„Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?“

Otto Dibelius

Dibelius empfängt Reichskanzler Hindenburg und Staatssekretär Otto Meißner vor seiner Predigt in der Nikolaikirche am Tag von Potsdam

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Generalsuperintendent Otto Dibelius hielt zur Reichstags-Eröffnungsfeier am 21.3.1933 in Potsdam, dem sogenannten „Tag von Potsdam“, die offizielle Predigt in der Nikolaikirche, bevor die tausendköpfige Festgesellschaft zur Garnisonkirche ging, um dort nach einer kurzen Ansprache von Reichspräsident Paul von Hindenburg der Rede Adolf Hitlers beizuwohnen. Die Predigt ist ein bitteres Dokument des moralischen Versagens der evangelischen Kirche. Mit ihr gibt Dibelius der nationalsozialistischen Machtergreifung und der mit dieser einsetzenden Verfolgung von Juden und Andersdenken den kirchlichen Segen. Im Jahr 1933 mehrfach publiziert, ist sie seitdem nicht erschienen. Wir veröffentlichen sie hier erstmal wieder nach 87 Jahren:

Dibelius empfängt Reichskanzler Hindenburg und Staatssekretär Otto Meißner vor seiner Predigt in der Nikolaikirche am Tag von Potsdam (Ausschnitt): Foto: Bundesarchiv

Predigt zur Reichstagseröffnung über Römer 8, Vers 31:

„Ist Gott für uns, wer mag wieder uns sein?“

Über diesen Text D. von Dryander[1] bei der Eröffnung des Deutschen Reichstages am 4. August 1914 gepredigt. Es war ein Tag, an dem das deutsche Volk das Höchste erlebte, was eine Nation überhaupt erleben kann: einen Aufschwung des vaterländischen Gefühls, der alle mit sich fortriss: ein Aufflammen neuen Glaubens in Millionen Herzen; eine heiße Bereitschaft, das eigene Leben zu opfern, damit Deutschland lebe – ein Reich, ein Volk, ein Gott! An einem solchen Tage gemeinsamer Erhebung drängt dies Wort sich auf, dies Wort voll Glaubenstrotz und Siegeszuversicht: Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein? 

Der heutige Tag ist jenem ähnlich, und ist doch wieder anders. Durch Nord und Süd, durch Ost und West geht ein neuer Wille zum deutschen Staat, eine Sehnsucht, nicht länger, um mit Treitschke[2] zu reden, „eine der erhabensten Empfindungen im Leben eines Mannes zu entbehren“, nämlich den begeisterten Aufblick zum eigenen Staat. Noch sind wir nicht wieder ein eigenes Volk. Nein, wir sind es nicht! Das weiß niemand so gut wie die Kirche, die das Evangelium allen Gliedern des Volkes zu bringen hat. Aber das Verlangen ist doch da bei Ungezählten, sich aus Klassenhass und Parteizerklüftung in das zu retten, was uns alle eint: dass wir Deutsche sind! Noch ist der Glaube in deutschen Landen nicht wieder die große, bewegende Kraft, die er einstmals war. Aber eine Bereitschaft zu neuem Glauben ist bei Hunderttausenden da. Vielleicht noch mehr als Bereitschaft! Gustav Schmoller[3] hat einmal gesagt: alle großen Entscheidungen der deutschen Geschichte seien begleitet von einer neuen, tieferen Erfassung unserer evangelisch-protestantischen Grundlagen. Gibt es nicht zu denken, dass der neue Anfang in der politischen Geschichte Deutschlands zusammenfällt mit jenem neuen Ringen um das rechte Verständnis des Evangeliums in unserer Kirche, das wir alle kennen: Wollen Ullrich von Hutten[4] und Martin Luther sich wieder die Hand reichen und das deutsche Volk in neuem Glauben vor Gottes Angesicht stellen?

Ein Reich, ein Volk, ein Gott – ist es noch nicht wieder Erfüllung, so ist es doch Sehnsucht. Vielleicht ist diese Sehnsucht, in anderthalb Jahrzehnten der Not in der Seele angesammelt und jetzt hervor gebrochen, mehr Verheißung hat als die Erfüllung von damals, die aus dem Gewitter des Krieges wie mit einem Schlage entsprang!

Sehnsucht und Erfüllung aber ruhen in derselben Wahrheit des ewigen Gottes. So sei denn der Reichstag von 1933 mit demselben Wort begrüßt wie damals der Reichstag von 1914: Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?

Das Wort kommt aus dem Zentrum evangelischen Glaubens.

Das war es, was Martin Luther in der einsamen Turmstube des Wittenberger Augustinerklosters blitzartig erkannte: Gott ist nicht gegen die Menschen, wie er in jahrelanger Verzweiflung gemeint hatte. Er ist nicht der ewige Fordernde, nie Zufriedengestellte, der mit den Menschen handelt Auge um Auge, Zahn um Zahn. Gott spricht am Kreuz von Golgatha: für euch! Was ich tue und was ich offenbare – es ist für euch!

Das war es, was dem Geschlecht der Freiheitskriege wieder in Flammen aufgegangen war: Gott hat die Welt nicht, wie die Aufklärung meinte, als eine Maschine geschaffen, die er nun ablaufen lässt. Gott handelt!  Er handelt in der Geschichte. Er handelt in jedem Menschenleben. Er ist ein persönlicher Gott – für uns!

Das ist es, was die Menschen unserer Tage wieder anfangen zu begreifen: In der Welt der Religion gelten alle die Tatsachen Gottes, nicht die Einfälle der Menschen. Religionen, die sich die Menschen konstruieren, es seien mystische oder völkische oder zusammengemischte Allerweltsreligionen, sind kraftlose Hirngespinste. Gott handelt. Gott offenbart. Und seine Offenbarung ist Jesus Christus, der gekreuzigt ist für uns!

Das ist die Wahrheit, die unsere Kirche bezeugt.

Diese Wahrheit aber wird nur verstanden, wenn man begreift, dass sie Gnade ist!

Nicht deshalb ist Gott für uns, weil wir darauf einen Anspruch hätten, oder weil es seine Pflicht und Schuldigkeit wäre, die Verdienste eines Volkes zu belohnen. Gott ist für uns – aus unbegreiflicher Gnade!

Freunde, wenn der innere Umschwung im deutschen Volk kommen soll, auf den wir warten, dann muss neben manchem anderen auch der törichte Protest moderner Menschen gegen das Wort Gnade verschwinden. Gnade, so sagen sie, mache knechtische Seelen! Mag sein, dass Gnade, die Menschen üben, Knechte macht. Aber Gnade von Gott? Von dem Apostel an, der von sich sagte: von Gottes Gnaden bin ich, was ich bin! – bis zu den preußischen Königen, die sich Könige „von Gottes Gnaden“ nannten – bis zu Bismarck, der nach der Abendmahls Feier bei seinem 70. Geburtstag dem Geistlichen die Hand reichte mit dem Wort: Ja, es war viel Gnade! – es ist eine einzige Kette von Menschen, die es beweisen: die Gnade Gottes demütigt, aber sie macht Männer! Sie beugt unter das Gericht, aber sie gibt königliche Freiheit, den Menschen und dem Schicksal gegenüber. Aus der Erfahrung der Gnade: Gott ist für uns! steigt die trotzige Siegeszuversicht empor: wer mag wider uns sein! Weil Gott für uns ist, darf der Mensch das Wort sprechen, das ohne diese Tatsache der Gnade Vermessenheit und Frevel wäre: Gott wird mit uns sein!

* * *

Damit aber ist die Losung gegeben, die an einem neuen Abschnitt unserer inneren Geschichte die Herzen erfüllen muss: Mit Gott zu neuer Zukunft!

Ja, mit Gott zu neuer Zukunft! Wir wollen wieder frei werden von dem Geist, der nur das Materielle kennt, der die Wirtschaft für das Schicksal hält, der den Menschen der Maschine unterordnet, der von den Wolkenkratzern Neuyorks bis zu den Kraftwerken Südrusslands nur noch diesen einen Typus des mechanisierten Menschen anerkennen will! Wir wollen wieder sein, wozu Gott uns geschaffen hat. Wir wollen wieder Deutsche sein! Und wir werden es nur sein, wenn der Glaube an Gott, dem Vater unseres Herrn Jesus Christi, der Pulsschlag unseres Lebens wird. Es ist nicht wahr, dass das Evangelium etwas Fremdes in die deutsche Art hineingetragen habe und eine Erlösung von Jesu Christi, statt einer Erlösung durch Jesu Christi nötig sei, damit wir wieder Deutsche werden. Das Gegenteil ist wahr. Erst durch das Evangelium finden die Völker ebenso wie die einzelnen Menschen ihr wahres Selbst. Das Evangelium schablonisiert nicht und nivelliert nicht. Schiller lässt den jungen Piccolomini im jugendlichem Überschwang von seinen fällt Herrn sagen:

Jedwedem zieht er seine Kraft hervor,
die eigentümliche, und zieht sie groß,
lässt jedem ganz das bleiben, was er ist;
er wacht nur drüber, dass er’s immer sei
am rechten Ort; so weiß er allen Menschen
Vermögen zu dem seinigen zu machen.

Genau das ist es, was – freilich auf ganz anderer Ebene – die Menschen zu allen Zeiten an ihrem Herrn Jesus Christus erfahren haben. Das ist es, was die Völker erfahren, wenn sie zum christlichen Glauben kommen: Gott lässt jedes von ihnen ganz das bleiben, was es ist – nur dass sie es jetzt erst in Klarheit und Zucht zu sein vermögen! Deutsche Zukunft ist nur möglich im Glauben an Gott! Das ist es, was wir in dieser Stunde ersehnen: Durch Gottes Gnade ein deutsches Volk!

Mit Gott zu neuer Zukunft! Ein neuer Anfang staatlicher Geschichte steht immer irgendwie im Zeichen der Gewalt. Denn der Staat ist Macht. Neue Entscheidungen, neue Orientierungen, Wandlungen und Umwälzungen bedeuten immer den Sieg des einen über den anderen. Und wenn es um Leben und um Sterbenden der Nation geht, dann muss die staatliche Macht kraftvoll und durchgreifend eingesetzt werden, es sei nach außen oder nach innen.

Wir haben von Dr. Martin Luther gelernt, dass die Kirche der rechtmäßigen staatlichen Gewalt nicht in den Arm fallen darf, wenn sie tut, wozu sie berufen ist. Auch dann nicht, wenn sie hart und rücksichtslos schaltet. Wir kennen die furchtbaren Worte, mit denen Luther im Bauernkrieg die Obrigkeit aufgerufen hat, schonungslos vorzugehen, damit wieder Ordnung in Deutschland werde. Aber wir wissen auch, dass Luther mit demselben Ernst die christliche Obrigkeit aufgerufen hat, ihr gottgewolltes Amt nicht zu verfälschen durch Rachsucht und Dünkel, dass er Gerechtigkeit und Barmherzigkeit gefordert hat, sobald die Ordnung wiederhergestellt war.

Das muss die doppelte Aufgabe der evangelischen Kirche auch in dieser Stunde sein. Wenn der Staat seines Amtes waltet gegen die, die die Grundlagen der staatlichen Ordnung untergraben, gegen die vor allem, die mit ätzendem und gemeinem Wort die Ehe zerstören, den Glauben verächtlich machen, den Tod für das Vaterland begeifern – dann walte er seines Amtes in Gottes Namen! Aber wir wären nicht wert, eine evangelische Kirche zu heißen, wenn wir mit demselben Freimut, mit dem Luther es getan hat, hinzufügen wollten: staatliches Amt darf sich nicht mit persönlicher Willkür vermengen! Ist die Ordnung hergestellt, so müssen Gerechtigkeit und Liebe wieder walten, damit jeder, der ehrlichen Willens ist, seines Volkes froh sein kann. Die beiden Reiche, die Luther so sorgfältig auseinander hielt, das Reich der weltlichen Gewalt und das göttliche Reich der Gnade werden eins in der Person des Christen. Das ist unser heißes Anliegen, dass eine neue deutsche Zukunft heraufgeführt werde von Männern, die aus Dank für Gottes Gnade ihr Leben heiligen in Zucht und Liebe und dass der Geist solcher Männer dann das ganze Volk durchdringe! Herr lass uns wieder werden, was unsere Väter waren: durch Gottes Gnade ein geheiligtes Volk!

Und zum letzten Mal: mit Gottes zu neuer Zukunft! In Millionen von Herzen glüht die Hoffnung, dass diese Zukunft eine Zukunft neuer deutscher Freiheit werde! Noch liegen auf uns die Lasten der Vergangenheit! Noch seufzen Hunderttausende von Brüdern und Schwestern, die Gott zu Gliedern eines freien Volkes berufen hat, unter fremder Knechtschaft. Es ist des deutschen Volkes Schicksal stets gewesen, sich die Freiheit immer aufs Neue erkämpfen zu müssen. Und es hat die Freiheit jedes Mal wieder gewonnen, wenn ein neuer Pulsschlag des Glaubens durch seine Glieder ging. Wer den Tod nicht fürchtet, ist schwer zu erschrecken – das ist ein altes Wort. Wer des ewigen Lebens gewiss ist, weil er erfahren hat, dass Gott für ihn ist – der steht unerschrocken wider alle Feinde, draußen und drinnen. In dem lebt eine Kraft des Sieges. Ein Volk von solchem Glauben beseelt, wird durch Gottes Gnade noch einmal ein freies Volk!

* * *

Das Gotteshaus, in dem wir feiern, ist zweimal geweiht worden. Das erste Mal, als die Mauern standen und ein Notdach sie überdeckte. Das zweite Mal, als die Kuppel gewölbt war, die die Blicke und Herzen gewaltig nach oben zieht.

Das Deutsche Reich ist zum ersten Mal geweiht worden, als vor 62 Jahren die Mauern aufgeführt waren, die Nord und Süd zusammenschlossen. Der zweiten Weihe harren wir entgegen. Das ist heute unser Gebet: dass Gottes Gnadenhand über den Bau des Deutschen Reiches die Kuppel wölbe, die einem deutschen, einem geheiligten, einem freien Volk den Blick für immer nach oben zieht, Deutschland wieder und für immer: ein Reich, ein Volk, ein Gott!

Lass mich’s noch einmal erleben,
Lass mich’s noch einmal, Herr, noch seh’n.
Und dann will ich’s ohne Grämen
Meinen Vätern melden gehn!            Amen

Chor:

Wach auf, wach auf, du deutsches Land, du hast genug geschlafen,
Bedenk, was Gott an dich gewandt, wozu er dich erschaffen.
Bedenk, was Gott dir hat gesandt und dir vertraut, sein höchstes Pfand;
Drum magst du wohl aufwachen!
Du solltest bringen gute Frucht, so du recht gläubig wärest,
In Trieb und Tun, in Scham und Zucht, wie du solch’s selbst begehrest,
In Gottes Furcht dich halten sein und suchen Gottes Ehr allein,
Dass du niemand beschwerest.

(Johann Walter, … 1570)

[…]

Otto Dibelius, ca. 1930. Foto: Bundesarchiv
Otto Dibelius, ca. 1930. Foto: Bundesarchiv

Otto Dibelius (1880- 1967), in der Weimarer Republik Mitglied der Deutschen Nationalen Volkspartei, bekennender Antidemokrat und Antisemit hatte gegen innerkirchliche Widerstände durchgesetzt, dass die Garnisonkirche Ort des Festaktes für den Tag von Potsdam wurde. Zwei Woche zuvor schrieb er begeistert: “Der Gedanke, den neuen Reichstag in Potsdam, über dem Grab Friedrichs des Großen, zu eröffnen, hat einen lauten Widerhall gefunden. 1848 die Paulskirche, 1919 das Theater in Weimar, 1933 die Garnisonkirche in Potsdam – solche Symbole prägen sich dem Gedächtnis eines Volkes tiefer ein als alle Reden. Sie stellen einen neuen Abschnitt in der Geschichte in ein bestimmtes Zeichen.“[5] Im Mai 1933 kam es zu einem Zerwürfnis zwischen Dibelius und den Nationalsozialisten, weil er sich für die Autonomie der Institution Kirche einsetzte. Er schloss sich der Bekennenden Kirche an und machte nach 1945 erneut Karriere in der evangelischen Kirche Westdeutschlands, von 1949 bis 1961 war er Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche. Gegenüber Juden behielt er zeitlebens seine Vorbehalte und hatte sich auch nie gegen ihre Verfolgung und Ermordung in der NS-Zeit gewandt.

Anmerkungen

[1] Oberhofprediger Ernst Dryander
[2] Heinrich von Treitschke, deutscher Historiker (1834 – 1896), Autor der fünfbändigen „Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert“, Antisemit, Mitglied des Reichstags von 1871 bis 1884
[3] Vermutlich Gustav von Schmoller (Ökonom) (1838–1917), deutscher Sozialwissenschaftler
[4] Ulrich von Hutten (1488 – 1523) war Kirchenkritiker, Humanist, Dichter und Publizist.
[5] Otto Dibelius: Sonntagsspiegel, in: Der Tag, 5.3.1933. Siehe hierzu Matthias Grünzig, Für Deutschtum und Vaterland: die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert, 1. Auflage (Berlin: Metropol, 2017).S. 151 – 166.

Online seit: 25. Juni 2020

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5 Kommentare zu “„Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?“

  1. Guten Tag,
    danke für den vollständigen „Abdruck“ der Predigt – ich hatte sie gesucht! Es fehlen jedoch einige Fakten zum Prediger, und dadurch wird das Bild schief: Dibelius war zwar zeitlebens Antisemit und hat angesichts seiner antibolschewistischen Paranoia die Prioritäten sowohl vor als auch nach 1945 falsch gesetzt, aber er hat auch jüdischstämmigen Menschen im „Dritten Reich“ geholfen und gegen die „Deutschen Christen“ gekämpft. Er hatte sogar eine Schrift verfasst, in der er die Wehrdienstverweigerung aus Gewissensgründen verteidigte. Und: „Zerwürfnis“ mit den Nationalsozialisten ist arg harmlos ausgedrückt. Dibelius wurde verhaftet (konnte jedoch das Gericht überzeugen), erhielt reichsweit Redeverbot und war bis zum Schluss „beurlaubt“. Dann, 1945ff., hat er allerdings sich unter anderem für die Begnadigung von NS-Verbrechern, als CDU-Mitglied für die Atombombe und für die Wiederbewaffnung eingesetzt und die Demokratie wohl bis zuletzt nicht wirklich innerlich angenommen. Die ganze Ambivalenz eines Menschen, der von Kindheit an die nationalprotestantische Ideologe eingeflößt bekam (und sie als Erwachsener selbst weiterreichte) ist jedoch in einem In-Bausch-und-Bogen-Verdammen-von-heute-aus nicht zu erfassen. Ich finde, man macht es sich damit zu leicht. Wenn man verstehen will, wie der Holocaust passieren konnte, greift das zu kurz. Man kann, wenn man genau liest, die Ambivalenz auch in dieser Predigt entziffern: Den Nazis hat sicherlich wenig gefallen, dass Dibelius vor“persönlicher Willkür“ warnte oder“Rachsucht und Dünkel“ ächtete, auch wenn er natürlich die „Ordnung“ verherrlichte und, wie so viele Protestanten 1933 (manche brauchten Jahre dafür, andere haben es gar nicht verstanden) überhaupt nicht überblickt hat, was die „Machtergreifung“ WIKRLICH bedeutete. Ich nehme ihm erstmal ab, dass er tatsächlich glaubte, was er predigte: eine neue Zeit, neue Begeisterung für die Kirche, ein neues Deutschland. Dass diese Begeisterung direkt in den Holocaust führte, konnte er nicht wissen – hätte er aber nach 1945 problematisieren müssen wie seine ganze ideologische Verstrickung. Aber bitte: Wer wäre frei von Ideologie? Wer könnte sicher sein, wie er, umgeben von der damaligen herrschenden Ideologie, 1919ff. gedacht, gefühlt, entschieden hätte? Die meisten halten den Mund und ducken sich weg. Das hat Dibelius nicht getan, auch wenn man ihn politisch noch so fragwürdig findet (und auch finden muss).

  2. Liebe Frau Körting,
    herzlichen Dank für Ihren Kommentar. Es ist sicherlich in Zusammenhang mit der Debatte um die Garnisonkirche relevant, sich noch intensiver mit der Person Otto Dibelius zu befassen. Gestern war ich im Evangelischen Krichenarchiv und hatte einige Unterlagen angeschaut. Nach seiner Zwangspensionierung zum 1.1.1934 war er dann auf eigenen Wunsch zunächst für die deutsche evangelischen Kirche im Ausland im Pfarramt von San Remo tätig und nach seiner Rückkehr nahm er verschiedene kirchliche Funktionen wahr. Ein (Ruhe)gehalt erhielt er die ganze Zeit. Er war kein Verfolgter des NS-Regimes und auch nicht im Widerstand, musste aber große Beschneidungen seiner beruflichen Möglichkeiten hinnehmen. Von einer Verhaftung weiß ich bislang nichts, und auch nicht von einem Text zur Wehrdienstverweigerung. Für genauere Angaben und Quellen hierzu wäre ich Ihnen dankbar.
    Mir sind die Verweise auf die Ambivalenzen in der Predigt zum Tag von Postdam bekannt. Es ist völlig richtig, dass er sich nicht willenlos dem NS-Regime unterwarf, sondern sich für eine Eigenständigkeit der Kirche eintrat. Zugleich aber hieß er die Machtergreifung willkommen, befürworte die zeitweilige Aufhebung des Rechtsstaates zur Verfolgung der Regimegegner. Bereits während der Weimarer Republik hatte Dibelius als leitender Kirchenfunktioär gegen Juden, Sozialisten , Kommunisten, Polen, Franzosen u.a. agitiert und das Ende der Demokratie herbeigesehnt. Und das ist für mich im Fazit ohne Einschränkungen ein moralisches Versagen. Dass er den Holcaust nicht voraussehen konnte, ist richtig. Aber den Judenhass und den Hass auf Andersdenkende und andere Völker hat Dibelius mit seinen Reden schon vor der Machtergreifung unterstützt. Es war klar, dass die „neue Zeit, neue Begeisterung für die Kirche, ein neues Deutschland“ einherging mit der Ausgrenzung und Verfolgung anderer. Das KZ Nora bei Weimar wurde am 3.3.1933 eingerichtet, das KZ Dachau am 13.3.1933 und das KZ Oranienburg am „Tag von Postdam“, dem 21.3.1933. Weder die bekennende Kirche noch Otto Dieblius haben sich übrigens jemals klar gegen die Judenverfolgung ausgesprochen. Dibelius hat mutige Worte für die Verteidigung seiner Institution Kriche gefunden, aber er hat geschwiegen zum Holocaust, zu den Kriegssverbrechen und vielem anderen. Auch nach 1945 behielt Dibelius seien Vorbehalte gegenüber Juden bei, kritisierte die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse, die Oder-Neiße-Grenze und verweigerte die Kooperation mit den Alierten bei der Entnazifizierung und stellte NS-Belastete in der Kirche ein. Es tut mir leid, aber dies alles ist für mich ein moralisches Versagen und nicht lediglich ein „falsches Setzen von Prioritäten“. Es wäre dringend nötig, dass sich die evangelische Kirche Deustchlands sich mit ihrem langjährigen Ratsvorsitzenden kritisch auseinandersetzt. Wie man sich selber in solchen Situationen verhält, lässt sich nicht zuverlässig sagen, bevor man dies durchlebt habt. Aber dies ist für mich kein Argument, den moralischen Anspruch an sich und andere deswegen zu relativieren. Wenn man so argumentiert, hat man die Idee von ethischem Handeln schon ganz aufgegeben. Es gab damals sehr viele Menschen, die die Machtergreifung des NS-Regimes nicht bejubelt haben und auch duchaus einige, die sich dem widersetzt haben. Diese sollten für uns Maßstab sein.

    1. Herr Oswalt, da bin ich völlig bei Ihnen. Dibelius war kein Widerstandskämpfer! Umso grotesker ist, wie er und die gesamte Kirchenführung nach 1945 die Kirche als Widerstandskirche verkauften. Umso wichtiger ist es doch aber, selbst nicht einseitig zu schauen. Wer moralisches Versagen vorwirft, sollte die gesamte Person sehen, um nicht wieder neue Helden-(oder Schurken-)Legenden aufbauen, finde ich. Ein NIE WIEDER funktioniert nicht mit Empörung allein, sondern beginnt m. E. mit der Einsicht in das Funktionieren innerhalb von Strukturen, damit meine ich auch Denk-Strukturen. Die Prägung spielt eine große Rolle. Man könnte auch argumentieren – ich weiß nicht, ob ich das tun würde -, dass der Weg, den Dibelius ging, aus seiner Prägung heraus ein durchaus mutiger, schwieriger war – nicht der des geringsten Widerstandes. Da gab es ganz andere Theologen… Und er selbst hat sich mit dem erlernten Antisemitismus zwar nie auseinandergesetzt, ihn aber auch nicht verhehlt. Wie ist das heute? Wie viele von den Heutigen sind weiterhin mangels Auseinandersetzung mit jahrhundertealten Stereotypen antisemitisch? Doch sie tuschen es weg, und an anderer Stelle kommt es übel hervor und stinkt… Aber das ist ein weites Feld…
      Dass Dibelius das Bundesverdienstkreuz erhielt, ist, gelinde gesagt, erstaunlich. Die gesamte Nachkriegszeit ist aus meiner Sicht ein Skandal, was den Umgang mit der NS-Zeit betrifft – auch in der Kirche, und zwar links der Elbe wie rechts der Elbe, wenn auch in jeweils anderer Weise unter anderen Vorgaben: Verdrängung war in beiden besetzten Gebieten und später Staaten offenbar oberstes Gebot. Auf diesem Boden ist das Land und sein Wirtschaftswunder gebaut, indem ich profitiere. Noch 2005 wurde in Berlin eine Straße nach Dibelius benannt. Dass die Kirche leider immer noch nicht ausreichend sich ihrer eigenen Vergangenheit stellt, sollte nicht dazu verleiten, selbst auf dem anderen Auge sich blind zu machen, sondern ausgewogen zu schauen, auch wenn ein Empörungsreflex aus heutiger Sicht naheliegt. Ich finde nicht, dass man diesen Reflex bedienen darf und versuche selbst, das zu vermeiden.
      Nicht dabei gewesen zu sein, ist natürlich kein Grund, keine Meinung zu haben, aber man sollte für deren Bildung nicht nur berücksichtigen, was in die eigene Empörung und Ideologie passt. (Wer da ohne Ideologie ist, werfe den ersten Stein…) Ein ausgewogenes Bild ist in diesem Fall – Kirche, „Kirchenkampf“ etc. – allerdings noch schwieriger, denke ich, als in anderen, weil Theologie dazu kommt und weil schon – auf so vielen Seiten! – so viel gelogen wurde.
      Zur Wehrdienstverweigerung: Otto Dibelius hat nicht dazu aufgerufen, aber einen kirchlichen Schutz aus Gewissensgründen für Wehrdienstverweigerer gefordert. Das war 1930: „Dann wird die Kirche die einzige Macht auf Erden sein, die sie eintritt. Wie der Bischof von London und der Bischof von Durham die englischen Conscientious Objectors eingetreten sind, so werden auch die deutschen Generalsuperintendenten und Landesbischöfe für die Glieder ihrer Kirche eintreten, die nichts weiter wollen, als Gott gehorsam sein. Und Schande über sie, wenn sie es nicht tun!“ (Otto Dibelius: Friede auf Erden?, Berlin 1930; ich könnte es Ihnen gerne leihen/schicken, Sie finden ja meine Email im System?). Die Nazis haben ihm das dann wohl auch zum Vorwurf gemacht. Er hat das 1951, obwohl er sich als CDU-Mitglied für die „Wiederbewaffnung“ einsetzte, wiederholt „Über diese christlichen Pazifisten wird die Kirche ihre Hände halten. Auch wenn sie ihre Stellungnahme nicht billigt. Denn noch einmal: Kein Staat hat das Recht, das Gewissen eines Menschen zu vergewaltigen. Was aus dem Glauben geht, hat höheres Recht als alle staatlichen Ordnungen und Gesetzte. Es mag falsch sein, aber es hat sein Recht. Die Kirche kann da nichts tadeln, geschweige denn verbieten. Sie kann nur sagen: Geht den Weg, den ihr gehen müsst! Geht ihn in Gottes Namen! Der Weg wird schwer genug sein!“ (in: Christ und Welt vom 25.10.1951)
      Dibelius war vieles, aber kein Duckmäuser, kein Mitläufer, kein Opportunist und auch kein Nazi, sondern ein auf seine Art konsequenter, antisemitischer, auch rassistischer – gewiss stockkonservativer (wo nicht reaktionärer), hartnäckiger, taktisch agierender, episkopaler – Theologe und Kirchenbeamter, der für eine Mehrheit der evangelischen Christen sprach. Er war DNVP-Mitglied und hat zunächst die NS-Herrschfat begrüßt, das ja. Als er seines Amtes enthoben wurde, schrieb er an den zuständigen NS-Mann Jäger aber auch Dinge wie „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Das war mutig
      Zur Haft: 1937 schrieb Dibelius einen offenen Brief an Reichsminister Kerrl, um Jesu Gottessohnschaft zu bezeugen. In diesem Brief stand zwar u. A. „Auch der Staat Adolf Hitlers kann sich auf die Einsatzbereitschaft der evangelischen Christen verlassen“. Aber Kerrl leitete ein Verfahren gegen Dibelius ein („Heimtückegesetz“). Er habe „vorsätzlich und öffentlich unwahre Behauptungen tatsächlicher Art aufgestellt, die geeignet waren, das Ansehen der Reichsregierung und das Wohl des Reiches schwer zu schädigen“. Am 2. August 1937 wird Dibelius verhaftet. Das Gericht spricht ihn jedoch, warum auch immer, frei. Anscheinend starb der Vorsitzende Richter Wesenberg, der sein Amt danach verlor, kurz nach dem Prozess mit einem Nervenzusammenbruch. Wie viele Tage Dibelius im Gefängnis saß, habe ich noch nicht herausgefunden. In der ihrerseits von Kalter-Kriegs-Propaganda durchzogenen Dokumentensammlung „Hier spricht Dibelius“(Berlin 1960) wird dieser Prozess wie folgt etikettiert: „Die nazistische Haltung des Otto Dibelius ist also auch von einem faschistischen Sondergericht bestätigt!“ Das ist genau die einseitige Sicht, die nicht weiterhilft. Und da dies hier ja eine Lernplattform sein will, dachte ich, ich sage mal etwa dazu. Mir liegt daran, dass man die eigene ideologische Bedingtheit (auch bei der Betrachtung und ggf. „Bewertung“ von historischen Personen) mitdenkt, auch wenn man, so wie ich, einen wie Otto Dibelius – vermutlich furchtbar gefunden hätte…

      1. Ich denke, wir sollten diese Diskussion mal im persönlichen Gespräch fortsetzen. Dibelius war kein Nationaloszialist , aber er war rechtsextrem, da er sich gegen die Weimarer Verfassung wendete und den Verfassungbruch begrüßte. Und für mich ist dies, zudem verbunden mit seinem Antisemitismus, bezogen auf seine Predigt am 21.3.1933 ganz klar ein moralisches Versagen. Es ist zudem auch ein moralisches Versagen, dass er dazu nach 1945 soweit mir bekannt nie klare Worte finden konnte. Hat er jemals Reue gezeigt? Ist es nicht dreist, nach dieser Geschichte dann noch meinen zu müssen, auch für die Konstituierung des Bundestags predigen zu können? Hätte er dies nicht einer unbeschädigten Figur überlassen müssen? Wäre es Mönch in eine Kloster geworden – Resepekt. Aber wieder als Kirchenführer aufzutreten nach allem, da hat er, so meine ich, nichts verstanden. Nichts von dem, worauf es ankommt.
        Das er mutig für seine Institution Kirche eintrat und sein Verständnis des Glaubens vertrat, bestreite ich nicht, aber hebt es nicht auf. Ich denke, dieser letzte Punkt ist die Differenz in unserer Bewertung. Aber wie gesagt: am besten mal ein Gespräch.

        1. Sie können meine Email gern in Ihren Newsletter/Veranstaltungsverteiler aufnehmen, dann ergibt sich vielleicht die Gelegenheit. Ich denke nicht, dass wir so weit auseinander liegen – und wenn, wäre es auch in Ordnung unter Demokraten 😉 Und natürlich müssen sich gerade Kirchenleute, die eine Moralhoheit beanspruchen, nach Moral fragen lassen. Wie sie diese Moralhoheit nach 1945 überhaupt beanspruchen konnten, ist mir schleierhaft. Ich denke, schon daher rührt der Glaubwürdigkeitsverlust der Kirche, auch wenn es zunächst gutzugehen schien. Bei Dibelius finde ich am schlimmsten, dass er – zumindest habe ich noch nichts gefunden – KEIN WORT gegenüber den Kommunisten gefunden hat, sondern weiter sein Feindbild propagiert hat. Er hatte Thälmann 1933 im KZ besucht und, als er den Judenboykott verteidigt hat, behauptet, es sei alles in Ordnung. Auch beim Judenboykott sei ALLES IN ORDNUNG. Überhaupt sollte ja hauptsächlich alles ORDENTLICH sein. Und ordentlich war der Nationalsozialismus in der Tat, Zucht, Sitte, Ordnung, Sauberkeit, Disziplin bis zum Erbrechen.
          Dibelius ist nach 1945 einfach darüber hinweg gegangen (wie über so vieles, und wie so viele). Dass er sich dann an die Spitze zunächst der Landeskirche, dann auch der gesamten EKD gestellt hat, ist zweifelhaft wie der Umgang der gesamten Kirche mit ihrer „Belastetheit“. Allerdings: Es gab kaum eine „unbeschädigte“ Figur. Niemöller wäre wohl moralisch geeigneter gewesen, aber „unbeschädigt“ war auch er nicht. Und diejenigen, die selbstkritischer dachten, schoben sich eher selten in die erste Reihe, in die Würdenämter – das ist wohl heute nicht anders. Dennoch wäre ich vorsichtig mit dem Begriff „rechtsextrem“ – das trifft es m. E. nicht, auch wenn es inhaltlich zutreffen mag. In einem Land, in einer Diktatur, in dem das „Rechtsextreme“ an der Macht ist, verliert der Begriff seine Realität, weil das Extreme das Normale ist. Und nach 1945 war Dibelius ja kein Revisionist, oder? Er machte sich nicht für rechtsextreme Parteien stark, sondern für die CDU (in der, zugegeben, allerlei „Belastete“ unterkrochen, die aber zur Zeit der Gründung weiter „links“ stand als heute die SPD).
          Vielleicht gibt es irgendwann Gelegenheit, das Thema persönlich zu vertiefen. Bis dahin wünsche ich einen sonnigen klimafreundlichen Sommer!