnungen an“ – hört, hört! – „die preußische Epoche der Schinkel, Schadow und Rauch aufweist.“[4]

So viel Gloria für Faschismus und Preußen in einem Atemzug. Für die Einparteiendiktatur hingegen, das Verbot anderer Parteien und der Gewerkschaften, die Verfolgung aller, die oppositionelle Aktivitäten oder abweichende Meinungen zeigen, die italienischen Eroberungskriege in Afrika und die Entrechtung der Juden und ihre Deportation in deutsche KZs hat Höcke nur – so noch einmal Creydt – „beredtes Schweigen“.[5]

Bei Höcke wie Hitler: „Pro Preußen“ als Protestattitude

Wird ein Bogen geschlagen vom Preußenblick Höckes zurück zu dem, den Hitler in „Mein Kampf“ entwickelte, so fällt die Verwandtschaft der popularen Anrufung ins Auge.

Höcke gibt sich in seiner Rede vom 17. Januar 2017 eine kämpferische Attitude, indem er ausgerechnet in Sachsen für Preußen wirbt. Er muss das nicht weiter ausführen: Jede und jeder weiß, dass sich Sachsen und Preußen nicht nur „nicht leiden“ können, sondern im Siebenjährigen Krieg 1756-1763 gegeneinander standen und noch einmal in der Völkerschlacht bei Leipzig 1813, bei der es die Sachsen immer noch mit Napoleon hielten und mit ihm zusammen untergingen, während die Preußen gemeinsam mit Österreich-Ungarn und Russland den für das ganze 19. Jahrhundert wegweisenden Sieg errangen.

Hitler inszenierte sich 1926 als einer, dessen Mut darin besteht, ausgerechnet in Bayern für Preußen einzutreten. Er glaube, schrieb er, in seinem Leben „noch keine unpopulärere Sache begonnen zu haben“ als den schon 1919 betriebenen „Widerstand gegen die Preußenhetze“. In München hätten „schon während der Räteperiode die ersten Massenversammlungen stattgefunden, in denen der Hass gegen das übrige Deutschland, insbesondere aber gegen Preußen“, zu einer „Siedehitze aufgepeitscht“ worden sei, die sich am Schluss in einem „wahnsinnigen Geschrei“ von Losungen wie „Los von Preußen!“, „Nieder mit Preußen“, „Krieg gegen Preußen“ entladen habe. Es habe darum sein entschlossener Kampf gegen „diesen Wahnsinn“ viel Kraft gekostet, aber doch auch dazu geführt, dass „die Schar“ seiner „Getreuen“ bald „auf Leben und Tod“ auf ihn „eingeschworen“ gewesen sei[6] und die „junge Bewegung“ seinen Kampf gegen die „Preußenhetze“ als „heilige Aufgabe […] weitergeführt“ habe.

Die Beschwörung Preußens als Motor der politischen Gesamtarbeit. – Seine Entschlossenheit zum „unpopulären Widerstand“ stellte Hitler auf zwei Säulen: erstens auf die antisemitische Vorwurfskonstruktion, die „Schürung von Preußenhass“ sei Teil einer „jüdischen Verhetzungstaktik“; und zweitens auf die Überzeugung von der herausgehobenen Rolle, die Preußen in Deutschland zu spielen habe. Man könne, so schrieb er die Weimarer Republik attackierend, „keine föderalistische Gestaltung des Reiches popagieren, wenn man das wesentlichste Glied eines solchen Staatsbaues, nämlich Preußen, selbst heruntersetzt, beschimpft und beschmutzt.“ Zu verteidigen seien „die Vertreter des alten konservativen Preußens, also die Antipoden der Weimarer Verfassung“, und zu verteidigen sei auch – Hitler singt das Lied von der „Volksgemeinschaft“ – „das Berlin von vier Millionen emsig arbeitenden, fleißig schaffenden Menschen“. Dies sei eines, dass „der Bayer“ unter dem Eindruck der „Preußenhetze“ leider gar nicht erkennen könne. Er – „der Bayer“ – sehe vielmehr nur „das faule, zersetzte Berlin des übelsten Westens“, kehre jedoch seinen Hass „nicht gegen diesen Westen“, sondern „gegen die ‚preußische‘ Stadt.“ Und das sei „wirklich oft zum Verzweifeln“ gewesen.

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Weihnachtsgruß der AfD Potsdam, 2022

Potsdam als „Leitbild“-Hauptstadt

Preußen als „positives Leitbild“ hat für Höcke einen unverzichtbaren Ort: Potsdam. Hier „atme“ der „preußische Geist“ nun einmal „am stärksten“, hier biete der „Genius loci des preußischen Arkadiens“ in „außergewöhnlichem Maße“ jene „Ruhe und Kontemplation“, die „zum Regieren gehören“. Natürlich werde es keinen Hauptstadtwechsel geben, aber dann solle man eben, meint Höcke, „den imaginierten Umzug der Regierung nach Potsdam einfach als eine vielsagende politische Metapher“ zu nehmen: „Preußen“ sei „als geschichtliches Phänomen für die Erneuerung unseres Gemeinwesens von elementarer Bedeutung.“[7]

Damit dieser Gedanke greifen kann, muss das „geschichtliche Phänomen“ freilich seiner tödlich negativen Seiten enthoben werden, und das tut Höcke mit dem Einschub, dass das „Atmen“ des „preußischen Geistes“ in Potsdam stattfinde „trotz der verheerenden Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg“[8] – ganz so, als ob die nicht gerade im „preußischen Geist“ eine Ursache gehabt hätten und im Ort Potsdam einen politischen und geographischen Ausgangspunkt.

Und weil das so dramatisch ist mit dem Ort Potsdam in der Geschichte, gibt es dort auch in der Gegenwart besonders heftige Auseinandersetzungen, und die konzentrieren sich auf das Projekt „Wiederaufbau der Garnisonkirche“. Höcke ist nicht leibhaftig dabei, aber sein Preußenbild ist – weil es nicht so isoliert daher kommt, wie es scheinen mag – immer präsent.

Potsdam, 21. März 1933

Potsdam also. Und seine Garnisonkirche. – Der 21. März 1933 ist als „Tag von Potsdam“ in die Geschichte eingegangen. Schon aus dem Wenigen über seinen Kampf gegen die „Preußenhetze“ erhellt die große, ja zentrale Bedeutung, die dieser Tag für Hitler gehabt haben muss. Erst wenige Wochen zuvor, am 30. Januar, war er an die Macht gekommen, nun – nachdem er auf dem Weg dorthin von vielen Tausend Bürgerinnen und Bürgern jubelnd begrüßt worden war – empfing er in der Potsdamer Garnisonkirche die Weihe eben jenes konservativen Preußen, für das er schon in seinen frühen Münchener Jahren so „todesmutig“ in den Kampf gezogen war. – Und auch für Höcke sollte es – 58 Jahre und zwei Zeitenwenden später und von ihm selbst nur aus der Ferne erlebt und doch vom 21. März 1933 nicht zu trennen – einen für Potsdam und Preußen bedeutsamen Tag: den 14. April 1991.

Doch dazu später. Hier erst zum 21. März 1933. – Friedrich Schlotterbeck, Antifaschist und beißend polemischer Preußenkritiker,[9] zitierte zu dessen Beschreibung in seinem 1968 in der DDR erschienenen Buch „Im Rosengarten von Sanssouci“ den nachmaligen Bischof Otto Dibelius, der im März 1933 Generalsuperintendent der Kurmark in der Evangelischen Kirche der Altpreußischen Union gewesen ist – Schlotterbeck nennt ihn „Generalsuperdompteur des Geistes von Potsdam“ – und in seinen Erinnerungen notiert hat, bei der „Geisterbeschwörung in der Garnisonkirche“ (Schlotterbeck) „in der alten Kaiserloge“ Platz genommen zu haben, und zwar „unmittelbar hinter den drei Stühlen, die für den Reichspräsidenten (Hindenburg), den Reichskanzler (Hitler) und den Reichstagspräsidenten (Göring) gestellt waren. In der ersten Reihe saß der Kronprinz.“[10]

Der Kronprinz. Der habe – so wieder Dibelius im Zitat bei Schlotterbeck – „den ernsten Gruß des Reichspräsidenten […] mit gleicher Feierlichkeit [erwidert]“ und „der Rede des Reichskanzlers […] immer wieder lebhafte Zustimmung [genickt].“[11] – Das sind bedeutsame Sätze angesichts der heute wieder Schlagzeilen machenden Versuche der Hohenzollern, so zu tun, als hätten sie mit den Führern des faschistischen Deutschland kaum etwas zu tun gehabt, ja ihnen gar mutig entgegengestanden, auf dass man ihnen heute das Recht einräume, einst enteignetes Eigentum zurückzubekommen.

„Die wichtigeren Männer“ übrigens – so wieder Schlotterbeck –, „die sich in Frankreich ‚Societé anonyme‘ und in Deutschland ‚Aktiengesellschaft‘ nennen, blieben wie üblich im Hintergrund.“ Im Vordergrund aber spielte sich – wie Dibelius sich erinnert – das Folgende ab: Als Hitler mit seiner Rede zu Ende war, „tritt er von dem Pult zurück, Hindenburg tut einen Schritt nach vorne, streckt ihm die Hand entgegen, Hitler ergreift sie und beugt sich tief, wie zum Kuss, über die Hand.“[12]

„Anschließend“, schreibt Schlotterbeck in kürzestmöglicher Umreißung der 12 deutschen Faschismusjahre, „bekam der Geist von Potsdam wieder Blut zu lecken, erst deutsches, dann in Strömen.“[13] – Der „Geist von Potsdam“. Zu seinem Begreifen zitiert Schlotterbeck den Hofprediger Dr. Vogel im Jahre 1918: „… ist doch die Garnisonkirche Potsdams die sichtbare Verkörperung des Potsdamer Geistes, d. h. aller christlich-germanischen Ideale und Tugenden: der Ordnung, Pünktlichkeit, Sauberkeit, Unbestechlichkeit, der Gewissenhaftigkeit und Sittenreinheit, des Mutes und der Demut, mit einem Wort: der Treue.“[14]

Es fehlten in dieser Beschreibung – meint Schlotterbeck – „dem Geist von Potsdam ‚Ehre‘ und ‚Gewissen‘“, und das deutet er wie folgt: Der Text stamme vom Ende des Jahres 1918, beziehe sich daher nicht auf den vor der Revolution „geflohenen Wilhelm“, sondern habe – weil „das Volk den unstillbaren Blutdurst des Geistes von Potsdam satt hatte“ und „deshalb versuchte, ihm den Garaus zu machen“ – „nur zur Erbauung der Potsdamer Garde“ gedient.[15] Das mit dem Garaus ist bekanntlich nicht gelungen. Zwar ging der Kaiser, aber viele andere blieben, und denen – stellte der Hofprediger erleichtert fest – war es „geglückt“, „den Geist von Potsdam in die neue Reichswehr zu verankern“, andernfalls „der Bolschewismus […] uns längst hinweggerafft [hätte].“[16]

Am „Tag von Potsdam“ war der Bolschewismus längst blutig in die Schranken gewiesen, aber – Hitler und die Seinen wussten es – die ergriffene Macht bedurfte noch der weiteren Befestigung, und die gelang mit dem Spektakel in der Garnisonkirche. Hitler – so fasst es mit Matthias Grünzig einer der profiliertesten Preußenkritiker zusammen – konnte einen „enormen Prestigegewinn“ für sich verbuchen, war nun „der unbestrittene Führer des rechten Lagers“, es unterstellten sich ihm „zahlreiche rechtsextreme Organisationen“ wie der „Stahlhelm – Bund der Frontsoldaten“, der „Bund Königin Luise“ – „das weibliche Pendant zum Stahlhelm“ – sowie der „Reichskriegerbund ‚Kyffhäuser‘“, und die „Deutschnationale Volkspartei“ erlebte einen „rasanten Auflösungsprozess“ mit „massenhaften Übertritten zur NSDAP“. „Vor allem aber“, so Grünzig weiter, „wurde Hitler nach dem Handschlag von Potsdam als der legitime Erbe Hindenburgs angesehen“, so dass er „nach Hindenburgs Tod am 2. August 1934 die Machtbefugnisse des Reichspräsidenten übernehmen“ und „die Wehrmacht […] am 3. August auf Adolf Hitler persönlich vereidigt“ werden konnte. „Damit war die nationalsozialistische Machtergreifung abgeschlossen. Der ‚Tag von Potsdam‘ markierte eine zentrale Station auf diesem Weg.“[17]

(Im originalen Aufsatz folgen Passagen zum 14. April 1991 und seiner Vorgeschichte wie auch zum zivilgesellschaftlichen Widerstand gegen den Wiederaufbau der Kirche und neue Offensiven des „Preußenflügels“, die stark auf die im „Lernort Garnisonkirche“ bereits nachzulesenden Chroniken und Texte zurückgreifen.)

Höckes Preußenbild mit hegemonialer Potenz

Im Projekt Wiederaufbau Garnisonkirche bündelt sich alles, was zur popularen Anrufung „Preußen“ und der damit verbundenen, den preußischen Militarismus und den deutschen Faschismus verharmlosenden Geschichtsschreibung gehört. Die auf den 14. April 1991 folgende Geschichte des Wiederaufbaus, die in der Realität die noch nicht abgeschlossene Geschichte der Errichtung einer Turmkopie ist, macht das Zustimmungspotential zu Höckes Preußenbezügen als dauerhafte Erscheinung sichtbar, die sich weit in die Gesellschaft erstreckt.

Mit seinem Preußenbild verfügt Höcke über ein ideologisches Konstrukt, dem eine hegemoniale Potenz innewohnt. Als am 14. April 1991 in Potsdam mehr als 10.000 Menschen in trauter Gemeinsamkeit mit Spitzen aus Politik, Kirche und Gesellschaft der Rede des Neonazis Max Klaar lauschten, hatte ihre aus welchen Motiven auch immer geborene Zustimmung – oder bei manchen auch nur Arglosigkeit, wer will das so genau wissen – ganz gewiss mit dem rauschgleichen Gefühl zu tun, man werde mit dem Wiederaufbau der Garnisonkirche der hinwegrevolutionierten, untergegangenen DDR noch einen weiteren Stoß versetzen. Die Kommunisten hatten sich angemaßt, der Stadt, die in einem Krieg zerstört worden war, der eben hier einen seiner Ausgangspunkte gehabt hatte und von ihnen mit dem Ruf „Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler – wer Hitler wählt, wählt Krieg!“ schon von seinen ersten Anzeichen an unter höchster Gefahr für Leib und Leben bekämpft worden war, ein neues Gesicht zu geben ohne Preußens Stadtschloss und Preußens Garnisonkirche, deren Ruinen sie gesprengt hatten, und damit musste nun ein Ende sein.

Auf verlockende Weise war plötzlich die Möglichkeit entstanden, nicht mehr über faschistische deutsche und preußische und eigene Schuld zu reden, sondern sich doppelt als Opfer zu fühlen: als Opfer des Luftangriffs und als Opfer der Ruinensprengung. Das passte auch gut mit zeitgeistigen Theorien vom „Totalitarismus“ zusammen – war nicht beides unter Diktaturen geschehen? –, und es machte verständlich, dass man nun „Wiedergutmachung“ wollte. Wiedergutmachung durch Restauration.

Auch mit Leuten wie Max Klaar. Es ist Unsinn, wenn Wieland Eschenburg im Juli 2021 erklärt, man sei diesen Mann betreffend 1991 wohl „zu blauäugig gewesen“, habe „nicht erkannt, mit was für einem Gesellen“ man es da „zu tun gehabt“ habe.[18] Wer soll das glauben angesichts des Wissens um die Dokumente, die den Entscheiderinnen und Entscheidern der Jahre 1990/91, zu denen Eschenburg gehörte, vorlagen? Karl Gass hat in seinem 1999 erschienenen Buch „Der Militärtempel der Hohenzollern“ die Zusammenhänge deutlich dargestellt: Alle Reden und Dokumente dieses 17. Juni 1987 – des nicht zufällig gewählten 34. Jahrestages des Aufstandes vom 17. Juni 1953 in der DDR, der in der Bundesrepublik als „Tag der deutschen Einheit“ begangen wurde – waren allen Abgeordneten des Potsdamer Stadtparlaments von der „Traditionsgemeinschaft“ selbst zur Verfügung gestellt worden. Auch seien die Auffassungen Klaars kein Geheimnis gewesen, wonach „Potsdamer Garnisonkirche und preußische Tugenden“ nicht nur für Deutschland „in die Zukunft“ wiesen, sondern auch für die Europäische Union. Wenn diese dereinst – so der von Gass zitierte Klaar – „als Staatenbund und vielleicht einmal als Bundesstaat gelingen“ sollte, dann weise „preußische Gesinnung und Staatsauffassung den Weg“; wer immer „auf die Kompassnadel unserer Geschichte“ schaue, finde dort „Preußen“. Aber so klar und unmissverständlich auch immer das zum Ausdruck gebracht worden sei: Von einem „Aufschrei der Empörung“ bei den Abgeordneten – so Gass weiter – sei nichts bekannt geworden, „wohl aber von der Bereitschaft zu freundlichstem Entgegenkommen und kameradschaftlicher Zusammenarbeit.“[19]

Klaar passte einfach bestens hinein in das Konzept, die DDR im Stadtbild – und damit auch in millionenfacher Erinnerung – zu entsorgen und sein Heil nicht in der Entwicklung von Neuem, sondern im Rückgriff aufs Preußische zu suchen.

Und darum an dieser Stelle noch einmal zu Höcke und seinem „Leitbild“, das so klingt, als sei es mit Klaar gemeinsam verfasst und allweil unterm Glockenspiel gefeiert worden. Nein, lässt Höcke 2018 wissen, er meine mit dem „für die Erneuerung unseres Gemeinwesens“ so bedeutsamen „geschichtlichen Phänomen“ Preußen „nicht nur seine bekannten Werte und Tugenden, sondern auch seine institutionellen Vorbilder“, also etwa „den Staatsapparat, die Armee und das Bildungswesen“, und auch noch etwas ganz anderes müsse Preußen sein, nämlich: „der notwendige Tritt in den Hintern des deutschen Winkelrieds – eine Art produktiver Selbstzüchtigung der Deutschen vor allzu gemütlicher Enge und lokaler Kleinheit.“[20]

Das ist kein Spaß. Höcke mit Preußen gegen die Bundesrepublik wie einst Hitler gegen die Weimarer. Und eine gesellschaftliche „Mitte“, die den Politiker Höcke zwar ablehnt, sein Preußenbild aber teilt und die mit ihm verbundenen Gefahren nicht sehen will oder kann.

Das Umfeld der Kopie des Garnisonkirchturms ist schon preußisch bereitet. Jedenfalls architektonisch und somit unübersehbar. Mit dem Plan zur „behutsamen Annäherung“ an das Vorkriegsstadtbild geriet seit Beginn der 1990er Jahre alles, was in der DDR im Stadtzentrum errichtet worden war, auf die Abrissliste und verschwand, um Platz zu schaffen nicht nur für den Nachbau des barocken Stadtschlosses und barocker Wohngebäude, sondern auch für die Errichtung von an die Gründerzeitarchitektur angelehnten Geschäftshäusern wie die „Wilhelmgalerie“ oder – am Ort des lange noch als Fachhochschule genutzten, 2017 abgerissenen Gebäudes des Instituts für Lehrerbildung – ganz aufs Original setzenden preußischen Straßenzügen.

Preußen ist im Potsdamer Stadtzentrum wieder da; die DDR, entstanden aus Preußens Niederlage, verschwunden. Das Kunst- und Kreativhaus Rechenzentrum direkt neben der Turmkopie ist der letzte im Stadtzentrum gelegene Widerhaken. Was wird geschehen? Die Auseinandersetzungen gehen weiter.

Höcke, die hegemoniale Potenz seiner Preußensicht begreifend und entsprechend um Respektabilität bemüht, meint im weiter oben schon zitierten Gespräch mit Hennig, dass dem „deutschen Gemeinwesen“ eine „Synthese aus dem Geiste Potsdams und Weimars […] gut zu Gesicht [stünde]“. „Neben dem preußischen ‚Suum Cuique‘“ – er gibt den Bildungsbürger und wählt die lateinische Form des antiken Ausspruchs, der auf Deutsch „Jedem das Seine“ heißt und von den deutschen Faschisten als Inschrift am Eingangstor zum KZ Buchenwald aufs Zynischste menschenverachtend gedeutet worden ist – „[müsste] der Leitspruch der deutschen Klassik stehen: ‚Edel sei der Mensch, hilfreich und gut.‘“[21]

So will er sein „Leitbild Preußen“ auch denen, die der von ihm gemeinten „produktiven Selbstzüchtigung“ per „Tritt in den Hintern“ vielleicht nicht allzu viel abgewinnen können, schmackhaft machen. Das Weimar Goethes, Schillers und Herders mit dem „preußischen Arkadien“ vereint und dies alles von der Architektur Potsdams getragen und in ihr gespiegelt: Es liegt darin viel – gefährlich viel! – populare Anrufung.

Auszug aus einem Aufsatz mit dem Titel „Höcke und Preußen. Eine Skizze“, der in voller Länge enthalten ist in: Wolfgang Veiglhuber & Klaus Weber (Hg.): höcke I – deutsche arbeit & preußischer staat. gestalten der faschisierung 3, Argument Verlag, Hamburg 2022, S. 78-113

Dr. Wolfram Adolphi, Journalist, 1988 - 1991 politisch tätig für SED,  PDS und später als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Fraktion Die Linke im Bundestag. Freiberuflich als Journalist tätig, u.a. für  Neues Deutschland und Junge Welt, mehrere Buchpublikationen  insbesondere zu China.

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[1] Der Tagesspiegel, 19.01.2017. – Siehe auch: https://www.tagesspiegel.de/politik/hoecke-rede-im-wortlaut-gemuetszustand-eines-total-besiegten-volkes/19273518.html (Abruf 20.06.2022). – Die protokollarischen Anmerkungen danken sich der Darstellung der Rede bei Luise Taubert, Die Faschisierung des Subjekts in der bundesdeutschen Gegenwart. Eine ideologiekritische Analyse von Reden der AfD, Bachelorarbeit, Hochschule München, 2020.
[2] Nie zweimal in denselben Fluss. Björn Höcke im Gespräch mit Sebastian Hennig. Politische Bühne. Originalton, Manuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG, Lüdinghausen und Berlin 2018, S. 142.
[3] Creydt, Meinhard, Björn Höcke droht mit „Dunkeldeutschland“, Telepolis, 12. Oktober 2018, https://www.heise.de/tp/features/Bjoern-Hoecke-droht-mit-Dunkeldeutschland-4186178.html?seite=all (Abruf 20.06.2022).
[4] Nie zweimal in denselben Fluss, a. a. O.,
[5] Creydt, a. a. O.
[6] Dies und alle weiteren Zitate Hitlers in: Hartmann, Christian, Thomas Vordermayer, Othmar Plöclinger & Roman Töppel (Hg.): Hitlers Main Kampf. Eine kritische Editition. Band I und II, Institut für Zeitgeschichte, München/Berlin 2016, S. 1415-1419.
[7] Nie zweimal in denselben Fluss, a. a. O., S. 289f.
[8] Ebd., S. 290.
[9] Friedrich Schlotterbeck (1909 Reutlingen – 1979 Berlin/DDR) war ein antifaschistischer Widerstandskämpfer, der nach Gefängnis und KZ im Faschismus auch in der DDR inhaftiert wurde (1953-1956 wegen angeblich „verbrecherischen Beziehungen zu dem amerikanischen Agenten Noel H. Field“), dennoch in der DDR blieb und sich als Schriftsteller und Hörspielautor einen Namen machte (auch gemeinsam mit seiner ebenfalls aus dem antifaschistischen Widerstand kommenden Frau Anna Schlotterbeck). Sein Buch „Im Rosengarten von Sanssouci“ (1968) ist eine in Komplexität, Schärfe und Erzählqualität herausragende Preußenkritik, zu deren Besonderheiten auch gehört, dass sich ihr vorletzter Abschnitt einem Besuch der damals noch stehenden, 1968 gesprengten Ruine der Garnisonkirche widmet.
[10] Schlotterbeck, Friedrich, Im Rosengarten von Sanssouci, Mitteldeutscher Verlag, Halle/Saale 1968, S. 205.
[11] Ebenda.
[12] Ebenda.
[13] Ebenda.
[14] Ebenda, S. 203.
[15] Ebenda.
[16] Ebenda.
[17] Grünzig, Matthias, Der „Tag von Potsdam“ am 21. März 1933. Manuskript des gleichnamigen Vortrags auf der Veranstaltung „Garnisonkirche der Nation – Gesegnete Kriege vor 1933“ am 22.3.2018 im Alten Rathaus in Potsdam, http://lernort-garnisonkirche.de/?p=1799 (Abruf 22.06.2022).
[18] Märkische Allgemeine Zeitung, 17./18.7.2021. – Siehe auch: Adolphi, Wolfram, Hochklo überm Preußensumpf, in: Das Blättchen, 24. Jg., Nummer 19 v. 13. September 2021.
[19] Gass, Karl, Der Militärtempel der Hohenzollern. Aus der Geschichte „unserer lieben“ Garnisonkirche zu Potsdam, Verlag Das Neue Berlin, Berlin 1999, S. 305f.
[20] Nie zweimal in denselben Fluss, a. a. O., S. 289f.
[21] Ebenda, S. 290.

Vergeben, Vergessen, Versöhnen

Impulse zum Umgang mit den NS-Tätern

Christliche Theologie heute geschieht in kritischer Auseinandersetzung mit dem Erbe der Schoa und denjenigen, die den Massenmord an den europäischen Juden planten, verwalteten und durchführten. Sie, die Mörder, kamen aus unterschiedlichen Milieus, aber sie hatten eines gemeinsam: Sie waren allesamt getaufte Christen. Seit den Nürnberger Gesetzen war jeder und jede deutsche Staatsbürgerin gesetzlich verpflichtet, einen Taufschein vorzulegen, um nachzuweisen, dass arisches Blut in ihren Adern floss. Die Rassengesetze von 1935 legten fest, dass jeder, dessen Großeltern eingetragene Mitglieder einer Synagoge waren, als „nicht arisch“ oder „jüdisch“ anzusehen war—ungeachtet ihrer religiösen Mitgliedschaft. Nicht wenige wurden von ihrer jüdischen Abstammung überrascht. Auch sie wurden geächtet und deportiert, dann ermordet, denn in den Augen des Staates galten sie als „jüdisch“. Deshalb sind alle Massenmörder als „christlich“, zumindest christlich sozialisiert, zu betrachten. Worauf hat der Nationalsozialismus das Christentum reduziert? Obschon eine säkulare, politische Bewegung hat sich der Nationalsozialismus eine christlich-theologische Doktrin zu eigen gemacht: das Ende des Alten Bundes und den Triumpf der heidenchristlichen Ekklesia über die jüdische Synagoga, wurde praktisch in eine grausige Wirklichkeit überführt.

Einige Angehörige der SS, der Polizeibataillone und der Einsatzgruppen, die speziell für Massentötungen ausgebildet und eingesetzt wurden, entschieden sich, aus der römisch-katholischen, lutherischen und reformierten Kirchen auszutreten und bekannten sich als „gottgläubig“, um zu signalisieren dass sie den nationalsozialistischen Rasselehre und arischen Neuheidentum folgten. Die Mehrheit blieb Kirchenmitglied, darunter auch hochrangige Parteimitglieder wie Adolf Hitler. Heute mögen wir sie als untreue Christen, als falsche Christen, als fehlgeleitete Christen betrachten, aber sie selbst sahen keinen Widerspruch zwischen ihrem christlichen Glauben und Vision einer rassisch gereinigten Wiedergeburt Deutschlands.[1] Sie glaubten an den Sieg der arischen christlichen Nation, und hielten die Vertreibung und Ermordung verschiedener Minderheiten, vor allem der Juden, für richtig.

Nicht nur individuelle Christen, auch die Kirchen als Institutionen versagten, weil sie den Antisemitismus entweder aktiv unterstützten oder es versäumten, sich des stufenweise Eskalation der Gewalt gegen jüdische Menschen zu widersetzen, beginnend mit dem Boykott jüdischer Geschäfte 1933, über die berufliche Ausgrenzung und Entzug der Bürgerrechte 1935, hin zur Zerstörung der Synagogen 1938, bis hin zur Deportation—jeder Schritt öffentlich und legal, lange bevor der systematische Massenmord begann.

Christliche Theologien nach Auschwitz solidarisierten und identifizierten sich erst einmal mit den jüdischen Opfern und stellten theologische Fragen aus der Perspektive der Opfer: Sinn und Zweck des Leidens und die Gerechtigkeit Gottes (Theodizee), die Anwesenheit und Abwesenheit Gottes in Auschwitz (hester panim), und die Ethik der Extremsituation in den Vernichtungslagern (Primo Levi). Aber sind das richtigen Fragen für christliche Theologie? Wenn sich christliche Theologie auch zur jüdischenVerpflichtung der Erinnerung (zakhor) einschrieben will, und der Opfer gedenkt, was soll mit den Tätern geschehen? Sollen wir, müssen wir uns ihre Namen und Gesichter ins Gedächtnis rufen? Sollen ihre Namen getilgt werden? Welche theologische Fragen ergeben sich aus der Erinnerung an die Täter?

Vergessen als Strafe   

Es gibt in der jüdischen Bibel, dem christlichen Alten Testament, Widerstandstexte in denen Gott angerufen wird, die übermächtigen Übeltäter zu bestrafen, indem ihr „Name“ und ihre Erinnerung ausgelöscht wird. So heißt es zum Beispiel in Psalm 109, 13-15:

Seine Nachkommen sollen ausgerottet werden, ihr Name soll schon im zweiten Glied getilgt werden. Der Schuld seiner Väter soll gedacht werden vor dem HERRN, und seiner Mutter Sünde soll nicht getilgt werden. Der HERR soll sie nie mehr aus den Augen lassen, und ihr Andenken soll ausgerottet werden auf Erden,

Dieser Psalm beschwört Gott, die Erinnerung an die Täter zu tilgen und ihre Namen und Identitäten auszulöschen. Dies wird liturgisch zum Beispiel am jüdischen Festtag Purim praktiziert, wenn jede Erwählung des Namens Haman überschrien werden soll. Haman ist der böse Berater des persischen Königs Ahasveros, der plante, alle Juden in Persien zu töten, was durch das mutige Eingreifen der Königin Esther vereitelt wurde. Hamans Name wird während des Purimfestes von Geräuschmachern übertönt, wenn die Schriftrolle von Esther in der Synagoge laut vorgelesen wird. In ähnlicher Weise wird in einigen Texten der Name Hitlers mit dem Zusatz „möge sein Name ausgelöscht werden“ (yemach shemo) versehen, um zu signalisieren, dass seine Untaten ihm jegliche Zukunft und Wertschätzung verwirkt haben. In der hebräischen Bibel steht Gott den Opfern des Unrechts bei und gelobt Gerechtigkeit für die Erniedrigten und Entmächtigten. Die Täter müssen bestraft werden. 

Vergessen als Vergebung

Im Neuen Testament, ebenfalls ein jüdischer Text, wird die Vergebung der Schuld (Schulden, Sünde) zum wichtigen Thema. Im Vaterunser kommt die Vergebung der Schuld direkt nach dem täglichen Brot, wenn die Gläubigen Gott bitten, „vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. (Mt 6,12) Viele Gleichnisse erzählen von Jesus als einem Heiler, der nicht von Krankheit befreit, sondern auch Sünden erlässt. Sein Opfertod begleicht der „Sünde Sold“ kauft die sündige Menschheit los vom Tod als Strafe.

Eine beliebtes Predigtmotiv ist das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15,11-32), das die bedingungslose Vergebungsbereitschaft Gottes beschreibt. Gott ist der Vater, der seinen missratenen Sohn ohne Tadel und Strafe wieder in sein Haus aufnimmt (zum Missfallen des älteren, aufrechten Sohnes). Ans Kreuz genagelt betet Jesus, „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk 23,34), was in Konsequenz bedeutet, dass man auch denjenigen vergeben soll, die kein Schuldbewusstsein haben und keine Reue zeigen. In diesen Vergebungsmodelle geht es nicht um Einsicht in das begangene Unrecht, sondern um den Neuanfang ohne Erinnerung an die Vergangenheit. Zumindest wurde das so besonders in den deutschen Nachkriegskirchen ausgelegt.

Zwei Kirchenmänner und ihre Vergangenheit

Exemplarisch sollen zwei ordinierte Männer beschrieben werden, die für den kirchlichen Umgang mit schuldhaft belasteten Vergangenheit charakteristisch sind. Beide waren in Massenmorde verwickelt, beide wurden bekehrt und stellten ihr Leben in den Dienst der Kirche. Ihre Lebensgeschichten sind Teil meiner größeren Studie, die als Mark of Cain: Guilt and Denial in the Lives of NS-Perpetrators 2014 erschienen ist.[2] Diese Studie wollte systematisch-theologische Kernlehren der Rechtfertigung und Versöhnung auf ihre empirische Wirksamkeit im Leben von NS-Angeklagten und Verurteilten, die sich gegenüber Gefängnisseelsorgern über ihre Leben und ihre Taten austauschten. Die Beispiele zeigen, warum die christlich grundierte Verknüpfung von Vergebung und Vergessen weder persönlich noch politisch heilsam ist.

Ihre Konfessionszugehörigkeit ist dabei eher zufällig. Obwohl die Rechtfertigungslehre, und die Frage nach den Bedingungen und dem Prozess der Versöhnung Auslöser der Reformation und Konflikt zwischen den beiden Volkskirchen ist, gibt es am Punkt der „Vergangenheitsbewältigung“, also der Frage wie mit einer schuldhaft belasteten Erinnerung umgegangen werden soll, kaum Unterschiede. Was die beiden Biografien unterscheidet ist ihr soziales Umfeld, das den Umgang mit der schuldigen Vergangenheit veränderte. Während der eine darauf bestand, dass seine Schuld durch das Sakrament der Absolution aufgehoben sei, legte sich der andere verschiedene Bußdisziplinen auf, um mit der Schuld in seinem Leben umzugehen.

Weihbischof Matthias Defregger (1915-1995) wurde 1969 vom Spiegel bloßgestellt, als die Zeitung über seine Rolle bei Vergeltungsaktionen in Italien berichtete. Als Hauptmann einer Aufklärungseinheit der 114. Antipartisanen-Division hatte er die Hinrichtung von 17 Zivilisten angeordnet und geleitet. Nach dem Krieg trat er ins Priesterseminar ein und wurde 1949 zum römisch-katholischen Priester geweiht. Seine Vergangenheit holte ihn 1969 ein, als er von Kardinal Döpfner zum Weihbischof in Bayern ernannt wurde. Otto Zakis, floh 1945 aus Deutschland, begann ein Theologiestudium in Frankreich und wurde dort evangelischer Pfarrer. Als Stadtpfarrer in Nizza ging er freiwillig zur französischen Polizei, und wurde später von der deutschen Staatsanwaltschaft in Vorbereitung auf den Majdanek Prozess vernommen. Er wurde nicht angeklagt, sondern als Zeuge vorgeladen, wo er wahrheitsgemäß aussagte und dem Gedächtnisschwund der Angeklagten aktiv entgegentrat.

Absolution als Schuldbefreiung  

Defregger argumentierte, er habe seine Verstrickung vor seiner Weihe wahrheitsgemäß gebeichtet und sei von seinem Bischof „von der Schuld der Vergangenheit freigesprochen“ worden“.[3]  Gleichzeitig beteuerte er allerdings, wie die New York Times am 5. August 1969 berichtete, dass „ich mich rechtlich und vor allem moralisch nicht schuldig fühle.“ Er lehnte es ab zurückzutreten, und wurde vom Gericht in München freigesprochen, in einem Urteil, das die Süddeutsche Zeitung so zusammengefasste: „Die Tat bestätigt - die Schuld abgelehnt“.[4]

Wir die katholische Kirche mit dieser „Enthüllung“ umging hat sich im Zuge der sexuellen Missbrauchskrise vielfach wiederholt und ist inzwischen zu einem eingespielten Ritual geworden: Zunächst wurde Defregger gezwungen einen offenen „Brief an die Priester und Gemeinden in der Diözese München und Freising“ unter  dem Titel „Solidarität mit den Opfern“ zu veröffentlichen. Darin beschönigt er zwar das Geschehene und behauptet: „Ich habe versucht zu retten, was zu retten war. Aber ich sah keine Möglichkeit, das schreckliche Morden ganz zu verhindern“. Entgegen den Aussagen seiner Untergebenen behauptet er, nicht „bis zum Letzten ... und ohne Rücksicht auf persönliche Konsequenzen“ widerstanden zu haben.[5]  Das stimmte allerdings nicht, denn die Vergeltungsaktion geschah vor der Kapitulation Defreggers Einheit. Es wäre einfach gewesen, die Dorfbewohner zu warnen, oder den Befehl einfach nicht auszuführen. Defregger fragt rhetorisch, ob er die Prüfung Gottes bestanden habe: „Ich kann nicht sagen, ob ich sie bestanden habe. Ich kann nur auf das Urteil Gottes vertrauen.“[6]  Die Vergangenheit bezeichnet er als „schwere Last in seinem Leben“ aber er weist jegliche „juristische Schuld“ kategorisch ab.[7] 

Auf der anderen Seite wird christliche Vergebung von den Opfern gefordert. Der Münchner Kardinal Döpfner warnt: „Wir als Christen wissen, dass die Gemeinschaft der Kirche nur durch gegenseitiges Verzeihen lebt, weil Selbstgerechtigkeit den Weg zueinander, zur Welt und schließlich zu Gott versperrt.“[8] In seinem offenen Brief hat Defregger die italienischen Dorfbewohner um „Verständnis und Vergebung dafür gebeten, dass ich Ihnen nicht mehr helfen konnte“.[9] Der Brief war allerdings nicht an die Überlebenden und Angehörigen der Opfer des Massakers adressiert, und wurde auch nie losgeschickt. Die Opfer und Überlebenden erfuhren davon im Fernsehen und als Reporter danach fragten.[10] Dennoch startete der italienische Dorfpfarrer Don Demetrio Gianfrancesco eine Kampagne, um „die betroffenen Familien zur christlichen Vergebung zu bewegen“.[11] Er behauptet, dass „man nicht nur denen vergibt, die es verdienen, sondern auch denen, die böse sind“.[12] Allerdings erhielt diese angeblich christliche Position im Dorfreferendum nur sieben Unterschriften, während die kommunistische Petition „Fordert jetzt Gerechtigkeit“ 80 Stimmen erhielt. Trotz intensiven Drucks seitens Don Demetrio, der in einem Interview mit dem deutschen Magazin Spiegel erklärte: „Wenn sie Christen sein wollen, müssen sie alle unterschreiben,“ lehnt die Dorfmehrheit ab. Daraufhin schickt Pater Don Demetrio einen Brief an den Weibischof Defregger in München und versichert ihm, dass die Unterzeichner ihm die „denkbar weitreichendste und großherzigste Vergebung“[13] gewährt hätten.  Defregger wurde aus dem Rampenlicht gezogen und nach Pöcking ins bayrische Oberland versetzt. Dort wird er zu einem beliebten Gemeindepriester und er wird 1995 von Kardinal Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt, ehrenvoll beigesetzt. Seine Kriegsgräuel und drei Nachkriegsprozesse werden dabei höflich umgangen. 

Lange vor der kirchlichen Missbrauchsskandalen zeichnet sich hier die kirchliche Unfähigkeit ab, Schuld zu benennen und zeichenhaft in eine christliche Bußpraxis zu kanalisieren. Während von den Opfern Versöhnungsbereitschaft erwartet wird, werden die Täter ohne weitere Auflagen in die sprachlose Isolation des Weiterlebens entlassen. Verurteilt wird der Skandal aber nicht die Untat.

Ob es Zufall ist, dass das katholische Bußsakrament im Dezember 1973 offiziell umbenannt wird, und seither nur noch in Kombination mit „Versöhnung“ auftaucht?[14] In vatikanischen Veröffentlichungen wird seither von „Buße und Versöhnung“ (1983) und „Versöhnung und Buße“ (1984) gesprochen.[15] Diese sprachliche Innovation verändert aber auch den Inhalt: Versöhnung orientiert sich am Ziel und ist eine Beziehungskategorie. Buße hingegen konnotiert eine Disziplin und Praxis. Versöhnung ist warm und freundlich, Buße klingt harsch und mühsam.

Es waren Journalisten, die sich Defregger auf dem „Bußweg nach Filetto“[16] vorstellten, im „Mönchskittel ... barfuß und gebeugt unter der Last des Kreuzes“.[17] Sie erinnerten an den Weg nach Canossa, als Heinrich IV. des Heiligen Römischen die Alpen barfuß und im Haarhemd überquerte und im Januar 1077 demütig um Vergebung bat. Die deutsche römisch-katholische Hierarchie lehnte derartige Vorschläge ab und verweigerte Anliegen, sich mit Überlebenden in Filetto zu treffen. Auch nach Einstellung des Strafverfahrens 1971 wagten weder Defregger noch Kardinal Döpfner eine Alpenüberquerung.[18] Das passierte erst im Juni 2022, als der Bürgermeister von Pöcking mit einer 13-köpfigen Delegation nach Filetto reiste, um dort gemeinsam mit den Dorfbewohnern der Toten zu gedenken.[19] Ausgelöst wurde dies durch eine niedersächsische Initiative, die verlangte, dass eine 1997 nach Defregger benannte Straße in Pöcking umbenannt werden sollte. Daraufhin wurde Historikerin Marita Krause beauftragt, die Geschichte noch einmal aufzurollen.[20] Auch sie kam zum Schluss, dass es in Defreggers Leben „nie eine Geste des Bedauerns gegeben hätte“.[21] Deshalb fuhr der Gemeinderat jetzt an seiner Stelle nach Italien zu einer Gedenkfeier mit den Dorfbewohnern am Gedenkstein des Massakers. Bezeichnenderweise berichtet die FAZ über diesen Besuch unter dem Titel „Späte Versöhnung im Fall Defregger“[22].

Moralische Überreste (Moral Remainders)

Versöhnung suggeriert ein magisches Verschwinden, so als könnte Schuld abgeladen, beseitigt oder weggewaschen werden. Was, wenn wir (ich spreche jetzt von den Kirchen) uns von solchen magischen Befreiungswünschen und Reinigungsphantasien verabschieden würden? Ist es theoretisch möglich, dass ein Mann wie Defregger sich moralisch rehabilitiert und persönliche Integrität wiedergewinnt? Ich würde argumentieren, dass traditionelle Bußkonzept am ehesten geeignet sind, Schuld als fortwährende Aufgabe, als Herausforderung, und Berufung zu begreifen, die Engagement und Handeln seitens des Einzelnen und der Gemeinschaft erfordert. Buße ist eine altmodische Tradition, die sich mit mittelalterlichen Praktiken von Selbstgeißelung, Haarhemden, extremem Fasten und Ablassbriefen verbindet. Heutzutage sind es eher Konzepte wie restorative und transformative justice, speziell nach kollektiv begangenen Gewalttaten, die an Bußfrömmigkeit anknüpfen.  

Buße wird auferlegt und kann mit Strafmaßnahmen kombiniert werden. Es ist eine Praxis, die moralische Handlungsfähigkeit einübt, weil sie Erwartungen ausspricht und Verpflichtungen auferlegt. Damit stärkt sie die Fähigkeit eine Bürde mit Würde zu tragen. Dieses Konzept versteht „Versöhnung“ nicht als „Entlastung“ und Befreiung, sondern als eine Last zu tragen. So beschreibt die säkulare Feministin und analytische Philosophin Claudia Card in The Atrocity Paradigm: 

„wir dazu neigen, Lasten als natürlich lästig zu betrachten, die wir so schnell wie möglich loswerden müssen, da sie schwer sind und auf uns lasten. Aber Lasten müssen uns nicht nur herunterziehen. Eine Last gut zu tragen, gibt Kraft, die dazu beitragen kann, den Respekt der anderen zu gewinnen oder wiederzuerlangen und das Selbstwertgefühl zu entwickeln oder wiederzuerlangen.“[23] (Übersetzung kvk)

Sowohl im Judentum als auch im Christentum gibt es Metaphern, die das Tragen von Lasten als Stärke und Privileg beschreiben. Das „Joch der Tora“ wird im Bund Israels mit Gott angenommen und mit zum Grundstein der Stärke. Auch die Jünger Jesu werden in Matthäus 11, 29-30 ermahnt: „Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht“. In der christlichen Tradition werden die, die das Kreuz tragen, hochgeschätzt, sowie das Tragen der der Verpflichtungen der Tora anerkannt und gewürdigt wird. Diese Metaphern legen nahe, dass das Tragen einer Last eine von Natur aus edle und erlösende Aufgabe ist. Die religiösen Traditionen bieten also Möglichkeiten, das Tragen von Schuld als eine würdevolle Aufgabe zu betrachten, die die moralische Integrität wiederherstellen und das Selbst revitalisieren kann.

Die Flucht vor der Last der Verantwortung hat die Erfahrung der NS-Täter in der Nachkriegswelt geprägt. Indem sie ihre Schuld leugneten, nahmen sie eine defensive und passive Haltung ein, die sich der Verantwortung entziehen wollte. Sie konnten nicht um Vergebung bitten, denn das hätte bedeutet, sich der Last und Konsequenzen ihrer Gewalttaten zu stellen. Stattdessen sehnten sie sich nach einer magischen Befreiung von der Schuld, mit der die Vergangenheit gelöscht und die Schuld getilgt wäre. Sie schrumpften in ihrer Menschlichkeit und zogen sich hinter Mauern aus Halbwahrheiten und Lügen zurück, die die Geheimnisse und Wahrheiten ihres Lebens verbergen sollten. Wann immer das Thema „Vergangenheit“ zur Sprache kam, fühlten sie sich bedroht und lebten in Angst, zur Rechenschaft gezogen zu werden. Sie löschten die Wahrheit über ihr Leben aus und gerieten immer tiefer in die Fänge der Schuld.

Zeugenschaft

Der zweite Kirchenmann, Otto Zakis, schien einen aktiveren Umgang mit seiner Vergangenheit zu pflegen und versuchte, mit seinen Erinnerungen zu leben. Unter den vielen Tätern in meiner Studie war Zakis der einzige, der in einer polizeilichen Vernehmung von Reue, Bedauern und Buße sprach. Als er 1972 von deutschen Staatsanwälten verhört wurde, sprach er von einem Bedürfnis nach „Buße“. Dafür gibt es mehrere Gründe, und sie haben nichts mit der Konfession und Kirchenzugehörigkeit zu tun. Erstens gehörte er zur jüngsten Kohorte der NS-Täter. Er wurde 1925 in Riga geboren und meldete sich 1941 im Alter von sechzehn Jahren freiwillig zur SS. Er wurde nach Buchenwald zur Ausbildung geschickt und dann als Hundeführer zur Bewachung des Vernichtungslager Majdanek entsendet. In Majdanek blieb er fast zwei Jahre bis zur Evakuierung des Lagers im Jahr 1944.[24] Zweitens war er Volksdeutscher aus dem Baltikum und ging nach dem Krieg nach Belgien und Frankreich, wo er sich auf französisch mit anderen kulturellen, politischen, und historischen Perspektiven beschäftigen musste. Er wurde von französischen Truppen gefangen genommen und an eine sowjetischen Kriegsverbrechenskommission übergeben, konnte aber aus dem Zug nach Sibirien entkommen. Anschließend wurde er Mienenarbeiter in Belgien, was er als „Buße, die ich mir wegen dieser Erfahrungen auferlegt habe“ in der polizeilichen Vernehmung erklärte.[25] Tatsächlich musste er das nicht tun, denn sein Vater hatte sich der US-Armee angeschlossen und war Kommandeur der US-Kriegsschiffsverwaltung.[26]  Seine Mutter hatte Riga ebenfalls verlassen und arbeitete für die UNRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration). Seine Eltern lebten komfortabel in einer Villa in Bayern, und Zakis hätte dort untertauchen können. Aber er entschied sich für den Kohlebergbau, wo er sich den Spitznamen „kleiner Jesus“ erwarb, weil er besonders gefährliche und beschwerliche Arbeiten annahm. Bis 1949 studierte er in Paris Theologie, eine Entscheidung, die er gegenüber der Polizei als Versuch erklärte, „der Gesellschaft zu dienen“ und „mir selbst zu beweisen, dass ich die Fehler, die ich gegen die Gesellschaft begangen habe, wiedergutmachen kann“. [27] Während seines Pfarrdiensts in Nizza fühlte sich Zakis „von den Ereignissen, die ich miterlebte, so sehr bedrängt, dass ich mich bei der Polizei meldete: Ich sagte ihnen, dass ich ein SS-Wachmann sei. Die französische Justiz hat das nicht ernst genommen. Offenbar wollte man einen öffentlichen Skandal vermeiden, denn ich war ja Pfarrer.“[28]  Er unternahm einen Selbstmordversuch und die französischen Behörden schickten ihn daraufhin zu einem Psychiater, der ihn als „kompetent, aber etwas labil“[29] diagnostizierte. Letztes Jahr kontaktierte mich eine Frau, die als junge Kirchenmusikerin ebenfalls in Nizza war, und Zakis in der Nacht seines Selbstmordversuchs traf. Sie beschrieb seine extreme Verzweiflung, aber er erzählte ihr nichts von seiner NS-Vergangenheit.[30]

Als Zakis 1972 von deutschen Staatsanwälten vorgeladen wurde, wurde er zweimal über sein Recht zu schweigen, oder einen Anwalt hinzuzuziehen, informiert. Er wurde gewarnt, dass seine Aussagen gegen ihn verwendet werden könnten. Er wollte keinen Anwalt, sondern wollte wahrheitsgemäß auszusagen. Besonders über einen Vorfall, der ihn seit 30 Jahren verfolgte. Es war sein erstes Waldkommando (Wachdienst im Wald): „Ich wusste nicht, dass bei der Rückkehr die Zahl der Gefangenen mit der Zahl derer übereinstimmen musste, die das Lager verlassen hatten, aber es spielte keine Rolle, ob sie tot oder lebendig waren.“[31] Er war der Neuankömmling und ihm wurde gesagt, dass die ukrainischen Wachen schon "wüssten, was zu tun war". Die befahlen, „einem Juden“, wegzulaufen, und schossen ihm dann in den Rücken.

„Ich war sechzehn Jahre alt und hatte Angst vor den betrunkenen Ukrainern. Ich ging zu den Ukrainern hinüber und stellte mich neben sie, als der Jude auf Befehl des ukrainischen Unterscharführers zurückgebracht wurde. Er wurde etwa 4 Meter von mir entfernt hingelegt und blutete am ganzen Körper und gurgelte. Er schaute in meine Richtung.“[32]

Der Blick des Sterbenden war die „schrecklichste Erfahrung, die ich je gemacht habe“.[33] Nachdem man ihn an seine Rechte erinnert und ihm die Möglichkeit gegeben hatte, seine Aussage zu ändern, lehnte Zakis ab und erklärte: „Ich wiederhole meine vorherige Aussage, auch als Angeklagter, als vollständig und absolut korrekt und ich möchte nicht mit einem Anwalt sprechen. Ich kann nichts anderes sagen ... Als wir in unser Quartier zurückkehrten, weinte ich unkontrolliert.“[34]  Der Vernehmungsbeamte wies darauf hin, dass er als Wachführer das Kommando hatte und hätte eingreifen müssen, worauf Zakis antwortete:

„Dies war das erste Mal, dass ein Mensch in meiner Gegenwart getötet wurde. Aufgrund meiner Jugend war die Schockwirkung dieser Ereignisse so groß, dass ich dieser Situation hilflos gegenüberstand. Ich trage diese Sache schon seit dreißig Jahren mit mir herum. Dies ist das erste Mal, dass ich darüber spreche.“[35] 

Ich zitiere seine Aussage in aller Ausführlichkeit, weil Zakis die Erfahrung von Schuld als eine „bedrückende“ Erinnerung und als „Last“ bezeichnete, die er „loswerden“ wollte, ein Begriff, der wiederholt auftaucht. Zwei Jahre später wurde Zakis' Zeugenaussage folgendermaßen zusammengefasst:

„Bis 1972 hat mich meine Vergangenheit sehr beschäftigt. Aber dann habe ich mich von diesen Dingen befreit, vor allem von denen, die mich persönlich betrafen, und ich habe mich von diesen Angelegenheiten auch innerlich abgewandt und mich voll auf meinen Beruf konzentriert.“[36]

Auch hier wird von Schuld von Last und Belastung gesprochen, die man „loswird“, von der man sich „abwendet“ oder „befreit“ wird. Aber das will nicht recht gelingen, und Zakis verändert seine Position im Düsseldorfer Majdanek Prozess 1975-1981. In einem Interview mit Eberhard Fechner für seinen Dokumentarfilm „Der Prozess“, in dem Zakis als einziger anonym belassen wird, sagt er: „Niemand, der in Majdanek war, ob als Wächter oder als Häftling, kann sich jemals von einer solchen Erfahrung befreien. Selbst diejenigen, die während des Prozesses so getan haben, als ob sie es vergessen hätten.“[37] Von 1500 SS-Wachleuten in Majdanek wurden 15 im Düsseldorfer Prozess angeklagt. 314 Zeugen wurden vorgeladen, doch außer Zakis war nur noch eine weitere SS-Wärterin bereit, sich zu erinnern und wahrheitsgetreu auszusagen. Fechner stellt Zakis als „den einen SS-Mann, der einen tiefen Eindruck hinterlassen hat“[38] vor.  Zakis selbst bezeichnet seine Vorladung zum Düsseldorfer Prozess als „Befreiung“, obwohl er natürlich nur als Zeuge vorgeladen worden war und keine Verurteilung zu erwarten hatte. Aber er konnte sich erinnern, während alle anderen schwiegen. Prozessbeobachter und Überlebende respektierten ihn dafür und die holländische Organisation der Auschwitz-Überlebenden nannte ihn die „uitzondering“ (Ausnahme).[39] 

Schuld als Bürde

Wenn man Schuld als Bürde versteht, dann mag Zakis´ frühe Entscheidung sich Buße aufzuerlegen, dazu beigetragen haben, sein moralisches Rückgrat zu stärken, Empathie zu entwickeln, und der schmerzhaften Wahrheit standzuhalten. Noch als Theologiestudent in Frankreich leugnete Zakis seine Verbindungen zum Nationalsozialismus. Am Telefon von mir nach der antideutschen Stimmung in Frankreich befragt, antwortete er: „Natürlich hassten sie die Deutschen, aber ich war Otto, und Otto war anders.“[40] Schuld ist nicht sichtbar. Dennoch trieb ihn seine Gewissensqualen dazu, sich in den den französischen Behörden auszuliefern und sich in psychiatrische Behandlung zu begeben. Ob er sich mit dem Psychiater über die Augen des sterbenden Juden sprechen konnte? Er war der einzige Täter in meiner Studie, der in den Augen eines Opfers einen Mitmenschen wahrnahm. Diese Mit-menschlichkeit zwang ihn auf den schmerzhaften Weg der Buße. Im Prozess solidarisierte er sich mit den Opfern (gegen seine SS-Kameraden) und wurde zum Zeugen. Diese Verwandlung war nicht „billig“, um Dietrich Bonhoeffers Kritik an der billigen Gnade zu zitieren,[41] sondern eine hart erworbene Frucht aktiver Auseinandersetzung.  

Dennoch lehnte er es ab, als ich ihn 2008 aufforderte, in deutsche Schulen zu gehen und darüber zu sprechen, warum er als 16-jähriger zur SS ging und was diese Fehlentscheidung für sein Leben bedeutete (es war die Zeit als ISIS aktiv in Europa rekrutierte). Er traute sich nicht und wollte anonym bleiben. Seine Traueranzeige aus dem Jahr 2011, die seine Kirchengemeinde in der Zeitung veröffentlichte, liest sich so: „Geboren in Riga, führten ihn die Wirren des Krieges durch sehr harte Jahre nach Frankreich, wo er Theologie studierte und Pfarrer wurde“. [42] Diese geschönten Biographien sind in Deutschland allgegenwärtig.

Fazit

Die Rede von Versöhnung und Vergebung schadet nicht nur den Opfern, sondern auch den Tätern. Denn während die Opfer manipuliert werden, auf Recht und Gerechtigkeit zu verzichten,  werden den Tätern falsche Versprechen von Entlastung und Erleichterung gemacht, die unerfüllt und unerreichbar bleiben müssen. Die Religionsgemeinschaften (neben und jenseits der Justiz) stehen in der Verantwortung kreative und konstruktive Strategien der Transformation (sprich: Bekehrung) anzubieten, damit die Last der Schuld zur Quelle der Erneuerung der Mitmenschlichkeit, Integrität und Menschenwürde werden kann.

Katharina von Kellenbach ist emeritierte Professorin der Religionswissenschaft am St. Mary’s College of Maryland und Referentin der Evangelischne Akademie zu Berlin. Der Text ist eine Weiterführung biographischer Untersuchungen ihres Buchs: The mark of Cain. Guilt and denial in the post-war lives of Nazi perpetrators. Oxford University Press, Oxford/New York 2013.


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Anmerkungen

[1] Olaf Blaschke, Thomas Grossbölting, Was die Deutschen glaubten
[2] Katharina von Kellenbach, The Mark of Cain: Guilt and Denial (New York: Oxford University Press, 2013)
[3] Uwe Dittmer, Im Blickpunkt: Sünde und Vergebung, Berlin: Evangelische Verlagsanstalt, 1981, 54; Carl Amery, “Defreggers Flucht zu alten Kameraden,”  Die Zeit, August 29, 1969; “Der Fall Döpfner,” Neues Deutschland August 2,1969, Klaus Stiller Tagebuch eines Weihbischofs, Berlin: Klaus Wagenbach, 1972
[4] “Die Tat bestätigt-die Schuld bestritten” Süddeutsche Zeitung, September 18, 1970
[5] Matthias Defregger, “Solidarität mit den Opfern. Brief an die Priester und Gemeinden im Erzbistum München und Freising, ” Münchner Katholische Kirchenzeitung, Juli 1969, 3
[6] Matthias Defregger, “Solidarität mit den Opfern. Brief an die Priester und Gemeinden im Erzbistum München und Freising,” Münchner Katholische Kirchenzeitung, Juli 1969, 3
[7] Marianne Thora, his defense lawyer argued in the Münchner Katholische Kirchenzeitung: “Die Vorgänge in Filetto waren dem Hauptmann Defregger and sind dem Bischof Defregger offensichtlich trotz aller juristischen Schuldlosigkeit eine schwere Lebenslast. Es ist gut, daß wir das jetzt wissen und zeigen können, daß es uns Ernst ist mit der christlichen Liebe, die des anderen Last mitträgt.” (4)
[8] Döpfner quoted in “Kriegsverbrechen: Bischof Defregger,”Spiegel 30, July 21, 1969, 33
[9] Matthias Defregger, “Solidarität mit den Opfern. Brief an die Priester und Gemeinden im Erzbistum München und Freising,” Münchner Katholische Kirchenzeitung, Juli 1969
[10] Gerhard Mauz, “Franziskus nahm den Purpur nicht,” Spiegel, August 4, 1969, 60
[11] Friedrich Meichsner, “Für einen getöteten Soldaten starben 17 Italiener,” July 26, 1969, AEKiR Düsseldorf
[12] Kriegsverbrechen: Bischof Defregger, Bis auf Weiteres,” Spiegel, July 7, 1969, 34
[13] ebd
[14] Rite of Penance, 1974, International Commission on English in the Liturgy Inc., http://liturgyoffice.org/Resources/Penance/Penance-Intro.pdf [January 29, 2021] Kenan B. Osborne, O.F.M., Reconciliation and Justification: the Sacrament and Its Theology, New York: Paulist Press, 1990, 205
[15] Internationalen Theologischen Kommission;  John Paul II Apostolic Exhortation, Reconciliation and Penance (1984) http://www.vatican.va/content/john-paul-ii/en/apost_exhortations/documents/hf_jp-ii_exh_02121984_reconciliatio-et-paenitentia.html) [January 11, 2021]
[16] Gerhard Mauz, “Franziskus nahm den Purpur nicht,” Spiegel, August 4, 1969, 60
[17] “Was schließlich die christliche Vergebung anbelangt, so könnte sie der Weihbischof, wenn er auch nur einen Teil der ihm zur Last gelegten Taten begangen hat, von den Angehörigen der Getöteten vielleicht als reuevoller Mönch, nicht aber in seinem Bischofsgewand erlangen, Gerhard Mauz, “Franziskus nahm den Purpur nicht,” Spiegel, August 4, 1969, 60
[18] “Filetto-Reise verschoben. Döpfner: Versöhnungsgeste zur falschen Zeit,” Spandauer Volksblatt, October 17, 1971
[19] Sylvia Böhm-Haimerl, Der Weihbischof und das Massaker, Süddeutsche Zeitung, 24. Juni 2022, https://www.sueddeutsche.de/muenchen/starnberg/matthias-deffregger-weihbischof-poecking-massaker-filetto-1.5608895
[20] Marita Kraus, Ein Dorf im Nationalsozialismus, 1930-1950, Volk Verlag 1919. 
[21] Zitiert in SZ, Der Weihbischof und das Massaker, 24. Juni 2022.
[22] Matthias Rüb, Filetto Di Camarda,  https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/wehrmachts-massaker-filetto-di-camarda-versoehnung-im-fall-defregger-18086740.html
[23] Claudia Card, The Atrocity Paradigm. A Theory of Evil, Oxford: Oxford University Press, 2002, 188
[24] Ob er an Todesmärschen beteiligt war ist nicht bekannt.
[25] Zakis interrogation, HSTA Düsseldorf, Ger. Rep. 432, No. 204/7280
[26] telephone conversation, April 14,  2008
[27] HSTA Düsseldorf, Ger. Rep. 432, No. 204/7280
[28] HSTA Düsseldorf, Ger. Rep. 432, No. 204/ 7279
[29] HSTA Düsseldorf, Ger. Rep. 432, No. 204/ 7280
[30] Email Korrespondenz Dorothy Y.R. 16., 18., 20. August 2020
[31] Zakis interrogation for the Majdanek trial, HSTA (Hauptstaatsarchiv Düsseldorf), Gerichte Republik 432, No. 204/7278 (March 8, 1972),  Zakis interrogation, HSTA Düsseldorf, Ger. Rep. 432, No. 204/7278
[32] Zakis interrogation, HSTA Düsseldorf, Ger. Rep. 432, No. 204/7278
[33] Zakis interrogation, HSTA Düsseldorf, Ger. Rep. 432, No. 204/7277
[34] Zakis interrogation, HSTA Düsseldorf, Ger. Rep. 432, No. 204/7279
[35] Zakis interrogation, HSTA Düsseldorf, Ger. Rep. 432, No. 204/7279
[36] Zakis interrogation, HSTA Düsseldorf Ger. Rep. 432, No. 204, 138 (May 28, 1974)
[37] Eberhard Fechner, Der Prozess: eine Darstellung des Majdanekverfahrens in Düsseldorf, NDR Production, Waltham, MS: The National Jewish Center for Jewish Film, 1984
[38] Eberhard Fechner, Der Prozess: eine Darstellung des Majdanekverfahrens in Düsseldorf, NDR Production, Waltham, MS: The National Jewish Center for Jewish Film, 1984
[39] Dutch Auschwitz Committee, October 1977 Vol 21, No. 8/9/10, p. 3 http://issuu.com/nederlandsauschwitzcomite/docs/50000pyc/5?e=4171458/7055807
[40] telephone conversation with Otto Zakis, April 14,  2008
[41] Dietrich Bonhoeffer, The Cost of Discipleship, transl. R.H. Fuller (New York: Macmillan, 1963).
[42] Gemeindebrief der Evangelisch–Lutherischen Christuskirche Schrobenhausen, October, November 2011

Auch ein Symbolort für Rechtsextreme

Neue Recherchen zur Wiederaufbau Garnisonkirche Potsdam: Mitgestaltet von Rechtsextremen, wird der Bau inzwischen auch von einzelnen Rechtsradikalen als symbolischer Ort genutzt.

Das Projekt des Wiederaufbau Garnisonkirche wurde nicht nur von dem rechtsradikalen ehemaligen Bundeswehroffizier Max Klaar und seiner Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel initiiert, sondern das Projekt ist trotz einiger Modifikationen und Weiterentwicklungen von ihnen nachhaltig mitgestaltet. Wie neue entdeckte Unterlagen zeigen, nahm das kirchliche Projekt mit einem Treffen zwischen Max Klaar und dem damaligen Bischof Wolfgang Huber im Juli 2000 seinen Ausgang. Die Kirche folgt der damals von Klaar vorgeschlagene Konzeption für das Bauvorhaben und dessen Umsetzung bis heute. Bei einem weiterem von Alexander Gauland initiierten Treffen im März 2004 machte zudem der Schirmherr des Projektes, der damalige Innenminister des Landes Brandenburg Jörg Schönbohm, weitere inhaltliche Zugeständnisse, die im Folgenden auch eingehalten wurden. Lediglich im Projektverlauf zusätzliche, neu erhobene Forderungen von der Gruppe um Max Klaar wurden abgewiesen.
Weitere Dokumente belegen zudem, dass Bischof Huber im März 2003 eine Pressemitteilung des Kirchenkreis Potsdam verhinderte, mit der dieser Max Klaar kritisieren und zu ihm auf Distanz gehen wollte. Die neueb Recherchen zeigen zudem, dass das heutige Projekt von Rechtsradikalen nicht nur befürwortet, sondern von einzelnen Rechtsextremisten auch als ikonischer Symbolort genutzt wird, wie etwa vom rechtsextremistischen Blogger Billy Six.

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Der rechtsextremistische Blogger Billy Six rief im Februar zu der Aktion "Mein Tag von Potsdam auf", Treffpunkt Garnisonkirche Potsdam
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In rechtsradikalen Onlineshops werden eine Reihe von CDs zur Garnisonkirche Potsdam vertrieben. Die hier gezeigten wurden im "Nationalen Versandhaus" Dresden erworben, dessen Betrieb vom Verfassungsschutz Sachsen inzwischen stillgelegt wurde.
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Der YouTube-Kanal Heimatschutz zeigt affirmative Videos über den Wiederaufbau der Garnisonkirche Postdam wie auch zu NS-Größen wie Dönitz und Rommel oder auch NS-Architektur
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Screenshot aus einem Video des YouTube-Kanals Heimatschutz zum Wiederaufbauprojekt der Garnisonkirche

Für den Rechtsextremismusexperten Matthias Quent zeigen die Potsdamer Entwicklungen eine „Verzahnung von rechtsextremen mit konservativen Strukturen und Ansichten auf dem politischen Feld der Erinnerungskultur“ auf. Dies entspreche „der Normalisierungsstrategie der äußersten Rechten“, die bestrebt sei, „größere Resonanzräume für revisionistische und antidemokratische“ Deutungsmuster zu öffnen. Dabei werde „die fehlende Abgrenzung nach rechts außen gerade in Ostdeutschland ausgenutzt, um in die politische Mitte vorzustoßen“.

Der wissenschaftliche Beirat des Lernorts Garnisonkirche fordern die Stiftung Garnisonkirche und Fördergesellschaft für den Wiederaufbau auf, sich von den für ihre Arbeit grundlegenden Ruf aus Potsdam von 2004 und dessen geschichtsrevisionistischen Äußerungen zu distanzieren. Dieser zeige laut Beiratsvorsitzender Prof. Dr. Micha Brumlik auf erschreckende Weise, wie sehr es Rechtsextremen in Potsdam gelungen sei, die gesellschaftlichen Mitte zu infiltrieren und im öffentlichen Diskurs revisionistische Geschichtsdarstellungen und neurechte Argumentationen dauerhaft zu etablieren. Es sei ein Skandal, dass die kirchliche Stiftung Garnisonkirche sich in ihrer Satzung bis heute auf den „Ruf aus Potsdam“ bezieht und die Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam erst kürzlich dies nochmals bekräftigt hat. Ein Dokument aus dem Nachlass von Jörg Schönbohm zeigt zudem, dass bereits im März 2005 der damalige Leiter der Stiftung Brandenburgischen Gedenkstätten, – ohne Erfolg.

Die zentralen Ergebnisse der mehrjährigen Forschung zur Projektgenese sind als 44-seitiger, wissenschaftlicher Aufsatz von Philipp Oswalt unter dem Titel „Wiederaufbau zwischen militärischer Traditionspflege, protestantischer Erinnerungskultur und Rechtsextremismus“ in den renommierten Vierteljahresheften für Zeitgeschichte dieser Tage erschienen (70 Jg. Heft 3/ 2022, S. 549 – 590), ein Kondensat zudem in der Wochenzeitschrift die ZEIT von dieser Woche (Nr. 30, 21. Juli 2021, S. 17).

Deutschnationale Gewalttheologie am Beispiel des Garnisonskirchenpfarrers Johannes Kessler

Eine mehrheitlich deutschnational geprägte evangelische Kirche trug erheblich zu Kriegsbegeisterung und Durchhaltewillen von Soldaten und Bevölkerung im Ersten Weltkrieg bei. Kriegspredigten dienten der Formatierung der öffentlichen Meinung. Der ehemalige Hofprediger und Potsdamer Garnisonspfarrer Johannes Kessler war von 1908-33 Gemeindepfarrer in Dresden und vermutlich seit 1915 als Militärpfarrer im frontnahen Einsatz[1]. Am Beispiel einiger seiner Kriegspredigten soll die deutschnationale Gewalttheologie im Kontext der soziokulturellen Lage am Endedes „langen 19. Jahrhunderts“[2] in diesem Essay rekonstruiert werden.

Dabei handelt es sich um eine Rekonstruktion aus historischer und theologischer Perspektive. Gezielt wird nach den historisch-gesellschaftlichen Bedingungen der Theologie Kesslers und zugleich nach ihren Konstruktionsprinzipien gefragt. Wie bei allen historischen Rückblicken steht im Raum, dass alles auch hätte ganz anders sein können, insofern Individuen trotz und innerhalb ihrer zeitbedingten Prägung durchaus auch Wahlmöglichkeiten des Denkens und Handelns hatten. Es gibt nur wenige Beispiele dafür, dass im ausgehenden langen 19. Jahrhundert unter den gleichen historischen Bedingungen, alternative theologische Konsequenzen mit entsprechend anderer Wirkungsgeschichte vertreten wurden. Prominentes Beispiel für eine solche Neuorientierung bildet die Wende in der Theologie Paul Tillichs, der 1914 begeistert als Freiwilliger in den Krieg zog, dort bis 1918 als Feldprediger wirkte und sich schließlich traumatisiert von seiner Kriegsbegeisterung abwandte.

Diese Überlegungen verdanken sich dem Interesse, den handelnden Personen in ihrer jeweiligen historischen Situation gerecht zu werden. Prägungen durch Denktraditionen, gesellschaftliche und wissenschaftliche Traditionen, Erfahrungen und Routinen führen zu einer spezifischen Einengung des Denk- und Handlungsspielraumes. Andererseits ist kein Mensch allein das Produkt der gesellschaftlich dominierenden Prägungen, sondern hat innerhalb bestimmter Grenzen durchaus eine Wahl- und Entscheidungsfreiheit. Den biographischen Werdegang und damit auch einen Teil der individuellen Bedingungen, unter denen Kessler Theologie trieb, habe ich im Kontext der Autobiographie Kesslers dargestellt[3]. Diese Darstellung soll hier im Blick auf eine kritische Betrachtung der historischen Bedingungen wie auch in Bezug auf die spezifische Gewaltförmigkeit der Theologie Kesslers, insbesondere seiner Kriegspredigten, ergänzt werden. Kessler wird damit auch als Typus einer bestimmten theologischen Orientierung erkennbar, der damals weit verbreitet war.

Das Deutsche Reich im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert

Das Deutsche Reich hatte in der zweiten Hälfte des 19. und im beginnenden 20. Jahrhundert bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges eine im europäischen Vergleich bemerkenswerte Entwicklung genommen. Während zu Beginn des 19. Jahrhunderts England bei den Kennzahlen der industriellen Produktion und auch der landwirtschaftlichen Produktivität noch ganz klar dominierte, hat Deutschland, ausgehend von einer relativ rückständigen Position, England bis zum Beginn des 20. Jahr­hunderts in fast allen Bereichen ein- oder überholt. Mehr noch gilt das für die anderen europäischen Staaten. Die großen Veränderungen traten zwischen 1850 und 1900 ein. Zugleich darf man nicht vergessen, dass die USA die europäischen Länder in den meisten Bereichen samt und sonders weit überholten.[4] Im Bereich der elektrotechnischen und chemischen Industrie hatte sich Deutschland um 1914 „…eine weitgehende Führungsstellung auf den Weltmärkten…“ verschafft und hatte auch England weit überflügelt; bei manchen Produkten hatte Deutschland ein fast weltweites Monopol inne[5]. „Wie David S. Landes schreibt, gibt es für diesen Sprung zu technologischer und wirtschaftlicher Hegemonie sowohl im Hinblick auf die technische Virtuosität wie auf die kaufmännische Aktivität, die dabei wirksam waren, keine historische Parallele“[6]. Kocka stellt im Zusammenhang mit Erörterungen zum im europäischen Vergleich deutlich überdurchschnittlichen Bevölkerungswachstum Deutschlands fest: „Diese wechselseitige Verstärkung von ökonomischem und demographischem Wachstum gehörte zum Kern jener eindrucksvollen sozialökonomischen Dynamik, die die Deutschen des Wilhelminischen Reichs mit so großem Stolz und viele Nachbarn mit Sorge betrachteten“[7]. Solch ein beschleunigter Fortschritt und Erfolg konnte den Zeitgenossen durchaus zu Kopf steigen.

Kessler ist – wie viele Zeitgenossen – geradezu besoffen von der rasanten Entwicklung Deutschlands auf verschiedenen Feldern. In der Festrede „Vier Helden“[8] schwärmt er vom „deutschen Aar“, der „seine starken Schwingen“ entfaltet. Er beginnt mit dem Lob der Arbeit, um dann Erfolge der jüngeren deutschen Geschichte aufzuzählen: „Das deutsche Volk arbeitete, wie wohl noch nie ein Volk der Erde gearbeitet hat“. Dann zählt er die Leistungen der Wissenschaft, der Industrie, der Technik, des Handels, die Anzahl der Deutschen, das Vermögen, das Heer und die Flotte auf. „So kämpfte sich das deutsche Reich zur Weltmacht empor“[9]. Hieraus entwickelt Kessler den „wahre(n) Grund des Krieges“, nämlich der über Bewunderung und Neid sich entwickelnde Hass der anderen Völker[10], der Kriegsgegner.

Der in den engen Verhältnissen einer kleinen Landpfarrei aufgewachsene Kessler war durch Bildung und Beziehungen in eine Schicht von Bildungsbürgern und Adligen aufgestiegen[11]. Eine genauere Betrachtung der soziokulturellen und politischen Lage des sich in rasanter gesellschaftlicher Umwandlung befindenden Deutschen Reiches lässt jeweils unterschiedliche Entwicklungen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen erkennen, so auch unterschiedliche politische Orientierungen verschiedener Gruppierungen des Bürgertums.

In diesem Essay soll es nicht nur darum gehen, wie die Kriegspredigten Kesslers und auch die Person Johannes Kessler aus heutiger Perspektive zu beurteilen sind, sondern auch um die Fragen: Wie ist Johannes Kessler in der gesellschaftlichen Situation der Kriegs- und Vorkriegszeit politisch und soziologisch einzuordnen? Wie hat er sich politisch orientiert und welche realistischen Alternativen hätte es gegeben?

Einerseits gehörte Kessler als Pfarrer zum Bildungsbürgertum und damit soziologisch zu einem Teil der oberen Mittelschicht, der viel zur Meinungsbildung in der Breite beitragen konnte[12]. Es gehört zu den von vielen Historikern vorgetragenen Erkenntnis[13], dass gerade die bürgerlichen Mittelschichten zunehmend zu einem extremen Nationalismus tendierten, die Flottenpolitik des Reiches unterstützten und sich für die neue „Weltpolitik“ begeisterten. Dazu gehörte auch ein wachsender Antisemitismus gerade dieser Schichten.

Andererseits war Kessler durch seine Stellung als früherer Prinzenerzieher und Hofprediger in besonderer Weise dem Hof verbunden und mit diesem vertraut. Die Hofkreise waren zwar sehr konservativ eingestellt und in Gestalt des bekanntermaßen sprunghaften und großsprecherischen Kaisers Wilhelm II militärisch abenteuerlich aufgestellt. Die Politik des Hofes wurde jedoch weit rechts überholt von Flottenverein, Alldeutschen und den Antisemiten um Ludendorff. Diese Kreise übten rechtsnationale Kritik an der konservativen Regierung. Als bürgerliche Träger des Nationalismus erwähnt Nipperdey unter vielen anderen Gruppierungen „die protestantischen Kirchen“[14] und dann noch einmal differenzierter „die protestantischen Pastoren und Kirchenleitungen“[15].

Schon für die Erfahrung des Sieges 1871 und die Reichseinigung galt: „In die Wogen der verständlichen Freude und Dankbarkeit über Einheit und Sieg 1871, in den Enthusiasmus auch, mischte sich viel nationales, intellektuelles wie vulgäres Sieges- und Triumphgeschrei mit manchen Zügen eines kollektiven Rausches, jedenfalls im protestantischen Bürgertum“[16].

Dabei ist zu bedenken, dass „Nationalismus“ in Deutschland sich von einer „linken“ Einstellung für Demokratie und Nationsbildung – man denke z.B. an das Hambacher Fest oder die 48er Revolution samt Paulskirchenversammlung – über die Jahrzehnte seit der Reichsgründung immer mehr zu einer nicht-demokratischen, vielfach reaktionären und auf Erhaltung und Steigerung nationaler Besitzstände gerichteten Haltung entwickelte[17] - bis hin zu einem gegen innere und äußere Feinde gerichteten „kulturell“ begründeten Imperialismus. Allzu schablonenhaft darf man sich diese Entwicklung des Nationalismus allerdings nicht vorstellen. Kocka weist darauf hin, „…dass der Nationalismus immer ein Janusgesicht besaß, zu dem Partizipation und Aggression zugleich gehörten“[18]. Es handelte sich um sich wandelnde Mischungsverhältnisse von Inklusion und Exklusion, die es zu rekonstruieren gelte[19]. Es ist ja auch kein Zufall, dass z.B. Kessler sich immer wieder affirmativ auf den frühen nationalen Aufbruch der Befreiungskriege und die Völkerschlacht zu Leipzig bezieht und dessen Ausgrenzungs- und Aggressionspotenzial anzapft.

Die extreme Rechte, die sich sogar gegen die konservative Reichsregierung richtete, wurde auch von einem Teil des protestantischen Bürgertums getragen. „Der rechte Nationalismus wurde eine politische und bürgerliche Macht, die die Militarisierung der Außen- wie der Gesamtpolitik und der öffentlichen Meinung entschieden vorantrieb“[20] und trat damit sogar in Opposition zur konservativen Regierung. „Auch gegenüber der etablierten Militärführung waren die alldeutschen oder ultranational-popularen Militärfreunde fast eine quasi-Opposition…“[21].

Wie auch bei den Kriegspredigten zu sehen ist, zeigte sich zwar eine typisch deutsche Ausprägung des extremen Nationalismus, aber gleichwohl haben wir es hier mit einer gesamteuropäischen Entwicklung zu tun. „Seine ideologische Hauptstütze fand der Konservatismus in den letzten Jahrzehnten vor 1914 hauptsächlich bei den Kirchen, …in Deutschland beim monarchietreuen Protestantismus“[22]. „Schließlich aber warfen sich die Konservativen rückhaltlos dem neuen aggressiven Nationalismus in die Arme, welcher die europäischen Völker seit Anfang der achtziger Jahre zu erfassen begann, und suchten ihre liberalen Gegenspieler durch eine noch militantere nationale Gesinnung zu übertrumpfen“[23]. Mommsen deutet den europäischen Imperialismus der Zeit von 1885-1918 „…als eine Ex­tremform nationalistischen Denkens“[24]. „Auch religiöses Sendungsbewusstsein gehörte zu den Elementen dieser neuen imperialistischen Ideologie[25]“. Allerdings war dies nach Einschätzung Mommsens zweitrangig gegenüber dem Motiv, „…neue Märkte und neue profitable Investitionsfelder…“ für die nationale Wirtschaft zu erschließen[26].

Lapidar stellt Mommsen fest: „Am Vorabend des Ersten Weltkrieges gab es das Bürgertum als besonderen Stand oder als in sich geschlossene Gesellschaftsschicht nicht mehr“[27] – insofern gab es auch keinen festen politisch-sozialen Rahmen, innerhalb dessen sich ein bürgerliches Subjekt hätte orientieren können. Verunsicherung, „Nervosität“ und unterschiedliche Formen von Konkurrenz und Dominanzstreben bildeten die psychosoziale Gemengelage.

Thomas Nipperdey beschreibt in einem kleinen Bändchen, in dem er „…die Entstehung der Moderne unseres Jahrhunderts aus dem Geist der bürgerlichen Kunstkultur des vorigen Jahrhunderts zu begreifen“ sucht[28], „…die entstehende Nähe von Bürgern zur unbürgerlichen Modernität“[29]. Das Unbehagen in und an der modernen Kultur wurde zu einer Signatur der Gegenwart“[30]. „Die religiöse Weltinterpretation hat ihre Kraft verloren, aber auch die sie beerbende Wissenschaft…“[31]. Entscheidender Erkenntnisgewinn der Analyse Nipperdeys ist in diesem Zusammenhang die Feststellung, dass die verbreiteten Krisengefühle gegenüber der Moderne ganz entschieden auf dem Boden der Modernität stehen und bleiben[32]. „Die Problematik des Modernen wird nicht mehr im Horizont einer vermeintlich unproblematischen und gar verklärten Tradition gesehen, sondern im Horizont der Moderne selbst. Es ist eine zweite Stufe der Modernität“[33].

Die vorausgehende Analyse der krisenhaften Lage der Situation in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg und insbesondere der Lage des Bürgertums ermöglicht es, die Orientierungen Kesslers in dieser Situation genauer einzuordnen.

Vor allem orientierte sich Kessler über Jahrzehnte an der Haltung des Hofes, dem er in großer Loyalität anhing. Es fällt jedoch auf, dass er sich in den mir bekannten schriftlichen Äußerungen nirgends negativ oder abwehrend gegen die von Nipperdey u.v.a. beschriebenen „ultranational-popularen Militärfreunde“ wandte, sich also nach rechts nicht abgrenzte, sehr wohl jedoch nach links. Vielmehr erwähnt er im Kontext einer Aufzählung der großen Leistungen des deutschen Volkes bzw. Reiches zustimmend die deutsche Flotte[34], das große Prestigeprojekt der Ultranationalen. In Verbindung mit einer Begegnung mit Unterstaatssekretär a.D. Wahnschaffe erwähnt Kessler begeistert dessen Kontakte zu Hindenburg, Ludendorff und Tirpitz in den letzten Kriegsjahren[35].

An welchen anderen politischen Richtungen hätte Kessler sich stattdessen orientieren können? Es gab auf der anderen Seite das katholische Zentrum, die SPD und – immer weniger – liberale Teile des Bürgertums. Das Zentrum kam für Kessler sicher schon aus konfessionellen Gründen nicht in Frage und auch die SPD als damals zumindest rhetorisch noch revolutionäre Partei lag außerhalb der Bandbreite, die für Kessler ohne radikale Umkehr eine realistische Möglichkeit gewesen wäre. Da, wo Kessler Entscheidungsmöglichkeiten hatte, orientierte er sich meist an der weiter rechtsstehenden Möglichkeit, paradigmatisch „Treitschke statt Mommsen“[36]; auch die „liberalen Nationalisten“[37] Max Weber oder Friedrich Naumann spielen für ihn keine Rolle. Treitschke definierte „..das Wesen des Staates als Machtorganisation der Nation und folgerte daraus, dass eigentlich nur der militärische Großstaat diesem Ideal entspreche…“[38]. Kessler erwähnt Treitschke in seiner Autobiographie immer wieder anerkennend und bewundernd.

Die zuletzt herangezogene Analyse Nipperdeys im Kontext der Wahrnehmung zeitgenössischer Kunst zeigt uns das Bild eines Bürgertums, das sich mit der krisenhaften Moderne auf dem Boden der Moderne selbst auseinandersetzt. Hier ist ein entscheidender Unterschied des von den Ambivalenzen und der Zerrissenheit der Moderne geprägten Bürgertums zu den allermeisten Repräsentanten der evangelischen Kirche, namentlich den Pfarrern zu erkennen. Letztere nämlich fühlen, denken und handeln bis auf wenige Ausnahmen durchaus „…im Horizont einer vermeintlich unproblematischen und gar verklärten Tradition…“[39]. Das heißt dann aber auch, dass die evangelischen Pfarrer – obwohl soziologisch Teil der bildungsbürgerlichen Schicht – gerade nicht zu diesem zweifelnden, modernen Bürgertum gehörten, sondern rückwärtsgewandt an vormodernen Idealen festhielten! Die Kirche war vom Bürgertum weitgehend verlassen worden. Nicht zuletzt deshalb konnte das Strohfeuer der großen Freude um so höher lodern, als so viele Menschen sich im Krieg kurzfristig unter den alten Maximen, Haltungen und Ideologien wieder unter den Kanzeln einfanden. Modern gesprochen befand sich die Pfarrer- und Theologenschaft in ihrer großen Mehrheit in einer ganz eigenen Retro-Kommunikationsblase, die nach dem Krieg zum Teil platzte und dann zum Teil noch mehr ins Gewaltsame und Antidemokratische kippte. Die Orientierung an vormodernen Leitbildern war ihr Weg, das verbreitete Unbehagen an der Gegenwart rückwärtsgewandt zu kompensieren.

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Cover der Publikation von Pfarrer Johannes Kessler: Deustche Frauen-deutsche Frauen, 1915

Kriegsansprachen

So war die Lage zu Beginn des Ersten Weltkriegs. Die Kriegspredigten und -ansprachen – nicht nur Kesslers – dienten, wie eingangs schon formuliert, der Formatierung der öffentlichen Meinung! Die Loyalitätsverpflichtungen gegenüber dem nationalen Staat werden von Kriegspredigern religiös überhöht und tragen zur Internalisierung dieser Verpflichtungen bis hin zur Aufgabe des eigenen Lebens bei[40].

Bevor ich mich der spezifischen Charakteristik der Kriegspredigten Kesslers zuwende, möchte ich darauf hinweisen, dass seine Kriegspredigten leider alles andere als ein Einzelfall sind und insofern auch kein herausragendes Beispiel darstellen, das es nur im Kontext der Potsdamer Garnisonkirche gegeben hätte. Gleichwohl bleibt diese Kirche ein herausragendes Symbol für eine breit vertretene nationalistische und gewaltverherrlichende Theologie.

Die breit angelegte Studie Wilhelm Pressels zeigt in beeindruckender Fülle vergleichbare Kriegspredigten in Deutschland während des Ersten Weltkriegs, und zwar quer durch die Regionen, quer durch die unterschiedlichen Schulen der evangelischen Theologie und auch quer durch die Konfessionen, trotz des noch nicht vergessenen „Kulturkampfes“[41]. Im Hinblick auf die weiter unten folgenden Ausführungen zur Geschichtstheologie zitiere ich hier die zu diesem Thema einschlägige Zusammenfassung Pressels: „Die im 19. Jahrhundert durch das Geschichtsverständnis Herders, der Romantik und des deutschen Idealismus, durch die Deutung des AT bei E. M. Arndt und F. Kohlrausch sowie durch das Verständnis des Reiches Gottes als des ‚Zwecks‘ der Menschheitsentwicklung bei A. Ritschl vorbereitete Gleichsetzung von Welt- bzw. Nationalgeschichte und Heilsgeschehen wurde in der Kriegstheologie zum Programm erhoben“[42].

Martin Greschats kurze, aber gleichwohl überaus detailreiche Studie belegt, dass die Kirchen bzw. Prediger in sämtlichen am Weltkrieg beteiligten Ländern in desillusionierender Weise die eigene Kriegsbeteiligung und Art der Kriegsführung jeweils als Verteidigungskrieg rechtfertigten und überhöhten sowie Ressentiments und Hassgefühle gegenüber dem Kriegsgegner nach Kräften speisten. Greschat zeigt, dass und in welcher Weise die Kirchen und ihre Geistlichen unter je unterschiedlichen konfessionellen, religiösen, nationalen und kulturellen Bedingungen die eigene Rolle im Krieg religiös überhöhten und die Gegner dämonisierten. Seine Darstellung der wenigen Friedensinitiativen von Kirchen und Geistlichen belegt leider nur einmal mehr, dass nur eine winzige, durchaus tapfere Minorität gegen den Mainstream von Gewaltverherrlichung und Hass in den Predigten und Reden anzugehen versuchte[43]. Z.B. schrieb im Sommer 1914 der „…französische reformierte Pfarrer Charles Babut an den ihm bekannten und hoch geschätzten preußischen Oberhofprediger Dryander… und bat den Deutschen um die Zustimmung zu einer von ihm entworfenen Erklärung der ‚Christen in Deutschland und England, Österreich und Frankreich, Belgien und Serbien‘“[44]. U.a. beinhaltete die Erklärung bei allem Verständnis für Patriotismus in allen Ländern „…die Absage an den Hass auf den Gegner, das Bemühen um eine möglichst menschliche Kriegführung, die Fürbitte für sämtliche Opfer des Krieges und schließlich das inständige Gebet für einen baldigen gerechten und dauerhaften Frieden“[45]. In einem auch von anderen Berliner Geistlichen unterzeichneten Antwortschreiben, in dem in „hochfahrender“ Weise[46] eine von der Sicht der deutschen Regierung nicht zu unterscheidende kirchliche Sicht wiedergegeben wurde, lehnte Dryander eine Unterzeichnung der Erklärung brüsk und kategorisch ab.

Ein weiteres Beispiel macht die Minoritätsposition derjenigen Geistlichen, die sich für Frieden einsetzten, in erschreckender Weise deutlich: „‘Im Gedächtnismonat der Reformation‘ verfassten 1917 fünf Berliner liberale Pfarrer eine Erklärung, in der sie allen Glaubensgenossen, ausdrücklich auch den Gegnern, die ‚Bruderhand‘ reichten. Sie wünschten einen Frieden der Verständigung und Versöhnung, sagten der ‚unheilvollen Herrschaft von Lüge und Phrase‘ in allen Lagern den Kampf an und verpflichteten sich schließlich, als Christen fortan mit aller Entschlossenheit gegen ‚den Krieg als Mittel der Auseinandersetzung unter den Völkern‘ zu kämpfen“[47]. Auf diese Erklärung der fünf antworteten 160 (!) Berliner Pfarrer ebenfalls öffentlich, dass mit solchen Erklärungen der Siegeswillen der Feinde bestärkt und der Krieg verlängert werde. Es gebe „…‘nur zweierlei für das deutsche Volk: Sieg oder Untergang‘. Nach dem Sieg könne man über Versöhnung reden“[48].

Die kulturgeschichtliche Herangehensweise Greschats macht deutlich, inwieweit die propagierten religiösen Leitbilder ein Aspekt „…der Tatsache (sind), dass sämtliche Traditionen, Ideale und Werte… im Weltkrieg in einen totalen Krieg eingeschmolzen wurden…“[49]. „Die Geistlichen aller großen Konfessionen des Westens unterstützten materiell und erst recht moralisch die Kriegsanstrengungen ihres jeweiligen Landes, während katholische, protestantische und jüdische Nichttheologen ihre Glaubensbrüder mit ebenso wenig Schuldgefühlen erschlugen wie die Atheisten ihre ungläubigen Kollegen umbrachten“[50]. „…die Kirchen und die große Mehrheit der Christen in sämtlichen kriegführenden Staaten…“ sahen „…dabei Gott als Kombattanten, als den Mitstreiter im eigenen Lager. Aus der Friedensbotschaft des Evangeliums und der universalen göttlichen Liebe wurde die Verkündigung eines brutalen nationalen Götzen“[51]. Nach solcher Lektüre kann man in der Tat an der Friedensfähigkeit der Kirchen und des Christentums (ver)zweifeln. Aus diesen unsäglichen Verirrungen auf allen Seiten (!) zu lernen wäre eine dringende Aufgabe im Kontext des derzeit tobenden Krieges zwischen Russland und der Ukraine[52]. Ausführungen zur Diskussion der grundsätzlichen Friedensfähigkeit des Christentums überschreiten den Rahmen dieses kleinen Essays bei Weitem. Erinnert sei hier aber an das Bonmot des Friedensforschers Johan Galtung: „Die Kirche (hat) eine Tendenz, sich selbst für friedlich zu halten, weil während der Predigten nicht geschossen wird“[53]. Wenn man sich die bei Greschat oder Pressel versammelten Beispiele zu Gemüte führt, wird dieser realistische Sarkasmus leider durchaus bestätigt.

Kurzschlüssige Identifikation von Realgeschichte und Heilsgeschichte

Gott handelt in der Geschichte. Dies ist eine grundlegende biblische Gewissheit, die sich durch die hebräische Bibel bis ins Neue Testament hindurchzieht. Gott greift durch sein Heilshandeln in die reale Geschichte ein, das ist der Ausgangspunkt jeder Geschichtstheologie, die sich auf das Geschichtshandeln Gottes in den biblischen Schriften bezieht. Die entscheidende Frage in diesem Zusammenhang lautet, in welcher Weise Geschichte auf das Handeln Gottes hin gedeutet wird. Die Gefahr, die jeder Geschichtstheologie droht, ist die Funktionalisierung Gottes für die jeweiligen eigenen Interessen, die durch eine falsche Unmittelbarkeit zwischen geschichtlichen Ereignissen und dem daraus gedeuteten Handeln Gottes erfolgt. Einer solchen falschen Unmittelbarkeit und Funktionalisierung Gottes sind die von Pressel wie von Greschat vorgestellten Kriegstheologien sämtlich erlegen. Gegen solche Geschichtstheologie der „Deutschen Christen“ erhob die Barmer Erklärung und mit ihr die Bekennende Kirche Einspruch – allerdings zugleich eine spezifische Leerstelle bei der Verknüpfung des Themas „Gott und Geschichte“ hinterlassend[54]. Der nach dem Durchgang durch die Kriegsansprachen Kesslers dargestellte Vergleich Gunda Schneider-Flumes zwischen Paul Tillich, Emanuel Hirsch und Richard Shaull zeigt eine gangbare Alternative zwischen diesen Extremen auf.

Zunächst aber gilt es zu fragen, wie Kessler in seinen Kriegsansprachen und -predigten[55] mit dem Thema „Gott in der aktuellen Geschichte“ umgeht. Wie schon in meinem Beitrag zu Kessler dargestellt[56], hat dieser in seinen Kriegsansprachen immer wieder das Motiv des Verteidigungskrieges herangezogen und damit den Krieg für die deutsche Seite gemäß der Lehre vom „Gerechten Krieg“ zu legitimieren gesucht.

In der Ansprache „Drei Glockenklänge“ bezieht Kessler sich auf die Inschriften der Glocken von Metz, die aus den ersten erbeuteten Geschützen des 1870/71er Krieges gegossen worden waren. Im ersten Abschnitt eröffnet Kessler seine Ansprache quasi militärisch mit dem Ruf „…in Kriegssprache: Vorwärts mit Gott!“[57]. Von Gott „dem Allmächtigen“ fordert er, dass er „…unsere Waffen segnen muss“[58]. Die dritte Glocke trägt die Inschrift: „Durch Gott zum Sieg“. Hier folgert Kessler nationaltheologisch: „Wer wird siegen? Selbstverständlich der, der am stärksten ist. und wer ist am stärksten? Der, der Gott auf seiner Seite hat. Wo Gott ist, da ist Sieg“[59]. Im folgenden Absatz schließt Kessler aus seiner Feststellung, dass „unsere Sache… die gerechte Sache“ ist, dass Gott „…die Sache des deutschen Volkes zum Siege führen“ wird[60]. Auch hier dient als ergänzende Begründung wieder das Verteidigungsmotiv: „Der Krieg ist uns in brutaler Weise aufgezwungen worden“[61]. Weiter führt Kessler als Begründung und Rechtfertigung des Handelns Gottes kulturelle, geschichtliche und kirchengeschichtliche Gründe an, die in der Behauptung des „Weltberufes“ des deutschen Volkes gipfeln: „Wir glauben an einen Weltberuf unseres Volkes. Ein Volk, das Gott mit solchen Gaben des Geistes und Tiefen des Gemütes ausgestattet, das er in den Tagen der Reformation zum Träger seines Evangeliums berufen, das er in den Tagen der Freiheitskriege zum Vorkämpfer einer neuen Zeit erwählt, ein Volk, dem Gott einen Luther und Lessing, einen Goethe und Schiller, einen Kant und Bismarck geschenkt, dies Volk kann er nicht bei Seite werfen, mit solchem Volke hat er noch Großes vor, solch Volk darf gegen eine Welt von Feinden trotzen und triumphieren: Durch Gott zum Sieg!“[62] Man sieht, wie in großer Eindeutigkeit und ohne von Zweifeln angenagt zu sein der Segen Gottes für die Kriegführung des Deutschen Reiches reklamiert wird. Gott wird funktionalisiert als derjenige, der die „gerechte Sache“ des deutschen Volkes zum Siege führt[63].

In der Festansprache „Vier Helden“[64] orientiert sich Kessler an einem Gedicht von Ernst Moritz Arndt[65]. Der „vierte und größte Held“ im Arndtschen Gedicht ist für Kessler „Deutscher Gott, deutscher Glaube ohne Spott“. Kessler betont immerhin, dass dieser Gott kein „deutscher Wotan“ sei, dass seine Zeitgenossen Gott aber neu im „deutschen Gewissen“ erlebten[66].

Im nächsten Abschnitt wird der „deutsche Glaube“ dezidiert geschichtstheologisch verstanden: „Da lässt Gott seine Stimme hören im Donner der Schlachten, da schreitet er mit ehernen Schritten durch die kämpfenden Völker, da greift er mit gewaltigem Arm ein in die Geschicke der Nationen…“[67]. Und wenig später heißt es: „…und wie aus verschütteten Schachten kommt’s wieder ans Tageslicht das Gold des deutschen Glaubens“[68]. Hier wird deutlich, wie Gottes Heilshandeln auf geradezu groteske Weise unmittelbar mit dem Kriegsgeschehen verbunden und zugunsten eines „deutschen Glaubens“ funktionalisiert wird.

In seiner Festpredigt an Kaisers Geburtstag 1916 argumentiert Kessler wiederum geschichtstheologisch: „… Gott naht sich uns jetzt in besonderer Weise. Er redet mit uns durch diesen Krieg“[69]. Seine Predigt, die sich auf Psalm 75,4 bezieht, oszilliert zwischen Teilen, in denen der Mensch an die Stelle Gottes gesetzt wird und solchen, in denen dieser Eindruck wieder relativiert und die Subjekt-Objekt-Vertauschung zurückgenommen wird. Die Predigt ist geschickt konstruiert, indem sie damit arbeitet, dass zwischen den Rollen changiert wird. Zunächst gibt Kessler vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Situation dem Psalmisten das Wort: „In solchen Zeiten, wo ein Volk in seinen Grundfesten erbebt, was gilt es da? Der Psalmist antwortet: ‚Das Land zittert und alle, die darinnen wohnen, aber ich halte seine Säulen fest.‘ Ja, das gilt es, daß wir[70] die Säulen unseres Volkes, die starken Stützen, auf denen sein Wohl, seine Zukunft ruht, die granitnen Pfeiler, die seine Größe tragen, festhalten, damit sie nicht wanken und stürzen“[71]. Nach dem Psalmzitat wird flugs insinuiert, dass der Mensch derjenige sei, der „die Säulen festhält“. Als „Säulen“ bezeichnet Kessler die Monarchie, das Kaisertum[72], weiterhin Armee und Reichsverfassung[73]. Dann nimmt er noch einmal Anlauf und benennt statt der „Institutionen und Organisationen“ „…die sittlichen Kräfte, von denen ein Volk getragen und beseelt ist“: Vaterlands­liebe, Einigkeit, Treue[74], Gottesfurcht. Schließlich wird noch einmal das Volk darauf eingeschworen, dass es „seine Säulen“ festhalten müsse: „…dieser Festtag ist ein gewaltiger Gottesruf: Deutsches Volk, halte deine Säulen fest! er (Gott; erg. TP) will in jedem Gewissen das heilige Gelübde wecken: ‚Das Land zittert, aber ich halte seine Säulen fest‘“[75]. Hier sind es eindeutig die – deutschen – Menschen, die das tun, was der Psalmist Gott zuschreibt. Ganz am Ende seines Gedankenganges rückt Kessler dann aber auf einmal das Subjekt zurecht, wohl in der Hoffnung, dass sein Vortrag durch diese oszillierende Technik lange und eindrücklich genug die Rolle des deutschen Menschen im Krieg religiös überhöht hat. Jetzt sagt er nämlich: „Hinter dem ‚ich‘ steht nicht nur der betende Psalmist sondern Jehova selbst. Er, der Herr des Himmels und der Erden, der ewig reiche und ewig treue Gott, spricht: ‚Zitterndes Land, ich halte deine Säulen fest. Ganz gewiß; im letzten Grunde sind wir es ja nicht, die unser Volk und Vaterland schützen und schirmen, retten und aufwärts führen – mit unsrer Macht ist nichts getan – der Allmächtige ist es, der da wirket alles in allem. Aber wir sollen uns ihm als seine Werkzeuge, als seine Handlanger zur Verfügung stellen, dann will er durch uns sein Reich bauen, durch uns auch unser Volk in dieser schweren Zeit erhalten und segnen“[76]. Aber natürlich finden wir auch hier wieder die gleiche Grundfigur, dass Gott, der durch den Krieg zu uns spricht, für die gerechte deutsche Sache streitet.

Die herangezogenen Beispiele mögen genügen um zu verdeutlichen, dass Kessler die Ereignisse des gegenwärtigen Krieges kurzschlüssig mit heilsgeschichtlichen Motiven verbindet, Heilsgeschichte und Weltgeschichte unmittelbar miteinander identifiziert und dabei die eigene Nation in grotesker Weise religiös überhöht. Entsprechend konstatiert Wehler für den Protestantismus im Kaiserreiche: „Aus der Gleichsetzung von protestantischem Glauben und deutschnationaler Grundeinstellung, von deutscher Kultur und Auswirkung der Reformation entstand nicht nur eine ‚deutschnationale Geschichtstheologie‘, sondern auch die politisch-konfessionelle Sozialmentalität des Nationalprotestantismus, welcher der Nation einen ‚Heiligkeitscharakter‘ verlieh“[77] Wie eingangs konstatiert, sollten die Kriegspredigten der öffentlichen Rechtfertigung der Kriegführung und der Steigerung des Durchhaltewillens an der Front und in der Heimat dienen. Je länger der Krieg dauert, desto weniger konnten sie aber diese Funktion erfüllen, da die Menschen das Grauen des Krieges nicht mehr mit den hehren Worten der Kriegstheologen in Übereinstimmung bringen konnten.

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Cover der Publikation von Pfarrer Johannes Kessler, 1916

Kritische versus affirmative Theologie

Gunda Schneider-Flume weist in ihrer Untersuchung von 1973 unterschiedliche Methoden des theologischen Umgangs mit geschichtlich-politischer Wirklichkeit auf. Sie bezieht sich dabei auf die einschlägigen theologischen Zugangsweisen von Paul Tillich, Emanuel Hirsch und Richard Shaull; ihre luzide Darstellung lässt sich hervor­ragend auf das Genre der Kriegsansprachen und die Methoden Kesslers anwenden; daher seien die Grundzüge hier kurz wiedergegeben.

Den drei von Schneider-Flume dargestellten Theologen geht es um eine „theologische Durchdringung der Welt“[78], sie haben ein theologisch begründetes Interesse an Geschichte. „Kirche und Theologie… erweisen ihren Sinn gerade, indem sie auf die Fragen und Probleme der geschichtlich-politischen Gegenwart antworten“[79]. Die entscheidende Frage allerdings besteht darin, wie die Bezugnahme von Theologie und geschichtlich-politischer Gegenwart geschieht. „Gefährlich“ wird es dann, „…wenn die Identität von Wahrheit und bestimmter geschichtlich-politischer Wirklichkeit behauptet wird“[80].

Bei Kessler z.B. war vielfach zu konstatieren, dass geschichtliche (Kriegs-)Ereignisse unmittelbar als Gotteserfahrungen interpretiert werden, und zwar affirmativ im Sinne der deutschen Kriegsführung. Das hat Kessler gemein mit den allermeisten Kriegspredigern aller Länder und Konfessionen[81].

Ähnliches konstatiert Schneider-Flume für die Theologien Hirschs und Shaulls. Bei Shaull ereignet sich Gott im revolutionären Geschehen, bei Hirsch im Volks-Nomos des Nationalsozialismus. Bei beiden Theologen wird geschichtlich-politisches Geschehen unmittelbar zu heiliger Wirklichkeit. Hirschs Theologie fördert die „Hingabe an bestimmte politische Wirklichkeit“[82], beide Theologen sprechen politische Praxis heilig[83]. Die Theologie beider „motiviert und sanktioniert“ jeweils „enthusiastische Parteinahme für bestimmtes politisches Geschehen“[84]. Bei dieser Art von Theologie geht jede kritische Funktion gegenüber der Wirklichkeit verloren[85].  

Das genau – Hingabe und enthusiastische Parteinahme – ist es auch, worauf die Kriegsprediger abzielen. In diesem bewusst herbeigeführten Effekt ist die Formatierung der Öffentlichkeit zu erkennen! Ohne Kritikfähigkeit aber wird Theologie affirmativ! Theologie und Kirche haben sich im Weltkrieg bis auf sehr, sehr wenige Ausnahmen[86] restlos für die Kriegsideologie der jeweiligen Staaten funktionalisieren lassen[87]. Diese Theologie war zu kritischer Distanz nicht in der Lage; sie meinte, genau so in der Affirmation hypernationaler Begeisterung und Gewalt ihren Dienst am Volk zu tun und auch der eigenen Bedeutungslosigkeit zu entrinnen.

Tillich dagegen, auf der Suche nach „unbedingtem Sinn“ in der Geschichte[88], ging es zentral darum, geschichtliche Ereignisse niemals unmittelbar mit Gotteserfahrungen, Heiligem o.ä. zu verknüpfen. Sein Anliegen ist, „…gerade die kritische Funktion der Theologie gegenüber der Wirklichkeit zu bewahren“[89] und damit auch Distanz zum politisch-historischen Geschehen zu wahren statt unmittelbarer Identifikation zu verfallen. Seine Theologie bleibt immer kritische Theorie.  Für ihn gibt es „…an keinem Punkt eine Identifikation von Bedingtem und Unbedingtem“[90] – genau diese Identifikation aber nehmen die Kriegsprediger vor: Sie identifizieren ihr jeweiliges partikulares (nationales) und zugleich bedingtes Interesse mit Unbedingtem (Gott). Tillich dagegen ist darum zu tun, das Unbedingte im Bedingten zu entdecken, ohne zugleich das Bedingte religiös zu weihen. Auf der Suche nach Wahrheit weiß diese Theologie, dass alle Erkenntnis immer nur unter den Bedingungen von Ambivalenzen und Zweideutigkeiten zu haben ist. Ja, es geht Tillich darum, dass Theologie immer ihre Kritikfähigkeit gegenüber der eigenen Theorie bewahrt[91]. Mit potenzieller Bedeutungslosigkeit muss Theologie allerdings leben, wenn sie nicht bereit ist, andere Absolutheiten als die Absolutheit der Ambivalenz und Zweideutigkeit auch theologischer Erkenntnisse immer wieder zu konstatieren.

Fazit

Kesslers Kriegsansprachen zeichnen sich durch einen extremen Nationalismus und die Identifikation von Gottes Heilsgeschichte mit den eigenen nationalen Interessen und Perspektiven aus. Leider muss man feststellen, dass er in dieser Haltung keine Sonderstellung einnimmt, sondern einer unter vielen nationalistischen und gegenüber der eigenen Umwelt jeweils unkritischen Theologen aller Konfessionen und in allen kriegsbeteiligten Ländern gewesen ist. Religion bzw. die christliche Botschaft wird unkritisch in den Dienst nationalistischer Ideologie gestellt. Wie den meisten Theologen seiner Zeit fehlt Kessler das Handwerkszeug wie auch das Interesse an einer kritischen Theologie, die gegenüber den kriegerischen Zeitereignissen eine produktive und friedensfördernde Distanz aufbauen könnte. Stattdessen wird die Friedensbotschaft der Bibel in ihren verschiedenen Facetten durch eine Gewalttheologie ersetzt, die der Förderung einer Kriegsbegeisterung dienen sollte, die in der Bevölkerung sich immer mehr in Kriegsmüdigkeit verkehrt hatte, je länger der Krieg und das Blutvergießen dauerte. Verschärfend kommt hinzu, dass Kessler trotz seines weiten Bildungshorizontes und grundsätzlich anderer Wahlmöglichkeiten immer am ganz rechten Rand des nationalistischen Spektrums des Kaiserreichs ansiedelte. Er wie viele andere Vertreter des deutschen Protestantismus bezogen sich theologisch und in ihrem Lebensgefühl auf scheinbar unproblematische vormoderne Leitbilder. Diese Haltung verhinderte auch ganz grundsätzlich eine positive Aufnahme der Ideen der Weimarer Republik, zu der andere zunächst kriegsbegeisterte Theologen[92] schließlich fanden. Stattdessen verharrten Kessler und viele andere bei ihren ultranationalistischen Positionen und säten damit aus, was in der Machtübernahme Adolf Hitlers schließlich Gestalt gewann[93].

Thomas Posern, Pfarrer und Oberkirchenrat im Ruhestand, zuletzt Beauftragter der evangelischen Kirchen bei der Landesregierung in Rheinland- Pfalz


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[1] Vgl. Posern, Johannes Keßler – Pfarrer an der Garnisonkirche Potsdam 1893-1907, Hofprediger und Pfarrer in Dresden (http://lernort-garnisonkirche.de/?p=1164)
[2] Vgl. Kocka S. 127 ff. sowie den Untertitel seines hier zitierten Werkes; das „lange 19. Jahrhundert“ währte von den Revolutionen des ausgehenden 18. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg. Die Wendung stammt ursprünglich von Eric Hobsbawm. Ich verwende sie hier, weil der Beginn des 20. Jahrhunderts mit der „Urkatastrophe“ des Ersten Weltkriegs am Ende einer Entwicklung des 19. Jahrhunderts steht.
[3] Vgl. Posern
[4] Vgl. zu diesem ganzen Komplex Palmade, S. 129-150; das Kapitel wurde verfasst von Patrick Verley; vgl. ebenso Mommsen, S. 42-65
[5] Mommsen S. 55f.
[6] A.a.O. S. 56; Mommsen zitiert hier The Cambridge Economic History of Europe. Bd. 6: The Industrial Revolution and After, Teil II, Cambridge 1965, S. 503
[7] Kocka S. 132
[8] Kessler Vier Helden, S. 11
[9] Ebd.
[10] Ebd.
[11] Vgl. Posern
[12] Auch Kocka rechnet die Pfarrer zusammen mit Rechtsanwälten, Ärzten, Angehörigen anderer freier Berufe, Wissenschaftler, höhere Verwaltungsbeamte usw. zum Bildungsbürgertum (vgl. Kocka S. 83)
[13] So Kocka, Mommsen, Nipperdey, Wehler uv.a.
[14] Nipperdey 1993, S. 596
[15] A.a.O. S. 597
[16] A.a.O.1993, S. 251
[17] Vgl. auch a.a.O., S. 598
[18] Kocka S. 113
[19] Vgl. ebd.
[20] Nipperdey 1993, S. 238
[21] Ebd.
[22] Mommsen S. 14
[23] A.a.O. S. 15
[24] A.a.O. S. 16
[25] A.a.O. S. 17
[26] Ebd.
[27] A.a.O. S. 81
[28] Nipperdey 1998, S. 9
[29] A.a.O. S. 70
[30] Vgl. ebd.
[31] A.a.O. S. 71
[32] Ebd.
[33] Ebd.
[34] Kessler 1914b. In dieser Festrede zählt Kessler auch die Errungenschaften des Deutschen Reiches auf, die wir u.a. bei Kocka (S. 132) Mommsen (S. 56) im Wesentlichen sachlich bestätigt fanden, hier aber, um mit dem Neid-Argumentation den Kriegsgegnern die Schuld am Weltkrieg zuzuweisen: „Die deutsche Wissenschaft drang in ungeahnte Tiefen und Höhen. Die deutsche Industrie blühte machtvoll auf. Die deutsche Technik feierte in ihren Erfindungen stolze Triumphe. Der deutsche Handel eroberte den Weltmarkt. Die deutsche Volkszahl mehrte sich um Millionen, das deutsche Vermögen um Milliarden; und das starke deutsch Heer und die aufstrebende deutsche Flotte schützte das Alles auf Land und Meer“ (ebd.)
[35] Kessler 1935, S. 292
[36] So kritisiert er z.B. den von ihm geschätzten Althistoriker Theodor Mommsen, mit dem er in Rom bei seiner ersten Italienreise Theodor Mommsen, mit dem Kessler während einer Italienreise in jungen Jahren in Rom im selben Haus wohnte: Mommsen „verkannte die Größe Bismarcks“ und „unterschätzte die Gefahr der Sozialdemokratie“…, die „Eifersucht Albions“ und den „Rachegeist Frankreichs“ (a.a.O. S. 102) Dagegen: Treitschke hat „Preußens Geist uns eingeimpft“ (Kessler 1935, S. 58).
[37] Nipperdey 1993, S. 600
[38] Mommsen S. 21
[39] S.o. Nipperdey 1998
[40] Vgl. zur Internalisierung von Loyalitätsverpflichtungen durch den neuen Nationalstaat Kocka S. 116
[41] Dieses hier zu referieren würde sich lohnen, aber den Umfang dieses Essays bei Weitem sprengen.
[42] Pressel S. 346
[43] S. dazu vor allem Greschat S. 74-91
[44] A.a.O. 75
[45] Ebd.
[46] Vgl. a.a.O.
[47] A.a.O. S. 81
[48] A.a.O. S. 81 f.
[49] A.a.O. S. 10
[50] A.a.O. S. 13; Greschat zitiert hier Albert Marrin, Last Crusade. The Church of England in the First World War, Durham/NC 1974, VII. Die Darstellung Greschats zeigt, dass sich nicht nur die „Konfessionen des Westens“ an diesem unseligen Projekt beteiligten, sondern auch sowohl die russisch-orthodoxe Kirche auf der Seite des Zarenreiches als auch zahlreiche andere orthodoxen Kirchen in ihren jeweiligen Kontexten.
[51] A.a.O. S. 13
[52] Geschrieben im März 2022
[53] Galtung S. 88
[54] Die Bedeutung jüngerer geschichtstheologischer Entwürfe etwa von Wolfhart Pannenberg kritisch zu würdigen, würde dieses Essay bei weitem überschreiten.
[55] Da Kessler nicht nur Predigten, sondern auch Ansprachen zum Kriegsthema gehalten hat, verwende ich hier den allgemeineren Begriff „Kriegsansprachen“.
[56] Vgl. Posern 2021; dort auch weitere Hinweise zu Kesslers Kriegspredigten
[57] Kessler 1914 a, S. 3
[58] A.a.O. S. 6
[59] Ebd.
[60] Ebd.; dieses Verteidigungs- und Notwehrmotiv greift Kessler immer wieder auf, so z.B. in Verbindung mit der Herabsetzung der Kriegsgegner. Die Kriegsgegner haben den Krieg aus Neid gegen Deutschlands Weltmachtstellung vom Zaun gebrochen (s. auch oben in diesem Essay). Kessler fährt fort: „Das war doch gegen alle Weltordnung, dies aufstrebende Deutschland! Gott hatte doch das Meer englisch geschaffen, die Rheingrenze französisch, und den ganzen Osten russisch! Und diese Weltordnung wollte Deutschland umstoßen? Das durfte nicht sein! Deutschland muss geschwächt, niedergeworfen, wenn möglich, vernichtet werden! Das ist der wahre Grund des Krieges, alles andere sind heuchlerische Vorwände, elende Masken. Nieder mit Deutschlands Weltmacht! das ist die schwarze Seele dieses freventlichen Krieges“ (Kessler 2014 b S. 11). Auch hier folgt das Verteidigungsmotiv auf dem Fuße: „Da gab’s keine Wahl, kein Zögern mehr. Abwehr galt’s, heilige Notwehr. Das deutsche Schwert flog aus der Scheide, und sein sausender Klang hieß: ‚Für Freiheit und Recht!‘“ (ebd.).  Es leuchtet ein, dass eine solche Sicht der alliierten Kriegsgründe eine optimale Folie für revanchistische Gefühle infolge des Versailler Vertrages bot, also schon der Keim für den nächsten Weltkrieg gesät war.
[61] Ebd.
[62] A.a.O. S. 7
[63] Besonders deutlich wird die deutschnationale Verirrung des Glaubens, an die rund zwanzig Jahre später die „Deutschen Christen“ gut anknüpfen können: „Wenn nicht alle Zeichen trügen, bekommt unser Volk einen neuen Weltberuf größer noch als in den Tagen der Reformation und in der Zeit der Befreiungskriege. Nicht nur deutsche Arbeit, deutsche Kultur, deutschen Geist gilt es hineinzutragen in die Völkerwelt, nein, Größeres noch: Deutschen Glauben, recht verstanden den deutschen Gott. Alle Lande sollen seiner Ehre voll werden“ (Keßler 1915, S. 209).
[64] Kessler 1914 b
[65] Kessler zitiert die titelgebende Passage des Arndtschen Gedichtes:
„Deutsche Freiheit, deutscher Gott,
deutscher Glaube ohne Spott,
deutsches Herz und deutscher Stahl,
sind vier Helden allzumal“ (a.a.O. S. 10; Hervorh. im Original)
[66] An dieser Stelle übt Kessler übrigens deutliche Kritik an Nietzsche: „Gott ist tot. Es lebe der Übermensch“. Diese „Kultur des 19. Jahrhunderts“ habe „den Glauben überflüssig gemacht“, klagt Kessler (Kessler 1914 b, S. 16).
[67] Ebd.
[68] Ebd.
[69] Kessler 1916, S. 5
[70] Hervorh. TP
[71] Ebd.
[72] „Notwendigkeit und Wichtigkeit einer monarchischen Spitze“; a.a.O. S. 6
[73] „weise Vereinigung von Freiheit und Gebundenheit“; ebd.
[74] U.a. die feudalen Tugenden der „Fürsten- und Untertanentreue“; a.a.O. S. 8
[75] A.a.O. S. 9
[76] A.a.O. S. 11
[77] Wehler S. 1175
[78] Schneider-Flume S. 124
[79] A.a.O.  S. 116
[80] A.a.O. S. 126
[81] Vgl. die Ausführungen von Greschat und Pressel
[82] Schneider-Flume. S. 134
[83] A.a.O. S. 132
[84] A.a.O. S. 134
[85] A.a.O. S. 127
[86] Eine bekannte und herausragende Ausnahme ist natürlich der Schweizer Theologe Karl Barth gewesen. Schon in einem Brief an Martin Rade vom 31. August 1914 schrieb er: Unabhängig davon, ob Deutschland den Krieg zu Recht führe oder nicht, dürften christliche Theologen Gott auf keinen Fall „so in die Sache hineinziehen, als ob die Deutschen mitsamt ihren großen Kanonen sich jetzt als seine Mandatare fühlen“ und „mit gutem Gewissen schießen und brennen dürften“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Barth#Erster_Weltkrieg, abgerufen am 27.03.2022).
[87] Die Darstellung Greschats weist dies tatsächlich für alle Kriegsparteien nach – es handelt sich hierbei keineswegs um ein deutsches und auch kein protestantisches Sonderphänomen
[88] Das Unbedingte ist in Tillichs ontologisch grundierter Theologie eine Bezeichnung für Gott, jenseits der Bedingungen von Existenz und Essenz.
[89] Schneider-Flume S. 129
[90] A.a.O. S. 119
[91] Schneider-Flume S. 133
[92] Zu denken ist nicht nur an den hier dargestellten Paul Tillich, sondern auch z.B. an Ernst Troeltsch, Martin Rade oder Adolf v. Harnack, die zu „Vernunftrepublikanern“ wurden. Karl Barth hingegen gehörte nie zu den Kriegsbegeisterten.
[93] Vgl. meine Darstellung der Haltung Kesslers zum „Tag von Potsdam“ (Posern 2021)

Literaturverzeichnis

(a) Quellen

Kessler, Johannes: Drei Glockenklänge. Ansprache bei einer vaterländischen Gesangsaufführung des Julius-Otto-Bundes im kgl. Zwingerhof zu Dresden, in: Glockenklang und Schwertgesang. Zwei vaterländische Festreden, Dresden 1914 (zitiert als Kessler 1914 a)

Ders.: Vier Helden. Festrede beim vaterländischen Konzert des Julius-Otto-Bundes am 16. Oktober 1914, in: Glockenklang und Schwertgesang. Zwei vaterländische Festreden, Dresden 1914 (zitiert als Kessler 1914 b)

Ders.: Kreuz und Schwert. Vierte Sammlung von Predigten und Ansprachen in den Kriegstagen 1914, gehalten von J. Keßler, Dresden 1915 (zitiert als Keßler 1915)

Ders.: Das Land zittert, aber ich halte seine Säulen fest. Festpredigt an Kaisers Geburtstag (27. Januar 2016)

Ders.: Ich schwöre mir ewige Jugend, Leipzig 1935 (61.-80. Auflage), zitiert als „Kessler 1935“

(b) Sekundärliteratur

Galtung, Johan: Strukturelle Gewalt. Beiträge zur Friedens- und Konfliktforschung, Hamburg 1975

Greschat, Martin: Der Erste Weltkrieg und die Christenheit. Ein globaler Überblick. Stuttgart 2014

Kocka, Jürgen: Kampf um die Moderne. Das lange 19. Jahrhundert in Deutschland, Stuttgart 2021

Mommsen, Wolfgang J. (Hg. und Verf.): Weltgeschichte. Das Zeitalter des Imperialismus. Bd. 28 (Fischer Weltgeschichte), Augsburg 2000 (zitiert nach Lizenzausgabe für Weltbild Verlag)

Nipperdey, Thomas: Wie das Bürgertum die Moderne fand, Stuttgart 1998 (11988, Berlin)

Ders.: Deutsche Geschichte 1866-1918. Zweiter Band. Machtstaat vor der Demokratie. München 21993

Palmade, Guy (Hg.): Weltgeschichte. Das bürgerliche Zeitalter. Bd. 27 (Fischer Weltgeschichte), Augsburg 2000 (zitiert nach Lizenzausgabe für Weltbild Verlag)

Posern, Thomas: Pfarrer Johannes Kessler (1893-1907); abzurufen im Internet: http://lernort-garnisonkirche.de/?p=1164, 2021

Pressel, Wilhelm: Die Kriegspredigt 1914 – 1918 in der evangelischen Kirche Deutschlands (Arbeiten zur Pastoraltheologie Bd. 5, Hg. Martin Fischer und Robert Frick), Göttingen 1967

Schneider-Flume, Gunda: Kritische Theologie contra theologisch-politischen Offenbarungsglauben. Eine vergleichende Strukturanalyse der politischen Theologie Paul Tillichs, Emanuel Hirschs und Richard Shaulls, in: EvTh 33, 1973, S. 114-137

Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Dritter Band: Von der „Deutschen Doppelrevolution“ bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges. 1849-1914. München 1995

Der „Tag von Potsdam“ am 21. März 1933

Der Tag von Potsdam war ein komplexes Geschehen mit vielen Facetten. Ich will in meinem Vortrag einige Aspekte beleuchten. Zunächst will ich etwas zur Ausgangslage sagen. Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. Gleich nach dem 30. Januar und verstärkt nach dem Reichstagsbrand am 27.Februar 1933 setzte ein Terror gegen Sozialdemokraten, Gewerkschaftler, Kommunisten, aber auch demokratische Journalisten, wie Carl von Ossietzky, ein. Zehntausende Gegner des Regimes wurden verschleppt, gefoltert und auch schon ermordet. Demokratische Grundrechte, wie die Pressefreiheit, die Versammlungsfreiheit, das Demonstrationsrecht wurden mit der Verordnung zum Schutz von Volk und Staat vom 28. Februar 1933 abgeschafft.[1] Gleichzeitig begann ein Terror gegen die jüdische Bevölkerung.[2] Die Potsdamerin Miami von Mirbach empörte sich schon am 11. März 1933 in einem Leserbrief über, so wörtlich „Terrorakte“ gegen die jüdische Bevölkerung.[3]

Dennoch war Hitler noch weit davon entfernt, ein Alleinherrscher oder der Führer des deutschen Volkes zu sein. Er war vielmehr Kanzler einer Koalition aus NSDAP, der Deutschnationalen Volkspartei und dem Stahlhelm – Bund der Frontsoldaten. Selbst in dieser Koalition war Hitlers Führungsrolle keineswegs unumstritten. Ein wichtiger Konkurrent war Alfred Hugenberg. Hugenberg war Vorsitzender der Deutschnationalen Volkspartei. Diese Partei hatte zwar relativ wenige Wählerstimmen, sie hatte bei den  Reichstagswahlen im November 1932 nur 8,5 Prozent erreicht. Aber sie hatte eine starke Position in der Beamtenschaft, in der Justiz, in der Polizei, beim Militär und in der Wirtschaft.[4]

Zudem war Hugenberg der Inhaber des Hugenberg-Konzerns, des größten Medienimperiums in Deutschland. Zu diesem Konzern gehörten  zahlreiche Zeitungen und die UFA. Hugenberg war in der neuen Regierung Wirtschaftsminister. Viele sahen in Hugenberg den eigentlichen starken Mann in der Reichsregierung.

Noch wichtiger war der Reichspräsident Paul von Hindenburg. Der Reichspräsident hatte in der Weimarer Republik wesentlich mehr Macht als der heutige Bundespräsident und auch als der Reichskanzler. Er konnte den Reichskanzler nach Belieben entlassen, er hatte auch den Oberbefehl über das Militär. Zudem verfügte Hindenburg über eine enorme Autorität. Vor allem beim Militär genoss er aufgrund seines Sieges bei Tannenberg im Ersten Weltkrieg und seiner Rolle als Chef der Obersten Heeresleitung ein enormes Prestige. Das Verhältnis vieler Reichswehrgeneräle zur NSDAP war dagegen ambivalent. Einerseits unterstützten sie viele Ziele der NSDAP. Andererseits hegten auch viele Generäle, die meist aus dem Adel stammten, einen gewissen Standesdünkel gegenüber Hitler, der es nur zum Gefreiten gebracht hatte. Hitler brauchte aber für seine Kriegspläne die Unterstützung der Generäle, deshalb konnte er sie nicht einfach durch Terror ausschalten, sondern  er musste sie für sich gewinnen.

Alle Versuche der NSDAP, Hindenburg in einer direkten Konfrontation zu besiegen, wie bei den Reichspräsidentenwahlen am 13. März und 10. April 1932, waren gescheitert. Andererseits war Hindenburg 85 Jahre alt, die Nachfolgefrage war ein allgegenwärtiges Thema.[5]

Die Strategie der Anbiederung

Wie ging die NSDAP mit dieser Situation um? Sie betrieb vor allem eine Strategie der Anbiederung an Hindenburg. Während des Wahlkampfes der NSDAP zu den Reichstagswahlen am 5. März 1933 wurden Hindenburg und Hitler als einträchtiges Paar inszeniert.

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Der Handschlag von Potsdam festgehalten in einem Gemälde des NS-Küntslers Carl Langhorst (1867-1950). Das Motiv fand als Zeitungsbeilage und – in leicht abgewandelter Form – als Postkarte eine weite Verbreitung.

Der „Tag von Potsdam“

Diese Strategie erlebte mit dem Staatsakt am „Tag von Potsdam“ ihren Höhepunkt. Sie prägte schon die Organisation des Staatsaktes. Sein Ablauf wurde nicht von der NSDAP verordnet, sondern gemeinsam zwischen der NSDAP, der Reichswehr, Hindenburg und anderen rechtsextremen Organisationen, wie der DNVP und dem „Stahlhelm“ ausgehandelt.[6] Diese Strategie setzte sich in den Presseberichten im Vorfeld des „Tages von Potsdam“ fort.

Einen Höhepunkt markierte die Rede Hitlers in der Garnisonkirche, in der er eine rhetorische Verbeugung vor Hindenburg vollführte. Hier erklärte er: „In unserer Mitte befindet sich heute ein greises Haupt. Wir erheben uns vor Ihnen, Herr Generalfeldmarschall. Dreimal kämpften Sie auf dem Felde der Ehre für das Dasein und die Zukunft unseres Volkes. Als Leutnant in den Armeen des Königs für die deutsche Einheit, in den Heeren des alten deutschen Kaisers für des Reiches glanzvolle Aufrichtung, im größten Krieg aller Zeiten aber als unser Generalfeldmarschall für den Bestand des Reiches und für die Freiheit unseres Volkes.

Sie erlebten einst des Reiches Werden, sahen vor sich noch des großen Kanzlers Werk, den wunderbaren Aufstieg unseres Volkes und haben uns endlich geführt in der großen Zeit, die das Schicksal uns selbst miterleben und mit durchkämpfen ließ.

Heute, Herr Generalfeldmarschall, läßt Sie die Vorsehung Schirmherr sein über die neue Erhebung unseres Volkes. Dieses, Ihr wundersames Leben ist für uns alle ein Symbol der unzerstörbaren Lebenskraft der deutschen Nation. So dankt Ihnen heute des deutschen Volkes Jugend, und wir alle mit, die wir Ihre Zustimmung zum Werk der deutschen Erhebung als Segnung empfinden. Möge sich diese Kraft auch mitteilen der nunmehr eröffneten neuen Vertretung unseres Volkes.

Möge uns dann aber auch die Vorsehung verleihen jenen Mut und jene Beharrlichkeit, die wir in diesem für jeden Deutschen geheiligten Raume um uns spüren, als für unseres Volkes Freiheit und Größe ringende Menschen zu Füßen der Bahre seines größten Königs.“[7]

Dann kam es zum Höhepunkt des Staatsaktes, den berühmten Handschlag zwischen Hitler und Hindenburg. Wie wurde dieser Handschlag von den Zeitgenossen wahrgenommen?

Ich will fünf Beschreibungen von Zeitzeugen zitieren. Der erste Zeitzeuge ist Otto Dibelius. Dibelius war Generalsuperintendent der Kurmark und Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei. Dibelius schrieb:

„Dann nimmt Adolf Hitler das Wort zur Erwiderung. Würdig, ernst und eindrucksvoll sind seine Worte. Zum Schluß der Rede die Kundgebung an den Reichspräsidenten. Alles erhebt sich. Als das letzte Wort gesprochen ist, tritt Hitler von dem Pult zurück. Der Reichspräsident tut einen Schritt nach vorn und streckt ihm die Hand entgegen. Hitler ergreift sie und beugt sich tief, wie zum Kuß, über die Hand des greisen Feldmarschalls. Es ist eine Huldigung in Dank und Liebe, die jeden ergriffen hat, der sie mit ansah.“[8]

Der zweite Zeitzeuge ist Alfred Rittner. Rittner war Mitglied im Gemeindekirchenrat der Zivilgemeinde der Garnisonkirche und Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei. Später wurde er Mitglied der NSDAP. Rittner notierte:

„Während dieser Huldigung für den tiefverehrten Reichspräsidenten und des Gelöbnisses, den alten Potsdamer Geist der Frömmigkeit, Ordnung und Sauberkeit zu pflegen und zu erhalten, hatte sich die Festversammlung erhoben. Der greise Feldmarschall reichte dem Reichskanzler die Hand, gleichsam eine Vermählung zwischen einer großen Vergangenheit und einer hoffnungsfrohen Zukunft. Ein erhebender und ergreifender Augenblick für den, der ihn miterleben durfte.“[9]

Der dritte Zeuge ist Johannes Keßler. Keßler war ehemaliger Hofprediger, der auch an der Garnisonkirche tätig war. Keßler berichtete:

„Hitler verneigte sich vor Hindenburg, sie reichten sich die Rechte und sahen einander still und tief in die Augen. Da fühlten wir unmittelbar: jetzt vereinigen sich zwei Mächte, zwei Zeiten, zwei Welten: das reife Alter und die männliche Jugend, die ehrwürdige Vergangenheit und die sich anbahnende Zukunft, der Heerführer mit dem Blücherkreuz und der Volksführer mit dem Hakenkreuz, der soldatische, aristokratische, konservative Volksheros und der Mann aus dem Volke, der unerbittlicher Kämpfer, der Bahnbrecher eines neuen Reiches; beide aber eins in dem einen Lebenswillen und Lebensziel: patriae inserviendo consumo - meinem Vaterlande dienend, verzehre ich mich.“[10]

Der vierte Zeuge ist Hugo Vogel, der als eine Art „Leibmaler“ von Hindenburg tätig war. Ein geplantes Bild zum „Tag von Potsdam“ konnte Vogel aber nicht mehr vollenden, da er schon 1934 starb. Vogel schrieb:

„Hindenburg hatte sich zum Schluß der Rede erhoben. Nun tritt Hitler auf ihn zu. Die beiden Männer reichen sich die Hände zu langem, festem Druck – es war wie ein Treuegelöbnis. Hitler tiefgeneigten Hauptes vor dem ihm gegenüberstehenden greisen Walter des Reiches, dem Leiter des Weltkrieges, Generalfeldmarschall von Hindenburg.“[11]

Der letzte Zeuge ist Andre Francois-Poncet, der französische Botschafter in Berlin, der ebenfalls in der Garnisonkirche zugegen war. Francois-Poncet schilderte die Szene etwas nüchterner:

„Der Feldmarschall und Adolf Hitler reichen einander die Hände vor der Versammlung, die sich erhoben hat.“[12]

Wir sehen also, dass dieser Handschlag keine flüchtige oder zufällige Handlung war, sondern dass er bewusst inszeniert war. Wir sehen auch, dass er einen tiefen Eindruck hinterließ. Zudem wurde er als eine Art Treuegelöbnis angesehen. Das hatte mit den Wertvorstellungen gerade in militärischen Kreisen zu tun. Hier hatte eine Handschlag zwischen Männern eine ungeheure Bedeutung, er galt mehr als eine Unterschrift unter einen Vertrag. Schließlich spielte das unterschiedliche Alter der beiden Hauptakteure eine Rolle. Das Bündnis zwischen Hindenburg und Hitler war das Bündnis zwischen einem 85-jährigen Mann, der die Vergangenheit verkörperte und einem 43-jährigen Mann, der für die Zukunft stand. Angesichts dieses Altersunterschiedes wurde dieser Handschlag als eine Art Stabübergabe interpretiert. Der alte Hindenburg reicht den Stafettenstab an den jungen Hitler weiter.

Von dem Handschlag in der Garnisonkirche gab es höchstwahrscheinlich kein Foto. Der Grund war: Die weihevolle Atmosphäre des Staatsaktes sollte nicht durch Fotografen gestört werden. Deshalb wurden die Fotografen auf die zweite Empore verbannt, sie durften sich nicht erheben. Folgerichtig gibt es wenig Fotos vom Staatsakt.[13]

Die Konsequenzen des „Tages von Potsdam“

Welche Konsequenzen hatte der „Tag von Potsdam“? Der „Tag von Potsdam“ stieß bei fast allen Akteuren aus dem rechtsextremen Lager und auch bei der Generalität auf große Zustimmung.[17] Gleichzeitig war dieser Tag mit einem enormen Prestigegewinn für Hitler verbunden, er war nun der unbestrittene Führer des rechten Lagers.

Folgerichtig unterstellten sich zahlreiche rechtsextreme Organisationen Adolf Hitler. Der „Stahlhelm – Bund der Frontsoldaten“ unterstellte sich am 27. April 1933 dem Oberbefehl Adolf Hitlers. Der Stahlhelm-Führer Franz Seldte wurde Mitglied der NSDAP. Der Bund Königin Luise, das weibliche Pendant zum Stahlhelm, unterstellte sich im Mai 1933 Adolf Hitler. Der Reichskriegerbund „Kyffhäuser“ unterstellte sich am 5. Mai 1933 Adolf Hitler. Die Deutschnationale Volkspartei dagegen erlebte einen rasanten Auflösungsprozess. Es kam nach dem „Tag von Potsdam“ zu massenhaften Übertritten von der Deutschnationalen Volkspartei zur NSDAP, ganze Landesverbände traten zur NSDAP über.[18] Am 27. Juni 1933 schloss die Deutschnationale Volkspartei – gegen den Willen Hugenbergs – einen Freundschaftsvertrag mit der NSDAP, der die Selbstauflösung der DNVP vorsah. Im Gegenzug wurden die Mitglieder des DNVP als Vorkämpfer des Dritten Reiches anerkannt.[19]

Vor allem aber wurde Hitler nach dem Handschlag von Potsdam als der legitime Erbe Hindenburgs angesehen. Daher konnte Hitler nach Hindenburgs Tod am 2. August 1934 die Machtbefugnisse des Reichspräsidenten übernehmen. Mehr noch: die Wehrmacht wurde am 3. August auf Adolf Hitler persönlich vereidigt. Damit war die nationalsozialistische Machtergreifung abgeschlossen. Der „Tag von Potsdam“ markierte eine zentrale Station auf diesem Weg.[20]

Der Text ist das Manuskript des gleichnamigen Vortrags auf der Veranstaltung „Garnisonkirche der Nation – Gesegnete Kriege vor 1933“ am 22.3.2018 im Alten Rathaus in Potsdam


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[1] Dietrich Bracher/Wolfgang Sauer/Gerhard Schulz: Die nationalsozialistische Machtergreifung, Köln/Opladen, 1962, S. 54-58, 72-74, 82-88
[2] Vgl. auch: Schaufenstersturm in Potsdam, in: Potsdamer Volksblatt, 14.2.1933 
[3] Leserbrief Miami von Mirbach, in: Potsdamer Tageszeitung, 11.3.1933
[4] Otto Meissner: Ebert, Hindenburg, Hitler, Erinnerungen eines Staatssekretärs, 1918-1945, Esslingen/München, 1991, S. 285
[5] Wolfram Pyta: Hindenburg. Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler, München 2007, S. 808 ff.
[6] Matthias Grünzig: Für Deutschtum und Vaterland. Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert, Berlin 2017, S. 144-164
[7] Der Tag der deutschen Wende, in: Völkischer Beobachter, 22.3.1933
[8] Otto Dibelius: Wochenschau, in: Berliner Evangelisches Sonntagsblatt, 2.4.1933
[9] Alfred Rittner: Der feierliche Staatsakt vom 21. März 1933 in der Garnisonkirche zu Potsdam, in: Gemeindekirchenrat (Hrsg.): Die Hof- und Garnisonkirche zu Potsdam, Potsdam 1933
[10] Johannes Keßler: Ich schwöre mir ewige Jugend, S. 229 f.
[11] Hugo Vogel: Erlebnisse und Gespräche mit Hindenburg, Berlin 1935, S. 118
[12] Andre Francois-Poncet: Als Botschafter in Berlin 1931-1938, Mainz 1949, S. 109
[13] Grünzig: Für Deutschtum und Vaterland, S. 163
[17] Klaus-Jürgen Müller: Das Heer und Hitler. Armee und nationalsozialistisches Regime 1933-1940, Stuttgart 1969, S. 35
[18] Grünzig: Für Deutschtum und Vaterland, S. 178 f.
[19] Sitzung der Landesführer am Dienstag, dem 27.6.33 Nachmittag, Vorsitz: Reichsminister Dr. Hugenberg, BArch R 8005/493, Bl. 1-9
[20] Joachim Fest: Hitler. Eine Biografie, Frankfurt a. M./Berlin 1993, S. 650-655

Bundesrechnungshofbericht zur Garnisonkirche Potsdam

Eine wirtschaftliche wie moralische Bankrotterklärung

Der am 3. Februar 2022 veröffentlichte Prüfbericht des Bundesrechnungshof[1] zu der Bundesförderung für den Wiederaufbau der Garnisonkirche in Potsdam bestätigt amtlich, was Kritiker schon seit Jahren bemängeln: Weder ist eine Gesamtfinanzierung des Bauvorhabens gegeben noch eine Finanzierung des bald anstehenden Betriebs. Die öffentliche Förderung war nur möglich, weil die Stiftung unvollständige und zum Teil wahrheitswidrige Angaben gemacht und das Kulturstaatsministerium in mehrfacher Hinsicht die Vorgaben des Förderrechts ignoriert hat. Die Förderung des Vorhabens war rechtswidrig. Die Bericht des Bundesrechnungshofs stellt eine wirtschaftliche wie moralische Bankrotterklärung für die Stiftung Garnisonkirche dar.

Die Stiftung hat Fördermittel zweckwidrig verwendet,[2] Spendeneinnahmen doppelt verbucht,[3] Spenden einberechnet, die für den genannten Zweck gar nicht zu Verfügung standen,[4] das Stiftungskapital fälschlicher Weise als verfügbare Investitionsmittel deklariert,[5] unvermeidliche Kosten nicht berücksichtigt,[6] widersprüchlich Auskünfte zum Spendenaufkommen gegeben[7] und bis heute seine Finanzensituation verschleiert und keine Transparenz hergestellt.[8] Das Kulturstaatministerium hat in mehrfacher Weise auf rechtlich vorgeschriebene Prüfungen verzichtet,[9] vorgeschriebene Verfahrenswege umgangen,[10] notwendige Informationen nicht eingeholt,[11] den Haushaltsauschuss unvollständig und falsch informiert,[12] zweckfremde Verwendung von Mitteln nicht beanstandet[13] und rechtswidrig Zuwendungen zugesagt und ausgereicht. „Das Risiko einer Förderruine nahm sie in Kauf, vor allem, weil sie wichtige Ausgabenansätze nicht berücksichtigte bzw. ignorierte.“[14] Den bereits im März 2021 vorgebrachten Einwänden des Bundesrechnungshofs zum Trotz wurden noch im Juni 2021 weitere 8,25 Mio. € Zuwendungen an die Stiftung bewilligt.[15]

Der Bericht des Bundesrechnungshof offenbart eine über neun Jahre andauernde Komplizenschaft zwischen Stiftung und Kulturstaatministeriums in der Umgehung des Zuwendungsrechts, um auf betrügerische Weise rechtswidrig öffentliche Gelder für den Wiederaufbau der Garnisonkirche zu nutzen. Bereits 2015 zeigten der Kaufmann/ Baucontroller Franz Steinfest und der Architekt Günter zur Nieden die Grundproblematik auf, der Lernort Garnisonkirche legte im Februar 2021 eine 23-seitige Dokumentation vor, die wesentliche Aussagen des Bundesrechnungshofes bereits vorwegnahmen. Doch unter Missbrauch des in der Öffentlichkeit vorherrschenden Vertrauens in die Seriosität der Institution Kirche, verbunden mit einer fortdauernden Auskunftsverweigerung und der Diffamierung ihrer Kritiker gelang es der Stiftung Garnisonkirche, sich dieser Kritik jahrelang zu entziehen.

Wirtschaftlich gesehen ist die Stiftung insolvent und dauerhaft überschuldet. Ihr fehlen nicht nur mehrere Millionen Euro für die Vollendung des Baus des Kirchturms. Aus dem Bericht des Bundesrechnungshofs ergibt sich, das ihr für den Betrieb des Turms jährlich zumindest etwa eine halbe Millionen Euro fehlen, wenn nicht deutliche mehr. Eine seriöse Kosten- und Finanzierungsplanung hierzu wurde bis heute nicht vorgelegt.

Die Stiftung wird nicht in der Lage sein, die kirchlichen Kredite von 5 Mio. € zurückzahlen. Die Kirchenleitung der EKD und EKBO hat mit der Befürwortung dieser Kredite an den betrügerischem Verhalten der Stiftung mitgewirkt, da schon zum Zeitpunkt der Bewilligung der Kredite die Problematik erkennbar war.

Die politische und kirchliche Zustimmung zu dem Vorhaben erfolgte ursprünglich unter der Prämisse einer 100% Spendenfinanzierung. Bereits Ende 2004 hätte den Beteiligten allerdings klar sein müssen, das dies eine Illusion ist.  Nach intensiven Beratungen lehnte es der Vorstandssprecher der Commerzbank Klaus Peter Müller gegenüber Wolfgang Huber, Matthias Platzeck und Jörg Schönbohm ab, als Stifterbank zu fungieren, da „die Aussichten auf ein hohes Spendenaufkommen derzeit negativ zu beurteilen sind. Auch die immer noch beachtliche Bereitschaft der deutschen Bevölkerung, Spendenaufrufe zu folgen, zeigt deutlich, dass soziale Projekte und Katastrophen-Hilfe absolute Priorität genießen.“[16] Diese realistische Einschätzung bewahrheite sich in den folgende Jahren, ohne das die Initiatoren daraus die nötigen Konsequenzen zogen.

Beim Einstieg in die öffentliche Förderung im Jahr 2013 sollte diese lediglich eine „Initialzündung für die Spendeneinwerbung“ sein. Abgesehen von den kirchlichen Krediten ist das Vorhaben inzwischen aber quasi 100% staatliche finanziert, denn die eingesetzten Spenden gehen mit steuerlichen Mindereinnahmen einher. Da ein erheblicher Teil der Spenden nicht für das Bauvorhaben, sondern für laufende Kosten und anderweitige Projekte von Stiftung, Nagelkreuzkapelle und Förderverein verwendet werden, bleibt von den privaten Spenden als Entlastung des öffentlichen Hand bei der Finanzierung der Baukosten de facto so gut wie nichts übrig.

Wie kann es nun weitergehen?

  1. Der Vorstand der Stiftung Garnisonkirche und das Kuratorium als ihr Aufsichtsorgan haben die Stiftung in eine wirtschaftliche Sackgasse geführt und sind finanzielle Verbindlichkeiten eingegangen, welche bei dem geringen Stiftungskapital von 635.000 € die Existenz der Stiftung gefährden. Es ist nicht absehbar, wie das strukturelle Defizit der Stiftung behoben werden kann. Wirtschaftlich gesehen ist die Stiftung insolvent. Es wird zu prüfen sein, wie die kirchlichen Stiftungsaufsicht auf den Bericht des Bundesrechnungshofes reagiert. Auch wenn die Stiftung als kirchliche Einrichtung nicht dem Insolvenzrecht unterliegt, muss sie gemäß kirchlichem Stiftungsrecht sparsam und wirtschaftlich nach den Regeln ordentlicher Wirtschaftsführung handeln.
  • Der kürzlich deklarierte, für manchen überraschenden Verzicht auf den Bau des Kirchenschiffs war kein Entgegenkommen der Stiftung, sondern rein finanziell unvermeidbar. Doch dieser Schritt der Selbstbeschränkung ist unzureichend. Der Rechnungshof fordert zu Recht vom Kulturstaatsministerium, dafür zu sorgen, dass zunächst nur die 2017 avisierte Grundvariante des Kirchturms ohne Haube, Glockenspiel und Bauschmuck fertig gestellt wird.[17] Stiftung und Kulturstaatsministerium sind bei ihrem eigenen Wort zu nehmen: Wiederholt haben sie übereinstimmend erklärt, das die Realisierung dieser Zutaten für die Umsetzung der Maßnahme nicht erforderlich sei[18], die Grundvariante ein „abgeschlossenes Projekt“ sei, und den verfolgten Nutzungszwecke erfülle.[19] Mehr noch: die Teilrealisierung stelle „symbolhaft die historischen Verwerfungen“ dar, für die dieser Ort sinnbildlich stehe.[20]

Haube, Glockenspiel und Bauschmuck sind bislang nicht ausfinanziert, weder in der Herstellung noch im Betrieb. Da die Verbindlichkeiten aus dem Betrieb der Grundvariante bei weitem nicht gedeckt sind, müssen ggfl. neue Mittel zunächst für diesen verwendet werden.

Diese Reduzierung der Maßnahme ist aus inhaltlichen Gründen ohnehin geboten. In dem offenen Brief „Keine Kirchturmhaube – Priorität für einen Lernort!“ vom März 2021, unterzeichnet von hundert internationalen Wissenschaftlern, Architekten, Künstlern, Kirchenvertretern, Kulturschaffenden und zivilgesellschaftlich Engagierten wird dies begründe.

  • Stiftung- und Förderverein müssen ihre Finanzen, nicht nur bezüglich des Bauprojekts, sondern auch bzgl der Spendeneinnahmen und ihrer sonstigen Ausgaben vollumfänglich offen legen. Dies ist nicht nur eine Selbstverständlichkeit bei seriös agierenden Vereinen, sondern auch bei Vorhaben, die überwiegend oder ausschließlich von der öffentlichen Hand finanziert werden. Zurecht fordert auch der Rechnungshof dies nachdrücklich ein.

U.a. ist völlig unklar und unbekannt, wieviel Spenden eingeworben wurden und wofür diese verwendet wurde. Während die Spenden für die Bauinvestitionen eingeworben werden, werden diese offenbar zu einem gewichtigen Teil für den institutionellen Betrieb der Stiftung (etwa Personal) verwendet.

Dringend erforderlich ist auch eine Bonitätsprüfung der Stiftung und eine seriöse Berechnung der Kosten und Einnahmen für den Betrieb des Kirchturms.

Der Wiederaufbau des Turms der Garnisonkirche wäre nicht nur ohne das langjährigen Wirken des rechtsradikalen ehemaligen Bundeswehroffiziers Max Klaar nicht zustande gekommen, sondern ebenso nicht ohne den nun offengelegten Fördermittelbetrug. Selten bestand eine solche Kluft zwischen moralischem Anspruch („preußische Tugenden“, „christliche Werte“) und realem Handeln.


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[1] Bundesrechnungshof: Abschließende Mitteilung an die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien über die Prüfung der Zuwendungen fü r den Wiederaufbau der Garnisonkirche in Potsdam (Teil 1), Gz.: II 4 - 2020 - 0143 I, Potsdam, den 29. November 2021
[2] Ebenda, S. 17
[3] Ebenda, S. 11
[4] Ebenda, S. 11
[5] Ebenda, S. 11
[6] Ebenda, S. 12
[7] Ebenda, S. 26
[8] Ebenda, S. 30 u.v.a.
[9] Z.B. Bonitätsprüfung Ebenda, S. 17, 19, Variantenuntersuchung Ebenda S. 19 -22 u.v.a.
[10] Ebenda, S. 20
[11] Ebenda, S. 12 u.a.
[12] Ebenda, S. 23, 30, 34
[13] Ebenda, S. 17
[14] Ebenda, S. 32
[15] Ebenda, S. 7
[16] Schreiben vom 7.12.2004, Archiv der Konrad-Adenauer-Stiftung Nachlass Schönbohm, ACDP-01-893-079, Blatt 336
[17] Ebenda, S. 33
[18] Ebenda, S. 14
[19] Ebenda, S. 15
[20] Ebenda, S. 14

Martin Luther – schwarzrotgold? Die Humboldts – schwarzweiß(rot)?

I.

Vor allem im Jahre 2017 kannte fast jeder das hier abgebildete Logo der sogenannten „Lutherdekade“. Ich betone „Dekade“ und erinnere daran, dass sie zehn Jahre lang aufgrund eines einstimmigen Bundestagsbeschlusses mit nationalen Steuergeldern tüchtig alimentiert worden ist, also auch mit Steuergeldern islamischer, jüdischer, katholischer und religiös nicht gebundener Steuerzahler. Darauf komme ich später zurück; verweilen möchte ich zunächst beim nationalen Charakter der bundesdeutschen „Lutherdekade“. Serge Fornerod, Vertreter des reformierten „Schweizer Evangelischen Kirchenbundes“, kritisierte bereits 2013, dass die gleichsetzende Verwendung der Begriffe „Reformations-“ und „Lutherjubiläum“ und die Bezeichnung der zehnjährigen Vorbereitung des Jubiläums als „Luther-Dekade“ der Geschichtlichkeit, der Internationalität und der Pluralität der Reformation keineswegs gerecht werden. Die Unterlegung des zentralen Kampagnenlogos – ein stilisierter Lutherkopf und die Worte „Luther 2017. 500 Jahre Reformation. Am Anfang war das Wort“ – in den Farben Schwarz-Rot-Gold sei, so Fornerod wörtlich, „der Höhepunkt einer misslungenen und missverständlichen Kommunikation der Botschaft der Reformation“.

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Logo der Lutherdekade 2007 - 2017

Über die mehr oder weniger blasphemische Heranziehung von Joh. 1,1 im Kampagnenlogo gehe ich schnell hinweg, wohl wissend, dass es immer noch Lutheraner gibt, die davon überzeugt sind, dass ihr „Dr. Martinus“ der Verfasser der Bibel ist. Mein zentrales Problem ist der schwarz-rot-golden gewandete Luther. Ihn vor Augen stelle ich mir Luther und die Seinen zu Zeiten der Weimarer Republik an der Spitze des „Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold“ vor, der Kampforganisation der verfassungstreuen Republikaner in SPD, linksliberaler DDP und auf dem linken, dem „Wirth“-Flügel des katholischen Zentrums, also Arm in Arm mit noch so revisionistischen, dennoch aber atheistischen Marxisten, jüdischen Neokantianern in der Art der hamburger DDP-Sympathisanten Ernst Cassirer und Aby Warburg, sowie des religiös-sozialistischen, Martin Buber und Paul Tillich verbundenen Walter Dirks von der zentrumsnahen „Rhein-Mainschen Volkszeitung“.

Wer hier nicht wenigstens im Stillen lacht, hat keinen Sinn für Sarkasmus. Meine Phantasmagorie ist absurd, freilich um den schwarz-rot-goldenen Luther ad absurdum zu führen. Er und die, die nicht nur dem Namen nach Lutheraner sind, haben mit revolutionären Menschen- und demokratischen Grundrechten nichts am Hut und nie am Hut gehabt. Selbst die Gewissens- und Religionsfreiheit ist keineswegs von ihnen, sondern gegen sie erkämpft worden. Luthertum sans phrase, Luther à la lettre haben für verfassungsfeindlich zu gelten. Rufen Sie bitte nicht „Anachronismus“; nicht ich habe Luther schwarz-rot-gold in die Farben des Hambacher Festes von 1832 und der Märzrevolution von 1848/49, also des Beginns demokratischen Republikanismus auf deutschem Boden gekleidet, ihm gleichsam die französische Jakobinermütze aufgesetzt: „unserem“ immer noch „deutschen Luther“.

Ich gehe hinter das Hambacher Fest zurück auf das fast auf den Tag 200 Jahre zurückliegende Wartburg-Fest des Jahres 1817, das, wie schon sein Name andeutet, eine Reformations- bzw. Luther-Gedenkfeier gewesen ist, weitere solche Jubiläen, einschließlich  des 500jährigen, generierend. Es handelte sich damals auf der Wartburg aber auch um eine antifranzösisch-nationalistische Siegesfeier im nicht weniger intensiven Gedenken an die sogenannte Völkerschlacht von Leipzig: den dortigen Triumph über das Napoleonische Frankreich im Jahre 1813. Allerdings, der Deutsch-Nationalismus der in Eisenach versammelten Burschenschaftler war noch ein mehr oder weniger liberaler (Antisemitismus und Luther hin oder her); gerade auch deshalb wurden 1819 die berüchtigten „Karlsbader“ Repressions-„Beschlüsse“ gefasst: gegen die „Umtriebe“ der „Deutschen Burschenschaft“ vor allem (deren Verbindungs-Farben Schwarz-Rot-Gold waren).

Im Hambach des Jahres 1832 wurden aus den Verbindungs-Farben der Jenaer Urburschenschaft solche einer – unserer heutigen – Nationalflagge, im Verbund mit ‚aufrührerischen’, kaum mehr antifranzösischen, sogar ausdrücklich proeuropäischen, vor allem aber auf „Einigkeit und Recht und Freiheit“ für ein demokratisches Deutschland drängenden Reden und Resolutionen. Hauptorganisator und -redner des Festes war (vor Ludwig Börne und nicht wenigen Jakobiner-Sprößlingen des ehemaligen Departements Mont Tonnaire) der Jurist, Publizist und Synodale der Pfälzer Unionskirche Philipp Jacob Siebenpfeiffer, wie die ganz überwiegende Mehrheit der ursprünglich reformierten, dem Heidelberger Katechismus verpflichteten Kirche ein entschiedener Vertreter des theologischen Rationalismus, also kein Lutheraner. Die königstreuen bayerischen Neulutheraner haben dies mit Fleiß, doch durchaus richtig bemerkt und das königliche Strafgericht über die Hambacher nachdrücklich begrüßt, nicht anders als der aus der Nähe von Hambach stammende spätere Kardinal-Erzbischof von Köln Johannes von Geissel. Noch 1932,  bei der Hundertjahrfeier des Hambacher Festes stellte sich zumindest der der monarchistischen Bayerischen Volkspartei zugewandte Teil des katholischen Klerus der Pfalz gegen die schwarz-rot-goldene Feier, Seite an Seite mit den von Haus aus mehrheitlich protestantischen Nationalsozialisten, die schon damals die Hakenkreuzfahne auf den Turm des Hambacher Schlosses wünschten, statt Schwarz-Rot-Gold.

Bereits die in der Pfalz bis 1930 die Mehrheit stellende nationalliberale Deutsche Volkspartei hatte das bismarckisch-kaiserreichische Schwarz-Weiss-Rot deutlich den republikanischen Farben vorgezogen. Gerade auch der pfälzische Liberalismus, noch einige Jahre über 1848/49 hinaus die Speerspitze des republikanischen Linksliberalismus auf deutschem Boden, war spätestens 1866 bzw. 1870/71 in mehr nationalistisches als liberales Fahrwasser geraten und mit ihm der eng mit ihm verbundene pfälzische Rationalprotestantismus. Gemeinsam verendeten sie dann auch, wie die immer nationalistischer gewordenen Burschenschaften, im Nationalsozialismus; kaum eine Landeskirche war diesem so verfallen wie die pfälzische. Ich komme zwar, wie schon meine Sprachfärbung verrät, aus der Pfalz, bin aber alles andere als Lokalpatriot. Nur, wenn man über Schwarz-Rot-Gold redet, schaden einem intime Kenntnisse der pfälzischen Landesgeschichte – die im relevanten Zeitabschnitt mehr als das ist – keinesfalls.

***

Zurück zu Luther; natürlich ist er nicht ‚an allem schuld’. Es gilt einen horrenden Selbstverrat des deutschen Liberalprotestantismus zu konstatieren, nicht erst im Ersten Weltkrieg und danach. Was den politischen Liberalismus angeht, erwähne ich nur, dass der des Luthertums wahrhaft unverdächtige DDP-Reichstagsabgeordnete Theodor Heuss der Festredner bei der Hundertjahrfeier des Hambacher Festes im Mai 1932 gewesen ist, dann aber im März des folgenden Jahres für das NS-Ermächtigungsgesetz gestimmt hat. Andererseits, Luther und die Lutheraner konnten gar keinen Selbstverrat begehen, „Obrigkeit“ war und blieb für sie von vornherein sakrosankt – für einen extremen Lutheraner wie Jochen Klepper sogar eine nationalsozialistische (mit tragischen persönlichen Folgen für ihn und seine teilweise jüdische Familie).

Kleppers gleich ihm monarchistisch-konservativer, freilich katholischer Freund Reinhold Schneider konnte nur schmerzlich den Kopf schütteln. Wie negativ katholisch ansonsten immer, das auch katholische, das thomistische Naturrecht der Dominikaner-Schule von Salamanca hatte Schneider in der Figur des Bartolomeo de Las Casas in den geistigen Widerstand getrieben; nicht anders als den Jesuitenpater Alfred Delp in den Kreisauer Kreis speziell. Selbstverständlich trafen die beiden dort  mehrheitlich auf Protestanten, doch eben solche, die sich aus lutherischem Bann mehr oder weniger gelöst hatten. (Bekanntlich war des Grafen Moltke persönlicher Lehrer Eugen Rosenstock-Huessy und James von Moltke wie nicht wenige andere angelsächsisch sekundärsozialisiert worden.)

Ich möchte hier fünf universalhistorische Thesen aufstellen:

  1. Der gegenreformatorische Katholizismus stellt selbstverständlich keine ernstzunehmende Alternative zum Protestantismus, nicht einmal zum Luthertum dar, doch sollte man keinen Augenblick übersehen, dass er beispielsweise mit Las Casas, dem „Vater der Indios“ und dem Jesuitenpater Friedrich von Spee, dem entschiedenen Bekämpfer der Hexenprozesse im Besonderen und der Folter im Allgemeinen Persönlichkeiten aufweist, denen überkonfessionelle Bedeutung unmöglich abgesprochen werden kann. Selbstverständlich hat auch die römische Kirche bis heute nie an ihre Kanonisierung gedacht. Man stelle sich nur vor, dieser Spee hat indirekt sogar den ‚gottlosen’ Preußenkönig Friedrich zur Abschaffung der Folter inspiriert – für uns hier: Spee und sein reformierter ‚Schüler’ Thomasius, nicht der hexenbekämpfende Luther!
  2. Niemand kann einfach zurück zur vorreformatorisch-alten Kirche, doch gab es zu deren Zeit nicht nur – von ihr ausgeschiedene – „Ketzer“ à la Waldus, Wiclef und Hus, sondern zwar reglementierte, doch nicht völlig verabschiedete Reformer wie in Teilen des Franziskanerordens, schließlich grenzgängerische Intellektuelle in Art der Cusanus, Morus und Erasmus, deren Erbe bis heute keineswegs abgegolten ist. (2017 wurden nicht nur Luthers Thesen 500 Jahre alt, sondern auch Erasmus´ Friedensschrift konnte in diesem Jahr ihren 500jährigen Geburtstag feiern. Ein zum Misserfolg verurteilter, doch ganz ernst gemeinter Vorschlag ist gewesen: Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels verleiht 2017 seinen „Friedenspreis“ posthum Erasmus – wenige Wochen vor dem Wittenberger Luther-Event.)
  3. Nicht nur ich empfinde es geradezu als Skandal, dass wie die humanistische Bewegung insgesamt eine so außerordentliche Persönlichkeit wie die des Erasmus, die weltweit und bis heute ungemein einflussreich ist, derartig in den Schatten Luthers gerückt wird. Kaum überraschend, dass auch die katholische Kirche Erasmus nicht mag, nie seine Kanonisierung auch nur erwogen, sondern im Gegenteil auf dem Trienter Konzil alle seine Schriften auf den Index gesetzt hat. Doch ich darf erinnern: Die Lutherdekade ist kein nur evangelisch-kirchliches, nicht einmal ein bloß ökumenisches, sondern ein gesamtgesellschaftliches, ja nationalstaatliches ‚Event’ gewesen. Spätestens in dieser Hinsicht, nicht nur der ein Drittel kirchlich Ungebundener in der BRD wegen, war des Erasmus’ Nichtbeachtung im Jahre 2017 wirklich unverständlich. Ihrerseits im Erbe des die Neuzeit eröffnenden Renaissancehumanismus Italiens stehend - besonders an dessen republikanische Bürgerhumanisten sei erinnert -, haben Erasmus und die Seinen Grundlegendes für die zunächst nicht protestantische, schon gar nicht lutherische Aufklärung getan. Diese aber ist, wie schon der Renaissance-Humanismus auf griechisch-römische Literatur, Philosophie und Rhetorik zurückgreifend, zur entscheidenden Begründerin der Menschen- und Bürgerrechte geworden. Es lebe die Aufklärung!
  4. Ich vergesse nicht die Bedeutung des gleichfalls so außerordentlich verdrängten – dem ketzerverbrennenden Calvin ins Angesicht widerstehenden – Sebastian Castellio, anderer Ireniker und selbstverständlich ganz unterschiedlicher Nonkonformisten und Dissenter für Gedanken und Realisierung der Religionsfreiheit, doch vom Einfluss der Erasmianer auf sie ganz abgesehen, Lutheraner waren diese ‚Sektierer’ keinesfalls und auch ‚Deutsche’ nur selten. In den Niederlanden, Brittanien und den späteren USA spielte die progressive Musik des Protestantismus – selbst dort aber nur, meine Schlusspointe, weil gerade auch Humanismus und Aufklärung dort stärker entwickelt und wirkmächtiger waren als im „Heiligen Reich“. Selbst die französische Aufklärung und Revolution waren allenfalls parahugenottische, sicherlich aber keine lutherischen Ereignisse. (Natürlich auch keine katholischen.)
  5. Ein allein angemessenes Reformationsjubiläum nicht nur in gesamtgesellschaftlicher, ganz klar transnationaler, sondern auch in panökumenischer Sicht – zugunsten von Freiheit, Gleichheit und Solidarität: wahrer Humanität, wäre eines gewesen – warum forderten das nicht wenigstens die unierten Kirchen innerhalb der EKD? –, das Zwingli und Calvin miteinbezogen hätte, natürlich aber auch lutherische Neben-Reformatoren wie Melanchthon, Spalatin und Bugenhagen – nicht einmal die Bibel hat Luther allein übersetzt; dann die von allen Großreformatoren mehr oder weniger verfolgten „Schwärmer“, Täufer, Ireniker und Nonkonformisten – gerade sie, sowie die oben bereits genannten Einzelkämpfer Castellio, Spee und Las Casas sowie Erasmus, La Boetie, Montaigne, Leibniz und Lessing: die in lauter großen Buchstaben geschriebenen HUMANISTEN.

Um diese meine letzte These exemplarisch zu veranschaulichen: Ich stelle mir ein Reformationen-Logo vor – Reformation gibt es immer nur im polyphonen, ja kakophonen Plural -, das (ohne irgendwelche Nationalfarben) stets Calvin, Erasmus, Luther und Zwingli umfasst, je nach Landeskirche aber auch: Karl Barth, Gustav Heinemann und Friedrich Spee (ich denke speziell an die Rheinische Kirche); Ursinus, einen der Verfasser des Heidelberger Katechismus – ich denke speziell an die Pfälzische und Badische Kirche. Für letztere wären auch Johann Peter Hebel und Ernst Troeltsch empfehlenswert, für beide Kirchen Martin Bucer (für die Pfälzische schließlich noch Siebenpfeiffer und – warum nicht? – Ernst Bloch). Die Württembergische Kirche sollte selbstverständlich ihres Erzreformators Brenz gedenken, wenigstens eines der pietistischen „Schwabenväter“, Johann Valentin Andreaes mit Vorzug, aber auch Hegels, Schellings und David Friedrich Strauß’. Berlin-Brandenburg müsste neben seinem Erzreformator Agricola, Böhme, Spalding, Schleiermacher und Bonhoeffer, aber auch Lessing und – warum nicht? – Moses Mendelssohn ins Logo aufnehmen (Sachsen-Thüringen unbedingt Comenius, Herder, Zinsendorf und  Müntzer). - Hamburg endlich?

Ich komme, vieles auslassend, allmählich zum Schluss des ersten Teils: Bugenhagen, versteht sich, dann Reimarus und Lessing, wohl oder übel Wichern, dann aber auch Dorothee Sölle und, analog zu Mendelssohn im Berliner Fall, Ernst Cassirer; Altonas und Umgebung wegen, wie im Falle Schleswig-Holsteins, vielleicht auch die Dänen Grundtvig und Kierkegaard. Jedenfalls ist Reformation (nie in der Einzahl) alles andere als eine bloß deutsche Angelegenheit, selbst das Luthertum nicht. Ja, ist nicht gerade dieses vor allem eine skandinavische Angelegenheit, Estland, Finnland und Lettland mitumfassend?

Wohin reiste Papst Franziskus 2017? Nicht nach Wittenberg, aber nach Lund, wenn auch zum Lutherischen Weltbund, doch eben zu diesem. Warum ist das deutsche Luthertum, der deutsche Protestantismus so wenig international – seine eigenen Reformationen global alias ökumenisch relativierend? Nur klammheimlich ökumenisch, und sei es auf noch so sympathische Weise, sollte man nicht sein. Wovon ich spreche? Davon, dass in gewissen Insiderkreisen schon lange vor 2017 der Speech kursierte, die „Lutherbotschafterin“ Margot Käßmann würde im Namen des Wittenbergers Martin Luther King verkünden. Die pointierte Diagnose lautete, und sie ist auch die meine: „Etikettenschwindel“ bzw. „Geschichtsklitterung“.

Ich bin unbedingt für die Aufnahme Kings in jedes, jedes meiner oben entworfenen poly-, ja kakophonen Reformationslogos, doch eben bei merklicher Betonung ihrer Dissonanzen. Denn so wie kein Weg von Martin Luther zu Martin Luther King führte – dessen Herkunft ist trotz seines Namens eine nichtlutherische –, führt auch kein Weg von King zurück zum Luthertum, es sei denn, dieses unterziehe sich nach- und ausdrücklich einer tüchtigen Revision, selbst seinen Namengeber nicht schonend, vielleicht sogar in den (endgültigen) Ruhestand versetzend.

Wogegen ich 2017 entschieden gewesen bin, sind Massenwallfahrten zur restaurierten Schlosskirche in Wittenberg, die seit dem späten 19. Jahrhundert ein wilhelminisch-deutscher Reichsdom ist: ein unübertreffliches Denkmal für die an Verschmelzung reichende Verbindung von Thron und Altar in den Farben „Schwarz-weiß-rot“. Auch des Thüringischen Ministerpräsidenten Bodo Ramelow Wallfahrt zu den schwedischen Wasas erscheint mir,  nicht erst im Rückblick, mehr als unüberlegt gewesen zu sein. Sie erinnert mich fatal an Franz Josef Strauß´ jährliche Wallfahrt zum Grab des bayerischen Generalissimus Tilly im Marienwallfahrtsort Altötting. (Ich muss wohl kaum erinnern, dass die  von den Ihren nahezu heiliggesprochenen Gustav Adolf und Tilly unter die größten Bluthunde des Dreißigjährigen Krieges zu rechnen sind.)

Wohin man 2017 stattdessen hätte reisen können? Ein Vorschlag, mein Vorschlag ist gewesen: ins ganz in der Nähe von Hamburg gelegene Friedrichstadt an der Eider, ein wohl erhaltenes Städtchen niederländischen Baustils, das mitten im Dreißigjährigen Krieg für Glaubensflüchtlinge verschiedenster Denominationen gegründet wurde, damit sie dort mit Juden, Katholiken und Lutheranern friedlich zusammenlebten. Besonders eindrucksvoll ist der mitten in der Stadt gelegene Mennonitenfriedhof. Ich kann mir vorstellen, dass Sie der Hamburger Emeritus Hans-Jürgen Goertz immer noch recht gern durch Friedrichstadt führen würde: ein ausgewiesener Reformationshistoriker im Allgemeinen und Täufer- bzw. Mennonitenhistoriker im Besonderen.

Keine Frage, ich sympathisiere gleich Goertz ein Stück weit mit dem „Linksprotestantismus“, dieser ist und bleibt ein wichtiger Bündnispartner emanzipatorischer und solidarischer Politik, doch – und damit kehre ich zum Beginn meines ersten Vortrags zurück -  ist es überhaupt eine legitime staatliche Aufgabe, sich an religiösen Feiern aktiv zu beteiligen? Warum gab es von 1989 bis 1999 statt der „Luther-“ keine „Verfassungsdekade“, um 50 Jahre Grundgesetz zu feiern: zu bedenken, zu diskutieren und weiterzuentwickeln unter Beteiligung aller, besonders aber von Juristen, Ökonomen, Philosophen, Politologen, Soziologen und – warum nicht? – Theologen? Wäre eine Dekade solcherart nicht viel naheliegender für einen ausdrücklich säkularen Staat gewesen, gerade im Stadium seiner ‚Erweiterung’? Selbst Kant- oder Lessingfeiern nationalen Zuschnitts wären meines Erachtens viel angebrachter, wesentlich unverfänglicher, als die Lutherdekade von 2008-2017 es gewesen ist.

Wie sehr und aktuell verfänglich Martin Luther ist, zeigte eine Fernsehdiskussion des Sommers 2015 im unmittelbaren Anschluss an das Merkelsche „Willkommen“ für die in Ungarn festsitzenden syrischen Flüchtlinge. Luther-Botschafterin Käßmann sprang dort der Kanzlerin im Rekurs auf das Gleichnis vom „Barmherzigen Samariter“ bei – noch der unkirchliche „Arbeitersamariterbund“ der sozialdemokratischen „Arbeiterwohlfahrt“ dürfte sich darüber gefreut haben, doch der in der Runde mitdiskutierende ungarische Staatssekretär, zugleich ein leitender Mann der lutherischen Kirche Ungarns, ließ sich keineswegs aus der Ruhe bringen und konterte cool mit dem Hinweis auf Luthers „Zwei-Reiche-Lehre“. Ich fand und finde das peinlich, doch war (ist) Victor Orbans Mann nicht eigentlich lutherischer als die bundesdeutsche „Lutherbotschafterin“?

Analoge Frage: Was halten Sie lutherphilologisch von der folgenden Buchankündigung des renommierten Münchner Fink-Verlags: „Norbert Bolz bringt Luther gegen den sentimentalen Humanitarismus unserer Zeit in Stellung. Es gibt nämlich keinen schärferen Kritiker des Gutmenschentums als Luther.“? Ich kann nur kommentieren, voller Sarkasmus und Luthers Forderung nach „scharfer Barmherzigkeit (den Juden gegenüber)“ im Ohr: „Landgraf werde hart!“ Sie erinnern sich unschwer daran, dass die Wartburg ein Landgrafenstammsitz gewesen ist, und lutherische Fürsten sehr leicht hart werden konnten, wenn sie es nicht immer schon waren, nicht anders als katholisch gebliebene. Im Bauernkrieg mordeten die Staatsterroristen Seite an Seite, beginnende Konfessionsunterschiede hin, beginnende Konfessionsunterschiede her. In Politisch-Entscheidendem war und blieb man sich auf Jahrhunderte einig, selbst was Embleme wie das auf den Deutschherrenorden zurückgehende „Eiserne Kreuz“ angeht. Schließlich schielte schon Friedrich Wilhelm IV. und nicht erst Wilhelm II. auf die konstantinischen Byzantiner und Staufer, verehrten beide mit Vorzug einen Christus Imperator/ Christus Pantokrator.

Daran hätten sich die Veranstalter des Wittenberger „Christusfestes“ im Jahre 2017 vielleicht erinnern sollen und wohl auch daran, dass die Verse der mittelalterlichen Krönungs-Laudes: „Christus vincit, Christus regnat, Christus imperat“ nicht zuletzt in das mittelalterliche Reichsschwert eingraviert sind, das heute in der Schatzkammer der Wiener Hofburg, zwischen 1938 und 1945 aber in Nürnberg, der „Stadt der Reichsparteitage“ aufbewahrt wurde.

***

Ob ich zum Schluss nicht endgültig ‚zu weit’ gegangen bin? Ich habe mich das selbst gefragt, bin dann aber von Markus Droege, dem vorletzten Bischof der Berlin-Brandenburgischen Kirche, völlig beruhigt worden, als dieser Ende Mai 2017 das nach/gegen „1848/49“ auf der Kuppel des preußischen Königs-/des späteren deutschen Kaiserschlosses in Berlin installierte Kreuz dorthin zurückverlangte – nachdem das Schloss (samt Kuppel) fast zu Ende restauriert war. Droege, leider nicht nur er, wollte die architektonische Restauration der politischen Restauration vollenden: ihr das religiöse I-Pünktchen aufsetzen. Nicht inkonsequent, wie man zugeben muss: Kein Thron alias Schloss ohne Kreuz bzw. Schlosskapelle (mit sie bekrönendem Kreuz) – vormaliger Calvinismus der Hohenzollern hin oder her.

Mein Widerspruch ist freilich kein konfessioneller, überhaupt kein religiöser, wenn auch ein von nicht wenigen selbstkritischen Theologen geteilter: Spätestens 100 Jahre nach dem revolutionären Entstehen der ersten deutschen Republik 1918 und nach 70 Jahren Bonner Grundgesetz muss ein für allemal Schluss mit „Thron und Altar“ sein – erst recht wenn die Schloss-Kuppel nicht einmal mehr eine Kapelle überwölbt. Gerade auch das unmittelbar vor der Kuppel (anstelle des für den „Kartätschen-Prinzen“ und dann ersten Kaiser Wilhelm) zu errichtende „Denkmal der deutschen Einheit“ erlaubt kein Kreuz über sich: Die „Friedliche Revolution“ von 1989 war keine irgendwie religiöse, gar (evangelisch-)kirchliche, wenn einige sie auch als solche stilisieren möchten – gern verdrängend, welches Bild die gemeinsame, geradezu staats-kirchliche Reformationsfeier des Jahres 1983 in DDR-Wittenberg bot.

II.

Das wieder aufgebaute Berliner Schloss nennt sich offiziell „Humboldt-Forum“,  was mich veranlasst, Berlin-Brandenburgs wohl bedeutendstem Schriftsteller, Theodor Fontane das Wort zu geben. Es findet sich in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ und handelt von der Begräbnisstätte im Tegeler Schlosspark der Humboldts:

„Wenn ich den Eindruck bezeichnen soll, mit dem ich von dieser Begräbnisstätte schied, so war es der, einer entschiedenen Vornehmheit begegnet zu sein. Ein Lächeln spricht aus allem und das resignierte Bekenntnis: wir wissen nicht, was kommen wird, und müssen’s – erwarten. Deutungsreich blickt die Gestalt der Hoffnung auf die Gräber hernieder. Im Herzen dessen, der diesen Friedhof schuf, war eine unbestimmte Hoffnung lebendig, aber kein bestimmter siegesgewisser Glaube. Ein Geist der Liebe und Humanität schwebt über dem Ganzen, aber nirgends eine Hindeutung auf das Kreuz, nirgends der Ausdruck eines unerschütterlichen Vertrauens. Das sollen nicht Splitterrichter-Worte sein, am wenigsten Worte der Anklage; sie würden dem nicht ziemen, der selbst lebendiger ist in der Hoffnung als im Glauben. Aber ich durfte den einen Punkt nicht unberührt und ungenannt lassen, der, unter allen märkischen Edelsitzen, dieses Schloss und diesen Friedhof zu einem Unicum macht. Die märkischen Schlösser, wenn nicht ausschließlich feste Burgen altlutherischer Konfession, haben abwechselnd den Glauben und den Unglauben in ihren Mauern gesehen; straffe Kirchlichkeit und laxe Freigeisterei haben sich innerhalb derselben abgelöst. Nur Schloss Tegel hat ein drittes Element in seinen Mauern beherbergt, jenen Geist, der, gleich weit entfernt von Orthodoxie wie von Frivolität, sich inmitten der klassischen Antike langsam, aber sicher auszubilden pflegt, und lächelnd über die Kämpfe und Befehdungen beider Extreme, des Diesseits genießt und das rätselvolle Jenseits hofft.“

Warum nicht eine Kopie der Thorwaldseschen „Spes“ im Tegeler Schlosspark auf die Berliner Schloßkuppel setzen (wenn man überhaupt meint, es müsse dort ‚etwas’ hin)? Ein allenfalls konservativ-liberaler, ja heute nur noch liberal-konservativer Vorschlag – freilich würde die Spes viel besser als das Kreuz zum am Schloß auch angebracht werden sollenden Schriftzug „Zweifel“ passen. Andererseits erinnert dieses „Zweifels“-Wort fatalerweise an den mehr als koketten Schriftzug am wiederaufgebauten Potsdamer Stadtschloss, dem heutigen Brandenburger Landtag: „Ce n’est pas un chateau“. – Was soll eines nicht fernen Tages an einer der Mauern der dann wiedererrichteten Potsdamer Garnisonskirche stehen? Vielleicht: „Hier fand der Tag von Potsdam nicht statt“? Oder: „Das ist keine Kriegs- (sondern eine Friedens-)Kirche“? Man erinnert sich vielleicht, dass schon die St. Bernhardskirche in der pfälzischen Bischofsstadt Speyer, in deren Schatten Altbundeskanzler Helmut Kohl Sommer 2017  begraben wurde, „Friedenskirche“ genannt wird – auch dies zu Unrecht.

Bernhard von Clariveaux predigte im mittelalterlichen Kaiserdom zu Speyer „vor Kaiser und Reich“ den Kreuzzug, und die Bernhardskirche wurde zwar von der katholischen „Pax Christi-Bewegung“ Anfang der 50er Jahre zusammen mit der französischen Schwesterorganisation zum Zweck der deutsch-französischen Verständigung errichtet, aber auch zur  Befeuerung des Kalten Krieges und unter Berufung auf den (un-)heiligen Bernhard. Kohls unmittelbarer Vorgänger als rheinland-pfälzischer Ministerpräsident, Peter Altmeier, erklärte in seiner Rede, an die Grundsteinlegung durch den päpstlichen Nuntius Alois Münch anschließend:

„Es läge nahe, den Sinn dieser Stunde in einer historischen Parallele auszudeuten und in politischer Sicht zu werten. Ist es doch so, dass sich heute die Völker Europas angesichts der aus dem Osten drohenden Gefahr genauso zur Abwehr zusammenfinden müssen, wie ehedem vor achthundert Jahren... Wie hat (Bernhard) klar und weitschauend erkannt, dass eine Abwehr der östlichen Gefahr nur durch eine Zusammenfassung der Kräfte des christlichen Abendlandes gesichert werden könne, und wie hat er damit für den Frieden und für die Sicherheit jener Völker gewirkt, die wir heute als die freie westliche Welt bezeichnen!“

Nahezu identisch mit den Worten Altmeiers ist das Telegramm gewesen, das Bundeskanzler Konrad Adenauer anlässlich der Kirchweihe von St. Bernhard schickte: „Hier (in Speyer), wo der heilige Bernhard den Kreuzzug predigte, finden sich in für das ganze christliche Abendland höchst bedeutsamer Stunde Männer und Frauen ein, die den festen Willen bekunden, alles zu tun, um die durch die Jahrhunderte uns überkommenen Werte der Würde des Menschen, der Freiheit des Geistes uns gegenüber der drohenden Gefahr aus dem Osten zu bewahren.“

Manche von Ihnen werden vielleicht gut biblisch sagen: „Lasst die Toten ihre Toten begraben!“ Ich halte dagegen, dass St. Bernhard damals den Kreuzzug gegen die Sarazenen, also Muslime predigte, und Luther das zu seiner Zeit – auf seine Weise – auch noch tat. Selbst meine allerletzten Ausführungen bleiben also auch der Titelfrage meines I.  Vortrags verpflichtet: „Luther – schwarzrotgold?“.

Zwei Tage vor dem Reformationsfest des Jahres 2017, in Potsdam, aus Anlass des Baubeginns für den Turm der Garnisonskirche wäre eindeutig schwarzweißrot oder wenigstens schwarzweiß zu flaggen gewesen. „Eindeutig“ meine ich durchaus doppeltironisch; schwarzrotgold ist im Falle der preußischen Soldatenkönige völlig unangebracht. Niemand wird das zu bezweifeln wagen, doch eben schon Luther lässt sich unmöglich schwarz-rot-gold gewanden. Und was ist mit der vom neulutherischen/hochkirchlichen Friedrich Wilhelm IV. erbauten, immer schon „Friedenskirche“ geheißenen im Potsdamer Schlosspark?

Sie ist vielleicht das Beispiel für dieses Königs bereits benannten Byzantinismus, doch seit einiger Zeit heißt das Gotteshaus des öfteren „Friedenskirche Sanssouci“. Wie unfreiwillig witzig, heißt doch „Sans, souci.“ – wie allein korrekt, mit Komma und Punkt geschrieben: ‚Ohne Sorge ist man, wenn man Deist statt Reformierter’!

So lautet die offen-geheime Message des „Philosophen auf dem Königsthron“ an der Stirnseite seines Privatschlosses – noch den erweckten Urgroßneffen frech herausfordernd. Doch ist nicht auch Friedrich Wilhelms IV. Bruders Wilhelm und dessen Enkels, Wilhelms II. ein weiteres Mal zu gedenken? Zweifellos und aus hochaktuellem Anlass.

Das „Humboldt-Forum“ heißt ja nicht zuletzt Alexander von Humboldts wegen so: wegen dessen überseeischen Expedition, soll das Forum ja gerade auch als Ethnologisches Museum dienen. Doch der wahrhaft große  Alexander – Kosmopolit par excellence – hat sich nie irgendwelchen Kolonialismus oder gar Völkermords schuldig gemacht; ganz im Unterschied zu den beiden Wilhelmen und den ihnen dienstbaren evangelischen Missionaren. Nicht zuletzt der Wilhelminer wegen ist blasphlemisch, jedenfalls skandalös, was wieder auf der restaurierten Kreuzeskuppel des Humboldt-Forums steht – wörtlich einen Spruch Friedrich Wilhelms IV. zitierend: „Es ist kein ander Heil, es ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, denn der Name Jesu, zu Ehren des Vaters, dass im Namen Jesu sich beugen sollen aller deren Kniee, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind.“

„Die Spannungen zwischen der architektonischen Form und dem Inhalt, zwischen Symbolen und Programmatik werden noch reichlich Stoff für Diskussionen bieten und für Veranstaltungen  im demnächst öffnenden Haus“, welchem Kommentar Jens Biskys vorerst nichts hinzuzufügen ist. (Selbst was den „originär italofaschistischen Stil“ der Forums-Rückseite angeht, belasse ich es beim bloßen Hinweis auf Jürgen Großes Kritik.)

Literatur

  • Aly, Götz (2021), Das Prachtboot. Wie Deutsche die Kunstschätze der Südsee raubten. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag.
  • Bisky, Jens (23.5.2020), Die unmöglich Inschrift. Süddeutsche Zeitung.
  • Döbler, Katharina (2021), Dein ist das Reich. Roman. Berlin 2021: Claassen Verlag.
  • Eiselen, Tobias (2005), Ein Missionar sieht seine neue Welt. Jakob Andreas Spieth (1856-1914) zwischen Bremen und Togo, in: Faber, Richard (Hg.), Zwischen Affirmation und Machtkritik. Zur Geschichte des Protestantismus und protestantischer Mentalitäten. Zürich: Theologischer Verlag (S. 59-81).
  • Erasmus von Rotterdam (2017), Über den Frieden. Essen: Alcorde Verlag.
  • Ette, Ottmar (2009), Alexander von Humboldt und die Globalisierung. Das Mobile des Wissens. Frankfurt am Main und Leipzig: Insel Verlag.
  • Faber, Richard (2020), Abendland. Ein politischer Kampfbegriff. Hamburg: EVA (3. Aufl.).
  • Faber, Richard (2012), ... der hebe den ersten Stein auf sie. Humanität, Politik und Religion bei Theodor Fontane. Würzburg: Königshausen & Neumann.
  • Faber, Richard / Puschner, Uwe (Hg.) (2017), Luther zeitgenössisch, historisch, kontrovers. Frankfurt/M.: Peter Lang.
  • Große, Jürgen / Bodenlose Fenster. Das Kultur-Schloß: Im Humboldt Forum vollendet sich die Weltanschauung des deutschen Bürgetums, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.7.2021, S. N 3.
  • Gründer, Horst & Hiery, Hermann (Hg.) (2017), Die Deutschen und ihre Kolonien: Ein Überblick. Berlin.
  • Junginger, Horst (2021), Der preußische Adler in der deutschen Herrschaftsgeschichte. Eine Vogelkunde aus religionspolitischer Sicht, Baden-Baden. 
  • Kittsteiner, H.D. (2001), Das Komma von Sans, Souci. Heidelberg: Manutius Verlag.
  • Münkler, Herfried (2017), Der Dreißigjährige Krieg. Europäische Katastrophe, Deutsches Trauma 1618-1648. Berlin: Rowohlt (3. Aufl.).
  • Savoy, Bénédicte (2021), Afrikas Kampf um seine Kunst. Geschichte einer postkolonialen Niederlage. München: C. H. Beck.
  • Sutter, Sem Christian (2012), Friedrichstadt an der Eider. Ort einer Erfahrung religiöser Toleranz 1621-1727.Friedrichstadt: Gesellschaft für Friedrichstädter Stadtgeschichte.
  • Trabant, Jürgen (2021), Wilhelm von Humboldt (1767-1835). Menschen Sprachen Politik. Würzburg: Königshausen & Neumann.

Richard Faber, geb 1943 in Ludwigshafen, ist Literatur-, Religions- und Kultursoziologe. 1977 Habilitation zur Konservativen Revolution, seit 2006 Honorarprofessor an der Freien Universität Berlin

Otto Dibelius im Jahr 1933

Otto Dibelius im Jahr 1933: ein zögerlicher preußischer Kirchenführer zwischen Weimar und Hitler

Am 14. September 2021 hielt Manfred Gailus den untenstehenden Vortrag zum Thema im Potsdamer Forum für Kunst und Geschichte, dem sich eine Diskussion mit Martin Vogel (theologischer Vorstand der Stiftung Garnisonkirche Potsdam und Beauftragter der EKBO bei den Ländern Berlin und Brandenburg) und dem Publikum, moderiert von Hermann Düringer, anschloss.

Otto Dibelius war kein Nazi – aber er war auch nicht ein mutiger Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus, der in der Kirchenopposition der Jahre 1933 bis 1945 stets an der vordersten Front kämpfte. Der protestantische Kirchenführer Dibelius hatte in seiner langen Laufbahn viele Ämter und Positionen: er war mächtiger preußischer Generalsuperintendent der Kurmark, zeitweilig Mitglied im preußischen Bruderrat der Bekennenden Kirche, seit 1945 gut zwei Jahrzehnte Bischof der Landeskirche Berlin-Brandenburg, schließlich von 1949 bis 1961 Ratsvorsitzender der EKD – kurz, er war eine herausragende Persönlichkeit des deutschen Protestantismus im 20. Jahrhundert. Und man übertreibt sicher nicht, wenn man ihn eine kirchliche Jahrhundertfigur nennt. Im Folgenden soll es allein um die Rolle gehen, die Dibelius in den Umbrüchen des politisch und kirchenhistorisch extrem ereignisreichen Jahres 1933 spielte. Seine Performance auf der politischen Bühne jenes geschichtlich fatalen Umbruchjahrs war nicht eindeutig, sie war vielmehr mehrdeutig, facettenreich, mit überraschenden Wendungen, Wandlungen und Wechseln.[1]

Wir kennen nicht genau Dibelius’ unmittelbare Wahrnehmung jenes historischen Augenblicks am 30. Januar 1933, als der kirchlich fromme Reichspräsident Paul von Hindenburg den Führer der NSDAP Adolf Hitler zum Reichskanzler berief. Das ließe sich allein aus zeitnahen Tagebuchaufzeichnungen oder Briefen jener Tage erkennen, die bisher nicht bekannt sind. Aber tiefe Genugtuung und vielleicht auch verhaltene Freude über das Ende der ungeliebten „Gottlosenrepublik“ von Weimar werden seine Gedanken in den ersten Tagen und Wochen des Regierungsantritts des „Kabinetts der nationalen Konzentration“ gewiss bestimmt haben. Es sei daran erinnert, dass in der neuen Regierung, jenem elfköpfigen Kabinett der politischen Rechtskräfte, nicht die NSDAP, sondern die Konservativen um Vizekanzler Franz von Papen und Alfred Hugenberg, dem Chef der DNVP, eine Mehrheit hatten. Und Dibelius gehörte bekanntlich der DNVP an, jener durch Hugenberg seit 1928 massiv radikalisierten Partei, die in der Endphase der Weimarer Republik mehr und mehr rechtsextreme Züge annahm und deren scharfer Antisemitismus demjenigen der Hitlerpartei kaum nachstand.[2]

Jetzt regieren wir auch mit – so oder ähnlich wird sich das aktuelle Zeitempfinden bei Dibelius und seinen Kollegen in der Leitung der Evangelischen Kirche der Altpreußischen Union während der ersten Wochen nach dem 30. Januar überschreiben lassen. Die Kommunistische Partei wurde als erste nach der Machtübernahme scharf verfolgt, ihre Führer inhaftiert; auch die Sozialdemokratische Partei sah sich in die Illegalität gedrängt; die Verbände und Vereine der Freidenkerbewegung wurden ebenfalls verboten, ihre Büros besetzt, Vereinsvermögen beschlagnahmt. Das war die Zerschlagung der „Gottlosenbewegung“, die Dibelius und seine kirchlichen Mitstreiter in den Jahren der Weimarer Republik als so bedrohlich empfanden und gegen die sie so heftig gekämpft hatten.

Auch hörten die Kirchenaustritte nun plötzlich auf. In Berlin waren es zuletzt Zehntausende von Evangelischen gewesen, die jährlich die Kirche verließen. Viele unter diesen Dissidenten begehrten nun, in der neuen Zeit, wieder den Kircheneintritt. Denn wer im „Dritten Reich“ konfessionslos war, machte sich sofort verdächtig. Symptomatisch war folgende Episode: In Berlin besetzten zwei NS-Pfarrer der Deutschen Christen mit einem Trupp SA die Freidenkerzentrale und eröffneten darin ein Büro zum Kirchenwiedereintritt. In den modernen Reformschulen aus der Republikzeit wurden große Teile der Kollegien entlassen, besonders traf es jüdische Lehrer. Auch wurde an diesen so genannten weltlichen Schulen umgehend der Religionsunterricht wieder eingeführt. Nichtarische Juristen an den Gerichten wurden gewaltsam aus ihren Ämtern vertrieben, darunter der Magdeburger Landgerichtsdirektor Friedrich Weißler, ein evangelischer Christ, durch Gewaltaktionen von SA und Stahlhelm im Februar und März 1933. Alles dies waren Zielsetzungen und Maßnahmen, für die auch der politisch aktive Nationalprotestantismus, zu dem Dibelius als einflussreiche Stimme gehörte, seit vielen Jahren gekämpft hatte. Kurz: da war doch alles in allem viel Grund zu kirchlicher Freude über eine tief greifende Zeitenkehre im Spiel, über den Bruch mit Republik, Demokratie, Parlamentarismus, Parteienherrschaft - eine Freude, die Dibelius mit vielen Spitzenmännern der preußischen Landeskirche, mit vielen Pfarrern und großen Teilen des evangelischen Kirchenvolks teilte.[3]

Die Osterbotschaft des Evangelischen Oberkirchenrats, also der preußischen Kirchenleitung, vom 16. April bestätigte jene „Machtergreifung als geistiger Vorgang“ (Klaus Scholder), die auch in den Kirchen von Woche zu Woche mehr durchdrang: „Die Osterbotschaft von dem auferstandenen Christus ergeht in Deutschland in diesem Jahr an ein Volk, zu dem Gott durch eine große Wende gesprochen hat. Mit allen evangelischen Glaubensgenossen wissen wir uns eins in der Freude über den Aufbruch der tiefsten Kräfte unserer Nation zu vaterländischem Bewusstsein, echter Volksgemeinschaft und religiöser Erneuerung. [...] In der Überzeugung, dass die Erneuerung von Volk und Reich nur von diesen Kräften getragen  und gesichert werden kann, weiß die Kirche sich mit der Führung des neuen Deutschland dankbar verbunden. Sie ist freudig bereit zur Mitarbeit an der nationalen und sittlichen Erneuerung unseres Volkes.“ In 10 000 Exemplaren ging diese Botschaft an alle preußischen Superintendenten mit dem Auftrag, sie am 1. Osterfeiertag von allen Kanzeln bekannt zu machen. Als Oberkonsistorialrat war Otto Dibelius in der preußischen Kirchenleitung vertreten und dürfte an dieser Botschaft mitgewirkt haben.[4]  

Aber Dibelius’ große Stunde schlug schon einige Wochen früher, anlässlich des Tages von Potsdam am 21. März 1933. Neuere Forschungen von Matthias Grünzig haben gezeigt, dass Dibelius bereits während der Planungen zu diesem staatspolitischen Großereignis seit Anfang März eine sehr maßgebliche Rolle spielte, was die Gestaltung der Feier und die kirchliche Beteiligung betraf. Während Kirchenjurist Hermann Kapler, Präsident des Oberkirchenrats, und Georg Burghart, als geistlicher Vizepräsident der rangoberste Theologe der preußischen Landeskirche, allerhand Bedenken gegen eine Eröffnung des neu gewählten Reichstags in der Garnisonkirche vorbrachten, setzte sich Dibelius sofort für einen feierlichen Staatsakt in der Traditionskirche ein. Am 5. März schrieb er in seiner regelmäßigen Kolumne „Sonntagsspiegel“ im deutschnationalen Parteiblatt: „Der Gedanke, den neuen Reichstag in Potsdam, über dem Grab Friedrichs des Großen, zu eröffnen, hat einen lauten Widerhall gefunden. 1848 die Paulskirche, 1919 das Theater in Weimar, 1933 die Garnisonkirche in Potsdam – solche Symbole prägen sich dem Gedächtnis eines Volkes tiefer ein als alle Reden. Sie stellen einen neuen Abschnitt der Geschichte in ein bestimmtes Zeichen.“[5] Dibelius zeigte sich im Vorfeld des Events bestrebt, den politischen Staatsakt zugleich zu einem Ereignis von „starker kirchlicher Kraft“ zu machen. Er sah darin die Chance, dass sich nun zwischen Staat und Kirche, im Gegensatz zur Weimarer Zeit, wieder „ein enges organisches Verhältnis“ bilden könne. Zunächst offen war noch die Frage, wer an diesem Tag in der Nikolaikirche die evangelische Predigt halten würde. Normalerweise wäre Georg Burkhart als oberster Geistlicher der preußischen Kirche berufen gewesen. Aber auch hier gelang es Dibelius, sich für diesen Tag das geistliche Wort von der Kirchenkanzel zu sichern und damit das Privileg, jenem großen Tag durch seine Predigt den kirchlichen Prägestempel aufzudrücken.[6]

An diesem herausgehobenen Tag, einem symbolpolitischen Gründungsakt des „Dritten Reiches“, in der Nikolaikirche zu predigen –  das war zweifellos die ganz große öffentliche Bühne für den tonangebenden preußischen Kirchenmann und politischen Theologen Dibelius. „Otto der Große“, wie ihn etwas despektierlich einige aktive Frauen der Bekennenden Kirche gern nannten, predigte gewissermaßen vor ‚Kaiser und Reich’: Reichspräsident Paul von Hindenburg, etliche Minister des „Kabinetts der nationalen Konzentration“ wie Wirtschaftsminister Hugenberg, Außenminister Konstantin Freiherr von Neurath,  Reichsarbeitsminister und Stahlhelmführer Franz Seldte, schließlich Hermann Göring, Reichstagspräsident und seit April mächtiger preußischer Ministerpräsident, hinzu kam ein Großteil der neu gewählten protestantischen Reichstagsabgeordneten von Nationalsozialisten, Deutschnationalen und den arg geschrumpften bürgerlich liberalen Parteien DVP und DDP. Vermutlich befand sich auch Theodor Heuss unter den Predigthörern.

Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein? – so lautete nach Römer 8, Vers 31, das von Dibelius gewählte Predigtmotiv. Das war exakt jene Bibelstelle, über die am 4. August 1914 Hofprediger Ernst von Dryander in Berlin zum Auftakt des Ersten Weltkriegs gepredigt hatte. Und gewiss war Dibelius’ Textwahl eine Reverenz an die hochpatriotische Gott ist mit uns – Stimmung vom August 1914, die viele Protestanten während des Umbruchjahres 1933 aufs Neue empfanden. Auch nun, im März 1933, riefen Dibelius und mit ihm Reichspräsident Hindenburg sowie die politischen Parteien des rechten Lagers Gott als ihren Alliierten im „nationalen Aufbruch“ an. Wenngleich Dibelius’ Predigt auch leicht kritische Untertöne gegenüber der Gewaltpraxis der neuen Machthaber enthielt, so erlag er im Ganzen doch der euphorischen Aufbruchsstimmung der Nationalen und Völkischen, der kräftig anschwellenden NS-Bewegung, der Konservativen und großer Teile der Bürgerlichen. Die Kirche dürfe, so meinte Dibelius unter Verweis auf Luthers Zwei-Reiche-Lehre, der „rechtmäßigen staatlichen Gewalt“ nicht in den Arm fallen, wenn sie das tue, wozu sie berufen sei. Wenn der Staat gegen die Feinde der staatlichen Ordnung vorgehe, dann möge er in Gottes Namen seines Amtes walten. Sollte „die Ordnung“ dann wieder hergestellt sein, so müsse wieder Gerechtigkeit und Liebe walten. In Oranienburg unweit von Berlin, daran sei erinnert, wurde am selben Tag das Konzentrationslager für die Hauptstadtregion eröffnet.[7]

Beim anschließenden Staatsakt in der Garnisonkirche, der weithin einer religiösen Weihestunde glich, saß Dibelius als hoher Kirchenvertreter in der ersten Reihe. Nach kurzer Ansprache Hindenburgs gab Hitler eine Art Regierungserklärung ab, vage und im Ton moderat. Es handelte sich, soweit bekannt, um die einzige Rede, die Hitler jemals in einer Kirche hielt. Der Reichskanzler dankte dem Reichspräsidenten für seinen Entschluss, am 30. Januar das „junge Deutschland“ mit der Staatsführung zu betrauen. Die Zeremonie in der Kirche bezeichnete Hitler als „die Vermählung ... zwischen den Symbolen der alten Größe und der jungen Kraft“. Preußen und Hitlerbewegung reichten sich feierlich die Hand. Mit Dank wandte sich der Reichskanzler erneut an Hindenburg und nannte ihn den Schirmherrn über „die neue Erhebung unseres Volkes“. Dibelius hatte den anschließenden Händedruck in der Kirche zwischen Hindenburg und Hitler aus nächster Nähe verfolgen können. Wenige Tage später schilderte er die Szene, sichtlich gerührt, im kirchlichen Sonntagsblatt: Würdig, ernst und eindruckvoll seien Hitlers Worte gewesen. „Zum Schluss der Rede die Kundgebung an den Reichspräsidenten. Alles erhebt sich. Als das letzte Wort gesprochen ist, tritt Hitler von dem Pult zurück. Der Reichspräsident tut einen Schritt nach vorn und streckt ihm die Hand entgegen. Hitler ergreift sie und beugt sich tief, wie zum Kuss, über die Hand des greisen Feldmarschalls. Es ist eine Huldigung in Dank und Liebe, die jeden ergriffen hat, der sie mit ansah.“[8]

Soweit liefen die Dinge im Frühjahr 1933 eigentlich recht gut für Dibelius. Mit der Grundrichtung des politischen Umbruchs war er einverstanden. Von Zeit zu Zeit richtete er in Rundbriefen und Zeitungsartikeln mahnende Worte an seine Kirche, insbesondere an die Pfarrer der Mark Brandenburg, die Eigenständigkeit der Kirche und die Reinheit der Evangeliumsverkündigung zu wahren, bei aller nun unter Protestanten herrschenden Zustimmung oder sogar Begeisterung für die politische Wende. Auch seine Bereitschaft, am 3. April – wenige Tage nach dem von NSDAP und SA organisierten Judenboykott vom 1. April – über den Kurzwellensender beschwichtigende Worte an die US-amerikanische Öffentlichkeit, namentlich die protestantischen Kirchen, zu richten, spricht für sein grundsätzliches Einverständnis. Der Boykott, so erklärte er, sei lediglich eine Gegenaktion zur antideutschen jüdischen Boykottagitation im Ausland. In Deutschland sei die Aktion am 1. April in „absoluter Ruhe und Ordnung“ verlaufen. Es habe nur einen blutigen Zwischenfall in Kiel gegeben. Nebenher laufe eine Aktion, Juden aus der staatlichen Verwaltung, besonders aus Richterstellen, zu entfernen. Juden bildeten weniger als ein Prozent der Bevölkerung. Hier, auf diesem Gebiet, sollen die Verhältnisse wieder so werden, wie sie früher waren. Die Kirche wünsche, dass bald wieder Liebe und Gerechtigkeit herrsche. Das hänge allerdings davon ab, ob draußen in der Welt die Agitation gegen Deutschland aufhöre. Dibelius bat die christlichen Freunde in Amerika, sie möchten ihren Einfluss dafür einsetzen, dass keine falschen Nachrichten über Deutschland mehr verbreitet würden.[9]

In seiner „Wochenschau“ vom 9. April bekräftigte Dibelius in grundsätzlicher Weise seine positive Haltung zur NS-Judenpolitik. Jedes Kind in Deutschland, so führt er aus, kenne die Fülle der jüdischen Namen, die seit 1918 in der deutschen Politik hervorgetreten seien: Landsberg, Luxemburg, Heilmann, Hilferding. Und noch viel bekannter seien die Namen der Barmat, Kutisker, Sklarek und wie sie alle lauteten. Es könne kein Zweifel sein, dass bei allen dunklen Vorkommnissen der letzten 15 Jahre das „jüdische Element“ eine führende Rolle gespielt habe. Dagegen wende sich nun die Stimmung eines Volkes, das mit den Folgen der Revolution aufräumen wolle. Deshalb fühle sich das Judentum bedroht und mache im Ausland Stimmung gegen das neue Deutschland. Wieder einmal zeige sich, wie schon zu Weltkriegszeiten, „wie unfreundlich die Welt im Grund des Herzens über Deutschland denkt.“ Die angelsächsischen Länder brächten für die „Judenfrage“ schwerlich Verständnis auf. Die „angelsächsische Rasse“ sei viel zu kräftig und zäh, um sich von jüdischer Zuwanderung schwächen zu lassen. In Deutschland sei das anders. Durch unsere geografische Nähe zu den großen Rekrutierungsgebieten des Judentums in Galizien und im Inneren Polens sei unser Volksleben durch allzu starken jüdischen Einfluss gefährdet. Diesen Unterschied der Verhältnisse begreife kein Engländer oder Amerikaner. Bereits mehrere kirchliche Stimmen seien den ausländischen „Lügenmeldungen“ entgegengetreten. „Schließlich hat sich die Reichsregierung genötigt gesehen, den Boykott jüdischer Geschäfte zu organisieren – in der richtigen Erkenntnis, dass durch die internationalen Verbindungen des Judentums die Auslandshetze dann am ehesten aufhören wird, wenn sie dem deutschen Judentum wirtschaftlich gefährlich wird.“ Das Ergebnis dieser Vorgänge werde eine Zurückdrängung jüdischen Einflusses im öffentlichen Leben sein. Dagegen, so Dibelius, werde niemand im Ernst etwas einwenden können.[10]

Grundsätzlich sei die „Judenfrage“ damit noch nicht gelöst. Zweierlei müsse getan werden: Erstens sei die deutsche Ostgrenze gegen jüdische Einwanderung zu sperren. In dieser Hinsicht hätten sich die deutschen Regierungen seit 1918 „auf das schwerste versündigt“. Sie hätten Zehntausenden von „unerfreulichen Elementen“ das deutsche Staatsbürgerrecht verliehen. Sobald die jüdische Einwanderung abgesperrt sei, werde das Judentum in Deutschland zurückgehen. „Die Kinderzahl der jüdischen Familien ist klein. Der Prozeß des Aussterbens geht überraschend schnell vor sich.“ Zweites Erfordernis sei die „Festigung der eigenen Art, die einer fremden Rasse nicht erliegt. An dieser Festigkeit hat es im deutschen Volk immer gefehlt. Und es wird auch in Zukunft daran fehlen, wenn nicht christliches Gewissen die Verantwortung für das Volkstum, das Gott gegeben hat, zu einer Kraft im Leben jedes Einzelnen werden lässt.“[11]

Ich sagte eingangs: Otto Dibelius war kein Nazi. Wer diese Zeilen liest, eine Woche nach dem Judenboykott und nur zwei Tage nach Erlass des rassistischen Berufsbeamtengesetzes vom 7. April publiziert, könnte beinahe Zweifel bekommen. Was er hier in einem Grundsatzartikel zur „Judenfrage“, gerichtet an seine evangelischen Leser, ausführte, ging ja doch wohl deutlich über christlich motivierten theologischen Antijudaismus hinaus. Den Rassebegriff verwendet er zwar nur bezogen auf eine „angelsächsische Rasse“, die kräftig sei, und bezogen auf das Judentum, das er hier in Andeutung als „fremde Rasse“ qualifiziert. Für die Deutschen spricht er nicht ausdrücklich von Rasse, sondern von eigener Art, also deutscher Art, und einem von Gott gegebenen „Volkstum“. Seine Sprache kam hier der nationalsozialistischen Terminologie schon bedenklich nahe und war mehr als gewöhnlicher nationalprotestantisch-christlicher Antijudaismus. Dibelius dachte und äußerte sich im April 1933 in der Sprache eines explizit völkisch denkenden Deutschnationalen und brachte uneingeschränkte Sympathie für die aktuelle nationalsozialistische Judenpolitik zum Ausdruck.[12]

Der junge Privatdozent der Theologie Dietrich Bonhoeffer indessen dachte anders und erklärte in einem Vortrag jener Tage über die so genannte „Judenfrage“, die Kirche müsse Solidarität mit den Verfolgten üben und habe die Pflicht, einem gewalttätigen Staat notfalls auch in die Speichen zu greifen. Die evangelische Historikerin und Religionslehrerin Elisabeth Schmitz rief in einem besorgten Brief an Karl Barth, den renommierten Bonner Theologen, im April 1933 dazu auf, die Gewissen wach zu rütteln und öffentlich für die verfolgten Juden zu sprechen.[13]

Nun kündigte sich während dieser Wochen allerdings auch öffentlicher Stress an für den noch unverändert amtierenden märkischen Generalsuperintendent. Am 8. März hatte Dibelius ein „vertraulich“ gekennzeichnetes Rundschreiben an die Pfarrer seiner Region gerichtet. Drei Tage nach den letzten Reichstagswahlen verschickt, begrüßte Dibelius hierin den Wahlsieg der Rechtskoalition: Zum ersten Mal seit der Revolution – er meinte damit die Novemberrevolution von 1918 – sei eine parlamentarische Mehrheit von „bewusst nationaler Haltung“ entstanden. „Es werden unter uns nur wenige sein, die sich dieser Wendung nicht von ganzem Herzen freuen.“ Für Kirche und Predigt müsse auch weiterhin gelten, das Evangelium und nur das Evangelium zu predigen, keine menschliche Ideologie. Die Kirche dürfe nicht Hass predigen. Und es dürfe nicht sein, so wandte er sich direkt an die Geistlichen seines Sprengels, dass Pfarrer mit politischen Abzeichen durch die Gemeinde gingen und Gemeindeglieder mit Parteigruß begegneten. Dies war unverkennbar gegen den Vormarsch von DC in Kirche und Pfarrerschaft gerichtet. In seinem Tenor war dieser Rundbrief nichts Neues oder Außergewöhnliches, beileibe kein politischer Angriff auf das neue Regime.[14] Gleichwohl rief das Schreiben heftige Polemiken aus den Reihen der Deutschen Christen hervor, namentlich von Wilhelm Kube, der seit 1928 die NSDAP-Fraktion im Preußischen Landtag leitete und inzwischen zum Oberpräsidenten der Provinz Brandenburg aufgestiegen war.[15] Auf der 1. Reichstagung der DC Anfang April griff er Dibelius wegen dieses Rundbriefs frontal an. Kube hatte die DC mitbegründet und rief bereits seit Jahresbeginn 1932 zur Eroberung der Kirche durch evangelische Nationalsozialisten auf. Seit der Machtübernahme vom Januar 1933 erlebten die DC einen mächtigen Zuwachs, viele Pfarrer in Berlin und Brandenburg schlossen sich dieser völkischen und scharf antisemitischen „Glaubensbewegung“ an.[16] Wenn Dibelius im Umbruchjahr 1933 kirchenpolitischen Stress zu erleiden hatte, dann geschah dies in erster Linie durch den Ansturm dieser innerkirchlichen Glaubensbewegung, die aggressiv auf Absetzung des kompletten Kirchenestablishments drang und die Eroberung der preußischen Landeskirche zum Ziel hatte. Seither gab es diverse Polemiken und Kampagnen gegen Dibelius, der in den Augen Kubes und seiner DC-Glaubensgenossen als prominente Verkörperung der alten Honoratiorenkirche galt. Die Parole lautete in diesen Kreisen seither: Dibelius muss weg.[17]

Aber vorläufig war der kurmärkische Generalsuperintendent noch im Amt und regierte wie gewohnt in seinem Sprengel. Von Pfarrern und Superintendenten kamen wegen der zumeist parteipolitisch motivierten Angriffe der DC etliche Solidaritätserklärungen für Dibelius. Er verfasste weiterhin Kommentare zum politischen Zeitgeschehen. Mit dem allgemeinen Gang der Dinge in der großen Politik war er einverstanden, teilweise sogar begeistert. In seiner „Wochenschau“ von Mitte Mai äußerte er sich mit großer Freude über die nationalsozialistische Umprägung der einst roten 1. Mai-Feiern zum „Tag der nationalen Arbeit“. Er lobt den „Volkskanzler Hitler“ und preist in diesem Zusammenhang das „geniale Organisationstalent eines Mannes, wie es Dr. Goebbels ist.“ Bislang sei der 1. Mai der „Tag des Klassenkampfes“ gewesen. Jetzt hingegen sei es ein Tag aller Stände und Berufe. Und auch die Kirchen, die früher abseits standen, hätten nun durch Gottesdienste mitfeiern können. „Es war ein ungeheurer Umschwung. Und dieser Umschwung ist in erster Linie dem Kanzler Adolf Hitler zu danken.“[18]

Wie alljährlich konnte Dibelius gegen Ende Mai 1933 in Potsdam noch einmal seinen kurmärkischen Kirchentag durchführen. Es war der letzte große Auftritt für den prominenten Kirchenführer. Wie ein umfangreicher Potsdamer Zeitungsbericht zeigt, war das Fest ein die städtische Öffentlichkeit weithin beherrschendes Großereignis. Den Auftakt bildete ein Festgottesdienst in der Garnisonkirche. Die Kirche, so der Bericht, sei bis auf den letzten Platz gefüllt gewesen. Hinter dem Altar hätten die Fahnenträger der nationalsozialistischen Betriebszellen und des Stahlhelm. Bund der Frontsoldaten Aufstellung genommen. Seitlich vom Altar standen die Jungen und Mädchen der evangelischen Jugendbünde mit ihren Wimpeln. Generalsuperintendent Dibelius hielt die Festpredigt über Offenbarung Joh. 3,3 und 11: „Siehe, ich habe vor dir gegeben eine offene Tür, und niemand kann sie zuschließen. (...) Halte was du hast, dass niemand deine Krone nehme.“[19]

„Ausgehend von der historischen Stunde in der Garnisonkirche am 21. März erinnerte der Prediger an die beiden Männer, die in dem Mittelpunkt dieser Stunde gestanden hatten, mit der eine neue Epoche in der Geschichte unseres Volkes begonnen habe. Auch die Kirche ist damit zu neuer Tat aufgerufen. Der Kanzler habe davon gesprochen, dass die Entgiftung des deutschen Volkslebens Vorbereitung für tiefe religiöse Einkehr sei. Damit ist der Kirche ihr Dienst gewiesen. Die Vorbereitung hat begonnen. Der Schmutz von den Straßen, der vergiftende Klassenhaß ist weithin von der Seele entfernt. Viele Kinder erhalten zum erstenmal Religionsunterricht in der Schule, viele Erwachsene haben in diesen Tagen zum erstenmal seit langer Zeit wieder einmal den Fuß in ein Gotteshaus gesetzt. Das ist die Vorbereitung. Gott hat uns damit von neuem eine offene Tür gegeben.“

Weiter referiert der Bericht die Predigt: Gottes Befehl an uns laute, durch diese offene Tür solle die evangelische Kirche hindurchgehen. Sie, die Kirche, habe etwas zu bringen, was kein anderer hat: den Glauben. Einigkeit des Glaubens müsse von Gott geschaffen werden. Das Volk werde im Glauben einig, wo es sich unter das ganze Evangelium stelle. Dieses Evangelium, so betonte der Prediger, haben wir in der Sprache zu sagen, die der heutige Mensch versteht. Das zweite, was wir beim Eingang durch die offene Tür zu sagen haben, sei das „Geheimnis des Gebets“. „Das ganze Evangelium, das Geheimnis des Gebetes und die Kraft der dienenden Liebe sei der Kirche heiliger Dienst am Volk. Kirche, halte was du hast, dass niemand deine Krone nehme!“

Im Anschluss folgte eine Jugendkundgebung vor dem Stadtschloss. Mit Fahnen und Wimpeln, so der Bericht, marschierten evangelische Jungmänner- und Mädchengruppen und Hitler-Jugend vor der Rampe auf. In Anwesenheit von Dibelius sprach Pfarrer Friedrich Peter zur evangelischen Jugend. Peter, das sei hier eingefügt, war ein prominenter DC-Theologe, er gehörte der Glaubensbewegung seit ihrer Gründung 1932 an und war Mitglied ihrer Reichsleitung.[20] Peter verkündete der evangelischen Jugend: Volksgemeinschaft und Evangelium seien uns von Gott geschenkt. Wir stehen heute zum Führer, der uns von der Dämonie des Bolschewismus befreit habe. Aber wir stehen auch zum Evangelium. Nur so könne Gott auf Dauer seinen Segen dazu geben. Am Nachmittag schloss sich ein Jugendgottesdienst in der wiederum überfüllten Nikolaikirche an. In seiner Ansprache habe Generalsuperintendent Dibelius die Entscheidungsfrage gestellt: „Invalidenstraße oder Siegesallee? Alles Leben sei Kämpfen, Volksleben wie Einzelleben. Gott will nicht, dass es in Niederlagen stecken bleibe und zur Invalidenstraße werde, sondern dass es sich immer wieder zum Siege durchringe und so zur Siegesallee werde.“[21]

Eine tiefe Zäsur bedeutete die Einsetzung von August Jäger als Staatskommissar für den Bereich sämtlicher evangelischer Landeskirchen Preußens durch den preußischen Kultusminister Bernhard Rust am 24. Juni. Jäger stammte aus einem hessischen Pfarrhaus, war Jurist, und zweifellos war er ein ganz extremer Voll-Nazi. In seiner vorübergehenden Funktion als Staatskommissar betätigte er  sich als radikaler Erfüllungsgehilfe für die DC-Bewegung bei ihrer Eroberung der Kirchen. Auf seine Anordnung hin wurden sämtliche kirchlichen Körperschaften von den Gemeindekirchenräten bis zu den Synoden aufgelöst. In den bestehenden Leitungsorganen (Oberkirchenrat; Konsistorien) büßten die meisten Theologen ihre Positionen ein und wurden durch DC-Theologen ersetzt. Auch die preußischen Generalsuperintendenten, faktische Regionalbischöfe, sahen sich von heute auf morgen suspendiert. Das war ein veritabler coup d’état, ein Staatsstreich in der Kirche, der mit einem Schlag das Einrücken zahlreicher DC-Theologen in die kirchlichen Leitungsämter ermöglichte und damit eine Art kirchenpolitische Gleichschaltung der Institution mit dem NS-Regime vollzog. Unmittelbar nach Abschluss der Verhandlungen über eine neue Reichskirchenverfassung (12. Juli) dekretierte das Innenministerium für den 23. Juli 1933 Neuwahlen der kirchlichen Körperschaften. Bei dieser letzten Kirchenwahl im „Dritten Reich“ standen nur noch zwei Listen zur Wahl: „Deutsche Christen“ und eine oppositionelle Gruppierung namens „Evangelium und Kirche“. Bei dieser Wahl votierten zwei Drittel bis drei Viertel der Kirchenwähler für die DC. Das war ein entscheidender Schritt bei der deutschchristlichen Eroberung der Kirchen. Die vom evangelischen Kirchenvolk selbst gewählten DC-Majoritäten sollten sich zukünftig als schwere Hypothek erweisen. In der preußischen Landeskirche bereiteten sie die Spaltung und die schweren Kirchenkämpfe der Folgejahre vor.[22]

Nach Beendigung des Einsatzes von Staatskommissar Jäger am 14. Juli wurde die Suspendierung der Generalsuperintendenten aufgehoben. Dibelius konnte noch einmal für einige Wochen seine Amtsgeschäfte wieder aufnehmen, aber er hatte faktisch keine Macht mehr. Im Evangelischen Oberkirchenrat und Konsistorium der Mark Brandenburg gaben nun radikale DC den Ton an. In dieser für ihn prekären Situation verfasste er am 26. Juli 1933 ein 13 Seiten umfassendes Schreiben an die neue DC-Kirchenleitung. Neben seiner Predigt am „Tag von Potsdam“ handelt es sich um die zweite herausragende Wortmeldung von Dibelius im Jahr 1933. Robert Stupperich in seiner apologetischen Dibelius-Biografie von 1989 übergeht dieses Dokument völlig, Hartmut Fritz in seiner Dibelius-Studie von 1998 würdigt dieses Statement nur unzureichend.[23] Dieses Schriftstück zeigt, wie schon die Potsdamer Predigt vom 21. März, Dibelius in seiner schwankenden und ambivalenten Haltung in der Entscheidungssituation von 1933.[24]

Es sei doch ein untragbarer Zustand, so beklagt sich Dibelius eingangs, dass ein Generalsuperintendent in einer Kirche, die ein freudiges Bekenntnis zum neuen Staat abgelegt habe, als politisch unzuverlässig gelte. Hier bedürfe es jetzt der Klärung. Dibelius rekapitulierte sodann verschiedene Angriffe durch einige DC-Theologen gegen seine Person, in seinen Augen eine gezielte Kampagne, um ihn politisch in Verruf zu bringen. Um diese unlauteren Angriffe zu korrigieren, wolle er nun seine tatsächliche Haltung klarstellen. Hinsichtlich seiner politischen Einstellung während der Weimarer Republik, so meinte er jetzt gegenüber der deutschchristlichen Kirchenleitung, sei ihm wenig vorzuhalten. „Ich bin als junger Student Mitglied des Vereins Deutscher Studenten geworden und habe schon während meiner Studentenzeit im Kampf gegen Judentum und Sozialdemokratie gestanden. [...] Dieser Haltung meiner Jugendtage bin ich ohne Schwanken treu geblieben bis zu dieser Stunde. [...] Wie eine Nachprüfung meiner Aufsätze ergibt, bin ich vom Standpunkt des Evangeliums aus unablässig für den Satz eingetreten, dass es ohne eine neue Macht für Deutschland kein Recht und keinen Frieden auf der Welt geben könne.“[25] Dann sei mit dem 30. Januar der Anbruch des neuen NS-Staates gekommen:[26]

„Ich habe die Aufgabe und die Ehre gehabt, diesen Staat im Gottesdienst der Nikolai-Kirche in Potsdam am 21. März von der Kanzel her zu grüssen. Die Predigt ist gedruckt. Sie beginnt mit einer Parallele zwischen dem 4. August 1914 und dem 21. März 1933. Sie versucht, für die grosse Stunde das Evangelium freudig aber auch ernst zu sagen. Sie bekennt sich zu einem Geist, der die Grösse des Vaterlandes mit Entschlossenheit will. Nach dem Schluss des Gottesdienstes reichte mir der jetzige preussische Ministerpräsident Goering mit einem warmen Wort des Dankes die Hand. Ebenso der Reichsaussenminister. Kurze Zeit darauf sprach ich auf Bitten des Reichsministers Goebbels zusammen mit Bischof Dr. Nuelsen auf dem Kurzwellensender nach Amerika, um den neuen Staat gegenüber der Greuelpropaganda des Auslandes zu verteidigen. Die Rede schloss mit einem Appell an die Deutsch-Amerikaner, freudig zu glauben, dass das deutsche Volk sich selbst wiedergefunden habe und am Anfang einer neuen Epoche stehe.“

Der Glaubensbewegung Deutsche Christen habe er zwar kritisch gegenüber gestanden, zugleich habe er jedoch auch versucht, „mit der Bewegung in Fühlung zu kommen“ und ihr den Weg zu fruchtbarer kirchlicher Arbeit zu öffnen. In diesem Sinne habe er schon vor Monaten Bundespfarrer Friedrich Peter – einem führenden DC-Pfarrer – angeboten, zu einer verantwortlichen Mitarbeit bei seiner Generalsuperintendentur einzutreten.[27] Ferner habe er  Wehrkreispfarrer Ludwig Müller, dem Reichsbischofkandidaten der DC, das große Referat auf dem diesjährigen kurmärkischen Kirchentag Ende Mai angeboten.[28] Überdies habe er Peter zur Mitarbeit im Religionspädagogischen Institut, das seiner Leitung unterstehe, heranziehen lassen. Er habe damit, schreibt Dibelius Ende Juli 1933, zukunftsträchtigen Bewegungen, soweit sie auf dem Grund des Evangeliums stehen, den Weg zu fruchtbarer Entfaltung geben wollen. Im Rhythmus und in den Zielen ihrer Arbeit habe er vieles gefunden, „was meiner eigenen Art und meinen eigenen Zielen“ entspreche, namentlich „das Kämpferische“ und der Wille zu volksmissionarischer Arbeit. Die Losungen, sagt Dibelius, die er Jahr für Jahr der kirchlichen Arbeit der Kurmark gegeben habe, atmeten alle diesen Geist. „Immer wieder habe ich mir und anderen die Frage vorgelegt, ob meine Art der Arbeit dem Wollen der ‚Deutschen Christen’ nicht derartig verwandt sei, dass ein gegenseitiger Streit weder innerlich berechtigt, noch kirchlich tragbar sei.“ Schließlich sei es dann im Laufe des Jahres 1933 der „grösste Schmerz meines Lebens“ gewesen, bekennt Dibelius, dass durch die Einsetzung des Staatskommissars zwischen dem Staat, „dem ich mit freudiger Hingebung zu dienen bereit bin“, und zwischen der Kirche der Konflikt ausbrach, in dem er Stellung für die Kirche habe beziehen müssen. Gegen Ende seines umfangreichen Schreibens wünschte Dibelius eine Verständigung darüber herbeizuführen, wie es mit der Fortführung seines Amtes oder der Überleitung in ein anderes Amt werden solle. Er sei auch zum Martyrium bereit. Ihm gehe es allein um die Kirche. Es dürfe nicht sein, dass die Agitation eines kleinen Kreises einen Generalsuperintendenten ohne Weiteres aus seinem Amt entfernen und ihn auf Dauer diffamieren könne.[29]

Die DC in den neuen Kirchenleitungen reagierten auf Dibelius’ Anfrage über seine weitere kirchliche Verwendung nicht. Salopp formuliert könnte man sagen: Seit Ende Juli 1933, seit dem für die DC triumphalen Ergebnis der Kirchenwahlen, war der einst mächtige, einflussreiche Generalsuperintendent Dibelius kirchenamtlich und kirchenpolitisch weg vom Fenster. Die große innerprotestantische Welle der DC-Bewegung, die bereits 1932 einsetzte, war über ihn hinweggerollt und hatte ihn beiseite geschoben. Dibelius beantragte, noch als Generalsuperintendent, zunächst einen fünfwöchigen Urlaub bis Anfang September. Die neue preußische Generalsynode vom 5.-6.      September, wegen ihrer starken DC-Majoritäten auch „braune Synode“ genannt, beschloss die Anwendung des Arierparagrafen im Kirchenbereich. Die Leitungsposition der Generalsuperintendenten wurde abgeschafft. Stattdessen setzten die DC-Synodalen für die preußische Landeskirche Bischofsämter ein, die fast komplett mit DC-Führern besetzt wurden. Dibelius erhielt noch im September sein vom künftigen Reichsbischof Ludwig Müller unterzeichnetes Entlassungsschreiben. Er war nun in den vorzeitigen Ruhestand versetzt, erhielt jedoch die seiner hohen Position und Dienstzeit entsprechenden Altersbezüge.[30]

Man fragt sich, was machte der einst so gut vernetzte, umtriebige, mächtige preußische Kirchenführer während der zweiten Jahreshälfte 1933? Über administrativen kirchlichen Einfluss verfügte er nicht mehr. Auch gingen seine öffentlichen Verlautbarungen wie Vorträge, Zeitungsartikel etc. zurück. Bei den ersten Schritten zur Herausbildung einer Kirchenopposition gegen die Vorherrschaft der DC spielte er kaum eine Rolle. Das gilt für die Phase der Kirchenwahlen im Juli, wo er in der oppositionellen Gruppe „Evangelium und Kirche“ nicht in Erscheinung trat. Das gilt auch für die turbulenten Tage nach der preußischen Generalsynode, als sich in Berlin um die Pfarrer Gerhard Jacobi und Martin Niemöller der Pfarrernotbund gründete, um gegen die Einführung des Arierparagrafen in der Kirche zu protestieren. Dibelius war ins kirchenpolitische Abseits geraten und gehörte offensichtlich nicht zu den Pionieren einer frühen Kirchenopposition, wozu in Berlin-Brandenburg namentlich Niemöller und Jacobi, ferner der Spandauer Superintendent Martin Albertz, der junge Bonhoeffer und dessen Freund Franz Hildebrandt gehörten, darüber hinaus insbesondere der in Bonn lehrende reformierte Theologe Karl Barth.

Nach Wochen der Ungewissheit und des Abwartens zeichnete sich eine überraschende, wenn auch befristete neue Aufgabe im Ausland ab: Kurprediger in San Remo. Das war gewiss keine Stellung, die den Ansprüchen eines so ambitionierten Kirchenführers wie Dibelius angemessen war. Aber es scheint doch, dass diese Idee im Herbst 1933 seinen eigenen Wünschen nach einer kirchenpolitischen Auszeit und Denkpause entgegenkam. Wie kam es dazu? Helene Dibelius, Frau des Dresdener Oberhofpredigers Franz Dibelius – einem Onkel von Otto Dibelius – , bat am 11. Oktober 1933 Hermann Göring, seinen Einfluss für eine weitere kirchliche Verwendung des pensionierten Generalsuperintendenten geltend zu machen. So entstand das Projekt, Dibelius auf die vakante Stelle des Kurpredigers in Italien zu entsenden. Vermittelt wurde diese Berufung durch die neu gegründete Reichskirche unter Reichsbischof Müller, konkret durch das zuständige kirchliche Außenamt unter Leitung von Theodor Heckel. Zum 1. Dezember 1933 trat der Ruheständler Dibelius sein auf sechs Monate befristetes Amt als Kurprediger in San Remo an.[31]

Wie verbrachte der umtriebige Kirchenführer sechs Monate abseits des deutschen Kirchenkampfes an der italienischen Riviera? Die Quellenlage ist dünn. Einige Kopien, die ich jetzt von der Gemeinde in San Remo erhielt, geben immerhin etwas Aufschluss. Demnach hatte Pfarrer Eugen Lessing aus Florenz, zugleich Vertrauensmann der evangelischen Gemeinde San Remo, bereits Ende September 1933 bei der Kirchenleitung in Berlin den Wunsch geäußert, den ausgemusterten Generalsuperintendent nach San Remo zu entsenden. Dibelius’ Gemeindetätigkeit, so zeigen die Unterlagen, trug durch Gottesdienste und Vorträge zu einer spürbaren Belebung bei. Nebenher verfasste Dibelius Jugenderinnerungen und bereitete ein kirchliches Andachtsbuch vor, das bald darauf in vielen Auflagen bei Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen erscheinen sollte.[32] Als sein Aufenthalt im April-Mai 1934 dem Ende zuging, bat die Gemeinde um eine Verlängerung des Auftrags für Dibelius. In einem ausführlichen Schreiben vom 27. Mai 1934, also kurz vor seiner geplanten Rückkehr, erklärte hierzu Dibelius: Er habe inzwischen nicht den Eindruck, dass seine Heimatkirche gewillt sei, ihn noch einmal in eine verantwortliche Mitarbeit zu berufen. Eine endgültige Übersiedlung nach San Remo wolle indessen überlegt sein. Sechs Monate im Hotel seien schon reichlich gewesen, zum zweiten Mal für sechs Monate auf seine Bücher zu verzichten, das wäre ihm ein großes Opfer. Die Einnahmen der Gemeinde seien während seiner Tätigkeit gestiegen. 400 M. könnte sie wohl für sein Pfarrgehalt aufbringen, bei guter Saison ließe sich noch „dies und das aus den Kurgästen herausholen“. Er wäre zu einer Verlängerung bereit, wenn die Kirchenregierung wieder zu gleichen Bedingungen zustimmen würde. Allerdings betrage die Differenz zwischen seinem derzeitigen Gehalt und seiner Pension doch viel mehr, als bisher zusätzlich für seinen Einsatz aufgewandt worden sei. Es sei ihm zweifelhaft, ob die Pensionskassen höhere Beträge als bisher erneut bezahlen wollten.[33]

Am 3. Juni 1934 kehrte Dibelius nach Berlin zurück. Im evangelischen Kirchenkampf in der Heimat waren inzwischen die Würfel gefallen. Auf den großen Ansturm der DC im Jahr 1933, der sie an die Spitze einer neu gebildeten Reichskirche und in allen Landeskirchen in die Kirchenleitungen gebracht hatte, antwortete die Kirchenopposition mit Gründung des Pfarrernotbunds (September 1933), mit dem Zusammentritt freier Bekenntnissynoden seit Jahresbeginn 1934 und schließlich mit der 1. Reichsbekenntnissynode Ende Mai, die mit der Barmer Theologischen Erklärung die wegweisende Magna Charta der Kirchenopposition gegen die DC verabschiedete. Dibelius war nicht dabei gewesen. Er war abwesend, als das Haus der Kirche lichterloh brannte, und er kam zurück, als sich die Fronten geklärt hatten. Seine Performance während des Entscheidungsjahrs 1933 zerfällt in zwei Hälften. Im ersten Halbjahr zeigte er sich erfreut über das Ende von Weimar und den politischen Systemwechsel, beharrte auf kirchlicher Eigenständigkeit und versuchte, durch völkische wie antisemitische Statements auch mit den volksmissionarischen DC „in Fühlung“ zu bleiben. Exemplarischer Beleg dafür ist seine Gestaltung des Kurmärkischen Kirchentags Ende Mai 1933 in Potsdam. Auch sein von Anbiederung nicht freier Brief an die neue DC-Kirchenführung vom 27. Juli um weitere Verwendung belegt eine solche Haltung. Aber die DC gingen darauf nicht ein. Im Erfolgsgefühl ihrer neuen kirchlichen Macht servierten sie den Generalsuperintendenten, der die alte Kirche repräsentierte, schlichtweg ab.

In der zweiten Jahreshälfte 1933 war Dibelius unübersehbar ins kirchenpolitische Abseits geraten. Administrative Macht hatte er nicht mehr. Bei den ersten Schritten der Entstehung einer Kirchenopposition gegen die völkische Umprägung der Kirche war er nicht dabei. Offenbar hatte er nun erheblichen persönlichen Klärungsbedarf. Dibelius nahm eine Auszeit und legte eine halbjährliche Denkpause in San Remo ein. Als er dann im Juni 1934 zurückkehrte, hatte er keine Wahl mehr. Er folgte nun dem Ruf seines Oranienburger Pfarrers Kurt Scharf und half beim Aufbau einer BK im Raum Brandenburg.

Genugtuung über den politischen Wechsel von der Weimarer Demokratie zum völkischen NS-Regime sowie Zögerlichkeit und Schwanken in der kirchenpolitischen Entscheidungssituation prägten sein Verhalten in dem Jahr, als Hitler die Macht erlangte.


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[1] Wichtigste biografische Studien zu Dibelius sind: Robert Stupperich, Otto Dibelius. Ein Bischof im Umbruch der Zeiten, Göttingen 1989; Hartmut Fritz, Otto Dibelius. Ein Kirchenmann in der Zeit zwischen Monarchie und Diktatur, Göttingen 1998.
[2] Zur DNVP und zum „Kabinett der nationalen Konzentration“: Thomas Mergel, Das Scheitern des deutschen Tory-Konservatismus. Die Umformung der DNVP zu einer rechtsradikalen Partei 1928-1932, in: HZ 276, 2003, S. 323-368; Volker Ullrich, Adolf Hitler. Die Jahre des Aufstiegs, Frankfurt am Mai 2013, S. 387-420.
[3] Zu kirchlichen Befindlichkeiten unmittelbar nach Hitlers Machtantritt: Klaus Scholder, Die Kirchen und das Dritte Reich. Bd. 1: Vorgeschichte und Zeit der Illusionen 1918-1934, Frankfurt am Main/Berlin 1977, S. 277-299; für Berlin: Manfred Gailus, Protestantismus und Nationalsozialismus. Studien zur nationalsozialistischen Durchdringung des protestantischen Sozialmilieus in Berlin, Köln/Weimar/Wien 2001, S. 89-115.
[4] Vgl. hierzu Scholder, Die Kirchen, Bd. 1, S. 299 (dort auch das Zitat).
[5] Vgl. Otto Dibelius, Sonntagsspiegel, in: Der Tag, 5.3.1933; hier zit. nach Stupperich, Dibelius, S. 203.
[6] Diese Darstellung nach: Matthias Grünzig, Für Deutschtum und Vaterland. Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert, Berlin 2017, S. 148-159.
[7] Zum Gottesdienst in der Nikolai-Kirche: Grünzig, Für Deutschtum, S. 165-167; Dokumentation des Predigttextes: Otto Dibelius, „Ein Reich, ein Volk, ein Gott“, in: Das Evangelische Deutschland, Nr. 13, 26.3.1933.
[8] Wortlaut der Rede Hitlers: Adolf Hitler, Rede bei der Eröffnung des neu einberufenen Reichstags, 21. März 1933, in: Verhandlungen des Reichstags. VIII. Wahlperiode 1933, Bd. 457, Berlin 1934, S. 6-10; der Bericht Dibelius in: Otto Dibelius, Wochenschau, in: Berliner Evangelisches Sonntagsblatt vom 2.4.1933.
[9] Vgl. Wolfgang Gerlach, Als die Zeugen schwiegen. Bekennende Kirche und die Juden, Berlin 1987, S. 40 f. (nach einem Bericht des „Reichsanzeigers“ vom 6.4.1933).
[10] Otto Dibelius, Wochenschau, in: Berliner Evangelisches Sonntagsblatt 55, Nr. 15, 9.4.1933.
[11] Ebd.
[12] Zu Antisemitismus bei Dibelius s. Gerlach, Bekennende Kirche, S. 40-43.
[13] Zu Bonhoeffers Vortrag bzw. Artikel „Die Kirche vor der Judenfrage“ s. Scholder, Die Kirchen 1, S. 350-352; zum Brief Elisabeth Schmitz an Barth s. Manfred Gailus, Mir aber zerriss es das Herz. Der stille Widerstand der Elisabeth Schmitz, Göttingen 2010, S. 84 f.
[14] Zum Rundbrief s. Scholder, Die Kirchen 1, S. 293-295 (Zit. ebd.).
[15] Wilhelm Kube (1887-1943), geb. in Glogau (Schlesien), studierte Geschichte, Staatswissenschaften und Theologie; er gehörte der völkischen Bewegung an, seit 1924 Reichstagsabgeordneter, seit 1928 Mitglied der NSDAP und Gauleiter der Ostmark bzw. Kurmark; seit 1933 Oberpräsident der Provinz Brandenburg. Seit 1941 Generalkommissar Weißrussland, 23.9.1943 durch Bombenanschlag einer Partisanin getötet.
[16] Zum Vormarsch der DC in der Region: Gailus, Protestantismus und Nationalsozialismus, S. 89-122.
[17]  Vgl. Stupperich, Dibelius; Fritz, Dibelius.
[18] Vgl. Otto Dibelius, Wochenschau, in: Berliner Evangelisches Sonntagsblatt 55, Nr. 20, 14.5.1933.
[19] Vgl. Potsdamer Tageszeitung vom 29.5.1933; dort auch die weiteren Zitate.
[20] Friedrich Peter: geb. 1892 Merseburg; aktiver Kriegseinsatz, nach dem Theologiestudium Ordination 1921; seit 1926 Pfarrer an der Segenskirche Berlin, 1927 Bundespfarrer der Ostdeutschen Ev. Jungmännervereine; 1.4.1933 NSDAP; 1932 Mitbegründer der DC und Mitglied der 1. Reichsleitung, Referent für Jugendfragen; 1933 Berufung zum OKR im EOK und Bischof für die preußische Kirchenprovinz Sachsen mit Amtssitz in Magdeburg;  1936 Abberufung und Domprediger Domgemeinde Berlin.
[21] Nach dem Bericht in: Potsdamer Tageszeitung vom 29.5.1933.
[22] Zu diesen kirchengeschichtlich dramatischen Wochen im Juni und Juli 1933 s. Scholder, Die Kirchen 1, S. 422-481.
[23] Vgl. Stupperich, Dibelius; Fritz, Dibelius.
[24] Vgl. EZA, Bestand 50, Nr. 483, Scharf/Pfarrernotbund 1933; Schreiben Der Generalsuperintendent der Kurmark, Berlin-Steglitz 26.7.1933 an den EOK und das provisorische Geistliche Ministerium, Bl. 65-71.
[25] Ebd., S. 7.
[26] Ebd., S. 8 f.
[27] Zu Peter s. Anm. 20.
[28] Ludwig Müller: geb. 1883 Gütersloh, nach Theologiestudium Ordination 1908?, 1914—18 Marinepfarrer Wilhelmshaven, 1920 Garnisonkirche Cuxhaven, 1926 Wehrkreispfarrer Königsberg und früher Förderer Hitlers; 1931 NSDAP, seit April 1933 als Bevollmächtigter Hitlers für ev. Kirchen nach Berlin; August 1933 preußischer Landesbischof; seit September 1933 Reichsbischof; nach dem kirchenpolitischen Scheitern seit Herbst 1934 Prediger und Vortragsreisender mit Titel Reichsbischof; verstorben 1945.
[29] Die weiteren Zit. ebd., S. 10, S. 13.
[30] Vgl. hierzu Stupperich, Dibelius, S. 209-219; und Fritz, Dibelius, S. 427-429.
[31] Vgl. hierzu Fritz, Dibelius, S. 427 f.
[32] Es handelt sich um: Otto Dibelius, Heimkehr zum Wort. Ein Andachtsbuch aus der bekennenden Kirche, Göttingen 1934. Vgl. hierzu Stupperich, Dibelius, S. 220-223.          
[33] Vgl. Der Generalsuperintendent der Kurmark a. D. in San Remo am 27.5.1934 an Pfarrer Lessing in Florenz, in: Kirchenarchiv San Remo.


Videodokukmentaion der Tagung „Gott mit uns!“

Die Potsdamer Garnisonkirche, deren Kirchturm gegenwärtig wieder aufgebaut wird, steht nach Ansicht der Bauherr*innen für „christlich verantwortetes Handeln für die Gemeinschaft, für die Verbindung von christlichem Glauben und ‚preußischen Tugenden.‘“ Was ist damit gemeint? Und ist die Begründung für die Wiedererrichtung der Garnisonkirche als nationaler Erinnerungsort der Bundesrepublik Deutschland überzeugend? Das Symposium erörtere die Frage nach dem Zusammenhang von Nationalismus und Protestantismus . Kann der „Mythos Preußen“ auch unter demokratischen Bedingungen eine Rolle spielen und inwieweit kommt in ihm nationalprotestantisches Gedankengut zum Tragen?

Hier auf dieser Website ist die Veranstaltung einschließlich der Diskussionen im Videoformat dokumentiert. Im Jahr 2022 werden die Vortragsmanukripte als epd-Dokumentation publiziert. Alle Vorträge sind in Textform publiziert als Epd-Dokumentation 5-6/23: »Gott mit uns!« – Das schwierige Erbe des Nationalprotestantismus, herausgegeben von Horst Junginger, Philipp Oswalt und Andreas Pangritz. 84 Seiten , 6,80 €, Bestellung der Printausgabe per Email: kundenservice@epd.de

Videodokumentation

class="" width="720" height="405" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen" allowtransparency="true" scrolling="no">"> Begrüßung: Manfred Karg, Horst Junginger, Renata Schmidtkunz

Die Ehe von Thron und Altar

Die protestantische Kirche legitimierte erst in Preußen und dann im Deutschen Reich die monarchische Herrschaft als gottgegeben. Kirche, Staat und Militär gingen eine enge Verbindung ein. Gemeinsam galt ihnen das Christentum als Motivation und Begründung von Kriegen und eines übersteigerten Nationalismus.

13.50 Uhr       Tillmann Bendikowski: Gottes Krieger und der Glaube an die Unbesiegbarkeit

14.30 Uhr       Karsten Krampitz: Der Nationalprotestantismus als preußische Erbschaft

15.00 Uhr       Diskussion

15.30 Uhr       Pause

Nationalismus und Rassismus im Namen Christi

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts propagierte der deutsche Nationalprotestantismus völkisches, antisemitisches und antidemokratisches Ideengut. Darauf aufbauend legitimierte der preußische Generalsuperintendent Otto Dibelius mit seiner Predigt zum Tag von Potsdam die nationalsozialistische Machtergreifung seitens der evangelischen Kirche.

15:50 Uhr       Andreas Pangritz: Die Auseinandersetzung zwischen Otto Dibelius und Karl Barth

16.20 Uhr       Manfred Gailus: Otto Dibelius und der Nationalsozialismus

16:50 Uhr       Diskussion

17:20 Uhr       Pause

17.40 Uhr       Agnieszka Pufelska: Antipolonismus

18.10 Uhr       Micha Brumlik: Antisemitismus

18.40 Uhr       Pause

Das schwierige Erbe des Nationalprotestantismus

Die Garnisonkirche Potsdam war das bedeutendste Symbol des Nationalprotestantismus. Wie geht ihr begonnener Wiederaufbau mit diesem Erbe um?

19.00 Uhr       Eingangsstatements Wolfgang Huber und Hajo Funke, Abenddiskussion mit Podium: Wolfgang Huber, Hajo Funke, Micha Brumlik, Agnieszka Pufelska, Christan Staffa, Moderation: Renata Schmidtkunz

Samstag, 2. Oktober

Militärseelsorge im Konflikt

Seit der Entstehung des deutschen Reiches predigten Militärpfarrer Gehorsam und Gewalt, zelebrierten Krieg und Heldentod. Die Wiedereinführung der Militärseelsorge ab 1957 führte zu grundsätzlichen Kontroversen, die nach der Wiedervereinigung 1990 erneut aufbrachen.

10:00 Uhr       Hermann Düringer: Militärseelsorge in den Kolonialkriegen in China und Deutsch-Südwest  

10.30 Uhr       Dagmar Pöpping: Wehrmachtsseelsorge und der Krieg gegen die Sowjetunion

11:00 Uhr       Angelika Dörfler-Dierken: Militärseelsorge in der Bundeswehr

11.30 Uhr       Diskussion, Moderation: Renata Schmidtkunz

12.30 Uhr       Mittagspause

Rechtes Christentum und Staatsräson

Der Nationalprotestantismus positionierte sich bereits im Kaiserreich gegen Liberalismus, Demokratie und Sozialismus. Nach 1945 fiel es der evangelischen Kirche schwer, sich mit ihren eigenem Erbe kritisch zu befassen, während die Neue Rechte versucht, diese antidemokratischen Traditionen wiederzubeleben.

13.30 Uhr       Horst Junginger: Antikommunismus und Antisäkularismus im Wandel der politischen Systeme

14.00 Uhr       Tetyana Pavlush: Vergangenheitsbewältigung in der evangelische Kirche nach 1945

14.30 Uhr       Philipp Oswalt: Nationalprotestantismus in der Neuen Rechten

15.00 Uhr       Diskussion, Kommentar: Jörg Müller, Moderation: Renata Schmidtkunz

16.00 Uhr       Pause

Christliche Nationalsymbole heute

Auch heute noch versteht sich der deutsche Staat als christlich geprägt. Dazu gehört, dass mit nationalen Bauprojekten wie der Garnisonkirche Potsdam oder der Kuppel des Berliner Schlosses Nationalsymbole rekonstruiert werden, welche ganz bewusst christliche Werte verkörpern sollen.

16.30 Uhr Impulsstatement Eckart Conze, Gesprächsrunde mit Eckart Conze, Annette Leo, Wieland Niekisch, Philipp Oswalt, Moderation: Renata Schmidtkunz

18:00 Uhr Schlusswort: Micha Brumlik

Veranstalter:
Martin-Niemöller-Stiftung e.V.,
in Kooperation mit der Universität Kassel,
unterstützt von der Bundeszentrale für politische Bildung

Teilnehmerinnen :

  • Dr. Tillmann Bendikowski: Freischaffender Historiker und Publizist, Hamburg
  • Prof. Dr. Micha Brumlik: Erziehungswissenschaftler (Seniorprofessor an der Universität Frankfurt a.M.)
  • Prof Dr. Angelika Dörfler-Dierken: Kirchenhistorikerin, Universität Hamburg
  • Prof. Dr. Eckart Conze: Historiker, Philipps-Universität Marburg
  • Dr. Hermann Düringer, Theologe, Leiter der evangelischen Akademie Arnoldshain a.D.
  • Prof. Dr. Hajo Funke: Politikwissenschaftler, Prof. em., Freie Universität Berlin
  • Prof. Dr. Manfred Gailus: Historiker, Technische Universität Berlin
  • Prof. Dr. Wolfgang Huber: Evangelischer Theologe, ehemaliger Ratsvorsitzender der EKD und Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Prof. em. Universität Heidelberg
  • Prof. Dr. Horst Junginger: Religionswissenschaftler, Universität Leipzig
  • Dr. Karsten Krampitz: Historiker, Berlin
  • Dr. Annette Leo, Historikerin, Berlin
  • Jörg Müller, Leiter des Verfassungsschutz Brandenburg
  • Dr. Wieland Niekisch, Historiker, Stadtverordneter Potsdam (CDU), Leiter des Zentrum für Zeitgeschichte der Polizei an der Hochschule der Polizei des Landes Brandenburg
  • Prof. Philipp Oswalt, Architekturwissenschaftler, Universität Kassel
  • Prof. Dr. Andreas Pangritz: Evangelischer Theologe, Universität Bonn
  • Dr. Tetyana Pavlush: Historikerin, Cardiff University
  • Dr. Dagmar Pöpping: Historikerin, Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Kirchliche Zeitgeschichte, München
  • Renata Schmidtkunz, Evangelische Theologin, Journalistin und Filmemacherin, Wien
  • Dr. Christian Staffa: Evangelischer Theologe, Antisemitismus-Beauftragter der EKD, Studienleiter der Evangelischen Akademie zu Berlin

Zum Thema der Tagung

Exemplarisch für die Thematik ist die Person Otto Dibelius, einem der einflussreichsten Kirchenpolitiker Deutschlands im 20. Jahrhundert. Von 1925 - 1933 war er Generalsuperintendent der Kurmark und seit 1945 Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg. Von 1949 bis 1961 amtierte er zudem als Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und stand in dieser für die Entwicklung der Kirche entscheidenden Zeit an der Spitze des deutschen Protestantismus. In seiner fast sechzigjährigen kirchlichen Karriere durchlief Dibelius in vier politischen Systemen nahezu alle Stationen eines preußisch-deutschen Kirchenführers. Abgesehen von seinen vielfältigen kirchlichen Ämtern trat Dibelius als produktiver und streitbarer Publizist in Erscheinung. Er nahm in einer Vielzahl an Predigten, Büchern, Aufsätzen und Verlautbarungen Stellung zu theologi­schen und kirchlichen Streitfragen und zum politischen Zeitgeschehen. Spätestens seit der Veröffentlichung seines epochemachenden Buches Das Jahrhundert der Kirche (1926) wurde er in der Öffentlichkeit als wichtige Stimme des deutschen Protestantismus wahrgenommen. Die zwischen ihm und dem reformierten Schweizer Theologen Karl Barth geführte Auseinandersetzung zeugt von seiner starken Präsenz in der kirchlich-konserva­tiven Öffentlichkeit. Dibelius war für lange Zeit die dominante Führungspersönlichkeit der evangelischen Kirche, so dass es nicht zu hoch gegriffen ist, ihn als eine protestantische Jahrhundertfigur zu bezeichnen.

Was die nationalsozialistische Machtergreifung und den Tag von Potsdam betrifft, charakterisierte sich die Haltung von Dibelius durch eine sowohl politische als auch theologische Zweideutigkeit. Einerseits befürwortete er die Überwindung der „Gottlosenrepublik“ von Weimar durch das NS-Regime. Die gewaltsame Ausschaltung der politischen Gegner nannte er legitim und notwendig. Von Martin Luther habe die Kirche gelernt, dass sie der staatlichen Gewalt nicht in den Arm fallen dürfe, „wenn sie tut, wozu sie berufen ist. Auch dann nicht, wenn sie hart und rücksichtslos schaltet.“ Wie er am 21. März 1933 in der Potsdamer Nikolaikirche weiter ausführte, sei durch die Gnade Gottes nun eine neue Zukunft für Deutschland angebrochen. Der Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April stieß ebenfalls auf die „volle Sympathie“ von Dibelius: „Man kann nicht verkennen, dass bei allen zersetzenden Erscheinungen der modernen Zivilisation das Judentum eine führende Rolle spielt.“ Und selbst 1965 konnte er in einem Brief an den Theologen Wolfgang Gerlach nichts Falsches an seiner damaligen antijüdischen Einstellung erkennen.

Auf der anderen Seite machte Dibelius auch während des Dritten Reiches keinen Hehl daraus, dass seine politische Präferenz einer autoritären, monarchisch-christlichen Staatsauffassung galt. Der von ihm tief verehrte und vor dem Betreten der Nikolaikirche ehrfurchtsvoll begrüßte Reichspräsident Paul von Hindenburg repräsentierte für ihn wie kein anderer die Verbindung von Christentum und Nationalismus, wie sie ihm für das Deutsche Reich als beispielhaft vorschwebte. 1925, im Jahr seiner Ernennung zum Generalsuperintendenten der Kurmark, hatte sich Dibelius der Deutschnationalen Volkspartei angeschlossen. Seit dieser Zeit setzte er sich auch parteipolitisch für die nationalprotestantischen Werte eines der Gedankenwelt der kaiserlichen Monarchie verpflichteten Konservatismus ein. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass er mit vielen Kampfparolen der nationalsozialistischen Revolution nicht einverstanden war. Vor allem als die christlich-völkische und zugleich antimonarchische Bewegung der Deutschen Christen in kirchliche Machtpositionen einzurücken begann, sah sich Dibelius zum Widerspruch herausgefordert. Daraus jedoch eine grundsätzliche Opposition gegen Hitler und den Nationalsozialismus zu konstruieren, wie das nach 1945 vielfach getan wurde, geht an der historischen Realität vorbei.

Obwohl sich Dibelius oft dagegen aussprach, dass sich die Kirche und ihre Führer in die Parteipolitik einmischen, trat er unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in die CDU ein. Sein Engagement für die DNVP erfuhr auf diese Weise eine an die veränderte Situation angepasste Neuausrichtung. Das von ihm mitformulierte Stuttgarter Schuldbekenntnis vom Oktober 1945 trug maßgeblich dazu bei, dass sich die protestantischen Auslandskirchen Deutschland gegenüber konziliant zeigten. Dibelius gingen selbst die geringfügigen Zugeständnisse der Stuttgarter Schulderklärung zu weit. Von der jüngeren historischen Forschung wird die Erklärung dagegen als nicht weit genug gehend und zu sehr auf taktische Überlegungen hin ausgerichtet kritisiert. Ein Wort über die sechs Millionen jüdischen Opfer des Nationalsozialismus fehlt darin.

Schon ein paar Monate vorher hatte sich Dibelius im Mai 1945 in einem Akt der souveränen Selbstermächtigung zum Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg ernannt. Besonders kämpferisch trat er als „Cold War Bishop“ in der Auseinandersetzung mit der kirchen- und christentumsfeindlichen Religionspolitik der DDR hervor. Der 1957 geschlossene Militärseelsorgevertrag wurde in diesem Zusammenhang ein wichtiger Schritt für die Wiederbewaffnung und militärische Integration der Bundesrepublik in die NATO. Er stieß bei vielen Christen in der BRD wie in der DDR auf Ablehnung. Dass die Friedensbotschaft der Bibel und die Remilitarisierung Deutschlands nicht als Gegensatz betrachtet wurden, ging nicht zuletzt auf die Bemühungen von Dibelius zurück. Er knüpfte dabei an sein 1930 veröffentlichtes Buch Frieden auf Erden? an, in dem er die Frage „Will Gott den Krieg?“ mit absoluter Gewissheit verneinte. Gleichzeitig beharrte er aber mit ebenso großer Gewissheit auf dem Recht Deutschlands, notfalls Krieg zu führen und sich hierfür der Hilfe Gottes sicher zu sein.

Dass diese von ihm sowohl für den Ersten als auch den Zweiten Weltkrieg reklamierte Lesart der christlichen Nächstenliebe dann auf die Bundesrepublik ausgeweitet wurde, macht die Kontinuität seiner Grundhaltung deutlich. Die militärische Aufrüstung im Kalten Krieg bedeutete deswegen bei ihm keinen Bruch mit der Vergangenheit, sondern die Fortsetzung des alten Denkens in einem neuen Kontext. Es wird ihm das Wort zugeschrieben: Wir haben 1945 da weitergemacht, wo wir 1933 aufhören mussten. Seine Ablehnung des Pazifismus räumte zwar das Recht auf individuelle Kriegsdienstverweigerung ein. Doch an der grundsätzlichen Forderung nach einem militärisch starken Deutschland änderte das nichts. Das tragende Fundament seines Weltbilds blieb die Idee eines nationalen Protestantismus, die sich als roter Faden durch sein politisches Engagement vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik hin durchzog. Gleichzeitig war Dibelius ein herausragender Vertreter kirchlicher Interessen und sein Einfluss auf die religionspolitische Entwicklung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg ohne Beispiel.

Der „Geist von Potsdam“, den die Garnisonkirche über Jahrhunderte verkörperte, stand „für einen autoritären Staat, für eine harte Innenpolitik und eine kriegerische Außenpolitik“ (Matthias Grünzig). Als der Alliierte Kontrollrat am 25. Februar 1947 die Auflösung des Staates Preußen verfügte, begründete er seinen Entschluss mit dem Geist des Militarismus und der Reaktion, der dort „seit jeher“ geherrscht habe. Sechs Jahrzehnte später wurde das Kontrollratsgesetz Nr. 46 am 23. November 2007 mit dem Gesetz zur Bereinigung des Besatzungsrechts „deklaratorisch“ aufgehoben. Seither gewannen auch die Bemühungen an Fahrt, die Potsdamer Garnisonkirche wieder in altem Glanz erstrahlen zu lassen. Was heißt aber „alter Glanz“? Hierüber bestehen durchaus kontroverse Auffassungen. Was für die einen hehres Idealbild ist, stellt sich für andere als Schreckensvorstellung dar.

Der Streit, ob der historische Ort der ehemaligen Garnisonkirche wieder in den Rang eines über die Stadt Potsdam hinausweisenden nationalen Erinnerungsortes erhoben werden soll, rührt an die Grundfragen unseres demokratischen Selbstverständnisses und entscheidet auch darüber, wie Deutschland von seinen Nachbarn gesehen wird. Der Holocaust und die Schrecken des Zweiten Weltkriegs sind dort noch lange nicht vergessen. Den Wiederaufbau der Garnisonkirche mit der Wiederherstellung des alten Potsdamer Stadtbilds, der „schönen Barockarchitektur“ oder der Ankurbelung des Tourismus zu begründen, wie das oft zu hören ist, wird weder der nationalen Bedeutung des Ortes, noch der internationalen Ausstrahlung des Bauwerks gerecht. Noch wesentlich problematischer ist der Verweis auf die „geistige Mitte“, die mit ihm wiedererstehen soll. Das gibt dem Argwohn Nahrung, dass sich hinter den Wiederaufbauplänen andere, nationale oder nationalistische Interessen verbergen könnten. Im Gegensatz zur Frauenkirche Dresden geht es in Potsdam um die Frage der militärischen Bedeutung eines Kirchenbaus, in dessen gesamter Geschichte noch nie jemand auf die Idee kam, in ihm ein Wahrzeichen des Friedens zu sehen. Der naheliegende Verdacht einer „hidden agenda“ muss offen diskutiert und stichhaltig ausgeräumt werden.

Abgesehen von den enormen finanziellen Aufwendungen sollte auch der ideologische Standort der Garnisonkirche Gegenstand des öffentlichen Streits sein. Die Umwandlung der wichtigsten Militärkirche Preußens und des Deutschen Reiches in einen Lernort für den Frieden stützt sich bislang auf eine Mixtur von Argumenten, denen es an Konsistenz und historischer Gründlichkeit gebricht. Die Einheit von Kirche, Monarchie und Militär, die bis 1945 den Markenkern der Garnisonkirche bildete, in eine von Kirche, Demokratie und Frieden zu verwandeln, scheint auf den ersten Blick ausgeschlossen zu sein. Doch wie die Beschäftigung mit Otto Dibelius, seinem Weltbild und politischen Wirken zeigt, ist eine solche Logik nicht nur möglich, sondern in gewisser Weise auch folgerichtig. Sie zielt darauf ab, in einer säkularer werdenden Gesellschaft die Deutungshoheit der Religion aufrechtzuerhalten.

Das Glockenspiel auf der Plantage – ein Symbol der Neuen Rechten

Im August 2019 forderte die Petition „Wiederaufbau Garnisonkirche Potsdam: Bruch statt Kontinuität“ u.a. den Abriss des Glockenspiels auf der Potsdamer Plantage wegen dessen „revisionistischer, rechtsradikaler und militaristischer Widmungen“. Worauf beruht diese kritische Bewertung des Glockenspiels, das 28 Jahre lang in Potsdam in Betrieb war und viel Wertschätzung erfuhr? Und ist diese überhaupt zutreffend? Die Stadt Potsdam ließ im Herbst 2019 in Folge des offenen Briefs das Glockenspiel abstellen und beauftragte im Folgejahr das Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) mit einem Gutachten hierzu. (download.pdf). Das Gutachten ging aber auf die Kritk nicht weiter ein, und bewertete das Objekt selber lediglich als konservativ bzw. nationalkonservativ. Dieser beschönigenden Darstellung folgend wurde das Glockenspiel im Juli 2021 unter Denkmalschutz gestellt.

Im September 2021 legten Prof. Dr. Micha Brumlik und Prof. Philipp Oswalt als Vertreter des Lernorts Garnisonkirche gegen die Form der Unterschutzstellung eine Fachaufsichtsbeschwerde bei der Kulturministerin des Landes Brandenburg Dr. Manja Schüle ein. Zudem legte der Lernrort ein eigenes wissenschaftliches Gutachten und folgendes Pressestatement vor:

Die Form der kürzlich erfolgten denkmalpflegerischen Unterschutzstellung des Glockenspiels auf der Plantage ist ein weiterer Schritt eines seit 30 Jahren fortgesetzten kollektiven Versagens der tonangebenden Kräfte der Potsdamer (Stadt)gesellschaft bei der notwendigen Abgrenzung von extremistischen Kräften am rechten Rand. Das Objekt ist nicht nur das erste unter Schutz gestellte Objekt der „Neuen Rechten“, es ist auch Symbol des „Potsdamer Handschlags“, des Schulterschlusses von erheblichen Teilen der Gesellschaft mit Gruppierungen am rechten Rand.

Das neue Gutachten des Lernorts belegt auf Basis einer mehrjährigen Recherche, dass dieses „Potsdamer Wahrzeichen“ nicht - wie gerne behauptet - Beispiel für ein westdeutsches Engagement aus der Mitte der Gesellschaft für die Wiedervereinigung ist, sondern sich im Wesentlichen der Unterstützung von Wehrmachtsveteranen und ihren rechtsgerichteten Sympathisanten verdankt. Diese gaben mit dem Glockenspiel ihrer revisionistischen, das NS-Regime verharmlosende und unsere Demokratie diskreditierende Haltung dauerhaften Ausdruck. Zu den Unterstützern gehörten ein Dutzend Veteranenverbände, monarchistische Vereine und evangelikale Gruppen, welche ein Deutschland in den Grenzen von 1937 forderten, die Kolonialkriege und den rechtsradikalen Stahlhelm – Bund der Frontsoldatenverherrlichten, die deutsche Kriegsschuld und die Verbrechen der Wehrmacht leugneten, ausländerfeindliche Hetze betrieben und sich auch zuweilen homophob äußerten.

Viele Personen und Institutionen der Neuen Rechten spielten hierbei eine Rolle, ob als Ideengeber, Unterstützer oder Befürworter. Hierzu gehörten etwa Hellmut Diwald, Albrecht Jebens, Reinhard Uhle-Wettler, Karl Feldmeyer, Alexander Gauland und Menno Aden, das Studienzentrum Weikersheim, die Staats- und Wirtschaftspolitische Gesellschaft und die Zeitschrift Junge Freiheit.

Doch nicht als Mahnmal bezüglich solcher Positionen wurde das Objekt unter Schutz gestellt. Die Begriffe Neue Rechte, Revisionismus oder Rechtsextremismus kommen weder in der Denkmalbegründung noch in dem ihm vorausgehenden Gutachten des ZZF vor. Nachweislich falsch wird stattdessen behauptet, die Initiative sei beispielhaft für breit in der Gesellschaft verwurzelte „Bestrebungen in den westlichen Bundesländern vor der Wende, Wiederaufbauprojekte in der DDR anzustoßen und zu unterstützen“. Dem politischen Mahnmal wird zudem eine städtebauliche Relevanz und eine Hochwertigkeit als Musikinstrument angedichtet, die es nachweislich nicht hat. Gegen diesen haltlos beschönigenden und politisch unverantwortlichem Akt haben der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Micha Brumlik und der Architekt Prof. Philipp Oswalt bei der Kulturministerin des Landes Brandenburg Dr. Manja Schüle eine Fachaufsichtsbeschwerde eingelegt.

Auch der Politikwissenschaftler Claus Leggewie sieht bei dem Potsdamer Glockenspiel das Problem der Öffnung, jedenfalls mangelnden Abgrenzung konservativer Positionen zu antidemokratischen Positionen der Neuen Rechten. Diese schafft eine Grauzone zwischen originär konservativen und revisionistisch-rechten Positionen. Leggewie plädiert für eine Stärkung des Konservativismus und appelliert: „Konservative achtet darauf, mit wem ihr Euch zusammentut!“. Bei dem Glockenspiel sei eine unmissverständliche Grenzziehung bislang ausgebleiben.

Der Thüringer Soziologe und Rechtsextremismusexperte Matthias Quent spricht von einer „Verzahnung von rechtsextremen mit konservativen Strukturen und Ansichten auf dem politischen Feld der Erinnerungskultur. Dies entspricht der Normalisierungsstrategie der äußersten Rechten, größere Resonanzräume für revisionistische und antidemokratische Narrative geöffnet werden sollen. Immer wieder wird die fehlende Abgrenzung nach rechts außen gerade in Ostdeutschland ausgenutzt, um in die politische Mitte vorzustoßen.“

Eine besondere Verantwortung für das gesellschaftliche Versagen sieht Prof. Philipp Oswalt bei den Trägern und Unterstützern des Wiederaufbauprojekts der Garnisonkirche. Die Fördergesellschaft betrieb dreizehn Jahre das Glockenspiel und warb mit ihm für ihre Ziele, zahlreiche Mitglieder waren jahrelang auch Unterstützer und Mitstreiters des Initiators des Glockenspiels, dem später offenkundig rechtsextremistischen Ex-Bundeswehroffizier Max Klaar. Sie sahen in ihm und seinem Glockenspiel das Initial für das Wiederaufbauprojekt. Aber auch führende Personen aus Politik und Kirche wie Jörn Schönbohm und Erwin Motzkus (CDU), Manfred Stolpe und Horst Gramlich (SPD), Propst Klaus-Günter Müller, Generalsuperintendent Günter Bransch und Generalsuperintendentin Heilgard Asmus unterstützen Klaar und die Traditionsgemeinschaft über mehr als ein Jahrzehnt, obwohl bereits von Anfang an die grundlegende Problematik bekannt war. Die Unterstützung von etablierter Seite hat zum Einsickern der geschichtsrevisionistischen Positionen der Neuen Rechte bis tief in die Gesellschaft geführt, dem nur mit einer klaren Zäsur begegnet werden kann, zu der auch die Distanzierung vom Ruf aus Potsdam von 2004 gehören muss.

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Editorial Themenschwerpunkt Nationalprotestantismus

Die neuen, im Juni 2021 veröffentlichten Texte auf dieser Plattform führen den Themenschwerpunkt Nationalprotestantismus des Lernorts Garnisonkirche ein, dem dann auch eine Reihe von Veranstaltungen und Aktivitäten im zweiten Halbjahr 2021 gewidmet sind. Bislang hat in der Wiederaufbaudiskussion die kirchliche Tradition des Ortes kaum eine Rolle gespielt, die aber für diesen Ort deutscher Geschichte wesentlich war.

class="wp-block-heading">Welchen Glauben symbolisiert die Garnisonkirche Potsdam?

Die Garnisonkirche war in erster Linie ein Gotteshaus. Aber für welche Art des Glaubens stand sie? Und wie steht das Wiederaufbauprojekt zu dieser Glaubenstradition? Im Jahr 2003 schrieb Alexander Gauland als Herausgeber der Märkischen Allgemeinen Zeitung noch: Der evangelischen Kirche ist dieses Erbe peinlich. Erst wollte der Potsdamer Kirchenkreis den Bau gar nicht. Dann rang er sich dazu durch, ihn für ein "Internationales Versöhnungszentrum" zu nutzen. Aber das ist alles Geschichte. Es gelang, dieses Gefühl der Peinlichkeit abzuschütteln. Bald entwickelte sich ein Stolz auf diesen Bau, und bei manchen auch auf seine Traditionen.

Was Kirche war, soll wieder Kirche sein. Der wiederaufgebaute Kirchturm wird nun – neben der touristischen Aussichtsplattform – eine Kapelle als Ort der Verkündigung des Wortes Gottes beherbergen. Die Betreiber*innen des Wiederaufbaus haben nicht unbedingt ein einheitliches Verständnis von der Kirchengeschichte dieses Orts. Aber sie haben einen kleinsten gemeinsamen Nenner: Christlicher Glaube ist per se etwas Gutes. Die Geschichte des Ortes mag zwiespältig sein. Aber das ficht den Glauben nicht an. Er wurde missbraucht, gar misshandelt, von NS-Regime, Bombenkrieg und SED-Diktatur. Oder auch von Wilhelm II., wie wenige auch noch einzuräumen bereit sind.[1]

Aber der Wesenskern der Garnisonkirche ist tadellos, ihr Bauherr war ein frommer, ja vorbildlicher Christ. Der Soldatenkönig sei friedliebend gewesen, habe „keinen einzigen Angriffskrieg“[2] geführt. In der Kirche sei durch die Vereinigung von Lutheranern und Reformierten „Toleranz ganz selbstverständlich geübt“[3] worden, und damit habe die Kirche einen „Beitrag zur Versöhnung zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft und Glaubensüberzeugungen“[4] geleistet. Zugleich stehe sie für die Versöhnung des Menschen mit Gott,[5] auf die der christliche Glaube sich gründet. Die hierzu erklingenden Worte seien zwar oft überhört worden, „weil die Botschaft von der Versöhnung sich nicht mit dem Geist der Zeit vertrug“, aber sie haben immer wieder auch Menschen ermutigt, „ihrem Gewissen zu folgen – bis hin zu denen, die sich zur Resistenz gegen das Hitler-Regime entschlossen.“[6] Diesen Worten pflichtet der ehemalige brandenburgische Ministerpräsident Manfred Stolpe bei: Als „Keimzelle des Widerstands gegen die braunen Verbrecher“ sei die Garnisonkirche der Ort gewesen, an dem "ihr Glauben gestärkt, ihr Gewissen geschärft und ihr Verantwortungsbewusstsein geformt wurde.“[7]

Für den langjährigen Schirmherren des Projektes, den brandenburgischen Innenminister Jörg Schönbohm, verkörperte die Garnisonkirche das Preußen des 18. Jahrhunderts. Als einer der modernsten Staaten der Welt habe dieser für religiöse Toleranz, Abschaffung der Folter, Pressefreiheit, Rechtsstaatsprinzip, Bescheidenheit, Pflichtbewusstsein, Friedensliebe, Bildung und Freiheit gestanden. Und „aus diesem Geist heraus soll [das Gotteshaus] wieder entstehen“.[8] Denn „die Garnisonkirche stand und steht für christliche Tugenden.“[9]

Ganz ähnlich sieht es auch der damalige Vorstandsvorsitzende der Fördergesellschaft für den Wiederaufbau Burkhart Franck. Als Ort der „preußischen Tugenden, der protestantischen Ökumene und der sittlichen Grundlagen des öffentlichen Handelns“ habe die Garnisonkirche Symbolbedeutung. Und genau diese gelte es durch einen originalgetreuen Wiederaufbau wiederzugewinnen: „Die Kirche darf also nicht in ihrem Äußeren verfremdet werden und damit ihren Charakter, ihre Aussagekraft und ihre Anziehungskraft verlieren.“[10] Und weiter: „Die Garnisonkirche ist derjenige Ort, der wie kein anderer in Deutschland zeigt, dass christlich verantwortliches Handeln die Politik weder aussparen kann oder darf.“[11]

In gleicher Weise beschwor Francks Vorstandskollege Andreas Kitschke schon Jahre zuvor die „positiven Traditionen, die von dieser Kirche ausgingen.“[12] Die wiederaufgebaute Kirche solle gemäß der Darstellung der Fördergesellschaft im Jahr 2006 als Symbolbau und Wahrzeichen Preußens „ein Ort der sittlichen und geistigen Standortbestimmung sein“ und „zur Beantwortung der Frage einladen, wie öffentliches Handeln aus christlichem Glauben abgeleitet werden kann und auf welche Werte (Preußische Tugenden) wir dabei zurückgreifen können.“[13] Auch zehn Jahre später lässt sie verlauten, die Garnisonkirche sei „der zentrale Ort der preußischen Identität“ und stehe „für christlich verantwortetes Handeln für die Gemeinschaft, für die Verbindung von christlichem Glauben und ‚preußischen Tugenden‘.“[14]

Der Tag von Potsdam hingegen war – so Andreas Kitschke – eine „Dreiviertelstunde des Missbrauchs“[15] in der so positiv gezeichneten 200-jährigen Kirchengeschichte. Der Potsdamer Stadtverordnete Wieland Niekisch (CDU) bezeichnet den Tag als „ein Unglück, [...] da haben sich Kreise, damals auch in Potsdam, verführen lassen.“ Und die Antwort darauf: „Eine Kirche und eine kirchliche Nutzung ist die beste Grundlage, wirklich wahr, sich abzuschotten gegen ideologischen und auch politischen Missbrauch.“ [16] Er folgt damit der Position von Max Klaar aus dem Jahr 2001 – „Jesus Christus ist Konzept genug“[17] –, dass sich im Zentrum des wiederaufgebauten Kirchturms eine Kapelle als Ort der Verkündigung befindet, und eben kein Ort einer kritischen Auseinandersetzung mit der Kirchengeschichte[18].

class="wp-block-heading">Eine Walhalla deutscher Gotteskrieger

Doch die Behauptung, dass christlicher Glaube vor politischem Missbrauch schütze, widerspricht jeder historischen Erfahrung an diesem Ort. Leider ist die Garnisonkirche spätestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts bitteres Beispiel für das Wirken des deutschen Nationalprotestantismus, der für Antisemitismus, Frankophobie, Polenhass, völkisches Denken, Rassismus, Militarismus, Demokratiefeindlichkeit und Obrigkeitsgehorsam stand. Spätestens seit der Berufung von August Ludwig Bollert im Jahr 1847 zum Hof- und Garnisonprediger der Garnisonkirche Potsdam haben nahezu alle dort wirkenden Pfarrer solche Haltungen gepredigt und Völkermord, Angriffskriege, Kriegsverbrechen und Völkerhass als Vertreter der evangelischen Kirche religiös legitimiert und gesegnet.

Es ist unerklärlich und unverantwortlich, dass die Evangelische Kirche trotz einer dreißigjährigen Kontroverse über den von ihr betrieben Wiederaufbau nicht bereit war, sich ihrer eigenen Geschichte an diesem Ort zu stellen und diese kritisch zu erforschen und aufzuklären. Im Gegenteil. Sie hat die Arbeiten unabhängiger Historiker wie Manfred Gailus, Matthias Grünzig, Linda von Keyserlingk, Hartmut Rudolph und Reiner Zilkenat[19] weitestgehend ignoriert.[20] Stattdessen haben die Aufbaubefürworter sich an einem Geschichtsbild der Garnisonkirche orientiert, wie es auch der rechtsradikale Initiator des Bauvorhabens, der ehemalige Bundeswehroffizier und bekennende Christ Max Klaar formuliert hatte.[21] Für eine kritische Befassung mit der eigenen Kirchengeschichte sah man sich wiederholt als nicht zuständig an.[22] Auch das mit Unterstützung des Kirchenkreises Potsdam von der Historikerin Anke Silomon im Jahr 2014 vorgelegte Buch zur Geschichte der Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert hat hier kaum Abhilfe geschaffen. Sie verzichtete unter anderem auf eine Analyse der Predigten zu den Kolonialkriegen und dem Ersten Weltkrieg sowie auf eine präzise Untersuchung der Vorgänge zum Tag von Potsdam. Dies ermöglichte Altbischof Wolfgang Huber die euphemistische Äußerung im Vorwort, mit der er lediglich das „Fehlen eines starken Protests gegen den mörderischen Waffengang durch die Kirchen“[23] bedauerte. Doch längst war bekannt, dass zahlreiche Prediger spätestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts den menschenverachtenden preußisch-deutschen Militarismus mit ihrem protestantischen „Glauben“ sanktionierten, befürworteten und tatkräftig unterstützten. Doch die protestantischen Kriegstreiber wurden von den Wiederaufbaubefürworter*innen entgegen den historischen Fakten quasi zu Friedensengeln und Widerstandskämpfern stilisiert, sei es der Steigbügelhalter von Hitlers Machtergreifung Otto Dibelius[24], der NS-Pfarrer Rudolf Damrath[25] oder der Divisionsprediger Bernhard Rogge, der die Kriegsverbrechen schon zur Zeit der deutschen Einigungskriege ethisch rechtfertigte.[26] 

Die Initiative Lernort Garnisonkirche und ihr wissenschaftlicher Beirat haben daher im Herbst 2020 beschlossen, die theologischen Positionen der Pfarrer der Garnisonkirche Potsdam kritisch zu analysieren und zu debattieren und hierauf einen Themenschwerpunkt im Jahr 2021 zu legen. Dieser umfasst vor allem folgende Aktivitäten:

  • Eine zweitägige Tagung „‚Gott mit uns!‘ - Das schwierige Erbe des Nationalprotestantismus“ im Dietrich-Bonhoeffer-Haus Berlin am 1./2. Oktober 2021 mit Unterstützung der Bundeszentrale für politische Bildung. Dem vorausgehend ein Vortragsabend in Kooperation mit dem Potsdam Museum am 14. September über den preußischen Generalsuperintendenten der evangelischen Kirche Otto Dibelius im Jahr 1933
  • Ein Projekt in Kooperation mit dem Projekt „Dekoloniale Erinnerungskultur in der Stadt“ (https://www.dekoloniale.de) zur Verstrickung der Garnisonkirche in die Kolonialkriege des Deutschen Reichs am Herero-Tag am 23. August 2021
  • Ein Buch des Religionswissenschaftlers Horst Junginger, welches anhand des Adlermotivs, das auch den Turm der Garnisonkirche krönte, das Verhältnis zwischen preußisch-deutschem Machtstreben und Nationalprotestantismus von seinen Anfängen bis heute skizziert. Die bebilderte Publikation erscheint im September 2021 im Verlag spector books Leipzig und wird im Rahmen des sechsten Geburtstags des Kunst- und Kreativhauses Rechenzentrum dort vorgestellt.

Zur Einführung des Themenschwerpunkts veröffentlichen wir auf dieser Webseite die folgenden kritischen Analysen sowie Originaldokumente zum Nationalprotestantimus:

Bereits in der ersten Ausgabe des Lernorts vom Sommer 2020 adressierten Texte dieses Themenfeld, so von Christoph Dieckmann, Manfred Gailus, Matthias Grünzig, Linda von Keyserlingk, Hartmut Rudolph und Reiner Zilkenat. Die Forschungsarbeit wird fortgesetzt. Der Lernort Garnisonkirche trägt aus Archiven und Bibliotheken Originaltexte der Pfarrer der Garnisonkirche zusammen und analysiert diese in ihren biografischen, zeithistorischen und theologischen Kontexten. Herzlich rufen wir Wissenschaftler*innen dazu auf, sich an dieser gemeinschaftlichen Forschungsarbeit zu beteiligen (Kontakt: redaktion@lernort-garnisonkirche.de).

Im Juli 2021 werden auf der Webseite zudem eine Reihe weiterer neuer Texte veröffentlicht, die sich mit Themen wie dem Bauherrn Friedrich Wilhelm I., dem Kapp-Putsch, der Nacht von Potsdam und zeitgenössischer Kunst zur Geschichte des Ortes befassen.

Philipp Oswalt (Redaktion Lernort Garnisonkirche)


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[1] Mit Bezug auf Martin Vogel spricht Matthias Platzeck vom dreifachen Missbrauch der Garnisonkirche durch Monarchie, Nationalsozialismus und Stalinismus. Siehe: Matthias Platzeck: Wiederaufbau als Mahnung, in: Reinhard Appel und Kitschke, Andreas, Hrsg., Der Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche (Köln: Lingen, 2006)., S. 23
[2] Johann-Peter Bauer: Der Wiederaufbau der Garnisonkirche – Bekenntnis und Verpflichtung, in: Appel und Kitschke, Andreas., S. 47
[3] Ebenda, und so auch viele andere, u.a. Manfred Stolpe: Der Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche ist notwendig, in: Appel und Kitschke, S. 32 oder auch Johann-Peter Bauer, Vorsitzender der Fördergesellschaft für den Wiederaufbau in seinem Aufsatz: „Der Wiederaufbau der Garnisonkirche – Bekenntnis und Verpflichtung“, in: Appel und Kitschke, S. 47
[4] Reinhard Appel: Vorwort, in: Appel und Kitschke, S. 7
[5] Neben Appel formuliert dies auch Peter C. Bloth, evangelischer Theologe an der Humboldt-Universität und Mitglied der Synode der EKD. Siehe Peter C. Bloth: In: Die Garnisonkirche. Beiträge zu ihrem Wiederaufbau, Heft 3, hg. von Lutz Borgmann, Peter Leinemann, Potsdam 2005, S. 22
[6] Ebenda, S. 16
[7] Manfred Stolpe: Der Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche ist notwendig, in: Appel und Kitschke, S. 31/ 32
[8] Jörg Schönbohm: „Üb‘ immer Treu und Redlichkeit“, in: Appel und Kitschke, S. 35 - 37
[9] Üb‘ immer Treu und Redlichkeit. Interview mit dem Minister des Inneren des Landes Brandenburg Jörg Schönbohm zum Wiederaufbau des Turms der Garnisonkirche, in Loyal – Das deutsche Wehrmagazin, Juni 2000, wiederabgedruckt in Soldat im Volk, Juni 2000, S 152f.
[10] Burkhart Franck: Zur Symbolbedeutung, in: Appel und Kitschke, S. 96- 98
[11] Ebenda, S. 99
[12] Andreas Kitschke, Garnisonkirche, in: DIE KIRCHE - Berlin-Brandenburg, 17.12.2000
[13] Rundschreiben der Fördergesellschaft von Januar 2006, Vorlass Huber ELAB 144/1259.
[14] Flyer „Potsdamer Spitze“, ca. 2015.
[15] Andreas Kitschke, Garnisonkirche, in: DIE KIRCHE - Berlin-Brandenburg, 17.12.2000
[16] Potsdamer Stadtverordneter Wieland Niekisch (CDU) im Gespräch mit Michael Erbach, Hauptstadt TV, 16.1.2020. Bereits bei der Stadtratssitzung am 1.11.2000 sagte der Stadtverordnete Eberhard Kaputzse (CDU): „Und was gibt es Besseres gegen Missbrauch, als wenn es eben christlich-religiös genutzt wird?“
[17] Zitiert nach Papier für das Gespräch mit Herrn Oberstleutnant a.D. Max Klaar von Gregor Hohberg und Martin Vogel; Potsdam 15.5.2001, Vorlass Huber, ELAB 144/1260.
[18] Dieser ist in das dritte Obergeschoss verbannt, jenseits der Hauptbesucherströme.
[19] Siehe hierzu deren Veröffentlichungen auf der Website des kritischen Lernorts Garnisonkirche: http://lernort-garnisonkirche.de/?cat=2
[20] Im März 2021 hat die Stiftung Garnisonkirche Potsdam ihr Konzept für die künftige Dauerausstellung unter dem Titel „Glaube, Macht und Militär: Die Garnisonkirche Potsdam“ vorgelegt, die erstmals von dieser Praxis abweicht und ein kritisches Verhältnis zur Kirchengeschichte einnimmt. Doch bislang sind dieser Ankündigung noch keine weiteren Schritte gefolgt. Die öffentlichen Verlautbarungen von Stiftung und Fördergesellschaft sind seit 2004 von einem überwiegend positiven Geschichtsverständnis des Ortes geprägt.
[21] Siehe hierzu z.B. Bataillonskommandeur Max Klaar: Ansprache vor Fallschirmjägerbataillon 271, in: OTL Max Klaar, Hrsg., „Das Potsdamer Glockenspiel in Iserlohn. Festschrift zur Einweihung am 14. April 1986“ (Iserlohn, 1986), S. 21 – 28. Klaars religiöse Heimat war die Evangelische Notgemeinschaft, und er wurde von dem evangelikalen Wochenmagazin ideaSpektrum noch zuletzt 2014 unterstützt. Siehe dazu Matthias Pankau: Kommentar: Hat die Kirche kein Geld nötig? in: ideaSpektrum, Heft 18 vom 30.4.2014
[22] So verneint der Rundbrief der Fördergesellschaft von Januar 2006 das Ziel der „Vergangenheitsbewältigung“. Die Pfarrerin der Nagelkreuzkapelle Cornelia Radeke-Engst sah sich selbst als Gesprächspartnerin bei Fragen zur Kirchengeschichte als ungeeignet an und verwies auf nicht weiter benannte Historiker*innen. (E-Mail an den Autor vom 16.11.2019)
[23] Vorwort zu Anke Silomon: Pflugscharen zu Schwertern, Schwerter zu Pflugscharen. Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert, gefördert durch den Kirchenkreis Potsdam, Berlin 2014, S. 7
[24] Laut Jörg Schönbohm habe Dibelius die Garnisonkirche vor politischer Vereinnahmung erfolgreich bewahrt. Siehe Jörg Schönbohm: „Üb‘ immer Treu und Redlichkeit“, in: Appel und Kitschke, S. 39. Siehe dem gegenüber Matthias Grünzig, Für Deutschtum und Vaterland: die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert, 1. Auflage (Berlin: Metropol, 2017). S. 141 – 170. Siehe auch die Originaltexte von Otto Dibelius zum Tag von Potsdam aus dem Jahre 1933, hier wieder veröffentlicht auf  http://lernort-garnisonkirche.de/?cat=2. Oder zu seinen Kriegspredigten im Ersten Weltkrieg exemplarisch: http://lernort-garnisonkirche.de/?p=1218
[25] Maria Luise Damrath bemüht sich in einem Buch der Fördergesellschaft für den Wiederaufbau, ihren Vater Rudolf Damrath als Mitglied des Widerstands darzustellen. Maria Luise Damrath: Rudolf Damrath – Pfarrer der Garnisonkirche, in: Appel und Kitschke, S. 74-85. Siehe Demgegenüber: Grünzig. S. 208 - 214
[26] Andres Kitschke stellt die Kaiserproklamation in Versailles 1871 mit der Predigt des Garnisonkirchenpfarrers Bernhard Rogge als Akt christlicher Demut und Friedensliebe dar: Andreas Kitschke, Die Garnisonkirche Potsdam: Krone der Stadt und Schauplatz der Geschichte, hg. von der Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam e.V. (Berlin: edition q im be.bra verlag, 2016). S. 166 – 168. Tatsächlich verteidigte Bernhard Rogge das Bombardement des belagerten Paris und die damit einhergehenden zivilen Opfer und fand Mitleid mit den leidenden Kindern, Greisen und Frauen verfehlt. Rogge freute sich bei der Kaiserproklamation, dass nicht Glocken, sondern „die Batterien unserer Belagerungsartillerie“ den großen Tag einläuten.“ Rückblickend schrieb er: „Ich halte es für eine falsche Sentimentalität, über den Schaden zu jammern, den unsere Soldaten so manchen Einwohnern zugefügt haben. Im Großen und Ganzen wird man es im Gegenteil bedauern müssen, daß Frankreich die Schrecken des Krieges noch lange nicht genug empfunden hat... Ja, hin und wieder wurde sogar eine etwas zu weit gehende Schonung geübt.“ Zitiert nach Tillmann Bendikowski, 1870/71 - der Mythos von der deutschen Einheit (München: C. Bertelsmann, 2020). S. 170, 171, 260, 270. Siehe u.a. auch Reiner Zilkenat: „Ihr seid die Pioniere des gekreuzigten Heilands!“ Die Prediger der Garnisonkirche im Kaiserreich und Ersten Weltkrieg, Vortrag vom 31.10.2015, veröffentlicht:  http://lernort-garnisonkirche.de/?p=404. Zu Rogges Kriegspredigten im Ersten Weltkrieg exemplarisch: http://lernort-garnisonkirche.de/?p=1218

Der Garnison- und Hofprediger Max Schmidt. Von den Kolonialkriegen nach Potsdam und Leipzig

Der Militärpfarrer und Hofprediger Max Schmidt[1] war nach seiner Tätigkeit als Feldprediger in den Kolonialkriegen in China und Südwest-Afrika von 1906 bis 1911 an der Garnisonkirche in Potsdam tätig; zunächst als Garnisonspfarrer, ab 1908 auch als kaiserlicher Hofprediger für die Zivilgemeinde zuständig.

Max Schmidt wurde 1864 in Stargard (Pommern) geboren. Nach seinem Theologiestudium, das er 1881 begann, arbeitete er zunächst als Privatlehrer an verschiedenen Stellen in Brandenburg, Sachsen und Schleswig-Holstein, bevor er ab 1889 als Lehrer tätig war, in Neustrelitz und in Schönberg bei Travemünde. 1892 trat er für vier Jahre die Stelle des Hilfspredigers und Militärgeistlichen in Neustrelitz an. 1896 wurde Schmidt als Divisionspfarrer nach Düsseldorf berufen und noch im gleichen Jahr nach Breslau versetzt. 1899 war er als Militärgeistlicher in Berlin, von wo aus er 1900-1901 als Felddivisionspfarrer das ostasiatische Expeditionskorps zur Niederschlagung des sog. Boxer-Aufstands in China begleitete.[2] Zurück, wurde er im Dezember 1901 Divisionspfarrer in Braunschweig.

Vom Sommer 1904 bis zum Sommer 1905 nahm Schmidt als Feldprediger an dem Feldzug der deutschen „Schutztruppe“ gegen die Hereros und Namas in Südwest-Afrika teil. 1906 wurde Max Schmidt Garnisonpfarrer der 1. Garde-Division an der Hof- und Garnisonkirche Potsdam, ab 1908 auch Hofprediger für die zivile Gemeinde. Ende 1911 wechselte er an die St. Nicolai-Kirche in Leipzig. Mit Unterbrechung des 1. Weltkriegs, den er noch einmal als Militärpfarrer mitmachte, blieb er bis zu seiner Pensionierung 1924 in Leipzig. Max Schmidt starb am 9. Oktober 1925.

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Max Schmidts erste Buchveröffentlichung, der weitere folgten

Teilnahme als Feldgeistlicher am Kolonialkrieg gegen die Hereros und Namas in Südwest-Afrika 1904-1905

In der Person des Militärpfarrers Max Schmidt verknüpft sich die Geschichte der Potsdamer Garnisonkirche mit der Geschichte des deutschen Kolonialismus in Südwest-Afrika, genauer: mit der Geschichte des mörderischen Kolonialkriegs gegen Hereros und Namas 1904/1905. Nach seiner Rückkehr 1905 hat Schmidt seine Erfahrungen ausführlich niedergeschrieben und unter dem Titel „Aus unserem Kriegsleben in Südwest-Afrika“ [3] veröffentlicht.

Geradezu sehnsüchtig hatte Schmidt darauf gehofft und gewartet, das neugebildete 2. Feldregiment zur Unterstützung der Schutztruppe nach Südwestafrika begleiten zu dürfen, wo sich seit Januar 1904 die indigenen Hereros gegen die deutsche Kolonialmacht erhoben hatten. „Über die Schwere des südwestafrikanischen Aufstandskrieges konnte man sich ... nicht hinwegtäuschen. Aber das Gebot des Gewissens sprach vernehmlich genug: Der Mann und der Christ gehören dahin, wo sie am allernötigsten sind.“ (3) Ca. fünf Wochen nach den Bataillonen des Feldregiments „durfte“ Schmidt, beauftragt vom Kriegsministerium, mit dem nächsten Post-Dampfer am 5. Juli hinterherreisen.

Schon die Sprache, die Schmidt für den Titel seines Buches wählte: „Aus unserem Kriegsleben“ lässt erkennbar werden, was bei der Lektüre immer deutlicher wird: Der Pfarrer Schmidt empfand sich als Teil der kämpfenden Truppe. Er trug die Uniform der „Schutztruppe“. Die Armbinde mit dem roten Kreuz führte er mit sich, aber trug sie nicht.  „Da von aufständischen Eingeborenen keine Rücksicht auf das rote Kreuz zu erwarten stand, waren auch wir mit Gewehr und Patronengurt, sowie mit einer Browning-Pistole bewaffnet.“ (5)[4]

Am 1. August kam Schmidt in Südwest-Afrika an, die kämpfende „Schutztruppe“ erreichte er erst am 15. August, vier Tage nach der sogenannten Schlacht am Waterberg. Die Hereros nennen sie: Schlacht am Ohamakari. Schmidt schreibt: „Zum Waterbergtage waren wir also zu spät gekommen. Das schmerzte...“

Der Waterbergtag war der 11. August 1904. Der Kommandeur der Kolonialarmee, Lothar von Trotha, war entschlossen – und darin eines Sinnes mit dem Chef des kaiserlichen Generalstabs Alfred von Schlieffen und Kaiser Wilhelm selbst – an diesem Tag die Hereros vernichtend zu schlagen. Wie entschlossen er war, mögen Äußerungen von ihm belegen: „Gewalt mit krassem Terrorismus und selbst mit Grausamkeit auszuüben, war und ist meine Politik. Ich vernichte die aufständischen Stämme in Strömen von Blut und Strömen von Geld. Nur auf dieser Aussaat kann etwas Neues entstehen.“

Am Waterberg siegten zwar seine Truppen, aber doch nicht vollständig. Die Hereros konnten entkommen, und sie flohen zur Trockensteppe der Omahake. Damit wollte von Trotha sich nicht zufriedengeben. Mit seiner Truppe verfolgte er die fliehenden Hereros, inklusive Frauen und Kinder ca. 80.000 Personen, davon etwa 8.000 Kämpfer. Er trieb sie immer weiter in die Wüste und schnitt sie von den wenigen umliegenden Wasserstellen ab, sodass 60- bis 70tausend Hereros, drei Viertel des Hererovolkes verschmachteten und verdursteten.

In seinem berüchtigten „Aufruf an das Volk der Herero“ hatte von Trotha unmissverständlich klargemacht, dass er an seiner Absicht, die Hereros zu vernichten, festhielt: Abschrift zu O.K. 17290 Osombo-Windembe, den 2. Oktober 1904. Kommando der Schutztruppe. J.Nr. 3737.
Ich, der große General der deutschen Soldaten, sende diesen Brief an das Volk der Herero. Die Hereros sind nicht mehr deutsche Untertanen. Sie haben gemordet und gestohlen, haben verwundeten Soldaten Ohren und Nasen und andere Körperteile abgeschnitten, und wollen jetzt aus Feigheit nicht mehr kämpfen. Ich sage dem Volk: Jeder der einen der Kapitäne an eine meiner Stationen als Gefangenen abliefert, erhält 1000 Mark, wer Samuel Maharero bringt, erhält 5000 Mark. Das Volk der Herero muß jedoch das Land verlassen.
Wenn das Volk dies nicht tut, so werde ich es mit dem Groot Rohr dazu zwingen. Innerhalb der Deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auf sie schießen. Dies sind meine Worte an das Volk der Hereros.
Der große General des mächtigen deutschen Kaisers.

Und in einem Brief an den Generalstabschef Graf Alfred von Schlieffen, drei Tage später, vom 5.10.1904 hatte er seine Absicht bekräftigt: „Ich glaube, dass die Nation als solche vernichtet werden muss.“[5] Dieses Vorgehen der kaiserlichen Schutztruppe unter Führung Lothar von Trothas gilt heute als der erste Völkermord des 20. Jhdts.

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Max Schmidt als Feldprediger bei den "Schutztruppen" in Deutsch-Südwest

Wie spiegeln sich diese Ereignisse in Schmidts Erinnerungen?

Dass und wie Hereros am Waterberg gelitten haben und umgekommen sind – und es waren, wie gesagt, nicht nur Soldaten, sondern Männer, Frauen und Kinder –, findet bei Schmidt keine Erwähnung. Dass aber acht Reiter der Kolonialtruppe getötet und ihre Leichen geschändet wurden, wird nicht nur beklagt und betrauert, das wäre selbstverständlich, sie werden aber mit biblischen Worten zu „Blutzeugen der Soldatentreue“ hochstilisiert. Auch wird das Leben und Sterben der deutschen Soldaten (Schmidt nennt sie gerne „Krieger“) zu einem religiösen Akt erklärt, vergleichbar mit dem Sterben von Menschen, die wegen ihrer religiösen Überzeugung ermordet werden. So verwendet er für sein Lamento über den Tod der deutschen Soldaten Formulierungen aus dem neutestamentlichen Hebräerbrief (Hebr. 11,36f): „Mit den Blutzeugen der Soldatentreue ist’s eben nicht anders, als wenn Gottes Wort von den Märtyrern des Glaubens spricht: ‚Sie wurden gesteinigt, zerhackt, zerstochen, durchs Schwert getötet; sie sind umhergegangen mit Mangel, mit Trübsal, mit Ungemach und sind im Elend gegangen in den Wüsten, auf den Bergen und in den Klüften und Löchern der Erde.‘“ (25)

Bibelzitate, Predigtsprache und Beschreibung des Kriegsverlaufs werden zu einer fatalen Einheit, ja der Krieg selbst wird zur Predigt, wie Schmidt es später bei seiner Einführungspredigt in die zivile Leipziger Nicolaigemeinde ausgedrückt hat. Er berichtet von seinen Gottesdiensten als Feldprediger in China und Südwestafrika und fragt: „Wollt ihr mit kurzen Worten hören, warum solche Gottesdienste in Kriegszeiten so köstlich sind? Weil dann ganze Scharen deutlicher als sonst erleben, wie der lebendige Gott selber zu reden beginnt.“

Die Verfolgung der Hereros nach den Kämpfen am Waterberg zog sich hin: „unsere Märsche führten zunächst noch wochenlang durch die dichtbestandene Weide- und Baumsteppe des alten Hererogebiets (26) ... So marschierten, biwakierten, verfolgten wir wochen- und monatelang (27)“ in der Erwartung „wenn die Schwarzen sich nur zur letzten Entscheidung stellen wollten oder einholen ließen!“(28)  Wo immer kleine Gruppen der Hereros an Wasserstellen angetroffen wurden, werden sie erschossen, gefangen oder vertrieben.

In diesem Zusammenhang berichtet Schmidt auch von einem geradezu menschlichen Umgang mit gefangenen Hereros, der im krassen Widerspruch zu den Anweisungen und Befehlen von Trothas steht: „Die Gefangenen wurden vernommen, aber ihnen kein Haar gekrümmt – genau wie ich’s stets in diesen Wochen erlebt habe. Ich sah sogar, dass abgehungerte Gefangene gesättigt, und wenn es Weiber oder ältere Männer waren, unbehelligt entlassen, ja vor der Hinterlist unserer eingeborenen Treiber und Bambusen, die den Gefangenen solche Schonung missgönnten, mit allem Nachdruck geschützt wurden.“(37)[6]

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Jacob Morenga (Herero)

Aber auch hier wird die Wohltat der Weißen noch mit der Amoralität der Schwarzen verrechnet. Vielleicht treten in dieser Schilderung auch Meinungsverschiedenheiten im Umgang mit der indigenen Bevölkerung zutage, die es zwischen dem Kommandeur von Trotha und den nachgeordneten Offizieren Deimling und von Estorff gab, die das Machtgebaren und die Brutalität von Trothas ablehnten. Zu diesen überlieferten Spannungen gibt es bei Schmidt keine direkten Hinweise. Wenn man aus anderen Quellen weiß, dass es diese Spannungen gab, kann man in Andeutungen eine größere atmosphärische Nähe Schmidts zu Deimling und Estorff deuten.

Von Trothas „Aufruf an das Volk der Hereros“, den ich oben zitiert habe, erwähnt Schmidt in einer Eintragung zum 1.Oktober: „Wollten die immer weiter Fliehenden sich zu keinem Kampfe mehr stellen, so mussten ihre öden Zufluchtsstätten im Osten ihre letzte Kraft brechen. Diese Lage beschloss General von Trotha durch einen scharfen Aufruf zu einem Druck auf die Hereros auszunutzen; sie sollten die Ergebung dem sicheren Verderben vorziehen. Unsere Truppen wurden zur Besetzung der besten Wassergebiete auseinandergezogen, um ein Zurückfluten der Hereros möglichst zu verhindern.“ (55f)

Schmidt resümiert dann noch, es seien harte Gewaltmärsche gewesen, auf denen man die „bestürzten Aufständischen“ selbst von den letzten Wasserstellen vertrieben habe. Sie hätten „die allerletzte Kraft von Ross und Reiter verlangt, aber dadurch sei ein durchschlagender Erfolg erzielt worden.“(56) Die Ungeheuerlichkeit des Aufrufs von Trothas und die Folgen der Vertreibung der Hereros in die wasserlose Wüste kommt Schmidt offensichtlich nicht zu Bewusstsein, bzw. er schildert die Vorgehensweise und das massenhafte Sterben der Herero-Zivilbevölkerung so, als habe sie auch sein volles Einverständnis gehabt.

Auch im Nachhinein, d.h. beim Schreiben seines Buches sind Schmidt offensichtlich keine Skrupel gekommen. Nach der Schilderung der tödlichen Ankündigung von Trothas, das Volk der Hereros zu vernichten, folgt zunächst eine pittoreske Beschreibung für „die in der Heimat“ von den Kampfplätzen und Landschaften im exotischen Afrika,  und schließlich folgt ein Bericht des Feldgottesdienstes[7] an jenem 2.Oktober, in dem „am Schluss der Feier Exz. von Trotha das Wort zur Ansprache an die versammelte Truppe nahm, diese gemeinsamen Vorstöße und zugleich den Herero-Feldzug mit einem Hurra auf den Kaiser schließend.“ (58)

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Hinrichtung von Kriegsgefangenen in Deutsch-Südwestafrika, um 1905/ 1906. Bidl aus: Der Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg (1904 – 1908) in Namibia und seine Folgen. Hg. von Jürgen Zimmerer und Jochen Zeller, Berlin 2003

Als Schmidt – zurück in Deutschland – 1905/1906 seine Erinnerungen aufschrieb, können ihm die heftigen Proteste, die von Trothas Vernichtungsfeldzug gegen die Hereros in Deutschland ausgelöst hatten, nicht unbekannt gewesen sein. Er tut so, als kenne er sie nicht. August Bebel empörte sich im Reichstag: „Eine solche Kriegsführung kann jeder Metzgerknecht treiben, dazu braucht man nicht General oder höherer Offizier zu sein.“[63]

Evangelische Missionsgesellschaften verlangten die Zurücknahme von Trothas Aufruf, Reichskanzler von Bülow mahnte in einem Brief an den Kaiser, dass von Trothas Maßnahmen im Widerspruch zu allen christlichen und menschlichen Prinzipien ständen und dem Ansehen Deutschlands unter den zivilisierten Völkern schadeten. Selbst der Chef des Generalstabs, von Schlieffen, der zunächst in Übereinstimmung mit dem Kaiser, Trothas hartes Vorgehen unterstützt hatte, musste einen Rückzieher machen.

Das alles wissend, sah sich Schmidt nicht veranlasst und nicht in der Lage, seine rückblickende Betrachtung mit einem auch nur zaghaft-kritischen Kommentar zu versehen. Stattdessen schreibt er in seinem Vorwort: „Mein Buch möchte vielen Kreisen unseres in Sturm und Krieg erprobten Volkes die Herzen für unsere heldenmutig kämpfende und hart entbehrende Schutztruppe erwärmen helfen.“

Der Feldzug gegen die Namas

Nach der Verfolgung und der tödlichen Vertreibung der Hereros in die Kalahari-Wüste ist Max Schmidt als Feldgeistlicher am anschließenden Feldzug gegen die Nama-Völker im Süden des heutigen Namibia beteiligt. Die Namas, von denen verschiedene Gruppen noch am Waterberg auf Seiten der deutschen Kolonialtruppe gekämpft hatten, kündigten dieses Abkommen auf, als sie sahen, mit welcher Härte die Deutschen im weiteren Verlauf gegen die Hereros vorgingen. Unter der Führung von Hendrik Witbooi und Jakob Moranga[8] kämpften die Namas – anders als zuvor die Hereros – mit einer guerillaartigen Strategie. 

Schmidt berichtet von einer sehr sentimental-gefühlvollen Weihnachtsfeier, bei der er alle seine pathetisch-rhetorischen Register[9] zog, bevor es gleich Anfang Januar zu harten Kämpfen kam. Vom 2.- 4. Januar 1905 erreicht der Kampf der Namas gegen die deutschen Kolonialtruppen bei Groß-Nabas einen Höhepunkt. Schmidt beschreibt eindrücklich, wie deutsche Soldaten unter der Wasserknappheit und der sengenden Hitze gelitten haben. Aber während schwer verwundete und sterbende Soldaten den Tag verfluchen, an dem sie in dieses fremde Land kamen, um Morphium bettelten, manche von Raserei erfasst wurden oder in ein Delirium fielen, kommen Schmidt keine Gedanken über den Schrecken, den Unsinn und die Barbarei des Krieges, und keinerlei  Zweifel in den Sinn, sondern er spricht, ja, er schwadroniert über „Stunden, in denen der feierliche Ernst der Todesnähe durch die Reihen schauerte.“ (106) [10]

Nach den erbitterten, für beide Seiten verlustreichen Kämpfen bei Groß-Nabas ging der Kolonialkrieg gegen die Namas weiter bis 1907. Der Dienst des Pfarrer Max Schmidt endete im Sommer 1905. Am 25. Juli kam er in Hamburg an.

Schmidts Jahre an der Garnisonkirche in Potsdam 1906 – 1911

Am 25. Juli 1905 kam Max Schmidt aus Südwest-Afrika zurück. Als er am 8. November 1906 das Vorwort zu seinen Kriegserlebnisse unter dem Titel „Aus unserem Kriegsleben in Südwest-Afrika“ schrieb, war er gerade zum Militärpfarrer der 1.Garde-Division an der Garnisonkirche in Potsdam ernannt worden. Man darf vermuten, dass der „Erfolg“ gegen die Hereros und Namas dieser Beförderung zugutekam.

Er kam zu einem Zeitpunkt an die Garnisonkirche, als einerseits das preußische Kriegsministerium im Zuge einer allgemeinen Militarisierung beide Garnisonkirchenstellen, also auch die eher zivile Hofpredigerstelle, stärker militärisch ausrichten wollte, und zwar gegen den Widerstand des Gemeindevorstands der Zivilgemeinde, und als andererseits der bisherige Garnisonpfarrers Johannes Keßler die Chance witterte, die frei gewordene (höher dotierte) Stelle des für die zivile Gemeinde zuständigen Hofpredigers nebenbei mit zu verwalten, auch gegen das Votum des Gemeindevorstands. So wurde Schmidt zunächst Pfarrer für die 1.Garde Division und erst 1908 nach dem Weggang Keßlers[11] von Potsdam „mit dem Titel und Charakter eines Hofpredigers ernannt“. 1911 verließ er Potsdam und wurde am 1.Advent dieses Jahres als Pfarrer an der St. Nicolaikirche in Leipzig eingeführt.

In seine Potsdamer Zeit fällt die Aufstellung von Gedächtnistafeln in Garnisonkirchen für die bei Kriegshandlungen in China und Afrika gefallenen und verschollenen deutschen Soldaten. Der Auftrag dazu kam von einer „Allerhöchsten Kabinetts-Ordre vom 11.November 1909:

Auf Ihren gemeinschaftlichen Bericht vom 11. Oktober 1909 genehmige Ich, um das Andenken der bei den kriegerischen Ereignissen in China und Afrika gefallenen, der ihren Wunden erlegenen und der verschollenen Offiziere, Beamten und Mannschaften Meiner Armee, Marine und Schutztruppen zu ehren, dass in den einzelnen Kirchen, zu deren Gemeinden die Bezeichneten gehört haben, Gedenktafeln mit ihren Namen nach dem für Armee gegebenen Muster aufgestellt werden.

Berlin, den 11.November 1909. gez. Wilhelm R.“

Als Garnisonpfarrer in Potsdam hatte Schmidt bei der Umsetzung dieser Ordre eine zentrale Rolle. Nicht nur als Pfarrer der bedeutendsten Garnisonkirche, sondern auch als Feldgeistlicher, der selbst in China und in Südwest-Afrika an den „kriegerischen Ereignissen“ beteiligt gewesen war, hatte er zu dem Auftrag eine besondere Nähe. Ihm kam es zu, die Namenslisten der Soldaten aus den verschiedenen Divisionen und Standorten, die im 2. Feldregiment zusammengefasst waren, zusammenzutragen und die Herstellung und Einweihung der Gedächtnistafeln vorzubereiten. Die sollte in evangelischen Garnisonkirchen am 20.11.1910, dem Totensonntag, erfolgen, in katholischen Garnisonkirchen am 2.11.1910, am Tag Allerseelen. Im Blick auf gefallene und vermisste Angehörige jüdischen Glaubens hatte Schmidt den Auftrag, sich mit den zuständigen Synagogen in Verbindung setzen.

Bei den Kolonialkriegen kamen nicht die regulären Truppen des Deutschen Heeres zum Einsatz, zu denen auch die preußischen Regimenter gehörten, also auch das 1. Garde Regiment. Für den Einsatz in Südwest-Afrika wurde jenes 2. Feldregiment zusammengestellt, das wie die Schutztruppen direkt dem Reichsmarineamt unterstand.  In seiner Geschichte des 1. Garde Regiments hält Friedrich von Friedeburg fest, dass sich auch aus Potsdam „Freiwillige aus dem Regiment auch zu diesem Kampf für die deutsche Ehre zahlreich gemeldet.“ haben [12]. Das Engagement der Freiwilligen des 1. Garde Regiments wurde später von ihrem Potsdamer Regiment als Teil der eigenen Regimentsgeschichte verstanden, der man sich immer wieder gerne erinnerte. [13]

In einem handschriftlichen Schreiben vom 20.10.1910 meldete Schmidt der königlichen Kommandantur den Stand der Vorbereitungen für die Aufhängung der Gedächtnistafeln während eines Festgottesdienstes in der Potsdamer Garnisonkirche:

Der königlichen Kommandantur hier

Die Gedächtnistafel kann nach der mehrfachen und noch heute wiederholten Versicherungen der Beauftragten am Totensonntag (20.11.10) bestimmt eingeweiht werden. Der Hoftischlermeister Schulz und der Hofmalermeister Andre sind mit der Ausführung der ihnen gegebenen Skizze beschäftigt. Diese Skizze ist nach den befohlenen  Weisungen entworfen und genau dem Stil der Kirche angepaßt; Professor Laske von der technischen Hochschule in Charlottenburg, der den neuen Altar erbaut hat und ein wissenschaftlich technisches Werk über die Garnisonkirche vorbereitet, hat auf meine Bitte den Entwurf in allen Einzelheiten (Stil des Reichsadlers, Wahl der Schrift, Anpassung der Tafeln an den Platz) bestimmt. Da die erste Empore keinen freien Platz mehr bietet, ist eine gut sichtbare Stelle an der Wand der zweiten Empore ausgewählt worden. Die Predigt wird auf die Gedächtnistafel hinweisen. Versuchen will ich noch, ob der Männergesangverein an diesem Tage in der Garnisonkirche singen will. Ich erbitte dazu die Genehmigung.

                                       gez. Lic. Schmidt         Hofprediger und Garnisonpfarrer

Zur Gedenkfeier am 8. Januar 1911 reist Offizier Lothar von Trotha an, um mit Pfarrer Max Schmidt und der Potsdamer Garnisongemeinde die Gedenktafel in der Garnisonkirche und die gefallenen Potsdamer Soldaten zu würdigen.[14] Neben dieser Aktion ist über Max Schmidts Zeit an der Garnisonkirche wenig bekannt.

In einem Nachruf über den „Hofprediger D. Max Schmidt“ von Prof. Wilhelm Stieda in „Das Jahr des Herrn 1930 – Kalender für die evangelischen Gemeinden Leipzigs“ findet sich bezüglich seiner Zeit an der Garnisonkirche die folgende Zusammenfassung (S.48):
„Max Schmidt war in voller Aufrichtigkeit dem preußischen Herrscherhaus, insbesondere der deutschen Kaiserin ergeben. Die hohen Herrschaften hatten ihn auch in ihren persönlichen Verkehr gezogen und hörten seine schlichten, aber markigen und gottesfürchtigen Predigten oft. So bedeutete es für ihn keinen leichten Entschluss, diesen Beziehungen zu entsagen und dem Rufe nach Leipzig zu folgen.“

Und in einem Brief Schmidts an den Leipziger Superintendenten D. Pank, so notiert Stieda, heißt es: „Je schwerer das Losreißen aus liebgewordenen Verhältnissen uns verwundet, um so wohltuender erfreuen die Grüße wie der Ihre, die mich willkommen heißen.“ Über den „persönlichen Verkehr mit den hohen Herrschaften“ möchte man gerne mehr erfahren, aber darüber ist nichts überliefert.

Es scheint auf eine Charakterisierung der Predigten Schmidts hinzuweisen, wenn neben den eben zitierten „markigen“ Predigten Wilhelm Schwipps (der gleich drei „Biographien der Garnisonkirche“ geschrieben hat) in einem am 8.1.1972 im Ostpreußenblatt erschienenen Beitrag „Die Garnisonkirchen von Berlin und Potsdam“ von „kernigen Worten“ in Schmidts Predigten spricht, und zwar im Unterschied zu den „geistvollen“ Predigten von Schmidts Kollegen: „Außer Hofprediger Rogge haben die Hofprediger Keßler, Richter und Vogel geistreiche Predigten gehalten, hat der Soldatenprediger Schmidt, der in Südwest-Afrika den Kolonialkrieg kennengelernt hatte, seinen Soldaten kernige Worte gesagt.“

Schmidt hatte vor seinem Amtsantritt in Potsdam überwiegend an Militärpfarrer-Stellen gearbeitet, die teilweise mit einem Dienst in Zivilgemeinden verbunden waren. 1900 und 1901, bevor er als Feldgeistlicher an dem Einsatz in China teilnahm, waren von ihm zwei Buchveröffentlichungen erschienen: „Warum sind wir Christen? Predigten für Denkende und Suchende“[15] und ein „Geleitbuch für junge und alte Soldaten“[16]. Die Predigten des zuerst genannten sind durch einen volkmissionarischen Ton gekennzeichnet und richten sich, wie es im Untertitel heißt, an eine eher bildungsbürgerliche Leserschaft. Theologisch sind die Predigten dennoch pietistisch geprägt. Die verehrende Erwähnung des schottischen Missionars David Livingstons weist ebenso wie die Anmerkung oben Seite 4 auf eine Nähe Schmidts zum erweckungstheologischen britischen Methodismus hin. In der durchgehenden Erwartung eines weltweiten Siegeszuges des Christentums kommt dabei eine für die Zeit charakteristische christliche Version von Kolonialismus und Imperialismus zum Ausdruck. [17]

Von größerem Interesse ist in unserem Zusammenhang die andere Schrift, das „Geleitbuch für junge und alte Soldaten“. Der militaristische, „kernige“ Ton wird schon im Vorwort dieser Sammlung von Reden und Predigten deutlich, wenn er es als sein Ziel nennt, „Deutschlands Söhne zu ganzen Soldaten und ganzen Deutschen, zu ganzen Männern und zu ganzen Christen“ zu machen. Der bemerkenswerteste Beitrag in diesem Buch ist eine Rede vor jungen Soldaten über die Bedeutung der Fahnenweihe. Hier wird in kaum überbietbarer Weise deutlich: Das Selbstverständnis des Pfarrers Max Schmidt ist in hohem Maße militarisiert. Er hat als Pfarrer keinerlei Distanz zum Militär, wenn er die Fahnenweihe einen „höchsten religiösen Akt“ nennt, eine „der geweihtesten Stunden, die ihr erleben könnt.“

Soldat werden ist ihm eine religiöse Selbstverpflichtung: „Dieser Eid bindet euch auf Tod und Leben an euren Fürsten und Kaiser.“  Dabei spricht er sie auf ihre Männlichkeit an: „Im Felde ist der Mann noch was wert, da wird ihm das Herz noch gewogen.“ Solche “markigen“ Worte verbindet Schmidt mit der suggestiven Kraft von Emotionalität und Pathos, wenn er den „weihevollen Ernst dieser Stunde“ beschwört „und wir fühlen den jungen Herzen nach, wie’s in ihnen gärt und die Gedanken hoch einherwogen.“

Aus der Potsdamer Zeit sind keine Predigten Schmidts bekannt, allein zwei Ansprachen vor der Vereidigung junger Soldaten in Potsdam in Gegenwart Kaiser Wilhelms II., gehalten jeweils am 8. November 1907 und 1910.[18] In beiden Ansprachen wiederholt und steigert er die in dem Text von 1900 schon beschworene Soldatentreue und die Bereitschaft für Kaiser und Vaterland sein Leben zu geben.

Was Schmidt an der Garnisonkirche in Potsdam fasziniert hat, hat er im Nachhinein, in seiner Einführungspredigt an der Leipziger Nicolaikirche am ersten Adventssonntag 1911 so formuliert: „...bis zur Soldatenkirche unseres Kaisers, von der ich herkomme, in welcher der todesernste Schmuck der erbeuteten Fahnen und Feldzeichen eines ganzen Jahrhunderts die Ehrenwacht über der schlichten Königsgruft hält und zur Gemeinde in Waffen wie im Bürgerkleide stillgewaltig redet. Diese Feldzeichen bezeugen das gleiche, das hier bei Leipzig auf dem Napoleonstein zu lesen steht: Der Herr ist der rechte Kriegsmann, Herr ist sein Name.“ Schmidt bringt hier das Motto der Garnisonkirche auf den Punkt.

Schmidts Jahre an der St. Nicolaikirche in Leipzig 1911 – 1924

Am 1. Advent 1911 wurde Max Schmidt als erster Pfarrer an der St. Nicolaikirche in Leipzig eingeführt. Diese Pfarrstelle hatte er bis zu seinem krankheitsbedingten Ausscheiden aus dem Pfarrdienst im Jahr 1924 inne. Am 9. September 1923 hielt er seine letzte Predigt in der Nicolaikirche. Zwischenzeitlich, während des 1. Weltkriegs war noch einmal als Militärpfarrer an der Westfront tätig.

Aus seiner Leipziger Zeit liegen mehrere Predigten vor. Zwei verdienen ein besonderes Interesse: eine vom 19. Oktober 1913[19], die andere vom 17. Oktober 1920.[20] Die Oktoberdaten verweisen auf die sogenannte Völkerschlacht bei Leipzig, die vom 16. – 19. Oktober 1813 stattfand. Die jeweiligen historischen Bedingungen könnten konträrer kaum sein. Im Oktober 1913 ist das wilhelminische Kaiserreich auf dem Höhepunkt seiner Macht, am 18. Oktober wird in Leipzig zum 100. Jahrestag das monumentale Völkerschlachtdenkmal eigeweiht. Dazu hält Schmidt in der Nicolaikirche die Festpredigt.

Am 17. Oktober 1920 predigt zum selben Jahrestag ein zutiefst enttäuschter, „gebrochener“ Max Schmidt. In der Predigt von 1913 spricht Schmidt von „geweihten Höhen von weltgeschichtlicher Größe“ und rhetorisch schwebt er in eben diesen. Keinen Superlativ lässt er aus. Der Gott der Väter ist der Gott der Geschichte, in biblizistischer Unmittelbarkeit werden Texte aus dem Buch des Propheten Hesekiel (Hesekiel. 37) und die deutsche Geschichte von 1806 bis 1813 zur Deckung gebracht. Triumphal werden Goethe und Hegel Lügen gestraft: „Wer konnte vor 100 Jahren solche Zuversicht fassen? Fragen wir Deutschlands größten Dichter; er warnte nicht ohne Hohn: ‚Rüttelt nur an euren Ketten, der Mann ist euch zu groß!‘ Fragen wir Deutschlands größten Denker jener Tage – er wusste nur zu antworten, ihm sei die verkörperte „Weltseele erschienen! Als ob wir mit Verzagtheit oder mit philosophierenden Träumen einem halberstorbenen, halbersterbenden Volke aufhelfen könnten! Der Dichter und der Denker versagten.“[21]

Bei allem religiös umrahmten Jubel über die siegreichen Kriege des 19.Jhdts. und die „Friedensonne“, die derzeit scheine, vergisst Schmidt nicht, weitere militärische Aufrüstung anzumahnen: „Wer Träume hat, der predige Träume; wer aber mit offenen Augen in die Wirklichkeit schauet, der wird gerade von den Leipziger Oktobertagen die Lehre sich einschärfen lassen, dass wir uns, unser Volk, unsere Jugend stark und waffentüchtig erziehen und erhalten müssen. Es ist nicht bloße Dichtung, sondern eine granitene Wahrheit, die unserem wuchtigen Denkmal vergleichbar durch die Geschichte ragt: Und setzet ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein.“

Allein diese letzte Mahnung bildet eine Brücke zu der Predigt vom 17. Oktober 1920. Auch jetzt will Schmidt den Sieg von 1813 und die drei siegreichen Kriege der zweiten Hälfte des 19.Jhdts rühmen („Das Jahrhundert großer vaterländischer Geschichte“). Aber nun eben im „Dunkel“ der Gegenwart: „Trotz alles Dunkels der Zeit, ja gerade wegen dieser schwarzen Trübsal wollen wir die leuchtenden Tage in der Geschichte unseres Volkes zu uns reden lassen. Wie das wuchtige Ehrenmal auf Leipzigs Flur sein Haupt in den herbstlichen Dunst erhebt, so ragen die Gedenktage vom 16.-19. Oktober mit ihren Großtaten in den herbstlichen trüben Nebel, der Deutschlands Lage und Zukunft verhüllt.“

Nach dieser Einleitung verkündigt Schmidt von der Leipziger Kanzel – mit dem gewohnten, ihm eigenen Pathos – die sogenannte Dolchstoßlegende: „Gottlob, dass wir sogar beim Rückblick auf den eben hinter uns liegenden furchtbaren Weltkampf wiederholen dürfen: sie haben uns nicht übermocht. Gegen den halben Erdball, gegen eine immer stärker drückende Überzahl hat die Wacht am Rhein wie die Wacht in den Ostmarken, in den Karpaten und an den Dardanellen, hat todesmutige deutsche Treue auf den Meeren wie in der Luft sich siegreich behauptet, bis die innere Zermürbung uns lähmte und Hagens Speer den deutschen Siegfried niederstreckte.“

Dann vergleicht Schmidt das deutsche Volk mit dem murrenden Volk Israel in der Wüste nach dem Auszug aus Ägypten. Obwohl das deutsche Volk „wie auf Adlerflügeln durch den Krieg getragen“ worden sei, sei „ein Murren bis zum Abfall“ entstanden. „Da fiel eins nach dem andern: Deutschlands Kraft, Deutschlands Ordnung, Deutschlands Wohlstand! Eine furchtbare sittliche Verwilderung ist ausgebreitet.“

Gegen diesen vermeintlichen Verfall beschwört Schmidt die preußischen Tugenden, vor allem die militärischen. Aufs Engste verbunden mit ihnen sind ihm die sittlichen und religiösen Werte. Sie möchte er mobilisieren. Eine „christliche Wiederbelebung“ will er erreichen. Möglicherweise war diese, an einem so bedeutsamen Tag gehaltene Predigt noch einmal sein Beitrag zu dem Bemühen, die Geschichte umzudrehen, zurückfinden in die Spur „des Jahrhunderts großer vaterländischer Geschichte.“

Fünf Wochen später, 21. November 1920, predigt Schmidt zum „vaterländischen Totensonntag“. Diese Predigt hat einen ausgesprochen elegischen Ton. „Vergesst die treuen Toten nicht“ ist das Leitmotiv. Der Sonntag soll „das Gedächtnis der Heldenscharen lebendig erhalten.“ Vorbild dafür ist ihm die Widmung, die General Ludendorff seinen Kriegserinnerungen voranstellt: „Ich widme dieses Buch den im Glauben an Deutschlands Größe gefallenen Helden.“ Schmidts Hochschätzung der „Soldatentreue“, der Erfüllung des Eides, der soldatischen Tugenden generell bewegt ihn, seinen Appell, der Toten des Weltkriegs zu gedenken, auf die Toten auch der feindlichen Armeen zu beziehen.

Wie aus mehreren Nachrufen auf Max Schmidt hervorgeht, war er zutiefst enttäuscht, deprimiert und geschwächt aus dem Weltkrieg zurückgekommen. Sein ehemaliger Potsdamer Kollege, Hofprediger Johannes Keßler, der als späterer Dresdner Gemeindepfarrer die Grabrede für Max Schmidt hielt, notierte in seinen Erinnerungen: „Der tragische Ausgang des Krieges, der Zusammenbruch der Monarchie, die Sturmflut der Revolution brachen ihm Herz und Nerven. Als ich ihn, den sturmfesten, stahlharten Kameraden in Leipzig wiedersah, mit gelähmter Sprache und zitternden Händen, schnitt es mir ins Herz.“[22]

Zwei weitere kirchliche Nachrufe beschreiben das ähnlich. Einer erschien im „Amtskalender für evangelisch-lutherische Geistliche in Sachsen 1927“. Dort heißt es u.a.: 1911 wurde er als erster Pfarrer an die Nicolai zu Leipzig berufen. Hier entfaltete er in Predigten und Vorträgen eine bedeutende Tätigkeit, die weit über den Rahmen der Gemeinde hinausging. Als jedoch der Weltkrieg entbrannte, konnte er nicht in der Heimat bleiben. Als Divisionspfarrer XIX.E.D. ging er nach dem westlichen Kriegsschauplatz. Über drei Jahre hat er draußen mit seinen Soldaten Freud und Leid geteilt, ihnen Trost und Mut zugesprochen. Der Ausgang des Krieges betrübte sein patriotisches Herz tief. Nie hat er alle die Erlebnisse der Nachkriegszeit verwunden, aber der Hauptgrund seines Zusammenbruchs war seelischer Natur. Die deutsche Tragödie hat ihren Schatten auf seinen Lebensabend geworfen. Mit dem Jahre 1924 musste er infolge eines schweren Nervenleidens sein Pfarramt aufgeben und am 9. Oktober 1925 endete der Tod sein gesegnetes, tatenreiches und inhaltsvolles Leben. Ein wahrer Freund, ein bedeutender Geist, ein ganzer Mann, ein frommer Christ, ein tapferer Soldat, ein aufrichtiger Charakter, der den Glauben an Deutschlands Zukunft trotz alledem nicht verloren hat, ist mit ihm geschieden.“[23]

Ein zweiter, noch ausführlicherer Nachruf stammt von dem Nationalökonomen Prof. Dr. Wilhelm Schieda. Er erschien als „Gedenkblatt“ in: „Im Jahr des Herrn 1930 – Kalender für die evangelischen Gemeinden Leipzigs“. „Als gebrochener Mann kehrte er heim. Bald nach seiner Rückkehr zeigten sich Spuren einer beginnenden Erschöpfung.“  So beschreibt Schieda seinen Zustand nach Rückkehr aus dem

1. Weltkrieg

Wenn man die Aussagen beider Nachrufe zusammennimmt, kann man festhalten, ohne gar zu spekulativ zu werden: Für den von der Größe, ja nahezu Unbesiegbarkeit des Kaiserreiches überzeugten Pfarrer Max Schmidt muss der Ausgang des 1. Weltkriegs, der Verlust der Kolonialgebiete und die „Ereignisse der Nachkriegszeit“, sprich: die Ausrufung der Republik und die Abdankung des Kaisers traumatisch gewesen sein.

Am Ende seines Nachrufs spricht Schieda davon, dass Schmidt „nicht mehr so vollständig der Rede Herr werden konnte, um auszudrücken, was ihn bewegte.“ Er habe dann noch „sein schweres Leiden geduldig mehr als ein Jahr getragen“. Mit gewissem Erstaunen ist festzuhalten, dass die Verfasser der Nachrufe noch in den Jahren 1927 und 1930 ganz an der militaristischen Diktion des Kaiserreiches festhielten. Im Blick auf die Kolonialkriege ist bei Schieda nach wie vor die Rede von „unseren Schutztruppen“, den „Ruhmestaten des deutschen Heeres“ und von dem „Heldenmut zu Ehren des Vaterlandes“. Schieda spricht auch von der „glücklichen Niederwerfung des Herero-Aufstandes.“ An anderer Stelle attestiert er Schmidt eine „wirklich vollendete Ansprache“, in der er ausführte, „dass der Verewigte (der junge Soldat HD) den schönsten Tod, den Tod fürs Vaterland und vordem Feinde gestorben sei und seinen Fahneneid erfüllt habe.“

Und das alles in kirchlichen Publikationen! Offensichtlich waren deren Verantwortliche von den überfälligen selbstkritischen Bewegungen im deutschen Nachkriegsprotestantismus unberührt geblieben. Sie bewegten sich immer noch in der preußisch-kaiserlichen, unseligen Drei-Einheit von Nation, Militär und Kirche – genauso wie Max Schmidt, der darin als Repräsentant der Potsdamer Garnisonkirche gelten kann.

Hermann Düringer ist promovierter Theologe, zunächst als Pfarrer in Frankfurt am Main 1975 - 1982 tätig, dann Leiter der evangelischen Akademie Arnoldshain, seit 2012 im Ruhestand und u.a.


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[1] Die evang.-theologische Fakultät der Universität Leipzig verlieh Max Schmidt 1917 den Doktorgrad (Dr. theol. wurde D abgekürzt), so daß er auch als D Schmidt geannt wird. Seit 1906 war er Lizentiat (Lic.) mit der Namennennung Lic Schmidt.. Bis 1944 trugen Promovenden einer evangelischen Fakultät diesen Titel.
[2] Über den China-Einsatz des „ostasiatischen Expeditionskorps“ heißt es bei Friedrich von Friedeburg, „Geschichte des königlich Preußischen Ersten Garde Regiments zu Fuß - Teil 1. 1871-1914, 1933: „Es hatte zwar keine großen Schlachten schlagen können, aber in zahlreichen kleinen Kämpfen unter schwierigsten Verhältnissen des Geländes und des Klimas Proben von Tapferkeit und Ausdauer abgelegt und die deutschen Waffen zu Ehren gebracht.... Offiziere und Mann hatten gezeigt, dass sie für die Ehre des Vaterlandes zu sterben wussten.“ (267)
[3] „Aus unserem Kriegsleben in Südwestafrika – Erlebnisse und Erfahrungen“ von Lic. Max Schmidt, Hofprediger, Neue, durchgesehene Auflage (21.-25. Tausend) 1913, Berlin-Lichterfelde. Die Seitenzahl der Zitate wird in Klammern angefügt.
[4] Max Schmidt, so Werner Tabel, war „kein Pazifist, sondern ein Mann, der offenbar mitten im harten Soldatenleben stand.“: Werner Tabel, „Autoren Südwestafrikas. Biographien, Rezensionen und Hintergrundinformationen“, Göttingen 2007, S.110
Die Zusammenstellung der ‚Autoren Südwestafrikas“ und deren Kommentierung durch Werner Tabel verharmlost, ja romantisiert die „oft übermenschlichen Leistungen der deutschen ‚Schutztruppler‘, ihre Tapferkeit und Opferbereitschaft“ (108). „In den akribisch festgehaltenen Wahrnehmungen eines weitgehend unbekannt gebliebenen Militärseelsorgers“  (Max Schmidt, HD) sieht Tabel eine Relativierung der „gängigen Vorstellungen vom Hererokrieg als einem ‚Vorläufer des Holocaust‘“ (Tabel, 123) Mir scheint, Tabel flüchtet sich in diese tabuisierte Gleichsetzung um die sehr wohl zutreffende Bezeichnung ‚Völkermord‘ zu unterlaufen.
[5] Das Zitat im Zusammenhang: „Es fragte sich nun für mich nur, wie ist der Krieg mit den Herero zu beendigen. Die Ansichten darüber bei dem Gouverneur und einigen „alten Afrikanern“ einerseits und mir andererseits gehen gänzlich auseinander. Erstere wollten schon lange verhandeln und bezeichnen die Nation der Herero als notwendiges Arbeitsmaterial für die zukünftige Verwendung des Landes. Ich bin gänzlich anderer Ansicht. Ich glaube, dass die Nation als solche vernichtet werden muss, oder, wenn dies durch taktische Schläge nicht möglich war, operativ und durch weitere Detail-Behandlung aus dem Lande gewiesen wird. Es wird möglich sein, durch die erfolgte Besetzung der Wasserstellen von Grootfontein bis Gobabis und durch eine rege Bewegung der Kolonnen die kleinen von Westen zurückströmenden Teile des Volkes zu finden und sie allmählich aufzureiben. In das Sandfeld (Omaheke) hinein die Hauptabteilungen der Nation mit den Kapitänen zu verfolgen, zu fassen und zu vernichten, ist im Augenblick nicht möglich. […] Ich habe gestern, vor meinem Abmarsch, die in den letzten Tagen ergriffenen Orlog-Leute, kriegsgerichtlich verurteilt, aufhängen lassen, und habe alle zugelaufenen Weiber und Kinder wieder in das Sandfeld unter Mitgabe der in Othiherero abgefassten Proklamation an das Volk zurückgejagt. […] Andererseits ist die Aufnahme der Weiber und Kinder, die beide zum größten Teil krank sind, eine eminente Gefahr für die Truppe, sie jedoch zu verpflegen eine Unmöglichkeit. Deshalb halte ich es für richtiger, daß die Nation in sich untergeht, und nicht noch unsere Soldaten infiziert und an Wasser und Nahrungsmitteln beeinträchtigt. Außerdem würde irgendeine Milde von meiner Seite von seiten der Herero nur als Schwäche aufgefaßt werden. Sie müssen jetzt im Sandfeld untergehen oder über die Betschuanagrenze zu gehen trachten. Dieser Aufstand ist und bleibt der Anfang eines Rassenkampfes, den ich schon 1897 in meinem Bericht an den Reichskanzler für Ostafrika vorausgesagt habe.“ – Lothar von Trotha: an den Chef des Generalstabes der Armee, 4. Oktober 1904.
[6] Neben der bei Schmidt insgesamt dominierenden „markigen“ Rhetorik  von Vaterland und Deutschlands Größe, neben seiner an Kampf und Soldatentreue orientierten Ethik finden sich bei ihm Spuren einer christlich-universalistischen Ethik. Sie sollen nicht übergangen werden.
+ Dazu gehört diese Schilderung von einem humanen Umgang mit gefangenen Hereros; offensichtlich im Einflussbereich der Abteilung Estorff.
+ In der Predigt am Sonntag nach Ostern 1914 betont er ein Christentum jenseits aller Grenzen und „Sonderkirchen“. Fast meint er, sich bei der deutschen Zuhörerschaft entschuldigen zu müssen, dass er geistliche Impulse von den englischen Erweckungstheologen Wesley und Whitehead bezieht. („Mancher unter euch mag sich wundern...“)
[7] Schmidt predigt über Psalm 2, der mit den Worten beginnt: „Warum toben die Völker und murren so vergeblich?“
[8] Jacobus Morenga geb. um 1875 in Südwestafrika, heutiges Namibia; † 19. September 1907bei Eenzamheid), genannt der „schwarze Napoleon“, war einer der wichtigsten Anführer im Aufstand der Herero und Nama von 1904 bis 1908. Morenga gilt als einer der ersten modernen Guerillakämpfer Er war in seinen letzten Lebensjahren für die Südwest- und Südafrikaner ein Volksheld und für die deutsche Kolonialmacht einer der Hauptfeinde. Kaiser Wilhelm II. persönlich setzte auf seinen Kopf 20.000 Mark Belohnung aus. Jakob Morenga fiel 1907 im Kampf gegen seine britischen Verfolger, die in diesem Fall mit den deutschen Militärs zusammenarbeiteten. (wikipedia)
[9] „Unvergesslicher Abend voll Gebetsstimmung und getroster, innerer Freude. In allen Herzen das gleiche Empfinden, dasselbe feierliche Sehnen, das nach oben flammt. Der Soldat sucht seinen Gott, und Gottes Liebe antwortet ihm aus der Höhe. Wie lässt sich’s in dieser erbarmenden, rettenden Liebe ruhen und feiern! Der Christabend im Kriege ist nicht bloß eine Weihestunde edelster Waffenbrüderschaft; er zählt auch zu den h e i l i g e n  Stunden des Erdenlebens.“ (95)
[10] In seiner schon zitierten Einführungspredigt in der Leipziger Nicolaigemeinde 1911 nimmt Schmidt auch Bezug auf den Kampf bei Groß-Nabas. Noch einmal wird hier der Krieg zum Gottesdienst, zur Erweckung Rückkehr zum Glauben stilisiert: „In dem dreitägigen Durstgefechte bei Groß-Nabas in Südwestafrika fand ich unter anderen einen jungen Gefreiten so hoffnungslos zerschossen, wie man’s selbst im Kriege nur selten sieht. Um den tödlich Verwundeten wenigstens aus der Glutsonne zu bergen, hatten ihn die Kameraden oben auf einen überdeckten Wagen unter das Wagendach gebettet; die erhöhte Gefahr kam bei ihm ja nicht mehr in Betracht. Noch heute kann ich sein wimmerndes Rufen nicht vergessen: ‚Lieber Gott nimm mich doch zu dir.‘ Als seine letzte Bitte trug er mir auf, doch ja seiner Mutter zu bestellen, er habe draußen im Kriege sein Christentum wiedergefunden... Mir versicherte er,... im Felde habe Gottes Wort ihn wiedergefunden.“ Und dann spricht Schmidt vom „Vermächtnis dieses dankbar sterbenden Kriegers.“
[11] „Hofprediger“ Keßler, der inzwischen Gemeindepfarrer in Dresden geworden war, hielt 1925 auch die Trauerfeier zu Schmidts Begräbnis
[12] Friedrich von Friedeburg: Geschichte des Königlich Preußischen Ersten Garde Regiments zu Fuß – 1.Teil 1871-1914, 1933  „An den beiden kriegerischen Unternehmungen der Friedenszeit von 1871 bis 1914 haben eine Anzahl von Angehörigen des Regiments  freiwillig teilgenommen, die, zwar nicht in seinem Rock und nicht in seinem Verbande, sich doch bewusst waren, dass sie die Ehre des Regiments vertraten.“ (266)  Weiter unten schreibt er: „Freiwillige aus dem Regiment hatten sich auch zu diesem Kampf für die deutsche Ehre zahlreich gemeldet; darunter Unteroffizier Koch, 9. Kompanie. Die Gedenktafel auf dem Sängerchor der Garnisonkirche in Potsdam verkündet, dass aus den Reihen des Regiments für Kaiser und Reich in Südwest-Afrika gefallen sind: Leutnant v. Wurmb, Gefreiter Wilhelm Grabitz und Reiter Konrad Arnold.“ (268) Aus einer handschriftlichen Liste geht zudem hervor, dass dem Potsdamer Jägerbataillon der Reiter Willy Kurtzhals „für Kaiser und Reich gefallen“ ist.
[13] Siehe etwa die Beiträge des Nachrichtenblattes Semper Talis des gleichnamigen Traditionsverbandes zu den Einsätzen in Südwestafrika in Heft 41 1930, S 13 – 15, Heft 61 1935, S. 16 – 19, Heft 62 1935, S. 14- 16, Heft 63 1935, S. 14-16, Heft 64 1935 S. 19/20. Auch in den 1980er Jahren wurde dieses Erbe vom Verein Preußeninstitut und der Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockensiel zelebriert, siehe: Wolfgang Rieth: Ein Südwestafrika-Denkmal in Düsseldorf, Preußische Mitteilungen Nr. 68, Juni 1985, S. 5. Wolfgang Rieth: Auf den Spuren der Schutztruppe, in: Preußische Mitteilungen Nr. 95 Dez 1989, S. 10-13, Ulrich Lokowand: Vor 75 Jahren: Die deutschen Schutzgebiete 1914, in: Preußische Mitteilungen Nr. 95 Dez 1989, S. 13.
[14] Matthias Grünzig, Für Deutschtum und Vaterland: die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert, 1. Auflage (Berlin: Metropol, 2017). S. 24
[15] Max Schmidt, Warum sind wir Christen? Predigten für Denkende und Suchende, Verlag Erich Runge, Gr.Lichterfelde-Berlin, 1901
[16] Max Schmidt, Geleitsbuch für junge und alte Soldaten, Verlag Erich Runge, Gr.Lichterfelde-Berlin, 1900
[17] Insbesondere in der Missionspredigt, S.67ff
[18] In: Max Schmidt, Mannhaftes Christentum – Geleitsbuch für junge und alte Soldaten, Berlin 1914; Neuauflage des zuvor genannten Geleitsbuches für junge und alte Soldaten von 1900
[19] Max Schmidt, Auf den Höhen der Leipziger Oktobertage – Predigt zum Festgottesdienst am 19. Oktober 1913 in der Nicolaikirche Leipzig, J.C. Hinrich’sche Buchhandlung, Leipzig 1913
[20] Max Schmidt, Ein schlichtes Malzeichen in eiserner Zeit, Predigt am17.10.1920, J.C. Hinrich’sche Buchhandlung Leipzig 1920
[21] Nicht dass die beiden Herren gegen Kritik gefeit seien. Durch Schmidts Hohn schimmert jedoch das preußisch-militaristische Intellektuellen-Ressentiment, das später seinen Beitrag leisten wird, "'Das Volk der Dichter und Denker' in das der ‚Richter und Henker‘", zu verwandeln.
[22] Johannes Keßler „Ich schwöre mir ewige Jugend – Erinnerungen eines Hofpredigers“, Leipzig 1935. Keßlers Erinnerungen verdanken wir auch einige Auskünfte über die Person Max Schmidt: „Er war ein Original. Das zeigt schon seine Wohnung. An den Wänden hingen die Trophäen seiner Kriegszeiten in China und Südwestafrika, im Übrigen war die Wohnung ungemütlich, asketisch, fast mönchisch.....
...Auf die Frage, warum er nicht heirate, antwortete Schmidt: „Was hätte ich mit einer Frau im Boxeraufstand und im Afrikanischen Busch anfangen können!... Ich muss ganz frei sein für Volk und Vaterland.“
[23] „Amtskalender für evangelisch-lutherische Geistliche in Sachsen 1927“, S. 121

Der Kapp-Putsch und Potsdam

Der Kapp-Putsch vom März 1920 ist heute ein wenig in Vergessenheit geraten, zu Unrecht,  wie ich meine. Denn der Kapp-Putsch war in doppelter Hinsicht wichtig: Einerseits war er der erste große rechtsextreme Angriff auf die demokratische Republik. Gleichzeitig war der erfolgreiche Widerstand gegen den Kapp-Putsch eine Sternstunde der Demokratie. In den Tagen des Putsches zeigte sich ein Maß an Mut und Zivilcourage, das bis heute bewundernswert ist.

Potsdam hatte mit diesem Putsch besonders viel zu tun. Denn hier waren die Truppen stationiert, die die Hauptmacht der Putschisten bildeten. Hier können die Hintergründe und Folgen des Putsches besonders gut nachvollzogen werden. Ich will die Geschichte dieses Putsches darstellen und dabei die Entwicklung in Deutschland und Potsdam beleuchten. Ich will beginnen mit der Vorgeschichte des Putsches, dann geht es um den Putsch selbst. Zum Schluss will ich etwas zu den Nachwirkungen sagen.

Die Vorgeschichte des Putsches

Zuerst will ich etwas zu den Putschisten sagen. Wer waren diese Leute und welche Ideen vertraten sie? Das Netzwerk der Putschisten bildete sich bereits während des Ersten Weltkrieges heraus. Eine wichtige Gruppe unter den Putschisten bestand aus hochrangigen Militärs. Viele Militärs gelangten spätestens während des Ersten Weltkrieges zu der Einschätzung, dass das Kaiserreich schlecht funktionieren würde. Zwar würden die Truppen tapfer kämpfen, aber die Heimatfront würde versagen. Das Kaiserreich wäre nach Einschätzung vieler Militärs nicht in der Lage, alle Ressourcen der Gesellschaft für den Krieg zu mobilisieren. Der Hauptgrund für diesen Mangel bestand nach Meinung vieler Militärs darin, dass das Kaiserreich viel zu demokratisch wäre. Das Kaiserreich war zwar ein autoritäres System mit einer starken Stellung des Kaisers. Gleichzeitig gab es aber auch demokratische Elemente, wie die SPD oder den Reichstag, in dem die SPD die stärkste Fraktion stellte. Die Mehrheit des Reichstages trat seit spätestens 1917 für einen Verständigungsfrieden ohne Sieger und Besiegte ein. Und es gab einen Reichskanzler, Theobald von Bethmann-Hollweg, der diese demokratischen Kräfte einzubinden versuchte.[1]

Diese demokratischen Elemente waren vielen Militärs ein Dorn im Auge. Ein Beispiel ist die Aussage des Generals Erich Ludendorff vom Dezember 1917: „Ich bin der Ansicht, daß der Krieg uns wahrlich keinen Grund zur Demokratisierung und Parlamentarisierung gegeben hat (…) Vielmehr halte ich eine Politik des Nachgebens gegenüber dem „Zeitgeist“ für außerordentlich gefährlich. Sie muß in ihren Konsequenzen zum Niedergang führen.“[2]

Besonders viele Statements gibt es von dem Oberstleutnant Max Bauer. Ich zitiere ihn etwas umfangreicher, weil er später zu den Schlüsselfiguren des Kapp-Putsches gehören sollte. Max Bauer klagte im März 1917: „Unsere Reichsregierung hat während des Krieges versagt. (…) Statt durch starkes Zugreifen und Belehrung Ordnung zu schaffen, und das Volk über seine Pflichten aufzuklären, hat sich die Regierung von den Kreisen leiten und treiben lassen, die schon im Frieden als eine Gefahr für Staat und Monarchie erkannt waren. (…) Die Gelegenheit ist verpaßt, und jetzt steht es schlimmer, wie vor dem Kriege, wir lassen uns vom jüdischen Freisinn und internationalen Genossentum terrorisieren.“[3]

Von vielen Militärs wurden demokratische Bestrebungen als eine Gefahr angesehen. Der Grund für diese Abneigung war die Vorstellung, dass die Demokratie zu einer Herrschaft der Massen führen würde. Und die Volksmassen wurden von vielen Militärs mit großer Verachtung betrachtet. Diese Massen würden ihrer Meinung nach niederen Instinkten folgten. Sie wollten keinen Krieg, sondern ein möglichst bequemes, friedliches Leben. Viele Militärs waren daher der Meinung, dass unter demokratischen Bedingungen ein Krieg weder führbar noch gewinnbar wäre. Ganz in diesem Sinne formulierte Max Bauer im April 1918:

 „Man muß sich meines Erachtens klar werden, was Demokratisierung heißt. (…) Einen einheitlichen Willen des Volkes gibt es garnicht, es handelt sich stets nur darum, daß einzelne Führer die die niederen Instinkte der Masse aussuchen, sich zu ihren Führern aufwerfen und so eine Pöbelherrschaft herbeiführen, die mit allen Guten und Edeln mehr oder minder gewaltsam aufräumt. Für die Masse bedeutet Freiheit stets nur Zügellosigkeit ihrer niederen Begierden, Gleichheit, die Beseitigung aller auch noch so begründeten Vorrechte der anderen.“[4]

Im Juli 1918 konstatierte Max Bauer: „Das Bild ist nicht nur trübe, es ist vernichtend. Mit solcher Heimat im Rücken kann – und das muß ausgesprochen werden – nimmermehr ein Krieg gewonnen werden, denn die Heimat ist letzten Endes doch die Wurzel, aus der das Heer seine Kraft beziehen muß.“ [5]  

Kurzum: Die Demokratie war für viele Militärs ein Hindernis auf dem Weg zu einer erfolgreichen Kriegsführung. Stattdessen träumten sie von einer Militärdiktatur, die alle Ressourcen der Gesellschaft für den Krieg mobilisieren sollte. In diesem Sinne forderte zum Beispiel der Großadmiral Alfred von Tirpitz im März 1915: „Ich sehe nur ein Mittel, der Kaiser muß auf 8 Wochen oder mehr sich krank melden, an Stelle Bethmanns muß Hindenburg kommen und diesem alles unterstellt werden, zugleich Armee und Marine“[6]  

Etwas knapper äußerte sich der Vizeadmiral Franz von Hipper im Juli 1917: „(…) unter diesem Reichskanzler, diesem Oberschlappier, kommen wir nicht vorwärts. Weg damit, den Reichstag heimschicken, einen Diktator ernennen, das scheint mir der richtige Weg zu sein.“[7]

Besonders vehement wurde die Forderung nach einer Diktatur von zwei Militärs verfochten, nämlich von Erich Ludendorff und Max Bauer. Erich Ludendorff war seit August 1914 Stabschef beim Oberbefehlshaber Ost, der für die Ostfront zuständig war. In dieser Funktion arbeitete er ganz praktisch an der Verwirklichung einer Militärdiktatur. Ein erstes Experimentierfeld für Diktaturkonzepte war der Kunststaat Oberost. Oberost ist heute fast vergessen, er war aber ganz wichtig für die Entwicklung rechtsextremer Politikkonzepte. Deutsche Truppen hatten 1915 große russische Gebiete erobert. Auf einem Teil dieser Gebiete wurde im Herbst 1915 ein neuer Staat mit dem Namen „Oberost“ geschaffen.[8] Dieser Staat war eine lupenreine Militärdiktatur, die direkt dem Oberbefehlshaber Ost, also de facto Ludendorff, unterstellt war.[9] In diesem Gebiet konnte Ludendorff schalten und walten wie er wollte. Er brauchte keine Rücksicht auf Parlamente und Parteien zu nehmen. Die Folge war eine brutale Gewaltherrschaft, die die Bevölkerung rücksichtslos ausplünderte.[10]

Im August 1916 wurde Ludendorff Erster Generalquartiersmeister und faktischer Chef der Obersten Heeresleitung. (Der formelle Chef Paul von Hindenburg beschränkte sich mehr auf repräsentative Aufgaben.) Ludendorff war damals de facto der wichtigste Militär Deutschlands.[11] Max Bauer wurde sein politischer Chefstratege.[12] Fortan arbeiteten Ludendorff und Bauer auf einen schrittweisen Übergang zur Militärdiktatur in ganz Deutschland hin. Sie erzielten auch Erfolge: Beispiele waren das Hindenburgprogramm zur Steigerung der Rüstungsproduktion[13], die Einführung der Zwangsarbeit[14] und die Entlassung des Reichskanzler Bethmann-Hollweg.[15] Dennoch gelang keine vollständige Militärdiktatur. Der Reichstag blieb erhalten.[16] Und es gab bis 1917 auch keine politische Partei, die die Oberste Heeresleitung unterstützte.

Umso wichtiger war die zweite Gruppe unter den späteren Putschisten, die aus antidemokratischen Politikern bestand. Besonders wichtig war Wolfgang Kapp. Kapp war Generaldirektor der ostpreußischen Landschaft, eine Art Kreditanstalt.[17] Kapp unterstützte die Forderung nach einer Diktatur vehement.[18] Daneben unterhielt er seit 1915 enge Kontakte zu Ludendorff.[19] Im September 1917 gründete er zusammen mit Alfred von Tirpitz die Deutsche Vaterlandspartei.[20] Diese Partei war ein Novum, denn sie war die erste rechtsradikale Partei in Deutschland. Das Ziel der Partei war die Unterstützung der Politik der Obersten Heeresleitung unter Erich Ludendorff.[21] Die Vaterlandspartei forderte ein großes Deutschland, das durch neue Eroberungen massiv erweitert werden sollte. Verlangt wurden die Annexion der baltischen Gebiete Estland, Lettland und Litauen, von Belgien, der französischen Kanalküste und weiterer französischer Gebiete. Außerdem sollte in Afrika ein riesiges deutsches Kolonialreich entstehen. Folgerichtig trat die Vaterlandspartei für eine Fortsetzung des Krieges bis zu einem deutschen Sieg ein. Einem Verständigungsfrieden ohne Sieger und Besiegte erteilte sie dagegen eine klare Absage.[22] Wichtige Parteimitglieder waren Georg Wilhelm Schiele, Conrad von Wangenheim und Gottfried Traub.[23]

Die Deutsche Vaterlandspartei erlebte gleich nach ihrer Gründung einen steilen Aufstieg. Sie verfügte über riesige Geldsummen, mit denen sie Flugblätter, Veranstaltungen und Zeitungsanzeigen finanzieren konnte. Sie wurde vom Militär massiv bevorzugt.[24] Während demokratische Kräfte kaum öffentliche Veranstaltungen durchführen durften, wurden die Veranstaltungen der Deutschen Vaterlandspartei großzügig genehmigt.[25]

Die Lage in Potsdam

Wie war die Lage in Potsdam? Potsdam nahm bis 1918 eine Sonderstellung ein. Hier existierte eine Bevölkerungsstruktur, die vor allem aus Militärs, Adligen und Beamten bestand.[26] Hier waren zudem die Eliteeinheiten der deutschen Armee, wie das Erste Garde-Regiment zu Fuß, stationiert[27] Die Arbeiterschaft war dagegen unterdurchschnittlich vertreten. Folgerichtig hatten demokratische Kräfte in Potsdam einen schweren Stand. Bis 1919 gab es in der Potsdamer Stadtverordnetenversammlung keinen SPD-Vertreter, diese Situation war damals durchaus ungewöhnlich.[28]

Sehr viel mehr Unterstützung fand dagegen die Deutsche Vaterlandspartei. Bereits am 1. Oktober 1917 wurde die Potsdamer Ortsgruppe der Deutschen Vaterlandspartei gegründet. Zum Vorsitzenden wurde Oberbürgermeister Kurt Vosberg gewählt. Vosberg hielt denn auch auf der Gründungssitzung eine markige Rede, die sich vor allem gegen alle Friedensbemühungen wandte. Er empfahl, man sollte drei Monate nicht vom Frieden reden sondern stattdessen „tüchtig zuhauen“. Zudem behauptete er, dass „Verständigungsfriede“ „gleichbedeutend mit Helotentum“ wäre. Zum Schluss forderte er: „Der Frieden müsste die erbrachten Opfer wert sein, und im Vertrauen auf unseren großen Hindenburg müssten wir ihm bis zum deutschen Siege folgen.“ [29]

Die Potsdamer Ortsgruppe der Deutschen Vaterlandspartei gewann schnell einflussreiche Unterstützer. Unter ihnen waren der Stadtrat und Potsdamer Vertreter im Preußischen Abgeordnetenhaus, Otto Eckert, der Eigentümer der Potsdamer Tageszeitung, Curt Gerber,  und der Direktor des Realgymnasiums, Udo Gaede. Weitere Vorstandsmitglieder waren Aktivisten des Alldeutschen Verbandes, wie Hugo Grell und Richard Boschan. Vosberg avancierte später zu einem führenden Mitglied der Deutschen Vaterlandspartei. Er wurde Vorsitzender des Landesvereins Brandenburg.[30]

Die Novemberrevolution

Die Novemberrevolution veränderte die Verhältnisse radikal. Kaiser Wilhelm II. erklärte seine Abdankung und floh in die Niederlande. Ein Rat der Volksbeauftragten aus Politikern der SPD und USPD übernahm Regierung. In den Armeeeinheiten wurden Soldatenräte gebildet. Am 11. November 1918 wurde Waffenstillstand unterzeichnet. Am 19. Januar 1919 konnten zum ersten Mal in Deutschland Männer und Frauen in einer demokratischen Wahl eine Deutsche Nationalversammlung wählen. Und am 6. Februar 1919 fand die symbolträchtige Eröffnungssitzung der Deutschen Nationalversammlung im Deutschen Nationaltheater in Weimar statt.

Die Revolution und die Kriegsniederlage waren dagegen eine Niederlage für antidemokratische Kräfte. Ludendorff war schon am 26. Oktober 1918 entlassen worden.[31] Später floh er zeitweilig nach Schweden. Max Bauer hatte ohne seinen Mentor kaum noch Einfluss. Er ging am 31. Oktober 1918 in Urlaub[32] und wurde am 28. Juni 1919 aus der Armee verabschiedet.[33] Die Deutsche Vaterlandspartei verlor massiv an Mitgliedern und löste sich am 10. Dezember 1918 auf.[34]

Auch in Potsdam hatte am 9. November 1918 die Revolution gesiegt. Am 11. November 1918 erfolgte die Bildung eines Arbeiter- und Soldatenrates unter Leitung des Unabhängigen Sozialdemokraten Wilhelm Staab.[35] Auf dem Rathaus und anderen öffentlichen Gebäuden wurde die rote Fahne gehisst. Die Revolution verlief in Potsdam völlig gewaltfrei. Diese Friedlichkeit war ein Verdienst von Wilhelm Staab, der für gewaltfreie Veränderungen eintrat.[36]

Die antidemokratische Opposition

Dennoch war mit der Novemberrevolution die rechte Gefahr nicht gebannt. Im Gegenteil: Schon bald schöpften die antidemokratischen Aktivisten neue Kraft. Die Deutsche Vaterlandspartei löste sich zwar im Dezember 1918 auf. Doch schon im November 1918 wurde eine Nachfolgepartei gebildet, die Deutschnationale Volkspartei (DNVP).[37] Sowohl das Vermögen der Deutschen Vaterlandspartei als auch die führenden Politiker wurden in die DNVP überführt.[38] Anfangs hielten sich diese Leute im Hintergrund[39], aber schon am 11. Juli 1919 wurde Kapp in den Engeren Vorstand der DNVP gewählt.[40] Außerdem avancierte er zum Landesvorsitzenden der DNVP in Ostpreußen.[41]

Im Februar 1919 kehrte Erich Ludendorff wieder nach Deutschland zurück.[42] Er bildete bis zum Sommer 1919 einen Kreis, der einen Staatsstreich gegen die Republik und die Errichtung einer Militärdiktatur plante.[43] Zu seinen Mitgliedern zählten Militärs wie Erich Ludendorff, Max Bauer, Waldemar Pabst, Hermann Ehrhardt, später kamen Walther von Lüttwitz und Rüdiger von der Goltz hinzu. Weiterhin gehörten zu ihnen Politiker der DNVP wie Wolfgang Kapp, Traugott von Jagow, Gottfried Traub, Georg Wilhelm Schiele, Conrad von Wangenheim.[44]

Auch in Potsdam griffen bald antidemokratische Aktivitäten um sich. Schon am 26. November 1918 wurde die Potsdamer Ortsgruppe der Deutschnationalen Volkspartei gebildet. Die Initiatoren waren Aktivisten der Deutschen Vaterlandspartei, wie Hugo Grell und Richard Boschan.[45] Die DNVP wurde in Potsdam sehr stark. Wichtige Amtsträger, wie der Polizeipräsident von Zitzewitz und der Zweite Bürgermeister Arno Rauscher traten den DNVP bei.[46] Die DNVP wurde bei Wahl zur Deutschen Nationalversammlung am 19. Januar 1919 in Potsdam stärkste Partei mit 27,1 Prozent.[47] Zum Vergleich: In Deutschland erzielte die DNVP nur 10,3 Prozent.

Auch das Potsdamer Militär demonstrierte sehr bald seine antidemokratische Gesinnung. Am 11. Dezember 1918 erfolgte der Einmarsch des Ersten Garde-Regiments zu Fuß in Potsdam. Soldaten des Regiments drangen in das Rathaus ein und beseitigten rote Fahne auf dem Dach. Auch an anderen Orten wurden die roten Fahnen beseitigt.[48] Der Kommandeur des Regiments, Siegfried Graf zu Eulenburg, verweigerte die Wahl eines Soldatenrates in seinem Regiment. Schließlich musste er doch einen Soldatenrat akzeptieren. Daraufhin versammelte Eulenburg am 15. Dezember 1918 sein Regiment in der Garnisonkirche und legte öffentlichkeitswirksam unter Protest sein Kommando nieder.[49]

In der Folgezeit bildeten sich im Potsdamer Militär starke antidemokratische Netzwerke heraus. Vor allem zwei Personen spielten eine Schlüsselrolle: Franz von Stephani und Bernhard von Hülsen. Franz von Stephani übernahm nach dem Rücktritt von Siegfried zu Eulenburg das Kommando über das Erste Garde-Regiment zu Fuß. In der Folgezeit bildete er aus ihm ergebenen Teilen seines Regiments und anderen Potsdamer Truppen das Regiment Potsdam,[50] das sich ab Januar 1919 Freikorps Potsdam nannte.[51] Bernhard von Hülsen bildete ab Dezember 1918 in Potsdam das Freikorps Hülsen.[52] Im Mai 1919 wurden das Freikorps Potsdam und das Freikorps Hülsen zur Reichswehrbrigade 3 vereinigt. Zum Kommandeur wurde Bernhard von Hülsen ernannt.[53] Franz von Stephani und Bernhard von Hülsen engagierten sich bald gegen die Demokratie. Im Juni 1919 entwarf Bernhard von Hülsen erste Pläne für einen Militärputsch.[54] Im Sommer 1919 schlossen sich von Stephani[55] und von Hülsen[56] dem Kreis um Erich Ludendorff an.

Der Ludendorff-Kreis gründete im Herbst 1919 die „Nationale Vereinigung.“ Die „Nationale Vereinigung“ hatte zwei Ziele: Einerseits sollte sie putschbereite Militärs zusammenführen. Andererseits sollte sie Propaganda für eine Militärdiktatur machen.[57] Ein wichtiger Teil dieser Propaganda war eine öffentlichkeitswirksame „Heldengedächtnisfeier“ am 24. November 1919 in der Potsdamer Garnisonkirche. Diese Veranstaltung wurde als symbolische Gegenveranstaltung zur Eröffnungssitzung der Deutschen Nationalversammlung am 6. Februar 1919 in Weimar konzipiert. Der Veranstalter war die Deutschnationale Volkspartei. Die Liturgie wurde von DNVP-Mitglied Johannes Vogel gehalten. Als Hauptredner fungierte Erich Ludendorff. Ludendorff beschuldigte im Einklang mit der sogenannten „Dolchstoßlegende“ die demokratischen Kräfte, für die Niederlage im I. Weltkrieg verantwortlich zu sein. Außerdem entwarf er das Programm für eine Militärdiktatur.[58]

Der Baltikumkrieg

Neben der Entstehung des Ludendorff-Kreises vollzog sich noch eine zweite Entwicklung, die im Zusammenhang mit dem Kapp-Putsch wichtig war, der Baltikumkrieg 1919. Im Januar 1919 zogen Teile des Ersten Garde-Regiments zu Fuß unter dem Kommando von Günter von Schauroth in das Baltikum.[59] Aus weiteren Potsdamer Truppen bildete Siegfried Graf zu Eulenburg das Freikorps Eulenburg, das ebenfalls in das Baltikum zog.[60]

Der Hintergrund des Unternehmens war das Streben der lettischen Regierung unter dem Ministerpräsident Karlis Ulmanis nach Unabhängigkeit von Russland. Da die lettische Regierung zu schwach war, bat sie um Hilfe ausländischer Truppen. Als Reaktion kamen deutsche Freikorpstruppen in das Baltikum.[61] Das Oberkommando hatte Rüdiger von der Goltz, der ebenfalls zum Kreis um Ludendorff gehörte.[62] Offiziell ging es den Truppen um die Verteidigung der lettischen Regierung gegen die Rote Armee. In Wirklichkeit aber ging es um die Eroberung von neuem Lebensraum im Osten. Dieser Kampf wurde mit äußerster Brutalität geführt, die Zivilbevölkerung wurde Opfer von Raubzügen und Massakern.[63] Die lettische Regierung versuchte, die deutschen Freikorps wieder los zu werden. Die Freikorps reagierten auf dieses Verlangen mit einem Putsch, dem sogenannten Libauer Putsch vom 16. April 1919, bei dem die lettische Regierung gestürzt wurde.[64] Erst auf Druck der Entente-Staaten Frankreich und Großbritannien zogen die Baltikumkämpfer bis Dezember 1919 ab.[65] Das Resultat dieses Krieges waren Truppen, die extrem brutal waren und die auch vor einem Putsch nicht zurückschreckten. Diese Truppen entwickelten sich zu einer Zeitbombe, die jederzeit explodieren konnte.[66]

Der Kapp-Putsch

Der Kapp-Putsch selbst wurde am 13. März 1920 vom Zaun gebrochen. Zu diesem Zeitpunkt waren die Putschvorbereitungen noch nicht abgeschlossen.[67] Denn am 11. März 1920 wurden die Putschpläne aufgedeckt. Walther von Lüttwitz wurde seines Postens enthoben. Gegen Max Bauer, Waldemar Pabst, Wolfgang Kapp und andere wurden Haftbefehle erlassen. In dieser Situation entschloss sich Walther von Lüttwitz zum Losschlagen.[68] Am 13. März 1920 begann der sogenannte Kapp-Putsch.

Potsdam spielte bei diesem Putsch eine Hauptrolle. Denn in Potsdam befand sich die Reichswehrbrigade 3 unter dem Kommando des Putschisten Bernhard von Hülsen. Diese Brigade umfasste immerhin 12.600 Mann und 657 Offiziere.[69] Diese Brigade stellte das Hauptkontingent der Putschisten.[70] Eine weitere Putschistentruppe war die Marinebrigade 2 unter dem Kommando von Hermann Ehrhardt, die in Döberitz lag und rund 5000 Mann umfasste.[71]

Diese beiden Brigaden besetzten am 13. März das Regierungsviertel in Berlin.[72] Reichswehrminister Gustav Noske und der Chef der Heeresleitung Walther Reinhard forderten von der Reichswehr die Niederschlagung des Putsches. Doch die Generäle verweigerten den Befehl. Und die Reichswehreinheit 3, die eigentlich für den Schutz der Regierung verantwortlich war, tat erst recht nichts, um die Regierung zu schützen, denn sie stand auf Seiten der Putschisten.[73] Die Regierung unter dem Sozialdemokraten Gustav Bauer floh erst nach Dresden und dann nach Stuttgart.[74] Zum neuen Reichskanzler wurde Wolfgang Kapp ernannt.[75] Am 13. März 1920 fand eine große Siegesparade am Brandenburger Tor mit Erich Ludendorff, Walther von Lüttwitz, Franz von Stephani, Hermann Ehrhardt und anderen statt.[76] Die Verschwörer schienen triumphiert zu haben.

Die Wende brachte eine riskante Maßnahme. Denn in der Stunde der Not gab der Pressechef der Reichskanzlei, Ulrich Rauscher, einen Aufruf zum Generalstreik heraus, der von den sozialdemokratischen und demokratischen Mitgliedern der Reichsregierung und dem Reichspräsidenten Friedrich Ebert unterzeichnet wurde. Es ist bis heute umstritten, ob die Unterzeichner diesen Aufruf wirklich unterzeichnet haben oder ob Rauscher eigenmächtig gehandelt hatte.[77] Entscheidend war: Der Aufruf wurde weitgehend befolgt. Er wurde vom Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB), der Arbeitsgemeinschaft freier Angestelltenverbände (AfA), des Deutschen Beamtenbundes, der USPD und der KPD unterstützt.[78] Das ganze Land wurde lahmgelegt.[79] Viele Regierungsstellen stellten ihre Arbeit ein, da sich auch der Deutsche Beamtenbund dem Streik anschloss.

Folgerichtig konnten die Putschisten kaum regieren. Die Putschistenregierung reagierte zwar am 15. März 1920 mit einem Erlass, in dem die Streikenden mit dem Tod bedroht wurden.[80] Doch die Streikenden ließen sich von diesen Drohungen nicht einschüchtern und setzten den Streik fort. An diesen Tagen zeigte sich, dass die große Mehrheit der Bevölkerung eben doch die Demokratie und keine Diktatur wollte. Am 17. März 1920 mussten die Putschisten aufgeben. Kapp trat als Reichskanzler zurück.[81]

Der Kapp-Putsch in Potsdam

Wie war die Lage in Potsdam? Da die Potsdamer Truppen auf der Seite der Putschisten standen, hatten hier die Putschisten leichtes Spiel. Sie verhängten den Ausnahmezustand und setzten die demokratischen Grundrechte außer Kraft. Kundgebungen in Wort und Schrift gegen die Kapp-Regierung wurden verboten, ebenso Streiks. Die Presse wurde einer Zensur unterworfen. Die Macht übernahm der Generalmajor Walter von der Hardt. Es ließ Demokraten verhaften und in der Unteroffiziersschule eine Gefangenensammelstelle einrichten. Wichtige Orte, wie z.B. der Bahnhof, Brücken, das Telegrafenamt, das Stadtschloss, wurden militärisch besetzt. Zur Verstärkung der Truppen wurde eine Einwohnerwehr aus Befürwortern des Putsches gebildet, die Walter von der Hardt unterstellt war.[82]

Gleichzeitig gab es aber auch Widerstand gegen den Putsch. Es bildete sich ein Aktionsausschuss, der Streiks organisierte.[83] Ein Großteil der Betriebe wurde tatsächlich bestreikt.[84] Dennoch waren die Putschisten in Potsdam relativ erfolgreich, vor allem, weil Stadtverwaltung mit den Putschisten kooperierte. Die Stadtverwaltung lehnte den Generalstreik ab. Der Oberbürgermeister Kurt Vosberg führte die Anweisungen der Putschisten aus, vermied aber ein offenes Bekenntnis zum Putsch. Andere Magistratsmitglieder waren offener. Der Zweite Bürgermeister Arno Rauscher bekannte sich zur Kapp-Regierung, der Bürodirektor Dietrich unterstützte ebenfalls den Putsch.[85] Zudem trat die größte Zeitung Potsdams, die „Potsdamer Tageszeitung“, für den Putsch ein.[86]

Ein blutiger Zusammenstoß ereignete sich am 16. März 1920. An diesem Tag hatte die Deutsche Volkspartei zu einer Versammlung in das Wirtshaus Sanssouci am Luisenplatz eingeladen. Diese Versammlung hatte Walter von der Hardt genehmigt, weil er von ihr die „Aufklärung der Bevölkerung“ im Sinne der Putschisten erwartete. In Mittagsstunden hätte sich aber laut einem Bericht von von der Hardt in den Straßen Potsdams „eine ganz ungewohnte Erregung“ bemerkbar gemacht, „die sich durch die Tätigkeit von anscheinend zugezogenen Hetzern ständig steigerte“. Von der Hardt hatte deshalb Sorge, dass die Versammlung aus dem Ruder laufen könnte und verbot die Versammlung. Dennoch kamen über tausend Menschen zum Wirtshaus Sanssouci, darunter waren offenbar Befürworter und Gegner des Putsches.

Über die weiteren Vorgänge gibt es unterschiedliche Schilderungen. Der „Vorwärts“ behauptete, dass die Potsdamer DNVP-Mitglieder einen Freudenumzug gestartet hätten. Auf diesen hätten die Demokraten mit einem eigenen Umzug reagiert.[87] Walter von der Hardt dagegen behauptete, dass es keinen Freudenumzug der DNVP gegeben hätte. In jedem Fall gab es eine Demonstration von rund tausend Personen, die zum Stadtschloss zog. An dieser Demonstration waren nach eigener Aussage der USPD-Stadtverordnete Wilhelm Staab und weitere Vertreter der SPD und USPD beteiligt.[88] Laut Aussage von Walter von der Hardt hätte diese Demonstration aus „radaulustigen, größtenteils halbwüchsigen, hauptsächlich auswärtigen Elementen“ bestanden.[89] Diese wäre unter Rufen wie „Hoch Rosa Luxemburg, nieder mit Hindenburg“ zum Stadtschloss gezogen. Inwieweit diese Aussagen der Wahrheit entsprachen, lässt sich heute kaum klären. Auf jeden Fall geht aus allen Aussagen übereinstimmend hervor, dass die Demonstranten unbewaffnet waren und dass sie friedlich waren. Die Demonstration wurde am Stadtschloss von Militärs erwartet. Der Kommandeur Oberleutnant Freiherr von Senden forderte die Demonstranten zur Auflösung der Demonstration auf. Schließlich ließ von Senden in die unbewaffnete Menge schießen. Dabei kamen 4 Demonstranten ums Leben, 11 Demonstranten wurden verwundet.[90]

Bei den Toten handelte es sich um Helene Bürger, den Schuhmacher Oskar Heinrich, den Maurer August Fröhle und den Klempner Fritz Wilhelm Hagemeister.[91] Über die Opfer wissen wir sehr wenig. In den spärlichen Dokumenten finden sich keinerlei Hinweise, dass es sich bei ihnen um politische Aktivisten handelte.[92] Die Berufe wiederum deuten darauf hin, dass sie zur Arbeiterschaft gehörten. Damit standen sie durchaus repräsentativ für die große Zahl an einfachen Bürgerinnen und Bürgern, die sich gegen den Kapp-Putsch engagierten.

Etwas anders war die Lage in der damals selbstständigen Gemeinde Nowawes. Auch hier bildete sich ein Streikausschuss,[93] auch hier traten die Arbeiter in den Generalstreik.[94] Doch hier positionierte sich die Gemeindevertretung klar gegen den Putsch. Die Gemeindevertretung beschloss zudem Aufbau einer Sicherheitswehr. Diese wurde aber nicht Walter von der Hardt unterstellt, sondern sie trat für die Republik ein.[95]

Zudem muss erwähnt werden, dass die Potsdamer Truppen nicht nur in Potsdam und Berlin im Einsatz waren. Sie wurden auch in anderen Orten eingesetzt, um den Widerstand der Demokraten zu brechen. Ein Beispiel war der Einsatz des Potsdamer Reiterregiments 4 in der Stadt Brandenburg. Die Lage in Brandenburg war für die Putschisten viel schwieriger als in Potsdam. Hier gab es eine Stadtverwaltung, die sich klar gegen den Putsch positionierte.[96] Zudem gab es hier eine starke Arbeiterschaft, eine starke SPD und eine SPD-Zeitung, die Brandenburger Zeitung, die gegen den Putsch agitierte. Von der Hardt befahl deshalb die militärische Besetzung der Brandenburger Zeitung durch Brandenburger Truppen. Diese Besetzung führte aber zu solch großem Widerstand seitens der Bevölkerung, dass die Truppen wieder abziehen mussten. Daraufhin schickte von der Hardt Truppen des Potsdamer Reiterregiments 4 unter dem Kommando von Oberstleutnant von Viereck nach Brandenburg, um den Widerstand zu brechen. Diese Truppen wüteten in Brandenburg mit großer Brutalität. Die Brandenburger Zeitung wurde besetzt. Eine Druckerei, die demokratische Flugblätter gedruckt hatte, wurde mit Handgranaten in die Luft gesprengt. Das Arbeitersekretariat der Gewerkschaften wurde verwüstet. Bei diesen Kämpfen kamen 5 Personen ums Leben, 7 Personen wurden verwundet.[97]

Am 17. März 1920 trat Kapp zurück. Doch die Gewalt ging in Potsdam trotzdem weiter. Denn die Putschistengeneräle Walter von der Hardt und Bernhard von Hülsen blieben zunächst im Amt. Walter von der Hardt behauptete nun in einem Aushang, dass sich die Regierung Kapp und Regierung Bauer geeinigt hätten und nun gemeinsam gegen einen Bolschewistenaufstand kämpfen würden.[98] Nichts davon war wahr. Es gab weder eine Einigung der Regierungen noch einen Bolschewistenaufstand. Es gab nur Aktionsausschüsse, die von Mitgliedern der SPD und USPD dominiert wurden und die für die Demokratie eintraten. Ein Beispiel war der Brandenburger Aktionsausschuss, zu dem 4 Vertreter der SPD, 3 Vertreter der USPD und nur 2 Vertreter der KPD gehörten.[99] Dennoch wurden Gewaltakte mit dem Kampf gegen einen nicht vorhandenen Bolschewistenaufstand gerechtfertigt. In Brigadebefehlen wurden die Soldaten regelrecht zur Gewalt angestachelt. In einem von Bernhard von Hülsen herausgegebenen Nachrichtenblatt vom 21. März hieß es:

„Die Gemeinheit der Spartakisten ist unberechenbar. An einzelnen Stellen sind unbewaffnete Reichswehrangehörige in bestialischer Weise totgeschlagen und verstümmelt worden, Verwundeten wurde der Schädel eingeschlagen, Ohren und Nase abgeschnitten. Hieraus geht hervor, daß jedes Paktieren oder Unterhandeln die schwersten Folgen zeitigt. Ist das erste Wort mit ihnen gesprochen, ist bereits der Keim zu den Bestialitäten gelegt“[100]

Am 21. März 1920 befahl von der Hardt eine Strafexpedition gegen Nowawes. Im Rahmen dieser Aktion wurden 3 Bürger aus Nowawes als Geiseln genommen. Ihre Behandlung wurde vom Verhalten der Bevölkerung von Nowawes gegenüber den Putschistentruppen abhängig gemacht.[101] Zudem verbot von der Hardt eine Trauerkundgebung für die Opfer des Kapp-Putsches.[102] Erst im April 1920 wurde Walter von der Hardt beurlaubt[103]

Die Zeit nach dem Kapp-Putsch

Wie ging es nun nach dem Putsch weiter? Die Regierung Bauer wollte nach dem Rücktritt Kapps einfach zur Tagesordnung übergehen und forderte ein Ende des Generalstreiks. Anders war die Haltung des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB), der Arbeitsgemeinschaft freier Angestelltenverbände (AfA) und des Deutschen Beamtenbundes. Sie wollten dafür sorgen, dass der Putsch sich nicht wiederholte. Sie machten daher die Beendigung des Generalstreikes von der Erfüllung eines Forderungskataloges abhängig, der die Demokratie dauerhaft sichern sollte. Verhandlungen führten am 20. März 1920 zu einem Abkommen zwischen der Regierung und den Gewerkschaften. Zentrale Punkte des Abkommens waren:

  • "Sofortige Entwaffnung und Bestrafung aller am Putsch oder am Sturz der verfassungsmäßigen Regierungen Schuldigen sowie der Beamten, die sich ungesetzlichen Regierungen zur Verfügung gestellt haben“
  • „Gründliche Reinigung der gesamten öffentlichen Verwaltungen und Betriebsverwaltungen von gegenrevolutionären Persönlichkeiten, besonders solchen in leitenden Stellen und ihren Ersatz durch zuverlässige Kräfte.“
  • „Auflösung aller der Verfassung nicht treu gebliebenen konterrevolutionären militärischen Formationen und ihre Ersetzung durch Formationen aus den Kreisen der zuverlässigen republikanischen Bevölkerung“[104]

Nach dem Abschluss dieser Vereinbarung wurde der Generalstreik am 22. März 1920 beendet.

In der Praxis aber wurde nur ein kleiner Teil der Forderungen erfüllt. Ansonsten setzten demokratische Spitzenpolitiker im Umgang mit den Putschisten auf Milde. Dahinter stand die Hoffnung, dass die Antidemokraten durch eine milde Behandlung mit der Republik versöhnt werden könnten. Die Folge war ein sehr großzügiger Umgang mit den Putschisten. Traugott von Jagow stellte sich der Justiz und wurde zu 5 Jahren Haft verurteilt. Georg Wilhelm Schiele und Conrad von Wangenheim wurden freigesprochen. Wolfgang Kapp starb vor seinem Prozess 1922. Walther von Lüttwitz, Waldemar Pabst und Max Bauer gingen in das Ausland. Sie wurden 1925 amnestiert.[105] Hermann Ehrhardt, Bernhard von Hülsen und Walter von der Hardt wurden 1920 in Ehren entlassen. Ludendorff blieb völlig unbehelligt.[106]

Noch gravierender war aber, dass grundlegende Strukturveränderungen unterblieben. Viele Beamte, die den Putsch unterstützt hatten, blieben in ihren Ämtern. Antidemokratische Organisationen, wie die Deutschnationale Volkspartei, konnten weiterhin ungehindert agieren. Auch die Reichswehr wurde nicht umgestaltet.[107] Die Reichswehr entwickelte sich zum Staat im Staate, in dem die antidemokratischen Kräfte nach wie vor stark waren.[108]

Teile der Putschistentruppen wurden aus der Reichswehr entlassen. Der Grund waren die Vorgaben des Versailler Vertrages, die die Stärke der Reichswehr auf 100.000 Mann begrenzten. Dennoch blieben sie aktiv. Viele dieser Truppen fanden den Weg in paramilitärische Organisationen, wie den „Stahlhelm-Bund der Frontsoldaten“, der sich bald zur stärksten Wehrorganisation Deutschlands entwickelte. Der „Stahlhelm“ war eine Schattenarmee, die Uniformen trug, Waffen besaß und die einen gewaltsamen Sturz der Demokratie zu Ziel hatte.[109] Die Reichswehr unterstützte den „Stahlhelm“ nach Kräften.[110]

Die milde Behandlung führte allerdings nicht dazu, dass die Antidemokraten von der Demokratie überzeugt wurden. Im Gegenteil: Die Rechtsextremisten zogen aus dem Putsch ganz andere Lehren. Beispielsweise erklärte Bernhard von Hülsen nach dem Putsch: „Hätten Kapp-Lüttwitz Energie gezeigt, ihre Widersacher scharf angepackt, meinetwegen auch mit Brutalität, sie hätten die Lauen und Zögernden mit sich gerissen.“[111]

Entsprechend verhielten sich die Putschisten: Hermann Ehrhardt gründete 1920 die „Organisation Consul“, Max Bauer beschaffte das nötige Geld.[112] Diese Organisation machte bald durch Morde an Finanzminister Matthias Erzberger und Außenminister Walter Rathenau auf sich aufmerksam.[113] Erich Ludendorff zog nach München und startete im November 1923 den nächsten Putschversuch, diesmal mit einem jungen Mann namens Adolf Hitler. Nach dem zweiten Misserfolg begann Ludendorffs Stern im rechten Lager zu sinken. 1925 kandidierte Ludendorff für die NSDAP für das Amt des Reichspräsidenten. Er erzielte ein blamables Ergebnis von 1,1 Prozent. Die Ehe mit einer etwas exzentrischen Frau tat seinem Renommee weiteren Abbruch.[114]

Auch Potsdamer die Putschisten konnten ungehindert gegen die Demokratie agieren. Bernhard von Hülsen trat der DNVP bei und wurde 1924 zum Stadtrat gewählt.[115] Zudem amtierte er als Vorsitzender der Potsdamer Ortsgruppe des Deutschen Offizier-Bundes.[116] Walter von der Hardt engagierte sich ebenfalls im Deutschen Offizier-Bund. Außerdem betätigte er sich im Verein ehemaliger Artilleristen Garde und Linie Potsdam, der zum Reichskriegerbund Kyffhäuser gehörte.[117] Franz von Stephani engagierte sich im „Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten“. Er wirkte ab 1924 als Landesführer des Landesverbandes Groß Berlin des „Stahlhelm“.[118] In dieser Funktion war er auch für den Potsdamer „Stahlhelm“ zuständig, denn der Potsdamer „Stahlhelm“ gehörte zum Landesverband Groß-Berlin.[119] 1933 unterstellte sich der „Stahlhelm“ Adolf Hitler[120], anschließend wurde er in die SA überführt. Franz von Stephani trat in die NSDAP ein und amtierte bis zu seinem Tod 1939 als Reichstagsabgeordneter für die NSDAP.[121] Die Milde der Demokraten führte also nicht zur Versöhnung der Rechtsextremisten mit der Demokratie. Mehr noch: Die Milde führte dazu, dass antidemokratische Haltungen salonfähig wurden. Es wurde normal, die Demokratie zu diffamieren und Demokraten zu misshandeln.

Potsdam nach dem Kapp-Putsch

Diese Entwicklung kann in Potsdam besonders gut nachvollzogen werden. Hier agierten starke Gruppen der DNVP und des „Stahlhelm – Bund der Frontsoldaten“, die einen brutalen Kampf gegen die Demokratie propagierten. Der „Stahlhelm“ beließ es nicht nur bei Worten, er trieb auch ganz realen Terror. Ständige Überfälle auf demokratische Kräfte gehörten zum Potsdamer Alltag.[122] Diese Überfälle hatten nur selten Konsequenzen, weil der „Stahlhelm“ von wichtigen Eliten unterstützt wurde. Ein Beispiel war der Potsdamer Polizeipräsident Henry von Zitzewitz. Dieser tat alles, um die „Stahlhelm“-Schläger vor polizeilicher Verfolgung zu schützen. Wenn es zu Überfällen von „Stahlhelm“-Mitgliedern auf demokratische Kräfte kam, wurden oft die Demokraten beschuldigt.[123]  Die Richter verurteilten Stahlhelmer – wenn überhaupt - nur zu läppischen Geldstrafen.[124] Arno Rauscher, der seit 1924 als Oberbürgermeister amtierte, solidarisierte sich bei jeder Gelegenheit mit dem „Stahlhelm“ [125] Die Potsdamer Stadtverordnetenversammlung, in der die DNVP die stärkste Partei war, beschloss sogar finanzielle Zuwendungen der Stadt für den „Stahlhelm“[126] Die Reichswehr betrieb eine Wehrausbildung mit dem „Stahlhelm“ und später auch der SA.[127] Wichtig war zudem die „Potsdamer Tageszeitung“. Diese Zeitung war mit einer Auflage von 26.000 Exemplaren die mit Abstand größte Zeitung Potsdams.[128] Diese Zeitung betrieb einen medialen Kreuzzug gegen die Demokratie. Auf der einen Seite verherrlichte sie den „Stahlhelm“. Auf der anderen Seite betrieb sie eine Hetze gegen demokratische Organisationen, wie das „Reichsbanner Schwarz Rot Gold“.[129]

Die DNVP und der „Stahlhelm“ betrieben zudem eine aggressive Hetze gegen Juden. Der DNVP-Stadtverordnete[130] Hans Philipp veranstaltete 1925 zwei Vorträge zur Geschichte des Judentums. Juden war der Zutritt zu diesen Veranstaltungen ausdrücklich verboten.[131] In diesen Vorträgen wurden die Juden als ein Volk von Wucherern, Betrügern, Mädchenhändlern, Schmarotzern und Ausbeutern dargestellt.[132] Hans Philipp arbeitete hauptberuflich als Lehrer im Städtischen Lyzeum. Dennoch hatten seine Ausfälle keine Konsequenzen. Zudem startete der Potsdamer „Stahlhelm“ schon 1929 eine Boykottaktion gegen jüdische Gewerbetreibende[133]

Schließlich taten der Potsdamer Magistrat und der „Stahlhelm“ alles, was in ihren Möglichkeiten stand, um einen neuen Krieg vorzubereiten. Der Magistrat führte am 29. September 1932 eine große Luftschutzübung durch, bei der das Verhalten bei einem Luftangriff trainiert werden sollte.[134] Die Stadtverordnetenversammlung beschloss am 14. Oktober 1932 den Kauf von 13.000 Gasmasken.[135] Der „Stahlhelm“ richtete im Januar 1933 einen Muster-Gasschutzkeller ein, in dem die Menschen bei einem Angriff mit Giftgasbomben Schutz finden sollten.[136] All diese Maßnahmen sorgten für ein geistiges Klima, in dem Demokraten zu Außenseitern wurden.

Die Potsdamer Demokraten, wie die SPD oder das „Reichsbanner Schwarz Rot Gold“, hatten durchaus ein Problembewusstsein. Sie veranstalteten Kundgebungen gegen den rechten Terror und forderten die SPD-geführte preußische Regierung zu einem härteren Durchgreifen auf. Ab September 1920 erschien das „Potsdamer Volksblatt“, das eine demokratische Alternative zur Potsdamer Tageszeitung bot.[137] Das „Potsdamer Volksblatt“ forderte von den eigenen Politikern einen entschlosseneren Kampf gegen die rechte Gefahr. Dennoch änderte sich nichts.[138]

Die Folgen dieser Untätigkeit waren fatal: Die zurückhaltende Haltung demokratischer Spitzenpolitiker ermutigte nicht nur die Antidemokraten. Sie sorgte auch für eine Demotivierung der eigenen Anhängerschaft. Die Demokraten fühlten sich von ihren eigenen Spitzenpolitikern im Stich gelassen. Die Fundamente der Demokratie wurden auf diese Weise mehr untergraben.

Daher war es fast zwangsläufig, dass der nächste Staatsstreich erfolgreich war. Am 20. Juli 1932 entmachtete Reichskanzler Franz von Papen die preußische Regierung. Die SPD verzichtete diesmal auf einen Aufruf zum Generalstreik und rief lediglich das Reichsgericht an.[139] Dieser Staatsstreich war erfolgreich. In der Folge wurden zahlreiche demokratische Politiker aus ihren Ämtern entfernt.[140] Der Weg in das Dritte Reich war nun bereitet.

Fazit

Wie lautet mein Fazit? Trotz dieses tragischen Endes war der Widerstand gegen den Kapp-Putsch eine Sternstunde der Demokratie. Er bewies, dass die Demokratie sich durchaus auf die Bevölkerungsmehrheit stützen konnte. Mehr noch: Breite Bevölkerungsschichten haben sehr viel Mut und Zivilcourage entwickelt, um die Demokratie zu verteidigen. Dieses Verhalten ist bis heute vorbildlich. Der Widerstand gegen den Kapp-Putsch verdient deshalb einen prominenteren Platz in unserer Erinnerungskultur. Die heutige Einweihung der Gedenktafel ist ein wichtiger Schritt auf diesem Weg.

Aber auch die Potsdamer Demokraten, die nach 1920 für die Demokratie gekämpft haben, verdienen Anerkennung. Es gehörte damals viel Mut dazu, in Potsdam für die Demokratie einzutreten. Demokraten mussten immer damit rechnen, von „Stahlhelm“-Schlägern überfallen und misshandelt zu werden. Deshalb will ich zum Schluss einige von ihnen erwähnen, nämlich die Potsdamer Stadtverordneten, die am 14. Oktober 1932 gegen den Kauf von Gasmasken für einen neuen Krieg gestimmt haben.

Erich Bredow

Anna Flügge

Julius Gaida

Adolf Hausmann

Hellmuth Hörig

Albert Wagner

Fritz Krüger

Ludwig Levy

Alfred Matschke

Karl Müller

Hedwig Pusch

Erich Reiche

Georg Spiegel

Hermann Stengel

Pauline Wuttke[141]

Der hier veröffentliche Text ist das Manuskript des gleichnamigen Vortrags des Autors im Forum für Kunst und Geschichte Potsdam am 20. Oktober 2020

Dr. Matthias Grünzig, geb. 1969 in Berlin, Literatur- und Theaterwissenschaftler, Journalist und Buchautor. 2017 publiziert er das Buch: „Für Deutschtum und Vaterland: Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert“, zugleich Promotion an der TU Berlin. Er ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Lernorts Garnisonkirche.


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[1] Raffael Scheck: Der Kampf des Tirpitz-Kreises für den uneingeschränkten U-Boot-Krieg und einen politischen Kurswechsel im Deutschen Kaiserreich 1916-1917, in: Militärgeschichtliche Mitteilungen, Heft 1/1996, S. 72
[2] Erich Ludendorff (Hg.): Urkunden der Obersten Heeresleitung über ihre Tätigkeit 1916/18, Berlin, 1920, S. 292
[3] Wilhelm Deist: Militär und Innenpolitik im Weltkrieg 1914 – 1918, Erster Teil, Düsseldorf, 1970, S. 570-574
[4] Wilhelm Deist: Militär und Innenpolitik im Weltkrieg 1914 – 1918, Zweiter Teil, Düsseldorf, 1970, S. 1211-1214
[5] ebenda, S. 1239-1243
[6] Alfred von Tirpitz: Erinnerungen, Leipzig, 1919, S. 460
[7] Max von Gallwitz: Erleben im Westen 1916-1918, Berlin, 1932, S. 203
[8] Vejas Gabriel Liulevicius: Kriegsland im Osten. Eroberung, Kolonisierung und Militärherrschaft im Ersten Weltkrieg, Hamburg, 2002, S. 74
[9] ebenda, S. 72
[10] ebenda, S. 87-94, 104
[11] Adolf Vogt: Oberst Bauer, Generalstabsoffizier im Zwielicht 1869-1929, Osnabrück, 1974, S. 47
[12] ebenda, S. 64
[13] ebenda, S. 55
[14] ebenda, S. 59 f.
[15] ebenda, S. 80-98
[16] ebenda, S. 145
[17] Heinz Hagenlücke: Deutsche Vaterlandspartei. Die nationale Rechte am Ende des Kaiserreiches, Düsseldorf, 1997, S. 113
[18] ebenda, S. 119-128
[19] ebenda, S. 132
[20] ebenda, S. 159 f., 391 f.
[21] Die Deutsche Vaterlandspartei, in: Berliner Lokal-Anzeiger, Nr. 13, 8.1.1918
[22]Tagung der Vaterlandspartei, in: Berliner Lokal-Anzeiger, Nr. 200, 20.4.1918
[23] Heinz Hagenlücke: Deutsche Vaterlandspartei. Die nationale Rechte am Ende des Kaiserreiches, Düsseldorf, 1997, S. 163
[24] Adolf Vogt: Oberst Bauer, Generalstabsoffizier im Zwielicht 1869-1929, Osnabrück, 1974,  S. 114
[25] Zensurfragen im Hauptausschuß, in: Berliner Lokal-Anzeiger, Nr. 34, 19.1.1918
[26] Erich Konter / Harald Bodenschatz: Städtebau und Herrschaft, Potsdam: Von der Residenz zur Landeshauptstadt, Berlin 2011, S. 88-95
[27] ebenda, S. 12
[28] Potsdamer Kommunalpolitik, in: Potsdamer Volksblatt, 29.8.1931
[29] Die Vaterlandspartei in Potsdam, in: Berliner Lokal-Anzeiger, Nr. 501, 2.10.1917
[30] Anzeige, in: Berliner Lokal-Anzeiger, Nr. 573, 10.11.1917
[31] Adolf Vogt: Oberst Bauer, Generalstabsoffizier im Zwielicht 1869-1929, Osnabrück, 1974,  S. 152
[32] ebenda, S. 152 f.
[33] ebenda, S. 207
[34] Heinz Hagenlücke: Deutsche Vaterlandspartei. Die nationale Rechte am Ende des Kaiserreiches, Düsseldorf, 1997, S. 385
[35] Otto Rückert: Zum Verlauf der Novemberrevolution in Potsdam, in: Bezirksheimatmuseum Potsdam (Hg.): Beiträge zur Potsdamer Geschichte, Potsdam 1969, S. 158
[36] ebenda, S. 160 f.
[37] Werner Liebe: Die Deutschnationale Volkspartei 1918-1924, Düsseldorf, 1956, S. 8
[38] Heinz Hagenlücke: Deutsche Vaterlandspartei. Die nationale Rechte am Ende des Kaiserreiches, Düsseldorf, 1997, S. 385, S. 392 f.
[39] ebenda, S. 391 f.
[40]  ebenda, S. 392
[41] Johannes Erger: Der Kapp-Lüttwitz-Putsch. Ein Beitrag zur deutschen Innenpolitik 1919/20, Düsseldorf, 1967, S. 87
[42] Bruno Thoß: Der Ludendorff-Kreis 1919-1923, Koordinationsversuche des rechten Aktionismus zwischen Revolution und Hitler-Putsch, München, 1978, S. 55
[43] Adolf Vogt: Oberst Bauer, Generalstabsoffizier im Zwielicht 1869-1929, Osnabrück, 1974, S. 244
[44] Johannes Erger: Der Kapp-Lüttwitz-Putsch. Ein Beitrag zur deutschen Innenpolitik 1919/20, Düsseldorf, 1967, S. 86; Adolf Vogt: Oberst Bauer, Generalstabsoffizier im Zwielicht 1869-1929, Osnabrück, 1974, S. 244, 254, 292
[45]Kreisparteitag der Deutschnationalen Volkspartei, in: Potsdamer Tageszeitung, 4.4.1921; 10 Jahre D.N.V.P. Potsdam, in: Potsdamer Tageszeitung, 24.11.1928
[46] Polizeipräsident von Zitzewitz und die Nazis, in: Potsdamer Volksblatt, 4.7.1931
[47] Jürgen Koppatz: Zu einigen Fragen der Kommunalwahlen und der städtischen Verwaltung in Potsdam, in: Bezirksheimatmuseum Potsdam (Hg.): Beiträge zur Potsdamer Geschichte, Potsdam 1969, S. 53
[48] Otto Rückert: Zum Verlauf der Novemberrevolution in Potsdam, in: Bezirksheimatmuseum Potsdam (Hg.): Beiträge zur Potsdamer Geschichte, Potsdam 1969, S. 165
[49] Albrecht Hannibal: Semper talis. Eine Brandenburg-Preußisch-Deutsche Geschichte, Band 1: 800-1920, Münster, 2009, S. 748
[50] ebenda, S. 726, 754 f.
[51] ebenda, S. 727, 760
[52] Georg Tessin: Deutsche Verbände und Truppen 1918-1939, Osnabrück, 1974, S. 57 f.
[53] ebenda, S. 57 f.
[54] Heinz Hürten: Zwischen Revolution und Kapp-Putsch, Militär und Innenpolitik 1918-1920, Düsseldorf, 1977, S. 154 f.
[55] Adolf Vogt: Oberst Bauer, Generalstabsoffizier im Zwielicht 1869-1929, Osnabrück, 1974, S. 245
[56] Johannes Erger: Der Kapp-Lüttwitz-Putsch. Ein Beitrag zur deutschen Innenpolitik 1919/20, Düsseldorf, 1967, S. 230 f, 251
[57] ebenda, S. 85-91
[58] Gedächtnisfeier in der Garnisonkirche, in: Potsdamer Tageszeitung, 25.11.1919
[59] Franz von Stephani: ohne Titel, in: Nachrichtenblatt „Verein der Offiziere des alten Ersten Garde-Regiments zu Fuß (e.V.), Nr. 7, 1.4.1922, S. 7 f.
[60] Albrecht Hannibal: Semper talis. Eine Brandenburg-Preußisch-Deutsche Geschichte, Band 1: 800-1920, Münster, 2009, S. 766; Bernhard Sauer: Die Baltikumer, Berlin 1995, S. 7
[61] Andreas Purkl: Die Lettlandpolitik der Weimarer Republik. Studien zu den deutsch-lettischen Beziehungen der Zwischenkriegszeit, Münster, 1997, S. 68-71
[62] Bernhard Sauer: Die Baltikumer, Berlin 1995, S.7
[63] Andreas Purkl: Die Lettlandpolitik der Weimarer Republik. Studien zu den deutsch-lettischen Beziehungen der Zwischenkriegszeit, Münster, 1997, S. 78 f., 105
[64] ebenda, S. 83
[65] Bernhard Sauer: Die Baltikumer, Berlin 1995, S. 16 f.; Andreas Purkl: Die Lettlandpolitik der Weimarer Republik. Studien zu den deutsch-lettischen Beziehungen der Zwischenkriegszeit, Münster, 1997, S. 122
[66] Johannes Erger: Der Kapp-Lüttwitz-Putsch. Ein Beitrag zur deutschen Innenpolitik 1919/20, Düsseldorf, 1967, S. 114
[67] ebenda, S. 129 ff.
[68] ebenda, S. 123 ff.
[69] Georg Tessin: Deutsche Verbände und Truppen 1918-1939, Osnabrück, 1974, S. 57 f.
[70] Walter von der Hardt: Brigadebefehl, 15.3.1920, Rep. 2A I Pol. 1063, Bl. 17; Besondere Anordnungen Nr. 2, 15.3.1920, Rep. 2A I Pol. 1063, Bl. 9
[71] Klaus Gietinger: Der Konterrevolutionär, Waldemar Pabst – eine deutsche Karriere, Hamburg 2009, S. 206; Johannes Erger: Der Kapp-Lüttwitz-Putsch. Ein Beitrag zur deutschen Innenpolitik 1919/20, Düsseldorf, 1967, S. 112
[72] Johannes Erger: Der Kapp-Lüttwitz-Putsch. Ein Beitrag zur deutschen Innenpolitik 1919/20, Düsseldorf, 1967, S. 139 f.
[73] ebenda, S. 141-146
[74] ebenda, S. 148 f.
[75] ebenda, S. 154
[76] Klaus Gietinger: Der Konterrevolutionär. Waldemar Pabst – eine deutsche Karriere, Hamburg, 2009, S. 215
[77] Johannes Erger: Der Kapp-Lüttwitz-Putsch. Ein Beitrag zur deutschen Innenpolitik 1919/20, Düsseldorf, 1967, S. 193 f.; Walter Mühlhausen: Friedrich Ebert 1871-1925, Reichspräsident der Weimarer Republik, Bonn 2007, S-. 325
[78]Johannes Erger: Der Kapp-Lüttwitz-Putsch. Ein Beitrag zur deutschen Innenpolitik 1919/20, Düsseldorf, S. 197
[79] ebenda, S. 203
[80] Adolf Vogt: Oberst Bauer, Generalstabsoffizier im Zwielicht 1869-1929, Osnabrück, 1974, S. 263 f.
[81] Johannes Erger: Der Kapp-Lüttwitz-Putsch. Ein Beitrag zur deutschen Innenpolitik 1919/20, Düsseldorf, 1967, S. 263-278
[82] Walter von der Hardt: Brigadebefehl, 15.3.1920, Rep. 2A I Pol. 1063, Bl. 17; Verordnung zur Sicherung volkswirtschaftlich wichtiger Betriebe, 17.3.1920 Rep. 2A I Pol. 1063, Bl. 5; Beschluss des Bezirksausschusses zu Potsdam, 1.6.1920, Rep. 2A I Pers. 5890, Bl. 185; Nachklänge zum Kapp-Putsch, in: Potsdamer Tageszeitung, 1.4.1920
[83] Soldaten!,  Rep. 2A I Pol. 1063, Bl. 33; Beschluss des Bezirksausschusses zu Potsdam, 1.6.1920, Rep. 2A I Pers. 5890, Bl. 185
[84] Uebersicht über die im 2. Vierteljahr 1920 den Gewerbeinspektionen übersandten Streik- und Aussperrungsnachweisungen, Rep. 2A I Pol. 1442, Bl. 164 f.
[85] Beschluss des Bezirksausschusses zu Potsdam, 1.6.1920, Rep. 2A I Pers. 5890, Bl. 180-188
[86] Nachklänge zum Kapp-Putsch, in: Potsdamer Tageszeitung, 1.4.1920
[87] Die Diktatur der Kappitäne, in: Vorwärts, Nr. 157, 25.3.1920
[88] Sturmszenen im Stadtparlament, in: Potsdamer Zeitung, 1.4.1920
[89] Tendenzmeldungen aus Potsdam, in: Potsdamer Tageszeitung, 29.3.1920
[90] Walter von der Hardt: Bericht über den Zusammenstoß am 16.3.20 gegen 9 Uhr abends am Stadtschloß Potsdam, 19.3.1920, Rep. 2A I Pol. 1063, Bl. 53
[91] Christian Perseke: Der Kapp-Lüttwitz Putsch vom 13.-17. März 1920 in Potsdam, Dokumentation gemäß Auftrag des Fachbereichs Kultur und Museum, Potsdam 2017, S. 14
[92] Das Kapp-Putsch-Jubiläum, in: Potsdamer Volksblatt, 13.3.1925
[93] Die Diktatur der Kappitäne, in: Vorwärts, Nr. 157, 25.3.1920
[94] Uebersicht über die im 2. Vierteljahr 1920 den Gewerbeinspektionen übersandten Streik- und Aussperrungsnachweisungen, Rep. 2A I Pol. 1442, Bl. 164 f.
[95] Schreiben von Rosenthal an Regierungspräsident Potsdam, 26.6.1920, Rep. 2A I Pol. 1063, Bl. 200
[96] Aufruf, Rep. 2A I Pol. 1442, Bl. 233
[97] Walter von der Hardt: Brigadebefehl, 15.3.1920, Rep. 2A I Pol. 1063, Bl. 17; Schreiben von Gepel an Regierungspräsident von Potsdam, 29.3.1920, Rep. 2A I Pol. 1063, Bl. 149-157; Unser Stadtparlament gegen die Mörder und Rebellen, in: Brandenburger Zeitung, 22.3.1920
[98] Walter von der Hardt: Wichtige Bekanntmachung an alle Heimatliebenden ohne Unterschied, 17.3.1920, 15.3.1920, Rep. 2A I Pol. 1063, Bl. 12
[99] Flugblatt, Rep. 2A I Pol. 1442
[100] Nachrichtenblatt, 21.3.1920, Rep. 2A I Pol. 1063, Bl. 19
[101] Walter von der Hardt: Brigade-Befehl, 22.3.1920, Rep. 2A I Pol. 1063, Bl. 20; Die Diktatur der Kappitäne, in: Vorwärts, Nr. 157, 25.3.1920
[102] Eine unverschämte Provokation, in: Vorwärts, Nr. 161, 27.3.1920
[103] Verhandelt Potsdam, den 14. April 1920, Rep. 2A I Pers. 5890, Bl. 44-51
[104] Das Ergebnis der Verhandlungen über Beendigung des Generalstreiks, in: Brandenburger Zeitung, 21.3.1920
[105] Adolf Vogt: Oberst Bauer, Generalstabsoffizier im Zwielicht 1869-1929, Osnabrück, 1974, S. 276
[106] Franz Uhle-Wetter: Erich Ludendorff in seiner Zeit. Soldat-Stratege-Revolutionär. Eine Neubewertung, Berg, 1996, S. 389
[107] Ulrich Kluge: Die deutsche Revolution 1918/1919, Staat, Politik und Gesellschaft zwischen Weltkrieg und Kapp-Putsch, Frankfurt/Main, 1985, S. 157 f.
[108] Carl Severing: Mein Lebensweg, Band II: Im Auf und Ab der Republik, Köln, S. 107 f.
[109] Joachim Tautz: Militaristische Jugendpolitik in der Weimarer Republik. Die Jugendorganisationen des Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten: Jungstahlhelm und Scharnhorst, Bund deutscher Jungmannen, Regensburg, 1998; Volker R. Berghahn: Der Stahlhelm – Bund der Frontsoldaten 1918-1935, Düsseldorf, 1966; Alois Klotzbücher: Der politische Weg des Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten, in der Weimarer Republik. Ein Beitrag zur Geschichte der „Nationalen Opposition“ 1918-1933, Tübingen 1964
[110] Matthias Grünzig: „Die Geburtsstätte des Dritten Reiches“, Netzwerkbildung antidemokratischer Kräfte in Potsdam während der Weimarer Republik, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Heft 4/2020, S. 320
[111] Johannes Erger: Der Kapp-Lüttwitz-Putsch. Ein Beitrag zur deutschen Innenpolitik 1919/20, Düsseldorf, 1967, S. 345
[112] Adolf Vogt: Oberst Bauer, Generalstabsoffizier im Zwielicht 1869-1929, Osnabrück, 1974, S. 335-338
[113] Wolfram Selig: Organisation Consul, in: Wolfgang Benz (Hg.): Handbuch des Antisemitismus, Band 5, Organisationen, Institutionen, Bewegungen, Berlin, Boston, 2012, S. 465 ff.
[114] Manfred Nebelin: Ludendorff. Diktator im Ersten Weltkrieg, München 2010, S. 519 f.
[115] Stadtrat von Hülsens Rücktritt, in: Potsdamer Tageszeitung, 7.10.1930
[116] Oberstleutnant Brendel DOB.-Vorsitzender, in: Potsdamer Tageszeitung, 6.6.1931
[117] Exzellenz v. d. Hardt 70 Jahre, in Potsdamer Tageszeitung, 2.9.1932
[118] Albrecht Hannibal: Semper talis. Eine Brandenburg-Preußisch-Deutsche Geschichte, Band 1: 800-1920, Münster, 2009, S. 727
[119] Schreiben von Franz von Stephani an Bundesleitung des Stahlhelm vom 26.5.1926, BArch R 72/69, Bl. 70
[120] Joachim Tautz: Militaristische Jugendpolitik in der Weimarer Republik. Die Jugendorganisationen des Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten: Jungstahlhelm und Scharnhorst, Bund deutscher Jungmannen, Regensburg, S. Roderer Verlag, 1998 , S. 439
[121] Albrecht Hannibal: Semper talis. Eine Brandenburg-Preußisch-Deutsche Geschichte, Band 1: 800-1920, Münster, Edition Octopus, 2009, S. 728
[122] Matthias Grünzig: Für Deutschtum und Vaterland. Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert, Berlin 2017, S. 107 f.
[123]ebenda, S. 32-36
[124] Ungesühnte Stahlhelm-Rüpelei, in: Potsdamer Volksblatt, 30.8.1928; Der Stahlhelmüberfall auf dem Alten Markt, in: Potsdamer Volksblatt, 8.9.1929
[125] Kristina Hübener: Stadtentwicklung und Verwaltungspolitik, Potsdams Oberbürgermeister als Gestalter einer kommunalen Leistungsverwaltung zwischen 1850 und 1918/24, in: Christiane Büchner, Andreas Musil (Hg.): Die Stadtverordnetenversammlung von Potsdam im Wandel der Zeit (KWI Schriften 5), Potsdam, 2011, S. 93 f.; Die Potsdamer Stahlhelmtage, in: Potsdamer Tageszeitung, 9.5.1927; Potsdamer Heerschau des „Stahlhelm“, in: Potsdamer Tageszeitung, 5.9.1932
[126] Matthias Grünzig: Für Deutschtum und Vaterland. Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert, Berlin 2017, S. 108 f.
[127] Schreiben von Polizeipräsident von Berlin, Landeskriminalpolizeistelle (IA) an den Regierungspräsidenten von Potsdam vom 25.6.1931, BLHA Rep. 2A I Pol. 1109, Bl. 123; Wehrsport der Bürgerkriegsbanden, in: Vorwärts, 21.10.1931; G.V.A. und Deutscher Volkssportverein, Rep. 2A I Pol. 1104, Bl. 374-391; Schreiben Betrifft: Staatsfeindliches Treiben politischer Verbände auf dem Truppenübungsplatz Döberitz von Ehrig (Amtsvorsteher des Amtsbezirks Dallgow) an den Landrat in Nauen vom 26.1.1932, BLHA, Rep. 2A I. Pol. 1104 Bl. 363 f.; Der Regierungspräsident von Potsdam: Vermerk vom 6.2.1932, BLHA, Rep. 2A I. Pol. 1104 Bl. 372 f.; Naziausbildung in Döberitz, in: Potsdamer Volksblatt, 10.2.1932; Truppenübungsplatz Döberitz, in: Potsdamer Volksblatt, 18.2.1932; Der Volkssport des Herrn Helldorf, in: Potsdamer Volksblatt, 24.2.1932
[128] Potsdamer Stadtverordnetenversammlung, in: Potsdamer Tageszeitung, 7.2.1925
[129] Die Mobilmachung der Stahlhelmer, in: Potsdamer Tageszeitung, 7.5.1927; Die Potsdamer Stahlhelmtage, in: Potsdamer Tageszeitung, 9.5.1927; Der Sinn des Stahlhelmaufmarsches, in: Potsdamer Tageszeitung, 1.9.1932; Der große Stahlhelmaufmarsch, in: Potsdamer Tageszeitung, 5.9.1932; Potsdamer Heerschau des „Stahlhelm“, in: Potsdamer Tageszeitung, 5.9.1932; Sturm der Reichsbannerleute auf ein Lokal, in: Potsdamer Tageszeitung, 20.7.1931; Reichsbanner vor Gericht, in: Potsdamer Tageszeitung, 3.9.1931; Der „provozierte“ Reichsbannermann, in: Potsdamer Tageszeitung, 23.9.1931; Schießerei am Jägertor, in: Potsdamer Tageszeitung, 16.11.1931; Reichsbannerleute treiben Politik der Straße, in: Potsdamer Tageszeitung, 1.3.1932; Bewaffneter Reichsbannerüberfall, in: Potsdamer Tageszeitung, 16.4.1932; Wieder Schlägerei vor dem SPD-Lokal, in: Potsdamer Tageszeitung, 18.4.1932; Gemeiner Ueberfall durch Reichsbannerleute, in: Potsdamer Tageszeitung, 6.5.1932; Reichsbanner überfällt Straßenpassanten, in: Potsdamer Tageszeitung, 18.7.1932; Roher Ueberfall durch Reichsbanner und Kommunisten, in: Potsdamer Tageszeitung, 21.7.1932; Reichsbanner vor Gericht, in: Potsdamer Tageszeitung, 22.10.1932
[130] Die neue Stadtverordnetenversammlung, in: Potsdamer Volksblatt, 18.3.1924
[131] Anzeige, in: Potsdamer Tageszeitung, 12.1.1925; Anzeige, in: Potsdamer Tageszeitung, 12.2.1925
[132] Ein Studienrat als „Geschichtsforscher“ , in: Potsdamer Volksblatt, 20.2.1925
[133] Gerhard Wernicke: Abwehr, in: Nachrichtenblatt des Gaues Potsdam des Stahlhelm, Heft 2, Februar 1929
[134] Bombenabwurf auf Potsdam, in: Potsdamer Tageszeitung, 30.9.1932
[135] Was der Leser wissen will, in: Potsdamer Volksblatt, 8.10.1932; Für Gasschutz und Stahlhelm, in: Potsdamer Tageszeitung, 15.10.1932
[136] Stahlhelm schafft Muster-Gasschutzkeller, in: Potsdamer Tageszeitung, 19.12.1932
[137] Erich Krüger+, in: Potsdamer Volksblatt, 23.7.1926
[138] Matthias Grünzig: Für Deutschtum und Vaterland. Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert, Berlin 2017, S. 112-123
[139] Belagerungszustand über Berlin, in: Vorwärts, Nr. 338, 20.7.1932
[140] Preußen wird baronisiert, in: Vorwärts, Nr. 341, 22.7.1932
[141] Anzeige, in: Potsdamer Tageszeitung, 15.10.1932

Eine polnische Betrachtung

Potsdamer Garnisonkirche ohne Glanz und Gloria

Als der ehemalige Ministerpräsident Brandenburgs, Manfred Stolpe, auf einer Potsdamer Veranstaltung 2002 gefragt wurde, was er über „Preußen“ als Name für das neue Bundesland denke, gab er eine eindeutige Antwort: Er habe auf seinen Polenreisen festgestellt, dass man sich dort sehr intensiv mit der preußischen Geschichte befasse. Man solle also die Polen fragen, was die von dieser Idee hielten. Stolpes Vorschlag blieb nur ein Gedanke. Während in Polen der preußische Staat als einer der wichtigsten Referenzpunkte deutsch-polnischer Geschichte gilt, findet die deutsche Preußen-Wahrnehmung meist ohne Erwähnung Polens statt. Der Grund dafür liegt zunächst und zumeist in der unaufhaltsamen, nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzenden „Brandenburgisierung“ der Erinnerung an Preußen. Man sagt „Preußen“ und meint „Berlin-Brandenburg“. Die historische Fehldeutung ist dabei schwerlich zu übersehen, denn die drei Teilungen des polnischen Staates (1772, 1793 und 1795) bedeuteten eine radikale Verschiebung der Territorial- und Bevölkerungsstruktur Preußens. Danach machten die ehemals polnischen Gebiete mehr als die Hälfte des preußischen Staatsgebildes aus; rund drei Millionen der damals etwa acht Millionen Menschen zählenden preußischen Bevölkerung waren „Untertanen polnischer Zunge“. Nach 1871 wurde die polnische Bevölkerung zur bedeutendsten Minorität im Deutschen Reich.

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Schlesischer Krieg 1740-1742, Schlacht bei Mollwitz (10.4.1741), Darstellung: Hendrik Jacobus Vinkhuijzen (1843-1910)

Den historischen und territorialen Verbindungen zum Trotz zeigt der gegenwärtig vielbeschworene „Kulturstaat Preußen“ kaum Interesse an seiner ostmitteleuropäischen Dimension. In der kulturalistischen Interpretation gerät selten in den Blick, dass die zentralen preußischen Ostprovinzen (Ost- und Westpreußen, Schlesien, Pommern), d.h. fast 70% des friederizianischen Preußenlandes, bis zu 500 km von Berlin entfernt lagen. Eine verklärende Reduktion des vielfältigen preußischen Kulturerbes auf die berlin-brandenburgische Kulturlandschaft ist die Folge. Für die regionale Identitätsstiftung wird hier das historische Preußen vor allem architektonisch wiederbelebt. Die Tatsache, dass zum überwiegenden Teil Polen zum Erbe der baulichen Überreste Preußens geworden ist, wird dabei weitgehend übergangen. Europäisch betrachtet ist der in Brandenburg grassierende Restaurationseifer problematisch, weil er einem nationalen Erinnerungsrahmen Vorschub leistet, der international nicht anschlussfähig ist. Die Chance auf eine dialogische, deutsch-polnische Erinnerung an den preußischen Staat - zumindest aus denkmalkonservatorischer und kulturgeschichtlicher Perspektive - wird dadurch verpasst.

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2. Schlesischer Krieg (1744–1745), Preußische Armee beim Angriff

Das beste Beispiel für die ausgrenzende Vereinnahmung der Erinnerung an Preußen liefert das Projekt der Potsdamer Garnisonkirche. Trotz aller Befriedungs- und Versöhnungsdeklarationen ist nicht zu übersehen, dass die Wiederaufbauidee in einer geschichtspolitischen und normativen Motivation wurzelt. Offiziell wird ein Gotteshaus angestrebt, in dem „Erinnern für die deutsche und europäische Zukunft möglich wird.“ Zu fragen ist allerdings, wie dieses ambitionierte Ziel erreicht werden soll, wenn die geplante „Bürgerkirche“ ihre historisch negative Symbolkraft nicht nur für deutsche Bürgerinnen und Bürger weitgehend verschweigt. Ein kurzer Blick auf die polnisch-preußischen Beziehungen zeigt mit aller Deutlichkeit, warum das Projekt „Garnisonkirche“ eine polnische Perspektive dringend braucht, will es mehr sein als ein bloß nationaler Identifikationsort für den „Mythos Preußen“.

Von Anfang an stand der barocke Bau für eine enge Verbindung von Staat, Kirche und Militär und damit auch für das Expansionsstreben Preußens und des Deutschen Kaiserreichs. Spätestens seit Friedrich II., dessen Gruft in der Garnisonkirche jahrhundertelang als Wallfahrtsort für Millionen Deutsche galt, expandierte Preußen auf Kosten Polens. Neben der Eroberung Schlesiens war es vor allem die von Friedrich II. mitinitiierte erste Teilung Polens, die Preußen den Weg zu einer europäischen Großmacht eröffnete. Zeit seines turbulenten Lebens hat der Preußenkönig eine durchgehend „negative Polenpolitik“ (Klaus Zernack) betrieben und die Polen für ein barbarisches Volk gehalten. In der Brandenburgischen Kulturlandschaft, für die Friedrich II. als die Identifikationsfigur par excellence gilt, findet sein komplexes Verhältnis zum Nachbarland bis heute kaum Beachtung. 

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Schlacht bei Hohenfriedeberg im Zweiten Schlesischen Krieg, Angriff des preußischen Grenadier-Garde-Bataillon, 4. Juni 1745

Aus dem kritiklos beschworenen Geist Friedrichs ist der „Geist von Potsdam“ geboren worden, der sich alsbald zur ideologischen Klammer deutschnationaler und rechtsextremer Bewegungen und Gruppierungen aller Couleur entwickelte. Besonders intensiv spukte er in der Potsdamer Garnisonkirche. Das christliche Gotteshaus mutierte zur Ruhmeshalle eines militanten Preußens. Gerühmt wurden hier „preußische Tugenden“, die die Kampfbereitschaft für Deutschtum und Vaterland moralisch überhöhten. Vor Gott und der Geschichte legitimiert, besetzte Preußen die polnischen Territorien für über 100 Jahre. Im festen Glauben an die eigene zivilisatorische Überlegenheit wurde versucht, die Polen mittels einer restriktiven Sprachen-, Schul- und Wirtschaftspolitik aus ihren nationalkulturellen Nischen herauszudrängen. 

class="wp-block-image size-large">Treitschkestraße in Berlin-Steglitz. In einer Bürgerbefragung 2012 wurde die Umbenennung abgelehntclass="wp-image-1339"/>
Heinrich von Treitschke prägte 1879 das Motto "Die Juden sind unser Unglück" und löste somit den Berliner Antisemistismusstreit aus. In Berlin-Steglitz ist ihm eine Straße gewidmet. Deren Umbenennung wurde von den Anwohner*innen in einer Bürgerbefragung 2012 abgelehnt.

Besonders diejenigen Nationalisten und Militaristen, denen die deutschlandweit bekannte Potsdamer Garnisonkirche als politische Bühne diente, waren bemüht, die deutsche Repressions- und Präventivpolitik gegenüber der polnischen Minderheit zu rechtfertigen. Zu ihren bekanntesten Vertretern gehört sicherlich der Historiker und Redakteur der Preußischen Jahrbücher Heinrich von Treitschke. In seinem einflussreichen Aufsatz Das deutsche Ordensland Preußen von 1862 stellte er die Polen und andere Slawen grob abwertend dem nach seiner Auffassung positiven, kultur- und staatsbildenden Einfluss der Deutschen (in Form des Deutschen Ordens) gegenüber. Die Geschichte des Ordensstaates deutete er als gewichtigen Beleg für die deutsche Mission Preußens im Osten. Gleichzeitig rechtfertigte er die Ost- Expansion des preußischen Staates, indem er die Deutschen als Staatengründer und „Kulturträger“ darstellte. Treitschke war es auch, der die Antisemitismuswelle der 1880er Jahre mit seinem Satz von der „Schar strebsamer hosenverkaufender Jünglinge“, die Jahr für Jahr „aus der unerschöpflichen polnischen Wiege über unsere Ostgrenze“ herein dringe, rechtfertigte. Schnell entwickelte sich das imaginäre antisemitisch und polenfeindlich aufgeladene Bild von der „Überflutung“ durch Juden und Polen aus dem Osten zu einem Topos des nationalen Selbstverständnisses. Im preußischen Landtag vom Januar 1886 bekräftigte Bismarck seine Entscheidung, über 30 000 Polen mit ungeklärter Staatsangehörigkeit aus Berlin und den preußischen Ostprovinzen auszuweisen, mit dem Argument, Deutschland wolle die fremden Polen loswerden, weil es an eigenen genug habe.

Diese Ausgrenzung war fester Bestandteil des von Bismarck forcierten „Kulturkampfes“ sowie der kulturnationalistischen Polemik solcher politischen Gruppierungen wie des aggressiven und mächtigen Ostmarktvereins oder des ihm ideologisch nahestehenden Alldeutschen Verbandes. Themen wie „der Osten als Problem für das Kaiserreich“, „Polenpolitik“, „Ostflucht“, „innere Kolonisation“ oder „der slawische Vormarsch“ waren auf ihren Veranstaltungen in der Garnisonkirche stets präsent. Unter dem kirchlichen Dach wurde ein neues Koordinatensystem propagiert: Antislawismus. Der national-rassische Antislawismus gründete auf der Überzeugung von der kulturellen und biologischen Überlegenheit der Deutschen und bediente sich der längst tradierten Stereotype vom barbarischen Osten. In national- und rechtsgerichteten Kreisen wurden die Polen zum homogenen Gegenbild der die preußischen Tugenden verkörpernden Deutschen stilisiert. „Anarchisch“ stand „pflichtbewusst“ gegenüber, „polnische Wirtschaft“ trat in Gegensatz zu „Sauberkeit“ und „Zuverlässigkeit“, „sparsam“ blieb positiv, während „verschwenderisch“ pejorativ gebraucht wurde, und schließlich mündete das alles in den offenen Gegensatz von Ost und West.

Die Wiederherstellung der polnischen Staatlichkeit und die damit verbundenen Gebietsverluste an Polen nach dem Versailler Vertrag verstärkten diesen so propagierten Gegensatz. Beklagt wurde nicht nur die verlorene Heimat, sondern auch die Situation der deutsch-evangelischen Minderheit beim östlichen Nachbarn. Besonders engagiert in dieser Frage zeigte sich der Generalsuperintendent der Kurmark Otto Dibelius. Als Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei und überzeugter Antidemokrat forderte er die Revision des Versailler Vertrages und den Schutz der „evangelischen Deutschen“ vor „polnischer Gewalttätigkeit“. Seiner abwertenden Meinung über Polen und seinen revisionistischen Überzeugungen blieb Dibelius durchgehend treu. Nach dem Zweiten Weltkrieg lehnte der mittlerweile hochanerkannte Bischof von Berlin-Brandenburg jede Forderung nach Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze vehement ab.

Friedrich Ebert hatte also vor der Weimarer Nationalversammlung 1919 das Ende des „Geistes von Potsdam“ ziemlich voreilig verkündet. Bereits wenige Monate danach fand in der Garnisonkirche eine erneute Massenbeschwörung eben dieses Ungeistes statt, als die Deutschnationale Volkspartei einen Gedächtnisgottesdienst mit General Erich Ludendorff organisierte, auf dem eine Wiedereinführung der Monarchie und ein neuer Krieg gefordert wurden. Auch später gab es in der Garnisonkirche zahllose Kundgebungen, Aufmärsche und militärische Gedenkfeiern, die eine Identifikationsfunktion für die Gegner der Weimarer Republik besaßen. Kultiviert wurde dabei eine ideologische Mischung aus großdeutschen Machtansprüchen, Antisemitismus und Polenfeindlichkeit. Besonders deutlich machte das die am 13. Juni 1926 abgehaltene Kundgebung des fast 50 000 Mitglieder zählenden Deutschen Ostbundes, auf der eine „Kulturüberlegenheit“ der Deutschen über die Slawen postuliert und eine erneute Zerschlagung des polnischen Staates gefordert wurde. Die jährlichen Veranstaltungen zu Geburts- und Sterbetagen Friedrichs II. in der Garnisonkirche sowie der am 28. Juni 1929 dort abgehaltene Trauergottesdienst zum zehnjährigen Jahrestag der Unterzeichnung des Versailler Vertrages lieferten weiteren Anlass, dezidiert antipolnische Stimmung zu verbreiten.

Den erhofften Revanchekrieg gegen Polen und Frankreich versprach Adolf Hitler. Mit dem berühmt-berüchtigten „Tag von Potsdam“ wurde das Bündnis zwischen Nationalsozialisten und Deutschnationalen offiziell besiegelt. Um dem Händedruck des unbekannten Gefreiten mit dem greisen Generalfeldmarschall von Hindenburg auf den Stufen der Garnisonkirche einen militärischen Rahmen zu geben, marschierten SA, SS und das berühmte 9. Preußische Infanterie-Regiment auf. Seine hingebungsvolle Treue zu Hitler bewies „Graf Neun“ sechs Jahre später beim deutschen Überfall auf Polen. Nur wenige seiner Offiziere zeigten sich mit der Zeit von der Politik des Führers enttäuscht. Ihr Nicht-Einverständnis folgte der späten Einsicht, dass das „Dritte Reich“ nicht das ersehnte Deutschland geworden war, das sie der Weimarer Republik entgegensetzen wollten. So gesehen war das gescheiterte Attentat auf Hitler keineswegs ein Akt des Widerstands gegen die zunehmende Brutalisierung des Krieges oder die Massenvernichtung von Zivilisten im Osten. Eher könnte es als ein mutiger nationalkonservativer Staatsstreich angesehen werden.  

Ob diese differenzierte und nicht nur polnische Perspektive auf die Verschwörer des 20. Juli in der wiedererrichteten Garnisonkirche vertreten werden wird, bleibt zu bezweifeln. Geplant ist ein Ort der Friedens- und Versöhnungsarbeit. Die Botschaft einer derartigen rhetorischen Grundannahme zielt auf das Versprechen: Wir haben aus der Geschichte gelernt. Bedient wird hier das provinzielle Bild von einer moralisch nicht korrumpierbaren, dem protestantischen Ethos zutiefst verpflichteten Bundesrepublik, die mit ihrer Erinnerungspolitik endlich das zu realisieren versuche, wofür der „Kulturstaat Preußen“ in einer sich selbst idealisierenden Form gestanden hätte. Kritiklos wird im Land Brandenburg der „Mythos Preußen“ für die politische und moralische Legitimierung von Geschichtspolitik benutzt. Aller Defizite zum Trotz kann damit eine regional-identifikatorische Wunschvorstellung von preußischer Geschichte ungehindert in die Zukunft projiziert werden. Noch ein Beweis mehr, dass das Projekt Garnisonkirche nicht auf dem Amboss der kritischen Geschichtsschreibung, sondern im Schmelztiegel der lokalen Politik geformt wurde. Diese sieht zurzeit leider nicht vor, europäisch ausgerichtete Erzählstrukturen in sein Konzept einzubetten - am wenigsten solche aus dem benachbarten Polen.

Agnieszka Pufelska (* 1973  in Sierpc/Polen) ist Kulturhistorikerin. Sie promovierte in Kulturwissenschaften 2005 an der Viadrina in Frankfurt Oder und habilitierte 2015 in Geschichte an der Universität Potsdam mit der Arbeit „Der bessere Nachbar? Das polnische Preußenbild in der Zeit der Aufklärung (1764-1806)“. Seit 2016 ist sie Mitarbeiterin am Nordost-Institut an der Universität Hamburg (Lüneburg). Aktuell lehrt sie in Potsdam und Hamburg. 2020/2021 war sie Gastprofessorin an der Universität Wien. Sie ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des kritischen „Lernort Garnisonkirche“

Der hiesige Text wurde in gekürzter Fassung vorab veröffentlicht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 1. Februar 2021 und in fünf Evangelischen Sonntagszeitungen, EKHN-Ausgabe 11/2021 (März). Zur Veröffentlichung in der FAZ schrieb Professor Dr. Jan Musekamp (Universität Pittsburgh) folgenden Leserbrief:

Die Garnisonkirche am Schnittpunkt

Zum Beitrag „Vergesst die Teilungen Polens nicht“ von Agnieszka Pufelska (F.A.Z. vom 1. Februar): Die Diskussionen um den Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche sind seit über dreißig Jahren Dauerthema lokaler Debatten. Sie haben dabei, wie Agnieszka Pufelska zu Recht bemängelt, selten Eingang in nationale geschweige denn europäische Debatten um Erinnerung gefunden. Abgesehen von der bereits beantworteten grundsätzlichen Frage eines Wiederaufbaus im Sinne einer Wiederherstellung historisch gewachsener Stadtstrukturen, ist nun entscheidend, wie der Bau kontextualisiert wird, damit er sich nicht zu einem zweiten monarchistisch-militaristisch konnotierten Deutschen Eck entwickelt. Dabei hat gerade dieser Ort das Potential, positive Strahlkraft zu entwickeln als Beispiel für einen Umgang mit deutscher Geschichte, den Susan Naiman aus amerikanischer Perspektive nicht ganz zu Unrecht als nachahmenswert bezeichnet hat („Learning from the Germans“). Im konkreten Fall muss der Ausgangspunkt dafür das Verständnis sein, dass eine wiederaufgebaute Garnisonkirche nicht nur eine Potsdamer, eine brandenburgische oder eine deutsche Angelegenheit ist. Angesichts zahlreicher Besucherinnen und Besucher aus dem In- und Ausland hat der Ort auch eine globale Dimension. Im Moment sieht es nicht so aus, als ob die Initiatorinnen und Initiatoren dieser Rolle voll gerecht werden. Vielmehr scheint allein die Wiedergutmachung von DDR-Unrecht im Mittelpunkt zu stehen. Über diesen wichtigen Ansatzpunkt hinaus zeigt Pufelskas Beitrag Wege hin zu einer Europäisierung der Debatte auf. Seit den von Preußen maßgeblich vorangetriebenen Teilungen Polens hat sich in Polen ein „preußisches Syndrom“ (Wojciech Wrzesinski) entwickelt, das bis heute nachwirkt. Wenn die mit diesem Syndrom verbundenen antipreußischen und zum Teil antideutschen Reflexe auch nicht immer der historischen Realität entsprechen, so ist es doch fahrlässig, sie auszuklammern. Aber auch jenseits der polnischen Perspektive wünscht sich ein zukünftiger Besucher aus den Vereinigten Staaten einen differenzierten Umgang mit der Geschichte dieses Ortes. Zwar ist die Bezeichnung des Attentats vom 20. Juli als „mutigen nationalkonservativen Staatsstreich“ durch Pufelska angesichts der doch weit über diese politische Richtung hinausgehenden Netzwerke zu kurz gegriffen, dies ändert jedoch nichts am grundsätzlichen Problem. Es bleibt somit zu wünschen, dass neben dem polnischen auch weitere Narrative in einem zukünftigen Dokumentationszentrum eine prominente Rolle spielen werden. Um nur einige zu nennen: Wie war der Umgang des Militärs mit seinen nichtdeutschen Soldaten? Wie stand die Kirche zu Fahnenflucht, wie zum Umgang mit homosexuellen Soldaten? Welche Rolle war Frauen in den männlich dominierten Domänen Staat, Kirche und Militär auferlegt worden, und wie wehrten sie sich dagegen? Wie ist das preußische Militär nach der Einführung der Wehrpflicht mit seinen Rekruten umgegangen, die zum Teil noch Kinder waren? Die Garnisonkirche Potsdam steht am Schnittpunkt von Debatten, die nicht bei städtebaulichen Überlegungen oder Aspekten unbestreitbaren DDR-Unrechts enden dürfen. Deutschland hat einen Ruf zu verlieren.

Restauration oder Neuanfang?

Ambivalenzen in der Theologie der Bekennenden Kirche von Barmen bis Darmstadt

Der folgende Text ist die leicht überarbeitete Fassung eines Vortrags, den der Autor auf der Tagung "Gedenkort des Versagens - ein Ort der Versöhnung?" der Initiative „Christen brauchen keine Garnisonkirche“ und der Martin-Niemöller-Siftung am 31. Oktober 2015 in der Berliner Kirchengemeinde Alt-Pankow gehalten hat.

Ich bin gebeten worden, etwas zur Frage zu sagen: „Was wird aus den theologischen Lehren von Barmen und Darmstadt?“ Um auf diese Frage antworten zu können, wäre es zunächst nötig zu fragen, worin diese Lehren überhaupt bestehen. Und was meint überhaupt die Zusammenstellung von Barmen mit Darmstadt? Also: Was meint das „und“ zwischen Barmen und Darmstadt? Es wird hier eine Kontinuität suggeriert, die vielleicht doch nicht ohne eine gewisse Spannung behauptet werden kann. Es geht mir also darum, noch einmal einen Blick zurück zu werfen, bevor wir nach vorne blicken können.

Mit den Stichworten „Barmen“ und „Darmstadt“ wird auf Dokumente der Bekennenden Kirche angespielt: „Barmen“ steht für die „Theologische Erklärung zur gegenwärtigen Lage der Deutschen Evangelischen Kirche“, mit deren Verabschiedung am 31. Mai 1934 auf der Bekenntnissynode von Barmen die Bekennende Kirche gegründet wurde.[1] Sie war maßgeblich von dem damals in Bonn lehrenden Schweizer Theologen Karl Barth formuliert worden. „Darmstadt“ steht für das Wort des Bruderrates der Evangelischen Kirche in Deutschland „Zum politischen Weg unseres Volkes“,[2] das am 8. August 1947 auf der Sitzung des Bruderrats in Darmstadt verabschiedet wurde. Es ging auf einen Entwurf von Hans Joachim Iwand zurück, der von Martin Niemöller, Karl Barth, Hermann Diem und anderen überarbeitet worden war. Das Darmstädter Wort kann als eine der letzten öffentlichen Äußerungen der Bekennenden Kirche gelten, bevor der Bruderrat sich selbst auflöste. Ihr folgte nur noch ein „Wort zur Judenfrage“, das der Bruderrat am 8. April 1948 ebenfalls in Darmstadt verabschiedete.

Aber wer oder was war die Bekennende Kirche zwischen 1934 und 1947? Ein Hort des „Widerstands“ gegen den Nationalsozialismus, wie einige ihrer Repräsentanten sie im Nachhinein stilisiert haben? Wohl kaum; jedenfalls nicht so ungebrochen. Was tun wir also, wenn wir heute an das Erbe der Bekennenden Kirche erinnern? Ist dies möglich, ohne zugleich ihre Versäumnisse zu erwähnen? Fragen über Fragen. Und die Fragen verschärfen sich noch, wenn wir zwischen Barmen und Darmstadt noch eine Gestalt einfügen, die weder in Barmen noch in Darmstadt dabei war, aber am 21. März 1933, am „Tag von Potsdam“, die Rolle des protestantischen Matadors spielte: Otto Dibelius (1880-1967), seit 1925 Generalsuperintendent der Kurmark, nach 1945 selbsternannter Bischof von Berlin-Brandenburg und von 1949 bis 1961 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Der bekennende Antisemit Dibelius schloss sich nach der Rückkehr von einem Intermezzo als Kurprediger in San Remo im Juli 1934 der Bekennenden Kirche an. Am 18./19. Oktober 1945 war er als Mitglied des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland an der Verabschiedung des Stuttgarter Schuldbekenntnisses beteiligt. Spätestens durch die Erwähnung dieser prägenden Gestalt des deutschen Protestantismus im 20. Jahrhundert gerät die Bekennende Kirche ins Zwielicht. Berüchtigt ist die autobiographische Erinnerung von Dibelius aus dem Jahr 1961: „Wir haben 1945 da wieder angefangen, wo wir 1933 aufhören mußten.“ Denn: „Es mußte etwas Neues geschaffen werden. Und – dies Neue mußte irgendwie das Alte sein.“[3]

Wo aber hatte Dibelius 1933 aufgehört? Ich zitiere aus seiner „Wochenschau“, die jeweils auf der ersten Seite des Berliner evangelischen Sonntagsblatts veröffentlicht wurde. Da heißt es am 12. Februar 1933 im Blick auf Hitlers Machtübernahme: „Zum ersten Mal seit der Revolution ist eine Regierung gebildet worden, die von einem großen Teil der Bevölkerung mit Begeisterung begrüßt worden ist.“ Und Dibelius weiß: „Wer jetzt die Macht in die Hand bekommt, wird sie so leicht nicht wieder hergeben.“ Am 12. März 1933 kommentiert er den Reichstagsbrand: „Daß dieser Brand ein kommunistisches Attentat gewesen ist, ist klar erwiesen. […] Die Reichsregierung hat sofort die schärfsten Maßnahmen ergriffen. Sie hat nicht nur die kommunistische, sondern auch die sozialistische Presse verboten. […] Wir stehen als evangelische Christen gegenüber der kommunistischen Agitation in einer klaren, fest bestimmten Front.“ Dibelius hat demnach am Tag von Potsdam keineswegs nur von Amts wegen als Generalsuperintendent der Kurmark teilgenommen, sondern weil er der Nazi-Regierung innerlich zustimmte.

Diese Zustimmung schloss nicht nur den Nationalismus, den Antikommunismus, sondern auch den Antisemitismus ein. So heißt es in der „Wochenschau“ vom 9. April 1933 im Rückblick auf den "Boykott" jüdischer Geschäfte: „Das Ausland hat auf die große Umwälzung in Deutschland mit gewohnter Unfreundlichkeit geantwortet. […] Das Judentum fühlt sich durch eine nationale Bewegung mit antisemitischem Einschlag begreiflicherweise bedroht. Und zwar entscheidend deshalb, weil das Judentum sich mit der Revolution von 1918 und mit der sozialistischen Herrschaft eng verbunden hatte. […] Die letzten fünfzehn Jahre haben in Deutschland den Einfluß des Judentums außerordentlich verstärkt. Die Zahl der jüdischen Richter, der jüdischen Politiker, der jüdischen Beamten in einflußreicher Stellung ist spürbar gewachsen. Dagegen wendet sich die Stimmung eines Volkes, das mit den Folgen der Revolution aufräumen will. Das Judentum fühlt sich bedroht. Und – es macht nun im Ausland Stimmung gegen das neue Deutschland. Was in Amerika, in England und in Frankreich über Greueltaten in Deutschland geredet und geschrieben worden ist, spottet jeder Beschreibung. […] Schließlich hat sich die Reichsregierung genötigt gesehen, den Boykott jüdischer Geschäfte zu organisieren – in der richtigen Erkenntnis, daß durch die internationalen Verbindungen des Judentums die Auslandshetze dann am ehesten aufhören wird, wenn sie dem deutschen Judentum wirtschaftlich gefährlich wird.“ Wenn dies zu einer „Zurückdrängung des jüdischen Einflusses im öffentlichen Leben Deutschlands“ führen werde, dann könne „dagegen […] niemand im Ernst etwas einwenden.“ Im Gegenteil: Dibelius empfiehlt der Regierung „eine langfristige Sperre der deutschen Ostgrenze gegen die jüdische Einwanderung“. Dann werde das Judentum in Deutschland zurückgehen: „Die Kinderzahl der jüdischen Familien ist klein. Der Prozeß des Aussterbens geht überraschend schnell vor sich.“

Ich habe Dibelius so ausführlich zitiert, weil sein Ruf in Berlin nach wie vor über jeden Zweifel erhaben zu sein scheint. Als ich die letzten Sätze auf einer Tagung der Westberliner Evangelischen Akademie im Jahr 1983 vorlas, wurde mir aus dem Publikum vorgehalten, ich sei einer Propagandalüge der DDR-Regierung gegen die Evangelische Kirche auf den Leim gegangen. Tatsächlich war ich auf diese Sätze aber in der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz bei Recherchen in evangelischen Gemeindeblättern des Jahres 1933 gestoßen. Soviel ich weiß, hat sich Dibelius nie von seinen skandalösen Äußerungen des Jahres 1933 distanziert.

Angesichts solcher antisemitischen Sätze, wie ich sie zitiert habe, fällt aber auch ein Schatten auf die Tradition der Bekennenden Kirche. Es muss ja gefragt werden, ob Dibelius mit seiner Einstellung eher ein Außenseiter war oder ob wir hier zu hören bekommen, was auch in der Bekennenden Kirche die Regel war. Jedenfalls kann es nicht um ein Heldengedenken im Blick auf Barmen und Darmstadt gehen. Vielmehr müssen Ambivalenzen und blinde Flecke in der Tradition der Bekennenden Kirche scharf beleuchtet werden. Ich habe meine Überlegungen unter den Titel „Restauration oder Neuanfang?“ gestellt, um damit an die Fragestellung zu erinnern, unter der die Erfahrung des evangelischen Kirchenkampfes in der Nachkriegszeit diskutiert worden ist.[4] Dabei will ich mich auf zwei Themenkomplexe konzentrieren: die Verhältnisbestimmung von Kirche und Staat und die Verhältnisbestimmung von Kirche und Judentum.

Die Bekennende Kirche und der Staat

Die Barmer „Theologische Erklärung“ ist dafür gelobt worden, dass sie sich in ihrer Auffassung vom Staat von der traditionellen Staatsmetaphysik verabschiedet habe. Statt von der Obrigkeit zu sprechen und diese gar zur Schöpfungsordnung hochzustilisieren, wie es lutherischer Tradition entsprochen hätte, wird nüchtern von der „Aufgabe“ des Staates gesprochen, „für Recht und Frieden zu sorgen“. So entspreche es „göttlicher Anordnung“. Wenn zugleich die „falsche Lehre“ verworfen wird, „als solle und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden“ (Barmen 5), dann kann man darin eine Kritik an der gesellschaftlichen Neuordnung im Nazi-Staat hören. Jedenfalls hätte ein solches Verständnis gewiss der Auffassung Karl Barths, des Hauptverfassers der Erklärung, entsprochen – kaum jedoch dem der Mehrheit der Bekenner von Barmen.

Die Mehrheitsauffassung dürfte eher in den Formulierungen des Einbringungsvortrags von Hans Asmussen zur Sprache gekommen sein, der Wert auf die Feststellung legte: „Wir sind keine Rebellen.“[5] Der Protest der „Theologischen Erklärung“ richte sich keineswegs gegen den neuen Staat – wir protestieren „nicht als Volksglieder gegen die jüngste Geschichte des Volkes, nicht als Staatsbürger gegen den Staat, nicht als Untertanen gegen die Obrigkeit“.[6] Vielmehr wüssten sich die „Glieder der Bekenntnisfront im Gehorsam und in der Treue gegen Volk und Staat durch ein göttliches Gebot gehalten“.[7] Die Warnung vor der Ideologie des „totalen“ Staates deutet Asmussen gar in eine konditionierte Zustimmung zur gesellschaftlichen Neuordnung um: „,Totaler Staat’, das kann nur heißen: ein Staat, der sich bemüht, innerhalb der von Gott gesetzten Grenzen das gesamte Leben des Volkes zu umfassen.“[8] Der logische Widerspruch, dass eine Totalität, die Grenzen anerkennt, gar keine ist, scheint Asmussen nicht gestört zu haben.

Waren die Ambivalenzen im Staatsverständnis der „Theologischen Erklärung“ von Barmen Ausdruck einer obrigkeitlichen Orientierung der Bekennenden Kirche, die es verhinderte, politischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu leisten, so sah sich der Bruderrat der Evangelischen Kirche in Deutschland nach dem Krieg veranlasst, vor dem Wiederaufleben des Nationalismus unter dem Dach der Kirche zu warnen. Daher musste das Bruderratswort „Zum politischen Weg unseres Volkes“ im Sinne einer politischen Präzisierung des Stuttgarter Schuldbekenntnisses selbstkritisch zur Umkehr „von allen falschen und bösen Wegen“ aufrufen, „auf welchen wir als Deutsche in unserem politischen Wollen und Handeln in die Irre gegangen sind“ (Darmstadt 1). Als Irrwege benannt werden u. a. „der Traum einer besonderen deutschen Sendung […], als ob am deutschen Wesen die Welt genesen könne“; die Rechtfertigung des „schrankenlosen Gebrauchs der politischen Macht“, wodurch „unsere Nation auf den Thron Gottes gesetzt“ worden sei; die Begründung „unseres Staats nach innen allein auf eine starke Regierung, nach außen allein auf militärische Machtentfaltung“, wodurch die Mitarbeit „im Dienst an den gemeinsamen Aufgaben der Völker“ verleugnet worden sei (Darmstadt 2); die Verneinung „des Rechts zur Revolution“ bei gleichzeitiger Duldung und Bejahung „der Entwicklung zur absoluten Diktatur“ (Darmstadt 3).

Erst ganz zuletzt war dem Darmstädter Bruderratswort ein explizites Zitat aus der Barmer „Theologischen Erklärung“ hinzugefügt worden, um die theologische Kontinuität mit der Bekennenden Kirche zu unterstreichen: „Wir haben es bezeugt und bezeugen es heute aufs neue: ‚Durch Jesus Christus widerfährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen’ (Barmen 2).“ Aus dieser Erinnerung folgert das Darmstädter Wort u. a.: „[L]aßt Euch nicht verführen durch Träume von einer besseren Vergangenheit oder durch Spekulationen um einen kommenden Krieg, sondern werdet Euch in dieser Freiheit und in großer Nüchternheit der Verantwortung bewußt, die alle und jeder einzelne von uns für den Aufbau eines besseren deutschen Staatswesens tragen, das dem Recht, der Wohlfahrt und dem inneren Frieden und der Versöhnung der Völker dient“ (Darmstadt 7).

All diese Worte und noch manche andere guten Sätze wie der Hinweis auf „den ökonomischen Materialismus der marxistischen Lehre“, der die Kirche daran hätte erinnern sollen, „die Sache der Armen und Entrechteten […] zur Sache der Christenheit zu machen“ (Darmstadt 5), sind damals kaum rezipiert worden. Schlimmer noch: Sie sind auf eine breite Ablehnungsfront gestoßen, so dass es für uns Theologiestudenten dreißig Jahre später eine Neuentdeckung war, als wir 1977 auf den weithin vergessenen Wortlaut des Darmstädter Wortes stießen. Der Kongress, den wir aus diesem Anlass in Darmstadt organisierten und an dem auch noch Veteranen der Bekennenden Kirche wie Martin Niemöller teilnahmen, war als eine Demonstration des Linksbarthianismus gegen die Machtentfaltung der institutionalisierten Kirche gedacht. Er geriet aber in den Schatten des „deutschen Herbstes“, der Eskalation des Terrorismus der RAF gegen das sog. „Schweinesystem“, auf die der bundesdeutsche Staatsapparat – sekundiert vom Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland („Nur ein starker Staat kann liberal sein“) – mit aller Gewalt reagierte, die ihm zur Verfügung stand. Nicht nur die Terroristen wurden verfolgt, sondern alles, was links zu sein schien, geriet unter den Verdacht, „Sympathisanten“ zu sein. Was sollte in dieser Situation eigentlich mit dem „Recht zur Revolution“ gemeint sein? Und was soll dies heute bedeuten angesichts von gescheiterten Staaten im Nahen Osten und anderswo in der Welt?

Die Bekennende Kirche und die Juden

Im Nachhinein hat Karl Barth bekannt, er empfinde es als „Schuld“, dass er die damals sog. „Judenfrage“ in der „Theologischen Erklärung“ von Barmen nicht „als entscheidend geltend gemacht“ habe. Er gab aber zu bedenken, dass „ein Text, in dem ich das getan hätte, […] bei der damaligen Geistesverfassung auch der ‚Bekenner‘ auf der Barmer Synode nicht „akzeptabel“ gewesen wäre. Dies entschuldige freilich nicht, dass er „in dieser Sache nicht wenigstens in aller Form gekämpft“ habe.[9] Angesichts dieses Defizits, des öffentlichen Schweigens der Barmer Theologischen Erklärung und der Bekennenden Kirche überhaupt zu Diskriminierung und Verfolgung der Juden im Nazi-Staat,[10] hat man von der fehlenden These gesprochen.[11] Barths Einschätzung, dass eine solche These nicht akzeptiert worden wäre, dürfte jedoch der Realität entsprechen.

Der Antisemitismus von Dibelius war in der Bekennenden Kirche kein Einzelfall. Hans Asmussen etwa schreibt im zweiten Band seiner Gottesdienstlehre 1936 als Hilfe zum sog. „Judensonntag“ (10. Sonntag nach Trinitatis): „Die Zeit des Judentums ist vergangen. Israel hat die große Stunde Gottes nicht erkannt. Darum ist es auch als politisches Gebilde untergegangen. Das Recht Israels auf den Gottesstaat ist nach Gottes Willen erloschen, seitdem es seinen Erlöser ans Kreuz geschlagen hat.“[12] Dass es sich in solchen Behauptungen nicht um reine Theologie, sondern um theologische Legitimation politischer Verfolgung handelte, macht der Berliner Missionsdirektor Siegfried Knak, ebenfalls ein prominentes Mitglied der Bekennenden Kirche, deutlich. Er versandte 1935, im Jahr der Nürnberger Rassegesetze, ein „Wort der Mission zur Rassenfrage“, in dem es heißt, das jüdische Volk stehe „unter einem besonderen Gericht“. Zu diesem Gericht gehöre es, „daß es unter den Völkern, unter die es zerstreut ist, so oft Verderben bringt“. Daher dürfe „der Staat […], wo es not ist, harte Maßnahmen nicht scheuen“. Das Judentum sei dem Christen „der Feind und der Schädling seines Volkes“.[13] Angesichts solcher Theologie kann eine ungebrochene Anknüpfung an die Tradition der Bekennenden Kirche heute nicht mehr in Frage kommen.

Zwar hat Helmut Gollwitzer betont, dass schon die erste Barmer These, wenn sie sich zu Jesus Christus bekennt, „wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt ist“, recht verstanden, ein Bekenntnis zu dem „Juden Jesus“ und damit zumindest indirekt eine Solidaritätserklärung mit den Juden enthalten habe.[14] Dies mag man aus heutiger Sicht so sagen. Es war den damaligen „Bekennern“ in ihrer überwiegenden Mehrheit aber nicht geläufig. Im Gegenteil: Sie konnten ein Bekenntnis zu Jesus Christus ohne weiteres mit dem Antisemitismus vereinbaren: Die Juden haben, wie Friedrich-Wilhelm Marquardt formuliert, „unser Christusverständnis bitter erleiden müssen“.[15] Und mit Marquardt forderte Eberhard Bethge „die Problematisierung der Judenmission“ und „Korrekturen an der Christologie“, eben auch der von Barmen, die ihren „antijüdischen Mißbrauch“ überwinden sollten.[16]

Hatte Barmen zur Diskriminierung und Verfolgung der Juden im Nazi-Staat geschwiegen, so gilt dasselbe vom Darmstädter Wort „Zum politischen Weg unseres Volkes“. Offenbar hat der Bruderrat der Evangelischen Kirche in Deutschland diese Lücke als unerträglich empfunden und sich daher dazu durchgerungen, am 8. April 1948 auch noch ein „Wort zur Judenfrage“ zu verabschieden. Dort heißt es zunächst hellsichtig: „Jetzt, wo uns vergolten wird, was wir an den Juden verschuldet haben, wächst die Gefahr, daß wir uns vor dem Gericht Gottes in eine neuen Antisemitismus flüchten und so noch einmal das alte Unheil heraufbeschwören.“ Es wird betont, „daß Jesus von Nazareth ein Jude ist, ein Glied des durch Gottes Erwählung geschaffenen Volkes Israel“. Dies sei für die Lehre der Kirche nicht „gleichgültig“. Die Folgerungen, die der Bruderrat aus dieser Erkenntnis zieht, sind dann jedoch höchst ambivalent, indem sie die Tradition des theologischen Antijudaismus rezipieren. Da heißt es dann bedenkenlos: „Indem Israel den Messias kreuzigte, hat es seine Erwählung und Bestimmung verworfen. […] Die Erwählung Israels ist durch und seit Christus auf die Kirche aus allen Völkern, aus Juden und Heiden, übergegangen. […] Daß Gott nicht mit sich spotten läßt, ist die stumme Predigt des jüdischen Schicksals, uns zur Warnung, den Juden zur Mahnung, ob sie sich nicht bekehren möchten zu dem, bei dem allein auch ihr Heil steht.“[17] Mit einer solchen Theologie hatte die Bekennende Kirche sich selbst wehrlos gemacht gegenüber dem modernen Antisemitismus, wenn man ihn nicht gar – wie Dibelius – als Fortsetzung des Kampfes gegen das Judentum mit anderen Mitteln begrüßte.

Fazit

Im Rückblick auf die Ambivalenzen der Theologie der Bekennenden Kirche kann ein Blick nach vorn doch nur bedeuten, sich mit den nationalistischen, obrigkeitlichen und antijüdischen Traditionen der Kirche radikaler auseinanderzusetzen, als dies in Barmen und Darmstadt geschehen ist, statt mit der Wiedererrichtung eines Symbols wie der Potsdamer Garnisonkirche den Versuch zu unternehmen, wie Dibelius dort weiterzumachen, wo die Kirche 1933 geendet hatte. Ein Schuldbekenntnis ohne Konsequenzen ist Heuchelei. Der Wiederaufbau eines Symbols des Militarismus, Nationalismus und Antisemitismus wäre ein Ausdruck der organisierten Unbußfertigkeit.

Andreas Pangritz ist evangelischer Theologe, Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Lernorts Garnisonkirche und war von 2003 bis zu seiner Emeritierung 2019 Professor für Systematische Theologie an der Universität Bonn, wo er auch das Ökumenische Institut leitete. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Theologie Dietrich Bonhoeffers, Theologie nach Auschwitz, die Theologie des christlich-jüdischen Verhältnisses sowie das Verhältnis von „Dialektischer Theologie“ und „Kritischer Theorie“.


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[1] Vgl. Martin Heimbucher/Rudolf  Weth (Hg.), Die Barmer Theologische Erklärung. Einführung und Dokumentation, Neukirchen-Vluyn  (7., überarbeitete und erweiterte Aufl.) 2009.
[2] Vgl. Hartmut Ludwig, Die Entstehung des Darmstädter Wortes (= Junge Kirche. Eine Zeitschrift europäischer Christen, Beiheft zu H. 7/8, 1977). Vgl. auch Hans Prolingheuer, Wir sind in die Irre gegangen. Die Schuld der Kirche unterm Hakenkreuz, nach dem Bekenntnis des „Darmstädter Wortes“ von 1947, Köln 1987.
[3] Otto Dibelius, Rundfunkinterview  und Autobiographie (Ein Christ ist immer im Dienst, Stuttgart 1961), zit. nach Gert Wendelborn, Charta der Neuorientierung. Die Rezeption des „Darmstädter Wortes“ heute, Berlin 1977, 35.
[4] Vgl. Hermann Diem, Restauration oder Neuanfang in der Evangelischen Kirche?, Stuttgart 1946.
[5] Hans Asmussen, Vortrag über die Theologische Erklärung zur gegenwärtigen Lage der Deutschen Evangelischen Kirche, in: Heimbucher/Weth  (Hg.), Die Barmer Theologische Erklärung, 47.
[6] H. Asmussen, a.a.O., 53
[7] H. Asmussen, a.a.O., 59.
[8] H. Asmussen, a.a.O., 60
[9] K. Barth, Brief an Eberhard Bethge vom 22. 5. 1967, in: Evangelische Theologie 28 (1968), 555f.
[10] Vgl. Wolfgang Gerlach, Als die Zeugen schwiegen. Bekennende Kirche und die Juden, 2., bearbeitete und ergänzte Auflage, Berlin 1993.
[11] Vgl. z. B. Eberhard Bethge, Barmen und die Juden – eine nicht geschriebene These?, in: Regina Claussen/Siegfried  Schwarz (Hg.), Vom Widerstand lernen. Von der Bekennenden Kirche bis zum 20. Juli 1944, Bonn 1986, 147–166
[12] Hans Asmussen, Gottesdienstlehre, Bd. 2: Das Kirchenjahr, München 1936, 98.
[13] Siegfried Knak, Ein Wort der Mission zur Rassenfrage, in: Berliner Missionsbriefe 9 (1935), 158f.
[14] Helmut Gollwitzer, Das eine Wort für alle. Zur 1. und 6. These der Theologischen Erklärung von Barmen, in: ders., … daß Gerechtigkeit und Friede sich küssen. Aufsätze zur politischen Ethik, hg. v. Andreas Pangritz, München 1988, Bd. 1, 30.
[15] Friedrich-Wilhelm  Marquardt, Was haltet ihr von Christus? Jesus zwischen Christen und Juden, in: Freiburger Rundbrief. Beiträge zur christlich-jüdischen  Begegnung 34 (1982), 48.
[16] E. Bethge, Christologisches Bekenntnis und Antijudaismus. Zum Defizit von Barmen I, in: ders., Bekennen und Widerstehen. Aufsätze, Reden, Gespräche, München 1984, 132f.
[17] Bruderrat der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wort zur Judenfrage vom 8. April 1948, in: Rolf Rendtorff/Hans Hermann Henrix (Hg.), Die Kirchen und das Judentum, Bd. I: Dokumente von 1945–1985, Paderborn u. a. (3. Aufl.) 2001, 541f.

Predigt zur Niederschlagung des Boxeraufstands

Ende Juni 1900 wurde das Ostasiatische Reiter-Regiment in Potsdam als Teil des 19.000 Mann umfassenden Ostasiatischen Expeditionskorps des Deutschen Reichs zur Niederschlagung des Boxeraufstands aufgestellt. Der Garnisonpfarrer und Hofprediger der Garnisonkirche Potsdam Johannes Kessler hielt zum Abschied eine martialische Predigt, in der er für den „tausendjährigen Kampf zwischen Morgen- und Abendland“ forderte, dass es keinen Friede geben dürfe, „bis das heilige Evangelium der Glaube aller Völker ist.“ Einen Tag später hielt Kaiser-Wilhelm II. bei der Einschiffung der Truppen nach China seine berüchtigte Hunnenrede.

Potsdams Scheidegruß dem ostasiatischen Reiter-Regiment

Bericht des Potsdamer Intelligenz-Blatts, Nr. 173, 26.7.1900, 1. Beilage, S.1

Nun ziehen sie hinaus, unsere wackeren Söhne des Vaterlandes, zu rächen die unerhörte Schmach, die im fernen Osten unserem Deutschthum von frechen Bubenhänden zugefügt wurde, und die Gebete nicht nur der Bürgerschaft Potsdams, nein Alldeutschlands und der ganzen zivilisierten Welt begleiten die muthige Schaar auf ihrer Kriegsfahrt, so Gott will, und das hoffen wir als Deutsche, auf ihrem „Siegeszuge“.


Die letzten Tage in Potsdams Mauern werden den in die unbekannte Weite einem ungewissen Schicksal entgegenziehenden Truppen sicher unvergeßlich bleiben, ist unser Appell, wenn es eines solchen überhaupt bedurft hätte, es der muthigen Freiwilligenschaar in der kurzen Zeit ihres hiesigen Verweilens so heimisch wie möglich zu machen, doch nicht ungehört verhallt. Im Gegentheil hat man sich darin allerseits zu überbieten versucht.


Zu schnell nur ist die Scheidestunde da, und wenn sie auch ihre Schatten, je näher sie kam, immer deutlicher vor sich warf. Als gewissenhafte Chronisten haben wir nicht verabsäumt, die rührenden und feierlichen Abschiedsmomente in all‘ ihren Stadien zu registriren. Seit gestern trat jedoch mehr und mehr das Hasten in Erscheinung, welches jeder größeren, und nun gar einer solchen Reise ins Ungewisse vorauszugehen pflegt, wo es vielleicht heißt, Abschiednehmen auf Nimmerwiedersehen. Die letzten Grüße galt es, sei es brieflich, sei es von Mund zu Mund, auszutauschen, die letzten Besuche und Einkäufe zu erledigen und endlich – zu packen.


Heute früh sah man schwer beladene Krümperwagen zum Güterbahnhofe hinausbefördern, auf welchen in Theersäcken und festen Kisten alle die Ausrüstungsgegenstände der verschiedensten Art wohl verpackt waren.


Natürlich hat es sich die zweite Residenz- und alte Soldatenstadt Potsdam nicht nehmen lassen, ein würdiges Festgewand anzulegen, ein Festgewand, wie es in gleicher Pracht und liebevoller Gründlichkeit bisher wohl nicht gesehen wurde. Wohl marschierte Potsdam aus nationalen und sonstigen festlichen Anlässen in Betreff würdiger Dekoration immer an der Spitze aller Städte mit monarchisch gesinnter Bevölkerung, wohl fiel es hier nimmer schwer, die Wogen der Begeisterung zu heller Flamme zu entfachen.


Diesmal jedoch hat der durch das „Potsdamer Intelligenz-Blatt“ verbreitete Aufruf der städtischen Behörden dennoch alles bisher Dagewesene übertroffen. Nicht nur die Hauptstraßen bilden einen dichten Wald von Fahnen, nicht nur von allen Häusern, privaten wie öffentlichen, auch den Kirchen, flattern die Fahnen lustig im Winde, um den scheidenden Kriegern heute ein „Lebewohl!“ und „Auf Wiedersehen!“ zuzurufen, nein auch in den entlegenen Nebenstraßen hat der durch die Ereignisse unerhörter Art wach gerufene Enthusiasmus Wunderdinge gezeitigt. Aus den Fenstern der meisten Miethswohnungen sieht man Fähnchen, die wohl noch vom vorjährigen Schulfest vorhanden waren, herausgesteckt, neben überreich geschmückten Häusern, deren ganze Fronten mit Fahnengruppen und Wappen bedeckt sind. Balcons, Firmenschilder, Schaufenster, Ladentüren, Restaurants sind von Fahnen, Flaggen und Guirlanden gesäumt, die Fahnenstangen zum Theil mit grünen Sträußen bekrönt. Wir sahen ein Haus, welches von unten bis zu luftiger Höh‘ hinauf mit unzähligen bunten Wimpeln und Lampions übersät war, herabgelassene Marquisen wiederum, die ringsum mit Fähnchen besteckt waren, kurz überall ein enthusiastisches Bestreben, die Antheilnahme zu beweisen an dem heutigen bedeutsamen Gedenk- und Ehrentage unserer herausziehenden Braven. Auf der langen Brücke, die mit ihrem reichen Statuen- und Trophäenschmuck einer bedeutungsvollen via triumphales gleicht, wehen zu beiden Seiten von hohen Flaggenmasten die deutsche und die preußische Fahne den Scheidenden den letzten Gruß vom blauen Havelstrande zu. Sie wollen sagen: „Fahrt wohl, seid tapfer und bieder und zeigt Euch Eurer Väter würdig, kämpft – Mit Gott für Kaiser und Reich – und kehrt ruhmbedeckt heim zu Eurem Kaiser und zu Euren Lieben, des Lorbeers würdig, der des kühnen Siegers in der Heimath als ehrenvoller Lohn winkt!


Programmäßig, wie von uns gestern bereits veröffentlicht, vollzog sich heute Mittag der Aufmarsch der Deputationen sämmtlicher hiesigen Truppenkörper. Dann langte unter großem Zurufen der dicht herbeigeströmten Bürgerschaft das „Ostasiatische Reiter-Regiment“ an. Als alle Truppen in gehobener Stimmung Aufstellung genommen hatten, erscholl der alte wohlbekannte Klang der großen Glocken unserer Garnisonkirche und in feierlicher Stimmung, jeder sich bewußt des Augenblicks betraten die jungen Krieger das mächtige Gotteshaus. Draußen harrte eine viel hundertköpfige Menge, die festlich geschmückt herbeigeeilt war, um den scheidenden Reitersleuten Lebewohl! zu sagen. Kein Auge blieb trocken, als die Schaar der Muthigen in langen Reihen in das Gotteshaus einzog, um hier vom Hof- und Garnisonpfarrer Kessler die letzten seelsorgerischen Worte auf heimathlichem Boden zu vernehmen. Der Kirchenchor der Garnisonkirche intonirte: „Sei getreu bis in den Tod“ und hoch ergriffen von den Worten des Geistlichen vernahm die Gemeinde die stärkenden und tröstenden und doch wiederum so anfreuernden Worte des Geistlichen.

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Die Ansprache des Deutschen Kaisers an die nach China gehenden Truppen am 27. Juli 1900 in Bremerhaven (Hunnenrede)


Hofprediger Kessler verstand es durch seine tiefergreifenden Worte die Herzen der jungen Krieger bis in das Innerste zu rühren. Er wählte zum Ausgang seiner Rede die Worte aus dem 16. Capitel des Chorinther-Briefes: „Wachet im Haus, seid männlich und stark,“ und anknüpfend an die heiligen Worte führte der Geistliche aus: Schon steht der Extrazug auf den Schienen bereit, der Euch zum heimischen Hafen hinausführen, schon steht euer Schiff beflaggt auf der Rhede, das Euch in die brausende Meerfluth hinaustragen soll. Noch zwei Stunden dauert es, bis Ihr von dieser Stadt Abschied nehmet, noch einen Tag, daß Ihr zum letzten Male die heimischen Gestade sehet und noch ein paar Wochen, bis Ihr in den tosenden Kampf hinauszieht. Und da frage ich Euch: Seid Ihr bereit zum Abschied? Seid Ihr bereit zur Reise? Seid Ihr bereit zum Kampfe und bereit, gegebenenfalls auch zum Sterben? Für Abschied, Kampf und Tod braucht Ihr eine Parole, eine große starke Parole, die das junge Herz frisch aufsprühen läßt in Muth und Kraft, – eine Parole, die euch den Tod für das Vaterland erleichtert und versüßt! – Und da giebt es kein schöneres Wort, als jenes, was hier geschrieben steht und welches unsere Erlauchte Kaiserin selbst hier eingetragen hat: „Wachet im Hause, seid männlich und stark!“ Es ist eine tapfere Parole, ein Wort für tapfere Männer! – Unser Kaiser hat euch gerufen, - „der König rief und Alle, Alle kamen!“ Die Chinesen haben das Völkerrecht gebrochen, unsere Vertreter meuchlerisch ermordet, tausende massacrirt, das Blut der Aermsten schreit nach Genugthuung, Ihr sollt der starke Arm sein, der das Gericht über die Mörder verhängt. Ihr sollt die gepanzerte Faust sein, die hereinfährt unter die feigen Meuchelmörder. Der tausendjährige Kampf zwischen Morgen- und Abendland ist wieder angebrochen, es gilt nicht nur die Glieder der Cultur, sondern auch den europäischen Handel, die Fahne, die über unsere Kolonien schwebt, zu schützen! Völker Europas, wahret die heiligsten Güter! Ihr seid aber auch die Streiter Gottes, die nicht ruhen dürfen, bis sein heiliges Wort für alle Völker gilt! Nicht Friede darf werden auf Erden, bis das heilige Evangelium der Glaube aller Völker ist. Ihr seid die Pioniere des gekreuzigten Heilands! Darum Hand an das Schwert! – Es darf aber auch nicht verschwiegen werden, daß es hinein geht in ernste Tage. Und wenn Ihr morgen unter dem Auge des Kaisers Abschied nehmet, wenn das Schiff in die See stößt, – wie leicht sinkt da der Muth. Und wenn die schwarz-rot-weiße Fahne an dem fernen Gestade zum Willkommen weht, wenn die Brüder und Kameraden, die drüben schon ihre Pflicht thun, Euch begrüßen, wenn die Trompete zum Streite bläst, wenn die Kugeln sausen, dann wird auch das Herz des Tapfersten schwach, dann ist nur das Eine, was Euch Kraft und Muth verleiht: Der Glaube an den großen Allmächtigen Gott. Der Glaube giebt Euch Freudigkeit zum Kämpfen, er ruft Euch zu: „Fürchte dich nicht, ich bin bei dir!“ Seid männlich und stark, wenn die heimische Küste entschwindet! Schauet vorwärts auf den Steuermann, der Euch hoffentlich zu dem Siege führen wird. Seid männlich und stark, wenn Ihr drüben das Lager bezieht! Das Auge Europas schaut auf euch, Ihr seid die Söhne jener Väter, die einst auf blutigen Schlachtfeldern die deutsche Einheit erkämpft. Es schaut Euer Kaiser auf Euch! Es schaut auf Euch der heilige Gott. Seid männlich und stark, wenn es hinein geht in die Schlacht. Seid männlich und stark, wenn die Kugeln um Euch sausen, und seid männlich und stark, wenn der Tod einst naht, denn Ihr werdet dann die Krone des Lebens empfangen. Die Bilder von Friedrich Wilhelm I., der Preußens Heer geschaffen, und von Friedrich dem Großen, der es zum Siege führte, blicken auf Euch hernieder. Alle die Fahnen ringsherum, die deutsche Krieger blutend und sterbend sahen, rufen Euch zu: Seid männlich und stark. Als vorhin die Glocken läuteten, dachte ich an die Glocken der Schlachtfelder von Metz, die gegossen sind aus den eroberten Geschützen. Auf der ersten steht: „Eine feste Burg ist unser Gott“. Gott lebt noch, Gott regiert noch, Gott ist noch unser Zutrauen! – Auf der zweiten steht der Spruch: „Durch Gott zum Sieg!“ Auf der dritten: „Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern!“ Aus Sachsen, aus Bayern, aus allen deutschen Staaten, seid Ihr hergekommen, für Kaiser und Vaterland zu kämpfen. Ich stehe im Geiste an den Ufern der Nordsee, plötzlich tauchen die bunten Wimpeln der Schiffe auf, die Menge ruft: „Sie kommen, sie kommen!“ Und dann wieder sehe ich die Hauptstadt geschmückt, der Kaiser selbst zieht mit seinen Truppen den Heimkehrenden entgegen, um ihnen Lorbeer und Ehre für den Sieg zu spenden. Ich sehe das stille Dorf, den alten Vater, die greisen Mütter eilen jauchzend ihren Söhnen entgegen und schließen sie in ihre Arme. Durch Gott zum Sieg! – Ich sehe im Geiste eine andere Zeit, droben im Himmel empfängt der Herrscher aller Heerschaaren die Todesmuthigen, die als Sieger einziehen in den ewigen Frieden. Und über allen diesen Bildern steht das Wort, das ich euch zurufe: Geht mit Gott, kämpft mit Gott, siegt mit Gott! Amen! –


Der feierlichen Handlung schloß sich das gemeinschaftliche Abendmahl an, das den Offizieren und Mannschaften gespendet wurde und so getragen von der Ehrfurcht vor Gott dem Allmächtigen, in dessen Schutz wir alle stehen, verließen die jungen Krieger die alte Garnisonkirche, deren fahnengeschmückte Wände wieder mal stumme aber beredsame Zeugen einer Handlung waren, wie wir sie seit einem Mannesalter nicht erlebt. Nachdem das Regiment sich vor der Kirche wieder formirt, trat es den kurzen Marsch nach dem Bahnhofe an, wo es um 4:10 Uhr seinem weiteren Schicksale entgegen eilt!

Lebt wohl ihr Brüder! Bewahret deutsche Treue und deutsche Sitte und zeigt, was deutsche Manneszucht und eine deutsche Faust, wenn sie zum Schlag herausgefordert ist, zu leisten vermag!

Zu Johannes Kessler siehe auch den Aufsatz von Thomas auf dieser Web-Site: Link

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Soldat der ersten Ostasiatischen Infanterieregiments in feldmarschmäßiger Tropenausrüstung.
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Soldaten des 1. Ostasiatischen Infanterieregiments mit den beim Sturm auf die Peitangforts am 20. September 1900 eroberten Fahnen.
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Feierlicher Einzug der ersten heimkehrenden Chinakämpfer in Berlin durch das Brandenburger Tor. 16. Dezember 1900

Der Garnisonkirchenpfarrer Rudolf Damrath und die deutsch-nationale Predigttradition

Welchen Geist die barocke Garnisonkirche Potsdam repräsentiert, zeigt sich nicht allein schon in ihrem Namen ‚Garnisonkirche’, sondern auch in den Pfarrern, die an ihr Dienst taten, und den Predigten, die in ihr gehalten wurden. In dem hier vorliegenden theologischen Streiflicht widme ich mich den drei überlieferten Predigten des letzten Pfarrers der Garnisonkirche Rudolf Damrath. Damrath steht allerdings nicht allein. Er ist ein typischer, wenn auch besonders markanter Vertreter eines konservativen und militaristischen deutsch-nationalen Christentums, wie es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch weit verbreitet war. Deshalb sind ergänzend zwei beispielhafte Predigten vom Beginn des ersten Weltkrieges vorgeschaltet. Die eine, in der Garnisonkirche Weihnachten 1914 gehalten, stammt von dem ehemaligen langjährigen Pfarrer der Garnisonkirche Bernhard Rogge, die andere, kurz zuvor in Pommern in einer „Kriegsbetstunde“ vorgetragen, von dem nachmaligen Berliner Bischof Otto Dibelius.

class="wp-block-heading">Bernhard Rogge

Bernhard Rogge (1831-1919) war in den Jahren 1862-1889 militärischer Garnisonpfarrer und Feldgeistlicher und anschließend bis zu seinem Ruhestand im Jahr 1906 an der Garnisonkirche Potsdam ziviler Hof- und Garnisonprediger.[1] Er unterhielt eine sehr enge Beziehung zum Haus Hohenzollern und den beiden Kaisern des Deutschen Reichs, Wilhelm I. und Wilhelm II. So war es ihm vorbehalten, die Predigt zur Kaiserproklamation im Schloss von Versailles am 18. Januar 1871, dem symbolischen Gründungsakt des Deutschen Kaiserreichs, zu halten. Exemplarisch wird hier seine Weihnachtspredigt 1914[2] als Militäroberpfarrer a. D. betrachtet.

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class="wp-element-caption">Die Wacht an der Krippe. Illustration zu Bernhard Rogges Kriegsweihnachtspredigt im Buch "Eine feste Burg"

Die im Druck zugefügte Vignette über der Predigt stimmt bereits gefühlvoll ein in die ‚Deutsche Kriegsweihnacht’. Maria, flankiert von Esel und Ochs, kniet vor einem Christbaum im Kerzenschein und bietet hingebungsvoll ihr bereits mehrere Monate altes Kind dem andachtsvollen Betrachter dar. Über der Szene wird ein die Weihnachtsbotschaft der himmlischen Heerscharen aktualisierende Spruchband „Und dennoch (!) Friede auf Erden u. den Menschen ein Wohlgefallen“ von kindlichen Engeln gehalten. Bewacht wird der Stall links und rechts von Soldaten in Winterfelduniform, die Gewehr bei Fuß unterm Sternenhimmel Wache stehen.

Die Predigt beginnt mit dem „Weltkrieg, der seit fünf Monaten über uns hereingebrochen ist und mit seinen Schrecken nicht bloß unser Volk und Vaterland, sondern drei Erdteile durchbraust.“ Er erwähnt die vielen schmerzlichen Erlebnisse, aber auch – und zwar durch die verbindende Weihnachtsfeier im Feld und daheim – die stärkenden Erfahrung, „wie fest der Weihnachtsgedanke im deutschen Gemütsleben verankert ist“. Der Prediger stellt zwar die Frage, „ob sich das rauhe Handwerk des Krieges mit den traulichen, lieblichen Bildern des Idylls verträgt, vor die der verlesene Text (Lukas 2, 15-20, der Besuch der Hirten beim Kind in der Krippe) uns stellt.“ Aber er lässt diese Frage ins Leere gehen. Stattdessen lädt er wie in früheren Jahren so oft als „der Gehilfe eurer weihnachtlichen Freude“ die Gemeinde dazu ein, trotz Krieg und Kriegsgeschrei aus der Betrachtung der Krippe von Bethlehem „und den lieblichen Bildern, die sie uns vor Augen stellt, ... einen bleibenden Segen aus diesem ewig denkwürdigen Weihnachtsfest von 1914 mit(zu)nehmen“.

Zunächst entfaltet der Prediger, wie das von Zeichen bitterer Armut umgebene Kind in der Krippe „Bürge der Vaterliebe Gottes“ sei. Dabei zitiert er aus dem Johannesevangelium „Niemand hat größere Liebe denn die, daß er sein Leben lässet für seine Freunde“ (Joh 15, 13) – jenen Vers, der später auf unzähligen Kriegerdenkmalen seinen Platz finden sollte, dort allerdings nicht auf Jesus Christus sondern auf die deutschen Kriegsgefallenen gemünzt! Dieses Zitat verbindet er mit der „Predigt des alten Zapfenstreichs unserer Heere ... : ‚Ich bete an die Macht der Liebe, die sich in Jesu offenbart’“ – ursprünglich aus einem von dem reformierten Pietisten und Mystiker Gerhard Tersteegen 1757 geschriebenen Lied und dann beim militärischen Zapfenstreich missbraucht.[3] Damit will der Prediger erreichen, „um auch im Blick auf die Tausende von Kindern, die durch den blutigen Krieg ihrer Väter beraubt sind, dessen uns zu getrösten, was Ernst Moritz Arndt vor 100 Jahren gesungen hat: ‚Nun sind nicht mehr die Kinder verwaist und vaterlos.’ Wir müssen ... hindurchschauen lernen ... durch Völkerhaß und Kriegsgrauen zum Herzen unseres Gottes. ... Das ist der tiefe Gehalt der Weihnachtsbotschaft, daß wir in dieser Welt voll Angst und Tränen, voll Herzweh und Sünde, voll Todesbitterkeit und Abschiedsschmerz daran festhalten dürfen: Gott hat uns lieb.“ Das wird dann in der weiteren Predigt auf seine Weise entfaltet.

Der Prediger wendet sich den Hirten zu als denjenigen, die unter dem Druck der Gewaltherrschaft des Römischen Reiches zur Zeit des Kaisers Augustus an den Verheißungen Gottes festhalten. Sie stünden vor uns als Vertreter des Weihnachtsglaubens. Anfangs stellt der Prediger zwar fest: „Es sei ferne von uns, unser deutsches Volk, so wie es die Hirten getan haben, für das von Gott allein auserwählte zu halten.“ Doch dieser Satz bleibt ein einsamer Fremdkörper, der wohl aus exegetischen oder dogmatischen Einsichten sich folgenlos hierher verirrt hat. Denn anschließend wird des längeren die besondere Mission des deutschen Volkes betont. Der Prediger beginnt mit den Befreiungskriegen von der napoleonischen Herrschaft hundert Jahre zuvor. Dann unterstreicht er  – ein schönes Beispiel für die alte Erkenntnis, dass das erste Opfer eines Krieges die Wahrheit ist  –, dass eine ganze Welt sich gegen Deutschland verschworen habe in einem ihm „aufgedrungenen und aufgezwungenen“ Krieg. Seine Ausführungen gipfeln dann in der recht kühnen Feststellung, dass der Kampf für den „Fortbestand des Deutschen Reiches ... zugleich ein Kampf für das Reich Gottes“ sei. Er skizziert das „Zukunftsbild eines verjüngten Deutschlands ... ein Segen für die Welt, ein Träger und Bringer echter, christlichster und zugleich echt menschlicher Kultur ... ein Salz für die Erde, ein Licht für die Welt.“ Mit dieser Wendung aus Jesu Bergpredigt bekräftigt er unmissverständlich Deutschlands Mission als auserwähltes Volk! Noch sei es nicht soweit und wir müssten wie die Hirten die Geduld des Wartens lernen. Abschließend kommt, ohne Namensnennung der Gemeinde als bekannt vorausgesetzt, Emmanuel Geibel (1815-1884) zu Wort, „der deutsche Dichter mit Seherblick: ‚ ... Wenn verbündet Ost und West / Wider dich zum Schwerte fassen, / Wisse, daß dich Gott nicht läßt, / So du dich nicht selbst verlassen.’“ [4]

Vergessen wird nicht Maria als Vorbild, „Weihnachten mit stiller Einkehr in das eigene Herz zu begehen ... mitten in der Unruhe und den Schrecken des Krieges.“ Auch sei es „der deutschen Art gemäß, nicht mit Siegen zu prahlen, am wenigsten mit solchen, die nicht einmal errungen, sondern nur erlogen sind (– offensichtlich ein Seitenhieb auf die gegnerische Propaganda –), sondern stille zu werden und dem deutschen Gemüt sein Recht einzuräumen.“ Es folgt eine kurze Zivilisationskritik der Vorkriegsgesellschaft, die zu sehr vom Verkehr und vom Haschen nach Anregungen und Aufregungen aller Art geprägt gewesen sei. Dagegen sollten wir von Maria lernen, uns die Stille des Herzens zu bewahren.

Abschließend wünscht der Prediger „unseren Kriegern draußen“, dass das Weihnachtsfest sie den weiteren schweren Kämpfen gestärkt und getrost entgegensehen lasse, bis in einem „ehrenvollen Frieden das Friede auf Erden, das die Engel über dem Gefilde von Bethlehem gesungen haben, zur Wahrheit geworden“ sein werde. An die Gemeinde appelliert er, mit den Hirten heimzukehren und sich „in den Dienst der vaterländischen Sache zu stellen. [...] Unser ganzes Volk aber lasse in dankbarem Preise und Lobe alles des Großen, was uns Gott in dem bisherigen Verlaufe des blutigen Krieges hat erfahren und erleben lassen, das diesmalige Weihnachtsfest noch viel froher und getroster als sonst ausklingen.“

Die Schrecken des Krieges werden in dieser Predigt nicht schöngeredet. Aber vorherrschend wird Deutschland als Opfer eines aufgezwungenen Krieges gesehen. Und die christlich verbrämte völkische Parole ‚Am deutschen Wesen soll die Welt genesen’ ist für mich so entlarvend wie erschreckend. Aufschlussreich ist zudem, wie sich diese völkisch-nationale Haltung mit einer konservativen Zivilisationskritik verbindet. Somit ist diese Predigt ein klassisches Beispiel dafür, wie das Evangelium in den Dienst eines völkischen Nationalismus gestellt wird.

class="wp-block-heading">Otto Dibelius

Zwischen den beiden Pfarrern der Garnisonkirche Rogge und Damrath steht vom Alter her Otto Dibelius (1880-1967) als maßgeblicher Vertreter eines deutsch-nationalen Protestantismus. Er hatte zwar nie eine Stelle an der Garnisonkirche inne, predigte aber in ihr regelmäßig als Generalsuperintendent der Kurmark (1925-1933), und zwar im Rahmen des von ihm veranstalteten jährlichen Evangelischen Kirchentags der Kurmark in Potsdam. Dibelius hielt auch am Tag von Potsdam die Predigt in der Potsdamer Nikolaikirche, bevor die Festgesellschaft zur Garnisonkirche eilte, um dort den Worten des Reichskanzlers Adolf Hitler zuzuhören. Während der NS-Herrschaft stand er allerdings von seiner national-konservativen Position aus der Bekennenden Kirche nahe. Ab 1945 war er Berliner Bischof und 1949-1961 Ratsvorsitzender der EKD.[5] Als exemplarisch für Dibelius aggressiven konservativen Nationalprotestantismus wird hier eine frühe Predigt vom September 1914 hinzugezogen[6]. Sie stammt aus seiner Zeit als Oberpfarrer in Lauenburg (Pommern) in den Jahren 1911-1915.

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class="wp-element-caption">Illustration zu Otto Dibelius Kriegspredigt im Buch "Eine fest Burg"

Passend zum Ton der Predigt zeigt die im Buch vorangestellte Vignette dramatisch die Vernichtung der ägyptischen Streitmacht im Roten Meer vor der Gotteswolke und Mose mit zum Gebet erhobenen Händen im Hintergrund.

Die Predigt „Alle Tage ein neues Loblied“ über Psalm 40, 2-9 beginnt mit einer vereinnahmenden Erinnerung an den alten Pastor Bodelschwingh, der angesichts vieler Sorgen den Psalmvers „Er hat mir ein neu Lied in meinen Mund gegeben!“ zu zitieren pflege. Das sei es, wovon der Psalm rede, und das sei es auch, was dieser Krieg „uns“ lehren wolle.

„Alle Tage ein neues Loblied! In dieser ganzen Zeit kein Tag ohne gute Botschaft vom Schlachtfeld! In der vergangenen Woche der neue große Sieg in Ostpreußen!“ Ostpreußen sei wieder frei vom Feind und das deutsche Volk wieder „Herr auf seiner Scholle!“ Deshalb sei, so die Aufforderung, der Dank für die Siege der deutschen Armee „nicht weniger heiß und nicht weniger treu, als es die Bitte war“. Anschließend berichtet der Prediger von ersten sicheren Nachrichten über Misshandlungen von Pfarrern, die keine Militärgeheimnisse preisgeben wollten, und der angeblich sinnlosen Zerstörungswut der russischen Soldaten. Diese Gefahr sei noch nicht endgültig vorbei. Deshalb bräuchten wir eine starke „Glaubensgewißheit, die uns das Herz fest macht.“

Fest würde das Herz gemacht werden durch Hingabe: „Die Dankbarkeit gegen unser Vaterland ... treibt uns zur Hingabe, zur Hingabe unseres Lebensglücks an das Vaterland. Und in dieser Hingabe liegt unsere Kraft. Die Dankbarkeit gegen den gnädigen Gott treibt den Christen zur Hingabe an seinen heiligen Willen, an die Person Jesu Christi.“ Weiter formuliert der Prediger: „Sich hingeben aber – was heißt das anders als sich auf den Standort des anderen stellen, das Leben mit des anderen Augen ansehen, im Geist und Sinn des anderen handeln können?“ Dieser potentiell friedenstiftende Gedanke wird allerdings nicht weiter ausgeführt und schon gar nicht im Sinne einer Friedensethik. Es bleibt bei der allgemeinen frommen Feststellung, dass, wer sich Gott hingebe, sich mit beiden Füßen dahinstelle, wo Gott stehe, und er sich so zu Gottes Werkzeug und „geheimen Segensspender“ mache. Konkreter wird’s nicht. Außer, dass „wie alles, was dir sonst Sorgen machte, dich nun grüßt als Segensboten deines Gottes ... Alle Sorgen. Auch die um das Leben lieber Menschen.“

Es folgt der Rückgriff auf den Psalmisten, der sich aufmache, seine Dankbarkeit und Liebe in die Tat umzusetzen. Der „große Ruf Gottes in Jesus Christus“ konkretisiert sich in dieser „Kriegsbetstunde“ dann so: „Die einen ruft Gott der Herr in seinem Dienst hinaus, für das heilige Vaterland mit Waffen zu kämpfen. Ihr Glücklichen, die ihr antworten dürft: ‚Siehe, ich komme!’ Die anderen ruft er zu schlichter Pflichterfüllung in der Heimat.“ Der Prediger steigert sich dann zu der Aussage: „Manche ruft er vom Schlachtfeld heim in seine Ewigkeit. Sie dürfen und sie werden diesem Ruf in der frohen Zuversicht folgen, daß sie in eine Ewigkeit gehen, in der ihr Name schon angeschrieben steht, zum Zeichen, daß dort ihre Heimat ist. Solches Sterben ist seliges Sterben, um das nicht getrauert werden soll. Und trifft ihr Tod uns schwer, ruft uns Gott durch ihren Tod zu Sorge und Not, - wir wollen auch darauf die Antwort treuen Gehorsams haben: ‚Ja, Herr, wir kommen!’ – – – “

Die Gemeinde wird aufgerufen, so in die Zukunft hineinzugehen und fröhlich zu tragen, was Gott uns bestimmt. Es werde uns Segen bringen. Und uns, so getragen, auch anderen Segen bringen lassen. „Dann werden die Engel Gottes über unserem Glauben das Wort unseres Psalms sprechen: ‚Das werden viele sehen und den Herrn fürchten und auf ihn hoffen.’ Selig der, von dem das gilt.“

Weitaus massiver noch als Rogges Weihnachtspredigt dient diese Predigt unverblümt der Hebung der Kriegsmoral. Klarer noch als bei jener wird bei ihr als theologische Grundlage ein konservativ-lutherisches Verständnis von Römer 13 deutlich. Danach ist alle Obrigkeit von Gott und deshalb ist ihr Gehorsam zu schulden. Die höchst fatale Konsequenz: Der Dienst fürs Vaterland wird zur Christenpflicht! Faktisch wird dadurch das Evangelium Jesu Christi mit der Botschaft eines deutsch-völkischen Nationalismus’ gleich gesetzt. Mich erschreckt, wie folgerichtig der Tod auf dem Schlachtfeld, ganz analog zu den Vorstellungen heutiger islamistischer Terroristen, den Eingang in Gottes Ewigkeit / Paradies (nur ohne Jungfrauen) zu garantieren scheint.

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class="wp-element-caption">Cover des von Bruno Doehring herausgegebenen Sammelbandes "Ein feste Burg. Denkmäler evangelischer und deutscher Art aus schwerer Zeit"

class="wp-block-heading">Bruno Doehring

Beide Predigten wurden in dem Sammelband von Dibelius’ Altersgenossen, dem kaisertreuen Berliner Domprediger Lic. theol. Bruno Doehring (1879-1961), mit dem Titel „Ein feste Burg. Denkmäler evangelischer und deutscher Art aus schwerer Zeit“[7] publiziert. Es sollen, wie der Verlag den Herausgeber Doehring aus dessen Schlusswort im zweiten Band zitiert, „die vorliegenden Blätter der Nachwelt Zeugnis geben, daß der Geist des lebendigen Gottes um unsere Volksseele geworben hat. Die Geschichtsschreibung kommender Tage soll es wissen und nicht verschweigen: Gott war uns spürbar nahe.“[8] Binnen sieben Jahren erschien die Publikation in 150.000 Exemplaren, ein Beleg für die weite Verbreitung eines deutsch-nationalen Christentums in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Beide Bände mit ihrer Vielzahl von Beiträgen atmen denselben pathetischen und militaristischen Geist, wie er uns in den beiden Predigten von Rogge und Dibelius entgegengeweht ist. Doehring selbst, kämpferisch national-konservativ und kaisertreu Wilhelm II. verbunden bis zu dessen Tod 1941, stand dann allerdings in Distanz zur NS-Herrschaft, bis dahin, dass er einen Gottesdienst der Deutschen Christen im Berliner Dom anlässlich der Machtergreifung Hitlers zu verhindern wusste, hielt sich jedoch auch von der Bekennenden Kirche fern.[9]

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class="wp-element-caption">Bruno Doehring in den 1920er Jahren

class="wp-block-heading">Rudolf Damrath

Rudolf Damrath (1905-1959) steht ganz in der Tradition seines Vorgängers, dem Hof- und Garnisonprediger Bernhard Rogge, und seinem Amtsbruder Otto Dibelius, wie er sich als junger Pfarrer in Pommern zeigte. Damrath war von 1937 bis 1941 Militärpfarrer („Heerespfarrer“) und hatte anschließend bis 1946 die Pfarrstelle an der Zivilgemeinde der Garnisonkirche Potsdam inne. Er war allerdings nach Beginn des Zweiten Weltkrieges bald nicht mehr in Potsdam tätig, sondern als Wehrmachtspfarrer in Polen, Italien, Afrika und Frankreich im Einsatz. Von seinen Predigten in der Garnisonkirche ist – soweit bekannt – nur die Predigt zur Glockenweihe der Garnisonkirche 1939 publiziert worden[10].

Veröffentlich in einem 24-seitigen Sonderdruck geht der sechsseitigen Predigt ein achtseitiger Bericht über die Geschichte der Glocken voraus sowie, besonders bemerkenswert, ein sechsseitiger Artikel aus dem Völkischen Beobachter, der Zeitung der NSDAP. Letzterer und die Predigt firmieren im Inhaltsverzeichnis gemeinsam unter dem Begriff „Weihe“.

Der Predigt liegt Johannes 7, 37 f. zugrunde und wird so zitiert: „Aber am letzten Tage des Festes, der am herrlichsten war, trat Jesus auf, rief und sprach: Wen da dürstet, der komme zu mir, und trinke; Wer an mich glaubet, wie die Schrift sagt, von des Leibe werden Ströme des lebendigen Wassers fließen.“ Dieser biblische Bezug dient, wie bei Kasualansprachen auch sonst nicht unüblich, als formaler Stichwortgeber, denn dass es sich bei Johannes um das Laubhüttenfest in Jerusalem handelt, wird später mit keiner Silbe erwähnt.

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class="wp-element-caption">Die neuen Schwingglocken für die Garnisonkirche im Frühjahr 1939

Die Predigt beginnt mit der Aufzählung derer, die die Glockenherstellung ermöglicht und „viel freudige Opfer gebracht“ haben: von der „Wehrmacht, die in dieser Kirche – wie nirgends woanders – die Verbundenheit mit den Traditionen unbesiegter deutscher Regimenter pflegt“, über die preußische Regierung, die in der Grablege für die preußischen Könige die Größe preußischer Staatsmacht verkörpert sieht, und über weitere Sponsoren bis hin zu dem als NS-Reichskriegerbund gleichgeschalteten Kyffhäuserbund[11]. „Und nun Glockenweihe! Der letzte Tag des Festes, der am herrlichsten ist. Da trat Jesus auf ... Sein Wort sollen sie (die Glocken) aufnehmen und weitertragen von ... Soldatenjahrgang zu Soldatenjahrgang: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!

Uns allen ist das zugerufen,“ so leitet die Predigt über zu einer längeren Ermahnung des Einzelnen, da wir alle in tiefster Seele und mit tiefster Sehnsucht dürsten würden. Der Prediger bleibt hier recht allgemein, spricht am konkretesten vom wechselseitigen schlechten Einfluss unter Menschen, auch unter Soldaten, sowie vom „Kampf mit dem eigenen Fleisch“, einem Kampf mit finsteren Gewalten, die das Herz überlagern würden. Die Schlussfolgerung ist simpel: „Vom Leben Jesu sollst du lernen: Du darfst Gott etwas zutrauen.“

Die folgende „Mahnung zu tiefer Soldatenfrömmigkeit“, zu der die neuen Glocken rufen sollen, ist erstaunlich kurz, hält aber programmatisch und unmissverständlich fest: „Diese Kirche trägt vor unserem ganzen Volk ihr besonderes Gepräge darin, daß sie uns von der Gewalt des Glaubens für Soldatentum und Wehrkraft zeugt. ... Das wissen die jungen Soldaten, die die Zugehörigkeit zu unserer großen tapferen Wehrmacht dem Tage von Potsdam, der Geburtsstunde des Dritten Reiches verdanken.“

Abschließend erläutert der Prediger die Bedeutung der vier Glocken: Die größte Glocke ist gestiftet vom Oberkommando des Heeres und gewidmet dem Andenken des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. als Begründer des preußischen Staates und Heeres. Sie soll zum Glauben rufen. – Die zweite Glocke ist gestiftet von der Zivilgemeinde der Garnisonkirche und gewidmet dem Andenken Friedrichs II. und seiner Soldaten, die nach der Schlacht von Leuthen „Nun danket alle Gott!“ anstimmten. Hier beschwört der Prediger regimehörig die Zeit, „als der Führer unseres Volkes im vergangenen und in diesem Jahre unser Volk von einem großen Sieg zum anderen führte. Gäbe Gott ihm und uns allen die große Gnade, daß nun auch diese Glocken in naher und ferner Zukunft in das Danklied eines ganzen Volkes einfallen: ‚Nun danket alle Gott ... der große Dinge tut an uns und allen Enden.’“ Diese Glocke soll zur Dankbarkeit mahnen. – Die dritte Glocke ist gestiftet von den Inhabern des Potsdamer Verlages Bonneß & Hachfeld, in dem neben Blut-und-Boden- auch NS-Literatur verlegt wurde, und ist dem Andenken der „unvergeßlichen“ Königin Luise gewidmet. „Heute am Muttertag, da unzähligen deutschen Frauen das Ehrenkreuz überreicht wird,“ wird sie als Vorbild einer deutschen Frau und Mutter hingestellt. „Was Männerhände kämpfend erstritten, haben Frauenhände betend gestützt.“ Diese Glocke soll Gottes Trost künden. – Die vierte Glocke ist gestiftet vom Kreisverband des NS-Reichskriegerbundes (Kyffhäuserbund) und gewidmet dem, der am Tag von Potsdam Hitler salon- und politikfähig gemacht hat, dem Andenken des Generalfeldmarschalls von Hindenburg. „Er hatte Hände, die stark waren für das Schwert, aber auch stark zum Gebet. ... Möge in bewegten Zeiten hinter jedem Kämpfer ein betendes Volk stehen. Glaube, Dankbarkeit, Trost, Gebet!“ Diese Glocke soll mit der Inschrift ‚Ora et labora!’ zum Gebet rufen. „Uns Menschen zur Stärkung, Gott zur Ehre. Amen!“

Damrath zeigt in seiner Predigt unmissverständlich, was er als Heerespfarrer darstellt und was die Garnisonkirche Potsdam in Stein verkörpert: preußischen Militarismus und, bei ihm in direkter Linie, das Dritte Reich. Tiefer lässt sich vor der NS-Herrschaft nicht verbeugen. Diese Predigt zur Glockenweihe zeigt in erschreckender Weise ein von völkisch-nationalem Bellizismus geprägtes Verständnis von Christentum.

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class="wp-element-caption">Wehrmachtspfarrer Rudolf Damrath

Dieses Verständnis von Christentum zeigt Damrath auch in seiner Predigt am Sarg Wilhelms von Preußen im Jahr 1940.[12] Der sechsseitige Sonderdruck ist auf dem Vorblatt geschmückt mit einem Eisernen Kreuz, versehen mit der Jahresangabe 1939 und einem Hakenkreuz in der Mitte. Die „Wortverkündigung am Sarge Seiner Königlichen Hoheit, des Oberleutnants und Kompaniechefs“ selbst ist gerahmt von dem „Niederländischen Dankgebet“ eingangs und abschließend von dem Zapfenstreich-Choral „Ich bete an die Macht der Liebe“.

Das Niederländische Dankgebet von Adrianus Valerius, 1626, aus der Zeit der Sieges der Niederländer über die spanischen Truppen, wird in der beliebten Nachdichtung von Josef Weyl aus dem Jahr 1877 abgedruckt. Das Lied wurde Bestandteil des Großen Zapfenstreichs und häufig bei Anlässen besonderer Bedeutung gespielt. Es entwickelte sich geradezu zum Inbegriff der Einheit von Thron-und-Altar im deutschen Kaiserreich. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde das Lied bewusst bei Massenveranstaltungen eingesetzt, um ihnen eine größere Weihe zu geben und um die Kontinuität des Dritten Reiches mit dem Deutschen Reich zu betonen. Es wird bis heute noch beim feierlichen Gelöbnis der Deutschen Bundeswehr gespielt.[13]

Der Zapfenstreich-Choral bedient sich der ersten (ursprünglich zweiten) Strophe eines 1757 geschriebenen Liedes des reformierten Mystikers und Pietisten Gerhard Tersteegen. Seine Lieder besingen die gläubige Anbetung und Versenkung in die Gegenwart Gottes. Der Choral wird bis heute als Bestandteil des Großen Zapfenstreichs der Bundeswehr gespielt, gerahmt von den Kommandos ‚Helm ab zum Gebet’ und ‚Helm auf’.[14] Ob das der Intention Tersteegens entspricht, darf mehr als bezweifelt werden.

Die „Wortverkündigung“ selbst beginnt mit einer „Schriftlesung“, dem liturgischen Mischzitat aus drei unterschiedlichen Bibelstellen, und stellt anschließend zwei Texte als Grundlage für die Predigt voran: aus dem Matthäusevangelium (Mt 24, 13) und aus einem Gedicht von Walter Flex (1887-1917), jenem Kriegsfreiwilligen und Schriftsteller, dessen autobiographisch orientierte Kriegserzählungen, geprägt von völkischem Nationalismus, passagenweiser Homoerotik und jugendbewegter Naturpoesie, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts außerordentlich beliebt waren und von den Nazis nachhaltig gefördert wurden.[15] „Wer aber beharret bis an Ende, der wird selig“, und: „Was Frost und Leid! / Mich brennt ein Eid. / Der glüht wie Feuersbrände / Durch Schwert und Herz und Hände. / Es ende drum, wie’s ende – / Deutschland, ich bin bereit.“

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class="wp-element-caption">Sonderdruck der Trauerpredigt für Prinz Wilhelm von Preußen, 29. Mai 1940

Die anschließende Predigt würdigt zunächst den knapp 34jährigen Gefallenen als Glied des preußischen Hohenzollernhauses und als Angehörigen von Hitlers Armee. „Als Soldaten der neuen deutschen Wehrmacht senken wir in unlöslicher Treue den Degen vor dem Kameraden, ... der erfüllte, was auch uns beseelt: Wenn es um Deutschland geht, den letzten Tropfen Blut! Mit dem starken Glaubenstrost eines Christen gedenkt seiner in dieser Stunde auch sein kaiserlicher Großvater, der in diesem gewaltigen Kriege ... von dem Herrn, dem Lenker der Schlachten, den Sieg für sein deutsches Volk erfleht. ... Und mit seinen Soldaten hat der Führer und Oberste Befehlshaber der neuen deutschen Wehrmacht ... und sein edelster und getreuester Mitstreiter, der Generalfeldmarschall Göring, Worte herzlicher Teilnahme hierher gesandt. So stehen wir vom ersten bis zum letzten Soldaten der neuen Wehrmacht und der alten Arme mitleidend und mitehrend an diesem Sarge.“

Nach einem kurzen tröstenden Appell an die Trauergemeinde mit Hilfe mehrerer Bibelzitate wird der Gefallene weiter gewürdigt: Zunächst als Christ („Er wollte – und das kann ich persönlich bezeugen – ein Christ sein“). Sodann als Familienmensch in der königlich-kaiserlichen Familie, geprägt durch preußische Gesinnung und „Ritterlichkeit“, der bereits als achtjähriger Bub 1914 mit der kaiserlichen Großmutter „beim letzten Gottesdienst der Ersten Garde-Regiments ... niederkniet und um den Sieg des deutschen Volkes betet.“ Weiter als Mitglied in „seinem geliebten Stahlhelm“. Der Stahlhelm, Bund der Fronsoldaten, stand in eindeutiger Opposition zum politischen System der Weimarer Republik. Im Stahlhelm herrschte eine Weltanschauung vor, die sich stark an der Kaiserzeit orientierte und antisemitisch war; ehemaligen Frontsoldaten jüdischen Glaubens wurde die Mitgliedschaft verwehrt.[16] Und schließlich als Soldat von Hitlers Armee „hat er, als der Führer im vergangenen Jahre zum schweren Kampfe um des Vaterlands Freiheit aufrief, da gestanden, wo die Kriegsflagge wehte ... Auf dem Schlachtfelde in Frankreich, über das seit Hunderten von Jahren seine königlichen Ahnen die deutschen Heere führten, ist Prinz Wilhelm gefallen.“

Dem Schmerz der Familie begegnet der Prediger mit dem etwas pathetischen Wunsch: „Möge der Herr mit der Kraft seiner Heilandsliebe mehr trösten, als wir es vermögen, und auch in dieses Leid hineinrufen: ‚Haltet euch an mich. Wer aber beharret bis ans Ende, der wird selig.’“

Zum Schluss geht der Prediger von Dürers Zeichnung des christlichen Ritters aus, wie der, den Blick auf „Ein feste Burg ist unser Gott“ gerichtet, an Tod und Teufel vorbeireitet. Der Prediger stellt fest: „Wir befinden uns in einem Gotteshaus, in dem das Evangelium verkündet wird, daß wir allzumal Sünder sind und des Ruhmes mangeln, den wir bei Gott haben sollen. Darum wollen wir nicht weiter Menschenruhm verkündigen, wir stehen ... mit dem Trost der Vergebung aller Menschenschuld an diesem Sarge.“ Es folgt der Hinweis auf die christliche Auferstehungshoffnung. Diese abschließende Verkündigung des Evangeliums gipfelt in den Sätzen: „Aber wir haben einen Herrn und Heiland, der durch sein Leiden und Sterben unser Leben in den Himmel hebt. ... Und wer darin beharret bis ans Ende, der wird auch an diesem Sarge nicht traurig, sondern selig.“

Mit dieser Beerdigungsansprache zeigt sich deutlich, wie Damrath christliche Verkündigung in den Dienst nicht nur eines monarchisch-militaristischen Nationalstaates, sondern auch in den von Hitlers Aggressionskrieg stellt. Damit unterscheidet sich Damrath von seinen monarchistisch gesonnenen deutsch-nationalen Amtsbrüdern. Anzumerken ist, wie er mit frommen theologischen Allgemeinplätzen die Erlösung durch Christus individualisiert und zur Beliebigkeit verwässert – zur billigen Gnade macht, um es mit Dietrich Bonhoeffer zu sagen.

Damraths Geisteshaltung blitzt selbst in einer ansonsten unpolitischen Traueransprache auf, die er im August 1940 am Sarg einer Verstorbenen eines preußischen Adelsgeschlechts hält. [17]

Es beginnt damit, dass er als „Heerespfarrer an der Garnisonkirche zu Potsdam“ fungiert. Die in einem Sonderdruck abgedruckte siebenseitige Beerdigungsansprache ist dann seelsorgerlich auf das Leben der Gestorbenen ausgerichtet. Die einzigen politischen Bezüge finden sich neben der prägnanten Berufsangabe von Damrath in der Bemerkung, dass die Verstorbene fünf Kriege „über das Vaterland hinweggehen“ sah und zwei Söhne „dem Vaterland hingegeben“ hat und so der Weltkrieg auch von ihr Opfer verlangt hat. Allerdings fällt die stramm militärische Charakterisierung Gottes ins Auge: „Der Befehlshaber unseres Lebens ist auch der Befehlshaber unseres Sterbens.“ Eingebettet sind diese Worte in eine etwas schwülstige Poesiererei: „Um so mehr möchte jetzt das Herz alle dankende Liebe in diesen Sarg legen, vor sich und öffentlich bekennen, wie groß Mutterliebe ist und wie wohl Mutterliebe tat. ... Christus möge ihr Leben verklären und krönen.“

Es passt ins Bild, wenn der Heerespfarrer im Geist eines militaristisch-nationalen Christentums Gott als den „Befehlshaber unseres Lebens und Sterbens“ bezeichnet. Ob er nach 1945 eine andere Haltung eingenommen hat, ist unbekannt. In seinen Predigten und Schriften spricht Damrath nur noch sehr pauschal und unkonkret das gesellschaftliche und politische Leben an. Es finden sich keinerlei Äußerungen, die eine Abkehr von seiner Haltung von vor 1945 nahelegen. Einzig ist aus dem pompösen „Heerespfarrer an der Garnisonkirche zu Potsdam“ bescheiden-unauffällig der „Pastor“ oder auch nur „R.D.“ geworden. Es bleibt offen, ob er ein ehemaliger Nazi ist, der später hinter der Maske des pietistisch-frommen und erbaulichen Predigers sich versteckte, oder ob er prinzipienlos und opportunistisch schon immer sein Mäntelchen in den Wind gehängt hat. Eine umfassendere kritische Würdigung des Wirkens und der Person Damraths bietet Matthias Grünzig in seiner ausführlichen und verdienstvollen Monographie, in der er darstellt, wie die Potsdamer Garnisonkirche die Tradition des preußischen und deutschen Militarismus repräsentiert.[18]

Eingeräumt sei, dass alle diese Predigten zu einem Zeitpunkt gehalten wurden, an dem die deutschen Heere noch für schmetternde Siegesmeldungen gut waren. Doch auch alle anderen der zahlreichen Beiträge in Doehrings „Feste Burg“ [19]  atmen denselben nationalen und Krieg verherrlichenden Geist, auch die, als der 1. Weltkrieg sich dem Ende zuneigte. Was erschreckend bleibt, ist die mangelnde exegetische und biblisch-theologische Sorgfalt der Prediger, obwohl sie als lutherische Theologen doch Luthers ‚sola scriptura’ verpflichtet sein sollten. Die biblischen Texte werden als Stichwortgeber genommen für ihre theologisch-ideologischen Positionen im Sinne eines konservativen militaristischen Nationalismus ‚Mit Gott für Kaiser und Reich!’ Bei Damrath wurde dann daraus ‚Mit Gott für Führer und Vaterland!’ Die Bibel wird so grob missbraucht. Im deutschen Kaiserreich und auch noch danach wurde in vielen Kirchen Deutschlands so oder so ähnlich gepredigt. Allerdings gibt es wohl keinen Ort, der so wie die ‚Garnisonkirche’ Potsdam diese Tradition in Stein gemauert darstellt. Wie deren Wiederaufbau zu einem Ort des Friedens und der Versöhnung werden soll, bleibt das Geheimnis derer, die dieses Projekt propagieren und finanzieren.

Jürgen Reichel-Odié, geb 1945, 1965-1971 Studium in Bethel, Bonn, Heidelberg, Bangalore/Indien, 1972-1974 Vikariat in Frankfurt am Main, 1974-1986 Schulpfarrer in Offenbach am Main, 1985-2008 Gemeindepfarrer in Frankfurt am Main, seit 1995 Dekan des Dekanats Frankfurt-Süd, seit 2008 im Ruhestand.


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[1] Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Bernhard_Rogge_(Theologe), 21.01.2021
[2] [Bernhard] Rogge, D., Militäroberpfarrer a. D. in Potsdam, Lasset uns gehen gen Bethlehem. Weihnachtspredigt in der Kriegszeit, [gehalten am 2. Weihnachtsfeiertag 1914 in der Potsdamer Garnisonkirche], in: Doehring, Bruno, Ein feste Burg. Denkmäler evangelischer und deutscher Art aus schwerer Zeit, 2 Bde, Bd 1: Das Wort Gottes in schwerer Zeit, Berlin 19192, S.205-212.
[3] Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Ich_bete_an_die_Macht_der_Liebe, 11.01.2021, siehe auch: Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Wir_treten_zum_Beten, 11.01.2021
[4] Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Emanuel_Geibel, 05.05.2021, dort: „Die Instrumentalisierung von zeitgebundenen Gedichten, die zur Beförderung und Feier der deutschen Einheitsbestrebungen zwischen 1850 und 1871 verfasst waren, und nun zur Beglaubigung eines deutschen Angriffskrieges mit dem Ziel, eine Weltherrschaft zu errichten, umfunktioniert wurden, fiel auf den Autor zurück und beschädigte sein Ansehen nachhaltig.“
[5] Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Dibelius, 21.01.2021
[6] [Otto] Dibelius, Oberpfarrer Lic. Dr., Lauenburg i. P. [in Pommern], Alle Tage ein neues Loblied. Kriegsbetstunde nach dem Sieg über die Njemen-Armee 1914, [gehalten in der Woche vom 20. September 1914], in:  Doehring, Bruno, Ein feste Burg. Denkmäler evangelischer und deutscher Art aus schwerer Zeit, 2 Bde, Bd 1: Das Wort Gottes in schwerer Zeit, Berlin 19192, S.180-183.
[7] Doehring, Bruno, Ein feste Burg. Denkmäler evangelischer und deutscher Art aus schwerer Zeit, 2 Bde, Bd 1: Das Wort Gottes in schwerer Zeit, Predigten und geistliche Reden, Bd 2: Deutscher Glaube in schwerer Zeit, Zeugnisse religiösen Lebens und Erlebens in Äußerungen hervorragender deutscher Männer, Rede, Feldbrief, Bericht und Gedicht, Berlin 1914/19152. Doehring selbst ist mit zwei Beiträgen im ersten Band und vier Beiträgen im zweiten vertreten.
[8] aaO, Bd 1, S.8
[9] Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Bruno_Doehring, 03.05.2021
[10] [Rudolf] Damrath, Heerespfarrer , Predigt zur Weihe der Schwingglocken der Garnisonkirche Potsdam 1939, [gehalten am 21. Mai 1939 (Muttertag)}, in: Das Glockengeläut der Garnisonkirche zu Potsdam, hg. im Auftrag des Standortspfarramtes, Sonderdruck o.J., o.O. [Potsdam], S.17-23
[11] Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Stahlhelm,_Bund_der_Frontsoldaten, 30.04.2021
[12] [Rudolf] Damrath, Heerespfarrer, Trauerfeier am 29. Mai 1940 in der Friedenskirche zu Potsdam für Seine Königliche Hoheit Oberleutnant und Kompaniechef Prinz Wilhelm von Preußen gefallen am 26. Mai 1940 bei Valenciennes, Sonderdruck o.J. [1940], o.O.
[13] Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Wir_treten_zum_Beten, 11.01.2021
[14] Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Ich_bete_an_die_Macht_der_Liebe, 11.01.2021
[15] Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Flex, 05.05.2021
[16] Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Stahlhelm,_Bund_der_Frontsoldaten, 30.04.2021
[17] [Rudolf] Damrath, Heerespfarrer an der Garnisonkirche zu Potsdam, Wortverkündigung am Sarge von Frau Marie Delbrück verw. gew. Caracciola geb. Spuhn, Trauerfeier am Montag, dem 12. August 1940, in der Halle des Krematoriums Berlin-Wilmersdorf, in: Marie Delbrück zum Gedächtnis, Sonderdruck o.J. [1940], o.O. [Berlin]
[18] Matthias Grünzig, Für Deutschtum und Vaterland, Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert, Berlin 2017, zu Damrath S. 208-214
[19] s.o. Anm. 7

Ein großes, freudiges „Ja“ und ein kleines, leicht überhörbares „Nein“.

Der „Tag von Potsdam“ (21. März 1933) und die Kirchen

Es ist allgemein bekannt, dass die Kirchen im Prozess der so genannten Machtergreifung des Jahres 1933 keine rühmliche Rolle spielten. Das gilt für die beiden großen Konfessionen: für die katholische Kirche, der etwa ein Drittel aller Deutschen angehörte, und mehr noch für die Protestanten, die in 28 evangelische Landeskirchen zersplittert waren und rund zwei Drittel der Deutschen repräsentierten. Der „Tag von Potsdam“ am 21. März 1933 kann als bedeutendes Symbolereignis auf dem Weg in die Diktatur gelten. Im Folgenden wird der Frage nachgegangen, wie sich die Kirchen während jener unerhört ereignisreichen, hektischen Tage im März 1933 verhielten, und – genereller - welche Rolle sie im ersten Halbjahr 1933 spielten, als die entscheidenden politischen Weichenstellungen für die Etablierung der Hitler-Diktatur erfolgten. Ich konzentriere mich auf die regionalen Vorgänge in Berlin und Potsdam, auch wenn der „Tag von Potsdam“ kein regionales Ereignis war, sondern durch Rundfunk reichsweit übertragen und als nationaler Festtag landesweit gefeiert wurde. Und aus nahe liegenden Gründen beschränke ich mich auf Personen und Aktionen in der evangelischen Kirche, denn Berlin und Potsdam, Brandenburg und Preußen waren protestantisch geprägte Regionen.[1]

Unmittelbar nach dem Reichstagsbrand (27. Februar) äußerte Hitler den Wunsch, für die feierliche Eröffnung des am 5. März neu zu wählenden Reichstags nach Potsdam zu gehen. Den Reichstag, so hieß es jetzt allenthalben in der NS-Propaganda, hätten „die Kommunisten“ angezündet, hinter ihnen stünde das „rote Berlin“, das Ganze sei ein verbrecherisches Fanal zum bolschewistischen Aufstand. Die neue „nationale Regierung“ – sie war noch gar nicht gewählt - würde zum feierlichen Auftakt nach Potsdam gehen und sich damit in die ruhmreiche deutsche Tradition der großen Preußenkönige des 18. Jahrhunderts stellen. Die Wahlen vom 5. März erbrachten für die NSDAP 43,9 Prozent der Stimmen. Zusammen mit Alfred Hugenbergs deutschnationaler Wahlliste „Kampffront Schwarz-Weiß-Rot“ konnte die neue, nationale Koalitionsregierung eine Mehrheit von 52,9 Prozent der Wählerstimmen auf sich vereinen. Die ersten Märztage waren von hektischen Beratungen zwischen Regierung, Innenministerium, der Stadt Potsdam und kirchlichen Stellen über geeignete Örtlichkeiten und die genauen Konditionen der avisierten Potsdamer Zeremonie bestimmt. Sehr bald einigte man sich auf die Potsdamer Garnisonkirche als Schauplatz des feierlichen Staatsakts. Zuvor sollten zwei Eröffnungsgottesdienste stattfinden, für die evangelischen Abgeordneten in der Nikolaikirche, für die katholischen Abgeordneten in der Kirche St. Peter und Paul. Vertreter der Garnisonkirche, so wird berichtet, hätten dem Vorhaben sofort und mit Begeisterung zugestimmt. In der preußischen Kirchenleitung indessen – vertreten durch Präsident Hermann Kapler und Vize-Präsident Georg Burghart – war man zunächst etwas zurückhaltender. Man wünschte keine politischen Beratungen oder gar Debatten in der Kirche. Als am 8. März Hitler, Göring und Innenminister Frick zusammen mit den kirchlichen Spitzenvertretern Kapler und Burghart in Potsdam eine Ortsbesichtigung vornahmen, waren die skizzierten Grundlinien der Zeremonie und das symbolträchtige Datum 21. März beschlossene Sache. Nicht zuletzt sollte damit an den 21. März 1871 erinnert werden, als die konstituierende Eröffnungsfeier zum ersten Deutschen Reichstag des kurz zuvor gegründeten Kaiserreichs im Berliner Schloss stattfand. Jetzt, am 13. März 1933, ernannte Hitler Joseph Goebbels zum „Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda“ und übertrug ihm die weitere Ausgestaltung des Festtags. Goebbels stürzte sich mit Eifer auf die Vorbereitung und vollbrachte, nach den Worten des Kirchenhistorikers Klaus Scholder, binnen Wochenfrist ein „Meisterstück der Propagandaregie“.[2]

Auf kirchlicher Seite fiel für den bevorstehenden „Tag der nationalen Erhebung“ (Goebbels) Otto Dibelius eine Schlüsselrolle zu. Als Generalsuperintendent der Kurmark war er der oberste evangelische Geistliche der Region. Bis zur Abdankung der Hohenzollern im November 1918 glühender Monarchist, gehörte er als jüngerer, wendiger, einflussreicher Kirchenführer mit zu den ersten Protestanten, die sich auf die neuen Gegebenheiten der demokratischen Republik von Weimar und der eingeleiteten Trennung von Kirche und Staat umstellten. Republikaner und entschiedener Demokrat war er indessen nicht. Politisch gehörte der konservative Theologe der DNVP an. Was ihm und sicher auch den meisten seiner Kollegen im Führungskorps der Preußenkirche vorschwebte, war eine Überwindung der ungeliebten „Gottlosenrepublik“ von Weimar und die Etablierung eines autoritär regierenden „christlichen Staates“. Verlautbarungen von Dibelius und Kollegen aus der preußischen Kirchenführung während der ersten Wochen und Monate der Hitler-Regierung lassen sich dahingehend zusammenfassen: herzliche Freude über die politische Wende des „nationalen Aufbruchs“, Betonung der Unabhängigkeit der Kirche auch im neuen Staat, Sorge angesichts einer Politisierung von unten in der Kirche durch die nationalsozialistisch orientierte „Glaubensbewegung Deutsche Christen“ (DC). Am 10. März beauftragte der Gemeindekirchenrat der Potsdamer Nikolai-Gemeinde Dibelius, die Predigt zum evangelischen Eröffnungsgottesdienst zu halten. Damit fiel ihm das entscheidende kirchliche Predigtwort in dieser bedeutungsschweren Stunde zu. Während der folgenden Tage erreichten ihn dringliche briefliche Bitten sowohl von Seiten des politisch liberalen Theodor Heuss wie von dem reformierten Schweizer Theologen Karl Barth, der in Bonn lehrte, mit seiner Predigt ein mahnendes Gewissen zu sein an jenem Jubeltag und in seiner Ansprache auch diejenigen zu berücksichtigen, die inzwischen „mundtot“ (Barth) gemacht seien.[3]

Es war herrliches Frühlingswetter, das diesen historisch gewordenen „Tag von Potsdam“, einen Dienstag, beherrschte - Kaiserwetter mit Hindenburg als Ersatzkaiser. Die Behörden hatten dienstfrei verordnet, Kinder und Jugendliche hatten schulfrei. Goebbels publizierte im Völkischen Beobachter einen Aufruf zur angeblichen „Wiedergeburt der deutschen Nation“, der Rundfunk übertrug den ganzen Tag über Festliches, Heroisches, Erhebendes. Sebastian Haffner erinnerte sich 1939 im englischen Exil nicht ohne Sarkasmus: „War es nicht wirklich schön, festlich im Frühlingssonnenschein auf beflaggten Plätzen in hochgestimmten Mengen unterzutauchen und hehren Worten zu lauschen von Vaterland und Freiheit, Erhebung und heiligem Gelöbnis? (Besser jedenfalls, als unter Ausschluß der Öffentlichkeit in einer SA-Kaserne mit einem Wasserschlauch den Darm aufgepumpt zu bekommen.)“[4] Die Potsdamer Häuser und Straßen hatten Fahnenschmuck angelegt, wobei gerade hier in der altpreußischen Residenz und Militärstadt die alte Reichsflagge Schwarz-Weiß-Rot kaum hinter der Hakenkreuzfahne zurückgestanden haben dürfte. Hauptfigur der Festzeremonie war nicht Hitler, sondern der 85jährige Reichspräsident Paul von Hindenburg. Wie kein anderer verkörperte der greise „Held Hindenburg“ aus ruhmreichen Weltkriegszeiten, der in seiner Feldmarschalluniform erschien, die mit diesem Tag intendierte „Vermählung“ oder „Versöhnung“ zwischen preußisch-deutscher Heldentradition und der zur Macht drängenden, jungen, dynamischen Bewegung Hitlers. Festpostkarten und andere Abbildungen montierten nun die neue, programmatische nationale Ahnengalerie: Friedrich der Große, Bismarck, Hindenburg, Hitler.

Den Auftakt machten vormittags getrennte Festgottesdienste der beiden Konfessionen. In der großen Nikolaikirche am Alten Markt hatten sich ein Großteil der evangelischen Reichstagsabgeordneten und weitere protestantische Prominenz versammelt. Die Anwesenheit des charismatischen, kirchlich-frommen Reichspräsidenten verlieh diesem Ereignis besonderen Glanz. Zugleich war dies die große Stunde von Generalsuperintendent Dibelius, der als Predigtmotiv eine Textstelle aus dem Römerbrief ausgewählt hatte: „Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?“ (Römer 8, 31). Das war genau jener Text, über den Hofprediger Ernst von Dryander am 4. August 1914 anlässlich der kriegsentscheidenden Reichstagssitzung gepredigt hatte. Gewiss war Dibelius’ Textwahl eine bewusste Referenz an die hochpatriotische „Gott ist mit uns“ - Stimmung des August 1914, die viele Protestanten während der umstürzenden Ereignisse des Jahres 1933 aufs Neue empfanden. Und selbstverständlich glaubten Dibelius und mit ihm Hindenburg und die vielen Kirchlich-Frommen auf der nationalen Rechten, dass auch jetzt Gott ihr großer Alliierter im „nationalen Aufbruch“ von 1933 sei, als sie im Bündnis mit Hitler die ungeliebte Weimarer „Gottlosenrepublik“ liquidierten. Wenngleich sich aus Dibelius’ Predigt auch einige kritische Untertöne gegenüber manchen NS-Weltanschauungszielen und der nicht zu übersehenden Gewaltpraxis herauslesen lassen, so erlag er doch im großen Ganzen der euphorischen Aufbruchstimmung im politischen Lager der nationalen Rechten. Unter Verweis auf die neulutherische Zwei-Reiche-Lehre legitimierte er eingerissene NS-Gewaltexzesse: „Ein neuer Anfang staatlicher Geschichte steht immer irgendwie im Zeichen der Gewalt. [...] Wir haben von Dr. Martin Luther gelernt, dass die Kirche der rechtmäßigen staatlichen Gewalt nicht in den Arm fallen darf, wenn sie tut, wozu sie berufen ist. Auch dann nicht, wenn sie hart und rücksichtslos schaltet. [...] Das muss die doppelte Aufgabe der evangelischen Kirche auch in dieser Stunde sein. Wenn  der Staat seines Amtes waltet gegen die, die die Grundlagen der staatlichen Ordnung untergraben, [...] – dann walte er seines Amtes in Gottes Namen! Aber wir wären nicht wert, eine evangelische Kirche zu heißen, wenn wir nicht mit demselben Freimut, mit dem Luther es getan hat, hinzufügen wollten: staatliches Amt darf sich nicht mit persönlicher Willkür vermengen! Ist die Ordnung hergestellt, so müssen Gerechtigkeit und Liebe wieder walten [...]“.[5] Während manche Nationalsozialisten ihn nach der Predigt angeblich feindlich angesehen hätten - so wollte sich Dibelius jedenfalls nach 1945 dieser Szene erinnern  - , habe ihm Hermann Göring unmittelbar nach der Predigt die Hand geschüttelt und bekannt: „Das war die beste Predigt, die ich in meinem Leben gehört habe!“[6]

Der zeitgleiche Gottesdienst in der katholischen Kirche St. Peter und Paul stand weit weniger im Rampenlicht. Zum einen lag dies sicherlich daran, dass das katholische Element in der durch und durch protestantischen Region Berlin-Brandenburg eine geringere Rolle spielte. Zudem wohnte kaum politische Prominenz dieser Zeremonie bei. Man hatte ursprünglich wohl mit der Teilnahme von Hitler und Goebbels gerechnet. Beide stammten aus stark katholisch geprägten Elternhäusern. Kurz vor Beginn des Gottesdienstes ließen sie jedoch mitteilen, dass sie wegen der bisherigen kritischen Haltung vieler katholischer Bischöfe gegenüber der NSDAP dem Hochamt fernbleiben würden. Zweifellos wollten sie mit diesem Affront Druck auf die katholischen Kirchenführer ausüben, nun ihre zumeist distanzierenden Unvereinbarkeitserklärungen von katholischer Lehre und Nationalsozialismus aus den Jahren 1930-31 zu widerrufen. Der katholische Reichskanzler Hitler und sein katholischer Minister Goebbels zogen indessen vor, während dieser Vormittagsstunde die Gräber der so genannten nationalsozialistischen Märtyrer auf dem Luisenstädtischen Friedhof in Berlin aufzusuchen.[7]

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Die historische Reichstags-Eröffnung in der Garnisonkirche in Potsdam! Reichskanzler Adolf Hitler an der Spitze der Reichsregierung neben ihm Vizekanzler von Papen dahinter Minister Dr. Goebbels schreiten das Spalier der Reichswehr vor der Garnisonkirche in Potsdam ab. Quelle: Bundesarchiv 183-R96855a

Unter dem allgemeinen Glockengeläut sämtlicher Kirchen Potsdams zogen sodann, nach Beendigung der Gottesdienste, in feierlichem Zug und bejubelt von einem dichten Spalier von Menschenmassen, Reichspräsident Hindenburg, Reichskanzler Hitler, die Minister der nationalen Koalition, Reichstagsabgeordnete und andere Prominenz zur Garnisonkirche, dem eigentlichen Hauptschauplatz des symbolpolitischen Großereignisses. In dieser aus der Barockzeit stammenden Hauptkirche der Hohenzollern und der Potsdamer Garnison, in einer Gruft hinter dem Altar, ruhten die beiden großen Preußenkönige des 18. Jahrhunderts – Friedrich Wilhelm I. und sein Sohn Friedrich II. – , deren Wirken maßgeblich mit dem Aufstieg Preußens zu einer europäischen Großmacht verbunden war. Zweifellos war diese Kirche einer der herausragenden Erinnerungsorte preußisch-deutscher Geschichte, eine geheiligte Wallfahrtsstätte preußisch-deutscher Traditionspflege schlechthin. Der Staatsakt begann mit dem Choral „Nun lob’, mein Seel’, den Herren“. Nach einer kurzen Ansprache Hindenburgs gab Hitler eine Art Regierungserklärung. Seine Rede fiel auffallend moderat aus, die Zielsetzungen der Regierung waren in Watte gepackt, er sprach für die nationale Koalition insgesamt, deren Kabinett zu diesem Zeitpunkt mehrheitlich noch nicht aus Nationalsozialisten bestand.

Grundtenor der Rede war der angeblich seit 2000 Jahren nach vorübergehenden Blütezeiten immer wieder erfolgte Niedergang und Verfall der Deutschen durch Uneinigkeit, Zwiespalt, Tatenlosigkeit, Schwäche. Hitler dankte dem Reichspräsidenten für seinen Entschluss vom 30. Januar, das „junge Deutschland“ mit der Führung zu betrauen. Was nun stattfände, sei „die Vermählung... zwischen den Symbolen der alten Größe und der jungen Kraft“. Von den Parteien der Volksvertretung verlangte er, dass sie sich nach fünfzehnjähriger Not „über die Beengtheit eines doktrinären, parteimäßigen Denkens“ erheben mögen. Es sei hier angemerkt, dass die über 90 sozialdemokratischen Abgeordneten dem Potsdamer Schauspiel fernblieben, während die 81 kommunistischen Volksvertreter bereits für vogelfrei erklärt waren und sich teils in „Schutzhaft“ oder aber auf der Flucht befanden. Nach einer Aufzählung sehr allgemein gehaltener Regierungszielsetzungen (Einheit des Geistes und des Willens, ewige Fundamente deutschen Volkstums wahren, Traditionen des Volkes pflegen, alle Gutwilligen neu zusammenfügen etc.) wandte sich Hitler abschließend direkt an Hindenburg: „Wir erheben uns vor Ihnen, Herr Generalfeldmarschall. [...] Sie erlebten einst des Reiches Werden, sahen vor sich noch des großen Kanzlers Werk, den wunderbaren Aufstieg unsers Volkes und haben uns endlich geführt in der großen Zeit, die das Schicksal uns selbst miterleben und mit durchkämpfen ließ. Heute, Herr Generalfeldmarschall, lässt Sie die Vorsehung Schirmherr sein über die neue Erhebung unseres Volkes. Dieses Ihr wundersames Leben ist für uns alle ein Symbol der unzerstörbaren Lebenskraft der deutschen Nation. So dankt Ihnen heute des deutschen Volkes Jugend, und wir alle mit, die wir Ihre Zustimmung zum Werk der deutschen Erhebung als Segnung empfinden.“[8] Während dieser Dankesworte an Hindenburg hatte sich die Versammlung erhoben. Otto Dibelius hat als Augenzeuge diese Szene wenig später für die Leser des „Evangelischen Sonntagsblatts“ geschildert. Würdig, ernst und eindrucksvoll seien Hitlers Worte gewesen: „Zum Schluss der Rede die Kundgebung an den Reichspräsidenten. Alles erhebt sich. Als das letzte Wort gesprochen ist, tritt Hitler von dem Pult zurück. Der Reichspräsident tut einen Schritt nach vorn und streckt ihm die Hand entgegen. Hitler ergreift sie und beugt sich tief, wie zum Kuss, über die Hand des greisen Feldmarschalls. Es ist eine Huldigung in Dank und Liebe, die jeden ergriffen hat, der sie mit ansah.“[9]

Anschließend legte Hindenburg Kränze an den Särgen der preußischen Könige in der Gruft nieder. Zum Abschluss der Zeremonie ertönte Orgelmusik. Vor der Garnisonkirche kam es dann erneut zum Händedruck zwischen dem greisen Feldmarschall und dem wieder tief sich verbeugenden einstigen Weltkriegsgefreiten und Reichskanzler Hitler, eine symbolisch hoch aufgeladene Szene, die vielfach fotografiert um die Welt ging und zum Inbegriff dieses Tages geworden ist. Zum „Tag von Potsdam“ gehörte schließlich die ganz unvermeidliche Militärparade: Reichswehreinheiten, Stahlhelm, SA-Verbände, zuletzt auch noch frühlingsbeschwingte Hitler-Jungen und BdM-Mädchen zogen an Hindenburg und Hitler vorüber. Der Festtag klang aus mit Fackelzügen, Jubelkonzerten, Freudenfeuern. Am Abend dieses Tages und während der Folgetage konnten eigentlich alle Hauptakteure dieses Staatsschauspiels für sich eine höchst befriedigende Bilanz ziehen. Hitler und Goebbels konnten für sich resümieren: Wir haben uns höchst effektreich mit den alten nationalen Traditionseliten versöhnt und sie eingebunden in unsere politische Revolution. Der altpreußisch-deutschnationale Flügel der Rechtskoalition um Alfred Hugenberg konnte sich in der Illusion wiegen: wir haben ihn (Hitler) doch recht erfolgreich gezähmt und ‚eingerahmt’, damit sind wir und bleiben wir weiterhin im Spiel. Und auch die Kirchen, hier besonders die in Preußen dominanten Evangelischen, konnten sich erfreut sagen: Wir sind nun wieder gefragt! Und welch’ bedeutende staatstragende Rolle durften wir an diesem politisch wichtigen, symbolträchtigen Tag mitspielen: wir waren die Gastgeber, wir stellten unsere ehrwürdigen Gotteshäuser bereit und wir durften an prominenter Stelle mit dabei sein! Und, auch dies war gewiss noch kirchliches Kalkül: welch ein Unterschied zu den kirchlich so elenden Zeiten der Weimarer „Gottlosenrepublik“, als wir von Seiten der großen Politik (Sozialisten, Zentrum, Liberale) überhaupt nicht mehr gefragt waren, als uns Privileg um Privileg genommen wurde, als die Kirchen bei Parlamentseröffnungen im Abseits standen und sich auf beschämende Nebenrollen abgedrängt sahen.[10]

Am 23. März beschloss der in Berlin versammelte Reichstag mit Zweidrittelmehrheit, bei Gegenstimmen der Sozialdemokraten (93 +1 Abgeordnete) und unter Ausschluss der kommunistischen Fraktion (81 Abgeordnete), das Hitlers diktatorischen Zielen künftig so sehr dienende „Ermächtigungsgesetz“. Jene 444 Abgeordneten, die der Selbstentmachtung des Parlaments zustimmten, waren im großen Ganzen jene, die der Potsdamer Zeremonie in der Garnisonkirche freudig beigewohnt hatten. Nicht zuletzt unter dem starken Eindruck des „Tags von Potsdam“ gaben die katholischen Bischöfe ihre früheren Unvereinbarkeitserklärungen auf und ließen ihren Sinneswandel durch Pressemeldungen am 29. und 30. März bekanntmachen.[11] Auch die Protestanten fühlten sich zu einem offiziellen positiven Statement zugunsten der neuen Regierung gedrängt. In der Osterbotschaft der großen preußischen Landeskirche (11. April), die Millionen evangelische Christen zu Ostern hörten, hieß es: „Die Osterbotschaft von dem auferstandenen Christus ergeht in Deutschland in diesem Jahr an ein Volk, zu dem Gott durch eine große Wende gesprochen hat. Mit allen evangelischen Glaubensgenossen wissen wir uns eins in der Freude über den Aufbruch der tiefsten Kräfte unserer Nation zu vaterländischem Bewußtsein, echter Volksgemeinschaft und religiöser Erneuerung. [...] In der Überzeugung, dass die Erneuerung von Volk und Reich nur von diesen Kräften getragen und gesichert werden kann, weiß die Kirche sich mit der Führung des neuen Deutschland dankbar verbunden. Sie ist freudig bereit zur Mitarbeit an der nationalen und sittlichen Erneuerung unseres Volkes. Zur Ausrichtung dieses Dienstes bedarf die Kirche voller Freiheit für die Entfaltung ihres Lebens und ihrer Arbeit. Sie vertraut der Regierung, die uns die feierliche Zusicherung dieser Freiheit gegeben hat.“[12] Aus historisch begründeter tiefer Sorge, in der Gunst bei dem neuen politischen Alleinherrscher gegenüber ihrem konfessionellen Rivalen womöglich ins Hintertreffen zu geraten, mühten sich sowohl Katholiken wie Protestanten im Frühjahr 1933 nach Kräften, bei der neuen Regierung als wohlmeinende Verbündete gutes Wetter zu machen. Hitler wusste natürlich von der historisch tief  eingewurzelten deutschen Konfessionsrivalität, in der er überhaupt ein deutsches nationales Urübel schlechthin sah, und er verstand es durchaus, die beiden rivalisierenden Kirchen gegeneinander auszuspielen.

Nur einen Tag nach „Potsdam“, zum 22. März, hatte der Gemeindekirchenrat der renommierten Kaiser-Wilhelm-Gedächtnisgemeinde (Berlin-Charlottenburg) auf Initiative der Deutschen Christen (DC) zu einem „vaterländischen Dankgottesdienst“ eingeladen. Unverkennbar stand hinter diesem Projekt die Reichsleitung der DC, die mit dieser Großveranstaltung eine Art „kirchliches Potsdam“ inszenieren wollte, eine Versöhnung zwischen den altpreußisch-konservativen Kircheneliten und der seit Monaten heftig angreifenden deutschchristlichen Massenbewegung, einer innerkirchlichen Parallelbewegung zur Hitlerpartei, die sich die Eroberung der alten Kirche zum Ziel gesetzt hatte. Die Prachtkirche war an diesem Mittwoch überfüllt. Nach dem Orgelvorspiel zogen Formationen der SA und des Stahlhelms mit ihren Fahnen in das Gotteshaus ein und nahmen Aufstellung am Altar. Chor- und Gemeindegesang schlossen sich an. Zunächst ergriff der geschäftsführende Geistliche der Gemeinde, Pfarrer Georg Hauk, das Wort. Er sprach über „Volk und Gott“. Endlich beginne nun, so meinte er einen Tag nach der Potsdamer Zeremonie, das dichte Dunkel der letzten Jahre zu weichen. Wer mit Gott im Bunde stehe, so rief er aus, der zwinge schließlich auch „die Hölle“. Mit der „Hölle“ konnte nach Lage der Dinge eigentlich nur die soeben überwundene „Gottlosenrepublik“ von Weimar gemeint sein. Die versammelte Gemeinde in der überfüllten Kirche - es dürften an die 3 000 Besucher gewesen sein – stimmte nun Luthers „Ein feste Burg ist unser Gott“ an. Anschließend predigte Pfarrer Joachim Hossenfelder, der 1. Reichsleiter der Glaubensbewegung DC, über das Thema „Führer und Volk“. Er verglich in seiner deutschchristlichen Geschichtstheologie die Jugend der Befreiungskriege von 1813-15 mit derjenigen der Weltkriegszeit von 1914-18. Deren Hoffen und Sehnen sei nun endlich mit der nationalsozialistischen Machtübernahme in Erfüllung gegangen. Pfarrer Hossenfelder rief die evangelische Kirche dazu auf, bei dem jetzigen Aufbruch der Nation nicht abseits stehen zu bleiben. Tief beeindruckt notierte ein Besucher unmittelbar nach dem Gottesdienst: „Eben ist er [der Gottesdienst] vorüber, es ist 9 ½ Uhr, wir sind noch ergriffen von den gewaltigen Predigten der beiden Pfarrer. Eben so großartig war auch der Gesang des Kirchenchores u. die Lieder der Gemeinde ‚Ein feste Burg ist unser Gott’ und das ‚Niederländische Dankgebet’. Alles haben wir sehr gut verstanden, auch zum Schluß das Glockengeläut. Wir hatten nur den einen Wunsch, mit dort zu sein u. all die Menschen zu sehen welche diesen Gottesdienst beiwohnen konnten. Dieser Gottesdienst war fast noch erhebender als der gestriche in Potsdam. Der Prediger hat uns allen aus den Herzen gesprochen mit den Worten ‚Welch eine Wendung durch Gottes Fügung’. Nun wollen wir noch wünschen, dass Gott unsern herrlichen Führer Ad. Hitler noch weiter den richtigen Weg führt, ihn noch lange gesund erhält u. vor Gefahren schützt, dann können wir auch auf eine bessere Zukunft hoffen.“[13]

Bereitwillige Anpassung, nicht selten auch peinliche Anbiederung an den „braunen Zeitgeist“ durch die etablierten kirchlichen Spitzenbehörden war die eine Seite protestantischen Verhaltens während der ersten Wochen und Monate nach dem 30. Januar. Es ist nicht eine unter den 28 Landeskirchen bekannt, die gegenüber der Hitler-Regierung klar auf Distanz gegangen wäre. Man wollte einfach mit dabei sein, mitschwimmen im großen Strom des proklamierten „nationalen Aufbruchs“. Gewiss, es gab auch hier und da Besorgnisse wegen kirchlicher Unabhängigkeit, es gab Zögerliche, Skeptiker - aber bald schon sahen sie sich alle mitgerissen vom großen Strom des Aufbruchs, der vielen Zeitgenossen wie ein Wunder erschien. Ein größeres Problem entstand den evangelischen Kirchen eher aus den eigenen Reihen, durch eine nationalsozialistisch orientierte Glaubensbewegung, die sich Deutsche Christen nannte. Diese von überwiegend jungen Pfarrern angeführte Bewegung schwoll von Monat zu Monat kräftig an. Im Zuge einer avisierten kirchlichen Machtergreifung sollten die Kirchen von unten erobert und in eine zentralisierte deutsche Reichskirche mit einem starken Führer an der Spitze, dem Reichsbischof, umgewandelt werden. Entscheidend für das religiöse Denken der DC war die semantische Verschiebung des protestantischen Diskurses von „Volk“ auf „Rasse“. Wie lange zuvor schon der inflationär gebrauchte und sakralisierte Volksbegriff wurde nun der Begriff der „Rasse“ zu einer übergeschichtlichen Größe erhoben und damit Bestandteil einer geglaubten göttlichen Schöpfungsordnung. Auf diese Weise war eine generelle Vereinbarkeit von traditionell-christlichen Glaubenspositionen mit der NS-Weltanschauung hergestellt. Indem die DC für die Reinheit der deutschen „Rasse“ und für einen völkisch-christlichen oder „arteigenen“ Glauben kämpften, was sie in zahllosen Traktaten, Artikeln und Predigten des Jahres 1933 bekräftigten, wirkten sie - nach eigener Überzeugung - für die Erhaltung der göttlichen Schöpfungsordnung.[14]  

Spektakuläre Dankgottesdienste wie der erwähnte in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche bildeten den Auftakt des deutschchristlichen Vormarsches. Das begann schon früh, nämlich am Abend des 3. Februar 1933, mit einem Dankgottesdienst in der überfüllten Marienkirche in Berlin-Mitte, in dessen Verlauf Pfarrer Hossenfelder den neu installierten katholischen Reichskanzler als einen „Mann aus einem Guß, gegossen aus Reinheit, Frömmigkeit, Energie und Charakterstärke“ pries. Nur zwei Tage später stand den DC der Dom, das größte Gotteshaus der Reichshauptstadt, für eine schauerliche Totenfeier zu Ehren des am Abend des 30. Januar im Straßenkampf getöteten SA-Sturmführers Hans-Eberhard Maikowski zur Verfügung. Im Verlauf des Jahres 1933 blieb kaum eine evangelische Kirche Berlins von solchen Dank- und Jubelfeiern verschont. „Heldengedenkfeiern“ im März, kirchliche „Führergeburtstagsfeiern“ im April, von der neuen preußischen Kirchenleitung verordnete Dankgottesdienste zum „nationalen Aufbruch“ am 2. Juli, tiefbraun gefärbte Erntedankfeiern im Oktober, deutschchristliche Kundgebungen und Gedenkfeiern aus Anlass des 450. Geburtstags Martin Luthers im November – es fehlte nicht an Anlässen für die Inbesitznahme der Kirchen durch die neue Glaubensbewegung. Von diesen Großinszenierungen ausgehend griff der „braune Kult“ mehr und mehr auch auf die regulären sonntäglichen Gottesdienste über.[15]

Zwei Wochen nach dem „Tag von Potsdam“ und zeitlich eingerahmt vom NS-Judenboykott am 1. April sowie der Verkündigung des Berufsbeamtengesetzes mitsamt „Arierparagraphen“ am 7. April veranstalteten die DC ihre erste Reichstagung im Preußischen Herrenhaus an der Leipziger Straße, wo heute der Deutsche Bundesrat tagt. Die zweitägige Veranstaltung, auf der zum Auftakt als politischer Schirmherr der Mitbegründer der DC und NSDAP-Gauleiter Wilhelm Kube sprach, wurde vom Rundfunk übertragen. Kube, inzwischen auch Oberpräsident der Provinz Brandenburg, sicherte den Versammelten die Unterstützung der großen NSDAP-Fraktion im Preußischen Landtag bei der Umsetzung ihrer kirchenpolitischen Ziele zu. Der Berlin-Friedenauer Pfarrer Siegfried Nobiling sprach über „Kirchliches Führertum“. Er forderte die Ausbildung einer neuen Theologengeneration im Geist der völkischen Glaubensgemeinschaft. Wer Familie, Sippe, Rasse und Volk nicht als Grundgegebenheiten der Schöpfungsordnung anerkenne, dürfe nicht das Amt eines Theologen bekleiden. Kein „Jude“ und kein „Judenstämmling“, so meinte der Pfarrer schon vor Erlass des Arierparagraphen, dürfe das Amt eines Geistlichen oder Kirchenältesten ausüben. Ein anderer Berliner Theologe, Karl Themel von der Luisenstadtgemeinde, referierte über die „Vernichtung der Gottlosenbewegung“. Wir Christen, so versicherte Themel, begrüßten die „Reinigungs- und Säuberungsaktionen des Staates“. Den Kirchengemeinden wies Themel  die Aufgabe zu, nun als „Zellen der Gesundung im kranken Volkskörper“ zu wirken.[16] Und auch das Folgende geschah  während jener wunderschön frühlingshaften Märztage von 1933 (17. März), an die sich Sebastian Haffner noch im englischen Exil erinnerte: ein SA-Trupp besetzte das Berliner Freidenkerhaus in der Kreuzberger Gneisenaustraße. Während im Hinterhof eine Art Folterkeller für Regimegegner eingerichtet wurde, eröffnete Themel, zusammen mit seinem Kollegen Horst Schirmacher, im Vorderhaus eine „Reichszentrale zur Bekämpfung des Gottlosentums“, in der die Pfarrer für den Wiedereintritt der „Gottlosen“ in die Kirche warben.[17]

Einen vorläufigen Endpunkt erlangte die Kircheneroberung der Deutschen Christen mit den kurzfristig anberaumten Kirchenwahlen vom 23. Juli 1933. Diese Neuwahlen der kirchlichen Körperschaften waren nötig geworden, nachdem zuvor der NS-Staatskommissar August Jäger die Auflösung sämtlicher Vertretungsorgane verfügt hatte. Zur Wahl standen zwei Listen: Deutsche Christen und als innerkirchliche Opposition die Gruppe „Evangelium und Kirche“. Ungeachtet aller diese Wahl manipulierenden Eingriffe durch Partei und Staat handelte es sich um eine geheime Wahl mit alternativen Wahlvorschlägen. Auffallend für Berlin ist die hohe Zahl von Kirchengemeinden (ca. 43 Prozent), in denen so genannte Einheitslisten gebildet wurden. Durch vorherige Vereinbarung sicherten sich die DC durch diese Listen Mandatsanteile zwischen 75 und 100 Prozent. Das war kampflose evangelische Selbstpreisgabe. In den 75 Wahlgemeinden, in denen ein Wahlakt stattfand, erreichten die DC durchschnittlich zwei Drittel der Wählerstimmen. Insgesamt erzielte die Glaubensbewegung in Groß-Berlin 70 bis 75 Prozent aller Mandate in den Vertretungskörperschaften. Pfarrer und Kirchenvolk hatten im Sommer 1933 ihr zukünftiges Geschick noch weithin selbst in der Hand. Es waren nicht so sehr politische Pressionen von außen durch NS-Staat und Partei, sondern fehlende Einsicht, fehlender Willen und mangelnde Courage im Inneren, um die Vorstöße der DC als Gefahr zu erkennen und entschieden abzuwehren. Der Wahltriumph der DC vom Juli 1933 war deshalb so vollkommen, weil große Teile der Pfarrer und des Kirchenvolks diese völkische Transformation wollten und weil die innerkirchlichen Abwehrkräfte so schwach waren. Es waren, so ist für das erste Halbjahr 1933 zu resümieren, teils begeisterte, teils nachgiebige Fraktionen in der Kirche, die von innen her den NS-Ideen Tür und Tor öffneten.[18]

Man wird fragen: Machten sie denn alle mit bei der fatalen kirchlichen Selbstauslieferung an den braunen Zeitgeist von 1933? Nein, nicht alle – aber eben doch sehr viele! Und man muss schon lange suchen, um in der Region Berlin-Brandenburg kirchliche Gegenstimmen, Spuren von Opposition im ersten Halbjahr 1933 zu finden. Als Anfang März in Berlin der Kirchenausschuss als Dachorganisation aller Landeskirchen zu einer turnusgemäßen Sitzung zusammenkam, erreichte eine Eingabe engagierter protestantischer Frauen, darunter Agnes von Zahn-Harnack, dieses Altherrengremium. Die Frauen protestierten gegen eine Reihe in jüngster Zeit eingerissener Missbräuche von Christentum und Religion in den Wahlkampfreden. „Schließlich gehe Hand in Hand damit“, so hieß es wörtlich, „ein Kampf gegen unsere jüdischen Volksgenossen, der nicht nur unsere Volksgemeinschaft zerstöre, sondern den man nur als eine fortgesetzte Übertretung des obersten Gebotes des Christentums ansehen könne.“ Die Frauengruppe bat darum, der Kirchenausschuss möge in aller Öffentlichkeit seine Stimme gegen diese Missbräuche erheben. Die Eingabe wurde auf der Sitzung nicht mehr behandelt und blieb folgenlos.[19] Mitte April 1933, eine Woche nach Erlass des Berufsbeamtengesetzes, diskutierte eine exklusive Gruppe von Theologen um Pfarrer Gerhard Jacobi von der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche einen kleinen Aufsatz des jungen Privatdozenten Dietrich Bonhoeffer: „Die Kirche vor der Judenfrage“. Hier, in diesem Text, findet sich erstmals die später viel zitierte Aufforderung, dass die Kirche nicht allein den Opfern staatlichen Handelns verpflichtet sei, sondern dass sie in Extremfällen bereit sein müsse, „nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen“, also politischen Widerstand zu leisten. Dies waren in der damaligen, sehr lutherisch-obrigkeitshörig geprägten Kirche ungewöhnliche, ja unerhörte Worte - sehr vereinzelt, kaum gehört, nicht befolgt.[20] Nahezu zeitgleich sandte die Berliner Historikerin und Studienrätin Elisabeth Schmitz einen Hilferuf an den Bonner Theologen Karl Barth. Es dränge sie „aus der tiefen Not der Zeit heraus“, ihm als gänzlich Unbekannte zu schreiben. „In meinem engsten Freundeskreis erlebe ich  erschütternd schwer die Folgen der Judenverfolgung. [...] Aber die Kirche feiert Siegesfeste, feiert Ostern in der ‚Siegesstimmung, die augenblicklich durch unser deutsches Volk geht’, wie es hier [in Hanau] in einer Predigt hieß u. sicher in tausenden ähnlich geheißen hat.“ Schmitz rief den renommierten Theologen dazu auf, unbedingt jetzt etwas zu tun, um die Gewissen wach zu rütteln.[21]

Der „Tag von Potsdam“ und die Kirchen – eine kirchenhistorische Sternstunde war das gewiss nicht. Am „Tag von Potsdam“ feierte und bejubelte eine Hälfte der Gesellschaft ihren „nationalen Aufbruch“, während die andere Hälfte der Gesellschaft im Begriff stand, ausgeschlossen, gefesselt, mundtot gemacht und vertrieben zu werden.[22] Und die Kirchen spielten dieses böse Spiel der Exklusion mit, erfüllt von ebenso egoistischen wie trügerischen Hoffnungen, in dem entstehenden Gewaltstaat, nach dem vermeintlichen Leiden unter der „Gottlosenrepublik“ von Weimar, nun neuen Glaubensaufschwüngen entgegen zu gehen. Kirchlicherseits fiel in dieser historischen Stunde einem Mann eine besondere Schlüsselrolle zu  –  Otto Dibelius.[23] Berücksichtigt man, dass Dibelius von 1925 bis 1966 in kirchenleitenden Positionen der alten Preußenkirche, der Bekennenden Kirche und nach dem Krieg auch als Berliner Bischof und Ratsvorsitzender der EKD stand, so handelt es sich zweifellos um eine kirchliche Jahrhundertfigur. Die Performance dieser Schlüsselfigur in der historischen Stunde „Potsdam 1933“ lässt sich kurz so zusammenfassen: ein großes freudiges „Ja“ und ein kleines, leicht überhörbares „Nein“. Das Verhalten des Generalsuperintendenten der Kurmark war von auffallender Ambivalenz bestimmt, wobei jedoch stets ein lautes „Ja“ sein in Nebensätzen verstecktes kleineres „Nein“ deutlich übertönte. Der brieflichen Aufforderung von Karl Barth im Vorfeld seiner Potsdamer Predigt, doch bitte bei dieser Gelegenheit die Stimme für jene zu erheben, die mundtot gemacht waren, kam er nicht nach. Während Hitlers politischer Ansprache in der Garnisonkirche saß er in der ersten Reihe, war beeindruckt und schilderte selbst wenige Tage später seine tiefe Ergriffenheit durch das symbolpolitische Schauspiel. In seinen wiederholten Stellungnahmen zum Judenboykott, die unmittelbar nach dem 1. April erschienen, äußerte Dibelius viel Verständnis für die antijüdischen Gewaltmaßnahmen. Nachdem er im Juni 1933 durch Staatskommissar Jäger von seinem Amt als Generalsuperintendent der Kurmark vorübergehend suspendiert worden war, sandte er Ende Juli ein erstaunliches dreizehnseitiges Schreiben an den inzwischen neu installierten preußischen Oberkirchenrat, der nun von DC-Führern beherrscht wurde. Es sei doch untragbar, so schrieb er, dass ein Generalsuperintendent in einer Kirche, die ein freudiges Bekenntnis zum neuen Staat abgelegt habe, als politisch unzuverlässig gelte. Er wies diverse Angriffe von DC-Führern gegen ihn entschieden zurück und erklärte, er wolle nun (26. Juli 1933) seine tatsächliche Haltung klarstellen. Hinsichtlich seiner politischen Einstellung während der Republikzeit sei ihm wenig vorzuwerfen. Schon seit seiner Studentenzeit habe er im Kampf gegen Judentum und Sozialdemokratie gestanden. Dieser Haltung sei er bis zur Gegenwart immer treu geblieben. „Ich habe die Aufgabe und die Ehre gehabt, diesen Staat im Gottesdienst der Nikolai-Kirche in Potsdam am 21. März von der Kanzel her zu grüßen. Die Predigt ist gedruckt. Sie beginnt mit einer Parallele zwischen dem 4. August 1914 und dem 21. März 1933. Sie versucht, für die große Stunde das Evangelium freudig aber auch ernst zu sagen. Sie bekennt sich zu einem Geist, der die Größe des Vaterlandes mit Entschlossenheit will. Nach dem Schluss des Gottesdienstes reichte mir der jetzige preußische Ministerpräsident Goering mit einem warmen Wort des Dankes die Hand. Ebenso der Reichsaußenminister. Kurze Zeit darauf sprach ich auf Bitten des Reichsministers Goebbels zusammen mit Bischof Dr. Nuelsen auf dem Kurzwellensender nach Amerika, um den neuen Staat gegenüber der Greuelpropaganda des Auslandes zu verteidigen. Die Rede schloss mit einem Appell an die Deutsch-Amerikaner, freudig zu glauben, dass das deutsche Volk sich selbst wiedergefunden habe und am Anfang einer neuen Epoche stehe.“ Der DC-Bewegung, so Dibelius weiter, habe er zwar kritisch gegenübergestanden, zugleich aber habe er versucht, mit der „Bewegung in Fühlung“ zu kommen und ihr den Weg zu fruchtbarer kirchlicher Arbeit zu eröffnen. So habe er beispielsweise Wehrkreispfarrer Ludwig Müller, dem späteren DC-Reichsbischof, das große Referat auf dem diesjährigen kurmärkischen Kirchentag (Mai 1933) angeboten. Im Rhythmus und in den Zielen der DC habe er Vieles gefunden, „was meiner eigenen Art und meinen eigenen Zielen“ entspreche, namentlich „das Kämpferische“ und den Willen zu missionarischer Arbeit. Immer wieder, so Dibelius Ende Juli 1933, habe er sich die Frage vorgelegt, „ob meine Art der Arbeit dem Wollen der ‚Deutschen Christen’ nicht derartig verwandt sei, dass ein gegenseitiger Streit weder innerlich berechtigt, noch kirchlich tragbar sei.“ Es sei dann der größte Schmerz seines Lebens gewesen, dass durch die Einsetzung des Staatskommissars Jäger zwischen dem Staat, „dem ich mit freudiger Hingabe zu dienen bereit bin“, und zwischen der Kirche der Konflikt ausbrach, in dem er die Stellung der Kirche habe beziehen müssen. Dibelius wünschte nun Verständigung darüber, wie es mit der Fortführung seines Amtes weitergehen solle. Es dürfe doch nicht sein, dass die Agitation eines kleinen Kreises einen Generalsuperintendenten aus dem Amt entfernen und ihn auf Dauer diffamieren könne. Sein Angebot zur Mitarbeit in der nunmehr von Deutschen Christen geführten Kirche blieb unerwidert. Nach einer mehr als halbjährigen Denkpause als Kurprediger in San Remo kehrte er gegen Jahresmitte 1934 nach Deutschland zurück und schloss sich der Bekennenden Kirche an.[24]

Zuerst erschienen in: Manfred Gailus (Hg.): Täter und Komplizen in Theologie und Kirchen 1933 – 1945, Wallstein-Verlag Göttingen 2015, S. 32-50

Manfred Gailus ist habilitierter Historiker, apl. Professor für Neuere Geschichte am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin und Mitglied des wissenschaflichen Beirats Lernort Garnisonkirche. Zahlreiche Publikationen zur Protestantismusgeschichte und zum christlichen Antijudaismus und Antisemitismus.


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[1] Vgl. generell zum „Tag von Potsdam“: Werner Freitag, Nationale Mythen und kirchliches Heil: Der „Tag von Potsdam“, in: Westfälische Forschungen 41, 1991, S. 379-430; Klaus Scheel, Der Tag von Potsdam, Berlin 1996; Hartmut Ludwig, Der „Tag von Potsdam“ und die Konsequenzen für Christen- und Bürgergemeinde, in: Tag von Potsdam. Bildungsforum und Schülerprojekt, Heft 2, hg. vom Landtag Brandenburg, Potsdam 2003, S. 43-58; Martin Sabrow, Mythos – Zankapfel – Erinnerungsort. Die Potsdamer Garnisonkirche in der deutschen Erinnerungskultur, in: Potsdamer Spitze. Mitteilungen, Potsdam 2012 (Beilage).
[2] Vgl. zu diesen Vorgängen Ludwig (Anm. 1); Klaus Scholder, Die Kirchen und das Dritte Reich. Bd. 1: Vorgeschichte und Zeit der Illusionen 1918-1934, Frankfurt am Main/Berlin 1977, S. 277-299.
[3] Vgl. Ludwig (Anm. 1).
[4] Sebastian Haffner, Geschichte eines Deutschen. Die Erinnerungen 1914-1933, München 2002, S. 127.
[5] Aus der Predigt Dibelius hier zit. n. Ludwig (Anm. 1), S. 49.
[6] Otto Dibelius, Ein Christ ist immer im Dienst, Stuttgart 1961, S. 172 f.
[7] Vgl. Scholder (Anm. 2), S. 284 f., S. 296; und Ludwig (Anm. 1).
[8] Adolf Hitler, Rede bei der Eröffnung des neu einberufenen Reichstags, 21. März 1933, in: Verhandlungen des Reichstags. VIII. Wahlperiode 1933, Bd. 457, Berlin 1934, S. 6-10.
[9] Otto Dibelius, Wochenschau, in: Berliner Evangelisches Sonntagsblatt, 2.4.1933.
[10] Vgl. Ludwig (Anm 1).
[11] Scholder (Anm. 2), S. 320.
[12] Zit. n. Scholder (Anm. 2), S. 299.
[13] Vgl. den Bericht in dem Berlin-Charlottenburger Bezirksblatt „Der Westen“ vom 23.3.1933. Der  Augenzeugenbericht ist: Dankschreiben des Bau- und Möbeltischlers Otto Baumbach aus Stadtilm (Thüringen) vom 22.3.1933 an den Küster Heinrich Hobohm, in: Archiv der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnisgemeinde, Betr. Gottesdienste 1913-1935.
[14] Zu den Deutschen Christen vgl. Doris L. Bergen, Twisted Cross. The German Christian Movement in the Third Reich, Chapel Hill/London 1996; Claus P. Wagener, „Gott sprach: Es werde Volk, und es ward Volk!“ Zum theologischen und geistesgeschichtlichen Kontext der Deutschen Christen in ihren unterschiedlichen Strömungen, in: Das missbrauchte Evangelium. Studien zur Theorie und Praxis der Thüringer Deutschen Christen, hg. von Peter von der Osten-Sacken, Berlin 2002, S. 35-69.
[15] Ausf. hierzu Manfred Gailus, Protestantismus und Nationalsozialismus. Studien zur nationalsozialistischen Durchdringung des protestantischen Sozialmilieus in Berlin, Köln /Weimar/Wien 2001.
[16] Zur ersten Reichstagung der DC: Scholder (Anm 2), S. 365-369; Siegfried Nobiling, Kirchliches Führertum, in: Volk und Kirche (Schriftenreihe der Deutschen Christen, H. 4), Berlin 1933, S. 43-48; Karl Themel, Referat über „Sozialfragen“, in: ebd., S. 35-39.
[17] Jochen-Christoph Kaiser, Arbeiterbewegung und organisierte Religionskritik. Proletarische Freidenkerverbände in Kaiserreich und Weimarer Republik, Stuttgart 1981, S. 333; Georg Uehlein, Gottes Eingreifen in der 12. Stunde. Die Gemeinde im Nationalsozialismus, in: Kreuz und Pickelhaube. Großstädtische Gesellschaft und Kirche zwischen 1850 und 1945 am Beispiel der Heilig-Kreuz-Gemeinde in Berlin, hg. von Georg Uehlein, Berlin 1995, S. 162-221, hier S. 221; s. ferner den Artikel: „Ich möchte wieder eintreten!“ Eine evangelische Beratungsstelle im Freidenkerhaus, in: Das Evangelische Berlin, Nr. 21, 21.5.1933.
[18] Vgl. Gailus (Anm. 15), S. 116-122.
[19] Scholder (Anm 2), S. 290.
[20] Vgl. Wolfgang Gerlach, Als die Zeugen schwiegen. Bekennende Kirche und die Juden, Berlin 1987, S. 55.
[21] Manfred Gailus, Mir aber zerriss es das Herz. Der stille Widerstand der Elisabeth Schmitz, Göttingen 2010, S. 84 f.
[22] Vgl. hierzu jetzt: Berlin 1933-1945, hg. von Michael Wildt und Christoph Kreutzmüller, München 2013.
[23] Eine hinreichend kritische Biografie zu Dibelius fehlt. Beschönigend ist: Robert Stupperich, Otto Dibelius. Ein evangelischer Bischof im Umbruch der Zeiten, Göttingen 1989. Vgl. auch die differenziertere Darstellung von Hartmut Fritz, Otto Dibelius. Ein Kirchenmann in der Zeit zwischen Monarchie und Diktatur, Göttingen 1998.
[24] Evangelisches Zentralarchiv Berlin, Bestand 50, Nr. 483, darin: Der Generalsuperintendent der Kurmark, Berlin-Steglitz, 26.7.1933 (gerichtet an den EOK und das provisorische Geistliche Ministerium), Bll. 65-71.

Chronologie des Wiederaufbaus

Bundeswehrkaserne Iserlohn: Der Nachbau des Potsdamer Glockenspiels

13. Juni 1961
Das Wachbataillon beim Bundesministerium der Verteidigung übernimmt die Tradition der im Semper Talis Bund vereinigten Regimenter Erstes Garde-Regiment zu Fuß und Infanterie-Regiment 9.

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Festakt mit Kommandeur Oberstleutnant Erwin Koch in Anwesenheit von 200 Mitgliedern des Semper Talis Bundes, unter ihnen Schirmherr Prinz Friedrich von Hohenzollern-Sigmaringen. Foto: www.sempertalis-bund.de

1980
Der Semper Talis Bund e.V. baut mit einem Tonband und drei Uhrwerken für die Fahnen- und Ehrenhalle des Wachbataillons beim Bundesministerium der Verteidigung in Bergisch Gladbach das Potsdamer Glockenspiel nach.

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Dezember 1980
Vortrag von Bauingenieur und Hobbyhistoriker Andreas Kitschke über die Baugeschichte der Garnisonkirche in der Nikolaikirche Potsdam.

1984
Der Semper Talis Bund e.V. erbaut ein über vier Meter großes Modell der Garnisonkirche für die Empfangshalle des Wachbataillons beim Bundesministerium der Verteidigung in Siegburg.

Mit der Aufgabe des Standorts Siegburg ist das Modell mit dem Wachbataillon in die Julius-Leber- Kaserne in Berlin-Tegel umgezogen. Es wird dort im Eingangsbereich des Stabsgebäudes aufgestellt.

Juli 1984
Der Kommandeur des Fallschirmjägerbataillons 271 in Iserlohn, Max Klaar, ruft in der Zeitschrift „Soldat im Volk“ zu Spenden für einen Teilnachbau des Potsdamer Glockenspiels auf.

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Offizier Max Klaar bei der Einweihung des ersten Ausbaustufe des Glockenspiels.

30. November 1984
Nach dem raschen Spendenerfolg wird die erste Ausbaustufe des Glockenspiels mit einem neunstimmigen Glockenspiel in der Bundeswehrkaserne in Iserlohn eingeweiht. Mehrere Glocken sind ehemaligen Wehrmachtsverbänden gewidmet, die an Kriegsverbrechen beteiligt waren. Bei dem Festakt hält neben Max Klaar auch das Vorstandsmitglied des Vereins Preußeninstitut Prof. Dr. Kurt Kluxen eine Rede zum Thema: „Hat Preußen eine Zukunft?“, worin er „das Preußische“ als ein politisch-gesellschaftliches Ideal anpreist.

19. Dezember 1984
Gründung des Vereins „Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel e.V.“ in Iserlohn mit dem Ziel eines vollständigen Nachbaus des Glockenspiels. Im Fall der Wiedervereinigung Deutschlands soll es der Stadt Potsdam gestiftet werden. Der Verein kündigt zudem an, nach einer Wiedervereinigung geistig und finanziell zum Wiederaufbau der Garnisonkirche in Potsdam beizutragen. Geschäftsführer des Vereins ist bis zu seiner Auflösung im Jahr 2005 (Ex-)Bundeswehroffizier Max Klaar.

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Februar 1995
Die Reden des Festakt zur Einweihung des ersten Ausbaustufe des Glockenspiels werden vom Preußeninstitut veröffentlicht.

8. Mai 1985
Ansprache von Max Klaar zum 40. Jahrestag des Kriegsendes in der Bundeswehrkaserne Iserlohn. Klaar stellt dabei die Alleinschuld Deutschlands am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in Frage und relativiert die deutschen Kriegsverbrechen mit falschen Tatsachenbehauptungen.

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Foto: Westfalenpost, Kirsten Haape

26. März 1986
Richtfest für die zweite Aufbaustufe des Glockenspiels in der Bundeswehrkaserne Iserlohn. Drei Soldaten in (historischen) Uniformen präsentieren eine Traditionslinie: Ein Soldat in der Uniform der alten preußischen Grenadiere, ein Soldat in der Wehrmachtsuniform des Zweiten Weltkriegs, ein Soldat in Bundeswehruniform.

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Foto: Westfalenpost/ hf

14. April 1986
Zum Jahrestag des Luftangriffs auf Potsdam 1945 erfolgt ein Festakt in der Bundeswehrkaserne Iserlohn zur Erweiterung des Glockenspiels um 15 Glocken (2. Ausbaustufe). Sieben dieser Glocken sind den ehemaligen deutschen Ostgebieten jenseits der Oder-Neiße-Grenze gewidmet. Auf ihnen ist Deutschland in den Grenzen von 1937 abgebildet. Eine weitere Glocke trägt die Widmung „Kein Unglück Ewigk – Schlesische Truppen“. Als letztes Lied des Tages ertönt vom Potsdamer Glockenspiel von nun an jeden Abend um 22 Uhr das Deutschlandlied. Der Vorsitzende des Preußeninstituts Prof. Wolfgang Stribrny spricht bei seiner Festrede vor über tausend Gästen die Frage der Ostgrenze Deutschlands offensiv an. Die angestrebte Einheit Deutschlands solle auch Gebiete jenseits der Oder-Neiße-Grenze einschließen.

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Foto: Westfälische Rundschau, Alfringhaus

17. Juni 1987
Zum „Tag der Deutschen Einheit“ erfolgt ein Festakt zur Einweihung der dritten Ausbaustufe des Glockenspiels, das nun mit 40 Glocken vollständig ist. Eine Glocke ist dem Kyffhäuserbund gewidmet, eine andere der 121. Infanteriedivision, die im Zweiten Weltkrieg an der Belagerung von Leningrad beteiligt war. Eine weitere Glocke ist dem Wehrmacht-Luftwaffenoffizier Joachim Helbig gewidmet. Helbig diente dem NS-Regime nach Hitlers Selbstmord bis zuletzt. Zuvor hatte er Hunderte von Luftangriffen in Europa und Nordafrika geflogen.

Bei dem Festakt mit 2000 Gästen sprechen neben Max Klaar u.a. der General und Generalinspekteur der Bundeswehr a. D. Ulrich de Maizière, Oberkirchenrat i.R. Dr. theol. Johannes Juhnke sowie Gerhard Wessel, Präsident des BND a.D. und ehemaliger Oberstleutnant der Wehrmacht.

17. Juni 1988
Die DDR-Zeitung „Wochenpost“ berichtet über Bestrebungen der Traditionsgemeinschaft, die Garnisonkirche in Potsdam wieder zu errichten.

Das Glockenspiel kommt nach Potsdam

3. März 1990
Auf Einladung hält Max Klaar eine Rede auf dem Landesparteitag der CDU Brandenburg und wirbt für den Wiederaufbau der Garnisonkirche.

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23. Juni 1990
Gedenkveranstaltung des Neuen Forums zur Sprengung der Garnisonkirche im Jahr 1968.

11. August 1990
Max Klaar trifft den Potsdamer Oberbürgermeister Dr. Horst Gramlich (SPD) und überreicht ihm eine Schenkungsurkunde für das Glockenspiel.

24. Oktober 1990
Beschluss einer Willenserklärung der Stadtverordnetenversammlung: „Mit Freude und Dank nehmen wir die Initiative der ‚Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel e.V.’ zugunsten der Garnisonkirche zur Kenntnis, die dem Bedürfnis, die alte Schönheit der Stadt Potsdam wiederherzustellen, entspricht. [...] Der mögliche Wiederaufbau der Garnisonkirche wird in einer wirtschaftlich gesicherten Zukunft unserer Stadt seinen Platz finden.“ Aufbauend auf diesem Beschluss initiiert die Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel eine Spendensammlung und Kampagne für den Wiederaufbau der Garnisonkirche.

2. Dezember 1990
Der Pfarrer der Heilig-Kreuz-Gemeinde Uwe Dittmar warnt die Verantwortlichen der Stadt vor der rechten Gefahr beim Wiederaufbauprojekt und verweist auf öffentliche Äußerungen Max Klaars, in denen dieser für ein Deutschland in den Grenzen von 1937 plädiert.

6. Februar 1991
Die Stadtverordnetenversammlung Potsdam beschließt auf Antrag von Kulturstadtrat Wieland Eschenburg (SPD) die Aufstellung des Iserlohner Glockenspiels auf der Plantage.

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20. März 1991
In einem Zeitungsbericht der Brandenburgischen Neuesten Nachrichten ist auf einem Foto erkennbar, dass auf einer Glocke eine Karte Deutschlands in den Grenzen von 1937 abgebildet ist. Unverzüglich teilt darauf das Büro des Oberbürgermeisters mit, dass diese Deutschlandkarten beim Polieren der Glocken entfernt wurden bzw. noch entfernt werden sollen.

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Bundeswehroffizier Max Klaar bei seiner
Rede. Foto: Thomas Pütter

14. April 1991
Zum Jahrestag der Bombardierung Potsdams findet in der Nikolaikirche ein Gottesdienst statt, gefolgt von einem Festakt auf der Plantage zur Einweihung des Iserlohner Glockenspiels mit ca. 10.000 Gästen. Es sprechen u.a. Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD), „Seine Kaiserliche Hoheit“ Prinz Louis Ferdinand von Preußen, Generalsuperintendent Günter Bransch und Bundeswehroffizier Max Klaar.

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Während des Festakts schwenken protestierende Skinheads eine Fahne mit preußischem Adler. Zu gleicher Zeit wird das Potsdamer Deserteurdenkmal des türkischen Künstlers Mehmet Aksoy am Platz der Einheit geschändet.

Im Anschluss an den Festakt wird das 26-köpfige Ehrenkuratorium für die 1.000-Jahr-Feier Potsdams im Jahr 1993 berufen, dem u.a. Prinz Louis Ferdinand von Preußen und Max Klaar angehören.

Politische Meinungsbildung

4. April 1992
Die Aktionsgemeinschaft für den Aufbau der Potsdamer historischen Innenstadt e.V. (AGAPHI) unterbreitet einen Vorschlag für den schrittweisen Aufbau des Glockenturms.

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20./21. Juli 1991
Der Kooperationspartner der Traditionsgemeinschaft - das Preußeninstitut e.V. – hält, wie in den beiden Folgejahren (am 18./19.7.1992 und 10.7.1993) seine Jahrestagung in Potsdam ab. Zu Gast ist u.a. auch Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen. Auf diesen Jahrestagungen, bei denen ein uneingeschränkt positives Preußenbild gepflegt wird, treten der Potsdamer Bürgermeister Erwin Motzkus (CDU) und Generalsuperintendent Günter Bransch wiederholt als Redner auf. Die Manuskripte ihrer ausführlichen Reden werden in der gemeinsam mit der Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel herausgegebenen Vereinszeitschrift „Preußische Mitteilungen“ veröffentlicht.

29. Juni 1992
Beim Verkauf des Rechenzentrums durch die Treuhand wird der Käufer Alldata vertraglich verpflichtet, „... die zum Wiederaufbau der Garnisonkirche erforderliche Teilfläche von 900 qm derjenigen Institution unentgeltlich zur Verfügung (zu) stellen, die sich zum Wiederaufbau der Garnisonkirche verpflichtet.“

27. Juli 1992
Der Spendenstand für den Wiederaufbau beträgt 1,8 Mio. DM. Als erster Politiker spricht sich der Potsdamer Bürgermeister Erwin Motzkus (CDU) in einem Zeitungsinterview dafür aus, das „Geschenk“ des Wiederaufbaus des Glockenturms der Garnisonkirche anzunehmen. Wenig später dankt er der Traditionsgemeinschaft in einem Brief für ihr aufopferungsvolles Engagement für den Wiederaufbau der Garnisonkirche und ihren großen Beitrag zur Wiedergeburt der Stadt Potsdam.

Im Dezember 1994 befürwortet dann auch Oberbürgermeister Horst Gramlich (SPD) den Wiederaufbau, sein Nachfolger Matthias Platzeck (SPD) schließt sich dem im Januar 2000 an, der Innenminister des Landes Brandenburg Jörg Schönbohm (CDU) folgt im Juni 2000, Saskia Hüneke als Vorsitzende von Bündnis 90 - Die Grünen im November 2000 und Bundespolitiker Gregor Gysi (PDS) im März 2001.

31. Dezember 1992
Max Klaar scheidet aus Altersgründen aus dem Dienst bei der Bundeswehr aus.

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1993
Die von Rainer Ehrt konzipierte Open-Air-Ausstellung „Tage von Potsdam“ zum 1000-jährigen Stadtjubiläum thematisiert kritisch-reflexiv auch die Geschichte der Garnisonkirche am historischen Ort.

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Die Aktionsgemeinschaft für den Aufbau der Potsdamer historischen Innenstadt e.V. (AGAPHI) veröffentlicht zum 1000-jährigen Stadtjubiläum die Broschüre Glockenläuten aus Potsdam.

15. September 1993
Die Synode des evangelischen Kirchenkreises Potsdam spricht sich gegen den Wiederaufbau der Garnisonkirche aus.

September 1994
Der Eigentümer des Rechenzentrums, die Firma Alldata, bevollmächtigt die Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel, für den Wiederaufbau der Garnisonkirche eine Bauvoranfrage zu stellen.

1996
Die Aktionsgemeinschaft für den Aufbau der Potsdamer historischen Innenstadt e.V. (AGAPHI), die seit ihrer Gründung 1990 mit Ausstellungen, Publikationen, Gedenkmedaillen, Leserbriefen u.a. den Wiederaufbau der Garnisonkirche propagiert, initiiert eine Unterschriftensammlung. Gleichzeitig sammelt die Kampagne gegen Wehrpflicht, Zwangsdienste und Militär Unterschriften gegen den Wiederaufbau.

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24. Juni 1996
Zum Auftakt der Veranstaltungsreihe „Kunst im Stadtraum“ umwickelt der Künstler Mike Bruchner die Säulen des Glockenspiels mit einem gelben Plastikband, auf dem Hunderte Hakenkreuze aufgedruckt sind. Unverzüglich lässt der Oberbürgermeister Horst Gramlich die Installation seitens der Polizei entfernen und bezeichnet die Kunstaktion als „schlimme Verunglimpfung der Stadt“. Mehrere Anzeigen werden wegen der Verwendung von Kennzeichen verfassungsfeindlicher Symbole gestellt.

März 1997
Die Stadt Potsdam nimmt Verhandlungen mit dem Grundstückseigentümer auf, die kostenfreie Übertragung des Grundstücks für den Wiederaufbau zu regeln und grundbuchrechtlich abzusichern.

Mai 1997
Nachdem die Stadtverordnetenversammlung eine Bürgerbefragung abgelehnt hat, startet die Kampagne gegen Wehrpflicht, Zwangsdienste und Militär das erste Bürgerbegehren gegen den Wiederaufbau der Garnisonkirche. Da bald aber die Regeln für Bürgerbegehren geändert wurden und solche für Bauvorhaben ausgeschlossen wurden, war die Kampagne hinfällig.

Oktober 1999
Die Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel wird zu einem Vortrag auf der Herbstsynode des Kirchenkreises Potsdam eingeladen.

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November 1999
Die Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel beginnt eine jahrelange Anzeigenkampagne in der Zeitschrift „Soldat im Volk“ des Verbands Deutscher Soldaten e.V. Auf eine kleine Anfrage der PDS antwortet die Bundesregierung gegenüber dem Bundestag im April 2000: „Bei der Auswertung der Publikation ‚Soldat im Volk’ [ab dem Heft September 1999] fanden sich einzelne tatsächliche Anhaltspunkte für einen rechtsextremistischen Hintergrund.“

Juni 2000
In ihrem Rundbrief bezweifelt die Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel die deutsche Kriegsschuld am Zweiten Weltkrieg und die Kriegsverbrechen der Wehrmacht. Derselbe Rundbrief empfiehlt Bücher der Autoren Walter Post, Rudolf Samper und Franz W. Seidler mit geschichtsrevisionistischen und rechtsextremen Inhalten.

Der Einstieg der evangelischen Kirche in das Projekt

10. Juli 2000
Bei einem Gespräch schlägt Max Klaar dem Bischof der Landeskirche Berlin-Brandenburg Wolfgang Huber ein Konzept für den Wiederaufbau vor: Der Turm der Garnisonkirche wird von außen originalgetreu nachgebaut. Im Turm entsteht ein „Ort der Verkündung“ (Kapelle) in Verantwortung der evangelischen Kirche und in den oberen Etagen eine Dauerausstellung „20. Juli 1944“, welche der Beteiligung  des Potsdamer Infanterieregiment 9 an dem Attentat gewidmet ist. Die Stadt Potsdam, die evangelische Kirche und möglichst auch das Land Brandenburg sollen zu Spenden aufrufen. Als Träger wird eine Stiftung gegründet. Wenn dies gegeben sei, werde die Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel die Kosten für den Bau aus Spenden finanzieren und das Geld dem Bauträger zur Verfügung stellen. Um alles dies auf den Weg zu bringen, möge Bischof Huber als Repräsentant der Kirchenleitung auf den Kirchenkreis Potsdam einwirken, sich zu dem Vorhaben positiv zu stellen und in Abstimmung mit der Stadt- und Landesregierung einen Spendenaufruf erarbeiten.

29. Oktober 2000
Vor dem Hintergrund des politischen Votums zum Bau des Kirchturms und nach Aufforderung der Kirchenleitung beauftragt die Herbstsynode des Kirchenkreises Potsdam eine Arbeitsgruppe aus fünf Personen, mit der Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel Gespräche zu führen und eine Stellungnahme zu erarbeiten.

1. November 2000
Ausführliche Diskussion der Stadtverordnetenversammlung Potsdam zum Wiederaufbau der Garnisonkirche aufgrund einer großen Anfrage der Fraktion Die Andere.

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Planung Patzscke & Partner

November 2000
Die Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel legt eine Architekturplanung für den Kirchturmnachbau des Architekturbüros Patzschke & Partner vor und reicht diese beim Bauamt ein.

Dezember 2000
Konvent der evangelischen Kirche Potsdam zum Thema Wiederaufbau des Turms der Garnisonkirche.

10. Mai 2001
Die Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel gründet die Stiftung Preußisches Kulturerbe als Träger für das Bauvorhaben. Der Innenminister des Landes Brandenburg Jörg Schönbohm (CDU), Generalleutnant a.D., übernimmt die Schirmherrschaft. Max Klaar ist Vorsitzender des Stiftungsrats, Bundeswehroffizier Burkhart Franck designierter Vorsitzender des Stiftungsvorstands und Geschäftsführer.

22. Mai 2001
Propst Klaus-Günter Müller von der katholischen Kirche St. Peter und Paul in Potsdam lobt das Wiederaufbauvorhaben der Traditionsgemeinschaft: „Das ist das Beste, was uns passieren kann“.

Juni 2001
Spende von Prof. Dr. h.c. Werner Otto (Otto-Versand) über 3 Mio. DM an die Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel.

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Organigramm für die zu gründende kirchliche Stiftung

26. Juli 2001
Die von der Kreissynode Potsdam beauftragte Arbeitsgruppe legt das insbesondere von den Vikaren Martin Vogel und Gregor Hohberg formulierte kirchliche Nutzungskonzept „Veränderung ist möglich - Spirit of Change“ vor. Es schlägt als Träger für die Wiedererrichtung des Kirchturms die Gründung der kirchlichen Stiftung „Internationales Versöhnungszentrum Potsdamer Garnisonkirche“ vor, in welche die Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel und die Stiftung Preußisches Kulturerbe institutionell eingebunden werden sollen. Inhaltlich sieht das Konzept eine Synthese aus Kontinuität und Bruch vor. Nach dem Vorbild des „International Centre for Reconciliation“ in Coventry soll ein „Internationales Versöhnungszentrum“ entstehen. Bei dem Nachbau des Originalbaus, der auch als Lernort dienen könne, sollen von außen deutliche Brüche wahrnehmbar sein.

26./27. September 2001
Die Kreissynode Potsdam befürwortet auf Basis des Nutzungskonzepts „Veränderung ist möglich - Spirit of Change“ den Wiederaufbau des Garnisonkirchenturms.

23. Januar 2002
Die Stadtverordnetenversammlung Potsdam befürwortet das kirchliche Nutzungskonzept und bekräftigt die evangelische Kirche darin, „die Zustimmung der Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel e.V. sowie der Stiftung Preußisches Kulturerbe zu diesem Konzept zu erreichen.“

April 2002
Kirchenvertreter willigen auf Druck der Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel e.V. ein, auf das „internationale“ Versöhnungszentrum zu verzichten.

Juni 2002
Kirchenvertreter willigen auf Druck der Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel e.V. ein, dass auf das im kirchlichen Nutzungskonzept vorgesehene Nagelkreuz auf der Kirchturmspitze verzichtet wird und stattdessen dort ein originalgetreuer Nachbau der historischen Wetterfahne mit dem preußischen Adler installiert wird.

November 2002
Im Rundbrief der Traditionsgemeinschaft bestreitet der Privatbankier und Gründer des Brandenburg-Preußen Museums in Wustrau Ehrhardt Bödecker die Zahl von sechs Millionen Opfern des Holocaust und bezeichnet die Alliierten als „ausländische Umerzieher“, welche die Deutschen angeblich demütigten, erniedrigten und ihnen „eine Art Gehirnwäsche verordneten, die als Reeducation oder Umerziehung in die Nachkriegsgeschichte eingegangen ist. [... ] Zusätzlich sorgt das ‚System’ mit Verfassungsschutzeinrichtungen für seine Unangreifbarkeit.“

22./23. November 2002
Die Kreissynode Potsdam stimmt dem Entwurf der Stiftungssatzung für eine „Stiftung Internationales Versöhnungszentrum Potsdamer Garnisonkirche“ zu. Der evangelische Hilfsverein beschließt wenige Wochen später, 100.000 € als Gründungskapital zur Verfügung zu stellen.

9. Dezember 2002
Nach ihren Verhandlungserfolgen fordert die Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel von der Kirche nunmehr den rechtsverbindlichen Verzicht auf Kirchenasyl, Segnung von Homosexuellen und feministische Theologie und Beratung von Kriegsdienstverweigerern, ferner den Verzicht auf pazifistische, militaristische oder atheistische Symbole, Denkmale und Kunstwerke sowie den Verzicht auf Änderungen der Glockeninschriften.

März 2003
Bischof Wolfgang Huber verhindert eine gegenüber der Traditionsgemeinschaft kritische Presseerklärung des Kirchenkreises Potsdam.

31. Mai 2003
Der brandenburgische Innenminister Schönbohm warnt vor einer Ausgrenzung der Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel. Es sei unfair und unredlich, die Traditionsgemeinschaft in die rechte Ecke zu stellen, wie es teilweise geschehe.

1. Juni 2003
Die Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel bricht die Verhandlungen mit der evangelischen Kirche für ein gemeinsames Nutzungskonzept für den Turm der Garnisonkirche ab.

4. September 2003
Als Herausgeber der Märkischen Allgemeinen schreibt Alexander Gauland in einem Leitartikel unter dem Titel „Die Antigarnisonkirche. Der evangelischen Kirche ist das Potsdamer Erbe peinlich“: „Preußische Geschichte war damals europäische Geschichte, für die wir uns nicht zu entschuldigen haben und die wir nicht bereuen müssen. Erst der Tag von Potsdam hat die Garnisonkirche an ein Stück schlechter deutscher Vergangenheit gebunden, doch war sie nur Hülle, konnte sich nicht wehren und wurde missbraucht für das Gegenteil dessen, wofür der fromme Bauherr stand: die Verkündung der Heilszusage Gottes.“

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21./22. Oktober 2003
Unbekannte legen mit Bauschaum das Glockenspiel für einige Tage still. Bischof Wolfgang Huber kritisiert: „Wenn Glocken angegriffen werden, ist das auch ein Angriff auf die Botschaft, die von ihnen ausgeht.“

5. November 2003
Wolfgang Huber wird zum Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gewählt.

13. November 2003
Der Potsdamer Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) versichert Max Klaar: „Die Stadt Potsdam dankt allen Spendern, die für die Satzungsziele der TPG zum Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam unbeirrt von allen Diskussionen seit Jahren aktiv sind. Die Spendensammlung der TPG ist Grundstock für die Realisierbarkeit des Wiederaufbaus des Turms im ersten Schritt zum Wiederaufbau der Gesamtkirche. [...] Um Missverständnissen und Fehldeutungen vorzubeugen, muss schon der Turm als Teil der Gesamtkirche in seiner äußeren Erscheinungsform originalgetreu als Kirche errichtet werden.“

Januar 2004
Gründung der Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam e.V. Max Klaars Mitstreiter Burkhart Franck wird als Schriftführer in den Vorstand gewählt, dem er bis 2015 angehört.

Martin Vogel wird persönlicher Referent von Bischof Huber.

15. Januar 2004
Über hundert prominente Vertreter aus Politik, Kirche und Wirtschaft veröffentlichen den von der Fördergesellschaft initiierten „Ruf aus Potsdam“, der für den Wiederaufbau der gesamten Garnisonkirche als Leitbau für Potsdam appelliert. Der Bau sei am Tag von Potsdam missbraucht worden; zukünftig soll in der Kirche auch des Widerstands des 20. Juli 1944 gedacht werden. Von Lernort und Versöhnung ist nicht mehr die Rede. Der Appell ist auch von Alexander Gauland (Märkische Allgemeine) und Burckhart Franck (Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel) unterzeichnet. Matthias Platzeck (Ministerpräsident), Jörg Schönbohm (Innenminister) und Wolfgang Huber sind Schirmherren des Wiederaufbaus.

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Max Klaar (vorne links) als Vorsitzender des Verbandes deutscher Soldaten
bei der Vertreterversammlung des Verbandes im Jahr 2006.

16. Februar 2004
Nachdem der Verband deutscher Soldaten in seiner Zeitschrift Soldat im Volk den Aufsatz eines Neonazis über Adolf Hitler und den Zweiten Weltkrieg veröffentlicht hat, kündigt der Bundesminister der Verteidigung die Zusammenarbeit auf und erlässt ein Kontaktverbot. Max Klaar wird nun Vorsitzender des Verbandes bis zu seiner Auflösung 2016.

26. März 2004
Gemeinsames Gespräch von Alexander Gauland (damals MAZ), Jörg Schönbohm und Klaar zur Einbindung des Tradtionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel in der Wiederaufbauprojekt

19./20. April 2004
Die Frühjahrssynode des Kirchenkreises Potsdam beschließt, wie bereits zuvor der Traditionsgemeinschaft zugestanden, die Kirchturmspitze originalgetreu zu rekonstruieren und das Nagelkreuz neben dem wiederaufgebauten Kirchturm aufzustellen. Zudem soll die Möglichkeit des Wiederaufbaus der gesamten Kirche geprüft werden.

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Verleihung des Nagelkreuzes durch Paul Oestreicher an den Superintendenten
Hans-Ulrich Schulz. Foto: Fördergesellschaft für den Wiederaufbau
der Garnisonkirche Potsdam e.V.

20. Juli 2004
Zum 60. Jahrestag des Attentats auf Hitler erfolgt die feierliche Übergabe des Nagelkreuzes aus Coventry an das Wiederaufbauprojekt. In den folgenden Tagen spricht sich aber Innenminister Jörg Schönbohm als Schirmherr des Wiederaufbaus gegen ein „Internationales Versöhnungszentrum“ aus und warnt vor einem Auseinanderbrechen der Initiative „Ruf aus Potsdam“.

September 2004
Dr. Hans Rheinberger als Vorsitzender der Fördergesellschaft spricht auf der Jahreshauptversammlung der Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel. Er sagt für die Trägerinstitution den Namen „Stiftung Garnisonkirche Potsdam“ statt wie bislang „Stiftung Internationales Versöhnungszentrum“ zu. Ein „Internationales Versöhnungszentrum“ sei nicht mehr vorgesehen.

Februar 2005
Burkhart Franck, Klaus Gottschalk und Jörg Schönbohm verlassen die Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel, da sie den „Erfolg der Garnisonkirche eher in der Regie der Fördergesellschaft“ sehen.

10. März 2005
Ein überarbeitetes und abgeschwächtes kirchliches Nutzungskonzept wird auf der Kreissynode Potsdam vorgestellt. Die Stiftung soll nicht mehr „Internationales Versöhnungszentrum Potsdamer Garnisonkirche“ heißen, sondern „Stiftung Potsdamer Garnisonkirche - Ort der Versöhnung“. Statt einem „Internationalen Versöhnungszentrum“ ist nur noch von einem „Versöhnungszentrum“ mit geringerem Umfang die Rede. Und wie bereits der Traditionsgemeinschaft zugestanden, soll die Kirchturmspitze nun doch historisch getreu rekonstruiert werden.

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9. April 2005
Demonstration des Bündnisses gegen den Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam mit 300 Teilnehmern*innen.

14. April 2005
Symbolische Grundsteinlegung mit Ministerpräsident Matthias Platzeck, Bischof Wolfgang Huber und Minister Jörg Schönbohm zum 60. Jahrestag des Luftangriffs auf Potsdam. Bis zum 3. September wird ein Gewölbebogen errichtet. Gegner des Projektes vollziehen als Protestaktion am Tag der Grundsteinlegung eine performativ-theatralische Grabsteinlegung.

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3. September 2005
Wegen Ablehnung des kirchlichen Nutzungskonzeptes beschließt die Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel ihre Auflösung. Die evangelische Kirche hatte den geforderten Ausschluss von Kirchenasyl, Schwulensegnungen, feministischer Theologie und der Beratung von Kriegsdienstverweigern nicht zugestimmt. Die 6,7 Mio. € Spendengelder für den Wiederaufbau der Garnisonkirche gehen an die „Stiftung preußisches Kulturerbe“ und werden dort eingefroren, bis „sichergestellt ist, dass der Wiederaufbau der Garnisonkirche im Äußeren gänzlich originalgetreu dem früheren Erscheinungsbild entspricht und die Kirche dann so genutzt wird, wie es ihrer Bedeutung als Denkmal und Symbol des christlichen Preußens entspricht.“

Februar 2006
In einem Rundschreiben betont die Fördergesellschaft, dass keine Differenzen zu den Forderungen von Traditionsgemeinschaft und „Stiftung preußisches Kulturerbe“ bestehen: Es seien keine architektonischen Änderungen am Kirchenäußeren vorgesehen. Das Bauwerk solle in erster Linie als Kirche dienen. Sein Symbolwert als Wahrzeichen Preußens solle zur Beantwortung der Frage einladen, wie öffentliches Handeln aus christlichem Glauben abgeleitet werden könne und auf welche Werte (Preußische Tugenden) dabei zurückzugreifen sei. Vergangenheitsbewältigung sei nicht das Ziel.

Januar 2007
Die Fördergesellschaft übernimmt Nutzung, Betrieb und Wartung des Glockenspiels.

16. März 2006
Ministerpräsident Matthias Platzeck sagt 100.000 € aus Mitteln der Lotto-Stiftung als Gründungskapital für die kirchliche Stiftung Garnisonkirche Potsdam zu.

26. April 2006
Der Kreiskirchenrat beschließt, die Zusage einer bereits zuvor ausgesprochenen Bewilligung von 150.000 € als Gründungskapital der kirchlichen Stiftung Garnisonkirche Potsdam zu verlängern.

23. Juni 2008
Zum 40. Jahrestag der Sprengung der Ruine der Garnisonkirche wird die kirchliche Stiftung für den Wiederaufbau gegründet. Dem Kuratorium der Stiftung Garnisonkirche Potsdam gehören unter Leitung von Wolfgang Huber zwölf Mitglieder aus Kirche, Politik, Militär und Wirtschaft an.

6. September 2008
Die von Max Klaar geleitete Stiftung Preußisches Kulturerbe veranstaltet die alljährlichen Brandenburgischen Gespräche zum Thema „Symbolbedeutung der Potsdamer Garnisonkirche“. Pfarrerin Susanne Weichenhan der Kirche St. Nikolai nimmt an der Veranstaltung teil und hält, wie auch in den Folgejahren gemeinsam mit Propst Klaus-Günter Müller von St. Peter und Paul für die Mitglieder und Spender*innen in der Nikolaikirche eine Andacht.

2008
Bischof Wolfgang Huber und Ministerpräsident i.R. Manfred Stolpe sprechen mit Verteidigungsminister Dr. Franz Josef Jung, um für den Wiederaufbau Geld aus dem Verteidigungshaushalt einzuwerben. Dazu kommt es nicht. Aber die evangelische Militärseelsorge spendet 250.000 €.

14. November 2009
Markus Dröge löst Wolfgang Huber als neuer Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg- schlesische Oberlausitz (EKBO) ab.

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Auch nachdem sich Max Klaar aus dem kirchlichen Wiederaufbauprojekt zurückgezogen hat, wirbt er mit der Stiftung Preußisches Kulturerbe für das Rekonstruktionsvorhaben (Anzeige aus dem Jahr 2009)

25. Februar 2010
Die Stadt Potsdam überträgt den 1.563 qm großen Grundstücksanteil des Rechenzentrums, auf dem früher der westliche Teil des Kirchenschiffs der Garnisonkirche stand, unentgeltlich an die Stiftung Garnisonkirche Potsdam.

20. März 2010
Öffentliche Prozession mit Max Klaar, Oberbürgermeister Jann Jakobs, Pfarrerin Susanne Weichenhan und Pfarrer Matthias Mieke zum Empfang der von der Stiftung Preußisches Kulturerbe finanzierten vier neuen Glocken für die Nikolaikirche. Die Prozession führt auch am Iserlohner Glockenspiel auf der Plantage vorbei.

4. September 2010
Die Stiftung Preußisches Kulturerbe veranstaltet die Brandenburgischen Gespräche zum Thema „Deutscher Patriotismus in Europa“. Als Festredner spricht der Jurist Prof. Menno Aden, der 2014 als  Vertreter der Alternative für Deutschland (AfD) in den Stadtrat von Essen gewählt wird. Er spricht unter anderem von der Modernität des NS-Regimes und den unvergleichbaren militärischen Leistungen deutscher Soldaten in beiden Weltkriegen. Im Anschluss halten die Pfarrerin Susanne Weichenhan und Propst Müller in der Nikolaikirche eine Andacht für die Teilnehmer.

2011
Die Stiftung Garnisonkirche Potsdam erhält 2,09 Mio. € aus dem Vermögen der Parteien und Massenorganisationen (PMO) der DDR „für die Anschaffung exponierter Einzelbauteile und zur Erstellung von Planungsunterlagen“. Die ehemalige Kantine des Rechenzentrums, mittlerweile als Fahrradladen genutzt, wird bereits im Dezember 2010 abgerissen und an ihrer Stelle die Nagelkreuzkapelle aufgebaut. Die neun Meter hohe Wetterfahne der Kirchturmspitze wird originalgetreu rekonstruiert und am Rechenzentrum aufgestellt: Ein preußischer Adler fliegt der Sonne entgegen. Zudem wird eine rekonstruierte Sandsteinecke mit einer sogenannten Feuervase an der Breiten Straße aufgestellt.

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Foto: Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam e.V.

25. Juni 2011
Einweihung der temporären Nagelkreuzkapelle.

23.Dezember 2011     
Enthüllung der nachgebauten Balustrade der Garnisonkirche

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Foto: Potsdam Tourismus - Potsdam Marketing und Service GmbH

Januar 2012
Eröffnung der Ausstellung zur Geschichte und den Perspektiven des Wiederaufbaus der Garnisonkirche, erstellt vom Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte Potsdam.

Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung Wolfgang Huber stellt die Entwurfsplanung der Architekten Hilmer & Sattler und Albrecht für einen kompletten Aufbau von Turm und Kirchenschiff vor.

Ob das Iserlohner Glockenspiel von der Plantage übernommen werde, müsse geprüft werden.

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Der neu gewählte Vorstand der Fördergesellschaft mit seinem Vorsitzenden Burkhart Franck

Juni 2012
Burkhart Franck wird zum Vorsitzenden der Fördergesellschaft gewählt. Die rechtsgerichtete Preußische Allgemeine Zeitung (PAZ) gratuliert begeistert mit den Worten „Na endlich!“ und berichtet: „Nach seiner Wahl sprach er sich für eine möglichst originalgetreue Rekonstruktion des preußischsten aller Gotteshäuser aus – was war nicht alles schon an Verunstaltungen im Gespräch! –, erteilte einer Umdeutung in ein internationales Versöhnungszentrum eine Absage – ‚spielt längst keine Rolle mehr‘ – und plädierte für die ‚Versöhnung mit der eigenen deutschen Geschichte‘. Sehr richtig. Die PAZ wünscht gutes Gelingen!“

Die Stiftung Garnisonkirche beabsichtigt nunmehr auch, die vier schwingenden Glocken aus dem Jahr 1939 nachzubauen. Eine der vier Glocken war damals vom Oberkommando des Heeres für die evangelische Wehrmachtsgemeinde in Potsdam gespendet worden, eine andere vom Kreisverband Potsdam des NS-Reichskriegerbundes Kyffhäuser, welcher diese Hindenburg in soldatischer Treue gewidmet hatte.

März 2012
Auf der Synode des Kirchenkreises Potsdam wird über eine mögliche Militärseelsorge in der Garnisonkirche diskutiert, die im Prinzip befürwortet wird. Wolfgang Huber kann sich zudem vorstellen, die Kirche zu einem Ort zu machen, an dem „in einer besonderen Form an diejenigen erinnert wird, die in Bundeswehreinsätzen der neueren Zeit ums Leben gekommen sind.“

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Deutschland, Potsdam, 10.02.2013. Aktion des Kuenstlers Guenter zur Nieden gegen den Wiederaufbau der Garnizonkirche in Potsdam am 10.02.2013. [(c) Jose Giribas, Urheber Nr. 528593 VG Bild-Kunst. Perleberger Str. 27, D-10559 Bln. Tel.: +4930/3964190, Funktel.: 0171/83 76 123, Email: giriphoto@aol.com, Dresdner Bank, Kto: 0177 672 100 BLZ: 100 800 00. Foto ist honorarpflichtig und nur zur redaktionellen Verwendung, No Model Release]

11. März 2013
Beginn des Um- und Rückbaus der Breiten Straße für über 4 Mio. €., womit überhaupt erst das Grundstück für den Wiederaufbau des Kirchturms der Garnisonkirche verfügbar und bebaubar wird.

31. Juli 2013
Auf Basis des Ende 2012 gestellten Bauantrags erteilt die Stadt Potsdam die Baugenehmigung für den Wiederaufbau des Kirchturms.

Der Staat finanziert

12. August 2013
Die Bundesregierung sagt 12 Mio. € für den Wiederaufbau des Turms der Garnisonkirche als „Projekt von nationaler Bedeutung“ unter der Bedingung zu, dass die Gesamtfinanzierung gesichert ist. Zwei Monate zuvor hatte sie bereits für Planungskosten des Bauvorhabens erstmals 400.000 € bewilligt.

20. März 2014
Die Bürgerinitiative „Für ein Potsdam ohne Garnisonkirche“ startet ein Bürgerbegehren mit der Zielsetzung, dass die Stadt Potsdam alle rechtlich zulässigen Möglichkeiten nutze, um auf die Auflösung der Stiftung Garnisonkirche Potsdam hinzuwirken. In wenigen Wochen kommen mehr als die erforderlichen 13.300 Unterschriften zustande. Um den drohenden Bürgerentscheid gegen den Wiederaufbau zu verhindern, führen auf Antrag des Oberbürgermeisters die Befürworter des Wiederaufbaus durch Stimmenthaltung in einer außerordentlichen Sitzung der Stadtverordnetenversammlung am 30. Juli 2014 eine Annahme des Bürgerbegehrens herbei. Formal kommt der Oberbürgermeister dem Beschluss nach, indem er im Kuratorium der Stiftung Garnisonkirche einen Auftrag auf Auflösung stellt, der von den übrigen Mitgliedern erwartungsgemäß abgelehnt wird. Ansonsten hält die regierende Mehrheit der Stadtpolitik an der Befürwortung des Wiederaufbaus unbeirrt fest.

April 2014
Die Stiftung Preußisches Kulturerbe unter Max Klaar entscheidet sich nach der Finanzierungszusage des Bundes, die eigene Projektrücklage aufzulösen und das Geld statt der Garnisonkirche über 60 anderen Bauvorhaben, vornehmlich der evangelischen Kirche, zukommen zu lassen. Die Nikolaikirche Potsdam erhält 1,8 Mio. Euro, die katholische Kirche Peter und Paul 134.000 Euro. Von den insgesamt 7,4 Mio. Euro fließen mehr als 5 Mio. Euro in die Sanierung und den Erhalt protestantischer Kirchenbauten. Dies entspricht dem Betrag, den die evangelische Kirche kurz darauf dem Wiederaufbauprojekt als zinslosen Kredit zur Verfügung stellt. Zugleich äußert sich Klaar im Rundbrief der Stiftung tendenziell antisemitisch: „Wer eine ‚Bußstätte zum Bekenntnis deutscher Schuld‘ errichten will, folgt mosaischer Lehre.“

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Aufstellung der rekonstruierten Wetterfahne im Beisein von Bundespräsident a.D. Richard von Weizsäcker (vorne Mitte). Foto: Charlotte 25, Potsdam

10. Mai 2014
Einweihung der nachgebauten Wetterfahne und Präsentation derselben in einem Käfig aus Metallgewebe neben dem Rechenzentrum.

4. Juni 2014
Aus Protest gegen das Wiederaufbauprojekt veranstalten antifaschistische Aktivist*innen einen spätabendlichen Demokratiespaziergang, bei dem sich Teilnehmer in SA-Uniform verkleiden und Fackeln tragen. Oberbürgermeister Jann Jakobs äußert sich daraufhin empört: „Der Protest gegen den Wiederaufbau, wie wir ihn erlebt haben, ist geschmacklos und nicht akzeptabel – eine Verhöhnung der Opfer des Nationalsozialismus.“

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20. Juli 2014
Der Ratsvorsitzende der EKD Nikolaus Schneider gibt der temporären Kapelle an der Garnisonkirche zum zehnten Jahrestag der Verleihung des Nagelkreuzes den Namen „Nagelkreuzkapelle“.

1. September 2014
Kirchenmitglieder gründen die bundesweite Initiative „Christen brauchen keine Garnisonkirche“, darunter die Politikerinnen Herta Däubler-Gmelin (SPD) und Almuth Berger sowie der Pfarrer der Potsdamer Erlöserkirche, Konrad Elmer-Herzig, unterstützt von den Theologen Friedrich Schorlemmer und Heino Falcke.

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4. April 2015
Die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Potsdam beschließt nach einem mehrjährigen Prozess den Bebauungsplan „Neuer Markt/ Plantage“, der das Baurecht für den Wiederaufbau schafft.

Juni 2015
Nachdem Burkhart Franck einen Aufsatz zu „Geschichte der Mobilmachung in Preußen und Deutschland 1918-1945“ veröffentlichte hatte, worin er die „beispiellosen organisatorischen Leistungen der Wehrmacht bei der Vorbereitung, Durchführung und Fortsetzung der Mobilmachung bis zum Äußersten“ hervorhob, ohne ein kritisches Wort über die Wehrmacht zu verlieren, wird er durch den Juristen Prof. Matthias Dombert als Vorsitzender der Fördergesellschaft abgelöst. Er verbleibt als Schriftführer im Vorstand der Fördergesellschaft.

Juni 2015
Die Presse berichtet über die rechtsradikale Gesinnung von Max Klaar und seine Äußerungen, die Kriegsschuld Deutschlands am Zweiten Weltkrieg sei in Zweifel zu ziehen. Mehrere Kirchenvertreter*innen pflichten ihm bei. Der katholische Propst Klaus-Günter Müller äußert, dass der Vertrag von Versailles „nach Revanche schreit, ist doch klar“. Und die Potsdamer Generalsuperintendentin der Evangelischen Kirche Heilgard Asmus sagt: „Ich vermute, es ist zu einfach zu sagen, am 1. September '39 hat der Zweite Weltkrieg durch Deutschland begonnen, und Deutschland war ganz allein schuld, und alle anderen wollten gar keinen Krieg“. Wenige Tage später musste sie diese Position öffentlich revidieren.

September 2015
Beginn einer zunächst auf drei Jahre vorgesehenen Zwischennutzung des ehemaligen Datenverarbeitungszentrums durch Kulturschaffende und Künstler als „Kunst- und Kreativhaus Rechenzentrum“. Zwischenzeitlich wurde der Nutzungsvertrag bis Ende 2023 verlängert.

31. Oktober 2015
Tagung „Die Garnisonkirche Potsdam: Gedenkort des Versagens – ein Ort der Versöhnung?“ in Berlin-Pankow, gemeinsam veranstaltet von der Martin-Niemöller-Stiftung und der Initiative „Christen brauchen keine Garnisonkirche“.

11.November 2015
Satirische Protestaktion der BI „Potsdam ohne Garnisonkirche“ gegen ein Benefizkonzert zu Gunsten der Garnisonkirche in der russischen Botschaft in Berlin: Handschlag zwischen Wladimir Putin und Alt-Bischof Wolfgang Huber.

April 2016
Die Frühjahrssynode der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) beschließt, den Wiederaufbau der Garnisonkirche mit einem zinslosen Kredit über 3,25 Mio. Euro zu unterstützen. Diese Zusage ist verbunden mit der rechtsverbindlichen Auflage, dass keine originalgetreue Rekonstruktion des Kirchenschiffs erfolgt und ein Bruch in der Architektur erkennbar ist. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) gibt einen weiteren Kredit über 1,5 Mio. Euro. Auch der Evangelische Kirchenkreis Potsdam beschließt bei seiner Herbstsynode im November 2016 einen Kredit von 250.000 Euro. Diese drei kirchlichen Kredite ermöglichen es erst, eine Gesamtfinanzierung für den ersten Bauabschnitt des Wiederaufbaus, der Turm bis in die Höhe von 60 Metern ohne Bauschmuck, darzustellen und somit den in Aussicht gestellten Bundeszuschuss abzurufen. Zwölf Jahre nach Gründung der Fördergesellschaft stehen erst 4,01 Mio. € Spenden zur Verfügung.

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14. Juli 2016
Das Büro hutterreimann gewinnt den freiraumplanerischen Wettbewerb für die Plantage, also den an die Garnisonkirche angrenzenden Außenraum. Die Planung geht von dem Abriss des Rechenzentrums aus, aber wird bereits vorab in den anderen Bereichen umgesetzt.

August 2016
Die Bürgerinitiative für ein Potsdam ohne Garnisonkirche veröffentlicht eine Analyse der Social Media Unterstützung für den Wiederaufbau: Ein großer Teil der Online-Unterstützer*innen für das Garnisonkirchenprojekt sympathisiert mit rechtspopulistischen bis rechtsradikalen Gruppen und Ansichten.

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11. September 2016
Fernsehgottesdienst des ZDF: "Frieden lernen. Zum Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam“. Die Stadt Potsdam verbietet die Gegendemonstration. Das Verbot wird vom Gericht unter Auflagen wieder aufgehoben. In der Fernsehberichterstattung ist die Gegendemonstration gleichwohl nicht zu sehen.

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26. Oktober 2016
Presserklärung der AFD Brandenburg zur Unterstützung der Finanzierung des Wiederaufbau der Garnisonkirche durch den Bund, nachdem die Fraktion der Linken im Bundestag eine Antrag dagegen gestellt hat.

März 2017
Das Buch „Für Deutschtum und Vaterland: Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert“ von Matthias Grünzig erscheint im Metropolverlag Berlin. Dieses Buch stellt erstmals kritisch auf Grundlage ausführlicher Archivrecherchen die Geschichte der Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert dar.

18./19. März 2017
„Garnisonkirche – Welches Zeichen will die Evangelische Kirche hier setzen? Ein Zwischenruf aus Potsdam“. Unter diesem Titel findet eine gemeinsame Tagung von Martin-Niemöller-Stiftung, Initiative Christen brauchen keine Garnisonkirche und Französisch-Reformierter Gemeinde Potsdam statt.

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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (3.v.l.) am Rande einer Gesprächsrunde zum Wiederaufbau des Turms der Garnisonkirche Potsdam, im Schloss Bellevue (v.l. Paul Nolte, Vorsitzender wissenschaftlicher Beirat der Stiftung Garnisonskirche Potsdam; Matthias Platzeck, Ministerpräsident a.D.; Mike Schubert, Oberbürgermeister Potsdams).

26. Juni 2017
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier übernimmt die Schirmherrschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche als Lernort deutscher Geschichte.

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27. August 2017
Gründung des Künstlerkollektivs Komitee für Preußische Leichtigkeit (KPL) anlässlich eines Festdinners der Initiative Mitteschön auf dem Alten Markt, welches die Repreußisierung von Potsdam zelebrierte. Die Gruppe protestierte mit einer performativen Intervention als „Mundtote“, was einen Polizeieinsatz zur Folge hatte. Seit dem folgten weitere paradoxen Interventionen satirischer Aktionskunst. Das Logo wie auch viele Aktionen des KPL nehmen auf die Garnisonkirche Bezug.

29. Oktober 2017
Zum Jubiläum 500 Jahre Reformation erfolgt der Baubeginn für den Garnisonkirchenturm mit einer Veranstaltung und einem Gottesdienst. Unter den Teilnehmenden ist  Georg Friedrich Ferdinand Prinz von Preußen, seit 1994 Oberhaupt des Hauses Hohenzollern. Die Feierlichkeit wird von  Protesten begleitet wird. Mehrere Protestierende werden später wegen Gottesdienst-Störung verklagt.

Zeitnah beginn die Stiftung mit der Rekonstruktion des Waffenschmucks, welcher die Kirche einst dekorierte.

31. Oktober 2017
Aus Protest gegen den Wiederaufbau der Garnisonkirche gründet sich in Potsdam die Profilgemeinde „Die Nächsten“ als Gegenpol zur Profilgemeinde der Nagelkreuzkapelle.

21. März 2018
Zum 85. Jahrestag von Potsdam protestiert die Aktionsgruppe Lebenslaute mit Musik und einer  Blockade der Baustellenzufahrt gegen den Wiederaufbau. Die Polizei schreitet ein.

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14. April 2018
Aktion „Größte Massenversöhnung aller Zeiten“ des Komitee für Preußische Leichtigkeit. Im Aufruf heißt es: „Das große Festival der politischen Beliebigkeit. Inspiriert vom Garnisonkirchenversöhnungsallerlei bieten wir allen Menschen, die gutwillig und lebensfroh sind, die Chance, sich mit irgendwem und irgendwas zu versöhnen.“ Und: „Seit 5.45 Uhr wird zurückversöhnt“.

13. Juli 2018
Erster öffentlicher Auftritt des auf Anregung des Bundespräsidenten geschaffenen wissenschaftlichen Beirats der Stiftung Garnisonkirche Potsdam. Den Vorsitz des zehnköpfigen Gremiums übernimmt der Historiker Prof. Dr. Paul Nolte (FU Berlin).

31. Oktober 2018 
Mit 80 Thesen und einer Andacht protestieren die Profilgemeinde die Nächsten gegen den Wiederaufbau

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21. November 2018
Bei einer Podiumsdiskussion der Landeszentrale für politische Bildung in der Nagelkreuzkapelle treten die „Mundtoten“ des Komitee für Preußische Leichtigkeit als stille Zuhörer im Saal und als Mahnwache vor dem Eingang auf.

7. Februar 2019
Ableben von Jörg Schönbohm. Wolfgang Huber hält die Predigt bei der Trauerfeier im Berliner Dom.

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Vortrag von Matthias Grünzig im Rechenzentrum Potsdam, Foto: Philipp Oswalt

8./ 9. Februar 2019
Die Martin-Niemöller-Stiftung veranstaltet ein demokratisches Doppel „Geist von Weimar. Geist von Potsdam“ am Deutschen Nationaltheater Weimar und im Rechenzentrum Potsdam. Neben letzterem pflanzt sie eine junge Birke vom Ettersberg, auf dem das KZ Buchenwald lag.

Neue Kontroversen und Debatten

19. August 2019
In einem offenen Brief fordern über hundert namhafte Persönlichkeiten aus Kunst, Architektur, Denkmalpflege, Wissenschaft und Kirche sowie Kulturschaffende und zivilgesellschaftlich Engagierte Veränderungen an dem bereits begonnenen Wiederaufbauprojekt und – aufgrund seiner rechtsradikalen und militaristischen Widmungen – den Abriss des Iserlohner Glockenspiels.

5. September 2019
Der Potsdamer Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) veranlasst die Fördergesellschaft, den weiteren Betrieb des Glockenspiels abzustellen. An den folgenden Wochenenden protestieren jeweils einige Dutzend Wiederaufbauunterstützer gegen die Abstellung des Glockenspiels mit einem kirchlichen Protestsingen. Hieran beteiligen sich Mitglieder des Gemeindechors der Nikolaikirche, der CDU und der AfD. Mitglieder der Partei „Die Partei“ nehmen in satirischer Form an dem Protestsingen Teil und singen den Ärzte-Song „Schrei nach Liebe“, der ihres Erachtens auf dem Glockenspiel erklingen soll.

9. September 2019
Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) legt einen Vorschlag zum künftigen Umgang der Stadt Potsdam mit dem umstrittenen Wiederaufbau der Garnisonkirche vor. Auf dem Grundstück des geplanten Kirchenschiffs der Garnisonkirche soll eine internationale Jugendbegegnungsstätte für Bildung und Demokratie errichtet werden. Dies sei möglich ohne das Rechenzentrum abreißen zu müssen.

14. November 2019
Der Haushaltsausschuss des Bundestags beschließt, den Wiederaufbau der Garnisonkirche mit zusätzlichen Bundesmitteln in Höhe von 8,25 Mio. € zu fördern.

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21. Januar 2020
Philipp Oswalt und Steffen Schuhmann unterbreiten gemeinsam mit Studierenden der Universität Kassel und der Kunsthochschule Berlin-Weißensee einen Vorschlag, wie der Kirchturm um einen Lernort ergänzt und in seiner äußeren Erscheinung ein sichtbarer Bruch artikuliert werden kann. Zugleich soll das Rechenzentrum vollständig erhalten werden.

24. Januar 2020
Öffentliche Anhörung des Hauptausschusses der Stadtverordnetenversammlung der Stadt Potsdam zu dem Vorschlag von Oberbürgermeister Mike Schubert.

1. April 2020
Die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Postdam verabschiedet das Konzept für ein mehrstufiges Verfahren zur Klärung eines inhaltlichen und gestalterisches Konzept für den Bereich Garnisonkirche/ Rechenzentrum.

14. April 2020
Zum 75. Jahrestag des Luftangriffs auf Potsdam wird das viergeschossige Sockelgeschoss des Kirchturms als erste Bauetappe des Wiederaufbauvorhabens fertiggestellt.

April 2020
Der Bundesrechnungshof beginnt eine Sonderprüfung der öffentliche Förderung der Stiftung, wie erst im Februar 2021 öffentlich bekannt wird.

6. Mai 2020
Die Stadtverordnetenversammlung Potsdam beschließt ein zweijähriges, vierstufiges Verfahren zur Entwicklung eines inhaltlichen und gestalterischen Konzepts für den Bereich der Garnisonkirche und des Rechenzentrums. Ein CDU-Antrag zum originalgetreuen Wiederaufbau des Kirchenschiffes wird abgelehnt.

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8. Mai 2020
Zum 75. Jahrestagung der Kapitulation von Nazi-Deutschland musiziert die Musik- und Aktionsgruppe Lebenslaute als Protest gegen den Wiederaufbau der Garnisonkirche.

18. Mai 2020
Daniel Libeskind bekundet sein Interesse, gestalterische Vorschläge für die Weiterentwicklung des Projektes zu erstellen: „Die Herausforderung bestünde darin, das Kirchenschiff wiederaufzubauen und zugleich das Rechenzentrum zu erhalten. Beide Bauten hätten eine geschichtliche Bedeutung. Das Kirchenschiff solle als internationale Begegnungsstätte für Bildung und Demokratie dienen.“ Oberbürgermeister Mike Schubert und Vertreter der Stiftung Garnisonkirche reagieren hierauf positiv. Dem folgt eine kontroverse öffentliche Debatte.

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Von links nach rechts: Prof. Dr. Manfred Gailus, Prof. Dr. Michael Daxner, Prof. Dr. Micha Brumlik, Dr. Annette Leo, Dr. des. Matthias Grünzig, Anja Engel. Foto: Philipp Oswalt

26. Juni 2020
Das Projekt „Lernort Garnisonkirche“ der Martin-Niemöller-Stiftung in Kooperation mit der Universität Kassel beginnt mit der Gründung eines wissenschaftlichen Beirats und der Lancierung der Internetplattform www.lernort-garnisonkirche.de mit 37 Beiträgen. Sprecher des zehnköpfigen wissenschaftlichen Beirats sind Prof. Dr. Micha Brumlik und Dr. Annette Leo.

9. August 2020
Die Fraktionen der Grünen und der Linken im Potsdamer Stadtrat schlagen den Abriss des Iserlohner Glockenspiels und das Einschmelzen der Bronzeglocken vor. Der Erlös des Metallverkaufs soll der Kultur in der Stadt zu Gute kommen.

5. September 2020
Eröffnung des alternativen Lernorts Garnisonkirche der Martin-Niemöller-Stiftung in Kooperation mit der Universität Kassel im Kunst- und Kreativhaus Rechenzentrum Potsdam anlässlich dessen 5-jährigen Jubiläums.

Januar 2021
Es wird bekannt, dass Susan Neiman und Jerzy Marganski den wissenschaftlichen Beirat der Stiftung Garnisonkriche verlassen haben. Damit fehlen diesem interreligiöse und internationale Perspektiven.

10. Februar 2021
Das Rechercheteam des  Lernort Garnisonkirche legt auf Basis von Recherchen nach dem Informationsfreiheitsgesetz eine 24-Seitige Analyse der Förderprobleme beim Wiederaufbau des

Turms der Potsdamer Garnisonkirche vor. Bundestagsabgeordnete der Grünen und Linken fordern ein Einfrieren der Bundesförderung, bis das Prüfergebnis des Bundesrechnungshofs vorliegt.

5. März 2021
Vertreter der Stadt Potsdam, der Stiftung Garnisonkirche und der Nutzer des Kunst – und Kreativhauses Rechenzentrum unterzeichneten eine Vereinbarung für die gemeinsame Durchführung des von der Stadt initiierten Diskussions- und Entscheidungsprozess zur Zukunft des Areals. Im April beginnt der Design-Thinking-Prozess mit den Studierenden des Hasso-Plattner-Institut Potsdam.

12. März 2021
Ein offener, von Hundert prominenten Wissenschaftlern und Kulturschaffenden unterzeichnete  Brief fordert den Verzicht auf die Turmhaube.

Die Stiftung Garnisonkirche Potsdam stellt ihre Konzeption für die Dauerausstellung  unter dem Titel „Glaube, Macht und Militär“ der Presse vor.

Erstellt von Philipp Oswalt

Dibelius‘ Rückblick auf den Tag von Potsdam

Viele wollen bei Otto Dibelius Predigt zum Tag von Potsdam trotz allem auch eine widerständige Haltung erkennen, so etwa auch sein Biograf Hartmut Fritz (Otto Dibelius: Ein Kirchenmann zwischen Monarchie und Diktatur, Göttingen 1982). Er schreibt Dibelius die Auffassung zu, dass "die Kirche ... 'Widerstand' leisten, d.h. der Versuchung der politischen Vereinnahmung und Gleichmacherei widerstehen" müsse (S. 388); dass "diese Kirche um ihrer selbst und um ihres Wächteramtes willen auch einer 'nationalen Regierung' gegenüber den kirchlich gebotenen Abstand wahren und - wenn es denn sein sollte - auch den kirchlich gebotenen Widerstand entgegensetzen muss" (S. 396). Laut Fritz weise Dibelius Potsdamer Predigt "einschränkende, mahnende und in die Schranken weisende" Worte auf (S. 400), kurzum: "Dibelius hatte sich der symbolträchtigen Dramaturgie und Szenerie dieses Tages in theologischer Grundsätzlichkeit und mit dem ekklesiologischen Vorbehalt" entgegengestellt (S. 406).

Schon bei der Lektüre des Predigttextes fällt es einem schwer, dieser Einschätzung zu folgen. Dieser Eindruck bestätigt sich bei der Lektüre des Textes, den Dibelius selber eine Woche später als Rückblick auf den Tag von Potsdam in seiner wöchentlichen Kolumne im Berliner 'Evangelisches Sonntagsblatt' am 2. April 1933 veröffentlicht hat, den wir im Folgenden ungekürzt wiedergeben:

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Der Predigt von Otto Dibelius am Tag von Potsdam folgte nicht zuletzt Reichspräsident von Hindenburg

Die Wochenschau soll diesmal von der gewohnten Linie abweichen. Sie soll ein paar persönliche Erinnerungen an den 21. März festhalten, wie sie die Tagespresse nicht hat bringen können.

Mühsam hat sich der Chauffeur durch die verstopften Straßen Potsdams den Weg bis zur Sakristei der Nikolaikirche gebahnt. Es ist gerade noch Zeit, den Ornat anzulegen. Wir müssen durch die Kirche schreiten, in der die evangelischen Reichsminister schon vollzählig sitzen, während die Plätze der Abgeordneten noch große Lücken aufweisen. In wenigen Minuten soll der Reichspräsident vorfahren. Im letzten Augenblick kommen noch die Autobusse mit den Abgeordneten, die ebenfalls hatten umgeleitet werden müssen, da durch die Menschen kein Durchkommen mehr war. Und dann ist der Reichspräsident unter dem ungeheuren Jubel der Menschenmassen vorgefahren. Den Blumenstrauß nimmt er von der Tochter des Pfarrers Lahr freundlich entgegen. Dann begrüßt er den Generalsuperintendenten und den Superintendenten von Potsdam. „Gott sei dank, daß wir so weit sind!“ sagt er mit seiner tiefen Stimme zu den Geistlichen – aber doch so laut, daß auch die Umstehenden es hören – „es hat lange genug gedauert!“

Dann schreitet er langsam, von seinem Sohn und von den Geistlichen geleitet, durch den breiten Mittelgang zu seinem Sessel. Der Marschallstab wird auf ein Samtkissen neben ihn gelegt.

Der Gottesdienst geht seinen Gang. Ein unvergeßliches Bild: der greise Reichspräsident, der „Vater des Vaterlandes“, dem Gottesdienst folgend. Er liest die gedruckte Ordnung mit seinen 85 Jahren noch ohne Brille. Aber er braucht sie kaum zu lesen. Die Lieder, die gesungen werden, singt er auswendig mit.

Dann ist der Segen gesprochen. Der Reichspräsident reicht den Geistlichen die Hand und reicht sie dem Reichstagspräsidenten Göring, der in den Bänken der Abgeordneten als erster sitzt. Göring seinerseits gibt dem Generalsuperintendenten die Hand mit einem herzlichen Wort des Dankes. Dann wird der Reichspräsident hinausgeleitet. Als der Wagen unter den Heilrufen der Menge fortgefahren ist, leert sich die Kirche. Durch ein lebensgefährliches Gedränge bahnt man sich den Weg in die Garnisonkirche.

Um die Garnisonkirche war lange verhandelt worden. Man hatte zuerst daran gedacht, die parlamentarischen Verhandlungen selbst in die Kirche zu legen. Das hatte die Kirchenleitung abgelehnt. Dazu ist ein evangelisches Gotteshaus nicht da. Sie hatte dann den Vorschlag so formuliert, wie er angenommen und durchgeführt worden ist: Eröffnungsgottesdienst in der Nikolaikirche und gleichzeitig in der katholischen Kirche von Potsdam, dann ein feierlicher Staatsakt in der Garnisonkirche. Die geschäftlichen Reichstagsverhandlungen am dritten Ort.

Es hat wohl niemanden in Deutschland gegeben, der nicht hinterher diese Anordnung als die richtige anerkannt hätte.

Die Garnisonkirche hat Weihe und Würde durch die Königsgruft, in der die Särge Friedrich Wilhelms I. und Friedrichs des Großen stehen. Dann durch die alten Fahnen, die in ihr hängen. Und endlich durch das volkstümliche Glockenspiel. Als Gemeindekirche aber ist sie so unpraktisch wie alle anderen Kirchen auch, die unter dem Soldatenkönig gebaut sind: Kanzel und Altar in der Mitte der Langseite. An allen Seiten tiefe Emporen, teilweise in sich selbst abgeschlossen, so daß man einen Überblick über den Kirchenraum und über die Gemeinde von keiner Stelle aus hat. Von den fast 3000 Menschen, die an dem Staatsakt teilgenommen haben, werden nur einge allen Einzelheiten haben folgen können.

Die oberste Kirchenleitung hatte die Plätze in der alten Kaiserin-Loge unmittelbar hinter den drei Stühlen, die für den Reichspräsidenten, den Reichskanzler und den Reichstagspräsidenten gestellt waren. In der ersten Reihe der Loge saß der Kronprinz, elastisch in jeder Bewegung. Den ernsten, feierlichen Gruß des Reichspräsidenten erwiderte er mit gleicher Feierlichkeit. Und der Rede des Reichskanzlers nickte er immer wieder lebhafte Zustimmung.

Rechts und links von den drei Ehrenstühlen saßen die Reichsminister und die Reichskommissare. Hier waren sie alle beisammen, deren Namen die Zeitungen fast tätlich nennen: der Vizekanzler von Papen neben dem bayerischen General von Epp, Seldte neben Hugenberg, der kleine, jugendliche Goebbels neben der staatlichen Figur des Reichswehrministers, der Reichsinnenminister Frick und die anderen alle.

Der Domchor sang. Professor Rüdel, der scheidende Dirigent, hatte wohl nicht bedacht, daß ihm in der nüchternen, eng gedrängten Garnisonkirche die Akustik der Domkuppel nicht zu Hilfe kam. Er hätte nicht nur einen Teil seines Chors mitbringen dürfen. Ein solcher Akt von geschichtlicher Bedeutung wäre es wert gewesen, den ganzen, womöglich verstärkten Domchor zu wuchtiger Wirkung einzusetzen.

Der Reichspräsident verliest seine Begrüßungsrede. Stark und klar klingt die Stimme des alten Mannes durch den großen Raum. Dann nimmt Adolf Hitler das Wort zur Erwiderung. Würdig, ernst und eindrucksvoll sind seine Worte. Zum Schluß der Rede die Kundgebung an den Reichspräsidenten. Alles erhebt sich. Als das letzte Wort gesprochen ist, tritt Hitler von dem Pult zurück. Der Reichspräsident tut einen Schritt nach vorn und streckt ihm die Hand entgegen. Hitler ergreift sie und beugt sich tief, wie zum Kuß, über die Hand des greisen Feldmarschalls. Es ist eine Huldigung in Dank und Liebe, die jeden ergriffen hat, der sie mit ansah.

Endlich die Kranzniederlegung in der Königsgruft. Die beiden Pfarrer der Garnisonkirche öffnen das Gitter. Die Kerzen in der Gruft flammen auf. Der Reichspräsident schreitet die Stufen herunter. Dann steht er schweigend. Hinter ihm sein Sohn und sein Adjutant mit den beiden großen Kränzen. Schließlich wendet er sich und läßt sich die Kränze reichen, um sie niederzulegen. Wieder steht er wie in Erz gegossen, während die beiden Soldatengestalten hinter ihm die Hand an den Stahlhelm legen. Kein Photograph konnte dies Bild festhalten, so wie wir es vor uns hatten – ein Bild von tiefer, unvergeßlicher Feierlichkeit.

Und dann ist man wieder draußen. Dann klingt das Deutschlandlied. Die Menge jubelt immer von neuem. Die Truppen defilieren. Hinter ihnen die vaterländischen Verbände. Und schließlich findet man sich mit Mühe wieder zu seinem Wagen, um zur Reichshauptstadt zurückzufahren. Die ganze lange Chaussee entlang, bis tief nach Berlin hinein, stehen Menschen, immer wieder Menschen. Die schwarz-weiß-roten Fahnen und die Fahnen mit dem Hakenkreuz flattern – –

Gewiß: wir sind noch nicht wieder ein einiges Volk! Und die Geschichte wird nicht durch Festtage gemacht. Aber daß etwas anders geworden ist in Deutschland mußte jeder spüren, der den 21. März miterlebt hat.

Gebe Gott, daß es der Anfang zu neuer, kraftvoller glaubensstarker Zukunft sei!"

Und nach 1945? Nie hat sich Dibelius zu Worten einer Korrektur, gar dem Eingeständnis eines Fehlers durchgerungen. Im Gegenteil. In der Schlusspassage seines autobiografischen Buches "Ein Christ ist immer im Dienst. Erlebnis und Erfahrung in einer Zeitenwende" (Kreuz Verlag Stuttgart 1961) dankt er Gott: "Ich danke Dir dafür, daß durch alle Wandungen und Umbrüche der Zeit hindurch mein Leben einen geraden Gang hat gehen dürfen. Erkenntnisse und Urteile haben sich gewandelt, aber die Linie des Lebens ist dieselbe geblieben von der Jugend bis ins Alter" (S. 332). Und zum Tag von Potsdam schreibt er: "Ich habe zu dem, was ich damals gesagt habe, bis zum Schluß meines amtlichen Lebens gestanden." (S. 110).

Pfarrer Johannes Kessler (1893-1907)

Hof- und Garnisonpfarrer an der Garnisonkirche Potsdam 1893-1907, Hofprediger und Pfarrer in Dresden

„Diese Männergemeinde hat mich immer wieder verpflichtet, ein freudiges, männliches, heldisches Christentum zu predigen, schreibt Johannes Kessler[1] über die „glücklichste Periode meines Lebens“ – seine Zeit an der Garnisonkirche Potsdam – in seiner 1935 unter dem Titel „Ich schwöre mir ewige Jugend“ veröffentlichten Autobiographie.[2]

Am Ende seines Buches gibt Kessler Rechenschaft über den innersten Kern seines Verständnisses des christlichen Glaubens, ausgehend von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen. Die „großen Wohltäter, die an der Menschheit gearbeitet und sich für sie aufgeopfert haben“[3], hätten trotz „so vieler herber Enttäuschungen“ an die Menschen geglaubt, „weil sie an Gott, an die Gottesschöpfung des Menschen glaubten“.[4] „Weil sie an das Ebenbild Gottes im Menschen glaubten, das nie ganz verlorengehen kann…“ formuliert Kessler im Anschluss für sich: „…darum heißt für mich die praktische Konsequenz dieses Menschheitsglaubens: Niemanden aufgeben!“[5]

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Buchcover von Johannes Kessler: Heil Kaiser dir, Potsdam 1913

Dieser protestantische Pfarrer war in hohem Maße nationalistisch, antisemitisch, monarchistisch und militaristisch gesonnen und hat seine Gesinnung mit Energie und Kunstfertigkeit unter die Leute gebracht. Zugleich war er ein in mancherlei Hinsicht offener, kunstsinniger und hochgebildeter Bürger und Theologe. Was im ersten Augenblick als kaum vereinbarer Gegensatz erscheint, folgt nach unseren Kenntnissen durchaus einem weitverbreiteten Muster zumindest einer bis 1945 herrschenden Elite – bei genauerer Betrachtung auch über diese Jahreszahl hinaus, aber das soll nicht der Gegenstand der kritischen Betrachtung dieser Autobiographie sein.

Kritik im Jahr 2021 kann für sich in Anspruch nehmen grundsätzlich zu wissen, welche Folgen diese nationalistische, antisemitische, monarchistische und militaristische Haltung aus sich entlassen hat und sie weiß um deren Verantwortlichkeit für den Holocaust und die Gräuel zweier Weltkriege. Die Verantwortlichkeit der damals handelnden Akteure muss jedoch in den Zeitkontext eingeordnet werden. Die Haltung und Äußerungen Kesslers sollen nicht entschuldigt, wohl aber mit dem Zeitgeist korreliert werden. Vieles konnte man auch damals absehen und es gab im zeitgenössischen Diskurs durchaus andere Stimmen, die sich gegen Nationalismus, Antisemitismus, Militarismus und Sozialistenhatz wandten. Gleichwohl darf nicht übersehen werden, dass ein Mann wie Kessler sich in einer Zeitgenossenschaft und insbesondere auch in einer bürgerlichen Schicht bewegte, die extrem nationalistisch geprägt war.[6]

Kindheit und Jugend

Geboren wurde Johannes Kessler 1865 im thüringischen Dörfchen Köstritz und war somit, wie seine aus Schleiz stammenden Eltern, ein Bürger des Fürstentums Reuß jüngere Linie. Das ist deshalb erwähnenswert, weil Kessler auch mit dieser Familie alten Hochadels in gesellschaftlichen Kontakt kam[7], wie es überhaupt zu einem der Grundzüge seines Lebens gehörte, erstaunlich früh und intensiv in Kontakt zu adligen und großbürgerlichen Kreisen zu treten. In die Wiege war ihm das nicht gelegt. Sein Vater war lutherischer Pfarrer sehr konfessionalistischer Ausprägung und enger Observanz[8], dem der Sohn einen „herben Zug“ attestiert[9]. Kurz nach der Geburt von Johannes Kessler rückte der Vater aus der Diakonatsstelle in Köstritz in eine Pfarrstelle im ebenfalls thüringischen Bröckau auf, kurz nach 1871 wurde er Pfarrer in der preußischen Altmark. In dieser ländlich geprägten Umgebung wuchs Kessler auf. In seiner Autobiographie beschreibt Kessler durchaus das dörfliche Pfarrleben in seiner Beschränktheit, doch bezeichnend für seine Schilderungen auch in späteren Lebensphasen ist schon hier, dass Beobachtungen im Blick auf die soziale Lage der Menschen in seinem Umfeld keine Rolle spielen. Frömmigkeitsgeschichtlich stellt er fest, dass „…damals in den Altmärkern ein gottesfürchtiger Geist lebte“[10] und sein Vater versucht habe, „diese kirchliche Sitte zur bewussten Sittlichkeit“[11] und „das äußerliche Kirchentum zu innerlichem Christentum zu veredeln“.[12] Für seine spätere Predigttätigkeit nahm er mit: „Was der einfache Mensch versteht, ist auch für den Gebildeten das Richtige – nicht umgekehrt!“[13]. Seine letzten Schuljahre verbrachte Kessler in einer von Friedrich Wilhelm IV 1851 gegründeten christlichen, stark pietistisch geprägten Schule – das noch heute existierende Evangelisch Stiftische Gymnasium Gütersloh, von Kessler noch „Johanneum“ genannt. Der Entschluss zur Gründung war im Revolutionsjahr 1848 gefasst worden; Kessler begleitet seinen Bericht dazu mit den Worten: „In erschreckendem Maße wuchs die Entfremdung des Volkes von Religion und Moral, es brachen aber auch Heilquellen zur Gesundung des Volkes auf.“[14] Zusammenfassend stellt Kessler im Blick auf seine Kindheit und Jugend als Schattenseiten eine große Ärmlichkeit und Enge und im Johanneum eine große Strenge fest.[15]

Studium

Sein Theologiestudium verbrachte Kessler zunächst in Leipzig und dann in Berlin. In Leipzig fand er bei seiner Großtante Unterkunft. Diese lebte offensichtlich in großbürgerlichen Verhältnissen und hier begegnete der Junge vom Lande gleich in den ersten Monaten seines Studiums im größeren Familienumkreis z.B. Mitgliedern der Familien Brockhaus, Breitkopf, Baedeker u.a.[16] Vor allem begegnete er der Welt der Musik und begann, diese für sich zu erschließen. Leipzig, so beschreibt Kessler, habe in den 70er und 80er Jahren des 19. Jahrhunderts die „Führerschaft auf dem Gebiet der Musik“ gehabt und sei auf diesem Gebiet wichtiger als Berlin, München oder Dresden gewesen[17]. Kessler berichtet von zahlreichen unterschiedlichen Begegnungen mit Orgel, Thomanerchor und Aufführungen in Kirchen, Konzertsälen und Theatern; die Studenten meldeten sich als Statisten, um hier Zugang zu finden. U.a. begegnete er Johannes Brahms persönlich sowie einer ganzen Reihe von weltberühmten Musikern und Komponisten; die Berichte von solchen und ähnlichen persönlichen Begegnungen durchziehen Kesslers gesamte Autobiographie und entbehren natürlich auch nicht einer gewissen Eitelkeit. Sie machen aber neben anderen Begebenheiten deutlich, dass dieser Junge vom Lande aus ärmlichen und engen Verhältnissen plötzlich in eine Welt des Großbürgertums katapultiert worden war und es ihm offensichtlich gelang, sich hier zurecht zu finden. Zu welch einer Steigerung des Selbstbewusstseins mag ein solcher Aufstieg und Szenenwechsel für den Charakter und die Selbstwahrnehmung eines jungen Menschen geführt haben?!

Kessler wollte Musik nicht nur hören, sondern er wollte selbst musizieren. Als Kind und Jugendlicher hatte er sich das Klavierspielen autodidaktisch bis zu einer gewissen Fähigkeit, Choräle u.ä. zu spielen, beigebracht. Schon in Gütersloh aber hatte ihn das Cello begeistert und er hatte viel Zeit bei einem Cellisten verbracht, der ihm auch die Anfangsgründe der Beherrschung dieses Instruments beigebracht hatte. In Leipzig hatte er nunmehr die Gelegenheit, bei einem hervorragenden Cellisten des Gewandhaus-Orchesters Unterricht zu nehmen und bald auch Mitglied eines Orchesters zu werden. Das Cellospiel hat ihm wiederum im Lauf seines Lebens viele Türen zu gesellschaftlichen Begegnungen geöffnet, wie Kessler nicht müde wird zu beschreiben. Sein Enthusiasmus für die Musik war so groß, dass er eine Zeit lang überlegt, das Theologiestudium für die Musik an den Nagel zu hängen.

Es war Kesslers Vater gewesen, der ihm empfohlen hatte, in Leipzig das Theologiestudium aufzunehmen. Hintergrund dieses Vorschlags war, dass dort strenge Lutheraner wie z.B. Kahnis und Luthardt lehrten, auch der Alttestamentler Delitzsch gehörte für den Vater zu dieser Riege.[18] Kessler aber war von diesen Theologen enttäuscht, u.a. weil „sie … eine theologische Richtung (vertraten), die sich bewußt oder unbewußt den gesicherten Resultaten moderner Forschung verschloß“[19]. Er aber suchte Lehrer, die „…für die neuzeitlichen Probleme vorbereiten(de) und rüsten(de) Führer“ sein konnten.[20] Immer wieder begegnet man in Kesslers Werk der rundweg positiv konnotierten Figur des „Führers“; eine solche Haltung bereitet den Boden für autoritäre Führung und dann auch einen „Führerkult“. Aber deutlich wird an diesem Zitat auch, wie sehr Kessler sich von der Vaterfigur absetzen wollte und Orientierung bei den damals wissenschaftlich fortschrittlichsten liberalen Theologen suchte. Daher besorgte Kessler sich noch in Leipzig die neuesten Erscheinungen der Werke von Julius Wellhausen, Bernhard Weiß, Adolf Harnack und Albrecht Ritschl.[21] Es bleibt auch in den nächsten Jahrzehnten so, dass Kessler sich selbst als theologisch „liberal“, als begeisterter Anhänger Harnacks versteht, aber einen „positiven Standpunkt“ einnehme.[22]

Den Wechsel nach Berlin, seit wenigen Jahren Reichshauptstadt und „…im Begriff, auf fast allen Gebieten sich zur Weltstadt zu entwickeln“[23], bedeutete einen weiteren Sprung in der Biographie Kesslers, den der Stil und die Umgangsformen des Adels und der Glanz der Monarchie tief beeindruckten. „Es war die Zeit, in der der ehrwürdige Kaiser Wilhelm I., von seinem Volk umjubelt, im offenen Wagen die Linden entlangfuhr, da man dem eisernen Kanzler auf dem Weg zum Reichstag …“ und anschließend Moltke begegnete.[24] In der begeisterten Beschreibung Kaiser Wilhelms I. und des Wechsels der Schlosswache „mit klingendem Spiel“[25] wird offensichtlich, dass Kessler dem monarchistischen Schauspiel und schönem militärischen Schein vollkommen verfallen war.

Eine Weichenstellung zu einem extremen Nationalismus und Antisemitismus in den wissenschaftlichen Begegnungen Kesslers bildet seine Begeisterung für Heinrich von Treitschke, den er als „geistesmächtigen Herold des Preußentums“ apostrophiert[26], „…der Preußens Größe uns wie ein Prophet gedeutet und Preußens Geist uns eingeimpft hat…“[27] Bekanntlich vertrat Treitschke ein extrem nationalistisches und antisemitisch gefärbtes Preußenbild. 1879 löste ein Aufsatz Treitschkes in den Preußischen Jahrbüchern unter dem Titel „Unsere Aussichten“[28] den heute so genannten „Berliner Antisemitismusstreit“ aus. Zwar wendet Treitschke sich dagegen, die Judenemanzipation zurückzunehmen, doch findet sich in dem genannten Aufsatz das später von der nationalsozialistischen antisemitischen Wochenzeitung Der Stürmer vielfach genutzte Schlagwort „Die Juden sind unser Unglück“.[29]

Kessler hörte mit großer Begeisterung auch den ebenfalls hoch anerkannten in Berlin lehrenden Althistoriker Theodor Mommsen, mit dem er in Rom bei seiner ersten Italienreise „unter einem Dache“[30] wohnte, dem er als Prinzenerzieher einige Male bei gesellschaftlichen Anlässen begegnet war und mit dem spazieren zu gehen er in Rom die Gelegenheit nutzte. Kessler lässt sich über die wissenschaftlichen Fähigkeiten und Verdienste Mommsens sehr lobend aus[31], kritisiert dann aber: Mommsen „verkannte die Größe Bismarcks“ und „unterschätzte die Gefahr der Sozialdemokratie“…, die „Eifersucht Albions“ und den „Rachegeist Frankreichs“[32]. Bezeichnend ist, dass Kessler seine Auffassungen an denen eines v. Treitschke ausrichtet, nicht aber an Mommsen, der den Aufsatz Treitschkes zusammen mit anderen Wissenschaftlern sehr heftig kritisierte.[33] Immerhin hatte sich auch Kronprinz Friedrich zwischen 1879 und 1881 mehrfach öffentlich über die von Treitschke verbreiteten Ansichten empört gezeigt[34]. Selbst wenn es richtig ist, dass Menschen auch vom Zeitgeist geprägt werden, gibt es immer auch Alternativen, die in diesem Fall im direkten Umfeld Kesslers zu greifen waren und die er bewusst verwarf!

Die in Leipzig begonnene Teilnahme am gesellschaftlichen Leben in großbürgerlichen Salons setzte sich in Berlin und im Übrigen im ganzen weiteren Leben Kesslers fort,[35] wie er am Beispiel der Abende im Hause Flinsch[36] während seiner Studienzeit schildert, wo er vor allem wichtigen Figuren der Berliner Kunst- und Musikszene begegnet.

Im Studium in Berlin nimmt Kessler viele Gelehrte wahr und lobt die moderne vorurteilslose Wissenschaftlichkeit der Professoren an der theologischen Fakultät.[37] In besonderer Weise hebt er Adolf Harnack vor, dessen Wahrheitssuche, seine offene, kritische und freie Forschung jenseits eines engen Konfessionalismus sowie seine Anleitung zu eigenem Denken und Forschen.[38] Dass Kessler seine persönlichen Begegnungen mit Harnack ins rechte Licht stellt, konnte natürlich nicht ausbleiben: „Ich schätze es als einen besonderen Vorzug, daß ich nicht nur, wie viele Tausende von Studenten, zu seinen Füßen gesessen, sondern auch als Gast in seinem Hause verkehren und in mehrfachen Besprechungen Harnack persönlich nahetreten konnte“[39]. Der noch vor dem Ersten Weltkrieg u.a. in Berlin studierende Karl Barth war ebenfalls ein begeisterter Anhänger Harnacks; Barth aber wandte sich entsetzt von ihm wie von der gesamten liberalen Theologie ab wegen deren unterstützender Haltung der deutschen Kriegspolitik zu Beginn des Ersten Weltkriegs. Kessler beschreibt, dass Harnack nach dem Krieg von konservativen Kreisen vorgeworfen worden war, „…daß er, der besondere Vertrauensmann des Kaisers, mit fliegenden Fahnen in das Lager der neuen Machthaber übergegangen sei“[40] und interpretiert, dass diejenigen, die Harnack kannten, „…ihm nie eine solche charakterlose Gesinnungsschwenkung zugetraut“ hätten.[41] Pragmatisch begründet er Harnacks Haltung damit, dass dieser um der Wissenschaft willen auch den „neuen Staatsgewalten“ seine Dienste nicht versagt habe[42]. Ganz deutlich erhellt daraus, dass Kessler offensichtlich zeitlebens bei seiner monarchistischen und allem Demokratischen abholden Haltung blieb und keine andere Weichenstellung – wie etwa die Karl Barths – auch nur im Entferntesten in Erwägung zog.

Nicht nur Männer der Wissenschaft – es waren alles Männer, die Kessler beschreibt – sondern auch Kirchenmänner prägen Kessler. U.a. beschreibt er Begegnungen mit dem Hofprediger und Militäroberpfarrer des kaiserlichen Gardekorps Emil Frommel und dem Hofprediger Stoecker.[43] Frommel wurde später sein Schwiegervater, so dass Kessler auch familiär der Garnisonkirche verbunden blieb.

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Cover und Buchrücken der Autobiografie von Johannes Kessler: Ich schwöre mir ewige Jugend, Leipzig 1935

Exkurs Adolf Stoecker

In Stoeckers[44] Christlich-Soziale Partei trat Kessler ein[45] und teilte dessen heftigen Antisemitismus. Da Stoecker einen großen Einfluss auch auf Kessler ausübte, sei seine Rolle hier kurz geschildert. Kessler führt seine eigene antisemitische Haltung kaum einmal aus, sondern versteckt sich z.B. hinter der zustimmenden Schilderung einer Szene während eines Vortrages Stoeckers zum Thema „Braucht Berlin ein Heine-Denkmal?“,[46] von der er scheinbar berichtet, um Stoeckers Schlagfertigkeit zu bebildern: „Plötzlich rief er: ‚Ich bitte die aufzustehen, die für ein Heine-Denkmal sind.‘ Ein Tisch mit jüdischen Literaten erhob sich. Da rief Stoecker: ‚Meine Herrschaften, da steht das Heine-Denkmal.‘ Und wie ein Taschenmesser klappte das Denkmal zusammen“.[47]

Stoecker war ein großer Agitator, der trotz seines politischen Scheiterns den deutschen Protestantismus stark beeinflusst hatte – bis in die ersten Jahre der Bundesrepublik hinein.[48] Im Interesse einer breiten Volksmission, nationalkonservativ und patriarchalisch fundiert, scheute Stoecker sich nicht, äußerst aggressiv gegen „das Judentum“ zu Felde zu ziehen. „Der Protestantismus wurde durch ihn einseitig festgelegt und antisemitisch infiziert.“[49] Viele Protestanten kämpften unter dem Einfluss Stoeckers „zielbewußt oder unreflektiert… gegen Juden, Sozialisten und liberale Demokraten. Der Parteien- und Verbandsantisemitismus hat sich in der Folgezeit vornehmlich aus den evangelischen Bevölkerungsschichten des Reichs rekrutiert“.[50] Born merkt kurz und akzentuiert an: „Mit Stoecker kam der Antisemitismus in die deutsche Politik.“[51] Das wiegt schwer, auch wenn Stoecker sich 1879 vom Rassenhass distanzierte und gleichwohl scharf das „moderne Judentum“ angriff[52]. „Gerade im Gefolge von Stoeckers Wirken erschien es als undenkbar, daß ein wahrer evangelischer Christ anderswo als rechts stehen könnte… Die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) profitierte erheblich von dieser Überzeugung, gerade durch den Kreis der Anhänger Stoeckers; aber auch in der Christlich-Demokratischen Union (CDU) spielte diese Einstellung, zumal in der Anfangsphase der Bundesrepublik, eine außerordentlich wichtige Rolle“.[53] „Stoecker schrieb 1895 in seiner autobiographischen Skizze ‚13 Jahre Hofprediger und Politiker‘…: ‚Berlin fand ich in den Händen des kirchenfeindlichen Fortschritts und der gottfeindlichen Sozialdemokratie; das Judentum herrschte in beiden Parteien. Die Reichshauptstadt war in Gefahr, entchristlicht und entdeutscht zu werden… Es schien, als wäre der große Krieg geführt, damit das Judentum Herr von Berlin sei“.[54] „Für ihn (i.e. Stoecker) stand fest, daß ‚Fortschritt und Judentum in religiöser wie in sozialer und politischer Beziehung die Demokratisierung und Sozialdemokratisierung von Berlin verschuldet haben‘“.[55]

Stoecker war bedeutsam für die Übernahme solcher Einstellungen in der Evangelischen Kirche. Er entwickelte seine Anschauungen jedoch in einem Umfeld einer neuen antisemitischen Welle: „Deutschland erlebte im ersten Jahrzehnt nach der Reichsgründung eine neue Art von Judenfeindschaft, die sich von früheren Bekundungen von Judenhass unterschied. Der traditionelle Antijudaismus sah in den Juden vor allem die ‚Gottesmörder‘, denen die Kreuzigung Christi angelastet wurde“.[56] Genau diese Form des Judenhasses finden wir auch bei Kessler; sie bildet durchaus auch eine Prädisposition für den neuen, rassistischen Antisemitismus: „Der alte religiöse Antijudaismus starb in den siebziger Jahren nicht ab. Er floss vielmehr in den ‚modernen Antisemitismus‘ mit ein, der nur insofern ‚modern‘ war, als er sich gegen das moderne, emanzipierte Judentum richtete…“[57] Die große Wirtschaftskrise der Jahre 1873 bis 1878/79, beginnend mit dem Zusammenbruch der Wiener Börse 1873[58], wurde dem damaligen Wirtschaftsliberalismus angelastet. In diesem Zusammenhang wurde gegen die Juden und das „internationale Börsenkapital“ agitiert[59], die angeblich dieses Börsenkapital beherrschten. „Mit der Wirtschaftskrise von 1873 endete jene kurze, alles in allem judenfreundliche Zeit, die mit dem Aufschwung der liberalen Bewegung um 1859 begonnen hatte“[60]. Die antisemitische Argumentationslinie reichte bis in die katholische Kirche hinein, wo der durch sein soziales Engagement weithin bekannte Bischof von Mainz, Wilhelm von Ketteler, den Kulturkampf als eine „‘freimaurerisch-jüdisch-liberale Verschwörung‘ gegen die katholische Kirche wertete“.[61]

Von Stoecker schreibt Kessler, dass er sein Leben sehr stark beeinflusst habe.[62] Stoecker habe begeisternd gepredigt und habe dabei „die Politik völlig ausgeschaltet“[63], obwohl er Politiker war, Reichstags- und Landtagsabgeordneter und Gründer der Christlich-Sozialen Partei. Als Politiker nahm Stoecker eine Außenseiterposition wahr und scheiterte schließlich. Bemerkenswert ist vor allem vor dem Hintergrund, dass Kessler die starke Beeinflussung durch Stoecker so hervorhebt. Stoeckers Verbindung von sozialem Programm mit scharfem Antisemitismus und Gegnerschaft zur Sozialdemokratie sieht Kessler klar – und voll zustimmend! „Welches waren nun die eigentlichen zerstörenden Mächte? Er (i.e. Stoecker) erkannte immer klarer: der kirchenfeindliche Fortschritt und die gottfeindliche Sozialdemokratie, und hinter beiden als beherrschende Macht das Judentum“.[64] Nach Stoeckers Sturz und Tod notiert Kessler, dass sich seine „Mahnung zur sozialen Verantwortlichkeit in Staat und Kirche durchgesetzt“ habe[65]. Dies ist eine der äußerst rar gesäten Stellen, an denen Kessler die soziale Frage im ausgehenden 19. Jahrhundert in seiner über 350 Seiten starken Autobiographie wenigstens erwähnt. Allerdings schwimmt er auch in dieser Hinsicht wie der Fisch im Wasser: Darin, dass die soziale Frage über Seelsorge und Caritas nicht Sache der Kirche sei, ist man sich weithin einig. Die Antwort auf die soziale Frage gebe die Kirche durch Seelsorge und Predigt, so der lutherische Abt des Klosters Loccum 1887.[66] Auch die Elemente des extremen Nationalismus und des Antisemitismus teilt Kessler zumindest mit sehr breiten bürgerlichen und kleinbürgerlichen Schichten des deutschen Protestantismus. Diese verhängnisvolle Disposition bleibt dominant bis mindestens in die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein, eher noch bis zu den Umbrüchen ab Mitte der sechziger Jahre hin.

Man findet jenseits der vielsagenden Anekdote zu Stoecker und dem Heine-Denkmal keine eigenständige antisemitische Argumentation Kesslers! Kessler begründet nicht, sondern schließt sich kritiklos antisemitischen Idolen an (Treitschke, Stoecker u.a.) und bewegt sich damit in der Mitte eines bürgerlichen Mainstreams. Allerdings findet man z.B. in einer seiner Kriegspredigten[67] eine lupenreine antijudaistische Argumentation, die man als Grundlage seiner antisemitischen Haltung werten muss. In seiner Predigt am Sonntag Oculi „Der schwerste Kampf – der größte Sieg“ am 7. März 1915[68] findet sich in dem Vorwurf gegen das jüdische Volk als Christusmörder ein seit Jahrhunderten – und nicht zuletzt seit Luthers antijüdischen Exzessen – bekannter, scheinbar theologisch begründeter Antijudaismus in Verschränkung mit heftiger Kritik an England, für die Kessler eine deutsch-englische Zeugin bemüht. Kessler predigt über das Thema „Versuchungen“. „Und der dritte Feind, der furchtbarste – die Sünde der Welt. Fühlen wir doch, was es für Jesum bedeutet: Israel verwirft seinen Messias. Das auserwählte Volk, an das Gott seine höchsten Gnaden gewendet, für das Jesus drei Jahre lang in unermüdlicher Liebe sich verzehrt, dies Volk stand im Begriff, seinen Retter zu erwürgen. Furchtbarste Freveltat, die je geschehen! Grausiger Gipfelpunkt menschlicher Sünde! Wir verachten dies Volk, wir verabscheuen es, hassen es vielleicht – aber Jesus konnte das nicht, er konnte nicht Trotz gegen Trotz, Haß gegen Haß stellen, er mußte dies gemeine Volk in tiefster Seele bemitleiden – warum? – weil er es liebte, mit der ganzen heiligen Glut seiner Seele liebte. Und wie unsagbar mußte diese Liebe nun leiden! Eine Deutsch-Engländerin schreibt mir in diesen Wochen, sie habe in ihrem Leben viel Schweres durchgemacht, Mann und Kinder begraben, aber das Allerschwerste, das, woran ihr Herz sich verbluten möchte, das sei die Sünde ihres Volkes, die Schmach, die England jetzt auf sich häufte; an ihrem eigenen Volke irre werden zu müssen, das möchte ihr das Herz brechen“.[69] Neben der Gefolgschaft zu antisemitischen Idolen bildet Kesslers theologischer Antijudaismus die entscheidende Grundlage für seinen Antisemitismus. Damit wurde er, wie viele andere seines Schlages, zum Wegbereiter von Auschwitz.

Immer wieder erwies sich auch die Begeisterung für die Musik und die Tatsache, dass Kessler offenbar leidlich Cello spielte, als ein Schlüssel für gesellschaftlichen Aufstieg und Karriere: Oberhofprediger Kögel, den Kessler „gleichsam… als evangelischen Papst“ apostrophiert,[70] lernte er dadurch kennen, dass er auf dessen Bitten kurzfristig und zu für ihn ungelegenem Zeitpunkt die Cellostimme im Stadtmissionskonzert[71] übernahm. Durch diese Bekanntschaft kam Kessler kurz später im Domkandidatenstift unter, wurde Hauslehrer im Gräflich Harrachschen Haus, erhielt ein Schleiermacher-Stipendium und wurde bald auf Kögels Empfehlung hin Erzieher der Kaisersöhne.

1887 macht Kessler sein erstes theologisches Examen und tritt seine erste Hauslehrerstellung an. In die Reihe der kunstsinnigen Begebenheiten reiht sich die Italienreise Kesslers ein, die er mithilfe des Schleiermacher-Stipendiums unternehmen kann und die ihn vor allem mit bildender Kunst und Malerei in Kontakt bringt[72]. Auf der Suche nach noch unbekannten Exemplaren der Acta Martyrum, die als wissenschaftlicher Auftrag mit der Italienreise verbunden war, kam Kessler u.a. auch in Kontakt mit dem mönchischen Leben in der Abtei der Benediktiner auf dem Monte Cassino.[73] Hier wie später in Gesprächen mit katholischen oder auch islamischen Theologen[74] zeigte Kessler sich als offen und interessiert an Leben und Denken der fremden Konfession ebenso wie der fremden Religion. Bei einer späteren Italienreise wird ihm die Ehre zuteil, mit Papst Pius XI persönlich in Castel Gandolfo sprechen zu können. Am Ende seines Berichtes zu diesem Erlebnis wird deutlich, dass Kessler eine „… Communio sanctorum von der Gemeinschaft der Glaubenden auch in verschiedenen Kirchengebilden“ vorschwebte.[75]

In die Zeit der ersten Italienreise als junger Mann fällt seine Ernennung zum „Zivilerzieher der kaiserlichen Prinzensöhne“, zum Prinzenerzieher.[76] Kessler berichtet, Kaiserin Auguste Viktoria habe für diese Aufgabe einen Theologen (statt eines Philologen) gewünscht. Einleitend zu dieser Lebensstation bekennt Kessler: „Die ganze militärisch-patriotische Umwelt Berlins hatten die Bewunderung und Verehrung für das Kaiserhaus in mir erweckt“[77]. Vier Jahre lang war Kessler Hauslehrer der beiden ältesten Söhne des Kaiserpaars, Wilhelm und Eitel Friedrich. Insgesamt war er 18 Jahre lang durch seine Funktionen in der kaiserlichen Familie und an der Garnisonkirche der kaiserlichen Familie persönlich verbunden. 1893 wurde er mit achtundzwanzig Jahren als Garnisonprediger nach Potsdam berufen und erhielt zusätzlich am 21. Mai 1898 den Titel eines Hofpredigers. Auf diese Weise blieb er zunächst noch gleichzeitig Erzieher der Kaisersöhne und nahm die Stelle in Potsdam wahr. Praktisch gleichzeitig mit der Übernahme der Stelle an der Garnisonkirche heiratet Kessler die Tochter des Garnisonpredigers Frommel. Diese Stellung behielt er bis 1907 bei und war dann von 1908 bis 1933 als Gemeindepfarrer an der Lukaskirche zu Dresden tätig.

Aus seinen Jahren am Hof in Berlin berichtet Kessler begeistert u.a. von Begegnungen mit Bismarck[78], Moltke[79] und Menzel.[80]

An der Potsdamer Garnisonkirche

An der Potsdamer Garnisonkirche gab es eine (kleine) Zivil- und eine (große und mit dem Militär immer größer werdende) militärische Gemeinde. Kessler war für letztere zuständig und damit „Soldatenpfarrer“ für das „1. Garde-Regiment zu Fuß“. Das brachte u.a. mit sich, dass Gläubige verschiedener Konfessionen und Religionen die Gottesdienste besuchten.

Mit Zustimmung und Begeisterung beschreibt Kessler die militärischen Epitheta ornantia dieser damals 200 Jahre alten Garnisonkirche: „Die strahlende Sonne und der zur Sonne fliegende Adler mit der Devise ‚nec soli cedit‘ ( = „Nicht (einmal) der Sonne weicht er“, erg. TP) an Kanzel, Orgel und auf der Helmstange des Turmes sind das kühne Symbol des Preußentums[81]. Die Fahnen und Standarten rings an den Pfeilern, die seit den Freiheitskriegen unsere braven Truppen geführt und zum Teil – die goldenen Kreuze bezeichnen es – mit stürmender Hand genommen haben, sind die Sinnbilder des Soldatentums. So wird diese älteste, denkwürdige Garnisonkirche gleich äußerlich als Preußens Soldatenkirche gekennzeichnet“.[82]

Kessler lobt sich sehr dafür, Zeit und Energie in den Besuch der einfachen Soldaten in ihren Kasernen gesteckt zu haben.[83] Mag man ihm die Tatsache solcher Besuchstätigkeit noch anrechnen, wendet man sich mit Grausen bei den Themen, die Kessler mit den Soldaten bespricht, wie z.B. folgenden: „Die Wahlsprüche der Hohenzollern“, „berühmte Feldherrn“, „historische Stätten“, „soldatische Tugenden“, „Fahneneid“ usw.[84] Wie schon andere urteilten, kann man nur bestätigen, dass es sich hier um die Fortsetzung der militärischen Ertüchtigung und der Stärkung soldatischer „Tugenden“ mit anderen Mitteln handelte. Einzig das Thema „Selbstmord“ fällt etwas aus der Reihe: Noch in Dresden eckte Kessler als Gemeindepfarrer bei den vorgesetzten Kirchenbehörden damit an, dass er auch Selbstmörder kirchlich bestattete.[85]

Dass er aufgrund seiner Erfahrung bei Hofe guten Zugang zum Offizierskasino hatte, glaubt man ihm gerne; das ist einerseits soziologisch nicht weiter verwunderlich – auch wenn es offenbar Kollegen gab, denen dieser Umgang wohl schwerfiel[86] – lässt andererseits aber offen zutage treten, dass dieser Militärpfarrer wie vermutlich die meisten, wenn nicht gar alle seiner Kollegen eher auf der Seite des Offizierskorps als bei den Mannschaften zu finden waren.

Immer wieder trifft man auf geradezu groteske Diskrepanzen zwischen der (Selbst)-Wahrnehmung Kesslers und den auch in seiner eigenen Autobiographie wahrzunehmenden gesellschaftlich-politischen Wirklichkeit. Die beschriebene Begeisterung für die Symbole siegreicher Kriegsführung (u.a. in der Garnisonkirche) oder Kesslers begeisterte Beschreibung Admiral Scheers als „Führernatur“, der in der Skagerrak-Schlacht gezeigt habe, dass „Albion“ nicht unbesiegbar sei, wie Kessler es ausgesprochen hetzerisch und propagandistisch darstellt[87] – all das lässt sich nicht damit in Einklang bringen, dass Kessler keinerlei „Potsdamer Militarismus“ noch „Kriegshetzerei“ oder „Kriegslüsternheit“ erlebt haben will[88]. Über viele Seiten[89] lobt Kessler Generalfeldmarschall Mackensen – nach dem Ersten Weltkrieg – für seinen „unerschütterlichen Glauben an „deutsche Größe“ und „deutsche Kraft“ und „die sichere Hoffnung des endlichen Sieges“ über allen Klee und dafür, dass er den „deutschen Wehrwillen“ gestärkt habe.[90] Bei der Beschreibung dieses später von den Nationalsozialisten für ihre Propaganda sich benutzen lassenden militärischen Führers zitiert Kessler einen Wahlspruch Mackensens: „Gott vertrauen und der eigenen Kraft“[91]! Diese völlig unbiblische Maxime dürfte der Kern der „Koppelschlosstheologie“ des „Gott mit uns“ sein, die bei Kessler immer wieder begegnet, nicht zuletzt in seinen Kriegspredigten.

Exkurs: Verabschiedung des deutschen Expeditionschors zur Niederschlagung des „Boxeraufstands“

Schon im Jahr 1900 erweist Keßler sich anlässlich seiner Predigt in der Garnisonkirche zur Verabschiedung des deutschen Expeditionskorps[91a] zur Niederschlagung des sog. „Boxeraufstands“[91b] in China als hemmungsloser Kriegsprediger. Während Keßler in seinen späteren Kriegspredigten während des Ersten Weltkriegs immer wieder das Motiv des Verteidigungskrieges heranzog – und damit der Lehre vom „Gerechten Krieg“ entsprechend den Krieg für die deutsche Seite zu legitimieren suchte – haben wir es hier mit einem Truppeneinsatz in einem überseeischen Kolonialgebiet[91c] zu tun. Gemäß dem Bericht des Potsdamer Intelligenzblattes Nr. 173 vom 26. Juli 1900[91d] spricht Keßler in seiner Eigenschaft als Hof- und Garnisonpfarrer die „letzten seelsorgerischen Worte auf heimathlichem Boden“[91e]. Als biblische Parole für die ausziehenden Truppen gibt er aus: „Wachet im Hause, seid männlich und stark!“[91f] Dieses Wort soll eine „große starke Parole“ sein, die den Soldaten „den Tod für das Vaterland erleichtert und versüßt!“[91g].  Offenbar unter Bezug auf den Mord aufständischer Chinesen an dem deutschen Gesandten v. Ketteler bezeichnet er diese als „feige Meuchelmörder“ und andressiert die Soldaten: „Ihr sollt die gepanzerte Faust sein, die hineinfährt unter die feigen Meuchelmörder. Der tausendjährige Kampf zwischen Morgen- und Abendland ist wieder ausgebrochen, es gilt nicht nur die Glieder der Kultur, sondern auch den europäischen Handel, die Fahne, die über unseren Kolonien schwebt, zu schützen! Völker Europas, wahret die heiligen Güter. Ihr seid aber auch die Streiter Gottes, die nicht ruhen dürfen, bis sein heiliges Wort für alle gilt. Nicht Friede darf werden auf Erden, bis das heilige Evangelium der Glaube aller Völker ist. Ihr seid die Pioniere des gekreuzigten Heilands! Darum Hand an das Schwert! … Es schaut auf euch der heilige Gott“[91h] (Hervorh. i. Orig.). Die Predigt endet mit den Worten: „Geht mit Gott, kämpft mit Gott, siegt mit Gott! Amen!“ Eine kleine Ironie der Geschichte, dass die deutschen Truppen zu spät in China eintrafen, weil Russen und Japaner das Gesandschaftsviertel in Peking schon entsetzt hatten und den Deutschen so das Kampfgetümmel erspart blieb.

Zu Recht urteilt Linke: „Das klingt nach heiligem Krieg“[91i] und fügt mit einem Zitat aus Keßlers Predigt an: „Und die obligatorische Belohnung wurde auch versprochen: ‚Seid männlich und seid stark, wenn es hinein geht in die Schlacht. Seid männlich und stark, wenn die Kugeln um euch sausen, und seid männlich und stark, wenn der Tod einst naht, denn ihr werdet dann die Krone des Lebens empfangen‘“[91k].

Dem Neuen Testament und der Botschaft Jesu entgegengesetzt leitet schon der Autor des Artikels im Intelligenzblatt mit einem Rachemotiv ein: „Nun ziehen sie hinaus, unserer wackeren Söhne des Vaterlandes, zu rächen die unerhörte Schmach, die im fernen Osten unserem Deutschthum von frechen Bubenhänden zugefügt wurde…“

Keßler weckt ungeniert und gänzlich unbiblisch eine Kreuzzugsstimmung, am klarsten in der Formulierung „Ihr seid die Pioniere des gekreuzigten Heilands! Darum Hand an das Schwert…“. Damit reiht er sich allerdings in eine durchweg unrühmliche christliche Tradition ein.  Er erweist sich in seiner bellizistischen Predigt als typischer Vertreter des nationalistischen Bürgertums, das in Deutschland wie bei den anderen Kolonialmächten mehr als die jeweiligen Regierungen auf den Erwerb von Kolonien drangen[91l]. Immer wieder wird in der Predigt die Parole „„Seid männlich und stark!“ skandiert. In übersteigert nationalistischer Manier spannt Keßler einen Bogen vom Krieg 1870/71 – „Ihr seid die Söhne jener Väter, die einst auf blutigen Schlachtfeldern die deutsche Einheit erkämpft“ – zum Kaiser und zu Gott selbst – „Es schaut Euer Kaiser auf Euch! Es schaut auf Euch der heilige Gott“[91,]. Auch Friedrich Wilhelm I und Friedrich der Große schaut nach den Worten Keßlers auf die ausziehenden Soldaten. Es klingen die Glocken der Potsdamer Garnisonkirche und „ein feste Burg“ wird zitiert. Wenn man Keßler so von theologisch-nationalistischem Allgemeinplatz zu Allgemeinplatz schwadronierend folgt, wundert es nicht mehr wirklich, dass dieser Mann am Hofe Wilhelms II keinen Militarismus zu entdecken vermochte, da er in dieser Tradition zu schwimmen gelernt hat wie der Fisch im Wasser.

Keßlers Kollege an der Garnisonkirche als Pfarrer der Zivilgemeinde war der um „ein Menschenalter älter(e)“ Hofprediger Rogge, der anlässlich des Sieges über Frankreich und die Gründung des Deutschen Reiches 1871 die „Weiherede“ in Versailles gehalten hatte. Keßler erwähnt heftige Spannungen zwischen ihm und Rogge, die aber offensichtlich mehr persönlicher Natur waren und nicht auf einem Gegensatz politischer oder theologischer Art schließen lassen.[92]

Im Kontext von Begegnungen mit Friedrich v. Bodelschwingh[93], den Kessler als „die Zierde unserer evangelischen Kirche“[94] wie auch als „Führernatur“ (!)[95] apostrophiert, zeigt sich, dass er statt ins Höfische und Militärische auch in die Innere Mission bzw. entstehende Diakonie hätte gehen können. Bodelschwingh wollte Kessler für die Betheler Anstalten gewinnen[96]! Allerdings darf man auch nicht die nationalistische Seite Bodelschwinghs vergessen, der den „Tag von Sedan“ als deutschen Nationalfeiertag vorgeschlagen hatte.[97] Als Nationalfeiertag den Tag der Niederlage Napoleons (2. September 1870) zu wählen – statt z.B. das Datum der Konstituierung des Deutschen Reiches 1871 – war ein Affront gegen den französischen Nationalstolz und begünstigte künftige Feindschaft.

Im Zusammenhang der Tätigkeit Bodelschwinghs mit Kranken wie auch mit Menschen, die auf der Straße lebten – Obdachlose wie auch „wandernde Handwerksburschen“ - spricht Kessler vom „Elend der Großstadt“[98]. Selbst hatte er das „Elend der Großstadt“ in Berlin im ausgehenden 19. Jahrhundert nicht wahrgenommen oder thematisiert! Später in der Dresdener Zeit taucht das Thema als Gegenstand von an Frauen delegierter „Armenfürsorge“[99] noch einmal auf, wenn er von seiner sozialdiakonisch offensichtlich sehr aktiven Frau Maria schreibt: Maria ging nachmittags mit den Kindern zu „Armen und Kranken“, „…damit sie auch Dachstübchen und Kellerwohnungen kennenlernten und soziales Herz und soziales Gewissen bekämen…“[100].

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Pfarrer Johann Kessler, 1933, Q: Archiv der Lukaskirche Dresden Sig. 294

Dresdener Gemeindepfarrer, der „Tag von Potsdam“ und Kriegspredigten

Den „Tag von Potsdam“ (21. März 1933)[101] erlebt Kessler als Dresdener Pfarrer im Übergang zu seinem Ruhestand.[102] Keine Spur von Distanz zu diesem gelungenen Propagandacoup der Nationalsozialisten ziert die Beschreibung des Erlebnisses, das für Kessler „…gewissermaßen den Höhepunkt meiner Erinnerungen an diese Kirche (i.e. die Garnisonkirche, TP) bildet“[103]. Kessler beschreibt diesen Tag als einen, „…der nicht nur für diese alten Soldatenkirche einen Ehrentag bedeutete, sondern in der Geschichte unseres deutschen Volkes ein Tag von erhabener Größe und ungeheurer Wucht war, ein tiefer Einschnitt in der Geschichte unseres Vaterlandes, ein Tag, an dem es uns war, als würden die Türen einer alten Zeit zugeschlagen und die Tore einer neuen Zeit aufgesprengt“[104]. „Meine Freude war groß, als ich in Dresden hörte, daß mein altes Potsdam zum Schauplatz der feierlichen Proklamation des Dritten Reichs bestimmt worden sei…“[105] „Und noch höher schlug mein Herz, als ich vernahm, daß das neue Reich seine Weihe, gleichsam seine Taufe erhalten sollte in meiner lieben alten Garnisonkirche“.[106] In diesen Worten beschreibt Kessler, der von Reichspräsident Hindenburg persönlich zur Teilnahme an der Feier eingeladen wurde,[107] die theologische und geschichtliche Deutung, die der Garnisonkirche gegeben werden sollte: Sie diente der „Taufe“ des „Dritten Reiches“, der Taufe der nationalsozialistischen Ideologie! In der Darstellung der propagandistisch geschickt inszenierten Demutsgeste Hitlers gegenüber Hindenburg findet Goebbels in Kessler einen perfekten Interpreten: „Hitler verneigte sich vor Hindenburg, sie reichten sich die Rechte und sahen einander still und tief in die Augen. Da fühlten wir unmittelbar: jetzt vereinigen sich zwei Mächte, zwei Zeiten, zwei Welten: das reife Alter und die männliche Jugend, die ehrwürdige Vergangenheit und die sich anbahnende Zukunft, der Heerführer mit dem Blücherkreuz und der Volksführer mit dem Hakenkreuz, der soldatische, aristokratische, konservative Volksheros und der Mann aus dem Volke, der unerbittliche Kämpfer, der Bahnbrecher eines neuen Reichs…“[108].

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Publikationscover von Furchtlos und treu. Erste Sammlung von Predigten und Ansprachen in den Kriegstagen 1914, gehalten von J. Keßler, Dresden 1914

Wie schon mehrfach erwähnt, ist Keßler nicht nur empfänglich für Führergestalten, sondern sucht aktiv nach „Führern“ und ist somit sicherlich auch mitverantwortlich für einen Führerkult. Zu seiner Darstellung des „Tages von Potsdam“ passt seine Wahrnehmung Hindenburgs: „Wie es… mit den Alpenbergen ist, daß, je näher man an sie heranwandert, sie um so majestätischer, ehrfurchtgebietender werden, so ist es auch mit manchen ‚Größen‘. Im vertrauten Verkehr, in den Wänden ihres Hauses, in ihrer Berufsarbeit gewinnen sie nur, wachsen empor ins Übermenschliche. Hindenburg gehört zu diesen“.[109]

Auch für seine Zeit als Dresdener Gemeindepfarrer muss man festhalten, dass Keßler sich nicht nur als Prediger, sondern auch als Seelsorger verstand. Es war ihm wichtig, nicht nur in „Sprechstunden“ ansprechbar zu sein, wie manche seiner Kollegen und er achtete sehr darauf, z.B. alle Konfirmandeneltern zu besuchen und alle Kasualbesuche zu Hause bei den Familien zu machen[110]. Den ersten Weltkrieg erlebt Kessler zunächst als Dresdener Gemeindepfarrer. Er bemüht sich aber intensiv darum, als Militärpfarrer an der Front eingesetzt zu werden, was er nach einigen Widerständen durch die persönliche Fürsprache von Wilhelm II erreicht[111]: Er wurde als Divisionspfarrer eingesetzt, zunächst in Frankreich.

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Publikationscover von Durch Gott zum Sieg. Zweite Sammlung von Predigten und Ansprachen in den Kriegstagen 1914, gehalten von J. Kessler, Dresden 1914

In seiner Autobiographie berichtet Kessler von einer Kriegspredigt, die er an Weihnachten 1915 (?) in der Kathedrale zu Lille zum Thema „Friede auf Erden“ gehalten hat[112]. Er legt dieses „Weihnachtswort“ dahingehend aus, dass „der Herzensfriede“ gemeint sei, es gehe nicht um „schwächliche, leidensscheue Friedenssehnsucht“ und „Allerweltspazifismus“[113]. Die beiden nächsten Kriegsweihnachten befindet sich Kessler in der gleichen Funktion in Russland.

Ein Charakteristikum seiner Theologie wie seiner ganzen Weltsicht – man kann auch sagen: seines Charakters – war offensichtlich die Verachtung alles Schwachen. Deutliches Signal ist schon die eingangs zitierte Aussage Kesslers, er habe sich verpflichtet gefühlt, ein „…männliches, heldisches Christentum zu predigen“.[114] Selbst im Blick auf Jesus spricht Kessler von seinem „Kampf und Heldentod“.[115] Vollends deutlich wird diese Linie in Kriegspredigten, die Kessler noch in Dresden hält.[116] In diesen Predigten wird Gott in erschreckender Klarheit für den Krieg und soldatische Tugenden funktionalisiert. Auch dort, wo Kessler vom Grauen des Krieges u.a. angesichts von Lazaretterfahrungen spricht, wird einerseits die Schuld an den Schrecken des Krieges den feindlichen Mächten zugeschoben: „Wehe den charakterlosen Fürsten, wehe den gewissenlosen Diplomaten, die solches Herzeleid heraufbeschworen! Es wird ihnen einmal schwer werden, solche Blutschuld zu verantworten vor dem Richterstuhle des heiligen und gerechten Gottes!“[117]. Aus dem Kontext geht glasklar hervor, dass die Fürsten und Diplomaten der gegnerischen Mächte gemeint sind;[118] kein Gedanke, dass ebendieser Schuldfrage sich auch die deutsche Elite einmal stellen müsste. Und andererseits wird der Krieg, eben noch in der Hand der Menschen eine „furchtbare Brandfackel“,[119] „…zu einer Zuchtrute, mit der er, der heilige Gott, das Unheilige straft und richtet und vernichtet“.[120] Und Gott führt auf geheimnisvolle Weise durch den Krieg alles zum Besseren: „Der Krieg erzeugt wieder Helden, ungezählte Helden, auch wenn keine Kriegschronik ihre Namen nennt. Der Krieg weckt wieder und steigert und vollendet die hehren Tugenden, die Schmuck und Ehre des echten Mannes sind: „Treue“, „Selbstverleugnung“, „Gemeinsinn“ usw..[121] „Schulter an Schulter verwachsen sie zu einem Leib, zu einer Seele; Todesmut – sie gehen in den Kugelregen, als gings zum fröhlichen Fest!“.[122]

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Publikationscover von Licht und Kraft. Fünfte Sammlung von Predigten und Ansprachen in den Kriegstagen 1914/15

Auch der Bericht Kesslers von der Bestattung Gefallener spiegelt die Funktionalisierung biblischer Motive für das Militärische und das Lob der „männlichen Stärke“ wider: „…mit ihrem soldatischen Gepräge entsprechen sie (i.e. diese Bestattungen, TP) ganz dem Geist des Krieges – kein sentimentales Lied, kein wehleidiges Wort, keine rührselige Stimmung; das markige Arndtsche Lied ‚Ich weiß, an wen ich glaube‘, die Ansprache auf den Klang gestimmt: ‚Der Tod ist verschlungen in den Sieg‘, und nach dem Segen ein fröhlicher Marsch“.[123]

Reinste Kriegstheologie spricht auch aus den überheblichen Worten, mit denen Kessler so tut – anders lässt sich das nicht formulieren – als würde er die neutestamentliche Weisung „Überwindet das Böse mit Gutem“ in diesen Kriegszeiten adaptieren: „…es ist unsere Pflicht, unsere Ehrenpflicht, die wir als Deutsche zu erfüllen haben. Hier gilt es zu beweisen, daß wir keine barbarischen Russen, keine fanatischen Belgier sind, sondern Deutsche mit deutscher Ehrlichkeit, mit deutscher Ritterlichkeit, mit deutschem Gewissen. Hier gilt’s zu beweisen, daß wir allen Ernstes an den hehren Beruf unseres deutschen Volkes glauben, daß wir vertrauen, dass es zu einem Licht und Salz in der Völkerwelt von Gott ausersehen ist, daß es uns keine Phrase ist, daß einst an dem deutschen Wesen soll die ganze Welt genesen. Das kann nur geschehen, wenn wir besser, edler, gerechter sind, wenn wir sie durch unsere sittliche Überlegenheit beschämen und richten und so das Böse mit Gutem überwinden“.[124]

Vergleichbare Argumentationsweisen wie geschildert findet sich in sehr vielen von Kesslers Kriegspredigten: Zentrale Bibelstellen werden mit den Themen Sieg, Heldentum, Pflicht usw. verknüpft. Vermutlich betrieb Kessler nach eigener Auffassung „biblische Theologie“, denn alle seine Ausführungen in den Kriegspredigten sind mit vielfältigsten Bibelzitaten gespickt! Der Friedenswille der deutschen Führung wird immer wieder hervorgehoben. Deutlich wird auch immer wieder die große Friedensliebe des Kaisers gepriesen, wie z.B. in Kesslers Predigt zum 25jährigen Regierungsjubiläum Kaiser Wilhelm II: „‘Meine Liebe zu dem deutschen Heere und meine Haltung zu demselben wird mich niemals in Versuchung führen, dem Lande die Wohltaten des Friedens zu verkümmern‘. Die königlichen Versprechen hat er voll und ganz eingelöst“.[125] Gott will, dass wir Frieden halten, aber der Krieg wurde dem Deutschen Reich bösartig aufgezwungen. Eigentlich, so Kessler, sollten „Christenvölker“ statt sich zu „…zerfleischen und einander (zu) vernichten“ „…in edlem Wettstreit um die hohen Kulturgüter kämpfen“.[126] „Muß uns nicht Trauer ergreifen, wenn wir denken an all das unsagbare Elend, das ein solcher beispielloser Weltbrand in seinem Gefolge hat, an all die Wunden, die dieser Völkerkrieg schlägt und die wohl niemals ganz heilen werden? Ob es von Ihm, dem Friedefürsten, nicht doch in diesen Tagen heißt: Er sah die Christenheit an und weinte über sie? – Aber wir trauern nicht nur – wir zürnen in heiligem Zorn…“[127]. Eindringlich verweist Kessler auf die „Nachtseiten“ des Krieges, die ungeheure Vernichtung von materiellen und „sittlichen Werten“[128] – mit dem Ziel, dass „heiliger Ernst“ der Unterton der Siegesfreude auf deutscher Seite sein müsse.[129] Zusammenfassend gibt Kessler seiner nationalistischen Hoffnung im Blick auf die Kriegsziele wie auch auf die mit der Kriegserfahrung verbundenen volksmissionarischen Folgen[130] Ausdruck. „Wir hoffen so zuversichtlich, daß unser deutsches Vaterland in neuer Herrlichkeit aus diesem Weltbrande hervorgehen wird, neuerstarkt nach außen, frei und ungehindert auf Weltmeer und Weltmarkt, deutschen Geist und deutsche Kraft auszuwirken unter den Völkern; neuverjüngt im Innern, frei geworden von Geldsucht und Genußsucht, los gekommen von Klassenhass und Parteihader, geläutert von Vaterlandslosigkeit und Opferscheu, wiedergeboren zu neuem religiös-sittlichen Leben…“[131].

Zumindest zu Beginn des Krieges ist Kessler auch zu einer gewissen differenzierenden „Ritterlichkeit“ fähig, die nicht einfach blindem Hass seinen Lauf lässt. Unter dem Titel „Sei getreu“ predigt er am 9. August 1914 zum Thema „Treue“, mit dem er eine besondere deutsche Eigenschaft hervorzuheben meint: „…des deutschen Volkes Ruhm und Ehre, Krone und Kleinod war allezeit die Treue“.[132] „Mögen andere Völker andere Vorzüge haben – auch wenn sie unsere Feinde geworden, verkleinern und verlästern wir sie nicht…“.[133] Diese anderen Völker tragen aber aus der Sicht Kesslers die alleinige Kriegsschuld, weil sie Deutschland den Aufstieg zur „Weltmacht“[134] nicht vergönnten: „Deutschland muss geschwächt, niedergeworfen, wenn möglich vernichtet werden! Das ist der wahre Grund des Krieges, alles andere sind heuchlerische Vorwände, elende Masken. Nieder mit Deutschlands Weltmacht! Das ist die schwarze Seele dieses freventlichen Krieges“[135]. Hier wird schon das Interpretationsmodell von Versailles und der Grund des Revanchismus gelegt, der die nächsten Jahrzehnte die Politik aller Konservativen bis hin zu den Rechtsradikalen für Deutschland bestimmen sollte.

Am Sonntag Invocavit 1915[136] predigt Kessler unter dem Titel „Verklärung“ über das Thema „Der Leidensweg – ein Verklärungsweg“.[137] Jesu Leidensweg, den dieser „mit Heroismus“[138] geht, führt zu seiner „inneren Verklärung“.[139] Diese Wegvorstellung „vom Leiden zur Verklärung“ wird unmittelbar auf den Weg des deutschen Volkes im Krieg übertragen: Der Krieg ist „Passionszeit für unser Volk. Trotz all des Erhabenen, wozu der Krieg uns begeistert, trotz all der Siege, für die wir auch heute wieder Gott danken…“[140] „Wir leiden unter den furchtbaren Todesopfern, die der Krieg gefordert und noch fordern wird, unter den unsäglichen Leiden, die die Lazarette, die Gefangenenlager, all die verwaisten Stätten in sich schließen; wir leiden unter der furchtbaren Macht der Sünde, welche die halbe Welt in ein Schlachtfeld verwandelt und das Meer blutrot färbt und die Dämonen entfesselt. Aber in dieser Leidenszeit soll es heißen: Deutsches Volk, die Stunde ist da, da dich Gott verklären will!“.[141] Mit dröhnenden Worten bekräftigt Kessler, dass wir es zu tun haben mit der „…entscheidungsschwere(n) Feuertaufe, in der Gott unser Volk läutern will von so manchem Schaden… und durch gewaltige Hammerschläge es schmieden und stählen will zu dem Werkzeuge, mit dem er sein Reich weiterbauen kann in der Welt“.[142]

Kessler braucht keine Hasstiraden gegen andere Nationen: Die religiöse Überhöhung, die kurzschlüssige Identifikation des deutschen Volkes mit dem Volk Gottes, ja, mit dem Werkzeug zur Auferbauung des Reiches Gottes in der Welt, enthebt ihn dessen. Denn mit dieser Denkfigur hebt Kessler das deutsche Volk kategorial über alle anderen Völker! Der Kampf gegen sie und ihre Unterwerfung wird zum gottgegebenen „Beruf“ des deutschen Volkes, dazu hat Gott die Deutschen erwählt. So geht es immer weiter! „Wenn nicht alle Zeichen trügen, bekommt unser Volk einen neuen Weltberuf größer noch als in den Tagen der Reformation und in der Zeit der Befreiungskriege. Nicht nur deutsche Arbeit, deutsche Kultur, deutschen Geist gilt es hineinzutragen in die Völkerwelt, nein, Größeres noch: Deutschen Glauben, recht verstanden den deutschen Gott. Alle Lande sollen seiner Ehre voll werden“.[143] Das sind Aussagen, an die rund zwanzig Jahre später die „Deutschen Christen“ gut anknüpfen können. Es bleibt mir allerdings auch im Umfeld der theologischen Argumentation Kesslers ein Rätsel, wie er sich hier zu der Aussage eines „deutschen Gottes“ versteigen kann.

Schlussgedanken

In seiner Selbstwahrnehmung hat Kessler sich im Glauben als „pontifex“, als „Brückenschläger“ verstanden. „Ich habe in Atheisten und Pantheisten, Dissidenten und Zweiflern nie Gegner gesehen, sondern Brüder, und habe sie nicht gemieden, sondern gesucht und mit ihnen manche für mich selbst wertvolle Aussprache gehabt. Ich habe mir selbst gegenwärtig gehalten, daß kein einziger im vollen Besitz der religiösen Wahrheit ist, sondern daß wir alle Sucher sind“.[144] Diese Selbstwahrnehmung, die durchaus auch zu dem eingangs zitierten Satz des Niemanden aufgeben!“ als Quintessenz christlicher Praxis passt[145] ist kaum vereinbar damit, dass Kessler gleichzeitig einem monströsen kriegerischen Nationalismus frönt.

Diese Differenz in der Haltung Kesslers lässt sich nur so erklären, dass er in militärischen Dingen und in seiner nationalistischen Haltung als weit rechts stehend in Erscheinung trat, während ihm in religiösen Fragen offensichtlich eine eher auf Versöhnung und Ausgleich abzielende Haltung eigen war. Er war zwar ein äußerst entschiedener Protestant, der das Geschehen der Reformation überhöhte und vor allem immer wieder kulturell und politisch für das Deutschtum in Anspruch nahm. Er scheint aber zumindest nicht durchgehend die Vorstellungen nationalliberaler und freikonservativer Kreise vertreten zu haben, demgemäß die Reichsgründung als Sieg des Protestantismus über den Katholizismus galt und die „…kulturelle Hegemonie des Protestantismus die politische Hegemonie Preußens ergänzen und untermauern“ sollte[146]. Neben den beschriebenen Begegnungen mit Vertretern des Katholizismus bis hin zum Papst mag seine Kriegspredigt vom 30. Mai 1915 als Beleg der These von Kesslers Versöhnungsinteresse mit dem Katholizismus dienen. In einer Aufzählung – sehr fragwürdiger – durch den Weltkrieg angestoßener Entwicklungen im deutschen Volk führt Kessler aus: „Wie beglückend doch, dass jetzt der konfessionelle Hader und das kirchliche Parteigezänk verstummt sind. Wie erhebend, was wir aus dem Felde hören von dem Zusammenwirken protestantischer und katholischer Geistlicher, von der gemeinsamen Anbetung evangelischer und katholischer Soldaten. Soll dieser Burgfrieden nur ein Waffenstillstand sein? Nein, hinweg mit aller religiösen Engherzigkeit und Unduldsamkeit, mit aller kleinlichen Rechthaberei und Unfehlbarkeit! Vielmehr Achtung vor jeder religiösen Überzeugung! Verständnis für jedes wahrheitssuchende Streben! Zusammengehen und zusammenarbeiten, soweit es nicht wider die Wahrheit ist!“[147] Natürlich ist klar, dass dies alles unter demselben militaristischen und nationalistischen Vorzeichen steht wie Kesslers gesamtes Handeln und Reden! Dass es andere Möglichkeiten der Deutung jener Kriegsereignisse gab, zeigt z.B. die Wende in der Theologie Paul Tillichs, der 1914 begeistert als Freiwilliger in den Krieg zog, dort bis 1918 als Feldprediger wirkte und sich schließlich traumatisiert von seiner Kriegsbegeisterung abwandte.

Die Darstellungen seiner Autobiographie lassen Kessler sehr eindeutig als einen durchaus als extrem zu bezeichnenden Nationalisten erscheinen, der zwar ein kulturell aufgeschlossenes Bild von sich selbst zeichnet, aber jenseits der Hochkultur eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen, sozialen und auch wirtschaftlichen Fragen vollkommen verweigert. Die hasserfüllten Seitenhiebe auf die Sozialdemokratie und die offensichtliche Ablehnung der Weimarer Republik und immer wieder eingestreute Antisemitismen sowie die große Selbstverständlichkeit, mit der Kampf und Krieg in ein System positiver Werte eingeordnet werden, werden an keiner Stelle begründet, sondern erscheinen als Konsens in seiner Welt, die nach außen gewissermaßen hermetisch abgeriegelt ist.

Wie ist es möglich, dass ein und derselbe Mensch solche Toleranz und Weltläufigkeit mit Überheblichkeit und Arroganz, mit den mehrfach geschilderten nationalistischen, militaristischen und antisemitischen Zügen verbinden kann? Dem heutigen Leser erscheint das als ein kaum aufzulösender Widerspruch. Natürlich muss man konstatieren, dass allein quantitativ die Hinweise auf eine tolerante und offene Haltung und Handlungsweise in Kesslers Autobiographie doch recht spärlich gesät sind. Ein Teil der Begründung mag in der so und nicht anders geprägten Persönlichkeit Kesslers liegen: Führer, „große“ Gestalten, Motive von Kampf, Pflicht und Stärke bestimmen sein Leben. Ein anderer Teil mag darin begründet sein, dass er wie viele seiner bürgerlichen und großbürgerlichen Schicht zwar im Blick auf die Hochkultur auch hoch „gebildet“ war, sich aber nicht um strukturelle Fragen kümmerte: Weder die Frage der Massenarmut noch überhaupt wirtschaftliche oder auch im engeren Sinne politische Fragen haben Kessler je bewegt! Die deutsche Politik nahm Kessler als geradezu aufopferungsvoll friedliebend wahr.[148] Dass diese Wahrnehmung in frivoler Weise falsch war, gilt auch unter der Bedingung, dass die These von der alleinigen Kriegsschuld Deutschlands im Blick auf die Auslösung des Ersten Weltkriegs inzwischen aufgeweicht ist. Der „Missing Link“ zu einem großen Teil der Wirklichkeitswahrnehmung könnte zumindest Teil einer Ursache dafür sein, dass Kessler sich friedlich und als „Brückenbauer“ vorkam, was er in seiner Wirkung als Garnisonprediger und späterer Kriegsprediger definitiv nicht war. Eine Entschuldigung für diese Gefangenschaft in selbst verschuldeter Unmündigkeit bildet dieser fragmentarische Versuch einer Erklärung nicht.

Thomas Posern, Pfarrer und Oberkirchenrat im Ruhestand, zuletzt Beauftragter der evangelischen Kirchen bei der Landesregierung in Rheinland- Pfalz

Literatur

Born, Karl Erich: Von der Reichsgründung bis zum Ersten Weltkrieg (Gebhardt: Handbuch der deutschen Geschichte Bd. 16) 6. Aufl. 1981

Brakelmann, Günter; Greschat, Martin; Jochmann, Werner: Protestantismus und Politik. Werk und Wirkung Adolf Stoeckers, Hamburg 1982. Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte Bd. XVII

Brakelmann, Günter: Adolf Stoecker und die Sozialdemokratie, in: Ders. u.a.1982, S. 84-122

Greschat, Martin: Adolf Stoecker und der deutsche Protestantismus, in: Brakelmann u.a.1982, S. 19-83

Grünzig, Matthias: Der „Tag von Potsdam“ am 21. März 1933 (Vortrag auf der Veranstaltung „Garnisonkirche der Nation – Gesegnete Kriege vor 1933“ am 22.3.2018 im Alten Rathaus in Potsdam, abzurufen:  https://www.deutsches-bildbandarchiv.de/Maerz1933/MatthiasGruenzig-Vortrag20180322.pdf

Jochmann, Werner: Einleitung, in: Brakelmann u.a.1982, S. 7-17

Kessler, Johannes: Ich schwöre mir ewige Jugend, Leipzig 1935 (61.-80. Auflage), Zitiert als „Kessler 1935“

Keßler, Johannes: Gott segne den Kaiser! Zur Erinnerung an das Regierungsjubiläum Kaiser Wilhelm II (15. Juni 1913) (Predigt gehalten bei der 25jährigen Jubiläumsfeiern Kaiser Wilhelm II in der Lukaskirche zu Dresden am 15. Juni 1913), Dresden 1913 (Zitiert als Kessler 1913/1)

Kessler, Johannes: Heil Kaiser dir, Potsdam 1913

Keßler, Johannes: Furchtlos und treu. Erste Sammlung von Predigten und Ansprachen in den Kriegstagen 1914, gehalten von J. Kessler, Dresden 1914 (Zitiert als Kessler 1914/1)

Ders.: Durch Gott zum Sieg. Zweite Sammlung von Predigten und Ansprachen in den Kriegstagen 1914, gehalten von J. Kessler, Dresden 1914 (Zitiert als Kessler 1914/2)

Ders.: Ernst – aber getrost. Dritte Sammlung von Predigten und Ansprachen in den Kriegstagen 1914, gehalten von J. Kessler, Dresden 1914

Ders.: Kreuz und Schwert. Vierte Sammlung von Predigten und Ansprachen in den Kriegstagen 1914, gehalten von J. Kessler, Dresden 1915 (Zitiert als Kessler 1915/1)

Ders.: Licht und Kraft. Fünfte Sammlung von Predigten und Ansprachen in den Kriegstagen 1914/15 (Dresden 1915/2)

Ders.: Über alles meine Pflicht! Sechste Sammlung von Predigten und Ansprachen in den Kriegstagen 1914/15, gehalten von J. Kessler, Dresden 1915

Ders.: Werdet voll Geistes! Siebente Sammlung von Predigten und Ansprachen in den Kriegstagen 1914/15, gehalten von J. Kessler, Dresden 1916 (Zitiert als Kessler 1916)

Linke, Carsten: Hof- und Garnisonsprediger Johannes Kessler, Bernhard Rogge, Walter Richter; 22.03.2018 (www.potsdam-stadtfueralle.de/wp-content/uploads/2018/05/Gotteskrieger.pdf, abgerufen am 01.06.2021)

Mommsen, Wolfgang J.: Weltgeschichte. Das Zeitalter des Imperialismus, Bd. 28 Frankfurt/Main (Augsburg) 2000

Potsdamer Intelligenzblatt, Nr. 173, 1. Beilage, S.1, 26. Juli 1900 unter der Rubrik „Aus Potsdam und Umgegend“: Potsdams Scheidegruß dem ostasiatischen Reiter-Regiment. Zitiert als „Intelligenzblatt“

Treitschke, Heinrich von: Unsere Aussichten, in: Preußische Jahrbücher Bd. 44, 1879, S. 559-576

Winkler, Heinrich August: Geschichte des Westens. Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert, München 2009

Zilkenat, Reiner: „Ihr seid die Pioniere des gekreuzigten Heilands!“ Die Prediger der Garnisonkirche im Kaiserreich und Ersten Weltkrieg. Vortrag vom 3. Juni 2020 http://lernort-garnisonkirche.de/?s=zilkenat


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[1] Die Schreibweise des Autors ist unterschiedlich: In seiner Autobiographie wird der Autor „Kessler“ geschrieben, in seinen Kriegspredigten „Keßler“. In diesem Artikel wird die Schreibweise „Kessler“ genutzt.
[2] Kessler 1935, S. 196, Vgl. zu Kessler auch Zilkenat 2020
[3] Kessler 1935, S. 352
[4] Ebd.
[5] Ebd.,
[6] Es war „das national gesinnte Bürgertum“ war, das unterstützt von Handel und Industrie sich z.B. „leidenschaftlich“ für den Ausbau der deutschen Flotte einsetzte, ein von Konteradmiral und Chef des Reichsmarineamtes Tirpitz betriebenes und von Kaiser Wilhelm II stark unterstütztes Projekt, das die Rivalität mit England auf die Spitze trieb und stark zur Kriegsgefahr beitrug (vgl. u.a. Mommsen S. 129 f.)
[7] Vgl. Kessler 1935, S. 14 f.
[8] Vgl. auch a.a.O. S. 32 f.
[9] A.a.O. S. 8
[10] A.a.O. S. 24
[11] A.a.O. S. 25
[12] Ebd.
[13] A.a.O. S. 92
[14] A.a.O. S. 34 f.; vgl. auch https://de.wikipedia.org/wiki/Evangelisch_Stiftisches_Gymnasium_G%C3%BCtersloh#Geschichte
[15] Kessler 1935, S. 39
[16] Vgl. a.a.O. S. 41
[17] Vgl. a.a.O. S. 42
[18] Vgl. a.a.O. S. 50
[19] Ebd.
[20] Ebd.
[21] Vgl. S. 51 f.
[22] A.a.O. S.143
[23] A.a.O. S. 57
[24] Ebd.
[25] A.a.O. S. 58
[26] Ebd.
[27] Ebd.
[28] Treitschke 1879
[29] A.a.O. S. 575
[30] Kessler 1935 S. 100
[31] Vgl. a.a.O. S. 101 f.
[32] A.a.O. S. 102
[33] Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Berliner_Antisemitismusstreit#Der_Ausl%C3%B6ser; vgl. auch Winkler S. 842
[34] Vgl. Winkler ebd.
[35] Bis hin zu entsprechenden Begegnungen bei sog. Kurpastoraten, die Kessler gerne in späteren Jahren wahrgenommen hat und die im vorliegenden Artikel nicht weiter besprochen werden (vgl. Kessler 1935 S. 284-94).
[36] Vgl. a.a.O. S. 64 f.
[37] Vgl. a.a.O. S. 66
[38] Vgl. a.a.O. S. 67
[39] Ebd.
[40] A.a.O. S. 70
[41] Ebd.
[42] Ebd.
[43] Auch für den Hofprediger Adolf Stoecker werden unterschiedliche Schreibweisen – „Stöcker“ oder „Stoecker“ – verwendet. U.a. Kessler schreibt „Stoecker“; ich verwende diese Schreibweise in dem vorliegenden Artikel.
[44] Die Begegnung mit Stoecker erweist sich als sehr wichtig für Kessler. Stoecker hatte den Protestantismus insgesamt auf lange Zeit so stark nationalistisch und antisemitisch beeinflusst, so dass seine Rolle hier gar nicht zu unterschätzen ist.
[45] Vgl. a.a.O. S. 83
[46] A.a.O. S. 83
[47] Ebd.
[48] Vgl. u.a. Jochmann 1982 S. 1 ff.
[49] Ders. a.a.O., S. 15
[50] Ebd.
[51] Born 1981, S. 32; Hervorh. i.O.
[52] Vgl. Winkler 2009, S. 841
[53] Greschat 1982, S. 79
[54] Brakelmann 1982, S. 90. Brakelmann weiter: „Das sozialdemokratische Problem…ist (i.e. für Stoecker) eingebettet in eine umfassendere Kampffront, die gekennzeichnet ist durch die Wirklichkeiten des Liberalismus, des Kapitalismus und des Judentums“ (a.a.O. S. 92)
[55] A.a.O. S. 104. Ergänzend: „Stoeckers Kampf gegen Liberalismus, Kapitalismus und Sozialismus war in seinem Kern ein antijüdischer Kampf“ (a.a.O. S. 105).
[56] Winkler 2009, S. 838
[57] A.a.O. 840
[58] Winkler 838; vgl. zu der Entwicklung in diesen Jahren dens., S. 838-843
[59] A.a.O. S. 839
[60] A.a.O. S. 840
[61] Ebd.
[62] Vgl. Kessler 1935, S. 78
[63] A.a.O. S. 79
[64] A.a.O. S. 82
[65] A.a.O. S. 88
[66] Vgl. Greschat 1982, S. 70
[67] Kessler hat als Gemeindepfarrer in Dresden sieben Bändchen mit „Kriegspredigten“ veröffentlicht (s. Literaturverzeichnis). Zum Teil sind dies Sonntagspredigten nach der Perikopenordnung, z. T. regelrechte Kasualpredigten (z.B. „Ansprachen in der Kriegsbetstunde“ (2. September 2014, S. 55 ff.; 11. September 2014, S. 70 ff.; Festpredigt am Geburtstage seiner Majestät des Deutschen Kaisers am 27. Januar 1915, S. 175 ff.))
[68] Kessler 1915/1, S. 211 - 220
[69] A.a.O. S. 215
[70] Kessler 1935, S. 72. Greschat bezeichnet den kirchenpolitisch äußerst geschickt auf konservativer Seite agierenden Kögel als „…eine ausgesprochen aristokratische Herrschernatur…“ (Greschat 19825, S. 60). Kögel habe „…mehr und mehr richtunggebenden Einfluß auf die preußische Landeskirche auszuüben vermocht“ (a.a.O. S. 63)
[71] Die Berliner Stadtmission hatte übrigens unter der Leitung von Stoecker eine scharf antisemitische Ausrichtung!
[72] Vgl. Kessler 1935 S. 94 ff.
[73] vgl. a.a.O. S. 110 ff.
[74] Kessler war drei Mal in Palästina (im „Heiligen Land“), auch z.B. Ägypten und Syrien (vgl. a.a.O. S. 241). Nach dem Besuch diverser zionistischer Siedlungen zeigt sich Kessler bei seiner letzten Palästinareise interessiert daran zu eruieren, wie es im Verhältnis von Arabern und Juden weitergehe (264f.). Seine Überlegungen enden mit der Feststellung, dass eine Einigung „heute undenkbar, eine Lösung dieser Gegensätze ein politisches Rätsel“ darstelle (a.a.O. S. 267).
[75] A.a.O. S. 339
[76] A.a.O. S. 113 ff.
[77] A.a.O. S.115
[78] Vgl. a.a.O. S. 168 ff.
[79] Vgl. a.a.O. S. 171 f.
[80] Vgl. a.a.O. S. 172 f.
[81] Immer wieder zitiert Kessler diese Devise in seinen Kriegspredigten
[82] A.a.O. S. 194 f.
[83] Vgl. a.a.O. S. 199 ff.
[84] A.a.O. S. 200
[85] vgl. a.a.O. S. 297
[86] Vgl. a.a.O. S. 202
[87] Vgl. a.a.O. S. 17
[88] vgl. a.a.O. S. 202
[89] Vgl. a.a.O. S. 206-209
[90] A.a.O. S. 209
[91] Ebd.
[91a] Es handelt sich gemäß dem Bericht im Potsdamer Intelligenzblatt um das „ostasiatische Reiter-Regiment“
[91b] Der Begriff bezieht sich auf Gruppen chinesischer Kämpfer, die kampfsportlich ausgebildet waren. Bezüglich dieses Begriffs urteilt Mommsen zu Recht: „…die Zeitgenossen sprachen, in naiver Dogmatisierung ihres Kolonialherrenstandpunktes, vom ‚Boxeraufstand‘“ (Mommsen A. 169).
[91c] Deutschland hatte China 1897 zur Verpachtung des Gebietes Kiautschou mit der Stadt Tsingtau für 99 Jahre gezwungen. Die Kolonie stand unter unmittelbarer Herrschaft der deutschen Reichsregierung.
[91d] Dieses seit 1850 erscheinende Blatt hat wie andere „Intelligenzblätter“ in dieser Zeit einen offiziösen Charakter und fungiert als Amtsblatt, bringt aber auch Berichte über lokale Ereignisse etc. Eine andere, von Keßler legitimierte Fassung seiner Ansprache als die hier berichtete Zitation, liegt dem Autor nicht vor. Ob es sich um eine Predigt im Rahmen eines Gottesdienstes oder eine Ansprache in der Garnisonkirche ohne gottesdienstlichen Charakter handelt, ist den Ausführungen des Intelligenzblattes ebenfalls leider nicht zu entnehmen. Zu vermuten ist, dass man von einer „Predigt“ sprechen kann.
[91e] Ebd.
[91f] Das vom Intelligenzblatt zitierte „Wachet im Hause“ ist wohl unbiblisch. Ohne den Zusatz „im Hause“ lautet die Textstelle im 1. Korintherbrief 16,13 in der um 1900 in Gebrauch befindlichen Fassung der Lutherbibel wie auch noch Jahrzehnte später tatsächlich genauso, wie vom Intelligenzblatt zitiert. Die 1984 und 2017 erneut revidierte Lutherbibel übersetzt: „Wachet, steht im Glauben, seid mutig und seid stark!“ (Hervorh. TP). Das griechische Wort „andrizein“ im Urtext trägt im Wortstamm „andros“, „Mann“, und kann mit „sich als männlich zeigen“ übersetzt werden, was durchaus dem antiken Verständnis entspricht. Da es Paulus aber weniger um Männlichkeit als um Mut geht, wurde der Sprachgebrauch revidiert. Übrigens wurde die Revision der Lutherbibel von 1545 im Jahr 1863 beschlossen und erst nach über 120 Jahren mit der Revision 1984 abgeschlossen. Interessant und dem kriegerischen Duktus der Keßlerschen Predigt diametral entgegengesetzt ist die Fortsetzung durch Paulus im folgenden Vers 14: „Alle eure Dinge lasst in Liebe geschehen“.
[91g] Ebd.
[91h] Ebd. (Hervorh. Im Orig.)
[91i] Linke
[91k] Linke und Intelligenzblatt
[91l] Mommsen schreibt im Zusammenhang mit den imperialistischen Bestrebungen der europäischen Staaten ab 1885 von dem „…dem diplomatischen Dienst aller europäischen Staaten eigentümlichen Konservativismus, der das populäre Geschrei nach Kolonien und neuen Märkten in Übersee vielfach nur als unangenehme Störung der geheiligten Traditionen der diplomatischen Kunst empfand…“ (Mommsen S. 152).
[91m] Ebd.
[92] Vgl. a.a.O. S. 212
[93] Vgl. a.a.O. S. 214 ff.
[94] ebd.
[95] A.a.O. S. 218
[96] Vgl. a.a.O. S. 215
[97] Vgl. u.a. Born 1981 S. 56
[98] Kessler 1935 S. 216
[99] Der Begriff „Armenfürsorge“ entspricht exakt dem patriarchalischen und gegen eine Ausbreitung der Sozialdemokratie gerichteten Verständnis des Umgangs mit dem Problem der Massenarmut Ende des 19. Jahrhunderts, wie es in kirchlichen und bürgerlichen Kreisen dominant war.
[100] A.a.O. S. 236
[101] Vgl. auch die Darstellung von Grünzig 2018
[102] Vgl. Kessler 1935, S. 219-24
[103] A.a.O. S. 219
[104] Ebd.
[105] Ebd.
[106] Ebd.
[107] Vgl. ebd.
[108] A.a.O. S. 222
[109] A.a.O. S. 340
[110] Vgl. a.a.O. S. 300 f.
[111] Vgl. a.a.O. S. 301 f.
[112] A.a.O. S. 276 f.; Kessler nennt die Jahreszahl nicht, aber er wurde wohl im Lauf des Jahres 1915 Militärpfarrer in Frankreich, so dass wir es hier wohl mit einer Predigt an Weihnachten 1915 zu tun haben. Das siebte Bändchen seiner Kriegspredigten endet mit dem 26. Juni 1915.
[113] Ebd.
[114]  a.a.O. S. 196
[115] Während einer Reise durch Israel angesichts von Gräbern gefallener deutscher Soldaten in der Umgebung von Nazareth, a.a.O. S. 246 f.
[116] Zu den „Kriegspredigten“ s. o. Anm. 53
[117] Predigt vom 30. August 1914 unter dem Titel „Nicht vergeblich“, Kessler 1914/2 S. 48
[118] Genauso verhält es sich z.B. auch in der Predigt vom 6. September 2014 unter dem Titel „Kaufet die Zeit aus“, vgl. a.a.O. S. 64 f.
[119] A.a.O. S. 49
[120] Ebd.
[121] A.a.O., S. 49 f.
[122] A.a.O. S. 50; Hervorhebung i.O.
[123] Kessler 1935 S. 305
[124] Kessler 2014/2, Predigt vom 6. September 2014, S. 65 f.
[125] Kessler 1913/1, S. 10; das Zitat im Zitat stammt von Kaiser Wilhelm II
[126] Kessler 1914/1, S. 7
[127] Ebd.
[128] Kessler 1914/3, S. 32 f.
[129] Ebd.
[130] Bei Kessler findet man immer wieder sehr deutliche Vorboten der Ideologie der Deutschen Christen zu Beginn der dreißiger Jahre, denen viele Kirchenmitglieder zunächst wegen ihre volksmissionarischen Programms gefolgt sind.
[131] A.a.O. S. 34
[132] A.a.O., S. 15
[133] Ebd.; „Ernst – aber getrost“ ist der Titel dieser Predigt vom 11.10.1914
[134] Vgl. Kessler 1914/3, S. 39 f.
[135] A.a.O. S. 40
[136] Kessler 1915/1, S. 200-210
[137] A.a.O., S. 201
[138] 104 A.a.O. S. 202
[139] Ebd.
[140] A.a.O. S. 205
[141] A.a.O. S. 206
[142] Ebd.
[143] A.a.O., S. 209
[144] Kessler 1935 S. 293
[145] s.o. / Kessler 1935 S. 352
[146] Winkler S. 835
[147] Kessler 1916, S. 71
[148] Vgl. seine Ansprache: Unser Kaiser im Feuer. Festpredigt am Geburtstage seiner Majestät des Deutschen Kaisers am 27. Januar 1915, Kessler 1915/1, S. 175 ff.). Vgl. außerdem oben S. 14 in diesem Artikel bzw. Kessler 1913/1, S. 10

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Alles ist anders, aber bloß nichts ändern

Stellungnahme zum „Konzept für die Dauerausstellung. Glaube, Macht und Militär“ der Stiftung Garnisonkirche Potsdam vom 12. März 2021

Mit dem am Freitag, den 12. März 2021 vorgestellten Konzept der Dauerausstellung vollzieht die Stiftung Garnisonkirche eine grundlegende Änderung ihres Geschichtsbildes. Das jahrzehntelang vermittelte Geschichtsbild erweist sich mit den Darlegungen des neuen Ausstellungskonzeptes als grobe Verfälschung der Geschichte. Darstellungen, für die Kritiker des Wiederaufbauprojektes bislang des Kirchenhasses, der Tatsachenverdrehung und als Ulbrichts Enkel bezichtigt wurden, macht sich die Stiftung nunmehr selbst zu Eigen.

Im neuen Konzept heißt es: „Der preußische Nationalprotestantismus, wie er vor allem in der Potsdamer Garnisonkirche praktiziert wurde, eignet sich nicht als Vorbild für die Gegenwart“ (S. 6), denn die „Nutzung des Gotteshauses als Ort militärischer Selbstvergewisserung“ basierte „insbesondere auf einer Verherrlichung der preußischen und deutschen Kriege“ (S. 16) und sei mit Rassismus, Antisemitismus sowie der Abwertung von Franzosen und Polen (S. 18) verbunden gewesen. Ab 1918 habe die Kirche „als Symbolort des nationalistischen und demokratiefeindlichen Lagers in der Weimarer Republik“ (S. 6) gedient und wurde für eine „antidemokratische, monarchistische, militaristische und nationalistische Symbolpolitik“ (S. 4) genutzt. An diese „republikfeindlichen Traditionslinien knüpfte [...]der Staatsakt zur Eröffnung des Reichstags am 21. März 1933 [Tag von Potsdam] an.“ (S.22) „Die Garnisonkirche war keine Keimzelle des Widerstands gegen den Nationalsozialismus.“ (S. 26)

Seit Projektbeginn haben aber die Betreiber des Wiederaufbaus bis heute ein beschönigendes und idealisiertes Geschichtsbild des Ortes gezeichnet: Die Garnisonkirche Potsdam sei „nationales Tafelsilber“ (aktuelle Website der Stiftung) und stehe „für christliches verantwortetes Handeln für die Gemeinschaft, für die Verbindung von christlichem Glauben und ‚preußischen Tugenden‘“ (Flyer von 2015). Es hieß, „die positiven Traditionen, die von dieser Kirche ausgingen“, seien zu unrecht verschwiegen worden (Andreas Kitschke, Gründungs- und Vorstandsmitglied der Fördergesellschaft, 2000). Denn „die Garnisonkirche stand und steht für christliche Tugenden“ (Schirmherr Jörg Schönbohm 2000), die „uns verpflichtet, an ihrer zeitlos gültigen Botschaft festzuhalten“ (Schönbohm 2002). „Preußische Tugenden, die sich in dieser Kirche symbolisch vereinigten, sprechen die Menschen auch heute noch an, weil sie zeitlos gültig sind.“ (Schönbohm 2000)

Es hieß, in der Kirche sei eine „Keimzelle des Widerstandes“ gegen das NS-Regime gewesen (Manfred Stolpe 2006), hier hätten die Attentäter des 20. Juli 1944 ihr „Gewissen geschärft“ (Stadtkirchenpfarrer Markus Schütte 2005), der Tag von Potsdam sei ein dreiviertelstündiger „Missbrauch“ ihrer hehren Werte gewesen (Kitschke 2000). Und so sei sie zum Opfer von Nationalsozialismus, Bombenkrieg und DDR-Diktatur geworden, der Wiederaufbau sei eine überfällige Wiedergutmachung ihrer Schändung. Mit der Rekonstruktion solle an die Preußischen Tugenden erinnert und ein Symbol des Glaubens und unserer Identität errichtet werden (Spenderstatements 2015).

Doch was folgt nun daraus, dass die Stiftung ihr Geschichtsbild grundlegend revidiert? Mit diesem neuen Narrativ werden 230 Quadratmeter Ausstellungsfläche im dritten Obergeschoss der Besucher bestückt, d.h. in einem Zwanzigstel des Gebäudevolumens abseits der Hauptbewegungsströme der Besucher. Zugleich hält man an der originalgetreuen Rekonstruktion des Symbolbaus des Nationalprotestantismus als nationalem Tafelsilber fest.

Für das 45 Mio. € teure Bauvorhaben ist die Dauerausstellung ein Feigenblatt, um am eigentlichen Vorhaben trotz anhaltender Kritik ungestört festhalten zu können. Und so verknüpften Stiftungsvorstand Wieland Eschenburg und Beiratsvorsitzender Prof. Paul Nolte die Präsentation der Ausstellungskonzeption mit der Klarstellung, dass an der architektonischen Planung unverändert und kompromisslos festgehalten werde.

Aber es ist inakzeptabel, dass im 21. Jahrhundert das Bildprogramm des preußischen Nationalprotestantismus ungebrochen nachgebildet wird. Somit manifestiert der visuelle und akustische Bauschmuck wirkungsmächtig im öffentlichen Raum das ungebrochene Wiederaufgreifen alter Traditionen, und nur diejenigen, die in den kleinen abgelegenen Ausstellungsbereich finden, erfahren, dass dieser militaristische (Trophäen), antisemitische (Glockenspiel) und frankophobe (Wetterfahne) Bedeutungen transportiert.

Wir fordern daher, dass aus dem nun korrigierten Geschichtsbild, welches die jahrzehntelangen Begründungen für das Wiederaufbauvorhaben Lügen straft, Konsequenzen für Bauwerk und Stiftung folgen.

Baulich soll auf die Kirchturmhaube und den militärischen Bauschmuck verzichtet und das Kunst- und Kreativhaus Rechenzentrum erhalten werden

Das Erdgeschoss des Turmbaus soll der historischen Vermittlung der Geschichte des Ortes gewidmet werden, die Aktivitäten der Nagelkreuzkapelle können im untergenutzten Heilig-Kreuz-Haus stattfinden.

Die Satzungen der Stiftung und der Fördergesellschaft sollen im Hinblick auf ihre Zielsetzungen und die Zusammensetzung des Stiftungskuratoriums geändert werden. Priorität soll einem Lernort eingeräumt werden, der sich kritisch mit der Geschichte des preußisch-deutschen Nationalprotestantismus befasst.

Mit diesen Schritten würde die Stiftung sich endlich von dem von Max Klaar und der Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel vorgeprägten Wiederaufbaukonzept verabschieden, welches originalgetreuen Wiederaufbau, eine Kapelle als Ort der Verkündigung und die Erinnerung an den Widerstand es 20. Juli vorsah.

Der nun von der Stadt Potsdam initiierte Prozess zur Entwicklung eines inhaltlichen und gestalterischen Konzeptes für den Bereich Garnisonkirche/Rechenzentrum sollte genutzt werden, um zu einer neuen Lösung für den Ort zu kommen.

Potsdam, den 16. März 2021

Prof. Philipp Oswalt,
Carsten Linke
Für den Lernort Garnisonkirche

Prof. Dr. Micha Brumlik
Prof. Dr. Michael Daxner
Prof. Dr. Manfred Gailus
Prof. Dr. Susannah Heschel
Prof. Dr. Horst Junginger
Prof. Dr. Andreas Pangritz
Dr. Agnieszka Pufelska
Für den wissenschaftlichen Beirat Lernort Garnisonkirche

Propst i.R. Michael Karg
Vorsitzender Martin-Niemöller-Stiftung

Keine Kirchturmhaube – Priorität für einen Lernort!

In einem offenen Brief sprechen sich hundert internationale Wissenschaftler, Architekten, Künstler, Kirchenvertreter, Kulturschaffende und zivilgesellschaftlich Engagierte dafür aus, bei dem Wiederaufbau des Kirchturms der Garnisonkirche Potsdam auf den Nachbau der umstrittenen Turmhaube zu verzichten, da diese für einen problematischen Nationalprotestantismus steht.

Sie kritisieren die falsche Prioritätensetzung der Projektbetreiber, welche die Frage des Lernorts vernachlässigt haben. Während eine komplette Originalrekonstruktion des Kirchturms für 45 Mio. €  erfolgen soll, fehlt es für den angekündigten Lernort an allem: An einem Konzept, an Ausstellungsfläche, an Personal, an Geld.

Als Projektverantwortliche sind das Kuratorium und der wissenschaftliche Beirat der Stiftung Garnisonkirche, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier als Schirmherr der Stiftung und Kulturstaatsministerin Monika Grütters als Hauptgeldgeberin adressiert. Zu den Unterzeichnern gehören die Wissenschaftler Micha Brumlik, Geoff Eley, Hans Ulrich Gumbrecht, Susannah Heschel, Uffa Jensen, Robert Jan van Pelt, Stefanie Schüler-Springorum, James E. Young und Wolfram Wette; die Kulturschaffenden Mo Asumang, Monica Bonvicini, Jochen Gerz, Katharina Hacker, Thomas Heise, Kasper König und Olaf Nicolai; die Architekten Inken Baller, Lousia Hutton, Christoph Ingenhoven, HG Merz, Matthias Sauerbruch, Michael Schumacher, Werner Sobek, Günter Zamp Kelp, der Kirchenmann Friedrich Schorlemmer sowie Anetta Kahane (Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung), Franz Nadler (Vorsitzender von Connection e.V., Internationale Arbeit für Kriegsdienstverweigerer und Deserteure, Offenbach) und Ulrich Schneider (Bundessprecher der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten).

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Hier der Offenen Brief im Wortlaut:

Potsdam, den 12.3.2021

Garnisonkirche Potsdam: Keine Kirchturmhaube – Priorität für einen Lernort!

Sehr geehrtes Kuratorium und sehr geehrter wissenschaftlicher Beirat der Stiftung Garnisonkirche Potsdam,
sehr geehrter Herr Bundespräsident Dr. Frank Walter Steinmeier,
sehr geehrte Frau Kulturstaatsministerin Prof. Monika Grütters,

der von Ihnen verfolgte Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam ist eine offene Baustelle. Nicht nur, weil sich dafür die Baukräne in Potsdams Innenstadt drehen. Die Stadt Potsdam hat einen zweijährigen Diskussionsprozess initiiert, um die bislang ungeklärten Fragen des Kirchenschiffs und der Zukunft des Rechenzentrums zu adressieren. Auch mit den in Aussicht gestellten neuen Bundesmitteln fehlen nach wie vor Millionen Euro für den Bau des Kirchturms. Die seit April 2020 stattfindende Prüfung des Bundesrechnungshofes, ob die bisherige Bundesförderung rechtmäßig war, ist noch nicht abgeschlossen. Über den zukünftigen Umgang mit dem aufgrund seiner rechtsradikalen Inschriften in Verruf geratenen Glockenspiel ist noch nicht entschieden. Die interreligiösen und internationalen Positionen sind aus dem Beirat der Stiftung Garnisonkirche ausgeschieden.

Doch das wichtigste: Für die vorgebliche Funktion des Wiederaufbaus – ein Lernort deutscher Geschichte zu sein – fehlt es noch an allem. Nach 20 Jahren gibt es immer noch keine Konzeption. Für den zukünftigen Betrieb des Lernorts gibt es weder gesicherte Einnahmen noch Fachpersonal. Und trotz inzwischen 44 Mio. € Baukosten gibt es für den Lernort bislang nur eine Ausstellungsfläche von 230 qm in einer Zwischenetage. Dieses Problem hat die Stiftung Garnisonkirche inzwischen anscheinend auch selbst erkannt, denn sie bemüht sich nun um die Anmietung von Ausstellungsflächen im benachbarten, neu entstehenden Kreativquartier, für die sie aber bislang über gar keine Gelder verfügt. Sie gesteht damit ein, dass der Kirchturms den Anforderungen eines Lernorts nicht genügt.

Während also viele Probleme ungelöst sind, hält die Stiftung an ihrem Kurs fest, die originalgetreue Nachbildung des verlorenen Baus um jeden Preis voranzutreiben und darüber alle konzeptuellen und inhaltlichen Fragen dieses angeblichen „Lernorts“ zu vernachlässigen. Im September letzten Jahres hat sie beim Bund beantragt, anders als bislang geplant, die überwiegend öffentlich finanzierte Grundvariante um die Kirchturmhaube zu erweitern. Die Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat angekündigt, diesem Wunsch Folge zu leisten.

Wir fordern das Kuratorium der Stiftung, ihren Schirmherren Bundespräsident Frank Walter Steinmeier und den wissenschaftlichen Beirat und das Kulturstaatsministerium als Hauptgeldgeber auf, von diesem Schritt Abstand zu nehmen und keine neuen Festlegungen zu treffen, bevor nicht die Fragen von Konzeption und Finanzierung des Lernorts einschließlich einer veränderten Form seiner Trägerschaft, der Perspektive für das Gesamtareal und damit der Zukunft des Rechenzentrums geklärt sind. Der originalgetreue Wiederaufbau der Kirchturmhaube wäre nicht nur eine falsche Priorisierung bei den anstehenden Aufgaben. Wir bezweifeln auch, dass diese Maßnahme für den angekündigten Lernort deutscher Geschichte das richtige Zeichen ist. Wir fordern hierzu eine ergebnisoffene fachliche und gesellschaftliche Debatte.

Die Kirchturmhaube fiel nicht der geschichtsvergessenen und kulturlosen Abrissentscheidung in der DDR zum Opfer, sie wurde durch die Fliegerangriffe am 14. April 1945 zerstört. Über mehr als zwei Jahrzehnte war ihr Fehlen sichtbares Zeichen der Zerstörung durch einen Krieg und eines zivilisatorischen Bruches, dessen destruktive Kraft nach fünf Jahren und über 60 Millionen Toten hier nun auch einen seiner Ausgangspunkte heimgesucht hatte. Wieso soll heute der Zustand von 1939 einschließlich der im NS-Regime ergänzten Schwingglocken wiederhergestellt werden? An vielen Orten in Ost und West hatte man sich nach 1945 auch bei Wiederaufbauprojekten bewusst entschieden, Zeichen der Kriegszerstörungen zu bewahren, sei es die Paulskirche in Frankfurt am Main, die Kreuzkirche in Dresden, die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin oder auch die Kathedrale von Coventry.

Hinzu kommt: Eine originalgetreue Turmhaube wäre ein besonders fragwürdiges Symbol des Wiederaufbauprojekts. Sie stand im Fokus des Engagements ihres rechtsradikalen Initiators, des ehemaligen Bundeswehroffiziers Max Klaar. Er begann seine Aktivitäten mit dem Nachbau des Glockenspiels der Kirchturmhaube. Und in seinen Verhandlungen setzte er gegenüber der evangelischen Kirche - entgegen deren ursprünglicher Absicht - durch, dass die Turmhaube incl. Wetterfahne völlig originalgetreu wiederhergestellt werden soll. Das war ein Wortbruch gegenüber innerkirchlichen Kritikern. Denn der Kirchenkreis Potsdam hatte im Oktober 2001 nur unter „der unabdingbaren Voraussetzung“ einer Veränderung der Gestalt der Kirchturmhaube als sichtbarem Bruch in der äußeren Erscheinung des Turms dem Projekt zugestimmt. Dies hatten damals auch Bischof Wolfgang Huber, Superintendent Bertram Althausen, der Öffentlichkeitsbeauftragte der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg Markus Bräuer und der Autor des Nutzungskonzepts Martin Vogel so vertreten und unterstützt.

Gerade die Kirchturmhaube ist zu einem Symbol des problematischen Nationalprotestantismus geworden, der in dieser Kirche gepredigt wurde und der Obrigkeitshörigkeit, Nationalismus, Militarismus und den Hass auf fremde Völker christlich legitimierte. Ein Verzicht auf dieses Symbol würde auch sicherstellen, dass das Vorhaben nicht mehr Applaus und Unterstützung von der falschen Seite bekommt – von Rechtsradikalen.

Das Projekt – angeblich ein Ort der Versöhnung – hat in Stadtgesellschaft und Kirche nachhaltigen Unfrieden gestiftet und diese unversöhnlich gespalten. Grund hierfür war nicht zuletzt, dass im Lauf der Projektentwicklung die Betreiber des Vorhabens mehrfach ihr Wort gebrochen haben, einen Bürgerentscheid ausgetrickst, sich Gesprächen verweigert und ihre Kritiker diffamiert haben. Ein Verzicht auf den umstrittensten Teil des Kirchturms wäre – neben dem Erhalt des Kunst-und Kreativhaus Rechenzentrum - eine Geste der Versöhnung.

Eine öffentliche Förderung der Turmhaube würde zudem im Widerspruch zu den früher gemachten Versprechen und dem Förderrecht stehen. Und selbst mit diesen Mitteln würde das Geld für den Bau und Betrieb des Kirchturms als Lernort bei weitem nicht reichen. Daher läge es nur nahe, zu der von den Projektbefürwortern bereits 1992 aufgebrachten Idee einer stufenweisen Realisierung des Kirchturms zurückzukehren, und sich mit der Erstellung des Turms bis zur Aussichtsplattform und ohne den hölzernen Aufbau zufrieden zu geben, jedenfalls so lange bis alle offenen konzeptuellen und finanziellen Fragen geklärt, die Prüfung des Rechnungshofs sowie der von der Stadt Potsdam initiierte Prozess der Konzeptfindung abgeschlossen sind. Die verfügbaren Gelder sollten in den erstmal zu konzipierenden Lernort investiert werden.

  • Mo Asumang, Filmemacherin, Autorin und Moderatorin, Berlin
  • Ferda Ataman, Publizistin, Berlin
  • Prof. Inken Baller, Architektin, Berlin
  • Dipl. Rest. Daniela Baumberg, Restauratorin, Berlin
  • Gerd Bauz, Vorstand der Martin-Niemöller Stiftung, Frankfurt am Main
  • Prof. Dr. Hanne-Margret Birckenbach, Friedens- und Konfliktforscherin, Hamburg
  • Heinrich und Petra von Beerenberg, Verleger, Berlin
  • Prof. Monica Bonvicini, Künstlerin, Universität der Künste Berlin  
  • Prof. Micha Brumlik, Goethe-Universität Frankfurt am Main/ Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg
  • Uta Brux, Erziehungswissenschaftlerin, Berlin
  • Prof. Berthold Burkhardt, Architekt, Braunschweig
  • Dr. Max Czollek, Autor, Berlin
  • Prof. Dr. Michael Daxner, Prof. für Soziologie und Jüdische Studien a.D., Potsdam
  • Prof. Dr. Gabriele Dolff-Bonekämper, Kunsthistorikerin, Technische Universität Berlin
  • Dr. Hermann Düringer, Direktor der Evangelischen Akademie a.D., Frankfurt am Main
  • Prof. Dr. Geoff Eley, Historiker, Michigan-University, Ann Arbor (USA)
  • Prof. em. Dr. Peter Euler, Pädagogik der Natur- und Umweltwissenschaften, Technische Universität Darmstadt
  • Prof. Dr. Anke Fissabre, Prof. für Geschichte und Theorie der Architektur, Aachen
  • Prof. Dr. Ingeborg Flagge, ehemalige Direktorin des Deutschen Architekturmuseum Frankfurt am Main
  • Dr. Otto Flagge, Stadtplaner, Kiel
  • Dr. Thomas Flierl, Senator für Wissenschaft, Forschung und Kultur a.D., Berlin
  • Ulrich Frey, Vorstand der Martin-Niemöller-Stiftung e.V.
  • Christine Fuchs, Lehrerin, Chigwell-Essex (UK)
  • Prof. Dr. rer.nat. Ernst-Martin Füchtbauer, Department of Molecular Biology and Genetics, Aarhus University
  • Prof. Dr. Hajo Funke, Politikwissenschaftler, Freie Universität Berlin
  • Prof. Dr. Manfred Gailus, Historiker, Berlin
  • Jochen Gerz, Künstler, Killarney (Irland)
  • Adrienne Goehler, Senatorin für Wissenschaft, Forschung und Kultur a.D., Berlin
  • Stefan Grieger, Landschaftsarchitekt, Berlin
  • Prof. Dr. Hans Ulrich Gumbrecht, Albert Guérard Professor, Emeritus, Stanford University, Presidential Professor of Literature, Hebrew University, Jerusalem
  • Katharina Hacker, Schriftstellerin, Berlin
  • Prof. Thomas Heise, Akademie der bildenden Künste Wien/ Filmuniversität „Konrad Wolf“, Potsdam/ Direktor der Sektion Film und Medienkunst der Akademie der Künste, Berlin
  • Rudolf Herbord, Landwirt, Melle
  • Prof. Dr. Susannah Heschel, Dartmouth College, New Hampshire, USA
  • Ludwig Hoffmann, Oberbürgermeister a.D., Wernigerode
  • Louisa Hutton, Architektin, Berlin
  • Christoph Ingenhoven, Architekt, Düsseldorf
  • Professor Dr. Uffa Jensen, Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin
  • Prof. Dr. Horst Junginger, Religionswissenschaftler, Universität Leipzig
  • Anetta Kahane, Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, Berlin
  • Michael Karg, Vorsitzender der Martin-Niemöller-Stiftung e.V., Wiesbaden
  • Wilhelm Kautter, Pfarrer im Ruhestand, Leipzig
  • Theresa Keilhacker, Architektin, Berlin
  • Dr. Linda v. Keyserlingk-Rehbein, Kuratorin Militärhistorisches Museum Dresden
  • Anne König, Verlegerin Spector Books, Leipzig
  • Prof. Kasper König, freier Ausstellungsmacher, Berlin
  • Tom Koenigs, ex-MdB und Vorsitzender des Menschenrechtsausschusses, Berlin/ Frankfurt Main
  • Dr. Hanns Michael Küpper | Architektur und Denkmalpflege, Stellv. Heimatpfleger der Stadt München
  • Dr. Annette Leo, Historikerin, Berlin
  • Carsten Linke, Vorstand  Förderverein für antimilitaristische Traditionen in der Stadt Potsdam e.V.
  • Christine Madelung, Organisationsberaterin, Frankfurt am Main
  • Prof. Dr. Hans-Rudolf Meier, Architekturhistoriker und Denkmalpfleger, Bauhaus-Universität Weimar
  • Dr. Meron Mendel, Pädagoge, Bildungsstätte Anne Frank, Frankfurt am Main
  • Prof. HG Merz, Architekt, Stuttgart/ Berlin
  • Dr. Hans Misselwitz, Mitglied der Grundwertekommission der SPD, Berlin
  • Franz Nadler, Vorsitzender von Connection e.V., Internationale Arbeit für Kriegsdienstverweigerer und Deserteure, Offenbach
  • Henrike Naumann, Künstlerin, Berlin
  • Karsten Neumann, Künstler, Nürnberg (Bethang)
  • Prof. Dr. Olaf Nicolai, Künstler Berlin/ Akademie der Bildenden Künste München
  • Prof. Dr. Matthias Noell, Professor für Architekturgeschichte + Architekturtheorie, Universität der Künste Berlin
  • Prof. Philipp Oswalt, Professor für Architekturtheorie und Entwerfen, Universität Kassel
  • Prof. Dr. Andreas Pangritz, evangelischer Theologe an der Universität Bonn
  • Annette Paul, Profilgemeinde Die Nächsten, Potsdam
  • Robert Jan van Pelt, Architekturhistoriker/ Auschwitzforscher, School of Architecture, Waterloo University
  • Stefan Pietryga, Künstler, Potsdam
  • Dr. Alexia Pooth, Kunsthistorikerin Potsdam
  • Dr. Agnieszka Pufelska, Kulturhistorikerin, Nordost-Institut an der Universität Hamburg
  • Eva Quistorp, MdEP a.D., Theologin und Mitgründerin der Grünen und der Frauen für den Frieden
  • Prof. Dr. Rolf Sachsse, Photograph, Bonn
  • Prof. Matthias Sauerbruch, Architekt, Direktor der Sektion Baukunst der Akademie der Künste, Berlin
  • Prof. Klaus Schäfer, Architekt und Städtebauer, Hochschule Bremen
  • Prof. Dr. Ingrid Scheurmann, Denkmalpflegerin, TU Dortmund
  • Dr. Jens-Uwe Schmollack, Physiker, Potsdam
  • Dr. Ulrich Schneider, Historiker, Bundessprecher der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA), Generalsekretär der Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer (FIR), Berlin
  • Prof. Dipl.-Ing. Dr.-Ing. Angelika Schnell, Architekturtheoretikerin Akademie der bildenden Künste Wien
  • Friedrich Schorlemmer, Pfarrer und Studienleiter der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt a.D., Lutherstadt-Wittenberg
  • Prof. Dr. Klaus Schrenk, Kunsthistoriker Berlin, ehem. Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen
  • Dr.-Ing. Heinrich Schroeter, Altpräsident der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau
  • Prof. Dr. Stefanie Schüler-Springorum, Zentrum für Antisemitismusforschung, TU Berlin
  • Prof. Dr. Christoph Schulte, Judaist, Universität Potsdam
  • Dr. Sven Schultze, Historiker, Berlin
  • Prof. Michael Schumacher, Architekt, Frankfurt am Main
  • Prof. Dr. Werner Sobek, Architekt, Stuttgart
  • Janik Speckemeier, Studentin, Paderborn
  • Dr. med. Wolfgang Steuer, Trossingen
  • Hermann Treusch, Schauspieler, Regisseur und Intendant, Berlin
  • Dr. Helga Trüpel, Kultursenatorin a.D., MdEP a.D.
  • Günther Vieser, Rentner, Hohenstein-Holzhausen
  • Dr. Wolfgang Voigt, Architekturhistoriker, früher stellvertretender Direktor am Deutschen Architekturmuseum, Frankfurt am Main
  • Ulrich Warntjen, Sprachgestalter, Aurich
  • Anselm Weidner, Journalist, Berlin
  • HPC Weidner, Leiter Bau- und Kunstdenkmalpflege im Landesamt für Denkmalpflege Sachsen-Anhalt a.D.
  • Johannes Weissinger, Regionale Arbeitsgemeinschaft Westfalen der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft Kriegsdienstverweigerung und Frieden, Dortmund
  • Jan Wenzel, Verleger, Spector Books Leipzig
  • Monika Wiebusch, Stadtplanerin, Kassel
  • Prof. Dr. Karin Wilhelm, Architekturtheoretikerin, TU Braunschweig/ Berlin
  • Prof. Dr. Wolfram Wette, Militärhistoriker und Friedensforscher, Universität Freiburg
  • Prof. Thomas Will, TU Dresden, Vorsitzender Landesdenkmalrat Berlin, Sprecher Klasse Baukunst der Sächsischen Akademie der Künste
  • Prof. Dr. James E. Young, Sprachwissenschaftler und Judaist, Gründungdirektor Institute for Holocaust, Genocide, and Memory Studies, University of Massachusetts Amherst
  • Prof. Günter Zamp Kelp, Architekt, Berlin

Rechtmäßigkeit der öffentlichen Förderung fraglich

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Kürzlich wurde bekannt, dass der Bundesrechnungshof seit April 2020 die öffentliche Finanzierung des Bauvorhabens Garnisonkirche Potsdam prüft, die inzwischen deutlich über 50% liegt. Ebenfalls hat sich ein Rechercheteam des Lernort Garnisonkirche mit den offenkundigen massiven Ungereimtheiten der Förderung des Projektes befasst und unter anderem zahlreiche Unterlagen bei Bund und Land auf Basis des Informationsfreiheitsgesetz gesichtet. Die Ergebnisse haben wir heute in einem 24-seitigen Recherchebericht veröffentlicht.

Auch wenn in der seit mehr als drei Jahrzehnten andauernden Kontroverse um den Wiederaufbau der Garnisonkirche die inhaltlichen Fragen im Zentrum stehen, waren Themen der Finanzierung immer wieder Teil der Auseinandersetzung. Die mangelhafte gesellschaftliche und demokratische Legitimierung des Projektes schlägt sich in seinen fortgesetzten Finanzierungsproblemen nieder. Das geringe Spendenaufkommen, fehlende Transparenz, widersprüchliche Angaben, anhaltende Finanzierungslücken und steigende Baukosten werfen dabei nicht nur politische, sondern auch haushalts- und förderrechtliche Fragen auf.

Die aktuellen und fortdauernden Finanzprobleme der Stiftung sind nicht irgendwelchen überraschenden Entwicklungen geschuldet, sondern waren vorhersehbar. Das Vorgehen der Stiftung war und ist nicht seriös, und es ist anzunehmen, dass die Stiftung Dinge bewusst verzerrt und beschönigt hat, um die Öffentlichkeit und Entscheidungsträger damit in die Irre zu führen. Die Finanzsituation wurde mit mehreren Tricks schön gerechnet und damit ein unzutreffendes Bild der finanziellen Bedingungen gegeben. So wurde Unterstützung und Gelder für das Projekt organisiert, die bei einer ehrlichen Darstellung nicht möglich gewesen wäre. Eine Verausgabung der vom Bundestag bereits beschlossen zusätzlichen Mittel sind zudem mit dem Förderrecht nicht vereinbar, da sie "Mehrkosten" weder unvorhersehbar noch unabweisbar waren. Eine Bewilligung der von der Stiftung beantragten zusätzlichen Förderung über 8,25 würde gegen geltendes Recht verstoßen.

Unser Bericht dokumentiert die Hintergründe der finanziellen Beteiligung des Bundes, die inzwischen fast 100% der 2017 benannten Kosten der geförderten Maßnahme (1. Bauphase Rekonstruktion Turm) erreicht hat. Die Recherchen stellt die Rechtmäßigkeit des ursprünglichen Förderbescheids in Frage, denn die zum 26.10.2017 vom Bund erteilte Förderbewilligung erfolgte, obwohl die erforderliche Gesamtfinanzierung des Projektes offensichtlich nicht gegeben war und bis heute nicht gegeben ist. Dies aus mehreren Gründen:
• Das Projekt wurde in zwei Teilphasen zerlegt, die aber in sich keine eigenständigen abgeschlossenen Maßnahmen darstellen und als solche auch nie so beabsichtigt waren. Es war ein Kunstgriff, um den Eindruck einer gesicherten Finanzierung für die erste Phase darstellen zu können.
• Die Gesamtkosten wurden für den Förderantrag von zunächst ermittelten 40,3 Mio. € auf 35,6 Mio. € heruntergerechnet, ohne dass ein verringerter Maßnahmenumfang dies begründete, sodass wenig überraschend die Gesamtkosten inzwischen laut Angabe der Stiftung Garnisonkirche (SGP) auf 44 Mio. € gestiegen sind. Ebenso wurde für den Förderantrag der Realisierungszeitraum von zunächst über vier Jahren auf unter drei Jahre reduziert. Inzwischen wird von einem Realisierungszeitraum von fünf Jahren ausgegangen.
• Auch für den zukünftigen Betrieb wurde von der ursprünglichen Berechnung wesentlich abgewichen, Kostenansätze reduziert und Einnahmeerwartungen erhöht, um somit pro forma einen für die Förderbewilligung erforderlichen Nachweis eines gesicherten Betriebes darstellen zu können, der aber de facto so völlig unrealistisch ist.
• Die Stiftung und ihr Förderverein lassen die Öffentlichkeit und damit auch ihre Spender*innen über ihre Einnahmen und Ausgaben im Unklaren und verweigern die bei anderen Spendenorganisationen übliche Transparenz (Spendenspiegel, Spenden-TÜV, regelmäßige Offenlegung des Jahresabschlusses, der Finanzplanung und der Prüfberichte einer unabhängigen Wirtschaftsprüfung). Sie haben in der Vergangenheit widersprüchliche und damit zum Teil falsche bzw. irreführende Angaben über Einnahmen und Kosten kommuniziert.

Und nun? Wir fordern
Das Vorhaben und die Tätigkeit der Stiftung Garnisonkirche Potsdam sind – ganz anders als ursprünglich versprochen und über lange Zeit immer wieder zugesagt –  überwiegend aus Steuergeldern von der Allgemeinheit finanziert. Daher ist die Stiftung der Öffentlichkeit Rechenschaft schuldig, zumal sie schrittweise mehr und mehr öffentliche Gelder ein- und abfordert. Wir fordern daher von Stiftung und Fördergesellschaft eine Offenlegung ihrer Finanzen. 
Wir fordern die öffentlichen Geldgeber, insbesondere das BKM auf, bevor diese Offenlegung nicht erfolgt ist und bevor nicht der Abschlussbericht des Bundesrechnungshofs vorliegt, keinerlei neuen Förderungsbewilligungen mehr zu erteilen und damit auch den von der Stiftung im Herbst 2020 eingereichten erneuten Förderantrag einstweilen nicht zu bewilligen.
Poltische Stellungnahmen
Die Oppositionsfaktionen DIE GRÜNEN und DIE LINKE teilen unsere Kritik der öffentlichen Förderung des Vorhaben, und auch MdB Thomas Hacker (FDP) hat sich kritisch hierzu geäußert. Anlässlich der heutigen Veröffentlichung unserer Recherchen äußerte MdB Anja Hajduk, stellvertretende Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion und Mitglied im Haushaltsausschuss: „Der Wiederaufbau der Garnisonkirche ist sowohl aus erinnerungspolitischen Gründen als auch wegen der unklaren Finanzierung sehr problematisch. Wir haben daher in den Haushaltsverhandlungen immer wieder gefordert, die Bundesmittel für den Wiederaufbau der Garnisonkirche in Potsdam zu sperren. Es ist wichtig, dass der Bundesrechnungshof die Finanzierung der Garnisonkirche nun prüft, damit die vielen offenen Fragen geklärt werden können. Bis dies erfolgt ist, dürfen keine weiteren Bundesmittel fließen.“
Norbert Müller, Bundestagsabgeordneter der Linken, aus Potsdam, sagt:
"Seit Jahren droht der Bau der Potsdamer Garnisonkirchenturmkopie ein Fass ohne Boden für die Steuerzahler*innen zu werden. Das Warten auf Spenden für die Stiftung Garnisonkirche wirkt dabei zunehmend bizarr. Erst sollten die Millionenkredite der Kirche einen Spendenboom auslösen, dann die Millionen der Bundesregierung und schließlich der Baustart. Nichts davon ist eingetreten. Die Wahrheit ist: Grade die De-Facto-Garantie der Bundesregierung komme was da wolle Geld nachzuschießen lässt gar keinen Notwendigkeit für die Stiftung mehr offen, sich um Spenden zu bemühen. Die Bundesregierung hat sich längst in die Position des Erpressten gebracht. Diese Situation ist nur noch auflösbar, wenn der Stiftung Garnisonkirche Potsdam endlich der Steuergeldhahn zugedreht wird."
 
Unser 24-seitige Recherchebericht sowie unsere detaillierte Forderungen finden Sie unterclass="" href="http://lernort-garnisonkirche.de/?p=1055">http://lernort-garnisonkirche.de/?p=1055
Rechercheteam Lernort Garnisonkirche:
Philipp Oswalt, Lernort Garnisonkirche
Sara Krieg, Bürgerinitiative für ein Potsdam ohne Garnisonkirche
Carsten Linke, Verein zur Förderung antimilitaristischer Traditionen in der Stadt Potsdam e.V.

Wissenschaftlicher Beirat

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class="wp-element-caption">Mitglieder des Beirats am 12. Juni 2020 bei einer Führung durch das Rechenzentrums mit der Kulturmanagerin Anja Engel, im Hintergrund die Baustelle des Garnisonkichentrum, gesehen vom Dach des Rechenzentrums. Von links nach rechts: Manfred Gailus, Michael Daxner, Micha Brumlik, Anette Leo, Matthias Grünzig, Anja Engel.

Michael Daxner (* 1947 in Wien) ist ein deutsch-österreichischer Sozialwissenschaftler. 1974 Professor für Hochschuldidaktik an der Universität Oldenburg. 1986 bis 1998 Präsident der Universität Oldenburg. Anschließend Professur für Soziologie und Jüdische Studien. Seit 2003 arbeitet Michael Daxner an Beratungs- und Forschungsprojekten für Entwicklung und Sicherheit in Kosovo und Afghanistan. Vorstand der  Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg

Gabriele Dolff-Bonekämper (* 1952 in Münster) ist Kunsthistorikerin. Von 1988 bis 2002 arbeitete sie als Inventarisatorin beim Landesdenkmalamt Berlin. Von 2005 bis zur Emeritierung 2022 Professorin für  Denkmalpflege und urbanes Kulturerbe am Institut für Stadt- und Regionalplanung der Technischen Universität Berlin. Sie ist Specherin des 2016 eingerichteten DFG Graduiertenkollegs „Identität und Erbe“. Arbeitsschwerpunkte:  Denkmalwertheorie, Erinnerungsforschung, Architektur und Städtebau der Nachkriegsmoderne.

Geoff Eley (* 1949 in  Burton-on-Trent, UK) ist ein britischer Historiker für deutsche Geschichte. Er ist Karl Pohrt Distinguished University Professor of Contemporary History an der Michigan-Univerity in Ann Arbor.  Eleys frühe Arbeiten beziehen sich auf das radikale imperialistische Deutschland und den Faschismus, aber sie umfassen mittlerweile auch die theoretische und methodische Reflexion der Geschichtsschreibung und die Geschichte der politischen Linken in Europa. Eley ist speziell für seine gemeinsam mit David Blackbourn verfasste Studie bekannt The Peculiarities of German History (zuerst in Deutsch als: "Mythen deutscher Geschichtsschreibung", 1980)

Manfred Gailus (* 1949 in Winsen (Luhe)) ist ein deutscher Historiker und apl. Professor für Neuere Geschichte am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin. 1988 wurde er mit einer Untersuchung über soziale Protestbewegungen während der Revolution 1848/49 promoviert. Er war Wiss. Mitarbeiter an der TU Berlin und am Hamburger Institut für Sozialforschung. Mit Studien über Protestantismus und Nationalsozialismus am Beispiel Berlins wurde er 1999 habilitiert. Seither zahlreiche Publikationen zur Protestantismusgeschichte und zum christlichen Antijudaismus und Antisemitismus.

Matthias Grünzig (* 1969 in Berlin) ist Literatur-  und Theaterwissenschaftler, Journalist und Buchautor. Promotion zu Thema „Für Deutschtum und Vaterland. Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert“, 2017 im Metropol Verlag als Buch erscheinen. Diverse Publikationen u.a. zur Architektur der Nachkriegsmoderne in der DDR.

Karen Hagemann (* 1955 in Hamburg), ist Historikerin mit dem Forschungsschwerpunkten in Neuerer und Neuster Geschichte Deutschlands, Europas uns Transatlantischen Verhältnissen, Frauen-, Geschlechter - und Militärgeschichte. Nach meheren (Gast)professuren in Deutschland, Canada und Großbritannien ist sie seit 2005 an der University of North Carolina at Chapel Hill tätig. Sei erhielt zudem zahlreiche Fellowships in USA und Europa.

Susannah Heschel (* 1956 in New York City) ist seit 2005 Professorin für jüdische Studien am Dartmouth College (New Hampshire). Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehörte das Verhältnis des Christentums zum Nationalsozialismus, christlicher Antijudaismus und Antisemitismus, der Verhältnis zwischen Judentums und Islam und Perspektiven eines feministischen Judentums. Sie unterrichtete u.a. an der Princeton University, der University of Cape Town und der Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

Horst Junginger (* 1959 in Gerstetten) ist Religionswissenschaftler und seit 2018 Professor für Religionswissenschaft und Religionskritik an der Universität Leipzig (Stiftungsprofessur Adolf Holl). Seine Forschungsschwerpunkte sind Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftstheorie, Religionskritik und Atheismus, die Religionsgeschichte des Dritten Reiches sowie die Antisemitismus- bzw. eine allgemeine Vorurteilsforschung.

Annette Leo (* 1948 in Düsseldorf) ist Historikerin, Biografin und Herausgeberin. Sie arbeitete in den 80er Jahren als Journalistin bei der Zeitschrift Horizont in Ost-Berlin. 1982 promovierte sie zum Thema „Spanische Arbeiterkommissionen im Kampf gegen das Franco-Regime“. Neben Arbeiten zur Antisemitismusforschung an den Universitäten Jena und FU Berlin, hat sie mehrere Bücher über NS-Opfer, antifaschistischen Widerstand sowie zur DDR-Gesellschaft publiziert.

Andreas Pangritz (* 1954 in Reudern) ist evangelischer Theologe und war von 2003 bis zu seiner Emeritierung 2019 Professor für Systematische Theologie an der Universität Bonn, wo er auch das Ökumenische Institut leitete. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Theologie Dietrich Bonhoeffers, Theologie nach Auschwitz, die Theologie des christlich-jüdischen Verhältnisses sowie das Verhältnis von "Dialektischer Theologie" und "Kritischer Theorie“.

Agnieszka Pufelska (* 1973  in Sierpc/Polen) ist Kulturhistorikerin. Sie promovierte in Kulturwissenschaften 2005 an der Viadrina in Frankfurt Oder und habilitierte 2015 in Geschichte an der Universität Potsdam mit der Arbeit „Der bessere Nachbar? Das polnische Preußenbild in der Zeit der Aufklärung (1764-1806)“. Seit 2016 ist sie Mitarbeiterin am Nordost-Institut an der Universität Hamburg (Lüneburg). Aktuell lehrt sie in Potsdam und Hamburg. 2020/2021 war sie Gastprofessorin an der Universität Wien.

Wolfram Wette (* 1940 in Ludwigshafen) ist Historiker und Friedensforscher. von 1971 bis 1995 Mitarbeiter am Militärgeschichtlichen Forschungsamt (MGFA) in Freiburg im Breisgau. 1990 habilitiertes er sich mit einer Biographie zu Gustav Noske. Von 1998 bis 2005 war er als außerplanmäßiger Professor für Neueste Geschichte am Historischen Seminar der Universität Freiburg tätig. Er ist Mitbegründer des Arbeitskreises Historische Friedensforschung (AHF) und Mitherausgeber der Reihe Geschichte und Frieden sowie des Jahrbuchs für Historische Friedensforschung (2001 umbenannt in Frieden und Krieg). Wette ist Mitglied des Förderkreises des pazifistischen Arbeitskreises Darmstädter Signal. Er ist Ehrenprofessor der russischen Universität in Lipezk.

Ehemalige Mitglieder: Linda von Keyserlingk-Rehbein (2020 - 2023)

Micha Brumlik (* 1947 in Davos, gestorben 2025 in Berlin) war Erziehungswissenschaftler. 1977 in Philosophie promoviert, war er von 1981 bis 2000 Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Heidelberg, anschließend an der Universität Frankfurt, wo er seit seiner Emeritierung Seniorprofessor ist. Als Mitglied der Jüdische Gruppe Frankfurt gründete er gemeinsam mit Dan Diner, Cilly Kugelmann und anderen 1986 die Zeitschrift Babylon. Mitherausgeber der politisch-wissenschaftlichen Monatszeitschrift "Blätter für deutsche und internationale Politik".  Stadtverordneter in Frankfurt am Main für Bündnis 90/Die Grünen von 1989 bis 2001. Leiter des Fritz Bauer Instituts von 2000 bis 2005.

Die Potsdamer Hof- und Garnisongemeinde (1732-1918)

Deo Triuni et Repurgatae Religioni Sacrum Templum hoc Concordiae Praesidiario Militi utriusque Confessionis Euangelicae ad coetum cultumque Diuinum destinatum FRIDERICI WILHELMI Magni Borussiae Regis et Electoris Brandenb[urgensis] Pietas Regiis Sumtibus aedificandum suscepit et Primum Lapidem posuit Anno MDCCXXX die [...] Decembris. Proferet lapidem capitalem, cum acclamationibus, gratia, gratia illi. Manus Serubabelis fundarum domum hanc; et manus Ejus absoluent. Zachar.: cap. IV, v. 7. 8.[1]

Dass diesen Worten im Grundstein der am 17. August 1732 eingeweihten Garnisonkirche wesentliche Angaben zum Charakter der Potsdamer Hof- und Garnisongemeinde zu entnehmen seien, war schon im 18. Jahrhundert erkannt worden. Zumindest sah man darin belegt, dass es sich hierbei um eine „immediate Militärstiftung“ handele. Das konnte bedeuten - und unter den betroffenen Ressorts dies zu klären, war Anlass der damaligen wie späterer Recherchen -, dass es sich bei dieser Kirchengemeinde um eine militärische Institution handelt, deren Angelegenheiten nicht in die Disposition eines landeskirchlichen Kollegiums, damals etwa des Kirchen-Direktoriums, fielen, sondern der alleinigen Verfügung des Königs unterlagen. Diese Immediatität blieb auch im gesamten 19. Jahrhundert bestehen. Die preußische Militärkirchenordnung von 1832 bestätigte sie noch einmal ausdrücklich. Sowohl 1840 als vor allem auch 1901 weigerte sich der König, einer vom Kultusminister wie (1901) zusätzlich vom Kriegsministerium und dem Evangelischen Oberkirchenrat gemeinsam geforderten Neuregelung der Ressortverhältnisse zu Lasten der Immediatität - etwa durch Unterstellung der Hof- und Garnisongemeinde unter das brandenburgische Konsistorium - zuzustimmen.

Das großräumige, über 3000 Plätze fassende Gotteshaus wurde in knapp zwei Jahren anstelle der am Neujahrstag 1722 eingeweihten, jedoch bereits baufällig gewordenen ersten Garnisonkirche nach den Plänen Philipp Gerlachs errichtet und bildete mit dem erst 1735 fertiggestellten etwa 90 m hohen Turm ein nicht nur optisch, sondern auch hinsichtlich der Funktion markantes Wahrzeichen der Stadt, welcher der Soldatenkönig mit einer ganzen Reihe von Baumaßnahmen in jenen Jahrzehnten einen regelrechten Bauboom bescherte.

In doppelter Hinsicht handelt es sich bei der 1722 vom König anlässlich der Ingebrauchnahme der ersten Potsdamer Garnisonkirche eigenhändig gegründeten Parochie um eine Simultangemeinde, einmal wegen der Zusammenfügung der (zivilen) Hof- mit der militärkirchlichen Garnisongemeinde, zum anderen wegen des für die Gemeinde bestimmten Zusammenwirkens beider protestantischen Konfessionen. Entsprechend teilten sich ein für den zivilen Teil verantwortlicher reformierter Hofprediger und ein für die Militärseelsorge zuständiger lutherischer Garnisonprediger in die Betreuung der Hof- und Garnisongemeinde. Des letzteren Konfessionszugehörigkeit resultiert aus der Tatsache, dass die gesamte Militärseelsorge - zumindest in Friedenszeiten - bis in das 19. Jahrhundert ausschließlich lutherisch war. Das gleichberechtigte Nebeneinander von Lutheranern und Reformierten, obwohl sich der Landesherr seit 1613 den letzteren zugehörig fühlte, kennzeichnet die damaligen Religionsverhältnisse in Preußen ebenso, wie in der wenigstens äußerlichen Einordnung des zivilen in das militärische Element ein Hinweis auf die Dominanz des Militärwesens in der preußischen Gesellschaft gesehen werden kann. Maximierung und Effektivierung der Armee galten damals als das entscheidende Instrument der Hohenzollern-Dynastie und bestimmten das Gesamtleben von Staat und Gesellschaft. Unter der Leitfrage, auf welche Weise das Militärkirchenwesen in dieses Beziehungsgeflecht eingewoben war, sollen im Folgenden einige Beobachtungen aus der Geschichte der Potsdamer Hof- und Garnisongemeinde dargelegt werden.

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Südwesttrophäe, erster Turmabsatz

Einen festangestellten Prediger hatte die Potsdamer Hofgemeinde unter dem Großen Kurfürsten erhalten. Zu ihr zählten neben der königlichen Familie der gesamte Hofstaat und die Dienerschaft des Schlosses. Mit dem erwähnten Gründungsakt 1722 wurde die Schloss- oder Hofgemeinde, die sich bis dahin in der im 17. Jahrhundert errichteten Kapelle im Nordostflügel des Stadtschlosses versammelt hatte, gewissermaßen aufgelöst.  Von dieser Gemeinde zählten nur noch der König selbst sowie die zum Militäretat gehörenden Prinzen und ein Teil der Bediensteten, soweit sie nicht in Potsdamer Stadtgemeinden eingepfarrt wurden, zur neugegründeten Parochie, die sich in der Hauptsache aus den Angehörigen der Garnison zusammensetzte. Der Rest der königlichen Familie gehörte zur Berliner Hofgemeinde, während ein Großteil des Hofstaates seine Pfarrzugehörigkeit in freier Wahl bestimmen konnte. Die Potsdamer Garnisonkirche und -gemeinde ist dem in mehrfacher Hinsicht zum Ausdruck gebrachten Willen des Königs nach eine „wirkliche militärische Stiftung“[2]. Diesem Schluss der Deduction des Hofpredigers Cochius von 1761 ist, soweit zu sehen, von keiner Behörde oder sonstigen betroffenen Personen im 18. Jahrhundert widersprochen worden.

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Mörserrohr und Kanonenroher mit Granate und Kette, Monogramm FWR (Bauschmuck aus Marmor)
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Mörserrohr mit Granaten (Bauschmuck aus Marmor)

Zur Regelung der militärkirchlichen Verhältnisse

Ein auch in Friedenszeiten unterhaltenes Militärkirchenwesen, dem die Gemeinde zum größten Teil nun zugehörte, gibt es in Brandenburg, wie Martin Richter mit guten Gründen nahelegt, mindestens seit 1640. Die 1722 bestehende Struktur hatte sich durch die 1692 verordnete Einsetzung eines „Feldconsistorium“[3], vor allem durch das - möglicherweise bereits vom damaligen Kronprinzen beeinflußte - Militär-Consistorial-Reglement vom 29. April 1711 und die Einsetzung eines Feldpropstes 1717 herausgebildet. Anlass besonders für die ersten beiden Regelungen boten die Zustände in Armee und Feldgeistlichkeit, die in den Verordnungen selbst expressis verbis benannt werden: „ein und andere Unordnung“, einige „Feld-Priester“ führten einen „gott- und ruchlos[en], auch ärgerliche[n] Wandel“[4]. Es sollte ein Instrument zur Verfügung stehen, das der „mehrer Befestigung der Krieges-Disciplin“[5]dienlich wäre. Kompetenzen und Zusammensetzung weisen das Kriegskonsistorium, über welches der Generalauditeur, unterstützt von „ein Paar Staabs-Officiren“ und ein oder zwei vom kommandierenden General gebilligten Militärpredigern, präsidierte, als eine reine Militärinstitution aus, welcher - abgesehen von reinen Lehrfragen - der Militärgeistliche in jeder Hinsicht unterstand. Mit der Errichtung des Feldpropstamtes war wohl der wirkungsvollste Schritt unternommen worden, Missstände unter der Predigerschaft abzustellen und eine spürbare Qualitätsverbesserung der militärkirchlichen Arbeit zu erreichen. Der als eine Art Superintendent oder Bischof allen Militärgeistlichen vorgesetzte Feldpropst übte entscheidenden Einfluss auf die Besetzung der Predigerstellen aus, hatte die Amtsführung der Prediger zu kontrollieren und sich schließlich auch um die Versorgung ausgedienter Militärgeistlicher mit Zivilstellen zu kümmern. Schon 1716 hatte der König bestimmt, bei der Besetzung der Pfarrstellen vorrangig auf „Versorgung der Feldprediger zu reflektieren“[6]. Während des gesamten 18. Jahrhunderts wurden die besseren königlichen Pfarrstellen „fast ausschließlich durch ehemalige Feldprediger“ besetzt, wie schon 1846 der spätere Kirchenminister Heinrich von Mühler konstatierte und was ihn zu der Bemerkung veranlasste, dadurch habe „auch im Kirchenwesen der Geist einer strengen militärischen Disciplin Eingang“ gefunden[7] .

Von 1746 (dem Jahr des Amtsantritts Johann Gottfried Kletschkes) bis 1861 (dem Todesjahr Ludwig August Bollerts) war der Feldpropst mit kurzer kriegsbedingter Unterbrechung durch die Ereignisse von 1806 zugleich Potsdamer Hof- und Garnisonprediger. Wie in anderen Garnisongemeinden führten Auseinandersetzungen um die Gemeindezugehörigkeit bestimmter Personengruppen, die nicht offensichtlich zum Militär zählten, auch in Potsdam bis ins 19. Jahrhundert hinein zu teilweise heftigen Spannungen zwischen der Militär- und Zivilgeistlichkeit, da Parochialgrenzen vor allem für die jura stolae, also die Einnahmen der Pfarrer für Kasualien, von Bedeutung sind. Die Potsdamer Zivilpfarrer sahen sich um ihre Parochialrechte betrogen und wirtschaftlich geschädigt. Mehrmals hatte der König per Reskript oder Kabinettsorder neue Festlegungen zu treffen, die den prinzipiellen Charakter der Militärgemeinde niemals in Frage stellten, wohl aber der parochialen Abgrenzung des nicht-militärischen Personenkreises galten, bei dem es sich, wie Cochius bemerkt, lediglich um „ein Accessorium“ der Gemeinde handele, ein keineswegs unangemessener Ausdruck, berücksichtigt man allein das statistische Verhältnis der Militärangehörigen (im weiteren Sinne) zur Zivilbevölkerung. So lag etwa in Berlin um 1780 der Militäranteil bei 30%. Im kleineren Potsdam dürfte er noch höher gelegen haben. Mit ihren etwa 12.000 Gemeindegliedern, wie sie 1811 gezählt wurden, war die Hof- und Garnisongemeinde allein größer als sämtliche übrigen Kirchengemeinden zusammengenommen.

Die Monarchen nutzten ihr uneingeschränktes Verfügungsrecht bei jenen Entscheidungen zur Umsetzung nicht nur ganz unmittelbar militärischer, sondern auch sonstiger staatspolitisch gebotener Zielsetzungen. Dies wird besonders an der Regelung der Parochialwünsche der Samt- und Seidenfabrikanten deutlich. Neben anderen gerieten auch diese um 1772 in die Diskussion zwischen dem Feldpropst und dem Kriegskonsistorium als dem obersten militärkirchlichen Kollegium auf der einen und den zivilkirchlichen Gremien auf der anderen Seite. Offensichtlich hatte schon Friedrich Wilhelm I. in einer Kabinetts-Order vom 8. November 1726 aus dem Ausland angeworbenen Tuchmacherspezialisten „ex speciali privilegio“ die Möglichkeit der freien Parochialwahl eingeräumt. Die Samt- und Seidenwirker hielten sich größtenteils zur Garnisongemeinde, wohl vor allem wegen der geringeren Stolgebühren. Friedrich II. erneuerte die Freiheit der Parochialwahl, forderte jedoch „um nothwendiger Erhaltung guter Ordnung willen“[8] die Registrierung der Parochialhandlungen und entsprechende Entrichtung der Stolgebühren ausschließlich in der zuständigen Gemeinde. An der Auseinandersetzung zwischen den Garnison- und den Zivilpfarrern war er nur insoweit interessiert, als dadurch die polizeiliche Ordnung (und wohl auch eine zureichende Versorgung der Prediger) beeinträchtigt zu werden drohte. Im Übrigen jedoch folgte er auch bei diesen Fragen weitgehend dem Prinzip des Indifferentismus oder der Religionsfreiheit.

Dass es bei solchen Auseinandersetzungen nicht nur um Stolgebühren und die ordentliche Führung der Kirchenbücher, also eine zuverlässige Personenstandserfassung, sondern auch um die Verhinderung von Doppelehen und nicht zuletzt um die Enrollierung ging, zeigen die Berichte des Potsdamer Inspektors (= Superintendenten) Johann Gottlieb Lieberkühn 1760/61 sowie weitere Vorgänge der Zeit. Nicht nur in Potsdam, sondern auch andernorts scheint man bei schwierigen oder außerhalb der Legalität liegenden Personenstandsangelegenheiten in den Garnisonpredigern eine Anlaufmöglichkeit gesehen und manchmal auch gefunden zu haben. So hat der Potsdamer Garnisonprediger Hesse einen enrollierten Dienstknecht mit einer Bauerstochter „kopuliert“, obwohl die für die Trauung nötigen Atteste nicht vorlagen, allein auf die mündliche Zusicherung des Bräutigams vertrauend, bei keinem Regimente enrolliert zu sein. Mehrfach muss es zu Trauungen ohne vorhergehende Proklamation und Prüfung gekommen sein mit den entsprechenden Folgen etwa der Bigamie, Heirat der eigenen Stieftochter, Umgehung des Trauerjahres bei Witwen, Vernachlässigung der Kinder aus erster Ehe. Friedrich II. scheint im Volke den Ruf besessen zu haben, eine solche Art von altpreußischem „Gretna Green“ noch zu fördern.

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„Königliches Monument“ (Kanzel-Gruft-Bau) mit Orgel und Altar von 1735, Entwurf von Christian Friedrich Feldmann
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Kriegsgott Mars, 1735, aufgestellt am Eingang der Gruft, Entwurf von Johann Conrad Koch
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Kriegsgöttin Bellona, 1735, aufgestellt am Eingang der Gruft, Entwurf von Johann Conrad Koch

Militärkirche und Pietismus

Die Gemeinde, wie sie bis zum Ende der Monarchie bestand, wurde zu einer Zeit gegründet, in der neben dem äußeren Aufbau des Heerwesens Bemühungen um eine Stabilisierung im Inneren der Armee in den Vordergrund rückten. Im Zusammenhang der Militärseelsorge bedeutete dies zunächst die Bemühung, der schweren öffentlich sichtbaren Mängel in Moral und Disziplin unter den Soldaten Herr zu werden. So sind aus den Jahren 1716/17 Versuche des Königs bekannt, durch Rückgriff auf das dem reformierten Gemeindeleben entstammende Institut der öffentlichen Kirchenbuße zu einer Verbesserung der Disziplin im Heerwesen zu gelangen. Blieb dieser Versuch doch eher Episode, so ist dagegen die Einbeziehung des Pietismus hallescher Prägung von größter Bedeutung für eine Effektivierung des Militärkirchenwesens im 18. Jahrhundert und darüber hinaus für die innere Stabilisierung des Heeres geworden.

Unmittelbar auf das Vorbild des halleschen Waisenhauses geht die Gründung des Großen Militärwaisenhauses in Potsdam 1722 zurück, das in verschiedener Hinsicht an die Hof- und Garnisongemeinde geknüpft war. Deren beide Prediger fungierten zunächst als Visitatoren, die beiden Waisenhausprediger, ebenfalls ein reformierter und ein lutherischer, hatten ihrerseits (bis 1817) Assistentenpflichten gegenüber den Hof- und Garnisonpredigern. Unter Friedrich II. wurde das Waisenhaus neu erbaut und dabei anstelle der Waisenhauskirche der Mitgebrauch der Garnisonkirche befohlen. Die auf Geheiß des Königs von Francke selbst eingerichtete lnstitution galt nicht nur der Erziehung von Militärwaisen, sondern auch anderen sozial gefährdeten Soldatenkindern und bildete einen wesentlichen Bestandteil des wirtschafts- und sozialpolitischen Gefüges –, Hinrichs spricht vom „militärischen Sozialismus“, mit welchem Friedrich Wilhelm I. einem Absinken der Soldatenfamilien in Armut und Verwahrlosung zuvorzukommen versuchte[9].

Es war vor allem der Einfluss auf die Besetzung der Feldpredigerstellen, der es Francke und seinen Anhängern ermöglichte, in der Armee Wirkung zu entfalten. Schon bevor es zur (persönlichen) Annäherung des damals führenden (lutherischen) Pietisten an den König wie auch an Leopold von Anhalt-Dessau gekommen war und die Hallenser bewusst bei der Errichtung des preußischen Militärstaates herangezogen wurden, war der Prozess der Einflussnahme in Gang gekommen. Sichtbar wird dies etwa an dem Feldprediger und Feldpropst Lampertus Gedicke einem Schüler Franckes, der in enger Verbindung mit dem General von Natzmer, dem pietistischen Gegengewicht des Fürsten Leopold im Offizierskorps, stand. Nach gut einem Jahrzehnt gab es, dem Wunsch des Königs entsprechend, bereits 15 Feld- und Garnisonprediger aus Halle, die zuvor am dortigen Paedagogium unterrichtet hatten, so dass Francke die von ihm angestrebten globalen, nicht nur auf Preußen beschränkten Einflussmöglichkeiten des Pietismus gefährdet sah. So weckte bei den Pietisten, besonders bei Franckes wichtigstem Berliner Verbündeten, dem Freiherrn Carl Hildebrand von Canstein, die Entscheidung Friedrich Wilhelms I. Bedenken, Philipp Michaelis, einen Hauptvertreter des Pietismus in Russland, der als Prediger der evangelischen Gemeinde in Archangelsk wirkte, 1717 als Garnisonpfarrer nach Potsdam zu holen.

Die Erwartungen des Königs an die Militärprediger hinsichtlich der Moral und Disziplin der Mannschaften waren hochgespannt. Bedingt durch brutale Werbemethoden bis zur Einführung des Kantonsystems (etwa seit 1720), aber auch noch danach, war die Ordnung nur durch rigide Zwangsmethoden notdürftig aufrechtzuerhalten. Noch Scharnhorst sah im Soldatenstand eine Ansammlung von „Ausländern, Vagabunden, Trunkenbolden, Dieben, Taugenichtsen und Verbrechern aus ganz Deutschland“[10]. Dieses Urteil über diejenigen Menschen, die der Militärgeistliche als Gemeinde zu betreuen hatte, entspricht im wesentlichen schon einem Katalog, wie er in einem Reglement von 1716 enthalten ist, der neben Sonntagsschändung, Gotteslästerung auch „Diebstahl, Fresserei, Säuferei, Ungehorsam gegen die Oberen“ aufführt[11], und findet seine Entsprechung in den nach dem Siebenjährigen Krieg verschärft angewandten Prügel- und Foltermethoden zur Disziplinierung des Heeres, das wegen der hohen Kriegsverluste zunehmend von im Ausland angeworbenen Söldnern aufgefüllt werden musste. Doch nicht nur diese, auch der ländliche Untertan wurde von seinem Gutsherrn, der ja zugleich im Offiziersdienst stand, mit denselben gewaltsamen Mitteln botmäßig gehalten, im Regiment wie auf dem Gut.

Die Folgen des Zwangssystems bekamen die – am Ende der Regierungszeit Friedrich Wilhelms I. etwa an 100 zählenden – Militärgeistlichen zu spüren, denen, wie Hinrichs aufgrund mehrerer Berichte resümiert, „eine oft über Menschenkraft hinausgehende Aufgabe“ gestellt war. Das galt damals in besonderer Weise für die Potsdamer Militärgemeinde, deren »Lange Kerls« sich derartig widerspenstig gerierten, dass der Prediger Michaelis zeitweise sein Amt nicht ohne Lebensgefahr ausüben konnte und ihm vom Kommandeur bei nächtlichen Krankenbesuchen eine Wache mitgegeben wurde. Auch widersetzten sich die großenteils analphabetischen Soldaten heftig den katechetischen Bemühungen, welche häufig zunächst Schreib- und Leseunterricht durch den Feldprediger zur Voraussetzung hatten, was alles viele als unter ihrer Würde stehend erachteten. Schon allein angesichts solcher Bedingungen wundert es nicht, wenn die Militärgeistlichen auch trotz der Reformmaßnahmen unter Friedrich Wilhelm I. bis zum Zusammenbruch Altpreußens in keinem besonderen Ansehen standen, obwohl sie sich teilweise extremen Anforderungen zu stellen hatten.

Auch die spiritualistischen, sozialutopischen und -revolutionären Lehren des radikalen Pietisten Victor Christoph Tuchtfeld blieben in Potsdam, gerade bei den großen Grenadieren, nicht ohne besonderen Widerhall, wie die Berichte des pietistischen lutherischen Pfarrers an Heiligengeist, Johann Heinrich Schubert aus dem Jahr 1727 zeigen. Offensichtlich wandten sich von Tuchtfeld beeinflusste Soldaten an den Zivilpfarrer, nahmen an dessen „Erbauungsstündchen“ teil und kehrten sich schließlich von den umstürzlerischen Ideen ab – ein sicherlich herausragendes Beispiel für eine gewisse stabilisierende und integrative Wirkung, wie sie vom halleschen Pietismus auf die militärische Zwangsordnung ausgehen konnte und die sich Friedrich Wilhelm I. zunutze zu machen verstand, ohne deshalb selbst zum Pietisten zu werden. Denn trotz aller Annäherung Friedrich Wilhelms I. an den Reformgeist der Hallenser, trotz einer zweifellos auch die Person des Monarchen prägenden Religiosität und Frömmigkeit, wie sie gerade im Vergleich mit dem Eindruck sichtbar werden, den Friedrich II. bei seinen Geistlichen hervorrufen konnte, blieb die Hofhaltung des Soldatenkönigs doch nicht völlig frei von paganem, an die Grenze des Lasziven reichenden Wildwuchs, gegen den sich die Potsdamer Geistlichkeit, einschließlich des Garnisonpredigers Carstedt, wenn auch vergeblich, zur Wehr setzte. Dies belegt ein Vorgang um das Begräbnis Jakob Paul Gundlings 1731, eines Bruders des Hallenser Professors Nicolaus Hieronymus. Durch den Regierungswechsel 1713 wurde Jakob Paul aus seinem Gelehrtenleben herausgerissen und hatte, „beständig den primitiven und brutalen Scherzen der adligen Militärs in der Umgebung des Königs ausgesetzt“[12], als eine Art von Hofnarr zu fungieren. Seine Bestellung zum Leibniz-Nachfolger 1718 als Präsidenten der Berliner Akademie der Wissenschaften und die Adelung 1724 erscheinen eher als Verhöhnung denn als Anerkennung. Gundling starb am 11. April 1731 infolge einer (man möchte meinen: schicksalsbedingten) Trunksucht, und der König ließ ihn in einem mit Spottversen beschriebenen Fass „aufbahren“ und ihn darin vor der Bornstedter Kirche beisetzen. Der Nachfolger im Amte des „Hofnarren“ hatte zur Belustigung der „Trauer“-Gäste die Leichenpredigt zu halten, entgegen dem sonstigen Usus hatten sämtliche Kirchenglocken Potsdams zu läuten, und sämtliche Geistlichen sollten dieses karnevaleske Happening durch ihre Anwesenheit schmücken, was sie jedoch ausnahmslos unter Berufung auf ihr Amt und Gewissen verweigerten, wie der Brief des als Rädelsführer angesehenen Potsdamer Pfarrers Johann Heinrich Schubert vom 16. April 1731 an Gotthilf August Francke in Halle zeigt. Der Vorgang legt eine angesichts des Bildes vom hallensisch beeinflussten Reformgeist in der preußischen Monarchie überraschende Differenz zwischen höfischer und Offiziersmentalität und dem nicht nur auf pietistisch geprägte Geistliche wie Schubert beschränkten Amtsverständnis offen.

Im Blick auf das Militärkirchenwesen entsteht eher der Eindruck einer Instrumentalisierung der pietistischen Erneuerungsimpulse für die Interessen des preußischen Militärstaates, als dass vom Pietismus nachhaltige Einflüsse ausgegangen seien, etwa im Sinne einer Überwindung des rationalistisch-mechanistischen Bildes der Funktion der Mannschaften und generell des Menschenbildes im absolutistischen Heerwesen. Mit einem konfessionalistischer Borniertheit und totaler Lehrstreiterei abholden praktischen Christentum, dem es nicht an einer bestimmten „Weltklugheit“[13] mangelte, entsprach der hallesche Pietismus offensichtlich den Bedürfnissen der Dynastie und der Rolle, welche der Religion dabei zugedacht war und die auch die Erscheinung der weitgehend an Staat und Dynastie gebundenen Kirche überhaupt prägte.

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Bauschmuck am Turmportal (Foto von Spleda 1968 kurz vor der Sprengung)

Militärkirche und kirchliche Integration

Ein durchgängiges Merkmal der Religionspolitik wird auf dem eingangs erwähnten Grundstein mit den Worten „Concordia utriusque confessionis“ benannt. Dass Lutheraner und Reformierte auf den Kanzeln „keine Contrawersen tracktieren [...] Keine Zenckereyen anfangen“, hatte bereits 1722 Friedrich Wilhelm I. seinem Nachfolger aufgegeben. Er müsse „immer zu einigkeit der beyden Religionen zu bearbeiten trachten“[14]. Friedrich II. verpflichtete den Feldpropst, die Feldprediger zu ermahnen, „sich insbesondere alles Verketzerns und Verdammens anderer Christlichen Religions-Partheyen [zu] enthalten“[15].

Mit ihrem Nebeneinander beider protestantischer Konfessionen, für die es keine getrennten Gottesdienste gab, bot die Potsdamer Gemeinde ein besonderes Exerzierfeld für diese Religionspolitik. Die Garnisonkirche wurde nicht zufällig zu einem der Schauplätze der Einführung der altpreußischen Union am Reformationstag 1817. Friedrich Wilhelm III. hatte schon vorher gegen den Widerstand führender Kirchenleute, unter ihnen vor allem sein langjähriger Berater und Seelsorger Friedrich Samuel Sack, und kritisiert von Schleiermacher, die Immediatstellung der Potsdamer (wie der Berliner) Garnisongemeinde genutzt, um seine Unionsbestrebungen nicht, wie von den kirchlichen Reformern angestrebt, über eine Reform der Kirchenverfassung unter Einführung synodaler Elemente zu verwirklichen, sondern sie als im wesentlichen liturgische Reform zu betreiben. Die Militärgottesdienste, gerade in Berlin und Potsdam, waren des Königs „Experimentierfeld“, die Militärkirche insgesamt das Mittel, sich über die Beschränkungen der Kirchenverfassung bei der Verwirklichung seiner Vorstellungen hinwegzusetzen. Die beiden Potsdamer Hof- bzw. Garnisonprediger Eylert und Offelsmeyer leisteten ihm dabei nützliche Dienste, letzterer als im Kriegsfall fungierender Feldpropst und Eylert, indem er sich im Gegensatz zu Sack in Berlin dem König nicht widersetzte.

Bei aller Würdigung der persönlichen Gründe für das liturgische Interesse des Königs bleibt doch unverkennbar die Übereinstimmung mit der Religionspolitik der Hohenzollern. Für die Armee bedeutete dies bis zum Ende der Monarchie, so weitgehend wie möglich an einer allen, inklusive den Katholiken, gleich verbindlichen einheitlichen militärdienstliehen Gottesdienstveranstaltung festzuhalten. Als ein Beispiel sei auf die vom Feldpropst an den König weitergeleitete Forderung von vier Berliner Garnisonpredigern 1829 verwiesen, die Sonntagsparade, also die Teilnahme an einem einmal im Monat stattfindenden Gottesdienst als militärische Dienstverpflichtung, wie den erzwungenen Kirchenbesuch aufzuheben, „damit die Katholischen wie die Evangelischen jeder nach seiner Freiheit und nach seinem Bekenntnisse den Sonntag heiligen, weil die Mehrzahl[...] den Gottesdienst als eine Dienstsache ansehe, zu der sie befehliget, ja ohne Unterschied der Konfession befehliget werden, so daß der Katholik den Gottesdienst gegen seine Überzeugung und mit Widerwillen und der Evangelische wegen des Zwanges ohne Zustimmung des Herzens und mit Zerstreuung und Ungeduld verrichte“. Außerdem bemängelten die Prediger die (besonders in der Winterkälte) zu lange Liturgie. Der König lehnte diese Erwägungen kategorisch ab. Der Soldat könne, abgesehen vom monatlichen Dienstbesuch des Gottesdienstes, sonst unbeschränkt Gottesdiensten beiwohnen. Bei hoher Kälte sei nur die Liturgie zu verlesen. Die Erfahrung zeige, dass „in solchen Fällen die Andacht der Soldaten eher bei der Liturgie, welche er in seinem Kirchenbuch lesen kann, erhalten würde als bei der Predigt, die in einer großen Kirche [...] nicht einmal von allen verstanden werde“. Der Feldpropst deutete trotz der Ablehnung an, das Anliegen weiterhin zu verfolgen[16].

Die Jahresberichte der Militärgeistlichen geben über den Fortschritt der Union Aufschluss. Bald ist von den „unierten“ Gemeindegliedern die Rede, die sich „wohl noch zum Theil nach ihrer vorherigen Confession richten“, was sich aber, wie es Ende der 1820er Jahre in einem Bericht aus dem Potsdamer Waisenhaus heißt, „allmählich verliert“[17]. Im Jahresbericht 1840 konstatiert der Feldpropst, es habe keine Militärpersonen gegeben, die „unter dem Vorwande, sich zur alten lutherischen Kirche zu bekennen, des freiwilligen Besuchs des öffentlichen Gottesdienstes und der Theilnahme an der Feier des heiligen Abendmahls in den Garnison-Kirchen sich enthielten“[18]. Die gegen die Union gerichtete Bewegung um Johann Gottfried Scheibel hatte zwar auch in Potsdam zur Bildung einer separaten lutherischen Gemeinde geführt, im Militärkirchenwesen dürfte der Konflikt, von wenigen Ausnahmen abgesehen, wie sie der zitierte Bericht indirekt bestätigt, jedoch kaum Niederschlag gefunden haben. Zur konfessionellen Differenzierung bot die Militärseelsorge als obligat unikonfessionelle, d. h. formell: lutherische, militärische Dienstveranstaltung bis gegen Ende der 1830er Jahre, als es zu ersten Zugeständnissen gegenüber katholischen Soldaten kommt, keine Gelegenheit. Im weiteren Verlauf des Jahrhunderts wird zunehmend von den „ehemalig lutherischen“ bzw. „ehemalig reformierten“ Gemeinden oder Predigern gesprochen.

Auch über ihre und ihrer beiden Prediger Eylert und Offelsmeyer besondere Rolle im Gründungsjahr 1817 hinaus blieb die Potsdamer Gemeinde eine Protagonistin der Union, wie sie der König gestaltet wissen wollte. Dies zeigt eine Initiative Eylerts 1834. Erfolgreich setzte er sich für die Abschaffung der Stolgebühren ein, die in der Gemeinde noch entsprechend der Konfessionszugehörigkeit differierten. Damit fiel gewissermaßen das letzte sichtbare Kennzeichen unterschiedlicher konfessioneller Herkunft in der Gemeinde. Jener Geist bestimmte auch die Nachfolger Eylerts und Offelsmeyers, wie sowohl die Immediateingaben des seit 1850 amtierenden Evangelischen Oberkirchenrates (im weiteren: EOK) zur Neubesetzung der Hofpredigerstellen als auch die Selbstzeugnisse der Amtsinhaber vielfach belegen.

Im Laufe des Jahrhunderts trat an die Stelle der durch die territoriale und kirchenpolitische Entwicklung Preußens nicht mehr durchzuhaltenden Unikonfessionalität zunehmend der Gedanke der konfessionellen (auf evangelische und katholische Seelsorge bezogenen) Parität in den Vordergrund, mit deren Hilfe der vom Militär geforderten integrativen Funktion der Heeresseelsorge entsprochen und vor allem auch der militärische Kirchenzwang, die Religionsausübung als Dienstpflicht, etwa bei der Sonntagsparade, bei Fahnenweihen, Vereidigungen, praktiziert werden konnte.

Neben diesen konfessionellen Vorgaben, wie sie aus dem vom zivilen Landeskirchentum abgetrennten Militärkirchenwesen und im Fall der Potsdamer Gemeinde zusätzlich noch aus der Immediatstellung zum König resultieren, sind auch – zumindest für das spätere 19. Jahrhundert – bestimmte allgemeine kirchenpolitische Standards erkennbar. Entsprechende Hinweise lassen sich jedoch insofern nur indirekt gewinnen, als die Militärgemeinden vollständig von der synodalen Entwicklung der Kirchenverfassung in den 1860/70er Jahren ausgeschlossen blieben. Lediglich der zivile Teil der Potsdamer Hof- und Garnisongemeinde verfügte dann über einen Kirchengemeinderat. Im bereits erwähnten Immediatbericht empfiehlt der EOK 1869 den Berliner Garnisonprediger Strauß als künftigen Potsdamer Hofprediger auch mit der Begründung, dieser sei „gleich­ weit entfernt von der hochkirchlichen, jeder synodalen Entwicklung abgeneigten, wie von der neuerdings stark hervortretenden kirchlich demokratischen Richtung, welche mit Verleugnung der gegebenen Grundlage die evangelische Landeskirche aus allgemeinen Urwahlen in revolutionairer Weise reconstruiren will“. Vor dem Spektrum, wie es in der Generalsynode sichtbar wird, erscheinen die Potsdamer Prediger wie das Gros der Militärgeistlichen als kirchenpolitisch wenig auffällig, zumeist einer mittleren Linie, etwa der „Positiven Union“ oder „Mittelpartei“ zuneigend [19].

Militärkirche als politisches Instrument

Eine solche, zugegebenermaßen reichlich pauschale Wertung berührt jedoch kaum mehr als die kirchenpolitische Selbsteinschätzung der militärkirchlichen Organe und Funktionsträger. Die tatsächlichen kirchlichen und politischen Wirkungen der Militärseelsorge sind damit keineswegs beschrieben und können im Rahmen dieses Aufsatzes ebenfalls nur in sehr pauschalisierender Weise angedeutet werden. Schon der Gründer der Potsdamer Hof- und Garnisongemeinde hatte der Arbeit der Feld- und Garnisonprediger indirekt jegliches politische Mandat abgesprochen und ihr damit einen Auftrag erteilt, dem die Militärgeistlichen bis zum Ende der Monarchie weitestgehend zu entsprechen suchten. Militärkirchlichen wie zivilkirchlichen Aufsichtsorganen solle „scharf“ anbefohlen werden, „das sie darauf acht haben sollen, das im Landes a(l)s bey die Regimenter auf den Kancellen Keine Prediche gehalten werden, da was gegen die Landesher(ren) seine otoritet und Prediger werdl[iche] absichten gePrediget werden; woferne ein Prediger direckte was gegen oder indirectte gegen die Regirungsardt Predigen solte, sollen, die solche Predigen halten, cassiret werden[...] mein lieber Successor, dieser Punck(t) ist einer mit von den inPortanten“[20].

Die 1848er Revolution war sicherlich die Feuerprobe für eine in dieser Weise auf die politische Herrschaft verpflichtete zivile und militärische Kirche. In nahezu allen Jahresberichten der Militärprediger klingt die ungeheure Spannung wider, der die Geistlichen in den Revolutionsjahren ausgesetzt waren. Die Sprache der meisten Berichte, die ja erst Anfang 1849 abgefasst worden waren, ist wahrscheinlich bereits von der Erfahrung des Scheiterns der als gottwidrig angesehenen Insubordination bestimmt. Doch selbst dies berücksichtigend, wird man das Gros der Militärprediger zu der großenteils von „Orthodoxen“ gebildeten „reaktionären Gruppe“, um die Nomenklatur Ernst Schuberts aufzunehmen, zählen müssen. Mit Friedrich Adolph Strauß und Friedrich Wilhelm Krummacher gehören zwei bedeutende Geistliche, die in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts die Potsdamer Gemeinde betreuten, zu dieser Gruppe.

Der Name des Prinzen von Preußen sei, „wie sich das von selbst versteht, bei den Militair-Gottesdiensten im allg[emeinen] Kirchengebete niemals ausgelassen worden“, kann der Feldpropst und Potsdamer Garnisonpfarrer Ludwig August Bollen über das Jahr 1848 berichten[21]. Den Militärgemeinden gegenüber scheinen sich die ansonsten in den Berliner Gemeinden von der revolutionären Stimmung im Volke her gebotenen Kautelen erübrigt zu haben, zu denen der Verzicht auf die namentliche Nennung der einzelnen Glieder der Königsfamilie im Fürbittengebet gehörte, um einen sonst möglichen „Haßausbruch“ zu vermeiden.

Eine Sonderstellung nimmt Karl Leopold Adolf Sydow ein, der 1846 wegen seiner kirchenpolitischen Position im Gegensatz zu Friedrich Wilhelm IV geraten und von der Potsdamer Garnisonpfarrei an die Berliner Neue Kirche übergewechselt war. Er gehörte zur Minderheit der Geistlichen in Berlin, die mit innerer Zustimmung an der Beerdigungsfeier für die 183 gefallenen Barrikadenkämpfer teilnahmen. Zu der Gedächtnisrede am 22. März im Friedrichshain beschwor er im Beisein des Königs das Vermächtnis „unserer Toten“, „daß die Gefallenen mit ihrem Blut [...] den Überlebenden die erhabensten Güter versiegelt haben“; die Barrikadenkämpfer seien gefallen „für die Zukunft eines in Gottesfurcht, Verstand und Sitte zur Freiheit gereiften Volkes“.

Auch wenn eigene Potsdamer Berichte fehlen, dürften die dortigen Erfahrungen den aus anderen Garnisonen geschilderten entsprechen. Die militärischen Bewegungen, die das ganze Jahr anhielten, beraubten die Geistlichen häufig ihrer eigenen Gemeinde, führten ihnen dafür aber fremde Truppen zu. Das Revolutionsjahr erscheint durchgängig als Zeit verstärkter Inanspruchnahme der Militärprediger. Während der einmal im Monat dienstlich angeordnete Gottesdienstbesuch zumeist ausfallen musste, scheinen an manchen Orten die Soldaten freiwillig in die Kirchen geströmt zu sein. Die Zahl der Militär-Gottesdienste erhöhte sich, vor allem aber wurden auch die Zivilgottesdienste zunehmend von den Soldaten („ohne commandiert zu sein“) besucht, und umgekehrt, zumindest gilt dies für Berlin, scheinen die Garnisonkirchen auch sich von der Revolution bedroht fühlenden Zivilpersonen eine Art Refugium geboten zu haben – ein Sinnbild dafür, dass die Militärkirche der Armee auf ihrem durch die der Reformzeit folgende Restauration vorgegebenen Weg zur „Insel“[22] zum „Vaterland“ (Albrecht von Roon[23]) der gegen den bürgerlichen Verfassungsstaat und soziale Emanzipation gerichteten Kräfte gefolgt war.

Inhalt und Funktion des militärseelsorgerlichen Wirkens 1848 zielten auf eine Bestärkung der Soldaten, die Revolution als gottwidrige Aufkündigung der Einheit mit dem Königsherrscher und als Bruch der Treuepflicht zu brandmarken und bei ihnen, wie z.B. der Prediger Reichhelm schreibt, „den Geist der Treue gegen des Königs Majestät und den Gehorsam gegen das vaterländische Gesetz in den Soldatenherzen zu befestigen“[24]. Bei Reichhelm wie auch anderen fehlt nicht der Hinweis auf die dabei erzielten Erfolge. Abgesehen von einem unabhängig von der jeweiligen politischen Konstellation in Zeiten des Krieges und damit der Todesgefahr bei den Soldaten vorauszusetzenden Bedürfnis nach geistlicher Ansprache, dürfte der 1848 verstärkt gesuchte kirchliche Zuspruch in einer durch den Bürgerkrieg verursachten Unsicherheit in der Frage nach der Legitimation des Krieges gegen Teile des eigenen Volkes, des Vergießens von „Bruderblut“ gründen. Dem allen entsprachen die Militärgeistlichen und schlossen sich so eng mit dem Bündnis von Thron, Armee und der alten Ständegesellschaft zusammen, indem sie das Streben nach Volkssouveränität oder auch nach Umwälzung der Besitzverhältnisse als Abfall von Gott brandmarkten.

In den Jahren nach der Revolution fand die Militärseelsorge zum gewohnten Bild zurück. „Seitdem aber die Garden zurückgekommen, ist mit der früheren Ordnung auch die Unruhe und das Getöse wiedergekehrt“, schreibt Ziehe angesichts der in Militärgottesdiensten üblichen verbreiteten Unruhe der Soldaten, die nur durch Anwesenheit einiger Offiziere in Grenzen zu halten war, am 7. Februar 1849. Mit diesen Beobachtungen sind die gesellschaftliche Funktion und die politische Ausrichtung, wie sie die Militärseelsorge bis zum Ersten Weltkrieg kennzeichnet, im wesentlichen angedeutet, wenn auch die Reichsgründung, das Erstarken der Sozialdemokratie und eine für die wilhelminische Zeit typische Ausprägung des Militarismus weitere Spezifizierungen der militärkirchlichen Praxis bewirkt haben.

Mit der Gründung des 2. Kaiserreiches ist die Geschichte der Potsdamer Gemeinde insoweit verwoben, als der Garnison- und Hofprediger Bernhard Rogge die „Weiherede“ am 18. Januar 1871 im Versailler Schloss gehalten hat, die als ein plakatives Zeugnis der protestantischen Reichsideologie gelten kann, welche den Hofprediger Adolf Stoecker vom „heiligen evangelischen Reich deutscher Nation“ sprechen ließ[25]. So wie der Deutsch-Französische Krieg durchaus im Sinne des Kampfes gegen Teufel und Gottlosigkeit gedeutet werden konnte, so gipfelt die Weiherede in der eschatologischen Überhöhung des neugegründeten Kaiserreiches als Teil der Vollendung des Reiches Gottes: „Laß das wiedererstandene deutsche Reich nach innen und außen mehr und mehr zu einem Reich des Friedens erstarken[...] hilf, daß dadurch dein Reich, das Reich deines Sohnes Jesu Christi, unter uns gefördert und daß unsere tägliche Bitte: Dein Reich komme, auch dadurch ihrer endlichen Erfüllung und Vollendung entgegengeführt werde“, heißt es im Schlussgebet der Weiherede, nachdem der Hofprediger zuvor den Beistand Gottes „mit den deutschen Heeren“ erfleht hatte, „segne ihre Waffen zur völligen Überwindung des Feindes“[26].

Eine verhängnisvolle Kontinuität zur Haltung der Militärkirche gegenüber der 1848er Revolution wird darin sichtbar, dass die historische Entwicklung, die politischen Entscheidungen und Fakten nicht nur in Rogges Weiherede, sondern in der Nomenklatur der militärkirchlichen Praxis überhaupt als von den »Untertanen« hinzunehmendes, aber keinesfalls von ihnen zu beeinflussendes oder mitzugestaltendes Handeln Gottes erscheint. Das heißt, die Militärseelsorge bleibt inhaltlich auf die vorkonstitutionelle und vor(bürgerlich)-demokratische Ständegesellschaft fixiert, wenn sie die eben genannten Themen aufgreift. Wie die 1848er Revolution als Aufruhr gegen Gott überhöht wurde, so predigen die Militärgeistlichen 1870/71 den Kampf gegen das widergöttliche Babel, den Teufel, der sich in Paris (wie in Rom) eingenistet hat.

Dieselbe Struktur zeigt auch die Funktion der Militärseelsorge im Kampf der Armee gegen den Geist der Sozialdemokratie, der ebenfalls als Inkarnation des Widergöttlichen, gerichtet gegen den Staat wie gegen die Kirche, vorgestellt wird. Anders als 1848 blieb dieser „Kampf“ der Militärgeistlichen nahezu wirkungslos, oder, richtiger gesagt, er bestätigte das von der Sozialdemokratie gezeichnete Bild, musste den Mannschaften unglaubwürdig und in seiner Diktion steril oder lächerlich erscheinen.

In der Potsdamer Gemeinde mit ihrer unmittelbaren Nähe zum obersten Kriegsherrn und Kaiser dürfte dieser sozial-reaktionäre, vorbürgerliche Geist, die religiöse Überhöhung des Kaiserkultes und der gesellschaftlichen Widersprüche aufgrund der herausgehobenen Stellung und Qualifikation der beiden Geistlichen zu einer besonders exaltierten und damit letztlich lächerlichen Gestalt kirchlicher Praxis geführt haben, weit entfernt von der Wirkung, die der Militärkirche dank des Einflusses des halleschen Pietismus in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf die Mannschaften möglich war. Noch geringer als auf diese dürfte der Einfluss der Militärgeistlichen, selbst auch in Potsdam, auf die Offiziere gewesen sein, der in der Literatur unabhängig von der jeweiligen Couleur übereinstimmend mit den Worten Ulrich von Hassells als „gleich Null“ beschrieben wird[27]. Auch in der Geschichte der Potsdamer Gemeinde gibt es Belege, dass reine seelsorgerliche Einflussnahme durch den Militärgeistlichen auf schroffe Ablehnung stieß, ja sogar Disziplinierungsversuche des militärischen Befehlshabers provozieren konnte.

In dem Zusammenhang kam es zwangsläufig zum Konflikt, wenn ein Militärgeistlicher sich gegen das Duell äußerte. Satisfaktionsfähigkeit und Zwang zum Duell gehörten zu den wesentlichen Kennzeichen einer ideologisch dem Denken der Ständegesellschaft verhafteten Oberschicht, die ihre Affären unter Bruch des Rechtsstaates und seines staatlichen Gewaltmonopols mit ihren selbstgesetzten Regeln, in diesem Fall einem Relikt des kriegerischen Ehrenkanons austragen konnte, weil sie die entscheidenden Machtpositionen dieses Staates großenteils besetzt hielt und die Exekutivorgane der Staatsgewalt an diesem Punkt zu blockieren vermochte. Das Dilemma der Militärseelsorge überhaupt erwuchs aus der Unvereinbarkeit von christlichem Ethos, das – im Gegensatz zur Frage des Kriegeführens – im Fall des Duells keine Interpretation des 5. Gebotes zuließ, und der oben benannten ideologisch-politischen Bindung an eine vorkonstitutionelle, vorbürgerliche Ständegesellschaft.

In seiner Palmsonntagspredigt 1896 ging der Hofprediger Rogge auf einen Vorfall ein, der in der ganzen Bevölkerung einen, wie Rogge später dem EOK berichtete, „erschütternden Eindruck“ hinterlassen hatte. Ein Marineoffizier hatte im Duell einen Potsdamer Rechtsanwalt erschossen. Anknüpfend an den evangelischen Bericht vom Zug nach Golgatha (Lukas 23, 26-33) fügte der Geistliche, wie das den Behörden vorliegende Predigtmanuskript[28] zeigt, nachträglich in die Predigt eine Passage ein, in der er von „einem so erschütternden“ Trauerfall sprach, „durch den in diesen Tagen der Boden der Umgebung unserer Stadt mit Blut befleckt worden ist und bei dem eine grauenvolle Verwirrung der sittlichen Begriffe offenbar geworden ist“. Rogge wies in seiner Darstellung gegenüber dem EOK 134 darauf hin, „mit vollem Bedacht und in bewußter Berücksichtigung der in militairischen Kreisen in Betreff des Duells und des damit zusammenhängenden Ehrencodex verbreiteten Anschauungen[...] jeden Hinweis auf das Duell selbst, jede Andeutung oder Umschreibung des Wortes Zweikampf geflissentlich vermieden“ zu haben, „weil ich weiß, wie empfindlich man in dieser Beziehung in militairischen Kreisen ist“[29]. Einige Offiziere fühlten sich gleichwohl durch die Passage verletzt und legten beim Kommandanten, Freiherrn von Bissing, Beschwerde ein. Dieser ersuchte Rogge, ihm das Konzept der Predigt oder „eine möglichst wortgetreue Niederschrift“ vorzulegen. Rogge entsprach dem, wie er begleitend schrieb, „lediglich aus dem Grunde, weil ich Werth darauf lege, daß Ew. Hochwohlgeboren Sich selbst davon überzeugen, daß es nur auf einem Missverständnis beruhen kann, wenn der Officier vom Kirchendienst [...] [und weitere] sich durch verschiedene Stellen meiner Predigtverletzt gefühlt haben“. Zudem erbat der Hofprediger die Rücksendung der Predigt, um sie der „vorgesetzten geistlichen Behörde“ vorlegen zu können, deren Urteil er sich unterwerfen wolle. Aufgrund eines geringfügigen Verstoßes gegen die Etikette kam es nicht zu einem weiteren Gedankenaustausch des Hofpredigers mit dem Kommandanten, der vielmehr den Vorgang „an eine höhere Instanz“ weiterleitete. In seiner Eingabe an den EOK spitzt Rogge den Konflikt auf die Frage der Ressortverhältnisse zu und erbittet gerade hierin die Unterstützung der obersten kirchlichen Behörde. Er sei gewiss, dass es dem Kommandanten „viel weniger um die Sache selbst zu thun gewesen ist, als um die von mir geforderte Anerkennung einer dienstlichen Unterordnung unter die Commandantur“. Eine solche lehnte Rogge, zu der Zeit ja Inhaber der zivilen Hofpredigerstelle und nicht mehr Garnisonprediger, jedoch strikt ab. An keinen seiner Vorgänger (Eylert, Krummacher, Strauß) sei jemals das Ansinnen gestellt worden, „die Commandanten als eine ihm vorgesetzte [gestrichen: kirchliche] Behörde anzuerkennen“. Er gibt dann aber zu erkennen, dass ihm als Hof- und Garnisonprediger sehr wohl derartiges angetragen, von ihm jedoch „entschieden abgelehnt“ worden sei. Er habe „in Betreff meiner Predigt und Sakramentsverwaltung, abgesehen von den eben in Betracht kommenden Äußerlichkeiten in Betreff Zeit und Dauer derselben, Mitwirkung des Militair [...] und dgl. jederzeit betont, daß ich [...] allein meiner vorgesetzten geistlichen Behörde verantwortlich sei“. Der EOK erhielt keine Gelegenheit, Rogges Standpunkt zu unterstützen, da die von den Militärbehörden erwartete Beschwerde ausblieb.

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Feldaltar der Gottesdienst bei Feldgottesdienst am 9.8.1914 im Lustgarten, Foto Ernst Eichgruen
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Feldaltar der Gottesdienst bei Feldgottesdienst am 9.8.1914 im Lustgarten, Ausschnitt vom Foto Ernst Eichgruen
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Hofprediger der Garnisonkriche Walter Richter-Reichhelm in Amtstracht als Feldprediger

Militarisierungstendenzen in der Zeit des Wilhelminismus

Mit seiner Zuspitzung des Problems auf die Frage der Ressortverhältnisse hatte der seit 1889 nicht mehr als (ehemals lutherischer) Garnison- und Hofprediger, sondern als Inhaber der (früher reformierten) Hofpredigerstelle amtierende Geistliche auf eine Entwicklung reagiert, die das Militärkirchenwesen in den letzten Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg allgemein und die Potsdamer Hof- und Garnisongemeinde ganz besonders betraf und beschäftigte. Es ging um den – letztlich erfolgreichen – Versuch, die Militärseelsorge, noch stärker als in der Militärkirchenordnung von 1832 angelegt, in den militärischen Verfügungsbereich zu integrieren, also eine „Militarisierung des Militärkirchenwesens“ herbeizuführen, die den allgemeinen Tendenzen der „Militarisierung“ der Gesellschaft[30] entsprach und in deren Zusammenhang auch die der Militärseelsorge seit den 1880er Jahren neu zugedachten Aufgaben, vor allem hinsichtlich einer Immunisierung der Armee gegen „Demokratismus“ und Sozialdemokratie, gesehen werden müssen.

Seit 1891 bemühte sich der Feldpropst um eine Trennung der Garnisonpfarrstelle von den Amtspflichten gegenüber dem zivilen Teil der Potsdamer Gemeinde. Die Doppelstellung sei, „wie vielfache Erfahrungen gerade in den letzten Jahren bewiesen, wider das Interesse des Dienstes, welches jedes Glied der Armee, somit auch den Geistlichen, voll und ganz für sich in Anspruch nehmen muß“. Diese „Erfahrungen“ betrafen den Garnisonpfarrer und Hofprediger Rogge, der in seiner zusätzlichen Eigenschaft als Pfarrer des zivilen Teils der Gemeinde Mitglied und schließlich Vorsitzender des Gemeindekirchenrates war. Eine solche Stellung sei aber „durchaus unerwünscht“, weil der Garnisonpfarrer „dadurch in politische und kirchenpolitische Bewegungen gegen die Interessen der Armee hineingezogen werde“[31]! Das brandenburgische Konsistorium vermochte sich der Argumentation, gerade im Blick auf die Person Rogges, der in seiner literarischen Tätigkeit „den königtreuen Standpunkt des Armeegeistlichen stets mit der denkbar kräftigsten Betonung vertreten“ habe, nicht anzuschließen. Wie die Antwort des EOK selbst vom 14. Dezember 1891 belegt diese Argumentation, die – aus taktischen Gründen oder aus voller Überzeugung dargelegt – nur auf die historisch gewachsene Sonderstellung der Potsdamer Gemeinde abhebt, eine fehlende Sensibilität gegenüber dem zugrunde liegenden Problem, wie es durch die Forderung nach Prävalenz der militärischen Bedürfnisse vor der Bindung der Militärkirche an die Landeskirche und deren Strukturen aufgeworfen wird. Nicht die Notwendigkeit einer solchen Bindung, sondern die Zusicherung, dass durch den Status quo in der Potsdamer Gemeinde die militärischen Bedürfnisse nicht beeinträchtigt würden, bilden die Grundlage der Argumentation und deuten so eine Akzeptanz der Ansprüche an, wie sie der Feldpropst als Stimme der militärischen Führung artikuliert hatte.

Als der Kriegs- und der Kultusminister in einer Immediateingabe die Trennung der Hofpredigerstelle von der ausschließlich dem Feldpropst unterzuordnenden Garnisonpfarrstelle beantragten, lehnte der Kaiser, dabei die militärischen Gesichtspunkte durchaus anerkennend, das Ansinnen jedoch ab[32]. Diese seien dadurch gewährleistet, dass beide Stellen „von Seiner Majestät unmittelbar abhängig“ seien. Wie seine Vorgänger wollte auch der letzte Hohenzollernmonarch an der traditionellen Immediatstellung der Gemeinde festhalten. Ein aktueller Grund für die Ablehnung kam noch hinzu. Der Kaiser wollte den Kronprinzenerzieher Johannes Keßler, der die besondere Gunst der Königsfamilie genoss und, wie seine Autobiographie sowie verschiedene Vorgänge seiner Amtsführung belegen, dem Militärgeist des Wilhelminismus anhing, zum Garnison- und (kommissarischen zivilen) Hofprediger ernennen. Eben dieser Keßler widersetzte sich um die Jahrhundertwende dem auch vom EOK nachdrücklich unterstützten Bemühen des brandenburgischen Konsistoriums, soweit zivile Dienstangelegenheiten berührt seien, ihn zur Einhaltung des Dienstweges über den Potsdamer Superintendenten zu veranlassen. Mit Unterstützung des Kriegs- wie des Kultusministers gelang ihm schließlich die Zurücknahme einer vom brandenburgischen Konsistorium gegen ihn verfügten Abmahnung.

1906, als der Inhaber der zivilen (ehemals reformierten) Hofpredigerstelle, Rogge, aus seinem Amt schied, versuchte der Kriegsminister, statt dessen in der Potsdamer Gemeinde die Stelle eines zweiten Militärpfarrers zu installieren, „der außerhalb der Beziehung zur Zivilgemeinde stehend, lediglich der Militärgemeinde [...] zu dienen habe“[33]. Weder dem ausscheidenden Rogge noch dem Gemeindekirchenrat insgesamt gelang es zu verhindern, dass Keßler mit der kommissarischen Verwaltung auch dieser zivilen Hofpredigerstelle beauftragt wurde, obwohl dieser, wie der Gemeindekirchenrat geltend gemacht hatte, „seinen Schwerpunkt so sehr in seiner militairischen Stellung findet, daß er der Civilgemeinde und diese ihm völlig fern steht“[34].

Im Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg zeigte sich, nun aber vor dem Hintergrund des „Militarismus“ im wilhelminischen Reich, so noch einmal der Charakter der Potsdamer Hof- und Garnisonkirche(ngemeinde) als immediater „militärischer Stiftung“, als welche sie unter den Bedingungen des absolutistischen Staates 1722 gegründet worden war und als solche mit der Hohenzollernmonarchie untergehen musste. Von „Militarismus“ zu reden, ergibt hier in doppelter Weise Sinn, einmal insoweit, als die Organe der Kirchenleitung bereit waren, und dies vor allem ohne das Bedürfnis näherer Legitimation, militärischen einen Vorrang vor genuin kirchlichen Gesichtspunkten, wie der Gemeindeverfassung, einer geistlichen Kirchenaufsicht, einzuräumen, zum anderen in der allgemein die Militärkirche kennzeichnenden Identifizierung eines vom Militarismus geprägten Gesellschafts-, Politik­- und Menschenbildes mit den Inhalten und Zielsetzungen kirchlichen Handelns.

Am 6. Januar 1919 ließ das Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung dem EOK die Mitteilung des Kriegsministers zugehen, „daß es sich bei den gegenwärtigen Verhältnissen[...] empfiehlt, von der endgültigen Wiederbesetzung der Stelle des Garnisonpfarrers in Berlin [...] bis auf weiteres abzusehen. Demzufolge kommt auch die in Aussicht genommene Versetzung des Garnisonpfarrers Dr. Vogel in Potsdam und des Divisionspfarrers der 2. Garde-Division Dr. Otto1vorläufig nicht in Frage.“ Der EOK legte den Vorgang „Bis auf weiteres z[u] d[en] A[kten]“.

Hartmut Rudolph ist promovierter Theologe und leitete vor dem Eintritt in den Ruhestand die Potsdamer Leibniz-Editionsstelle der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Zuerst erschienen in: Potsdam. Staat, Armee, Residenz in der preußisch-deutschen Militärgeschichte. Im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes hrsg. von B. R. Kroener. Frankfurt a.M./Berlin 1993. S. 203-229. Für die hiesige Online-Veröffentlichung um über Zitatnachweise hinausgehende Anmerkungen gekürzt.

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Semper-Talis-Denkmal für das a.Garderegiment zu Fuss gewidmet "Seinen treuen Toten" von Bildhauer Franz Dorrenbach von 1924. Foto Bundesarchiv

Anmerkungen

[1] Dem dreieinen Gott und der von Unrat befreiten Religion [zu dienen,] hat es das landesväterliche gerechte Pflichtgefühl Friedrich Wilhelms, des großen Preußenkönigs und Brandenburgischen Kurfürsten, unternommen, auf königliche Kosten dieses Kirchengebäude errichten zu lassen, mit der Bestimmung, dem Gardesoldaten in Eintracht beider evangelischen Konfessionen zu Versammlung und Gottesdienst zur Verfügung zu stehen, und im Jahre 1530 am [...]Dezember den Grundstein gelegt. Er soll aufführen den ersten Stein, dass man rufen wird: Glück zu! Glück zu! Die Hände Serubabels haben dies Haus gegründet; seine Hände sollen's auch vollenden. (Sacharja 4, 7.8 [9]); Anlage D in der »Deduction« des Potsdamer reformierten Hofpredigers Leonard Cochius vom 30.11.1761 für den Etats- und Kriegsminister und Chef des geistlichen Departements; Potsdam, Landeshauptarchiv Brandenburg, Rep. 2 A, Regierung Potsdam II Pdm, Nr. 193, BI. 5-16, BI. 15a. Zu Cochius vgl. Rudolf von Thadden, Die Brandenburgisch-Preussischen Feldprediger im 17. und 18. Jahrhundert. Ein Beitrag zur Geschichte der absolutistischen Staatsgesellschaft in Brandenburg­ Preussen ( = Arbeiten zur Kirchengeschichte, 32), Berlin 1959, Anhang, 2. Stammtafel.
[2] So mehrfach in den Voten des Cochius wie späterer Referenten. Cochius weist zudem auf den äußerst ungewöhnlichen Zusatz »Als Obrister und Patron« zur Unterschrift des Königs unter das Gründungsreglement von 1722 hin, der auch im späteren Referentenvotum Keßlers entsprechend gewürdigt wird (Kopie Berlin, GStA, Rep. 40, Nr. 1943, BI. 6a).
[3] Kurfürstliche Verordnung vom 7. 4.1692, in: Martin Richter, Die Entwickelung und die gegenwärtige Gestaltung der Militärseelsorge in Preußen, Berlin 1899 {ND: Bibliotheca Rerum Militarium LII, Osnabrück 1991), Anhang, S. 1-3.
[4] Ebd., Anhang, S. 1.
[5] Martin Richter, Die Entwickelung und die gegenwärtige Gestaltung der Militärseelsorge in Preußen, Berlin 1899 {ND: Bibliotheca Rerum Militarium LII, Osnabrück 1991), S. 38-43.
[6] KO vom 10.2.1716, zit. nach C. Hinrichs, Preußenturn und Pietismus. Der Pietismus in Brandenburg-Preußen als religiös-soziale Reformbewegung, Göttingen 1971, S. 158.
[7] Geschichte der ev. Kirchenverfassung in der Mark Brandenburg, Weimar 1846, S. 231.
[8] Rescript vom 18. 10. 1773; Berlin, GStA, Rep. 40, Nr. 1943, BI. 158 a-b.
[9] Hinrichs (wie Anmerkung 6), S. 126-173.
[10] Rainer Wohlfeil, Vom Stehenden Heer des Absolutismus zur Allgemeinen Wehrpflicht (1789-1814), Handbuch zur deutschen Militärgeschichte 1648-1939, hrsg. vom MGFA, 1. Lieferung II, Frankfurt a.M., 1964, S. 87
[11] Hinrichs, Preußentum und Pietismus S. 164
[12] Hannelore Lehmann, „Wir stehen hier alle für einen Mann“, in: Potsdamer Kirche, 42/1990, Beilage Kaleidoskop, S. 6.
[13] Vgl. zu diesem Begriff: Walter Hubatsch, Grundlinien preußischer Geschichte. Königtum und Staatsgestaltung 1701-1871, Darmstadt 1983, S. 24.
[14] lnstruction Friedrich Wilhelms I. für seinen Nachfolger (1522), in: Die Behördenorganisation und die allgemeine Staatsverwaltung Preußens im 18. Jahrhundert, Bd 3 (= Acta Borussica), Berlin 1901, S. 457f.
[15] Renovirtes Militair-Consistorial-Reglement vom 15. 7.1750, II. §XIV. Vgl. auch den Teil „Des ecclésiastiques et de la religion“ des Politischen Testaments Friedrichs II. von 1752, in: Wolfgang Gericke, Glaubenszeugnisse und Konfessionspolitik der brandenburgischen Herrscher bis zur preussischen Union. 1540 bis 1815, Bielefeld 1977, S. 218.
[16] Bericht Bollerts für 1829, Berlin, GStA, X. HA, Rep. 40, Nr. 1947, Bl. 22a-22b.
[17] Bericht der Prediger Derège und Frosch für 1829, ebd., Bl. 29 b. Für die Hof- und Garnisongemeinde lagen aufgrund der Immediatstellung in den Konsistorialakten keine Jahresberichte vor, es gibt lediglich zuweilen summarische Hinweise des Feldpropstes in seinen zusammenfassenden Jahresberichten.
[18] Berlin, GStA, X. HA, Rep. 40, Nr. 1947, Bl. 361 b.
[19] Vg.  Fr.W. Krummacher, Eine Selbstbiographie, Berlin 1869, S. 191f, vgl. Helmuth Rogge, Die Rogges in Potsdam. Familiengeschichtliche Rückblicke und Jugenderinnerungen, Bad Godesberg 1969, S. 55ff., 68, 90f.
[20] Instruction Friedrich Wilhelms I. für seinen Nachfolger a.a.O., S. 197; Die Behördenorganisation und die allgemeine Staatsverwaltung Preußens im 18. Jh. a.a.O., S. 458.
[21] Berlin, GStA, X.HA, Rep 40, Nr. 1950, BI. 1 b.
[22] G. v. Griesheim 1851, zit. nach Reinhard Höhn, Die Armee als Erziehungsschule der Nation. Das Ende einer Idee, Bad Hornburg 1963, S. 83.
[23] Zitiert nach M. Messerschmidt, Preußens Militär in seinem gesellschaftlichen Umfeld, in: Preußen im Rückblick, Hans-Jürgen Puhle/Hans-Ulrich Wehler (Hrsg.), Göttingen 1980, S. 43-88, hier S. 64.
[24] Berichten 1848 des Feldpropstes Bollen, Berlin, GStA, X.HA, Rep 40, Nr. 1950, BI. 2a daraus das Zitat des Divisionspredigers Reichhelm, Frankfurt/O., ebd., BI. 34b.
[25] Günter Brakelmann, Kirche in Konflikten ihrer Zeit. Sechs Einblicke, München o.J., S. 105. Rogges Weiherede findet sich u. a. in: Bernhard Rogge, Die Evangelischen Feld- und Lazarett-Geistlichen der königl. Preußischen Armee im Feldzuge von 1870/71, Berlin 1872, 2.Abt., S. 42-47; ders., Bei der Garde, Berlin (zuerst 1895) 1912, S. 96-99. Eine Analyse der Rede bei Brakelmann, ebd., S. 102ff. Rogge, ein Schwager des Kriegsministers Albrecht von Roon, war Schwiegersohn des Feldpropstes Peter Thielen, der am 18.1.1861 die Weiherede zur Königsproklamation auf Wilhelm I. gehalten hatte, vgl. Rogge (wie Anm. 99), S. 91.
[26] Rogge, Feldgeistliche, ebenda, S. 47; vgl. zur Stelle auch Brakelmann, ebenda, S. 116. Zum ganzen vgl. auch Thomas Nipperdey, Religion im Umbruch. Deutschland 1870-1918, München 1988, S. 93 ff.
[27] Vgl. Reinhard Höhn, Die Armee als Erziehungsschule der Nation. Das Ende einer Idee, Bad Hornburg 1963, S. 222, Anm. 3, und Manfred Messerschmidt, Die politische Geschichte der preußisch-deutschen Armee. Handbuch zur deutschen Militärgeschichte 1648-1939, hrsg. vom MGFA, IV, 1, München 1979, S. 266.
[28] Rogge am 4.4. 1896 an den EOK, Berlin, EZA, 7/12693, BI. 82b.
[29] Schreiben vom 4.4. 1896, (ebenda BI. 73a-80b). An späterer Stelle des Schreibens spricht Rogge von der „hochgradigen Empfindlichkeit, die in militairischen Kreisen auch nur dem Verdacht gegenüber, daß jemand es wagen sollte, das Heiligtum des Duells anzurühren, herrschend ist“.
[30] Vgl. dazu etwa Manfred Messerschmidt, Militär und Politik in der Bismarckzeit und im wilhelminischen Deutschland [= Erträge der Forschung, Bd 43], Darmstadt 1975, S. 130-146; ders., Die politische Geschichte der preußisch-deutschen Armee, Handbuch zur deutschen Militärgeschichte 1648-1939, hrsg. vom MGFA, IV, 1, München 1979S. 270, 274ff.
[31] Schreiben des Ministers der geistlichen etc. Angelegenheiten vom 15. 6. 1891 an den EOK, Berlin, EZA, 7/12692.
[32] Geh. Zivilkabinett am 11.2.1894; Berlin, EZA, 7/12693, BI. 9a/b.
[33] Vgl. die Denkschrift Rogges vom 1.10.1906: Berlin, EZA, 7/12695, BI. 14b.
[34] Gemeindekirchenrat am 18.7.1906 an EOK, ebenda 151, BI. 28a-31a. Die Entscheidung des Kaisers zugunsten Keßlers, allerdings verbunden mit partieller Entlastung seiner militärseelsorgerlichen Aufgaben, wurde am 21. 8. 1906 mitgeteilt: ebenda, BI. 42 a-43 a.

Die Entwicklung des Nutzungskonzeptes 2000 – 2020

Das erste Nutzungskonzept für den Wiederaufbau der Kirchturms der Potsdamer Garnisonkirche entwickelte die Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel (TPG) unter Leitung von Max Klaar im Jahr 2000. Im Juli des Jahres traf sich Max Klaar mit dem Bischof von Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz Wolfgang Huber und stellt ihm dies vor: Der Turm der Garnisonkirche wird von außen originalgetreu nachgebaut. Im Turm entsteht eine Kapelle in Verantwortung der evangelischen Kirche und in den oberen Etagen eine Dauerausstellung „20. Juli 1944. Als Träger sollte eine Stiftung gegründet werden. Im Oktober 2000 legte das Berliner Architekturbüros Patzschke & Partner eine Architekturplanung hierzu vor. Bei dieser befindet sich die Kapelle im Erdgeschoss und eine Ausstellungsgalerie sowie Büros in den Obergeschossen.

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Planung des Büros Patzschke & Partner im Auftrag der Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel, Oktober 2000

Nach dem Treffen zwischen Huber und Klaar wird im Kirchenkreis Potsdam eine Arbeitsgruppe zu dem Projekt gebildet, um kirchlicherseits eine Nutzungskonzeption zu entwickeln. Die Arbeitsgruppe trifft sich mehrfach mit Klaar und seinen Mitstreitern und beauftragt die Vikare Gregor Hohberg und Martin Vogel mit der Ausarbeitung des Konzepts, welches beide im Juli 2001 unter dem Titel „Spirit of Change/ Veränderung ist möglich“ vorlegen. Dieses greift einerseits Ideen der TPG auf, verbindet diese aber auch mit völlig neuen Ideen, welche die in der Kirche formulierten kritischen Sichtweisen auf das Wiederaufbauprojekt aufgreifen und adressieren. Im Geschichtsverständnis folgte das Konzept jenem idealisierenden Narrativ, das sich in den 1990er unter den Wiederaufbaubefürwortern herausgebildet hatte: Die Garnisonkirche wird  als Symbolort preußischer Tradition und christlichen Glaubens verstanden,  der dem Mißbrauch durch die Nationalsozialisten, dem Bombenkrieg der Alliierten und dem DDR-Unrechtsstaates zum Opfer gefallen sei. Durch den Wiederaufbau solle dieses Unrecht beseitig, eine historische Gerechtigkeit wieder hergestellt werden.

Doch zugleich verweist das Konzept auf die Ambivalenz des Ortes und die problematischen Dimensionen seiner Geschichte. „Die Garnisonkirche mit ihrer zweideutigen Geschichte sollte ein exponierter Lernort und eine verheißungsvolle Zukunftswerkstatt werden.“[1] Um dem gerecht zu werden, ergänzt es die Nutzungsvorschläge der TPG um ein neues Element, welches es in das Zentrum der Konzeption rückt: ein Internationales Versöhnungszentrum in Anlehnung an das 1940 in Coventry gegründete „International Centre for Reconciliation“.  Der Kirchturm ist über seine vier Etagen ganz der inhaltlichen Arbeit des Zentrums gewidmet. Im Erdgeschoss ist wie bei der TPG eine Kapelle vorgesehen, gefolgt von drei Etagen als Bildungs- und Lernort in Form einer performativen Ausstellungszone. Für die notwendigen Büro- und Arbeitsräume sowie Gästewohnungen sollte das Predigerwitwenhaus (Breite Straße 14[2]) genutzt werden[3]. Das internationale Versöhnungszentrum sollte auch für die zu gründende Stiftung namensgebend sein.

Wie bei der Nutzung ergänzte das kirchliche Konzept die Forderung der TPG nach einer originalgetreuen Nachbildung der äußeren Gestalt um die Idee von „Seh- und Hörhilfen“, womit eine Synthese von „Verbindung und Bruch“ verwirklicht werden sollte. Um die Veränderungen im Inneren auch im Äußeren sichtbar zu machen, war dreierlei vorgesehen: die Anbringung eines Nagelkreuzes auf der Turmspitze anstelle der mit kriegerischen Anspielungen arbeitende historischen Kirchturmspitze; ein auf die Fassade projiziertes Lichtspiel und die Ergänzung der historischen Glockenmelodien um moderne Melodien der Versöhnung.

Als Träger des Vorhabens ist eine kirchliche Stiftung vorgesehen,  an der neben der evangelischen Kirche die Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel sowie Stadt Potsdam und Land Brandenburg beteiligt werden sollen.

Die TPG wendet sich dagegen, dass das Nutzungskonzept nicht allein auf Kontinuität setzt, sondern auch einen Bruch artikuliert. Sie fordert eine originalgetreue Wiederherstellung auch der Turmspitz und statt eines Versöhnungszentrums eine klassische kirchliche Nutzung. In der folgenden Verhandlungen macht die Kirche schrittweise Zugeständnisse an die TPG, die auch bestand haben, als die TPG im Jahr 2005 sich aus dem Wiederaufbauprojekt zurückzog.

Ende Januar 2004 – kurz nach der Veröffentlichung des „Ruf aus Potsdam“ - wird die „Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam e.V.“ zur Förderung des „historisch getreuen und vollständigen Wiederaufbaus der Garnisonkirche“ gegründet. Inhaltlich wird dies mit der Bedeutung der Kirche als historisch wichtiger, das Stadtbild prägender barocker Kirchenbau und Kulturdenkmal begründet. Die politische Geschichte des Ortes findet keine Erwähnung, ebenso wenig ein internationales Versöhnungszentrum oder ein Lernort. Finanziert werden sollte auch keine Nutzung, sondern der Wiederaufbau und der Erhalt des Gebäudes.[4] Während sich das kirchliche Nutzungskonzept von 2001 auf die Frage des Kirchturms begrenzte und die Entscheidung zum Kirchenschiff zukünftigen Generationen überlassen werden sollte, zielt die Satzung des Fördereins nun auf den originalgetreuen Nachbau der gesamten Kirche einschließlich des historischen Kirchenschiffs.

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Rekonstruiertes Kirchenschiff, Entwurf des Malers Christian Heinze. Aus dem kirchlichen Nutzungskonzept von 2005
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Modell der Trägerschaft aus dem kirchlichen Nutzungskonzept von 2005

Im April 2005 verabschiedet die Kirche ein weiterentwickeltes kirchliches Nutzungskonzept. Die Stiftung sollte nicht mehr „Internationales Versöhnungszentrum Potsdamer Garnisonkirche“ heißen, sondern „Stiftung Potsdamer Garnisonkirche - Ort der Versöhnung“ und damit soll der Träger des Projektes nicht mehr die Institution eines internationalen Versöhnungszentrums sein, sondern die Kirche selbst. Ins Zentrum des Nutzungskonzeptes rücken kirchliche Aktivitäten wie Gottesdienste, Andachten, Seelsorge, ergänzt durch nicht religiöse Veranstaltungen, welche die Kirche in die städtische Öffentlichkeit öffnet. Der Ambivalenz des Ortes sollen sich Vorträge, Workshops, Seminare, aber auch Konzerte und Lesungen widmen. Auch eine Ausstellung zum 20. Juli ist nun wieder Teil des Konzepts. Der Idee der Versöhnung sollen jetzt thematische Gottesdienste, die Verleihung eines Versöhnungspreises, Begegnungsseminare und Streitgespräche gewidmet sein.

Die Kirchturmspitze soll nun doch historisch getreu rekonstruiert werden und der Wiederaufbau der gesamten Kirche ist vorgesehen. Das Nutzungskonzept schwächt damit jene Elemente ab, die einen Bruch zur Geschichte formulieren und betont mehr die Kontinuitäten. Aber selbst diese gelindert Form der Brechung ist der TPG, dem Innenminister des Landes Brandenburgs Jörg Schönbohm (CDU) und der Fördergesellschaft zu viel, sie drängen auf einen völlig bruchlosen Bezug zur Geschichte.

Im Juni 2008 wird schließlich die kirchliche „Stiftung Garnisonkirche Potsdam“ als Träger des Wiederaufbauprojektes gegründet. Das Wort Versöhnung ist nun aus dem Namen der Stiftung ganz getilgt, und in der Satzung ist weder von einem Lernort noch von einem internationalen Versöhnungszentrum mehr die Rede, sondern nur noch von einem „Ort der Versöhnung“. Unerwähnt bleibt der „Tag von Potsdam“ wie auch andere ambivalente bzw. problematische Dimensionen des historischen Ortes, allein von einer „wechselvollen deutschen Geschichte“ ist die Rede.[5] Konkret benannt hierzu wird allerdings einzig der Widerstand des 20. Juli 1944.

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Planung des Architekturbüro Hilmer & Sattler im Auftrag der Stiftung Garnisonkirche Potsdam für die Rekonstruktion der ganzen Garnisonkirche incl. Kirchenschiff, 2011

2010 gründen Stiftung und Fördergesellschaft gemeinsame Kompetenzteams u.a. zu „Programm“ und „Bau. Sie sollen Konzepte zu diese Themen entwickeln und ausarbeiten . Im Folgejahr wird das Architekturbüro Hilmer & Sattler mit der Bauplanung beauftragt, der das vom Kompetenzteam weiterentwickelte Nutzungskonzept zu Grunde liegt. Wesentlichste Neuerung sind touristische Funktionen, zu der eine mit Aufzug erreichbare Aussichtplattform im Turm sowie Ticketkassen, ein kleiner Shop und Café im Erdgeschoss gehören. Hauptnutzung im Erdgeschoss ist die 135 qm große Kapelle, die neben der kirchlichen Nutzung ein Ort des Gedenkens an den Widerstand des 20. Juli und an den Widerstand in der DDR sein soll. Im 1. OG befinden sich die Büros von Pfarrer, Küster und Verwaltung sowie Besuchertoiletten, im 2. OG zwei Seminarräume und ein Vortragsraum.  Für den Ausstellungsbereich (220 qm) und die Bibliothek (25 qm) des Lernorts sind lediglich 20% der Gesamtnutzfläche vorgesehen, und diese auch nur auf der peripher gelegenen 3. und 4. Etage. Die Ausstellungsfläche soll teils für eine Dauerinformation, teils für Wechselausstellungen und für künstlerische Darstellungen genutzt werden. In 67 Meter Höhe befindet sich eine ca. 40 qm große Aussichtplattform als touristische Attraktion. Die Planung umfasst auch erste Überlegung für das Kirchenschiff. Als Kirche genutzt, sollen die Räumlichkeiten auf der Empore abgetrennt und als Büros und eine erweitere Bibliothek genutzt werden.

2017 legte die Matin-Neimöllerstiftung unter dem Titel "Geschichte erinnern?" eine Kritik an dem Nutzungskonzept der Stiftung Garnisonkirche Potsdam vor, die von der Stiftung erwidert wurde.

Der 2017 begonnene Bau des Kirchturms folgt der Planung von 2011, was auch nochmals mit dem Ende Mai 2020 von der Stiftung vorlegten Nutzungskonzept bestätigt wird.

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Die Konzeption von 2011 entspricht der baulichen Realisierung seit 2017. Darstellung aus dem Nutzungskonzept von Mai 2020

Im Herbst 2019 initiiert der neue Oberbürgermeister Potsdams – Mike Schubert - eine neue Debatte zum Nutzungskonzept. Er schlägt eine internationale Jugendbegegnungsstätte für Bildung und Demokratie vor, die am Ort des ehemaligen Kirchenschiffs in einer modernen Architektur entstehen könne. Während die Stiftung Garnisonkirche diesen Vorschlag kritisiert, weil er in ihre Autonomie eingreife, beschließt die Stadtverordnetenversammlung Potsdam im Mai 2020, ein zweijähriges Verfahren einzuleiten, um ein neues Nutzungs- und Gestaltungskonzepte für den Bereich Garnisonkirche/Rechenzentrum im Dialog mit den Beteiligten und weiteren Akteuren zu entwickeln.

Philipp Oswalt, geboren 1964 in Frankfurt Main, Architekt und Publizist, trat nach der Teilnahme am ZDF-Fernsehgottesdienst im Herbst 2017 wegen des Wiederaufbaus der Garnisonkirche aus der evangelischen Kirche aus. Seitdem befasste er sich intensiv mit den Hintergründen des Projekts. Im Sommer 2019 initiierte er die Petition an den Bundespräsidenten, die zur Abschaltung des nachgebauten Glockenspiels führte.

Anmerkungen

[1] Spirit of Change/ Veränderung ist möglich, Das Nutzungskonzept für den Potsdamer Garnisonkirchenturm, 26.7.2001, S. 5
[2] Damals wurde es von der Kirche noch als Wohnstift genutzt, dann aber 2006 an einen privaten Investor verkauft.
[3] Auch diese Idee folgte dem Vorbild von Coventry, wo sich neben der Kirche ein Neubau befand, in dem auf einer ganzen Etage die damals neun hauptamtlichen, international tätigen Mitarbeiter über Büro- und Arbeitsräume verfügten. Auskunft von Oliver Schuegraf am 18.2.2020 per Telefon gegenüber dem Autor.
[4] Satzung vom 28.01.2004
[5] Satzung vom 8.12.2008

Die Geschichte des Potsdamer Rechenzentrums: Sozialistische Computernutzung und die Digitalisierung in Ostdeutschland

An einem Sonntag, dem 23. Mai 1968, ließ das SED-Regime zur Gottesdienstzeit die Kirchturmruine der Garnisonskirche sprengen, um an seiner Stelle das Potsdamer Rechenzentrum zu errichten. Es war eine wuchtige Geste, die diesem propagandistisch ausgeschlachteten Ort eine weitere Dimension hinzufügte. An die Stelle der Vergangenheit alten Preußentums und an den Ort der vorgeblichen Verbrüderung der Nationalsozialisten mit den Eliten des Deutschen Reichs sollte die lichte Zukunft des sozialistischen Staates treten. Kaum eine andere Technologie war seinerzeit derart mit der Zukunft verbunden wie die Computertechnik. Die rationelle Moderne mit dem steten Vorwärtsschreiten des Sozialismus in der wissenschaftlich-technischen Revolution sollte die ‚düstere‘ Vergangenheit ablösen und aus dem Stadtbild tilgen. „Zukunft“, so der Potsdamer Zeithistoriker Martin Sabrow, inszenierte „der SED-Staat [...] als kompromisslosen Bruch mit der Vergangenheit“.[1] Sichtbarster Ausdruck dieser Zugewandtheit zur Zukunft war das achtzehnteilige Glasmosaik Fritz Eislers. Statt der barocken Fassade verkündeten nun quasireligiöse Wandbildnisse von dem berechnenden Fortschritt, der im Inneren des neuen Gebäudes am Werke war: Das Mosaik verkündete von Computern und der Raumfahrt.

Nicht nur die Garnisonskirche hat eine Geschichte, sondern auch das Rechenzentrum. [2] Die Geschichte des Datenverarbeitungszentrums Potsdam, von der Bevölkerung meist „Rechenzentrum“ genannt, ist einzuordnen in die Pläne der DDR-Regierung zur Digitalisierung in der gesamten Republik. Ihr Ziel war der computergetriebene Sozialismus, die Optimierung der lahmenden Planwirtschaft mit Hilfe der Zukunftstechnologie. Über die gesamte Republik verteilt baute die Sozialistische Einheitspartei (SED) ein Netz an Rechenstationen auf, das regionale Behörden und Betriebe mit Rechenkraft versorgen sollte. Wie lässt sich in diesen Plänen das Rechenzentrum Potsdam verorten? Dazu wird in einem ersten Teil die Entstehung dieses Netzwerkes von Rechenzentren in der DDR seit 1958 analysiert. In einem zweiten Schritt wird dann die Potsdamer Station, ihre Aufgaben und was bisher darüber bekannt ist in diesen größeren Zusammenhang eingeordnet. Rechenzentren wie das in Potsdam waren Proto-Orte der Digitalisierung, an denen die DDR Computer zentralisiert einsetzte, um die Bezirke an den Früchten der Zukunft teilhaben zu lassen

Die Pläne für ein landesweites Netz von Rechenstationen

Die Pläne für ein landesweites Netz von Rechenstationen in der DDR reichen zurück bis in die späten 1950er-Jahre. Für den Wiederaufbau von Wirtschaft, Infrastruktur und Gesellschaft nach dem Krieg hatte das Regime zahlreiche Kompromisse machen müssen. Nachdem der Wiederaufbau einigermaßen gelungen war, zielten die StaatslenkerInnen nun darauf, den Sozialismus zu realisieren und das Wirtschaftssystem zu reformieren. Technologie spielte dabei eine entscheidende Rolle, vor allem die Informationstechnologie. Computer waren gleichsam Reformmaschinen des Kommunismus.

Mit ihren Digitalisierungsbestrebungen stand die DDR nicht allein. Die Idee eines Rechnernetzwerkes lässt sich bis in die Sowjetunion zurückverfolgen. Dort hatte der Kybernetiker W. W. Alexandrow für den neuen Parteichef Nikita Chruschtschow einen Plan entwickelt, die Elektronischen Datenverarbeitung auch im Mutterland des Kommunismus nutzbar zu machen.[3] Sein Bericht über die Schaffung von Rechenzentren erfuhr in der DDR eine breite Rezeption und verband sich mit dortigen Vorstellungen. Im November 1958 legte die Staatliche Plankommission den Grundstein für den Aufbau eines solchen Netzes mit dem Ministerratsbeschluss „über die Bildung von Rechenzentren des VEB Maschinelles Rechnen in der Deutschen Demokratischen Republik“.[4] In diesem Betrieb zentralisierten die StaatsplanerInnen mechanische Rechentechnik. Der VEB wurde der Staatlichen Zentralverwaltung für Statistik unterstellt. Seine Struktur war so aufgebaut, dass dem Zentralbetrieb in Berlin ursprünglich neun Zweigstellen zugeordnet wurden. Die Potsdamer Zweigstelle war die erste dieser Stationen. Sie entstand durch eine Ausgliederung der statistisch-technischen Abteilung und nahm im Folgejahr ihren Betrieb auf.[5]

Der Aufbau des Netzwerkes erfolgte Ende der 1950er-Jahre vor allem mit konventioneller Rechentechnik, also mechanischen und analogen Lochkartenmaschinen. Die Staatliche Zentralverwaltung für Statistik setzte eine zentralisierte Nutzung dieser Anlagen zur besseren Auslastung der wenigen Rechner und zur effizienteren Wartung und Ersatzteilversorgung durch. Zudem war der VEB Maschinelles Rechnen verantwortlich für die Ausbildung von Fachleuten der Datenverarbeitung wie ProgrammiererInnen, BedienerInnen oder TechnikerInnen. Entsprechend des Alexandrow-Berichts regulierte die Plankommission den Zugang zu Rechentechnik und trennte noch scharf zwischen wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Nutzung. Diese Trennungen wurden mit der Zeit langsam aufgeweicht. So schwächte die Plankommission 1961 die rein zentralisierte Nutzung ab und erlaubte den Unternehmen und Institutionen auch einen dezentralen Einsatz im eigenen Gebäude. Betriebe konnten zudem nun versuchen, selbst Rechner anzuschaffen – allerdings nur mit dem Segen der Plankommission. Dabei handelte es sich in der Regel um Importrechner, da die DDR aus eigener Produktion nur den „Zeiss Rechenautomaten“, kurz ZRA 1, primär für wissenschaftliche Zwecke liefern konnte. Die Wege in das Digitale Zeitalter blieben in der DDR fest in der Hand von Staat und Partei.

1964 lässt sich als eine zentrale Wegmarke für die DDR auf dem Weg in das Digitale Zeitalter begreifen. Nach dem VI. Parteitag der SED, auf dem die Partei den forcierten Einsatz digitaler Computertechnik forderte, verabschiedete sie 1964 das „Datenverarbeitungsprogramm“. Darin schrieb sie den Aufbau einer eigenen Computerindustrie und die Nutzung derer Produkte in allen Bereichen von Wirtschaft, Politik und Staat fest. In diesem Programm wurde schließlich auch die Trennung zwischen wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Computereinsatz aufgehoben und die Nutzung von Rechenleistung auf Grundlage von Verträgen zwischen Wirtschaftsunternehmen und Rechenzentren gestellt. Ein Kernelement dieser Strategie war der Ausbau von Rechenzentren in den Bezirken.

Die StaatsplanerInnen sahen die Bedingungen des sozialistischen Systems, also Zentralisierung und Gemeinschaftsnutzung auf nationaler, bezirklicher und örtlicher Ebene, als ideale Voraussetzung für das Digitale Zeitalter: Zentrale, regionale Rechenzentren mit Mainframe-Computern bestückt, auf die eine Vielzahl an Nutzern zugriffen, versprachen eine optimale Nutzung der neuen Technologie. Interessanter Weise vollzogen sie mit dem Aufbau regionaler Rechenzentren eine Entwicklung, die aus Kostengründen etwa zeitgleich auch in der Bundesrepublik populär wurde. Jenseits der Rechenzentren waren die PlanerInnen pragmatisch darin, Nutzern den Zugang zu Rechentechnik zu gewähren, wenn die zentralisierte Wirtschaftsstruktur wie bei Vereinigungen Volkseigener Betriebe oder Kombinaten bereits einen hohen Zentralisierungsgrad besaß.[6] Institutionen und Großbetriebe schafften daher eigene Computer an und betrieben diese in eigenen Rechenzentren. Ergänzend entstanden zusätzliche Rechenstationen in industriellen Ballungsräumen.

Das Regime maß also der Digitalisierung des Landes durch zentralisierte Rechnernutzung einen hohen Stellenwert bei, sodass der VEB Maschinelles Rechnen und seine Zweigstellen, Potsdam war eine davon, florierte. Im Jahr 1965 verfügte der Betrieb mit seinen Zweigstellen bereits über etwa 2.250 Mitarbeiter, 30 elektronische Lochkartenrechner und 100 Tabelliermaschinen.[7] Drei Beispiele aus der Praxis des VEB Maschinelles Rechnen veranschaulichen dessen Aufgabenprofil: In Schwerin entwickelten MitarbeiterInnen eine „[K]artei für die Großhandelsgesellschaft Lebensmittel“ und führten „seit 1965 die amtliche Krebskrankenstatistik der DDR“.[8] 1964 berechneten die Bezirksstationen gemeinsam die Ergebnisse der Volks- und Berufszählung mit semi-elektronischen Rechenmaschinen.[9]

Allerdings erwies sich das Organisationsmodell mit einer Zentrale und bis dato neun Zweigstellen als äußerst unflexibel. Die Aufgaben der bezirklichen Ebene wuchsen immer weiter an. Im Zuge einer Strukturreform entließ der Ministerrat 1966 die Zweigstellen einerseits in die Unabhängigkeit, um deren Effizienz zu erhöhen. Andererseits fasste er sie aber in der „Vereinigung Volkseigener Betriebe Maschinelles Rechnen“ zusammen, um die Kontrolle über die Entwicklung der Schlüsseltechnologie zu behalten.[10] Deren Hauptaufgabe blieb die „maschinelle Datenverarbeitung für planmäßig und periodisch zu liefernde statistische Informationen“ des Zentralamtes für Statistik zur Versorgung der Staatsorgane und der Werktätigen mit dem notwendigen Zahlenmaterial. Weiterhin oblag es der VVB, „für zentrale und örtliche Staatsorgane sowie deren Nachfolgeeinrichtungen wie auch für zentral geleitete und kleinere volkseigene Betriebe ohne eigene Rechenstation rechentechnische Arbeiten auszuführen“.[11]

Der Anwenderkreis der VVB reichte also vom Staatlichen Zentralamt für Statistik über die örtlichen Staatsorgane vor allem in den Bezirksstädten wie Potsdam, die dort ansässigen Unternehmen und bezirksgeleiteten Betriebe bis hin zu Einrichtungen des Gesundheitswesens, der Kultur, der Bildung und wissenschaftlichen Institutionen. Selbst zentral geleitete VEBs zählten zum Kundenkreis, welche die VVB aber nur nutzen konnten, wenn dies als volkswirtschaftlich sinnvoll angesehen wurde. Daneben betrieb der Binnenhandel ein paralleles Netzwerk an Rechenzentren. Dieses wurden 1962 als VEB Rechenbetrieb Binnenhandel (Rebi) in allen Bezirken eingerichtet und besaß eine ganz ähnliche, zentral organisierte Struktur. Anfangs mit maschineller Rechentechnik ausgestattet, setzten sie ab 1965/66 schrittweise Lochkartentechnik ein, später Computer.[12]

Der Berliner Zentralbetrieb der VVB Maschinelles Rechnen nahm nach der Loslösung seiner Satelliten leitende wie kontrollierende Funktion ein.[13] Hier wurde 1966/67 das erste „Datenverarbeitungszentrum“, kurz DVZ, der DDR eingeweiht. Es sollte prototypisch für die anderen vierzehn geplanten Zentren stehen und war Vorbild für den Bau in Potsdam. Anfangs war das Berliner Zentrum mit Importrechnern aus dem Westen bestückt, erhielt aber 1969 einige der ersten Robotron 300, Computer mittlerer Leistungsfähigkeit aus Eigenproduktion. Die VVB Maschinelles Rechnen, Rechenbetriebe Binnenhandel und der VEB Datenverarbeitung der Finanzorgane betrieb einen beträchtlichen Teil der insgesamt produzierten 325 R 300.[14] Gleichzeitig bildete das DVZ Berlin viele der MitarbeiterInnen aus, die später in den anderen Rechenzentren arbeiteten, darunter beispielsweise der Potsdamer Programmierer Dieter Wolff.

Bei dem Aufbau eines landesweiten Netzes an Rechenzentren handelte es sich um ein veritables Großprojekt der DDR-Regierung. Allein für die erste Stufe des Aufbaus setzte Gerhard Schürer, Vorsitzender der Staatlichen Plankommission, im November 1966 über drei Milliarden Mark der DDR an.[15] Die Transformation des Potsdamer Stadtbilds war also eng verknüpft mit der Transformation des Zeitverständnis des Regimes im Anbruch einer neuen Zeit wie auch mit der Transformation der Wirtschaftsstruktur des ganzen Landes im Prozess der Digitalisierung.

Zu Beginn der 1970er-Jahre gerieten die Pläne zum Systemausbau der VVB in politisch raueres Fahrwasser. Bereits vor der Machtübernahme durch Honecker zeichnete sich ab, dass dessen Entourage zunehmend an Einfluss gewann und auf wirtschaftliche Veränderungen drängte. Das wirkte sich auch auf die Datenverarbeitung aus. Mitten in der Aufbauphase des landesweiten Netzwerkes schwenkte der sozialistische Staat von der technischen Utopie um in den „Konsumkommunismus“ und rief die Erhöhung des Lebensstandards als neues Leitbild aus. Die junge Datenverarbeitung stand auf dem Prüfstand. Hinzu kamen bauliche Probleme bei der architektonischen Realisierung.

Auf der 13. Tagung des Zentralkomitees der SED im Juni 1970 hielt nicht nur Günter Mittag seine Geheimrede zur weiteren Verstaatlichung, sondern brach auch Günther Kleiber als Staatssekretär für Datenverarbeitung eine Lanze für deren fortgesetzte Förderung.[16] Kleiber brachte in einer Rede zwei Hauptargumente für den Nutzen der EDV vor, an denen sich die digitalpolitischen Prioritäten der frühen 1970er-Jahre ablesen lassen: Erstens argumentierte er mit den ökonomischen Gewinne aus Rationalisierung und Automatisierung; Zweitens mit dem Informationsgewinn aus integrierten Computersystemen, sowohl für die PlanerInnen über die Betriebe, als auch für diese über ihre Wirtschaftstätigkeit. Die Unternehmen reichten von der Landwirtschaft über die Industrie bis hin zum Verkehr. Der Aufbau integrierter Gesamtinformationssysteme wurde zum Traum westlich wie östlich der Mauer. Kleiber präsentierte zentrale Rechenzentren zur Integration lokal verfügbarer Daten sowie zur effizienten Verarbeitung der stark steigenden Datenmenge auf Großrechnern als Schlüssel zur fortgesetzten Digitalisierung und verbesserten Planung. Er hatte damit zumindest teilweise Erfolg. In der Umbruchszeit um 1970/71 wurden zwei Entschlüsse für die Konsolidierung der VVB Maschinelles Rechnen maßgeblich: Erstens der Beschluss des Ministerrates über die „Grundrichtung für die Anwendung von elektronischen Datenverarbeitungsanlagen und Prozessrechnern zur komplexen Automatisierung und Rationalisierung“. Zweitens die Neugestaltung des Planungssystems in den Bezirken, Kreisen, Gemeinden und Städten.[17] Kompatibilität und Integration trieben nun die Entwicklung der Digitalisierung voran. Die VVB Maschinelles Rechnen lieferte dafür die technische Infrastruktur vom Speicher über die Rechnerleistung bis zur Übertragung.[18]

Zwar gelang es der DDR nie, das erträumte System in seiner vollen Leistungsfähigkeit aufzubauen. Es haperte vor allem an der Programmierung der Software und dem Betrieb des Informationssystems. Zudem machte die Standardisierung der Datenbasis Probleme. Trotzdem gelang bis 1973 der Aufbau eines landesweiten Netzwerks an Rechenstationen. Der Vorsitzende des Ministerrates der DDR Willi Stoph verkündete zwei Jahre zuvor bereits stolz in einer Rede die „Veränderung der Produktionsstruktur der DDR“ und spielte auf die Transformationswirkung der EDV an. Vehikel dieser Transformation waren die VVB Maschinelles Rechnen als Datendienstleister „für eine Reihe von volkswirtschaftlich bedeutenden Anwender[n]“.[19] Dies relativiert den Befund des Historikers Simon Donig, dass solch ein Netzwerk nie errichtet worden sei. Es existierte, es war produktiv, nur eben nicht in der Form der utopischen Erwartungen von Staat und Partei. Der Paradigmenwechsel von der Utopie zur Pragmatik beruhte fortan auch auf der Rechenleistung der Computer, die nun im Hintergrund liefen, Transportrouten optimierten und Versorgungslagen berechneten. Nichtsdestotrotz verlor Kleiber 1971 seinen Posten als Staatssekretär für Datenverarbeitung.[20]

1975 entschloss sich die Regierung, die VEB Maschinelles Rechnen mit den Rechenbetrieben des Handels in gemeinsamen Datenverarbeitungszentren zusammenzuschließen. Von nun an wurde einheitlich der Begriff „DVZ“ verwendet.[21] Ziel war es, durch die Fusion weitere Synergieeffekte zu erzielen, wie sie mit den nun immer leistungsstärkeren Computern machbar wurden. Mit wenigen zentralen ESER-Großrechnern konnten die Datenverarbeitungszentren eine Vielzahl an Kunden gleichzeitig bedienen. ESER stand für das „Einheitliche System Elektronischer Rechentechnik“ und war der Versuch, gemeinsam mit anderen sozialistischen Staaten die Computerproduktion zu koordinieren. Vor allem die MitarbeiterInnen des Binnenhandels waren über die Fusion nicht sonderlich glücklich, da sie in dem neuen Betrieb an Bedeutung einbüßten.[22] Sie konnten sich aber dem Fusionsdruck angesichts ähnlicher Tätigkeits- und Technikprofile nicht entziehen. 1980 schließlich erfolgte im Vorfeld der Mikroelektronikeinführung in der DDR die letzte Umstrukturierung. Die Datenverarbeitungszentren wurden in das Volkseigene Kombinat Datenverarbeitung überführt.

Über die VVB Maschinelles Rechnen und späteren Datenverarbeitungszentren wurden viele Staatsorgane und Betriebe der DDR von der Computertechnik berührt. Die VVB unterstütze sie bei der Umsetzung von Automatisierungsvorhaben und hielten nicht nur technische Infrastruktur vor. Auffällig ist, dass diese Unterstützung der örtlichen Organe und Betriebe durch die VVB häufig auf eine Optimierung von deren Prozessen hinauslief. Diese Form der Einflussnahme sorgte allerdings immer wieder für Konflikte. Zudem übernahmen die VVB-MitarbeiterInnen eine Vermittlerrolle und informierten über die Möglichkeiten der EDV, beispielsweise im Rahmen von Schulungen, Broschüren, Datenbanken oder Lehrfilmen. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die Digitalisierung die Entwicklung der DDR seit 1958 durchgängig begleitete, zentralisiert strukturiert war und Rechenzentren wie das in Potsdam darin die prominente Position einnahmen.[23]

Das Potsdamer Rechenzentrum

Wie lässt sich nun das Potsdamer Rechenzentrum in die Digitalgeschichte der DDR einordnen? Anfang der 1960er-Jahre besaßen im Bezirk Potsdam höchstens große Betriebe oder Wissenschaftsinstitutionen Computer. Beispielsweise nutzte die Sternwarte Potsdam eine ZRA 1 primär für wissenschaftliche Zwecke. Im Zuge der Verwaltungsautomation wurden dort in einer Übergangsphase aber auch Gehaltskonten mit dem Computer bearbeitet. Im September 1967 weihte die Partei in Potsdam einen Schwesterbetrieb des Datenverarbeitungszentrums ein, das „Organisations- und Rechenzentrum“, kurz ORZ. Standort des Rechenbetriebes war die Heinrich-Mann-Allee 107, später die Villa Hagen in der Bertinistraße. Er ging auf die Initiative des Ministers für bezirksgeleitete und Lebensmittelindustrie der DDR zurück und erbrachte Datendienstleistungen für 45 bezirksgeleitete Betriebe der ganzen DDR und den Bezirkswirtschaftsrat Potsdam. Ein frühes Anwendungsbeispiel des ORZ ist die Linsenberechnung für die Optische Industrie, beispielsweise 1967 für die Firma „Dunker“ in Rathenow.[24] Das Besondere dabei war, dass erstmals in der Wirtschaft ein Robotron 100 zum Einsatz kam, ein Computer kleinerer Leistungsfähigkeit vergleichbar mit der IBM 650. Die Presse pries ihn überschwänglich als „Automatischen Optiker“ und „Rechenkünstler von der Havel“.[25] Aus dem ORZ ging 1969 der VEB Informationsverarbeitung Potsdam als ein Prototyp für die Einführung der elektronischen Datenverarbeitung in der gesamten bezirksgeleiteten Industrie der DDR hervor.

Parallel dazu existierte die Dependance des VEB Maschinelles Rechnen in der Statistischen Bezirksstelle Potsdam. Sie verfügte neben maschineller Rechentechnik ebenfalls über einen Robotron 100 und befand sich in der Puschkinallee 3. In Abbildung 1 ist dabei schön zu erkennen, wie die Datenverarbeitung in der DDR keineswegs eine Männerdomäne war. Das Bild, das sich sowohl im Neuen Deutschland als auch im Spiegel wiederfindet, zeigt die Ausbildung mehrerer Operatricen, die den Rechner bedienten und steuerten. Auch der erste Leiter des Datenverarbeitungszentrums war eine Frau. Während in der Bundesrepublik die Datenverarbeitung jenseits der Erfassung tendenziell männlicher geprägt war, so zeigt das Beispiel des Potsdamer Rechenzentrum, wie Frauen in der Digitalisierung der DDR eine wichtige Rolle spielten.[26]

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Abbildung 1: Einweisung am Robotron 100 im VEB Maschinelles Rechnen Potsdam. Quelle: ND, 9.3.1968, S. 3.

Für die ambitionierten Pläne des SED-Regimes reichte die Rechenleistung der R 100 im ORZ und im VEB Maschinelles Rechnen aber bei weitem nicht aus. Daher wurden früh Planungen für ein Bezirksrechenzentrum in Potsdam aufgenommen. Sie gingen auf das Datenverarbeitungsprogramm aus dem Jahr 1964 zurück, als erstmals die Idee großer Bezirksrechenzentren festgeschrieben wurde. Erste Entwürfe machte das Regime 1966 öffentlich bekannt. Hinweise zum Standort des Rechenzentrums an der Stelle der ehemaligen Garnisonskirche finden sich erstmals in einer Vorlage für das Politbüro Ende 1967, die schließlich im April 1968 diskutiert wurde.[27] Im Januar desselben Jahres beschloss der Rat des Bezirkes den Generalbebauungsplan Potsdams, im Februar und März stimmt die Stadtverordnetenversammlung dem Bau des Rechenzentrums an der Stelle der Garnisonskirche – unter Protesten – zu. Als Begründung für den Standort führte die Vorlage unter anderem an, dass die „städtebauliche Gestaltung der Wilhelm-Külz-Straße [heute Breite Straße, d.V.] [...] den Abriß der gesamten alten Bausubstanz zur Schaffung eines einheitlichen Ensembles [erfordert]. In diesem Zusammenhang ist vorgesehen, am jetzigen Standort der Ruine der ehemaligen Garnisonskirche einschließlich der Plantage das zukünftige Zentrum der elektronischen Datenverarbeitung anzuordnen. [...] Die Bodenbeschaffenheit des Baugrundes erfordert diese Lösung“.[28] Der verdichtete Baugrund der ehemaligen Garnisonskirche eignete sich vortrefflich für einen Neubau, der große Gewichte zu tragen habe und erschütterungsfrei sein müsse. Insgesamt sollte Potsdam drei „Elektronenrechner“ Robotron 300 aus eigener Produktion inklusive Peripherie erhalten, jeweils einen für die VEB Maschinelles Rechnen zu statistischen und ökonomischen Zwecke, einen für die VEB Datenverarbeitung der Finanzorgane (DvF) für die Bearbeitung des Zahlungsverkehrs und einen für die Rechenbetriebe des Binnenhandels (Rebi). Jedes dieser Rechnerensembles brachte ein gehöriges Gewicht mit sich und benötigte doppelte verstärkte Böden, um dieses abzutragen. Kleinste Erschütterungen konnten Berechnungen der empfindlichen Computer und vor allem der Magnetbandgeräte stören. Der entsprechende Baugrund für diese Anforderungen, der zum Bau des Gebäudes weiter stabilisiert wurde, trug zur Standortwahl bei.[29]

Für die drei Robotron-Rechner wurde schließlich 1969 bis 1971 das „Datenverarbeitungszentrum“ mit einem Rechengebäude und einem Verwaltungsgebäude errichtet, das ein eingeschossiges Verbindungsgebäude vereinte. Gestaltet wurde es von einer Architektengruppe um Sepp Weber, nach dessen Entwürfen auch das damalige „Interhotel“ und das Gebäude der Fachhochschule Potsdam am Alten Markt entstand. Ursprünglich war ein Hochgeschossbau ähnlich einer Campanile, also der Gestalt eines Glockenturms, geplant. Als Hochgeschossbau realisierte beispielsweise der Bezirk Dresden sein Rechenzentrum. In Potsdam hätte die Gestaltungsform in ihrem Verweis auf die Vergangenheit des Ortes eine besondere Pointe gehabt. Auf Initiative der Deutschen Bauakademie sollte allerdings „vielmehr ein Flachbau angestrebt werden, dessen interessante Gliederung und Plastizität den neuen Geist unserer Zeit auch baukünstlerisch zum Ausdruck“[30] brachte. Das Politbüro stimmte der Vorlage mit explizitem Verweis darauf zu, dass in „der Stadt des Potsdamer Abkommens [...] die endgültige Überwindung des preußisch-deutschen Militarismus“[31] durch die Neugestaltung des Stadtkerns erreicht werden könne. Dies kam auch im direkten Kontrast der rationalistischen, durch vertikale Bauelemente gegliederte Fassade des DVZ gegenüber der barockverspielten Fassade beispielsweise des langen Stalls zum Ausdruck (siehe Abbildung 2).

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Abbildung 2: Fassadenaufriss des Datenverarbeitungszentrums und des Langen Stalls, Südseite. Quelle: Klusemann 2016, S. 164.

Bemerkenswert ist, dass die Forderung, die „Wiederholung bekannter architektonischer Lösungen aus Berlin oder anderen Städten der DDR [...] zu vermeiden“[32] in einem Wiederspruch zu der Direktive des Politbüros stand, beim Aufbau der Bezirksrechenzentren auf bauliche Vorbilder zurückzugreifen. Am Gebäude des Potsdamer Rechenzentrums lassen sich also die Spannung zwischen zentraler Leitung und den Interessen der Bezirke spüren. Letztere setzten keineswegs immer nur um, was die Zentrale vorgab. Sie passten die Vorgaben an die lokalen Bedingungen und Ressourcen an.[33]

Pro Rechenzentrum veranschlagte der Ministerrat etwa 50 Millionen Mark. Sogenannter „Investverantwortlicher“ für den Bau der Potsdamer Station war das Ministerium der Finanzen, da das Datenverarbeitungszentrum neben dem Rechenbetrieb Binnenhandel und den bezirklichen Rechenaufgaben auch den VEB Datenverarbeitung der Finanzorgane beherbergte. Das Gebäude sollte rechtzeitig zum 20. Jahrestag der DDR fertiggestellt sein, was allerdings nicht eingehalten werden konnte. So berichtete der zuständige Staatssekretär im Ministerium bereits im März 1968 von Problemen beim Bau, sodass einerseits die Potsdamer Station gegenüber den anderen Bezirken zeitlich zurückgestellt wurde; gleichzeitig erhöhte er aber den Druck auf den Bezirk, Ressourcen für das strukturbestimmende Vorhaben des DVZ bereitzustellen und ihm Vorrang vor allen anderen Bauvorhaben zu geben.[34] Die Termine der Fertigstellung, der Geräteinstallation und des Beginns des Produktivbetriebes fielen auf die Jahre 1971-1972, in denen der Künstler Fritz Eisel das bekannte Mosaik an der Außenfassade anbrachte.[35]

Fritz Eisel beschrieb 1976 seine Arbeit retrospektiv als künstlerische Auseinandersetzung „mit der elektronischen Datenverarbeitung“.[36] Das Wandbild umfasst die Süd-, West- und Nordseite des Gebäudes auf einer Länge von 60 Metern mit 18 drei mal zwei Meter achtzig großen, geschosshohen Einzelbildern aus Glasmosaik. Etwas stilisiert, dennoch deutlich erkennbar stechen im Wandbild die Bedieneinheiten eines Elektronenrechners hervor, beispielsweise auf der Südseite des Gebäudes, wie in Abbildung 3 zu sehen. Die hier dargestellten Konsolen haben explizite Ähnlichkeiten zum Bedienpult eines Robotron 300 (vgl. Abbildung 3, 4 und 5).

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Abbildung 3: Ausschnitt des Mosaiks von Fritz Eisel, "Der Mensch bezwingt den Kosmos" am DVZ Potsdam. WissenschaftlerInnen vor technischen Bedienelementen. Foto: Florian Schäffer, CC BY-SA 3.0
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Abbildung 4: Ausschnitt des Mosaiks von Fritz Eisel, "Der Mensch bezwingt den Kosmos" am DVZ Potsdam. Wissenschaftler vor technischen Bedienelementen. Foto: Florian Schäffer, CC BY-SA 3.0
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Abbildung 5: Elektronische Datenverarbeitungsanlage Robotron 300. Quelle: rechentechnik/datenverarbeitung 5/1971

Das Wandbild Fritz Eisels stand „inhaltlich für die Ära der wissenschaftlich-technischen Revolution, für Planungseuphorie und Technikbegeisterung“ der 1960er-Jahre. Der Künstler verband darin progressive und technizistische Motive wie die bemannte Raumfahrt, Automatisierung und Rechentechnik

„mit konventionellen Bildstrategien, etwa der großen weiblichen Figur, welche als Repoussoir den Blick des Betrachters aufnimmt und in das Bild überleitet. Sie ist gleichzeitig Appellfigur, was bereits typisch für die sozialistische Avantgardekunst war, und stellt eine Verbindung zwischen dem Bildgeschehen und den [...] Betrachter[n] her, denn schließlich war das Bild nicht nur Ornament und Dekor, sondern auch aktivierendes Element im öffentlichen Raum“.[37]

Der Fortschritt im Inneren sollte künstlerisch nach außen wirken. Dies wurde dadurch unterstützt, dass auf die Fassade angebrachte senkrechte Betonelemente auf den horizontalen dunklen Fensterbändern das Stahlbetonskelett im Inneren des Gebäudes wiederspiegelten.[38] Das Mosaik „Der Mensch bezwingt den Kosmos“ und mit ihm das ganze Gebäude des DVZ steht damit in einer Linie zu jener Kunst, „in der die Leistungen, Weltanschauung und Perspektiven der siegreichen Arbeiterklasse, die großen Ideen unserer Epoche, wirkungsvoll zum Ausdruck kommen und die dazu beiträgt, sozialistisches Bewußtsein und Lebensgefühl auszuprägen“.[39]

Deutlich wird am Motiv des Mosaiks Fritz Eisels aber noch etwas Anderes: Es veranschaulicht den Zusammenhang wie auch den Übergang von einer Leittechnologie zur nächsten. In den 1960er-Jahren war es noch die Raumfahrt, die die Menschen zum Träumen brachte. Bis heute ist die Mondlandung das größte TV-Ereignis aller Zeiten. Computertechnologie hatte dabei eher eine Hilfsfunktion. Dies änderte sich im Laufe der 1970er-Jahre, als der Pragmatismus der Gegenwart die Träume ferner Welten ablöste.

Die weitere Ereignisgeschichte des DVZ Potsdam bis zur Wiedervereinigung ist schnell erzählt. Im Jahr 1976 wurde der Maschinenpark des Rechenzentrums um einen ESER-Computer EC 1040 ergänzt. Mit dem leistungsstarken Großrechner, der an das IBM System 360 angelehnt war, konnte das Portfolio des Rechenzentrums ausgeweitet werden. Im Jahr 1983 bewilligte der Bezirksrat schließlich die Anschaffung eines EC 1057, der im Jahr 1987 installiert wurde. Die Staatliche Plankommission, zuständig für die Zuteilung der Rechenmaschinen, erteilte dazu ebenfalls ihre Zustimmung. Der EC 1057 war als „letzter Großrechner“ der DDR bekannt. Hinzu kam der Einsatz von Büro- und Personalcomputern wie dem Robotron 1715.[40]

Die Aufgaben des Potsdamer Rechenzentrums

Welche Aufgaben hatte das Datenverarbeitungszentrum Potsdam, für welche Kunden wurde gerechnet? Die ungewöhnliche Doppelstruktur in Potsdam mit dem DVZ und dem VEB Informationsverarbeitung in der Bertinistraße führte zu einer Aufgabenteilung. Während in der Bertinistraße die bezirksgeleitete Industrie mit Rechenkraft versorgt wurde, übernahm das Datenverarbeitungszentrum unter der Leitung von Ursula Stralau Aufgaben für die zentrale Verwaltung. Für diese erbrachte das DVZ analog denen anderer Bezirkshauptstädte umfangreiche Datendienstleistung. Das reichte von der Bereitstellung von Rechenleistung über die Unterstützung bei der Implementation von Computerisierungsprojekte, beispielsweise in der Frage, welche Daten erfasst und wie diese standardisiert werden konnten, bis hin zum Schreiben von Programmen.[41]

Letztlich boten die MitarbeiterInnen des DVZ anderen Institutionen anwendergerechte Lösungen von spezifischen, organisatorischen Problemen. Sie erfassten, verarbeiteten und speicherten Einwohnerdaten, bestimmten Wohnraum- und Katasterdaten und erfüllten damit ihre Funktion als Statistikbehörden. Ein Kernpfeiler dieser Aufgaben war die Erfassung und Berechnung einheitlicher Daten für die DDR-Statistiken. Die Steuerung der Planwirtschaft beruhte maßgeblich auf dem Berichtswesen aus den Betrieben und Institutionen. Dementsprechend früh wurden die R 300 zu statistischen Zwecken eingesetzt, „ihre Verfahren und Projekte waren die ersten, die auf diesen Rechnern liefen“.[42] Die Daten des DVZ wurden in aggregierter Form für die Planungsentscheidungen auf Bezirks- und Republikebene verwendet.

Nicht zu vergessen ist eine zentrale Aufgabe des Datenverarbeitungszentrums Potsdams als Ausbildungsbetrieb. Dort wurden die Fachkräfte des Digitalen Zeitalters für den Bezirk Potsdam ausgebildet: Lehrlinge, ProgrammiererInnen, Operatoren und Operatricen, WartungstechnikerInnen und viele mehr. Aber auch ‚normale‘ NutzerInnen aus den Betrieben und Institutionen wurden hier geschult, in den 1980er-Jahren beispielsweise in der Verwendung von Bürorechentechnik.

Das Aufgabenspektrum des DVZ reichte aber noch deutlich weiter. Es übernahm die Lagerverwaltung im Apothekenwesen, von der Inventarkontrolle bis zur Logistik. Eine eigene Abteilung widmete sich der Routenoptimierung beispielsweise für den Transport von Holz, Erz oder Stahl einem klassischen Problem der Informatik. Die Programme waren derartig erfolgreich, dass das DVZ sie auch in den Westen verkaufte. Das Bauwesen unterstützten sie nicht nur bei der Bauplanung, sondern viel weitergehend in Organisation, Logistik und Steuerung. Da die Rechenbetriebe Binnenhandel im Datenverarbeitungszentrum aufgegangen waren, arbeiteten die MitarbeiterInnen des DVZ auch für die Handelskombinate in der computergestützten Konsumgüterverwaltung. Auch in der Landvermessung, einem weiteren klassischen Anwendungsgebiet früher Computertechnik, was das DVZ tätig. So stellten die MitarbeiterInnen für die Wasserwirtschaft Magdeburg das Flussgebiet der Bode im Harz rechnerisch dar, um die verschiedenen Witterungsbedingungen wie beispielsweise Hochwasser zu simulieren. Für all diese Zwecke schrieben sie die passenden Programmpakete oder passten die republikweit verfügbaren Lösungen an. Sie warteten die Rechentechnik und garantierten deren einwandfreie Funktionsweise.[43]

Es ist nicht nachgewiesen, dass das Datenverarbeitungszentrum auch für das Ministerium für Staatssicherheit gerechnet hat. Da die Staatssicherheit ihre eigene Infrastruktur aufbaute, die sie für ihre Zwecke zu nutzen wusste, ist eine Nutzung des DVZ unwahrscheinlich. Anzunehmen ist hingegen, dass es einen Datentransfer gab, dass also MfS-MitarbeiterInnen auf die im Datenverarbeitungszentrum gespeicherten Daten Zugriff nahmen – ähnlich wie im Westen der Bundesnachrichtendienst. Dabei hatte es das MfS im repressiven Regime der DDR und angesichts fehlender Datenschutzstandards deutlich einfacher als die Dienste anderer Länder, auf die Daten von Wirtschaft und Bevölkerung Zugriff zu nehmen.[44]

Ein auf den ersten Blick skurriles Projekt des DVZ Potsdam verdeutlicht die Bandbreite seiner Aufträge. Im Jahr 1981 arbeiteten seine MitarbeiterInnen eine Diät-Rezepturenkartei aus, die über 600 Karteikarten mit Diätrezepten und Tageskostpläne umfasste. Dabei arbeitete sie mit dem Zentralinstitut für Ernährung der Akademie der Wissenschaften der DDR in Potsdam-Rehbrücke und der Sektion Diätetik der Gesellschaft für Ernährung in der DDR zusammen. In der „Wissenschaftsstadt Potsdam“ war kommunale Datenverarbeitung also auch immer verzahnt mit den dort ansässigen Forschungsinstituten und der kommunalen Verwaltung. Hieran wird zudem deutlich: Rechenleistung war in der DDR nicht für die Bevölkerung verfügbar, sondern stets für Politik, Wissenschaft und Wirtschaft gedacht. Ihre Ergebnisse kamen der Bevölkerung letztlich indirekt zu Gute, aber stets unter den politischen Rationalen des Regimes.

Die Entwicklung des Datenverarbeitungszentrums Potsdams nach der Wiedervereinigung

Mit dem Ende der DDR und der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten standen auch die Datenverarbeitungszentren auf dem Prüfstand. Ihre Technik war nach westlichen Standards weitestgehend veraltet, so gut sie auch die Bedürfnisse des sozialistischen Staates zu stillen vermocht hatte. Es bestand ein Mitarbeiterüberhang bei ihnen und vor allem brachen die bisherigen Kunden einer nach dem anderen weg, da viele den Übergang in eine neue Zeit nicht schafften. Die Datenverarbeitung sticht allerdings als ein Bereich heraus, in dem der Übergang vom Sozialismus in den Kapitalismus bundesdeutscher Prägung beiden Seiten gut gelang. Die DDR-Technik hatte sich seit den 1960er-Jahren an westliche Standards wie beispielsweise von IBM angelehnt, sodass die ProgrammiererInnen auf beiden Seiten der Mauer sich schnell verständigen konnten. ZeitzeugInnen des DVZ Potsdam berichten davon, wie sie „sofort eine Sprache sprachen“,[45] nämlich Programmiersprache, als sie sich nach der Wende mit ihren WestkollegInnen zusammenkamen. Im Westen wiederum wurden händeringend ComputerexpertInnen gesucht, zumal sich diejenigen aus Ostdeutschland noch dadurch hervortaten, dass sie in der Lage waren, durch die bisherigen Beschränkungen der Technik besonders speichersparsam und effizient zu programmieren.

Die Geschichte des DVZ Potsdam ist paradigmatisch für die Entwicklung vieler der insgesamt 15 Bezirksrechenzentren. Während die Treuhand für einige von ihnen keinen Abnehmer fand und sie daher abwickeln musste, spezialisierten sich andere Rechenzentren auf einen bestimmten Bereich der Datenverarbeitung und etablierten sich damit als Dienstleistungs- oder Nischenanbieter. So auch in Potsdam. In der Zeit der Wiedervereinigung führte Joachim Hesse als Hauptgeschäftsführer des DVZ Potsdam die Geschicke des Betriebes. Ihm gelang es, auf den vorherigen Datendienstleistungen aufzubauen und einen größeren Vertrag mit der AOK Brandenburg abzuschließen, der ab November 1991 begann. Auf dieser Basis gründete Hesse die DVZ-Krankenkassen-Rechenzentrum GmbH Potsdam aus, als deren Geschäftsführer er bis Ende 1995 fungierte. Etwa 50 MitarbeiterInnen des DVZ konnten auf diese Art weiterbeschäftigt werden und pflegten 1,4 Millionen Datensätze von Krankenversicherten. 40 weitere MitarbeiterInnen konnten zu Kaufleuten umgeschult werden und so den „Know-how-Bedarf in den Niederlassungen der Ortskrankenkasse“[46] decken. Mit dem Auslaufen des Vertrages mit der AOK endete auch das Bestehen der DVZ GmbH; das Gebäude in der Dortustraße wurde von einer Immobilienverwaltung übernommen. Joachim Hesse machte sich als Geschäftsführer der "TBig International GmbH“ selbstständig, einer Unternehmensberatung im IT-Bereich.

Aber auch der Strang der Datendienstleistung für den regionalen Verwaltungs- und Behördenbereich, beispielsweise in Hinblick auf Statistik oder Einwohnermeldedaten, lässt sich weiterverfolgen. Hier arbeiteten Ost- und West zusammen, um die statistischen Anforderungen einer Planwirtschaft in die einer Marktwirtschaft zu überführen. In Potsdam gingen die Statistikaufgabe des DVZ kurzfristig an das „Gemeinsame Statistische Amt der Länder Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen“ über, bis die Landesämter funktionsfähig waren. 1991 ging das DVZ im Brandenburger Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik auf, unterstützt von der Landesregierung in Nordrhein-Westfalen. 2001 wurde aus dem Landesamt ein Landesbetrieb.[47] Der war dem Ministerium des Inneren zugeordnet und beschäftige etwa 500 MitarbeiterInnen. Damit wandelte sich auch das Aufgabenprofil des Betriebs hin zu Statistiken auf Landes-, Bundes- und EG-Ebene wie Verbraucherpreisstatistiken, Schulstatistiken oder Mikrozensus, die Unterstützung von Wahlen sowie im Vergaberecht, aber auch weiterhin IT-Beratung und Ausbildung auf Landesebene. 2006 entschieden sich die Länder Brandenburg und Berlin, ihre Statistikbehörden zusammenzulegen, sodass der vorgenannte Landesbetrieb 2007 aufgespalten wurde in die Teile Datenverarbeitung und Statistik. Ersterer wurden zum Landesbetrieb für Datenverarbeitung IT-Serviceaufgaben (LDS), die Statistik wurde wiederum Teil des Amts für Statistik Berlin-Brandenburg. Hintergrund waren Synergieeffekte, die bei der Zusammenlegung der Statistikämter beider Bundesländer genutzt werden sollten. Auch in anderen Bereichen kooperierten die Bundesländer immer enger. [48]

Aus dem Landesbetrieb für Datenverarbeitung und IT-Serviceaufgaben wiederum ging letztlich 2009 der Brandenburgische IT-Dienstleister (ZIT-BB) hervor, der bis heute besteht. Seine Entwicklung ist einzuordnen in die fortschreitende Digitalisierung kommunaler und regionaler Strukturen in der ganzen Bundesrepublik und deren steten Problemen. Er beschreibt sich selbst als „zentraler IT-Dienstleister für die unmittelbare Landesverwaltung. Seine Aufgabe ist es unter anderem, die sichere technische IT-Infrastruktur für das Land Brandenburg bereitzustellen und zu betreiben“.[49] Daneben bietet der ZIT-BB auch zahlreiche Bürgeranwendungen an, beispielsweise Onlineportale wie „Maerker“, mit dem sich Mängel und Verbesserungen in der Infrastruktur des Landes melden lassen, das Landemelderegister oder das Vorschriftensystem Bravors, eine Gesetzessammlung für Brandenburg. Bis Ende 2017 nutzte der ZIT-BB das Gebäude des DVZ noch als Rechenzentrum. Insgesamt wurde das Gebäude damit fast vier Jahrzehnte in seinem ursprünglichen Zweck genutzt. Im November 2017 erfolgte schließlich der Umzug des Brandenburgischen IT-Dienstleisters ZIT-BB von der Dortustraße in ein Gewerbegebiet nach Spandau mit dem Ziel, den lang gehegten Traum der Verwaltungsautomation endlich Wirklichkeit werden zulassen. Die Brandenburger Innenstaatssekretärin changierte in ihrer Eröffnungsrede euphorisch zwischen Fortschrittsoptimismus und Bürgernähe:

 „Mit dem neuen und hochmodernen Rechenzentrum des Brandenburgischen IT-Dienstleisters ZIT-BB machen wir einen großen Schritt bei der Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung in Brandenburg. [...] Die Bürgerinnen und Bürger erwarten völlig zu Recht, dass die Verwaltung ihre Dienstleistungen auch online zur Verfügung stellt. Mit dem Rechenzentrum stellen wir die technischen Weichen dafür. [...] Außerdem versprechen wir uns von einem e-Government-Gesetz mehr Transparenz im Verwaltungshandeln, das dank optimierter und standardisierter Prozesse effektiver und effizienter sein wird“.[50]

Die Digitalisierung hatte also auch nach vierzig Jahren nichts von ihrer Zukunftszugewandheit und den Verheißungen von Effizienz und Standardisierung verloren, nur ihr Adressat hatte sich jetzt verändert: Von der Wirtschaft zum Bürger.

Fazit, Vergleich und Ausblick

Seit dem Auszug der ZIT-BB wird das Gebäude des Rechenzentrums als „Kreativhaus“ genutzt. Das Rechenzentrum Potsdam ist damit ein Ort der zweiten Welle kreativer Nutzbarmachung zuvor ökonomisch verwendeten Raumes. In einer ersten Welle erfuhren ehemalige Orte der Industrialisierung eine Umwertung, beispielsweise Hafenanlagen wie in Köln der Medienhafen oder alte Industriehallen eine neue Nutzung als kulturelle Veranstaltungsorte.[51] In einer zweiten Stufe, die etwa in den späten 2000er-Jahren einsetzte, folgten dann ehemalige Verwaltungsgebäude. Ob es nun die durch die Computerisierung freigewordenen Hauptpostämter sind, deren große Sortierflächen in Linz 2015 dem Medienkunstfestival Ars Electronica, in Kassel 2017 dem Festival für Zeitgenössische Kunst Documenta oder seit 2014 in Oldenburg das dortige Computermuseum umfasst – stets wurde Verwaltungsraum neu genutzt. Wo früher in Potsdam etwa 200 MitarbeiterInnen Software programmierten, Verwaltungslösungen fanden und Elektronenrechner für das DVZ zum Summen brachten, gehen heute etwa 250 KünstlerInnen ihrer Arbeit nach, die „Pixel schubsen, Farben schichten, Filme drehen, Mode entwerfen, Worte finden, [und] mit Ideen Bewegung erzeugen“,[52] wie es in der Selbstbeschreibung des Rechenzentrums heißt. Nur das Mosaik an seiner Fassade verkündet noch von den berechnend-rationalen Zukunftsträumen einer Welt von morgen, die das Gestern vergessen lassen sollte.

Martin Schmitt ist promovierter Historiker. Nach seiner Tätigkeit am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) seit 2014 hat er 2019 eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Technischen Universität Darmstadt angetreten.

Quellen und Anmerkungen

  • Landeshauptarchiv 403 BfT Pdm 465, Büro für Territorialplanung des Bezirks Potsdam: „Standortgenehmigung für das Vorhaben ‚EDVA EC 1057‘ im Datenverarbeitungszentrum Potsdam“ 1983.
  • Land Brandenburg, Ministerium der Finanzen, Ministerium des Innern und für Kommunales: „Feierliche Übergabe: Neues Rechenzentrum nimmt Arbeit auf Standort in Spandau ersetzt 26 Jahre altes Rechenzentrum in Potsdam“ 2017.
  • BStU MfS - AIM 141/88 - Teil II/3, Geißler, Eberhardt: „Bericht über das Zusammentreffen mit Dr. Suhasaria und seiner Frau in Leipzig zur Frühjahrsmesse“ 1975.
  • Ministerium der Finanzen, Ministerium des Innern und für Kommunales: „Feierliche Übergabe: Neues Rechenzentrum nimmt Arbeit auf Standort in Spandau ersetzt 26 Jahre altes Rechenzentrum in Potsdam“ 2017, http://www.mik.brandenburg.de/media_fast/4055/PM_Rechenzentrum.pdf (abgerufen am 18.02.2018).
  • BArch DN 1/17437, Ministerium der Finanzen, Müller, Rudolf: „Tagung der Rationalisatoren der Räte der Bezirke und der Investverantwortlichen am 6.3.1968“ 1968.
  • BArch DE 4/25374, Ministerium für Elektrotechnik und Elektronik, Stellvertreter des Ministers: „Protokoll über den Import einer Datenverarbeitungsanlage für den VVB Leunawerke Walter Ulbricht“ 1966.
  • BArch DE 200/269, Zentralkomitee der SED, Abteilung Planung und Finanzen: „Information über Probleme bei der Errichtung von Datenverarbeitungszentren“ 1966.
  • Michalk, Manfred: „Entwicklung und Hauptaufgabe der VVB Maschinelles Rechnen“, in: Statistische Praxis 26/2 (1971), S. 65–72.
  • Neue Zeit: „Gehaltskonto in der Sternwarte“, in: Neue Zeit (1966), S. 5.
  • Neues Deutschland, Russek, Eberhard: „Elektronenrechner als Helfer für eine stabile Versorgung“, in: Neues Deutschland (1974), S. 3.
  • o.A.: „VVB Maschinelles Rechnen gebildet“, in: rechentechnik - datenverarbeitung 3/3 (1966), S. 7.
  • o.A.: „Automatischer ‚Optiker‘ berechnet Linsen. ‚Robotron 100‘ in Aktion“, in: Neue Zeit (1967), S. 4.
  • o.A.: „DVZ Potsdam schließt Service-Vertrag mit AOK Brandenburg: RZs in der DDR auf der Suche nach einem Markt“, in: Computerwoche (1990), S. 10.
  • SPIEGEL: „DDR / COMPUTER: Rechner aus dem Westen“, in: Der Spiegel (1969), S. 105–106.
  • Statistisches Bundesamt Deutschland (Hrsg.): Dokumente und Quellen zu DDR-Statistik - Grundlagen, Methoden und Organisation der amtlichen Statistik der DDR 1949 bis 1990, Wiesbaden 2001.

Literatur

  • DVZ GmbH: „25 Jahre DVZ Datenverarbeitungszentrum Mecklenburg-Vorpommern GmbH“ 2016, https://www.dvz-mv.de/static/Dvz/Dateien/PDF-Dokumente/Chronik_25Jahre_DVZ_GmbH.pdf (abgerufen am 09.01.2018).
  • Rechenzentrum Kunst- und Kreativhaus: „Das Rechenzentrum wird zwei und startet in die Zukunft“ 2017, https://rz-potsdam.de/cms/event/rechenzentrum-4-0-wir-feiern-den-zweiten-geburstag/ (abgerufen am 16.06.2020).
  • Sukrow, Oliver: „Zukunftsorte! Das Verhältnis von utopischem Denken und Kunst in der DDR der 1960er Jahre“ 2018.
  • Allahverdy, Atreju, Klusemann, Christian: „Datenverarbeitungszentrum“, in: Klusemann, Christian (Hrsg.): Das andere Potsdam: DDR-Architekturführer, Berlin: Vergangenheitsverlag 2016, S. 163–169.
  • Bergien, Rüdiger: „‚Big Data‘ als Vision. Computereinführung und Organisationswandel in BKA und Staatssicherheit (1967–1989)“, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 14/2 (2017), S. 258–285.
  • Bergien, Rüdiger: „Südfrüchte im Stahlnetz: der polizeiliche Zugriff auf nicht-polizeiliche Datenspeicher in der Bundesrepublik, 1967-1989“, in: Bösch, Frank (Hrsg.): Wege in die digitale Gesellschaft : Computernutzung in der Bundesrepublik 1955-1990, Göttingen: Wallstein Verlag 2018, S. 39–63.
  • Bergien, Rüdiger: „Programmieren mit dem Klassenfeind. Die Stasi, Siemens und der Transfer von EDV-Wissen im Kalten Krieg“, in: VfZ 67/1 (2019), S. 1–30.
  • Datenverarbeitungszentrum Potsdam, VEB Datenverarbeitung der Finanzorgane Potsdam: „Computernutzung in der DDR Das Potsdamer Rechenzentrum und die Digitalisierung in Ostdeutschland“ (2018).
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  • Emmerich-Focke, Christina: Stadtplanung in Potsdam 1945 -1990, 1999.
  • Gerstung, Tobias: „Glasfaser statt Eisenbahngleis: Eine Stadt sucht ihre Zukunft - Die Geschichte des MediaParks Köln“, in: Jahrbuch des Kölnischen Geschichtsvereins 90/2009/10 (2009), S. 149–190.
  • Haase, Wolfgang: „Vom VEB Maschinelles Rechnen Erfurt zum VEB Datenverarbeitungszentrum Erfurt“, in: Stadt und Geschichte: Zeitschrift für Erfurt 27 (2005), S. 28–30.
  • Judt, Matthias: Der Innovationsprozess Automatisierte Informationsverarbeitung in der DDR von Anfang der fünfziger bis Anfang der siebziger Jahre, Berlin 1989.
  • Kaeske, Randolf: „Zeitzeugengespräch ‚Das Datenverarbeitungszentrum Potsdam in langfristiger Perspektive‘“ (2018).
  • Landesbetrieb für Datenverarbeitung und Statistik Land Brandenburg: 200 Jahre brandenburgisch-preußische Statistik, Potsdam 2005.
  • Oertel, Ingrid: „Die Einwohnerdatenspeicher der örtlichen Staatsorgane (EDS) und ihre Nutzung im Gesundheits- und Sozialwesen der DDR“, in: Historical Social Research 32/1 (2007), S. 271–304.
  • Peters, Benjamin: How Not to Network a Nation: The Uneasy History of the Soviet Internet, Cambridge, MA 2016.
  • Pracht, Erwin (Hrsg.): Einführung in den sozialistischen Realismus, 1975.
  • Rehkämper, Klaus: „‚Elektronengehirne‘ in der amtlichen Statistik von Berlin“, in: Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1+2 (2012), S. 66–74.
  • Sabrow, Martin: „Zukunftspathos als Legitimationsressource. Zu Charakter und Wandel des Fortschrittsparadigmas in der DDR“, in: Haupt, Heinz-Gerhard und Jörg Requate (Hrsg.): Aufbruch in die Zukunft. Die 1960er Jahre zwischen Planungseuphorie und kulturellem Wandel. DDR, CSSR und Bundesrepublik Deutschland im Vergleich, Weilerswist: Wallstein 2004, S. 165–184.
  • Sabrow, Martin: „Der ‚Tag von Potsdam‘ Zur doppelten Karriere eines politischen Mythos“, in: Kopke, Christoph und Werner Treß (Hrsg.): Der Tag von Potsdam, Berlin, Boston: DE GRUYTER 2013.
  • Sabrow, Martin: „Zukunftspathos und Herrschaftslegitimation in der DDR“ (2020).
  • Schmitt, Martin: „Die Digitalisierung der Kreditwirtschaft. Computereinsatz in den Sparkassen der Bundesrepublik und der DDR, 1957-1991“, Diss., Potsdam: Universität Potsdam 2019.
  • Schulze, Lothar: „Die Rechenkünstler an der Havel haben Ungläubige längst belehrt“, in: Berliner Zeitung (1970), S. 2.
  • Sobeslavsky, Erich, Lehmann, Nikolaus Joachim: Zur Geschichte von Rechentechnik und Datenverarbeitung in der DDR 1946-1968, Dresden 1996.

Anmerkungen

[1] Martin Sabrow: „Zukunftspathos und Herrschaftslegitimation in der DDR“ (2020); vgl. weiterhin Martin Sabrow: „Zukunftspathos als Legitimationsressource. Zu Charakter und Wandel des Fortschrittsparadigmas in der DDR“, in: Haupt, Heinz-Gerhard und Jörg Requate (Hrsg.): Aufbruch in die Zukunft. Die 1960er Jahre zwischen Planungseuphorie und kulturellem Wandel. DDR, CSSR und Bundesrepublik Deutschland im Vergleich, Weilerswist 2004, S. 165–184; Martin Sabrow: „Der ‚Tag von Potsdam‘ Zur doppelten Karriere eines politischen Mythos“, in: Kopke, Christoph und Werner Treß (Hrsg.): Der Tag von Potsdam, Berlin, Boston 2013.
[2] Ein Großteil der Erkenntnisse und einige Textpassagen beruhen auf meiner 2019 an der Universität Potsdam eingereichten Dissertation zur Digitalisierung der Kreditwirtschaft. Diese habe ich am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam im von Prof. Frank Bösch geleiteten Forschungsprojekt „Aufbrüche in die digitale Gesellschaft“ geschrieben. Die Arbeit wurde zudem betreut von Prof. André Steiner (ZZF Potsdam) und Prof. Martina Heßler (TU Darmstadt). Vgl. Martin Schmitt: „Die Digitalisierung der Kreditwirtschaft. Computereinsatz in den Sparkassen der Bundesrepublik und der DDR, 1957-1991“, Diss., Potsdam: Universität Potsdam 2019. Ich danke Prof. Frank Bösch für viele hilfreiche Hinweise wie beispielsweise zu dieser Formulierung und Dinah Pfau für die Korrekturen meines Textes.
[3] Vgl. Benjamin Peters: How Not to Network a Nation: The Uneasy History of the Soviet Internet, Cambridge, MA 2016.
[4] Erich Sobeslavsky, Nikolaus Joachim Lehmann: Zur Geschichte von Rechentechnik und Datenverarbeitung in der DDR 1946-1968, Dresden 1996, S. 51.
[5] Vgl. Landesbetrieb für Datenverarbeitung und Statistik Land Brandenburg: 200 Jahre brandenburgisch-preußische Statistik, Potsdam 2005, S. 32; Klaus Rehkämper: „‚Elektronengehirne‘ in der amtlichen Statistik von Berlin“, in: Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1+2 (2012), S. 66–74. Wolfgang Haase: „Vom VEB Maschinelles Rechnen Erfurt zum VEB Datenverarbeitungszentrum Erfurt“, in: Stadt und Geschichte: Zeitschrift für Erfurt 27 (2005), S. 28–30, hier S. 28.
[6] Beispiele sind hier die VVB Leunawerke BArch DE 4/25374, Ministerium für Elektrotechnik und Elektronik, Stellvertreter des Ministers: „Protokoll über den Import einer Datenverarbeitungsanlage für den VVB Leunawerke Walter Ulbricht“ 1966. Ähnlich die VVB Stahl- und Walzwerke, BArch DC 20/18359.
[7] Für diesen Abschnitt vgl. Sobeslavsky, Lehmann: Datenverarbeitung in der DDR; Schmitt: „Digitalisierung der Kreditwirtschaft“, S. 496–498.
[8] DVZ GmbH: „25 Jahre DVZ Datenverarbeitungszentrum Mecklenburg-Vorpommern GmbH“ 2016, S. 9, https://www.dvz-mv.de/static/Dvz/Dateien/PDF-Dokumente/Chronik_25Jahre_DVZ_GmbH.pdf (abgerufen am 09.01.2018).
[9] Matthias Judt: Der Innovationsprozess Automatisierte Informationsverarbeitung in der DDR von Anfang der fünfziger bis Anfang der siebziger Jahre, Berlin 1989, S. 133; Haase: „DVZ Erfurt“, S. 29.
[10] Vgl. DVZ GmbH: „25 Jahre DVZ“.
[11] o.A.: „VVB Maschinelles Rechnen gebildet“, in: rechentechnik - datenverarbeitung 3/3 (1966), S. 7. In Berlin ergab sich Anfang der 1970er-Jahre noch mal eine Sondersituation, in der die statistische von der wirtschaftlichen Datenverarbeitung getrennt wurde.
[12] Damit gehörte der Handel in der DDR ähnlich wie in der Bundesrepublik zu einem frühen EDV-Anwender. Siehe Neues Deutschland, Eberhard Russek: „Elektronenrechner als Helfer für eine stabile Versorgung“, in: Neues Deutschland (1974), S. 3.
[13] Vgl. Manfred Michalk: „Entwicklung und Hauptaufgabe der VVB Maschinelles Rechnen“, in: Statistische Praxis 26/2 (1971), S. 65–72; Ingrid Oertel: „Die Einwohnerdatenspeicher der örtlichen Staatsorgane (EDS) und ihre Nutzung im Gesundheits- und Sozialwesen der DDR“, in: Historical Social Research 32/1 (2007), S. 271–304.
[14] Sobeslavsky, Lehmann: Datenverarbeitung in der DDR, S. 74. Bestätigen diese Zahl. Es ist zu betonen, dass dies nicht nur aus der Überlegenheit des R 300 als Computer herrührte, sondern auch aus dem Fakt, dass Großanwender in der Wirtschaft diesen als zu unterdimensioniert für ihre VVB-Aufgaben ansahen und nach Großrechnern lechzten, am liebsten aus dem Westen.
[15] Sobeslavsky, Lehmann: Datenverarbeitung in der DDR, S. 85.
[16] Michalk: „Entwicklung des VVB Maschinelles Rechnen“, S. 65.
[17] Ebd., S. 66. Es ist allerdings anzunehmen, dass Michalk mit seiner Betonung dieser beiden Entschlüsse den Fortbestand seiner VVB sichern wollte. Da unter Honecker die Investitionsmittel für EDV zurückgefahren wurden, rückte er die VVB MR in seinem Artikel von 1971 stärker in die Nähe der unter Mittag gefassten Beschlüsse, der in der neuen Regierung weiter fest im Sattel saß.
[18] Ebd., S. 67.
[19] Michalk: „Entwicklung des VVB Maschinelles Rechnen“, S. 65.
[20] Vgl. Simon Donig: „Vorbild und Klassenfeind. Die USA und die DDR-Informatik in den 1960er Jahren“, in: Osteuropa 59/10 (2009), S. 89–100, hier S. 96. Auch hier besteht noch eine Forschungslücke, warum der Staatssekretärsposten aufgelöst wurde und welche Konsequenzen dies für die Digitalisierung in der DDR hatte.
[21] DVZ GmbH: „25 Jahre DVZ“.
[22] Vgl. BStU MfS - AIM 141/88 - Teil II/3, Eberhardt Geißler: „Bericht über das Zusammentreffen mit Dr. Suhasaria und seiner Frau in Leipzig zur Frühjahrsmesse“ 1975.
[23] Vgl. Michalk: „Entwicklung des VVB Maschinelles Rechnen“, S. 70–72.
[24] Nutzungsformen früher Computer in der Bundesrepublik waren ähnlich gelagert, beispielsweise ging der erste Zuse Computer an die Firma Leitz zur Linsenberechnung. Vgl. Schmitt: „Digitalisierung der Kreditwirtschaft“, S. 7.
[25] Lothar Schulze: „Die Rechenkünstler an der Havel haben Ungläubige längst belehrt“, in: Berliner Zeitung (1970), S. 2; o.A.: „Automatischer ‚Optiker‘ berechnet Linsen. ‚Robotron 100‘ in Aktion“, in: Neue Zeit (1967), S. 4.
[26] Vgl. Landesbetrieb für Datenverarbeitung und Statistik Land Brandenburg: 200 Jahre brandenburgisch-preußische Statistik, S. 32–33; SPIEGEL: „DDR / COMPUTER: Rechner aus dem Westen“, in: Der Spiegel (1969), S. 105–106.
[27] Neue Zeit: „Gehaltskonto in der Sternwarte“, in: Neue Zeit (1966), S. 5.BLHA, Rep. 530 Nr. 4156, zit. nach Christina Emmerich-Focke: Stadtplanung in Potsdam 1945 -1990, 1999, S. 169; Atreju Allahverdy, Christian Klusemann: „Datenverarbeitungszentrum“, in: Klusemann, Christian (Hrsg.): Das andere Potsdam: DDR-Architekturführer, Berlin 2016, S. 163–169.
[28] StadtA Potsdam, A 1.867, Rat der Stadt Potsdam, Bl. 28-32, zit. nach Emmerich-Focke: Stadtplanung in Potsdam 1945 -1990, S. 175.
[29] Anders ebd., die das Argument des Baugrundes als „fadenscheinig“ bezeichnet. Zu den bautechnischen Voraussetzungen vgl. Schmitt: „Digitalisierung der Kreditwirtschaft“, S. 570–574.
[30] SAPMO BArch J IV 2 / 2A – 1.293, zit. nach Emmerich-Focke: Stadtplanung in Potsdam 1945 -1990, S. 176–177.
[31] Ebd.
[32] Ebd.
[33] BArch DE 200/269, Zentralkomitee der SED, Abteilung Planung und Finanzen: „Information über Probleme bei der Errichtung von Datenverarbeitungszentren“ 1966.
[34] BArch DN 1/17437, Ministerium der Finanzen, Rudolf Müller: „Tagung der Rationalisatoren der Räte der Bezirke und der Investverantwortlichen am 6.3.1968“ 1968.
[35] Vgl. Allahverdy, Klusemann: „Datenverarbeitungszentrum“, S. 63.
[36]Ebd., S. 164–165.
[37] Vgl. Oliver Sukrow: „Zukunftsorte! Das Verhältnis von utopischem Denken und Kunst in der DDR der 1960er Jahre“ 2018. (unveröffentlichtes Manuskript)
[38] Vgl. Allahverdy, Klusemann: „Datenverarbeitungszentrum“, S. 164.
[39] Erwin Pracht (Hrsg.): Einführung in den sozialistischen Realismus, 1975, S. 83, zit. nach Sukrow: „Zukunftsorte“.
[40] Landeshauptarchiv 403 BfT Pdm 465, Büro für Territorialplanung des Bezirks Potsdam: „Standortgenehmigung für das Vorhaben ‚EDVA EC 1057‘ im Datenverarbeitungszentrum Potsdam“ 1983; Landesbetrieb für Datenverarbeitung und Statistik Land Brandenburg: 200 Jahre brandenburgisch-preußische Statistik, S. 38.
[41] Vgl. Statistisches Bundesamt Deutschland (Hrsg.): Dokumente und Quellen zu DDR-Statistik - Grundlagen, Methoden und Organisation der amtlichen Statistik der DDR 1949 bis 1990, Wiesbaden 2001, S. 42–47.
[42] Ebd., S. 42.
[43] Vgl. Randolf Kaeske, Martin Schmitt: „Zeitzeugengespräch ‚Das Datenverarbeitungszentrum Potsdam in langfristiger Perspektive‘“ (2018); Datenverarbeitungszentrum Potsdam, VEB Datenverarbeitung der Finanzorgane Potsdam, Frank Bösch, Martin Schmitt, Thomas Kasper: „Computernutzung in der DDR Das Potsdamer Rechenzentrum und die Digitalisierung in Ostdeutschland“ (2018). Randolf Kaeske stellte zudem dankenswerter Weise Brigadetagebücher aus den 1980er-Jahren zur Verfügung, die einen Einblick in die Aufgaben und das Betriebsleben des VEB DVZ Potsdam geben.
[44] Vgl. Rüdiger Bergien: „‚Big Data‘ als Vision. Computereinführung und Organisationswandel in BKA und Staatssicherheit (1967–1989)“, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 14/2 (2017), S. 258–285; Rüdiger Bergien: „Südfrüchte im Stahlnetz: der polizeiliche Zugriff auf nicht-polizeiliche Datenspeicher in der Bundesrepublik, 1967-1989“, in: Bösch, Frank (Hrsg.): Wege in die digitale Gesellschaft : Computernutzung in der Bundesrepublik 1955-1990, Göttingen 2018, S. 39–63; Rüdiger Bergien: „Programmieren mit dem Klassenfeind. Die Stasi, Siemens und der Transfer von EDV-Wissen im Kalten Krieg“, in: VfZ 67/1 (2019), S. 1–30.
[45] Datenverarbeitungszentrum Potsdam, VEB Datenverarbeitung der Finanzorgane Potsdam: „Computernutzung in der DDR“.
[46] o.A.: „DVZ Potsdam schließt Service-Vertrag mit AOK Brandenburg: RZs in der DDR auf der Suche nach einem Markt“, in: Computerwoche (1990), S. 10.
[47] Zur Eigenständigkeit ostdeutscher und den „Übernahmebestrebungen“ westdeutscher Akteure vgl. Schmitt: „Digitalisierung der Kreditwirtschaft“, S. 738–743; Landesbetrieb für Datenverarbeitung und Statistik Land Brandenburg: 200 Jahre brandenburgisch-preußische Statistik, S. 43–44.
[48] Vgl. Landesbetrieb für Datenverarbeitung und Statistik Land Brandenburg: 200 Jahre brandenburgisch-preußische Statistik, S. 43–56.
[49] Ministerium der Finanzen, Ministerium des Innern und für Kommunales: „Feierliche Übergabe: Neues Rechenzentrum nimmt Arbeit auf Standort in Spandau ersetzt 26 Jahre altes Rechenzentrum in Potsdam“ 2017, http://www.mik.brandenburg.de/media_fast/4055/PM_Rechenzentrum.pdf (abgerufen am 18.02.2018).
[50] Land Brandenburg, Ministerium der Finanzen, Ministerium des Innern und für Kommunales: „Feierliche Übergabe: Neues Rechenzentrum nimmt Arbeit auf Standort in Spandau ersetzt 26 Jahre altes Rechenzentrum in Potsdam“ 2017.
[51] Vgl. Tobias Gerstung: „Glasfaser statt Eisenbahngleis: Eine Stadt sucht ihre Zukunft - Die Geschichte des MediaParks Köln“, in: Jahrbuch des Kölnischen Geschichtsvereins 90/2009/10 (2009), S. 149–190.
[52] Rechenzentrum Kunst- und Kreativhaus: „Das Rechenzentrum wird zwei und startet in die Zukunft“ 2017, https://rz-potsdam.de/cms/event/rechenzentrum-4-0-wir-feiern-den-zweiten-geburstag/ (abgerufen am 16.06.2020).

Rechenzentrum – nur eine Zwischennutzung?

Das RZ ist ein Ort für Kultur- und Kreativwirtschaft, Soziokultur, für urbane Nachbarschaft, Experiment und Zukunft – inmitten Potsdams – in kürzester Zeit gewachsen, ohne Förderung von Inhalt und Betrieb. Seit dem September 2015 wird das ehemalige Verwaltungsgebäude des Zentrums für Datenverarbeitung Rechenzentrum als Brandenburgs größtes Kunst- und Kreativhaus genutzt und hat sich zu einem lebendigen Ort soziokreativer und zivilgesellschaftlicher Praxis entwickelt.

Auf fünf Etagen und über 5000 Quadratmetern entwerfen, produzieren und teilen hunderte Kultur- und Kreativschaffende, Soloselbstständige und Unternehmen, zahlreiche Träger der kulturellen Bildung, Integration und Inklusion, sowie Initiativen und gemeinnützige Vereine hier ihre Ideen und Projekte. Neben den zu günstigen Konditionen mietbaren Einzelräumen (Ateliers, Studios, Büros, Werkstätten) gibt es Gemeinschafts-, Seminar, Veranstaltungs- und Ausstellungsräume für verschiedene Formate. An die 1000 Besucher*innen nehmen wöchentlich an Angeboten der (sozio-)kulturellen Bildung teil, besuchen Workshops, Seminare und Besprechungen und gehen zu den großen und kleinen Veranstaltungen im Haus ein und aus. Der Betrieb das Hauses finanziert sich ausschließlich aus den Mieten der Nutzenden, welche für einen Einzelraum aktuell bei 10,07 € brutto warm liegt. Die Mietverträge des von der gemeinnützigen Stiftung SPI im Auftrag der Stadt Potsdam betriebenen Hauses, sind befristet bis zum 31.12.2023. 

Die kompakte Bauform des Rechenzentrums (1969 bis 1971 vom Kollektiv Sepp Weber) mit über 220 Räumen um einen Lichthof und Raumgrößen von 15 bis 30 m² ermöglicht eine Vermietung zu günstigen Konditionen. Das enthierarchisierte Raumprogramm ermöglicht eine demokratische Teilhabe an der Gestaltung und Aneignung des Hauses. Die „kurzen Wege“ induzieren ein hohes Maß an Vernetzbarkeit. Seine zentrale Lage macht das künstlerische und kreative Schaffen in der Stadtmitte sichtbar und ist nicht, wie in vielen Städten an die Ränder gentrifiziert.

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Potsdam: ein Architekturmix aus vielen Epochen; Foto: Carsten Linke, 2017

Nach 2023, nach achteinhalb Jahren Nutzung, soll der Abriss erfolgen, der vor 30 Jahren einmal beschlossen und im Bebauungsplan Nr.1 festgeschrieben wurde.[1] Es soll eine funktionierende Kultureinrichtung zerstört werden. Dies ist wirtschaftlich, kulturell unsinnig und unter Klimagesichtspunkten nicht vertretbar und stadtpolitisch riskant.

Abriss und Gentrifizierung oder Erhalt

Der Stadtpolitik schwebt als Alternative ein neues, privat finanziertes KreativQuartier vor, welches bis Ende 2023 bezugsfertig sein soll. Der Mietpreis soll für einige Teilflächen durch hochpreise Vermietungen übergangsweise quersubventioniert werden. Auf Grund der sich abzeichnenden hohen Nutzungskosten hat sich der Sprecher*innenRat des RZ immer gegen diese angebliche Alternative ausgesprochen, für die die Stadt erneut ein Grundstück verkauft und sich somit weiterer Einflussnahme selbst beraubt hat.[2]

Wenn die Stadt den Abriss des Hauses diskutiert, muss klar sein, was das bedeutet: Ein lebendiger, funktionierender Kulturort, der von den Nutzenden selbst entwickelt wurde, würde leichtsinnig und kurzsichtig geopfert für etwas, was es noch nicht gibt, was erst noch entstehen und was sich in seiner gewünschten Nutzung noch beweisen muss. Die Nutzer*innenschaft appelliert deshalb zu Recht, dass es für die Stadtgesellschaft riskant wäre, die Funktionen, welche das RZ für die Stadt bedient und die Strukturen, mit denen und in denen die Nutzerinnen aktiv sind, zu kappen und aus dem gesellschaftlichen Gefüge zu schneiden. Ein Stück gewachsene Stadt würde einfach so aufgegeben – mit unsicherem Ausgang.

Die Argumente für den Erhalt dieses soziokreativen, zivilgesellschaftlichen Zentrums sind so vielschichtig wie die Nutzer*innenschaft und die Aspekte des Hauses selbst: "Das RZ Erhalt ist ökologisch. ´Bei der Weiterentwicklung von gebauten Strukturen sind bestehende Qualitäten zu erkennen, wertzuschätzen und zu pflegen. Umbaukultur geht über die rein ökonomische Bewertung hinaus und beinhaltet gesamtgesellschaftliche und ökologische Interessen´ (aus den Kernbotschaften und Empfehlungen der Bundesstiftung Baukultur zu Umbaukultur in ihrem Jahresbericht 2018/19 Erbe-Bestand-Zukunft). ... Das RZ ist städtischer Raum. Das Grundstück des RZ befindet sich in städtischem Eigentum und wird vom Sanierungsträger treuhändisch verwaltet. Städtischer Raum sollte zur Nutzung der Bürger*innen Potsdams erhalten bleiben. Ein soziokreatives Zentrum auf städtischem Grund bewahrt gesellschaftspolitische Möglichkeiten wie die langfristige Sicherung von Nutzung und Preisen, wirkt Verdrängungsprozesses entgegen. Arbeitsräume für Menschen sollten innerhalb der Stadtentwicklung prioritär betrachtet werden. Der Erhalt des RZ ist historisch notwendig und bedeutet eine historische Verantwortung: Als Architektur der Nachkriegsmoderne und Zeitschicht der DDR ist das Rechenzentrum für das Narrativ des Ortes unabdingbar. Nur so kann die Vielschichtigkeit des Ortes erzählt werden. Die Wiederaufbaubemühung und der Protest dagegen in den letzten Jahren ist auch Teil der Geschichte des Ortes. Die Sache Garnisonkirche ist auch das Rechenzentrum, dessen Existenz mit dem Ende der Kirchenruine und mit dem Start des Wiederaufbaus verschränkt ist. Das Spannungsfeld zwischen ihm und dem Kirchturm macht das erlebbar – gerade mit dem Ziel, einen Lernort zu installieren. Das Rechenzentrum ist wichtiger architektonischer Bruch in der Stadtsilhouette. Wir wissen alle nicht, was mit dem Symbolgehalt des fertigen Kirchturms in naher Zukunft passiert. … Das spannungsreiche Nebeneinander der beiden Architekturen würde zudem ein Signal der Einheit und der Befriedung in die Stadtgesellschaft und darüber hinaus ausstrahlen. Und es gelänge damit der längst überfällige Ausstieg aus einem scheinbaren Rekonstruktions-Abriss- Automatismus, welcher eine Gegenwart missliebige Vergangenheiten ausradieren bzw. überschreiben lässt.“[3]

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Das RZ - ist ...

Streitobjekt und Identifikationsort

Seit der Innutzungnahme des RZ als Kunst- und Kreativhaus ist die Perspektive des Hausprojektes  umstritten und umkämpft. Von Beginn an war die Nutzung als Zwischenlösung deklariert. Kurz vor Ablauf der ersten Frist im August 2018, bekam das Haus eine zweite Chance - eine Verlängerung bis 2023. Dies geschah im Gegenzug einer finanziellen Unterstützung der Stiftung Garnisonkirche durch die Stadt [4], wohl auch in Anerkennung des Engagements des Vereins "Freundliche Übernahme Rechenzentrum" (FÜR e.V.) und vor allem als Reaktion auf den anhaltenden, öffentlichen Druck bezüglich der Abriss- und Baupolitik der Stadt. Obwohl das Gebäude nicht formeller Bestandteil des Bürgerbegehrens „Kein Ausverkauf der Potsdamer Mitte“ im Jahre 2016 war, so war es doch fester Bestandteil der damit verbundenen öffentlichen Debatte. Die Fragestellung des Bürgerbegehren der Initiative „Potsdamer Mitte Neu Denken“ gliederte sich in zwei Punkte und war mit einer Grafik bebildert, die den Lustgarten, den Alten Markt und das Gebiet rund um den Staudenhofwohnblock umfasst. Die Forderungen der Initiative lauteten: „1. Die Stadt Potsdam oder von ihr Beauftragte sollen keine kommunalen Grundstücke im o.g. Gebiet mehr verkaufen.“ Und weiter: „2. Für den Abriss des Hotels Mercure, des Wohnblocks am Staudenhof und des Fachhochschul-Gebäudes sollen keine öffentlichen Fördermittel und städtischen Eigenanteile eingesetzt werden. Diese Finanzmittel sollen vorrangig für die Entwicklung der unter 1. genannten kommunalen Grundstücke beansprucht und eingesetzt werden.“ 14.742 Menschen haben diese Forderungen innerhalb weniger Wochen mit gültiger Unterschrift und notwendigen Angaben zum Wohnort und Geburtsdatum unterstützt.[5] Bereits wenige Jahre zuvor hatten sich ebenfalls mehr als 14.000 Potsdamer*innen gegen den Wiederaufbau der Garnisonkirche und das diesbezügliche Engagement der Stadt Potsdam in einem Bürgerbegehren ausgesprochen.[6]

In zahlreichen Diskussionen, Veranstaltungen und Aktionen hat die Initiative "Potsdamer Mitte Neu Denken" (PMND) das Konfliktpotential an der Plantage angesprochen. „Im Stadtraum Breite Straße / Yorckstraße / Dortustraße prallen unterschiedliche Zeitschichten und Architekturstile aufeinander. Das Rechenzentrum mit dem 'Kosmos'-Fries trifft auf die Nagelkreuzkapelle (Ort der ehemaligen Garnisonkirche), auf die alte Feuerwehr, die Studentenwohnheime, die sogenannte Plantage mit seinen Sportanlagen und auf die Front des Langen Stalls. Aus der Mischung der unterschiedlichen Gebäude, bei der Anerkennung der vorhandenen Qualitäten, einen städtebaulich attraktives Innenstadtquartier für heutige Bedürfnisse zu erarbeiten, dürfte eine erhebliche städtebauliche Aufgabe sein. Der bloße Rückgriff auf Vergangenes löst die heutigen Fragen jedoch nicht.“[7]

Auch wenn trotz dieser Bemühungen der Bürger*innen-Initiativen das Fachhochschulgebäude mittlerweile einem Wohnquartier mit Kulissencharakter weichen musste und das Hotel Mercure sowie der Wohnkomplex Staudenhof immer noch vom Abriss bedroht sind, so hat die Initiative PMND viel für das Minsk und das Rechenzentrum erreicht. Beide Sonderbauten der DDR-Moderne haben mittlerweile eine Perspektive. Das ehemalige Terassenrestaurant Minsk wird Museum für DDR-Kunst. Für das Kunst-und Kreativhaus Rechenzentrum hat der Oberbürgermeister Schubert einen Plan zum (Teil-)Erhalt vorgelegt. Nicht zuletzt, weil die Debatte um die Potsdamer Mitte, um die Garnisonkirche, um die Identität der Menschen, um bezahlbaren Wohnraum und um den Verlust von Freiraum nicht abreißen. Dies ist vor allem dem Netzwerk „Potsdam-Stadt-für-alle!“, dem Wirken des FÜR e.V., der Kulturlobby sowie zahlreichen, öffentlichkeitswirksamen Aktionen wie „Platz nehmen!“ zu verdanken.[8]

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Aktion "Platz nehmen!" Frühjahr 2017 am Alten Markt; Foto: Carsten Linke

Erhalt und Chance

Oberbürgermeister Schubert schlug 2019 als „Bindeglied“ von  Garnisonkirchenturm und Rechenzentrum eine internationale Jugendbegegnungsstätte vor. Der einsetzenden Debatte folgte eine Anhörung im Hauptausschuss der Stadtverordnetenversammlung (SVV) am 24.01.2020. Neun Organisationen wurden angehört: die Stiftung Garnisonkirche sowie deren Förderverein, die Bürgerinitiative "Mitteschön", die BI "Potsdam ohne Garnisonkirche", der antimilitaristische Förderverein der Stadt, der evangelische Kirchenkreis der Stadt, die Profilgemeinde "Die Nächsten", der Stadtjugendring und die Vertreter*innen des RZ (FÜR e.V. und Kulturlobby). Im Ergebnis entstand seitens der Stadtverwaltung eine Beschlussvorlage des Oberbürgermeisters mit einem 4-Phasen-Verfahren. Es soll „ein inhaltliches und gestalterisches Konzept für den Bereich bzw. die Standorte Garnisonkirche und Rechenzentrum“ zum Ergebnis haben. In der Begründung des SVV-Beschlusses ist festgehalten, dass „sich die zivilgesellschaftlichen Akteure eine Öffnung des Diskurses über die zukünftige Nutzung des Standortes wünschen und die Nutzungsvorstellungen zur Kompromissfindung am Standort geeignete Beiträge leisten können. Vor diesem Hintergrund ist es angebracht, weitere Gedenkstätten-, Lern-, Jugendbildungs- und Museumstandorte der Stadt in die Überlegungen mit einzubeziehen.“[9]

Die Erstellung eines gestalterischen Konzeptes für das Areal an der Plantage soll auf den Ergebnissen des inhaltlichen Konzeptes aufbauen. Diesbezüglich besagt der Beschluss „Alle Varianten sollen folgende Punkte berücksichtigen und Aussagen treffen zu:

  • dem nach Abschluss der inhaltlichen Diskussion vorliegenden inhaltlichen Konzept für den Bereich Garnisonkirche/Rechenzentrum,
  • dem auf der Grundlage der erteilten Baugenehmigungen wiedererrichteten Turm der Garnisonkirche,
  • einem weitestgehenden oder vollständigen Erhalt des Rechenzentrums, wobei der vollständige Erhalt unter dem Vorbehalt der Zustimmung der Grundstückseigentümerin „Stiftung Garnisonkirche Potsdam steht,
  • einer der entwickelten Nutzungskonzeptionen folgenden baulichen Gestalt für das Gesamtareal Garnisonkirche/Rechenzentrum.“[9]

Die SVV, das Stadtparlament der Landeshauptstadt Potsdam hat am 03. Juni 2020 diese Beschlussvorlage 20/SVV/0295 angenommen. Sie ist ein Wendepunkt in der Geschichte der Stadt. Aus zwei Gründen. Sie eröffnet dem Kunst- und Kreativhaus eine Perspektive. Gleichzeitig entschied sich die SVV erstmals gegen den originalgetreuen Wiederaufbaus der Hof- und Garnisonkirche in Potsdam, denn der Antrag der CDU-Fraktion, dass die Stadtverordneten den originalgetreuen Wiederaufbau des Kirchenschiffes auch als Ziel mit aufnehmen sollen, fiel mit großer Mehrheit durch.

Das Rechenzentrum ist wichtiger Kristallisationspunkt für künstlerische, kreative und soziale Experimente einer diverser werdenden Bevölkerung. Im RZ werden die grenzübergreifenden Dialoge in Zeiten von Rechtspopulismus geführt und Arbeitsformen für eine kreative, digitale Arbeitswelt entwickelt und gelebt. Das Rechenzentrum ist ein Ort für die Stadt und ihre Zukunft.

Für den Ort der ehemaligen Garnisonkirche gibt es genügend alternative Vorschläge zum Kirchenbau: z.B. Lernort Garnisonkirche, Wiese der Opfervölker, Dokumentationszentrum zur NS- und Militärgeschichte der Stadt, Jugendbegegnungsstätte, RechenzenTurm. Alle haben eines gemeinsam: das Kunst- und Kreativhaus Rechenzentrum könnte stehen bleiben und in die diversen Nutzungen baulich wie inhaltlich integriert werden oder mit ihnen kooperieren.

Carsten Linke, geb. 1963; Vorstand des Fördervereins für antimilitaristische Traditionen in der Stadt Potsdam e.V.; Mitbegründer des FÜR e.V. und ehemaliges Mitglied des Sprecher*innenRates des Rechenzentrums;

Anmerkungen

class="has-text-align-left">[1] Die Stadtverordnetenversammlung der Landeshauptstadt Potsdam hat am 05.12.1990 die Aufstellung des Bebauungsplan Nr. 1 „Neuer Markt/ Plantage“ beschlossen. Der ursprüngliche Geltungsbereich wurde durch Beschlüsse vom 03.07.1991 und vom 02.09.1992 erweitert und letztmalig 04.03.2015 geändert.
[2] Protokoll der Lenkungsgruppe zum KreativQuartier vom 28.02.2019 (unveröffentlicht)
[3] Stellungnahme des SprecherInnen-Rates im Vorfeld der Hauptausschusssitzung der SVVclass="has-inline-color has-very-dark-gray-color"> Potsdam, s. https://rz-potsdam.de/cms/wp-content/uploads/Gruende-RZ-Erhalt_191129.pdf
[4] SVV-Beschluss 17/SVV/0720 Verlängerung der temporären Nutzung des Verwaltungsgebäudes des Rechenzentrums als Kunst- und Kreativhaus - Finanzierung des dafür nötigen Mehraufwands; siehe https://egov.potsdam.de/bi/vo021.asp
[5] Wahlleiter der Stadt Potsdam https://buergerbeteiligung.potsdam.de/content/buergerbegehren-14742-gueltige-unterschriften
[6] https://buergerbegehrengarnisonkirche.wordpress.com/
[7] Homepage der BI Potsdamer-Mitte-Neu-Denken https://www.potsdamermitteneudenken.de/stadt-neu-denken/plantage-rechenzentrum/ [8] Homepages der Gruppierungen mit ihren Aktivitäten und Themen http://potsdam-stadtfueralle.de/ und https://rz-potsdam.de/cms/verein/ und http://kulturlobby.de/
[9] Ratsinformationssystem der Stadt Potsdam https://egov.potsdam.de/bi/vo020.asp?VOLFDNR=31299#searchword

Editorial zur Einführung der Website im Juni 2020

Herzlich willkommen auf der neuen Website www.lernort-garnisonkirche.de. Wir wollen mit Texten, Videos und Dokumenten über die verschiedensten Facetten des Ortes der ehemaligen Garnisonkirche informieren. Ein Schwerpunkt liegt hierbei auf der Geschichte des historischen Baus und seiner Gemeinde. Uns geht es hierbei nicht um die illustre Abfolge  prominenter Besucher – von Bach über Napoleon bis Mussolini - , sondern um das Alltagsgeschehen der Kirche: Was wurde hier den Menschen gepredigt, wie erfolgte die Kirchenarbeit? Wofür wurde die Kirche tagein-tagaus genutzt? Und hier zeigt sich wenig, auf das wir heute stolz sein können, sondern eine unselige Traditionslinie von Herrscherhaus, Militär und Kirche, die – auch ganz ohne den Tag von Potsdam - zu den dunkelsten Seiten Preußens, Deutschlands und des Christentums gehört. Zu den erfreulicheren Facetten der Geschichte gehört die meist wenig gewürdigte Arbeit der Zivilgemeinde nach 1945, welche den Abriss überdauerte, die aber - nach 1990 marginalisiert - 2018 ihre Eigenständigkeit verlor.

Die Bemühungen um den Wiederaufbau reichen inzwischen fast vier Jahrzehnte zurück und sind selbst zu einer eigenen Geschichte geworden, die wir in einem eigenen Menüpunkt dokumentieren, analysieren und reflektieren wollen. Den Gegenpol hierzu bildet das Rechenzentrum: Einst quasi wie ein Gegenbau zur Garnisonkirche errichtet, zwischenzeitlich für den Abriss bestimmt und seit einigen Jahren zu einem Kunst- und Kreativzentrum entwickelt. Selten stehen sich zwei entgegengesetzte Geisteshaltungen und Milieus auf so engem Raum gegenüber und ergänzen sich zu einem Gesamtbild, welche nicht nur das Spannungsfeld des heutigen Potsdam, sondern auch einer nationalen Kontroverse aufzeigt.

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Protest gegen den Wiederaufbau der Garnisonkirche im September 2016, Foto Philipp Oswalt

Die Intensität der Auseinandersetzung um das Wiederaufbauprojekt lässt sich nur verstehen, weil es sich um einen Symbolbau handelt, der weit über das Lokale hinausreicht. In dem Für und Wider spiegeln sich grundlegende Fragen unseres gesellschaftlichen Selbstverständnisses. Im Menüpunkt „Kontexte“ wollen wir daher Beiträgen Raum geben, die nicht den Ort fokussieren, sondern sich diesen größeren Fragen und Zusammenhängen widmen. Hier beginnen wir mit Texten zur preußischen Staatsidee, zur Kirche und den Hohenzollern im Nationalsozialismus sowie zur Potsdamer Stadtentwicklung seit 1990.

Der Menüpunkt „Debatte“ ist meinungsfreudigen Beiträgen gewidmet und Kontroversen im Sinne von Rede und Gegenrede. Leider konnten wir unseren Wunsch nach Meinungsvielfalt hierbei noch nicht wie gewünscht umsetzen, weil Autoren wie Wolfgang Huber und Paul Nolte bislang nicht bereit waren, eigene Texte für eine Veröffentlichung auf dieser Seite zur Verfügung zu stellen. Das bedauern wir.

Einige Beiträge sind Erstveröffentlichungen, ein guter Teil aber – wie stets ausgewiesen – bereits zuvor anderswo publiziert. Mit diesen Seiten wollen wir diese zerstreuten Inhalte an einem Ort leicht verfügbar machen. Diese Webplattform soll kontinuierlich weiterentwickelt werden. Im viertel- bis halbjährigem Zyklus wollen wir die Seite mit einer Reihe neuer Beiträge ausbauen. Wir freuen uns über Beiträge sowie Vorschläge zu Texten, Bildern und Materialien, ob bereits vorhanden oder noch zu entwickeln. Alle Leser*innen wollen wir zudem ermuntern, Beiträge sachlich zu kommentieren.

Ihre Herausgeber*innen und Redaktion

Freiraum und Friedensforum. Heilig-Kreuz-Gemeinde 1968 – 1990

Anfang der sechziger Jahre befand sich Heilig-Kreuz-Gemeinde in einer sehr schwierigen Situation. Einerseits litt die Gemeinde unter ständigen Finanzproblemen, anderseits hatte sie mit schwierigen räumlichen Bedingungen zu kämpfen. Die Gemeinde verfügte zwar über ein Gemeindehaus in der Kiezstraße 10. Doch dieses Gebäude konnte kaum genutzt werden, da die Gemeinde aus finanziellen Gründen gezwungen war, die beiden größeren Säle zu vermieten. Ein Saal wurde als Möbellager der HO genutzt, ein anderer Saal diente als Probebühne des Hans-Otto-Theaters.[1] Daneben verfügte Gemeinde noch über eine 1950 eingerichtete Kapelle im Turmstumpf der Garnisonkirche. Doch diese Kapelle war von vornherein nur als eine Notkapelle konzipiert worden. Die Pläne von Winfried Wendland aus dem Jahr 1949 zeigen eindeutig, dass diese Kapelle nur als Provisorium gedacht war.[2] In den sechziger Jahren wies diese Kapelle Bauschäden auf, das Dach war undicht, und die Wände waren feucht.[3]

Das Wendejahr 1968

Das Jahr 1968 brachte eine radikale Veränderung dieser Situation: Bekanntlich wurde in diesem Jahr die Ruine der Garnisonkirche enteignet und abgerissen. Weniger Beachtung findet die Tatsache, dass in diesem Jahr auch die Basis für etwas Positives gelegt wurde, nämlich das Heilig-Kreuz-Haus. Die Grundlage  des Projektes bildeten zwei Abmachungen zwischen der Heilig-Kreuz-Gemeinde und dem Rat der Stadt Potsdam: Eine erste Abmachung wurde während einer Beratung am 26. April 1968 geschlossen. Damals erklärte sich der Rat der Stadt Potsdam bereit, der Heilig-Kreuz-Gemeinde Baukapazitäten in Höhe von 300.000 Mark zur Verfügung zu stellen. Mit diesen Baukapazitäten sollte das Heilig-Kreuz-Haus zu einem attraktiven Gemeindezentrum umgebaut werden.[4] Das Protokoll dieser Beratung kann als eine Geburtsurkunde des Heilig-Kreuz-Hauses gelten. Die zweite wichtige Abmachung wurde am 31. Juli 1968 getroffen. An diesem Tag fanden zwischen der Heilig-Kreuz-Gemeinde und dem Rat der Stadt Potsdam Verhandlungen über die Entschädigungssumme für die Ruine der Garnisonkirche statt. Die Heilig-Kreuz-Gemeinde konnte einen Betrag von 599.000 Mark heraushandeln.[5]

Mit beiden Abmachungen hatte die Kirche spektakuläre Erfolge erzielt, und das in doppelter Hinsicht: Erstens war die Entschädigungssumme von fast 600.000 Mark für die damalige Zeit außergewöhnlich hoch. Zum Vergleich: 1969 wurde in Ostberlin die Nikolaikirche enteignet. Die Nikolaikirche war eine zerstörte Großkirche in der Berliner Innenstadt, ihr Zerstörungsgrad war mit dem der Garnisonkirche vergleichbar. Die Gemeinde erhielt für die Nikolaikirche dennoch nur 231.000 Mark.[6]

Eine zweite Besonderheit war, dass die Heilig-Kreuz-Gemeinde die Möglichkeit erhielt, die Entschädigungssumme für die Schaffung eines Gemeindezentrums zu nutzen. Wer die Bedeutung dieser Lösung einschätzen will, der muss sich die kirchenpolitische Situation in den sechziger Jahren vor Augen halten. Gemeindezentren waren in den sechziger Jahren die Hoffnungsträger der Evangelischen Kirche in ganz Deutschland. Der Ausgangspunkt dieses Konzeptes war der Rückgang der Zahl der Kirchenmitglieder und des Gottesdienstbesuches. Dieser Entwicklung wollten reformorientierte Kräfte in der Evangelischen Kirche durch neue Formen der Gemeindearbeit begegnen. Im Gottesdienst sollte der Pfarrer nicht mehr von oben herab unhinterfragbare Wahrheiten predigen, stattdessen wurde ein Dialog zwischen Pfarrer und Gemeindemitgliedern auf Augenhöhe angestrebt. Außerdem wurde eine Vielzahl von Veranstaltungen, wie Konzerte, Lesungen, Filmvorführungen und Diskussionen angedacht, die junge Leute anlocken sollte. Für dieses Konzept wurden neue Räume benötigt, eben Gemeindezentren mit unterschiedlich großen, flexibel nutzbaren Räumen und moderner Veranstaltungstechnik. Die staatlichen Stellen der DDR dagegen betrachteten dieses Konzept mit Misstrauen. Sie wollten eine Kirche, die sich auf den religiösen Bereich im engsten Sinne beschränkte. Die weltlichen Veranstaltungen dagegen, die in den Gemeindezentren stattfinden sollten, wurden als Domäne des Staates betrachtet.

Folgerichtig entwickelte sich der Bau von Gemeindezentren zum großen Zankapfel zwischen der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg und dem zuständigen Rat des Bezirkes Potsdam. Die Kirche forderte den Bau neuer Gemeindezentren, der Staat dagegen legte diesen Gemeindezentren immer neue Steine in den Weg.[7] Vor allem zwei wichtige Projekte scheiterten am Widerstand des Staates: Ein Projekt betraf ein Gemeindezentrum für die Auferstehungsgemeinde auf dem Brauhausberg,[8] ein anderes Projekt war ein Gemeindezentrum der Gemeinde Babelsberg in Bergstücken.[9] Die Tatsache, dass sich die Heilig-Kreuz-Gemeinde ein Gemeindezentrum bauen konnte, war also ein spektakulärer Erfolg, der damals ganz ungewöhnlich war. Umso größer war die Bedeutung des Gemeindezentrums, das bald „Heilig-Kreuz-Haus“ genannt wurde. Das Heilig-Kreuz-Haus avancierte zu einem kirchlichen Vorzeigeprojekt, mit dem das Konzept des Gemeindezentrums modellhaft verwirklicht wurde.

Albert Gimsa und das Heilig-Kreuz-Haus

Entsprechend ambitioniert verlief der Planungsprozess. Am Anfang initiierte die Gemeinde einen kleinen Wettbewerb, an dem sich die Architekten Christian Wendland, Günter Vandenhertz und Albert Gimsa beteiligten.[10] Die Gemeinde entschied sich 1969 für den Entwurf von Albert Gimsa.[11]

Albert Gimsa war ein Architekt, dessen Werk kaum erforscht ist, dennoch war er eine eigenwillige und interessante Persönlichkeit. Gimsa wurde am 24. Oktober 1911 in Hamburg geboren. Nach einer Maurerlehre studierte er an der Technischen Hochschule Buxtehude Architektur. Anschließend lebte er als freier Architekt in Soltau. Zu seinen Bauten zählten Einfamilienhäuser, Bürogebäude und die Bauten für das Deutsche Spring-Derby in Hamburg. Gleichzeitig betätigte er sich als kommunistischer Agitator.

1962 zog Gimsa nach Potsdam.[12] Dort war er als Architekt im VEB Landbauprojekt Potsdam und später im VEB Gleichrichter- und Reglerwerke Teltow tätig. Daneben entwarf er auch kirchliche Bauten, wie einen Turm in Bad Düben und eine Kapelle in Bahnitz.[13] Gleichzeitig arbeitete er als Maler und Holzbildhauer.  In Potsdam entwickelte Gimsa auch ein Interesse für die Religion, folgerichtig engagierte er sich in der Heilig-Kreuz-Gemeinde. Albert Gimsa starb am 23. Mai 2006 in Potsdam.[14]

Auch über die Architektur Gimsas gibt es wenig Material. Nach Aussagen von Verwandten und Bekannten stand er für eine Architektur, die sich durch Einfachheit, Schlichtheit und Funktionalität auszeichnete. Alle Formen von Prunk, Prachtentfaltung und Verschwendung waren ihm zuwider.[15] Stilistisch fühlte er sich vor allem der Bauhaus-Moderne verbunden.[16]

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Heilig-Kreuz-Haus im Jahre 2018. Foto Matthias Grünzig

Diese Haltung fand auch im Heilig-Kreuz-Haus ihren Niederschlag. Gimsa entwarf ein Gebäude, bei dem schlichte Formen dominierten und in dem jede Form von Prunk und Prachtentfaltung vermieden wurde. Eine große Glasfront im Eingangsbereich und große Fenster boten eine einladende Geste. Diese Gestaltung führte allerdings zu einem Konflikt mit den Denkmalbehörden. Sie verfügten, dass die Fassade an der Kiezstraße wieder in den alten Zustand zurückgebaut werden musste. Wichtig war das Relief im Gottesdienstraum, das nach Entwürfen von Herbert Seidel von Christian Roehl ausgeführt wurde. Das Relief symbolisiert eine Trümmerlandschaft, aus dem das Kreuz als Hoffnungszeichen emporsteigt.[17]

Im Heilig-Kreuz-Haus wurde ein vielfältiges Raumangebot für die unterschiedlichsten Nutzungen verwirklicht. Es entstanden ein Gottesdienstraum, ein großer Veranstaltungsraum mit flexibler Bestuhlung für Vorträge, Filmvorführungen, Konzerte, Lesungen und Diskussionen, ein kleineres sogenanntes „Wohnzimmer der Gemeinde“ mit einem Balkon für intimere Veranstaltungen und Beratungen, ein Raum für den Seniorenkreis, ein Jugendraum mit einer Tischtennisplatte und ein Kindergarten.

Das Heilig-Kreuz-Haus war ein Hoffnungszeichen, für das sich gerade friedensorientierte Kräfte sehr engagierten. Deshalb wurde der Bau auch durch Arbeitseinsätze der Aktion Sühnezeichen unterstützt.[18] Nicht zuletzt dank dieser Hilfe konnte das Projekt zwischen 1970 und 1974 realisiert werden.[19] Die Einweihung des Gottesdienstraumes erfolgte am 24. September 1972.[20]

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Gartenseite des Heilig-Kreuz-Hauses mit Blick auf den Gemeindesaal (großes Fenster Erdgeschoss rechts). Foto Matthias Grünzig 2018

Die Veranstaltungen der Gemeinde

Aufgrund der Veränderungen um 1970 befand sich die Heilig-Kreuz-Gemeinde Anfang der siebziger Jahre in einer vergleichsweise komfortablen Situation: Einerseits verfügte sie über ein attraktives Gemeindezentrum, in dem sie vielfältige Veranstaltungen anbieten konnte.[21] Auf der anderen Seite war die Heilig-Kreuz-Gemeinde plötzlich eine wohlhabende Gemeinde geworden. Denn der Umbau kostete nur rund 250.000 Mark[22], von der Entschädigungssumme von 600.000 Mark waren also noch rund 350.000 Mark übrig.

Die Gemeinde nutzte diesen Reichtum, um im Heilig-Kreuz-Haus eine große Vielfalt an Veranstaltungen durchzuführen.[23] Eine treibende Kraft dieser Entwicklung war der Pfarrer der Heilig-Kreuz-Gemeinde, Uwe Dittmer. Dank seiner Initiative entwickelte sich ein Veranstaltungsprogramm, das durch die Schwerpunktthemen Frieden, Ökumene, Dialog zwischen den Religionen und Dritte Welt geprägt wurde.

Dem Thema Frieden war beispielsweise 1978 eine vierteilige Seminarreihe unter dem Titel „Erziehung zum Frieden“ gewidmet.[24] Der Hintergrund war die Einführung des Wehrkundeunterrichts in der DDR, der von friedensorientierten Kräften kritisiert wurde. 1982 / 1983 folgte eine siebenteilige Seminarreihe zum Thema Frieden.[25] Ab 1981 fanden im November regelmäßig Friedensfeste statt.[26] Diese boten eine Mischung aus Lesungen, Vorträgen, Filmvorführungen und Schauspielaufführungen. Ein Beispiel war das Friedensfest am 15. November 1986. Die Schriftstellerin Christa Müller las aus ihren Werken „Die Schande“ und „Requiem“, Kinder konnten sich in  Spielen gegen den Krieg betätigen. Eine Spielgruppe aus Deutsch Ossig führte das Stück „Der König“ auf, das sich kritisch mit Friedrich II. und seinen Kriegen auseinandersetzte. Die Musik lieferte der Liedermacher Karl-Heinz Bomberg, der in der DDR Auftrittsverbot hatte.[27] Schließlich hielt die Gemeinde regelmäßige Friedensgottesdienste ab.

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Aus den Resten des beim Brand der Kirche zerstörten Glockenspiels ließ die Gemeinde im Frühjahr 1950 zwei kleine neue Glocken gießen. Diese wurden vor dem Abriß der Ruine 1968 gesichert und ein im Gemeidnesaal im Heilig-Kreuz-Haus aufgestellt. Foto Philipp Oswalt 2019

Auch zum Thema Ökumene fanden zahlreiche Veranstaltungen statt. In Vorträgen wurde über christliche Gemeinden in Afrika und Asien informiert[28], in Diskussionsveranstaltungen berichteten die Teilnehmer von Weltkirchenkonferenzen über die dortigen Debatten.[29] Häufig waren ökumenische Gäste im Heilig-Kreuz-Haus zu Besuch. Zu ihnen zählten Vertreter der ANC aus Südafrika[30], der Generalsekretär der Bewegung für Kirche und Gesellschaft in Lateinamerika, Leopoldo Niilus[31] oder Kirchenvertreter aus Japan[32], Südkorea[33], Angola[34] und  Südafrika.[35] Daneben wurden Filme, wie über die Russisch-orthodoxe Kirche[36] oder  über Martin-Luther-King, vorgeführt.[37]

Der Dialog der Religionen wurde in Vorträge diskutiert, die zum Beispiel das Thema „Christen, Hindus und Muslime“ behandelten.[38] Ein häufig debattiertes Thema war das Verhältnis zum Islam, das in  Veranstaltungen mit dem Titel „Christentum und Islam – zwei Weltreligionen im Dialog“ besprochen wurde.[39] Ebenso wichtig war die „Theologie der Befreiung“, 1986 fand sogar ein  dreitägiges Seminar zur Theologie der Befreiung statt.[40] Darüber hinaus wurde das Thema auf mehreren Veranstaltungen erörtert.[41]

Den vierten Schwerpunkt bildete die Dritte Welt. Mehrere Filmvorführungen informierten über Projekte in der Dritten Welt. Themen waren Theodor Binder, der amerikanische Albert Schweitzer[42], Haiti und Gesundheitsprojekte in Guatemala.[43]

Daneben fanden im Heilig-Kreuz-Haus viele kulturelle Veranstaltungen statt. Es gab Lesungen mit staatlich verfemten Schriftstellern, wie Stefan Heym[44] und Rolf Schneider[45], Auftritte von Liedermachern, wie Gerhard Schöne[46] und Karl-Heinz-Bomberg.[47] In Diskussionen mit Künstlern, wie dem Ehepaar Carola und Joachim Buhlmann, wurde über ihr Werk debattiert.[48]

Zudem diente das Heilig-Kreuz-Haus als Probenort für die Musikcombo des Kirchenkreises.[49]

Selbstverständlich fand im Heilig-Kreuz-Haus auch eine vielfältige Gemeindearbeit statt. Die Palette reichte von Jugendveranstaltungen wie dem „Treff am Ersten“[50], bis hin zum „Spiel-Cafe´“ für Senioren.[51] Zudem nahm das Interesse an den Gottesdiensten zu. 1976 verzeichnete die Gemeinde einen Rekordbesuch der Gottesdienste.[52]

Insgesamt aber wurde das Profil des Heilig-Kreuz-Hauses durch die Themen Frieden, Ökumene und Dritte Welt geprägt. Zudem lag im Heilig-Kreuz-Haus auch Literatur aus, die anderswo nicht zu finden war. Durch diese Angebote avancierte das Heilig-Kreuz-Haus zu einer überregional bekannten Adresse, in der offen über aktuelle Fragen des Friedens und der Völkerverständigung diskutiert werden konnte. Dieses Klima lockte viele Interessenten an, nicht nur Christen, sondern auch Nichtchristen.[53]

Arbeitskreise

Ab 1977 entstanden festere Strukturen der Gemeindearbeit. Es entstanden Arbeitskreise, die sich bestimmten Themen widmeten. Der erste Arbeitskreis war der Tansania-Arbeitskreis.[54] Dieser Arbeitskreis knüpfte Kontakte zu kirchlichen Initiativen in Tansania, wie Krankenhäusern und Leprastationen. Soziale Projekte in Tansania und die Landwirtschaftskooperative Nalianda in Sambia wurden durch Hilfslieferungen unterstützt. Weitere Hilfe erhielt die Schule des südafrikanischen African National Congress (ANC) im tansanischen Morogoro.[55] Später folgten Arbeitskreise zu den Themen Schweden[56] , Christentum und Islam[57]  und Theologie der Befreiung.[58]

Die Evangelische Studentengemeinde

Ein wichtiger Nutzer des Heilig-Kreuz-Hauses war die Evangelische Studentengemeinde, die vom Studentenpfarrer Uwe Dittmer betreut wurde. Die Studentengemeinde veranstaltete monatliche Treffen, die oft durch Vorträge und Diskussionen begleitet wurden.[59] In der Öffentlichkeit wurde die Studentengemeinde durch Arbeitseinsätze auf dem Jüdischen Friedhof bekannt.[60] Gleichzeitig war die Studentengemeinde ein wichtiger Gesprächskreis für Studenten und Absolventen, in dem offen diskutiert werden konnte. Hier fand eine Vernetzung zwischen Personen statt, die an Friedensthemen interessiert waren, hier wurden wichtige Netzwerke geknüpft, die für weitere Initiativen relevant waren.[61]

Die „Schmiede“

In den achtziger Jahren entstanden Strukturen, die die Gemeindeebene verließen. Die Evangelische Studentengemeinde bildete den Ausgangspunkt für einen ersten gemeindeübergreifenden Friedenskreis, der sich Ende 1982 herausbildete. Der Kreis, der auch als „die Schmiede“ bezeichnet wurde, traf sich in Räumen der Gemeinde Babelsberg,[62] er führte aber auch Veranstaltungen im Heilig-Kreuz-Haus durch. Ein Beispiel war die Aktion „Schweigen für den Frieden“, die im November 1983 stattfand. Geplant war, dass die Teilnehmer drei Tage lang schweigen und dabei Plaketten mit der Aufschrift „Ich schweige für den Frieden“ tragen sollten.[63] Den Auftakt der Aktion bildete eine Andacht mit Uwe Dittmer im Heilig-Kreuz-Haus am 21. November 1983 um 5.30 Uhr.[64] Ein Höhepunkt war ein öffentlicher Schweigekreis, der am 23. November 1983 am Platz der Nationen am Brandenburger Tor veranstaltet wurde. Diese Aktion endete allerdings tragisch. Die Polizei forderte die Teilnehmer der Kundgebung auf, sich zu zerstreuen. Die meisten Teilnehmer kamen dieser Aufforderung auch nach. Doch zwei Jugendliche verweigerten sich dieser Aufforderungen, sie wurden verhaftet und zu Gefängnisstrafen verurteilt.[65]

Am 2. Dezember 1983 war eine weitere Aktion dieser Art am Brandenburger Tor geplant, doch diese wurde dann durch die Intervention des Generalsuperintendenten Günter Bransch aufgegeben. Stattdessen fand eine Diskussionsveranstaltung im Heilig-Kreuz-Haus statt.[66] Allerdings führten die staatlichen Repressionen dazu, dass die Aktivitäten des Friedenskreises Babelsberg abnahmen.[67]

Der Friedenskreis Potsdam

1984 bildete sich der Friedenskreis Potsdam, der sich im Heilig-Kreuz-Haus traf. Die Gruppe wurde auf Anregung von Hans-Erich Schulz gegründet[68] und nahm eine Ausnahmestellung ein. Außergewöhnlich war schon, dass die Gruppe über einen überdurchschnittlichen Bildungsgrad verfügte. An ihr waren mehrere Wissenschaftler aus dem Zentralinstitut für Astrophysik und dem Zentralinstitut für die Physik der Erde, wie Helmut Domke und Rudolf Tschäpe, beteiligt. Einige von ihnen hatten sogar in der Sowjetunion studiert und waren promoviert. Daneben gab es Geistliche, wie Martin Kwaschik und Gottfried Alpermann.[69] Ein führendes Mitglied war Helmut Domke, der gleichzeitig Bundessynodaler und Mitglied der Konferenz der Kirchenleitungen der DDR war.[70] Im Friedenskreis Potsdam hatten sich also Personen versammelt, die über Einfluss verfügten und die die Staatsmacht nicht so einfach kriminalisieren konnte.

Der Friedenskreis Potsdam betrieb eine Strategie, die auf den Dialog setzte und dabei auch Vertreter des Staates und der SED einbezog. Schließlich gab es auch innerhalb der SED reformorientierte Kräfte, die eingebunden und für Reformen gewonnen werden sollten. Ein wichtiges Prinzip des Friedenskreises war die Einhaltung der DDR-Gesetze.[71]

Die erste öffentlichkeitswirksame Aktion des Friedenskreises Potsdam war eine Tagung zum 40. Jahrestag der Potsdamer Konferenz am 28. Juni 1985 im Heilig-Kreuz-Haus. Den Hintergrund der Veranstaltung war der Kalte Krieg, der 1985 noch immer fortdauerte. Michail Gorbatschow war damals erst wenige Wochen im Amt, und die Beziehungen zwischen den Supermächten waren noch frostig. In dieser Situation sollte die Tagung ein Signal der Entspannung setzen. Deshalb wurden Geistliche aus den Unterzeichnerstaaten des Potsdamer Abkommens, also aus der USA, der Sowjetunion, Frankreich und Großbritannien, eingeladen. DieTeilnehmer diskutierten im Heilig-Kreuz-Haus über Möglichkeiten einer neuen Friedensordnung.[72] Neben einer nichtöffentlichen Beratung gab es auch eine öffentliche Podiumsdiskussion. Das Ergebnis war ein Kommunique´, in dem zur Bildung einer „die Blöcke übergreifenden Allianz für Frieden und Gerechtigkeit“ aufgerufen wurde. Zugleich wurde an die Unterzeichnerstaaten des Potsdamer Abkommens appelliert, das Wettrüsten auf der Erde zu stoppen und die Militarisierung des Weltraums zu verhindern.[73]

Ein weiteres Ereignis war der Olof-Palme-Friedensmarsch 1987. Der Friedensmarsch war eine Aktion, die von der Deutschen Friedensgesellschaft / Vereinigte Kriegsdienstgegner der BRD gemeinsam mit dem Friedensrat der DDR, der österreichischen Friedensbewegung und dem Friedensrat der CSSR organisiert wurde. Sein Ziel war ein atomwaffenfreier Korridor in Mitteleuropa, wie er von der Palme-Kommission vorgeschlagen wurde. An diesem Marsch war auch der Bund der Evangelischen Kirchen der DDR beteiligt.[74] Der Marsch war in der DDR ein Novum, weil zum ersten Mal kirchliche Gruppen mit eigenen Transparenten demonstrieren durften.[75]

Im Rahmen des Friedensmarsches fand am 10. September 1987 in Potsdam ein Friedensfest an der Neustädter Havelbucht statt. Auf diesem Fest war auch der Friedenskreis Potsdam mit einem Stand vertreten.[76] Auch dieser Stand war eine Premiere: Seine Konzeption wurde von Helmut Domke entwickelt und von den staatlichen Stellen akzeptiert.[77]

Ein weiteres Ereignis war der Sternmarsch von Potsdam nach Caputh, der am 15. Mai 1989 anlässlich der Konferenz europäischer Kirchen in Basel veranstaltet wurde. Den Höhepunkt bildete eine Veranstaltung in der Caputher Kirche, in der über die Fälschung der Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 informiert wurde.[78]

Daneben organisierte der Friedenskreis Potsdam kleinere Veranstaltungen. Ein Beispiel war eine Lesung mit Rosemarie Schuder, die aus ihrem Buch „Der gelbe Fleck“ las. Thematisiert wurde der Antisemitismus in der deutschen Geschichte.[79]

Eine große Bedeutung für den Friedenskreis Potsdam hatte der Dialog mit den unterschiedlichsten Akteuren. Ein Dialogpartner waren Vertreter der SED und der DDR. Besonders wichtig war dabei das in Potsdam ansässige Institut für internationale Beziehungen der Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft. Dieses Institut galt als die Diplomatenschule der DDR, Mitarbeiter des Instituts waren auch an internationalen Abrüstungsverhandlungen beteiligt.[80] An diesem Institut hatten sich in den achtziger Jahren Reformkräfte formiert, die für ein „Neues Denken“ im Sinne von Michail Gorbatschow eintraten.[81] Mitarbeiter des Instituts waren schon zur Tagung zur Potsdamer Konferenz 1985 eingeladen worden.[82] Auch in den folgenden Jahren gab es einen regelmäßigen Informationsaustausch.[83]

Der Friedenskreis Potsdam pflegte weiterhin Kontakte nach Westberlin, zum Friedenskreis der Ernst-Moritz-Arndt-Gemeinde in Zehlendorf.[84] Noch wichtiger war aber der Kontakt zum American Friends Service Committee, der Friedensorganisation der amerikanischen Quäker mit Sitz in den USA. Das American Friends Service Committee war eine renommierte Friedensorganisation, die 1947 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Zudem verfügte sie über hervorragende Kontakte zum US-Kongress und zur US-Regierung. Sie betrachtete sich als Brückenbauer zwischen Ost und West und war deshalb auch an Friedensgruppen in der DDR interessiert.[85] Das American Friends Service Committee organisierte auch eine Reise von Mitgliedern des Friedenskreises Potsdam in die USA, die im März / April 1988 stattfand. Diese Reise umfasste Gespräche mit Friedensgruppen aus den USA und die Besichtigung sozialer Projekte.[86] Der Höhepunkt war ein Gespräch im US-Außenministerium, in dem auch über eine mögliche Reise von Erich Honecker in die USA beraten wurde.[87]

Der Friedenskreis Potsdam revanchierte sich, in dem er Kontakte zwischen den Quäkern und dem Institut für internationale Beziehungen vermittelte. Auch diese Gespräche fanden im Heilig-Kreuz-Haus statt. Beispielsweise fand am 28. März 1989 ein Gespräch zwischen Vertretern der Quäker und dem Professor am Institut für internationale Politik, Wolfgang Kubiczek, statt.[88] Das Heilig-Kreuz-Haus entwickelte sich also in den achtziger Jahren zu einem Haus, in dem internationale Gespräche stattfanden.

Selbstverständlich unterhielt der Friedenskreis Potsdam auch Kontakte zu anderen Friedensgruppen der DDR. Er nahm an den DDR-weiten Seminaren von kirchlichen Friedensgruppen „Frieden konkret“ teil.[89] Daneben engagierte er sich bei Regionaltreffen für Berlin-Brandenburg.[90]

Zudem leistete der Friedenskreis Potsdam eine intensive Sacharbeit. Er entwickelte Konzepte zu friedenspolitischen Themen, stellte Anträge an die Kirchenleitung oder brachte Themen in die Synoden ein.[91] Der Friedenskreis Potsdam wurde aufgrund seiner dialogorientierten Strategie vom Ministerium für Staatssicherheit als besonders gefährlich eingeschätzt. Er galt als „intellektuelles Führungszentrum“ der kirchlichen Opposition[92] und als „Leitgremium für feindlich-negative „Basisgruppen““.[93] Allerdings konnte die Staatsmacht wenig gegen ihn unternehmen, da er die Gesetze der DDR respektierte.

1990 fanden die Konzepte des Friedenskreises Potsdam Eingang in die Politik der ersten frei gewählten DDR-Regierung unter Lothar de Maiziere,[94] Helmut Domke avancierte sogar zum Staatssekretär im Außenministerium.

Die Initiative „tierra unida“

Eine weitere Gruppierung, die ihren Ausgangspunkt im Heilig-Kreuz-Haus hatte, war die Initiative „tierra unida“. Die Geburtsstunde der Initiative war ein Filmabend mit Filmen über Lateinamerika am 10. Januar 1983 im Heilig-Kreuz-Haus. Im Anschluss an den Film haben Veranstaltungsteilnehmer beschlossen, eine Gruppe zu Dritte-Welt-Themen zu gründen. Der Initiator war Hartmut Kühne, der damals Schüler am Kirchlichen Oberseminar in Hermannswerder war. Weitere Mitglieder waren Joachim Briesemann und Jeanne Grabner.[95]

Anfangs beschäftigte sich die Initiative vor allem mit der Hilfe für Afrika. Ab 1984 kristallisierte sich ein neuer Schwerpunkt heraus: die Unterstützung für Nikaragua.[96] In Nikaragua war 1979 der Diktator Somoza gestürzt worden, die neue sandinistische Regierung galt als Hoffnungsträger für eine sozialere Politik. Gleichzeitig war dieses Modell permanent gefährdet, weil von den USA unterstützte Gruppen, sogenannte „Contras“, Terroranschläge verübten. Deshalb wurde Nikaragua ein Hoffnungsträger kirchlicher Dritte-Welt-Gruppen. Ein wichtiger Inspirator dieser Entwicklung war der damalige Schülerpfarrer und spätere Generalsuperintendent Hans-Ulrich Schulz, der im August 1984 nach Nikaragua gereist war. Er berichtete von seinen Eindrücken und rief zur Unterstützung für Nikaragua auf.[97] Besonders  wirkungsvoll war eine fünfteilige Artikelserie über Nikaragua, die Schulz in der „Potsdamer Kirche“ veröffentlichte.[98]

„tierra unida“ führte zahlreiche Aktionen durch, um Nikaragua zu unterstützen. Ein Beispiel war eine Lateinamerika-Werkstatt am 22. September 1984 im Heilig-Kreuz-Haus. Zum Programm gehörten ein Film über Nikaragua, ein chilenisches Theaterstück, eine Ausstellung mit Bildern eines Malers, Gespräche mit Gästen aus Lateinamerika und Musik. Den Höhepunkt bildete eine Versteigerung zugunsten des Ausbildungszentrums Jinotepe  in Nikaragua.[99]

Eine andere Veranstaltung war ein Tortilla-Fest unter dem Motto „6 Jahre freies Nikaragua“ am 19. Juli 1985.  Angeboten wurden Musik, Spiele und ein Lichtbildervortrag.[100] Aber auch kleinere Aktionen, wie ein Schuhputzen am 17. November 1988 in der Klement-Gottwald-Straße, dienten der Unterstützung für Nikaragua. Diese Aktion begann vielversprechend. Leider holten einige besorgte Bürger die Polizei, die die Schuhputzer „sehr höflich“ um die Beendigung der Aktion bat.[101]

Ein weiterer Schwerpunkt von „tierra unida“ war der Widerstand gegen die Tagung des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank im September 1988 in Westberlin. Ein Teil der Tagungsteilnehmer sollte in Ostberliner Hotels untergebracht werden. Gegen diese Unterstützung machten „tierra unida“ und andere Dritte-Welt-Gruppen mobil. In einer „Potsdamer Erklärung“ wurde die DDR-Regierung aufgefordert, die „die Praktiken dieser Mordmaschine“ anzuprangern und jede Unterstützung zu verweigern.[102] Allerdings war dieser Protest nicht erfolgreich, denn die Ostberliner Hotelbetten wurden dennoch an Tagungsteilnehmer vermietet.[103] Ebenso wichtig  war der Protest gegen die gewaltsame Niederschlagung der Studentenproteste in Peking im Frühjahr 1989. Im Rahmen dieser Aktion wurde eine Klagetrommel in der Erlöserkirche aufgehängt.[104] Die Initiative „tierra unida“ ist bis heute aktiv.

Der Arbeitskreis Ökumenisches Forum

Im Oktober 1988 wurde im Heilig-Kreuz-Haus der Arbeitskreis „Ökumenisches Forum“ gebildet.[105] Bei seiner Mitgliedschaft gab es Überschneidungen zum Friedenskreis Potsdam. Mitglieder waren Helmut Domke, Rudolf Tschäpe, Manfred Kruczek, Reinhard Meinel, Martin Kwaschik und Kaplan Kliegel.[106] Im Gegensatz zum Friedenskreis widmete sich dieser Arbeitskreis nicht nur Friedensfragen, Ziel war vielmehr eine offene Debatte über Themen wie Gerechtigkeit, Umweltschutz, Bürgerrechte, Ausgleich zwischen Nord und Süd. Der Ausgangspunkt der Arbeit war die Weltkirchenkonferenz 1983 in Vancouver. Diese Konferenz fasste den Beschluss, dass die Mitgliedskirchen einen konziliaren Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung starten sollten.[107] Dieser Prozess begann Ende 1987 mit der Aufforderung der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in der DDR an die Gemeinden, ihre Vorschläge für Diskussionsthemen bis zum 31. Dezember 1987 einzureichen.[108] Diese Vorschläge wurden dann auf der 1. Ökumenischen Versammlung im Februar 1988 in Dresden diskutiert. Dort wurden 13 Themen beschlossen, die intensiver bearbeitet werden sollten.[109]

Der Arbeitskreis „Ökumenisches Forum“ hatte sich die Diskussion dieser Themen zum Ziel gesetzt. Deshalb wurden 1988 / 1989 im Heilig-Kreuz-Haus Diskussionsforen zu den verschiedensten Themen durchgeführt. Nach einer Auftaktveranstaltung am 12. November 1988 folgten mehrere Diskussionsveranstaltungen zu den unterschiedlichsten Schwerpunkten.[110] Diskutiert wurde über die Themen „Mehr Gerechtigkeit in der DDR“, über Friedenserziehung und über Ökologie.[111] Zugleich wurden Arbeitsgruppen gebildet, die Konzepte zu den einzelnen Themen erarbeiteten.[112] Auch zu diesen Veranstaltungen wurden Vertreter der SED eingeladen. Beispielsweise fand am 1. März 1989 ein Regionales ökumenisches Forum zum Thema: „Friedenserziehung“ statt. Gäste waren Prof. Berger von der Pädagogischen Hochschule „Karl Liebknecht“ Potsdam und der Leiter der kirchlichen  Erziehungskammer Berlin-Brandenburg, Dieter Reiher.[113]

Die „Wende“ 1989/90 und der „Runde Tisch“

Diese Prozesse führten direkt in die friedliche Revolution in der DDR von 1989/90. Auch im Rahmen dieser Ereignisse spielte das Heilig-Kreuz-Haus eine wichtige Rolle, denn hier fanden die ersten drei Sitzungen des Rundes Tisches des Bezirkes Potsdam statt. Der Runde Tisch war eine Institution, an der die etablierten Parteien und Organisationen der DDR und die neuen Parteien und Organisationen vertreten waren. Sein Ziel war ein friedlicher Übergang vom autoritären System der DDR hin zu einer Demokratie. Die Moderation wurde vom Generalsuperintendenten Günter Bransch übernommen.[114] Die erste Tagung des Runden Tisches fand am 20. Dezember 1989 statt,  zwei weitere folgten im Januar 1990. Ab der vierten Sitzung wurde der Runde Tisch aber in die größeren Räume des Rates des Bezirkes in die Heinrich-Mann-Allee verlegt.[115] 

Zudem war das Heilig-Kreuz-Haus ein Versammlungsort für die neugegründeten Organisationen. Beispielsweise fand hier am März 1990 eine wirtschaftspolitische Konferenz der DDR-SPD statt. Etliche Teilnehmer kamen auch aus der West-SPD, wie Karl Schiller, Ingrid Matthäus-Maier, Klaus von Dohnanyi und der Vorstandchef der Lufthansa, Heinz Ruhnau, der einen sehr interessanten Vortrag über die Berliner Flughafenfrage hielt.[116]

Fazit

Das Heilig-Kreuz-Haus bildete einen wichtigen Nukleus für unabhängige Initiativen in Potsdam. Dank der räumlichen und finanziellen Möglichkeiten der Heilig-Kreuz-Gemeinde waren hier Veranstaltungen möglich, in denen über die Themen Frieden, Demokratie und internationale Verständigung diskutiert wurde. Gleichzeitig war das Gebäude ein wichtiger Treffpunkt für unabhängige Gruppierungen. Aufgrund dieser Funktionen avancierte das  Heilig-Kreuz-Haus zu einer Reformwerkstatt, in denen der Boden für die Friedliche Revolution 1989/90 bereitet wurde.

Daneben spielte das Heilig-Kreuz-Haus eine Rolle bei der Annäherung zwischen Ost und West.  Dank seines friedenspolitischen Renomee´s entwickelte sich das Gebäude zu einem gefragten Treffpunkt, im dem Begegnungen zwischen Vertretern unterschiedlicher Länder und Organisationen stattfanden. Durch diese Rolle leistete das Heilig-Kreuz-Haus einen Beitrag zur Überwindung des Kalten Krieges.

Matthias Grünzig, geb. 1969 in Berlin, Literatur- und Theaterwissenschaftler, Journalist und Buchautor. 2017 publiziert er das Buch: „Für Deutschtum und Vaterland: Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert“

Zur Geschichte der Heilig-Kreuz-Gemeinde siehe auch: Anke Silomon: Das neue Leben der Heilig-Kreuz-Kirchengemeinde nach der Sprengung. In: Anke Silomon: Pflugscharen zu Schwertern. Schwerter zu Pflugscharen. Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert. Nicolai Verlag Berlin 2014

Anmerkungen

[1] Zuarbeit zu Brief Garnisonkirche Betreff: Möglichkeiten der ungestörten Religionsausübung der Heilig-Kreuz-Gemeinde (Verfassung der DDR, Abschnitt V, Artikel 41: „…die ungestörte Religionsausübung steht unter dem Schutz der Republik…“, ohne Autor und Datum, BLHA, Rep. 401 Nr. 6295; Aktennotiz, 2.12.1966, BLHA, Rep. 401 Nr. 6295
[2] Plan Heilig-Kreutzkirche in Potsdam – Einbau einer Notkapelle im Turmerdgeschoss, Entwurf: Winfried Wendland, 10.8.1949 ELAB 3.01 Nr. 664
[3] Schreiben Betr.: Einschätzung des baulichen Zustandes der Ruine der ehemaligen Garnisonkirche Potsdam vom 28.9.1964 von Rattke an Fritz Zeiske, StAP, Soz / 00260, Bl. 60-63
[4] Protokoll, 26.4.1968, DStA, Po-G 487/390; Schreiben vom 30.4.1968 von Nutbohm an Hans Klein, BLHA, Rep. 401 Nr. 6295
[5] F.W. Stendel / Stubbe: Bericht über die Entschädigungsverhandlung beim Stadtrat für Finanzen am 31.7.1968, DStA, Po-G 487/390
[6] Die genaue Summe betrug 231.560 Mark. Feststellungsbescheid vom 30.6.1969 vom Magistrat von Groß-Berlin, Rat des Stadtbezirks Mitte, Abteilung Finanzen, Kossel an den Gemeindekirchenrat von St. Nikolai und St. Marien, LAB  C Rep. 104 Nr. 361
[7] vgl. Matthias Grünzig: Für Deutschtum und Vaterland. Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert, Berlin 2017, S. 289-302; S. 308 f.
[8] Zum Gemeindezentrum am Brauhausberg gab eine jahrelange Auseinandersetzung, die durch zahlreiche Dokumente belegt ist, z.B.: Hinweise für die Aussprache mit dem Generalsuperintendenten Dr. Lahr am 29. Mai 1964, ohne Autor und Datum, BLHA, Rep. 401 Nr. 14681 Bl. 364 f.. Plan Evangelisches Gemeindehaus Teltower Vorstadt, Potsdam Luckenwalder Straße 7, Entwurf: Gülzow?, 10.7.1964, BLHA, Rep. 401 Nr. 6212. Schreiben Betreff: Bau eines Gemeindehauses in der Teltower Vorstadt vom 13.8.1964 von Fischer an Ehlert, BLHA, Rep. 401 Nr. 6212. Aktenvermerk Betrifft: Bauplanung im Bezirk Potsdam, 14.5.1965, ELAB 35 Nr. 698. Manfred Stolpe: Aktenvermerk Betrifft: Potsdam – Stadt des kirchlichen Wiederaufbaus, 18.6.1965, ELAB 35 Nr. 698. Helmut Opitz: Protokoll über die Sitzung der Baukommission beim Rat des Bezirkes Potsdam am 23.7.1965, 25.8.1965, ELAB 35 Nr. 698. Schreiben Betrifft: Kircheneigenes Grundstück, Potsdam, Brauhausberg und Bau eines Gemeindezentrums für die evangelische Kirchengemeinde Teltower Vorstadt vom 30.9.1965 von Horst Lahr an Fritz Zeiske, BLHA, Rep. 401 Nr. 6295. Helmut Opitz: Gedächtnisprotokoll einer Besprechung auf dem Stadt-Bauamt beim Rat der Stadt Potsdam am Dienstag, dem 11.4.1966, 11.4.1966, 14.5.1965, ELAB 35 Nr. 698. Zur Aussprache des Genossen Puchert mit dem Generalsuperintendenten Horst Lahr, 27.12.1966, BLHA, Rep. 401 Nr. 14681 Bl. 248-256. Horst Lahr: Aktenvermerk über ein Gespräch mit dem Rat des Bezirkes am Freitag, dem 5. Januar 1968, 8.1.1968, ELAB 35 Nr. 1204
[9]Zu den Auseinandersetzungen um das Gemeindezentrum Bergstücken gibt es ebenfalls umfangreiche Dokumente, z.B.: Schreiben vom 16.8.1966 von Manfred Stolpe an den Gemeindekirchenrat der Evangelischen Kirchengemeinde Babelsberg, ELAB 35 Nr. 698. Protokoll der Sitzung des Ausschusses für „Stadt des kirchlichen Wiederaufbaus Potsdam“ am 23. Februar 1967, ELAB 35 Nr. 698. Protokoll über die Sitzung des Ausschusses „Potsdam - Stadt des kirchlichen Wiederaufbaus“ am Dienstag, dem 14.11.1967, ELAB 35 Nr. 698. Manfred Stolpe: Vermerk, ELAB 35 Nr. 698. Horst Lahr: Aktenvermerk über ein Gespräch mit dem Rat des Bezirkes am Freitag, dem 5. Januar 1968, 8.1.1968, ELAB 35 Nr. 1204. Schreiben vom 22.9.1969 von Horst Lahr an Kurt Wenzel (Stellvertreter des Vorsitzenden des Bezirkes Potsdam für Inneres), BLHA, Rep. 401 Nr. 14681 Bl. 170 f.. Hans Klein: Vermerk über Gespräche mit OKR Stolpe, Sekretär des Bundes der Ev. Kirchen in der Deutschen Demokratischen Republik am 22.05.1973 von 16.00 – 18.00 Uhr, 23.5.1973, BLHA, Rep. 401 Nr. 21482, Bl. 1-5. Rat des Bezirkes Potsdam, Referat Kirchenfragen, Hans Klein: Vermerk über Aussprache des Stellvertreter d. Vorsitzenden für Inneres, Gen. Wenzel mit dem Generalsuperintendent Dr. Lahr, am 20.11.1973, BLHA, Rep. 401 Nr. 14681 Bl. 89-92. Schreiben Betr.: Bauprogramm „Potsdam – Stadt des kirchlichen Wiederaufbaus“ vom 23.11.1973 von Albrecht Schönherr an Pappenheim, BLHA, Rep. 401 Nr. 36968. Schreiben vom 18.12.1973 von G. Pappenheim an Albrecht Schönherr, BLHA, Rep. 401 Nr. 36968. Schreiben Betr.: Bauprogramm „Potsdam – Stadt des kirchlichen Wiederaufbaus“ vom 7.2.1974 von Albrecht Schönherr an Pappenheim, BLHA, Rep. 401 Nr. 36968. Rat des Bezirkes Potsdam, Referat Kirchenfragen: Vermerk über Gespräch mit Generalsuperintendent Lahr, am 4.9.1974, 19.9.1974, BLHA, Rep. 401 Nr. 14681 Bl. 67-71
[10] Gespräch mit Joachim Briesemann am 16.4.2018
[11] Schreiben Betr.: Umbau des Gemeindehauses Kiezstraße 10 vom 28.1.1970 von Kremlacek an Gemeindekirchenrat der Heilig-Kreuz-Gemeinde, ELAB 35 Nr. 17744
[12] Gespräch mit Albert Gimsa jr. am 11.6.2018
[13] Gespräch mit Joachim Briesemann am 18.5.2018
[14] Gespräch mit Andreas Gimsa am 8.6.2018
[15] Gespräch mit Albert Gimsa jr. am 11.6.2018, Gespräch mit Andreas Gimsa am 8.6.2018
[16] Gespräch mit Joachim Briesemann am 18.5.2018
[17] Gespräch mit Joachim Briesemann am 16.4.2018
[18] Aktion Sühnezeichen 1973, in: Potsdamer Kirche, Nr. 9, 4.3.1973
[19] Schreiben Betr. Antrag auf Baubeihilfe für das Heilig-Kreuz-Haus, Kiezstraße 10 vom 21.5.1979 von Uwe Dittmer an das Evangelische Konsistorium der EKiBB, ELAB 35 Nr. 23351
[20] Heilig-Kreuz-Gemeinde, Gemeindeinformation, September-Oktober 1972
[21] Schreiben Betr. Antrag auf Baubeihilfe für das Heilig-Kreuz-Haus, Kiezstraße 10 vom 21.5.1979 von Uwe Dittmer an das Evangelische Konsistorium der EKiBB, ELAB 35 Nr. 23351
[22] Lunkenheimer: Vermerk, 16.12.1975, ELAB 35 Nr. 17744
[23] Schreiben Betr. Antrag auf Baubeihilfe für das Heilig-Kreuz-Haus, Kiezstraße 10 vom 21.5.1979 von Uwe Dittmer an das Evangelische Konsistorium der EKiBB, ELAB 35 Nr. 23351
[24] Heilig-Kreuz-Gemeinde, Gemeindeinformation, September-Oktober 1978, November-Dezember 1978, Januar-Februar 1979
[25]Heilig-Kreuz-Gemeinde, Gemeindeinformation, September-Oktober 1982, November-Dezember 1982, Januar-Februar 1983
[26] z.B. 18.11.1981, Heilig-Kreuz-Gemeinde, Gemeindeinformation, November-Dezember 1981; 16.11.1983, Heilig-Kreuz-Gemeinde, Gemeindeinformation, November-Dezember 1983; 10.11.1984, Heilig-Kreuz-Gemeinde, Gemeindeinformation, November-Dezember 1984; Leben gegen den Tod, in: Potsdamer Kirche, Nr. 50, 9.12.1984; Franz Jahrow: 2. Information zur Friedensdekade 1984, 15.11.1984, BLHA, Rep. 401 Nr. 23771; 16.11.1985, Vorbereitung Friedensdekade für KK Potsdam, ohne Autor und Datum, BLHA, Rep. 401 Nr. 221487; Heilig-Kreuz-Gemeinde, Gemeindeinformation, November-Dezember 1985
[27] Manfred Selinger: Abschlußbericht über den Ablauf der Friedensdekade der Ev. Kirche vom 9. – 19.11.1986 im Bezirk Potsdam, 21.11.1986, BLHA, Rep. 401 Nr. 221487; Rolf Gutsche: Friedensfest in Potsdam, in: Potsdamer Kirche, Nr. 49, 7.12.1986
[28] Vortrag am 26.11.1975, Was? Wo ? Wann ?, in: Potsdamer Kirche, Nr. 46, 16.11.1975
[29] z.B. am 25.4.1973, Heilig-Kreuz-Gemeinde, Gemeindeinformation, März-April 1973; am 8.1.1976, Heilig-Kreuz-Gemeinde, Gemeindeinformation, Januar-Februar 1976; Was? Wo ? Wann ?, in: Potsdamer Kirche, Nr. 1, 4.1.1976; am 24.3.1977, Heilig-Kreuz-Gemeinde, Gemeindeinformation, März-April 1977
[30] am 3.5.1977, Heilig-Kreuz-Gemeinde, Gemeindeinformation, Mai-Juni 1977
[31] am 11.5.1977, Heilig-Kreuz-Gemeinde, Gemeindeinformation, Mai-Juni 1977
[32] am 8.5.1978, Heilig-Kreuz-Gemeinde, Gemeindeinformation, Mai-Juni 1978
[33] am 16.6.1984,Heilig-Kreuz-Gemeinde, Gemeindeinformation, Mai-Juni 1984
[34] am 16.5.1984, Heilig-Kreuz-Gemeinde, Gemeindeinformation, Mai-Juni 1984
[35] am 3.4.1978, Gemeindeinformation, März-April 1978
[36] 19.11.1975: Film „Sagorsk“, Heilig-Kreuz-Gemeinde, Gemeindeinformation, November-Dezember 1975; Was? Wo ? Wann ?, in: Potsdamer Kirche, Nr. 45, 9.11.1975
[37] Filmvorführung am 9.1.1988, Heilig-Kreuz-Gemeinde, Gemeindeinformation, Januar-Februar 1988
[38] am 8.4.1981, Heilig-Kreuz-Gemeinde, Gemeindeinformation, März-April 1981
[39] am 28.10.1986, Heilig-Kreuz-Gemeinde, Gemeindeinformation, September-Oktober 1986; weitere Veranstaltungen am 22.1.1985, 26.2.1985, Heilig-Kreuz-Gemeinde, Gemeindeinformation, Januar-Februar 1985
[40] Heilig-Kreuz-Gemeinde, Gemeindeinformation, März-April 1986; Was? Wo? Wann?, in: Potsdamer Kirche, Nr. 10, 9.3.1986
[41] z.B. Gesprächsabende am 20.5. und 17.6.1986, Heilig-Kreuz-Gemeinde, Gemeindeinformation, Mai-Juni 1986; Diskussion am 15.10.1986, Heilig-Kreuz-Gemeinde, Gemeindeinformation, September-Oktober 1986
[42] Filmvorführung am 27.9.1976, Heilig-Kreuz-Gemeinde, Gemeindeinformation, September-Oktober 1976
[43] Filmvorführung am 10.1.1983, Heilig-Kreuz-Gemeinde, Gemeindeinformation, Januar-Februar 1983
[44] Lesung am 2.5.1974, Heilig-Kreuz-Gemeinde, Gemeindeinformation, Mai-Juni 1974
[45] Lesung am 28.1.1981, Heilig-Kreuz-Gemeinde, Gemeindeinformation, Januar-Februar 1981
[46] Konzert am 24.9.1977, Heilig-Kreuz-Gemeinde, Gemeindeinformation, September-Oktober 1977
[47] z.B. am 17.11.1989, Friedensdekade ´89, Flyer, BLHA, Rep. 401 Nr. 23768; Was? Wo? Wann?, in: Potsdamer Kirche, Nr. 46, 12.11.1989
[48] am 17.4.1980, Heilig-Kreuz-Gemeinde, Gemeindeinformation, März-April 1980
[49] Schreiben Betr. Antrag auf Baubeihilfe für das Heilig-Kreuz-Haus, Kiezstraße 10 vom 21.5.1979 von Uwe Dittmer an das Evangelische Konsistorium der EKiBB, ELAB 35 Nr. 23351
[50] In Potsdam trifft man sich am 1., in: Potsdamer Kirche, Nr. 15, 13.4.1980
[51] Spiel-Cafe´ für Junggebliebene, in: Potsdamer Kirche, Nr. 1, 6.1.1985
[52] Heilig-Kreuz-Gemeinde, Gemeindeinformation, März-April 1977
[53] Gespräch mit Björn Rugenstein am 18.4.2018
[54] erstes Treffen am 7.2.1977, Heilig-Kreuz-Gemeinde, Gemeindeinformation, Januar-Februar 1977
[55] Gespräch mit Joachim Briesemann am 16.4.2018
[56] erstes Treffen am 16.4.1979, Heilig-Kreuz-Gemeinde, Gemeindeinformation, März-April 1979
[57] erstes Treffen am 26.11.1986, Heilig-Kreuz-Gemeinde, Gemeindeinformation, November-Dezember 1986
[58] erstes Treffen am 28.11.1986, Heilig-Kreuz-Gemeinde, Gemeindeinformation, November-Dezember 1986
[59] ESG & Die Arche – Potsdam im Frühling ´87, BLHA, Rep. 401 Nr. 23680/2, Bl. 272-280; Wir sprachen mit Studentenpfarrer Uwe Dittmer, in: Potsdamer Kirche, Nr. 35, 28.8.1977
[60] Manfred Selinger: Information über Tendenzen in der kirchenpolitischen Entwicklung im Bezirk Potsdam (Zeitraum Februar / März 1988), 6.4.1988, BLHA, Rep. 401 Nr. 23785
[61] Gespräch mit Björn Rugenstein am 18.4.2018
[62] Franz Jahrow: Informationen über Erscheinungen „offener Jugendarbeit“ im kirchlichen und diakonischen Bereich, 17.7.1984, BLHA, Rep. 401 Nr. 14854, Bl. 398-405
[63] Friedensarbeitskreis Babelsberg: „Wenn einer zu schweigen beginnt…“, BLHA, Rep. 401 Nr. 23759 Bl. 194
[64] Franz Jahrow: Information des Gen. Meischl, Referent Kirchenfragen Potsdam-Stadt, 21.11.1983, BLHA, Rep. 401 Nr. 23759 Bl. 193
[65] Schwarz: Information von Gen. Meischl, Ref. Kirchenfragen Potsdam-Stadt – 25.11.1983 gegen 11.15 Uhr, BLHA, Rep. 401 Nr. 23680/2, Bl. 327; Information über ein Gespräch mit Generalsuperintendent Bransch am 26.11.1983 vom 28.11.1983 von Manfred Selinger an Herbert Tzschoppe, BLHA, Rep. 401 Nr. 23680/2, Bl. 328 f.; Vier Angehörige von Potsdamer Friedensgruppen verurteilt, in: Süddeutsche Zeitung, 27.3.1984
[66] Information über ein Gespräch mit dem Generalsuperintendenten Bransch am 2.12.1983, 7 Uhr, vom 2.12.1983 von Manfred Selinger an Herbert Tzschoppe, BLHA, Rep. 401 Nr. 23680/2, Bl. 340
[67] Franz Jahrow: Informationen über Erscheinungen „offener Jugendarbeit“ im kirchlichen und diakonischen Bereich, 17.7.1984, BLHA, Rep. 401 Nr. 14854, Bl. 398-405
[68] Rudolf Tschäpe / Hans-Erich Schulz: Das Quadrat war ein Kreis, in: Horch und Guck, 9. Jahrgang, Heft 32, S. 12
[69] Mitglieder des Friedenskreises waren laut Auskunft von Renate Kaula: Hans-Erich Schulz, Gabriele Schulz, Renate Kaula, Dr. Helmut Domke, Dr. Rudolf Tschäpe, Peter Heinrich, Lieselotte Richter, Martin Kwaschik, Bernd Lehmann, Manfred Kruczek, Gottfried Alpermann, Werner Knieß. Gespräch mit Renate Kaula am 12.6.2018; Material des Ministeriums für Staatssicherheit,  Operativer Vorgang „Quadrat“, Sammlung Renate Kaula
[70] Rudolf Tschäpe / Hans-Erich Schulz: Das Quadrat war ein Kreis, in: Horch und Guck, 9. Jahrgang, Heft 32, S. 12; Rainer Eckert: Revolution in Potsdam. Eine Stadt zwischen Lethargie, Revolte und Freiheit (1989/1990), Leipzig 2017, S. 184 f.
[71] Gespräch mit Helmut Domke am 15.5.2018
[72] Stephan Flade: Einladung, 12.6.1985, BLHA, Rep. 401 Nr. 23777/2
[73] Unterzeichnet wurde das Kommunique´ von: Erzpriester Dawydow, Russisch-Orthodoxe Kirche, Dresden, Pfarrer Richard Hough-Ross, UCC, USA, Pfarrer Jean-Jacques Heitz, Protestantischer Kirchenbund, Frankreich, Michael Rose, BCC, Großbritannien, Pfarrer Hartwig Alpermann, Potsdam, Dr. Helmut Domke, Potsdam, Pfarrer Stephan Flade, Potsdam, OKR Christa Grengel, EKU, Berlin, Pfarrer Dietrich Hallmann, Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg, Pfarrer Ulrich Heilmann, Caputh, Martin Killat, Potsdam, Dr. Björn Rugenstein, Potsdam, Pfarrer Ulrich Schulz, Potsdam, Frau Dr. Schröder (Exarchat der Russisch-Orthodioxen Kirche, Berlin-Karlshorst. Manfred Selinger: Information über den Ablauf der Veranstaltungsreihe „Auf dem Weg zu einer Friedensordnung – Christliches Friedenszeugnis 40 Jahre nach dem Potsdamer Abkommen“ in der Zeit vom 27. – 29. Juni 1985 in Potsdam, 1.7.1985, BLHA, Rep. 401 Nr. 23777/2; Lutz Borgmann: Brücken des Friedens bauen, in: Potsdamer Kirche Nr. 29 / 21.7.1985; Kommunique´/Bericht, Sammlung Helmut Domke
[74] Bund der Evangelischen Kirchen der DDR: Information zum Olof-Palme-Friedensmarsch für einen atomwaffenfreien Korridor, September 1987, BLHA, Rep. 401 Nr. 23759 Bl. 45-56
[75] Hans-Erich Schulz: Besser ist sich selber zu bewegen. Der Olof-Palme-Friedensmarsch, in: Sigrid Grabner / Hendrik Röder/ Thomas Wernicke (Hg.): Potsdam 1945 – 1989, Zwischen Anpassung und Aufbegehren, Potsdam 1999, S. 101-103; Vera Wollenberg: Anmerkungen zum Olof-Palme-Marsch, in: Umweltblaetter Nr. 7, 1.10.1987, S. 3 ff., RHG PS 107/17
[76] Schreiben vom 11.9.1987 von Manfred Selinger an Herbert Tzschoppe, BLHA, Rep. 401 Nr. 23759; Manfred Selinger: Information über Tendenzen in der kirchenpolitischen Entwicklung im Bezirk Potsdam (Zeitraum August / September 1987), 6.10.1987, BLHA, Rep. 401 Nr. 23785
[77] Vorschläge für eine Beteiligung christlicher Friedensarbeit am Friedensfest im Rahmen des „Olof-Palme-Marsches für einen kernwaffenfreien Korridor“ in Potsdam am 10.9.1987, ohne Autor und Datum, BLHA, Rep. 401 Nr. 23759 Bl. 27; Schreiben vom 31.8.1987 von Manfred Selinger an Herbert Tzschoppe, BLHA, Rep. 401 Nr. 23759 Bl. 32 f.; Franz Jahrow / Diering: Aktennotiz, 14.8.1987, BLHA, Rep. 401 Nr. 23759 Bl. 46 ff.
[78] Aufruf Pfingstmontag 15.5. „auf dem Weg nach Basel“, BLHA, Rep. 401 Nr. 23680/3, Bl. 389; Schreiben vom 9.5.1989 von Manfred Selinger an Kurt Löffler, BLHA, Rep. 401 Nr. 23785; Reinhard Meinel / Thomas Wernicke: Mit tschekistischem Gruß. Berichte der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Potsdam 1989, Potsdam 1990, S. 67 f.
[79] BStU, BVfS Potsdam AKG 1938, Bl. 0133 f.
[80] Erhard Crome (Hg.): Die Babelsberger Diplomatenschule. Das Institut für internationale Beziehungen der DDR, Potsdam 2009
[81] Wolfgang Kubiczek: Neues Denken  in der außen- und sicherheitspolitischen Forschung der DDR  (1980-1990). Das Institut für internationale Beziehungen, in: Erhard Crome / Lutz Kleinwächter (Hg.): Neues Denken in der DDR. Konzepte zur Sicherheit in Europa in den 1980er Jahren, Potsdam 2014, S. 13-54
[82] Gespräch mit Helmut Domke am 15.5.2018
[83] Beispielsweise fand am 8.7.1989 ein Treffen zwischen Vertretern des Instituts für Internationale Beziehungen und Vertretern der Kirche statt. Ein vergleichbares Treffen hatte schon 1988 stattgefunden. BStU, BVfS Potsdam AKG 1938, Bl. 0048 f.
[84] Rudolf Tschäpe / Hans-Erich Schulz: Das Quadrat war ein Kreis, in: Horch und Guck, 9. Jahrgang, Heft 32, S. 12
[85] Philipp Matthes: David und Goliath: Der Anerkennungslobbyismus der DDR in den USA von 1964 bis 1974, in: Uta A. Balbier / Christiane Rösch (Hg.): Umworbener Klassenfeind. Das Verhältnis der DDR zu den USA, Berlin, Christoph-Links-Verlag, 2006, S. 56 f.
[86] Die Reise fand vom 19. März bis zum 3. April 1988 statt. Die Teilnehmer waren: Helmut Domke, Rudolf Tschäpe, Renate Kaula, Hans-Erich Schulz, Lieselotte Richter (Friedenskreis Potsdam), Barbara Hähnchen (Friedenskreis Pankow), Ernst Dahme (Quäker DDR), Gerhard Vöhringer, Rosemarie Kunert, Edith Schulz, Christa Klitscher, Erich Brockhaus (Friedenskreis Zehlendorf) Stationen waren Philadelphia, Baltimore, Washington, Atlanta, Des Moines. Gespräch mit Renate Kaula am 12.6.2018; Helmut Domke: Bericht zur Reise vom 19.3. bis 3.4.1988 in die USA, veranstaltet durch den AFSC; Renate Kaula: Schritte im konziliaren Prozess, Sammlung Renate Kaula
[87] Gespräch mit Helmut Domke am 15.5.2018
[88] BStU, BVfS Potsdam AKG 1938, Bl. 0134 f.
[89] Rudolf Tschäpe / Hans-Erich Schulz: Das Quadrat war ein Kreis, in: Horch und Guck, 9. Jahrgang, Heft 32, S. 12; BStU, BVfS Potsdam AKG 1938, Bl. 0151-0154
[90] Drehen wir uns im Kreis?, in: Schnell-Info Nr. 1, 25.10.1987 vom ersten Regionaltreffen der Basisgruppen in Berlin-Brandenburg, RHG, PS 094/02
[91] Gespräch mit Renate Kaula am 12.6.2018
[92] Reinhard Meinel / Thomas Wernicke: Mit tschekistischem Gruß. Berichte der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Potsdam 1989, Potsdam 1990, S. 58
[93] ebenda, S. 28
[94] Gespräch mit Helmut Domke am 15.5.2018
[95] Birgit Gericke: Lateinamerika-Arbeitskreis tierra unida e.V. Potsdam – ein Verein stellt sich vor, in: Brandenburger entwicklungspolitische Hefte, Heft 34 (2001), S. 30; Gespräch mit Joachim Briesemann am 16.4.2018
[96] Birgit Gericke: Lateinamerika-Arbeitskreis tierra unida e.V. Potsdam – ein Verein stellt sich vor, in: Brandenburger entwicklungspolitische Hefte, Heft 34 (2001), S. 30
[97] Schreiben vom 25.10.1984 von Hans-Ulrich Schulz an Junge Gemeinden, BLHA, Rep. 401 Nr. 23771
[98] Hans-Ulrich Schulz: Gott spricht spanisch, in: Potsdamer Kirche, Nr. 46, 11.11.1984, Nr. 47, 18.11.1984, Nr. 48, 25.11.1984, Nr. 49, 2.12.1984, Nr. 50, 9.12.1984
[99] „Nord für Süd“, in: Potsdamer Kirche, Nr. 37, 9.9.1984; Birgit Gericke: Lateinamerika-Arbeitskreis tierra unida e.V. Potsdam – ein Verein stellt sich vor, in: Brandenburger entwicklungspolitische Hefte, Heft 34 (2001), S. 31
[100] Was? Wo? Wann?, in: Potsdamer Kirche, Nr. 28, 14.7.1985; Wir leiden mit unseren Schwestern und Brüdern in Nikaragua, in: Potsdamer Kirche, Nr. 29, 21.7.1985
[101]Schreiben vom November 1988 von Joachim Briesemann an Eginhart Schmiechen, Sammlung Joachim Briesemann
[102] Potsdamer Erklärung zur IWF / Weltbankjahrestagung 1988, in: Friedrichsfelder Feuermelder, Juni 1988, S. 7 f., RHG, PS 042/15
[103] Vermerk über ein Gespräch in der Dienststelle des Staatssekretärs für Kirchenfragen am 16.8., 15.00 Uhr bis 16.45 Uhr. In: Umweltblaetter, Nr. 10, Oktober 1988, S. 41 ff., RHG, PS 107/26
[104] Birgit Gericke: Lateinamerika-Arbeitskreis tierra unida e.V. Potsdam – ein Verein stellt sich vor, in: Brandenburger entwicklungspolitische Hefte, Heft 34 (2001), S. 32
[105] Das erste Treffen eines Vorbereitungskreises fand am 3.10.1988 statt. Manfred Gläser / Sigrid Grabner / Michael Kindler: Entscheidung für den Glauben, Potsdamer Katholiken berichten über ihre Erfahrungen im atheistischen Staat DDR 1945-1989, Potsdam 2009, S. 87 f.
[106] Regionales Ökumenisches Forum Potsdam – Flyer, Rep. 401 Nr. 23768; Manfred Gläser / Sigrid Grabner / Michael Kindler: Entscheidung für den Glauben, Potsdamer Katholiken berichten über ihre Erfahrungen im atheistischen Staat DDR 1945-1989, Potsdam 2009, S. 87 f.
[107] Johannes Hempel: Konziliarer Prozess, in: Sekretariat des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR (Hg.): Miteinander leben – Friedensdekade der evang. Kirchen in der DDR, 8.11. – 18.11.1987, 1987, S. 4 f. , BLHA, Rep. 401 Nr. 23768
[108] Geschäftsstelle der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in der DDR (Hg.): Eine Hoffnung lernt gehen – Gerechtigkeit den Menschen, Frieden den Völkern, Befreiung der Schöpfung – Geht mit!, BLHA, Rep. 401 Nr. 14854 Bl. 53
[109] Regionales Ökumenisches Forum Potsdam – Flyer, BLHA, Rep. 401 Nr. 23768; Manfred Gläser / Sigrid Grabner / Michael Kindler: Entscheidung für den Glauben, Potsdamer Katholiken berichten über ihre Erfahrungen im atheistischen Staat DDR 1945-1989, Potsdam 2009, S. 86
[110] Zu dieser Auftaktveranstaltung am 12.11.1988 gibt es unterschiedliche Darstellungen: Laut mehrerer Quellen fand an diesem Tag eine Auftaktveranstaltung unter dem Titel „Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung“ statt. Die Delegierten der Ökumenischen Versammlung Helmut Domke, Wolf-Dieter Graewe und Dr. Köhler referierten. (Schreiben vom 18.11.1988 von Manfred Selinger an Kurt Löffler, BLHA, Rep. 401 Nr. 221487; Friedensdekade 6. – 16.11.1988 Hinweise der ev. Kirche in Potsdam – Flyer, BLHA, Rep. 401 Nr. 23768; Gemeindeinformation Heilig-Kreuz-Gemeinde Potsdam, Nr. 6/88) Laut Aussage von Manfred Kruczek fand dagegen am 12.11.1988 eine Versammlung zum Thema „Mehr Gerechtigkeit in der DDR mit Franz Peter Spiza statt. statt. (Manfred Gläser / Sigrid Grabner / Michael Kindler: Entscheidung für den Glauben, Potsdamer Katholiken berichten über ihre Erfahrungen im atheistischen Staat DDR 1945-1989, Potsdam 2009, S. 88 f.) Möglicherweise fand die Veranstaltung „Mehr Gerechtigkeit in der DDR“ später statt.
[111] Weitere Ökumenische Foren fanden am 16.1.1989, 1.2.1989 und 1.3.1989 statt, BStU, BVfS Potsdam AKG 1938, Bl. 0148. Am 19.4.1989 folgte ein 4. Ökumenisches Forum zu Fragen der Ökologie, BStU, BVfS Potsdam AKG 1938, Bl. 0118 f.. Am 31.5.1989 fand eine Informationsveranstaltung zur Europäischen Ökumenischen Versammlung in Basel (15.5.-21.5.1989) statt, BStU, BVfS Potsdam AKG 1938, Bl. 0070. Am 16.11.1989 folgte ein Forum zum Thema „Frieden und Gerechtigkeit“, Friedensdekade ´89, Flyer, BLHA, Rep. 401 Nr. 23768
[112] Gespräch mit Renate Kaula am 12.6.2018
[113] BStU, BVfS Potsdam AKG 1938, Bl. 0156-0159
[114] Gerlinde Grahn(Hg.): „Wir bleiben hier, gestalten wollen wir“. Der Runde Tisch im Bezirk Potsdam 1989/90 – Forum des politischen Dialogs, Schkeuditz 2006, S. 35 f.
[115] Folgende Sitzungen fanden im Heilig-Kreuz-Haus statt: 1.Sitzung: 20.12.1989, 2.Sitzung: 3.1.1990, 3.Sitzung: 17.1.1990. Gerlinde Grahn(Hg.): „Wir bleiben hier, gestalten wollen wir“. Der Runde Tisch im Bezirk Potsdam 1989/90 – Forum des politischen Dialogs, Schkeuditz 2006, S. 117-126
[116] persönliche Aufzeichnungen Matthias Grünzig

Abkürzungen
BLHA: Brandenburgisches Landeshauptarchiv
BStU: Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik
DStA: Domstiftsarchiv Brandenburg
ELAB: Evangelisches Landeskirchliches Archiv Berlin
LAB: Landesarchiv Berlin
RHG: Robert-Havemann-Gesellschaft, Archiv der DDR-Opposition