Geliebtes Bild – ungeliebtes Erbe. Potsdam zwischen Barock und Nachkriegsmoderne

Frauke Röth

Kopfbau Langer Stall - mehr Schein als Sein

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„Potsdams Historie bietet durch die zahlreichen Parks einen ruhigen Kontrapunkt zum lebendigen Alltag der Stadt. Nur selten vereinen sich Natur und Wasser so unmittelbar mit den Vorzügen einer städtischen Infrastruktur. Vom Stadtschloss über die Nikolaikirche bis hin zur Freundschaftsinsel (…), die Potsdamer Mitte befindet sich direkt in Sichtweite. Im Neuen Garten um den Heiligen See erstrahlt Preußens Glanz und Gloria, während auf der gegenüberliegenden Uferseite Prominente wie Günther Jauch oder Wolfgang Joop ihre Villen bezogen haben. (…) Gelegen in einem urbanen Umfeld und unmittelbarer Nachbarschaft zu Potsdams Leitbauten, wie dem Stadtschloss oder dem Palais Barberini an der „Alten Fahrt“, schaffen wir für Sie einen ruhigen, grünen Platz zum Leben.“ http://www.lumeacht.de/standort/

Preußen, Barock, Sanssouci, Joop und Jauch sind typische Schlagworte, die vielen einfallen, wenn sie an Potsdam denken. Die Assoziationen zur Landeshauptstadt Brandenburgs sind, wie die obige Immobilienwerbung illustriert, oft einseitig und verweisen zum einen auf die touristischen Attraktionen und zum anderen auf die lokale Prominenz der Stadt. Die Selbstdarstellung als ruhige Stadt im Grünen, die Betonung der repräsentativen Gebäude wie auch der Hinweis auf Preußens Glanz und Gloria haben Tradition. Sie sind als repräsentative Aufgaben einer Stadt zu verstehen, die lange Zeit Residenz der Hohenzollerndynastie war.

Mitte des 17. Jahrhunderts beginnt die Geschichte Potsdams als eine der wichtigsten Städte des Königs- und Kaiserreichs Preußen. Potsdam wurde aufgrund seiner Lage an der Havel, wegen seiner geografischen Nähe zu Berlin und der reizvoll lieblichen Landschaft am Wasser als Residenzstadt ausgewählt. Von nun an entwickelte sich die Stadt baulich zur Präsentationsstadt: Die Preußenkönige Friedrich II. (Spätbarock, Neopalladianismus), Friedrich Wilhelm III. (Klassizismus, Spätklassizismus, Neobarock) und Friedrich Wilhelm VI. (Historismus, Neoromantik) waren es, die Potsdams Stadtbild prägten. Ihre architektonischen Vorlieben glichen sich darin, Landschaft und Architektur zu verbinden. Daher entstanden unzählige Schlösser, die oft in besondere Parklandschaften wie den Schlosspark Sanssouci oder den Babelsberger Park eingebettet wurden.

Besondere Kontinuität zeigt sich in der Potsdamer Baugeschichte auch hinsichtlich der Relevanz und Überordnung der Fassaden und der Bevorzugung der architektonischen Außenwirkung gegenüber der Funktionalität von Architektur. Es handelt sich hier um eine Tradition, die sich bis in die Gegenwart hinein zum Ausdruck bringt. Viele historische Bürgerhäuser und das Potsdamer Rathaus sind durch das Geld und Engagement des Königs entstanden. Das hohe Selbstbewusstsein und der Repräsentationswille des Bürgertums, der üblicherweise Ausgangspunkt für den Bau der Bürgerhäuser ist, waren in Potsdam nicht ausschlaggebend für die historische Stadtentwicklung. Denn das Potsdamer Bürgertum litt über lange Zeiträume unter großer Armut. Die aufwendigen Fassaden der sogenannten Bürgerhäuser wurden durch den König mitfinanziert und den einfachen Häusern vorgeblendet. Den Bewohnern fehlten oft die Mittel, die Räume zu beheizen und zu nutzen. Repräsentative Fassaden und Gebäude, die eine Gesellschaft vortäuschten, die sie nicht einlösen konnten und die für Funktionen entworfen wurden, welche den Nutzungen und Anforderungen nicht entsprachen, prägen seither das Potsdamer Stadtbild.(HAHN 2003: 65,67ff)

Zur Kontinuität der Potsdamer Militärgeschichte

Neben der Fassadenarchitektur hat auch die Militärgeschichte Preußens eine wesentliche Bedeutung für Potsdams Stadtentwicklung. Mit Friedrich Wilhelm I., der im Jahr 1713 gekrönt und als Soldatenkönig bekannt wurde, begann die bis heute andauernde Geschichte Potsdams als bedeutender Militärstandort. Für die Bevölkerung der Stadt stellte die Militärpolitik, auch der nachfolgenden Herrscher, eine große Belastung dar, musste sie doch lange Zeit die Soldaten ernähren und beherbergen, oft ohne Entschädigungen dafür zu erhalten. „Darüber hinaus führte „die Militarisierung der Zivilgesellschaft zu einer willkürlichen und kaum regulierten Beherrschung der Garnisonstädte durch die Armee, was eine Stimmung der Passivität in den Reihen der Bürger und Magistrate begünstigte.“ (Clark 2007:185) Das Stadtbild wurde baulich unter anderem durch die Garnisonkirche, das Militärwaisenhaus und später durch eine Vielzahl von Kasernenbauten geprägt.

Auch für die Nationalsozialisten spielte Potsdam als repräsentative Garnisonstadt eine bedeutende Rolle. Unter anderem mit dem von Goebbels geplanten „Tag von Potsdam“ am 21. März 1933, an dem sich Hitler und Hindenburg vor der Garnisonkirche die Hand gaben, stellten sich die gerade an die Macht gekommenen Nationalsozialisten in die Tradition Preußens. Im Zusammenhang mit Potsdams militärgeschichtlicher Tradition ist auch an die Potsdamer Konferenz von 1945 zu erinnern, auf der die Alliierten über die politische Neuordnung und Entmilitarisierung Deutschlands berieten. Trotzdem ist Potsdam bis heute als militärischer Standort von großer Bedeutung.

Wiederaufbau in der DDR

Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war, gerade in einer Stadt wie Potsdam, stark geprägt vom Wunsch des Neubeginns und der Distanzierung von der jüngsten Geschichte. So beschreibt der Potsdamer Architekturführer von 1981 die Entwicklung der Stadt: „Die politische Neuordnung (…) eröffnete von Anfang an dem Städtebau in Potsdam neue Möglichkeiten; aus der Residenz- und Garnisonstadt des preußisch-deutschen Militarismus entstand bald nach Gründung der DDR eine sozialistische Bezirksstadt. (…) Ziel aller städtebaulichen und architektonischen Maßnahmen der Gegenwart muß es sein, das aus der Vergangenheit überkommene lebendige Stadtbild zu bereichern und gleichzeitig die Lebensbedingungen in Potsdam den sich ständig ändernden, weiterentwickelnden Bedürfnissen der Werktätigen anzupassen.“ (BARTMANN-KOMPA u.a.1982:14)

Planung der zu erhaltenden Bauwerke, Stand 1948, gut erkennbar ist die angedachte Verkehrsführung über die Lange Brücke

Die Zerstörungen im Zuge des Zweiten Weltkriegs eröffneten den Stadtplanern der Nachkriegszeit die Möglichkeit, die damals unhygienischen und ungeliebten ärmlichen Innenstadtarchitekturen vergangener Jahrhunderte zu beseitigen und die Utopien und  Ideale einer zukunftsweisenden Moderne umzusetzen, die sich erstmals an den „Bedürfnissen der Werktätigen“ orientieren sollte. In Potsdam gab es darüber hinaus einen großen Willen, sich der Symbole der monarchischen Macht Preußens und des Militarismus zu entledigen. (BARTMANN-KOMPA u.a.1982:14)

Ganz einfach machte man sich diese Entscheidungen nicht. Ganze Häuserzeilen wurden in den 50er Jahren wieder aufgebaut, so entstand unter anderem 1958 die erste „Barockstraße der DDR“ im Herzen Potsdams. (GLOBISCH 1991:2571) Erst im Jahr 1959 fiel die Entscheidung, die stark zerstörte Ruine des Stadtschlosses zu sprengen, nachdem man 1955 den Beschluss fasste, die Lange Brücke autogerecht wiederaufzubauen, um eine moderne Stadt für die Bewohner Potsdams zu planen. Das Stadtschloss stand genau in der Verlängerung der Langen Brücke, weshalb die Ruine des Stadtschlosses mit seiner international beachteten Knobelsdorff-Fassade unter großem Protest von Architekten und Kulturschaffenden abgebrochen wurde. (HAHN 2003:144f)

Auch der „Bedarf an schnell zu errichtenden Wohnraum war groß. Wie in vielen Städten der DDR, fielen auch in Potsdam die Entscheidungen oftmals gegen den Erhalt von Altbauten, für deren Abriss und die Errichtung schnellbaubarer Plattenbauten.“  (WUNNICKE 2014:236)

So entstanden in der Potsdamer Innenstadt, neben vielen Typenbauten unter anderem das markante „Haus des Reisens“ (1969) und das Wohnhaus am Staudenhof (1972). Beide sind besondere Wohngebäude die mit ihren gleichartigen Formen und Wiederholungen den architektonischen Idealen der Zeit entsprachen und die Utopie von sozialer Gleichberechtigung, Egalität und der Herrschaft der Masse widerspiegeln.

Eine neue Vision für Potsdam, Perspektive eines Entwurfs von H.-J. Kluge 1966

Diese neue effiziente Bauart wurde den Anforderungen der Zeit am besten gerecht. Viele Wohnungen ließen sich preiswert und schnell, mit hohen Standards und in großen Mengen bauen. Sie halfen, die Wohnungsnot zu lindern und zeitgemäßen Wohnansprüchen zu entsprechen. Bis 1989 konnte man der Nachfrage an Wohnraum nicht gebührend nachkommen und hatte kaum Kapazitäten, bauliche Ansprüche anderer Art zu befriedigen. Hatte man bis in die 70er Jahre noch viele historische Fassaden der Potsdamer Innenstadt rekonstruiert, so konnte man „auf Grund fehlender Materialien, Gelder und Baukapazitäten nur einen Teil ihrer Objekte erhalten (…) und (…) kämpfte (…) mit der historischen Bausubstanz.“ (WUNNICKE 2014: 236)

Ende der 80er Jahre hätten mit einer anderen Politik auch hunderte, alte innerstädtische, dem Verfall preisgegebene Wohnhäuser saniert werden können, um den Wohnraum weiterhin zu nutzen. Man entschied aber pragmatisch für den Abriss und den Neubau. (GLOBISCH 1991:2572)

Dieser Pragmatismus dürfte auch bei der Entscheidung zum  Abbruch der Ruine der Garnisonkirche entscheidend gewesen sein, deren geplanter Wiederaufbau heute heftige Diskussionen provoziert. Wegen fehlenden Baumaterials und fehlender finanzieller Mittel und insbesondere angesichts der Rekonstruktion der nahe gelegenen Nikolaikirche, stellte sich die Frage, ob Bedarf an zwei Kirchen vorhanden sei und ob beide Kirchen rekonstruiert werden könnten. Gegen den Erhalt der Garnisonkirche sprach zudem, dass die Militärgemeinde, der Hauptnutzer der Kirche, mit der Kapitulation der Wehrmacht aufgelöst worden war. Die evangelische Kirche selbst verzichtete auf den Wiederaufbau der Nikolaikirche, da Großkirchen nicht den zeitgemäßen Nutzungsanforderungen entsprachen. Der Rat des Bezirkes Potsdam sprach sich 1966 für die Rekonstruktion der Nikolaikirche und  eine Spendenaktion unter dem Titel „Potsdam – Stadt des kirchlichen Wiederaufbaus“ aus. (GRÜNZIG 2014) Der formulierte Anspruch für die Umgebung der wiederaufgebauten Gebäude war, dass die Neubauten sich in die „Komposition der Gesamtstadt“ eingliedern, der neuen Gesellschaft dienen, sie darstellen und gleichzeitig den Ansprüchen kommender Generationen Spielraum lassen. (BARTMANN-KOMPA u.a.1982:15)

Wendezeit – ARGUS und AG Pfingstberg

Umwelt- und Denkmalschutz waren sehr kritische Themen zur Zeit des DDR-Regimes. In der gesamten Republik formierte sich in den späten 80er Jahren politischer Widerstand, der Stellung nahm zu Fragen des Umwelt- und Denkmalschutzes und der beklagte, dass eine offene und befriedigende Auseinandersetzung zu diesen Themen ausblieb. Vor allem der Verfall innerstädtischer Gebäude und der Abriss historischer Bauten rief auch in Potsdam engagierte BürgerInnen auf den Plan. Die Würdigung und der Erhalt der baulichen Zeugen der Zeit vor der Kriegszerstörung wurden von vielen BürgerInnen eingefordert, von großen Teilen der DDR-Führung jedoch abgelehnt. Eine offene Diskussion fand nicht statt. Im November 1987 fasste die Stadtverordnetenversammlung Potsdams den Beschluss zur „Rekonstruktion der Innenstadt“, woraufhin viele Abrisse folgen sollten.

Über die Geschichte der einzelnen Gebäude hinaus gehörten diese vom Abriss bedrohten Architekturen zum Potsdamer Stadtbild. Viele Potsdamer identifizierten sich mit den historischen Gebäuden und der Stadtstruktur und so suchten sie sich einen eigenen Weg, die Abrisspläne in die Diskussion zu bringen und zu verhindern.

1988 gründete sich beispielsweise die Stadtökologiegruppe ARGUS (Arbeitsgemeinschaft Umweltschutz und Stadtgestaltung) in Potsdam. Die AktivistInnen der Gruppe setzten sich vor allem gegen den Abriss und für den Erhalt der historischen Bausubstanz Potsdams ein. Sie verfolgten aber auch ausdrücklich politische Ziele. Nicht zuletzt deshalb wurden die Mitglieder der Gruppe politischen Repressalien ausgesetzt. ARGUS wurde wie viele andere Stadtökologiegruppen durch das MfS überwacht. Ähnlich erging es den Mitgliedern der AG Pfingstberg, die sich ebenfalls im Jahr 1988 gegründet hatte.

Die AG Pfingstberg setzte sich für den Park am Pfingstberg ein. Hier hatte Friedrich Wilhelm der IV. 1863 das Belvedere errichten und die Umgebung von Peter Joseph Lenné, dem königlich-preußischen Gartengeneraldirektor, als Parkanlage gestalten lassen. Nach der Abdankung des Kaisers 1918 wurden Belvedere und Pfingstberg ein Sehnsuchts- und Erinnerungsort an das „Alte Potsdam“, also an das preußische Potsdam, von dem sich das DDR-Regime distanzierte. In den vom Bezirk geduldeten Arbeitseinsätzen wurde der Park des Pfingstberges mit den spärlichen, zur Verfügung stehenden Mitteln wiederhergestellt. Am 10. Juni 1989 organisierte die AG gemeinsam mit ARGUS auf dem Pfingstberg ein für Potsdam legendäres Umweltfest mit ungefähr 3000 Besuchern. Das Fest schweißte die alternative Szene Potsdams zusammen, war Ausgangspunkt für verschiedene politische Aktivitäten und zeigte den Beteiligten, wie viel Kraft die Bewegung hat, von der man heute weiß, dass sie die Wende und Nachwendezeit bedeutend prägte. Wichtige Mitglieder von ARGUS und der AG Pfingstberg haben als Amtsträger bis heute entscheidenden Einfluss auf die politische und architektonische Entwicklung der Stadt Potsdam.

Nachwende – Preußen continues

Der Wunsch nach Befreiung von den Themen der DDR-Zeit war in der Nachwendezeit sicherlich groß. Die Abkehr und erneute Hinwendung zum kulturellen Erbe Preußens gibt sich im Rahmen politischer Umgestaltung in der Nachkriegs- wie auch in der Nachwendezeit als gleichermaßen symbolträchtig. Zunächst forderten Amtsträger und Bürgerinitiativen eine „behutsame Wiederannäherung an den historischen Stadtgrundriss“. Später schlug man einen eher brachialen Weg ein, dessen Rechtfertigung die Politik in der Opferrolle der Stadt preußisch repräsentativer Architekturen sieht, also darin dass aus verschiedensten Gründen Ruinen historischer Gebäude nicht gewürdigt und abgerissen wurden. Aus dieser Opferrolle beziehen sie so viel Kraft, dass es als unproblematisch angesehen wird, die gleichen Fehler unter anderen Vorzeichen erneut zu begehen.

Abriss des Theater-Neubaus am Alten Markt. Foto Erik-Jan Ouwerkerk

Potsdam hat sich in der DDR-Zeit weiterentwickelt, wollte sich von der Geschichte befreien, hat eine moderne Utopie verfolgt. In dieser Zeit sind Nachkriegsgebäude entstanden, die zeittypischen städtebaulichen Strukturen entsprachen. Diese Stadtplanung formte eine Stadt, die zum ersten Mal seit ihrer Entdeckung durch die Hohenzollern im 17. Jh. die Bedürfnisse ihrer Bewohner in den Mittelpunkt stellte. Die Fassaden- und Garnisonstadt wurde damit zu einem Beispiel für eine neue Entwicklung, die viele Städte in vergleichbaren Situationen mit Potsdam teilen. Doch besonders für Potsdam, welches wohl nie über ein selbstbewusstes Bürgertum verfügte, stets der Repräsentation dienen sollte und sich königlichen Funktionen unterzuordnen hatte, waren öffentliche Nutzungen und Räume in der Innenstadt wie auch die Anerkennung der Bewohner und ihrer Interessen eine Neuheit, die bei aller Kritik zur politischen und stadtplanerischen Umsetzung zu berücksichtigen bleibt.

Problematisch ist, dass die baulichen Zeitzeugen der DDR, die von der jüngeren Geschichte erzählen und mahnen, abgerissen werden sollen, um die Wunden, die durch die Abrisspolitik der DDR-Zeit entstanden sind, zu heilen. Diese herbeigesehnte Heilung wird sich nicht einstellen. Erst recht nicht, indem die Diskussion erneut einseitig geführt und neue Wunden in die Stadtstruktur gerissen werden. Die oft kritisierten Fehler der DDR-Zeit werden somit unter der Hand wiederholt, die defizitäre Stadtplanung verstetigt ihre Unzulänglichkeit.

Wiederaufgebauter Historismus, ein Beispiel der neuen Kulissenbauten am Alten Markt

Die wiederaufgebauten Gebäude werden mit neopalladianischen Fassaden des 18. Jh.’s versehen. Zeitgemäßen Funktionen können die alten Fassaden aber nicht gerecht werden. Die Strukturen werden allein den Bildern preußischer Repräsentation gerecht, mit der sich Banken und Geschäfte auch heute gern schmücken. Den Vorstellungen und Ansprüchen aufgeklärter und selbstbewusster Bewohner an die Stadt entspricht diese Formensprache nicht. Potsdam zerstört seine intakten öffentlichen Gebäude, um feudale Stadtstrukturen, in denen das Bürgertum stets eine untergeordnete Rolle spielte, wieder aufzubauen. Davon erhofft man sich, den Schmerz über den Verlust des schönen Bildes der Repräsentationsarchitektur zu lindern. Aber jegliche Nutzungen und Funktionen, die eine Stadt heute zu erfüllen hat, werden missachtet. Fraglich ist darum nur noch, ob die umfassenden Qualitäten, der materielle Wert und die Potentiale der bestehenden Strukturen nicht erkannt oder nicht anerkannt werden.

Ausblick auf die Stadt von morgen

Vielleicht fehlt den politischen Akteuren die Distanz, vielleicht fehlt ihnen die Auseinandersetzung mit der älteren und der jüngeren Stadtgeschichte oder es mangelt ihnen an einer Vision, um über die Formen hinaus, eine Stadt denken zu können. Vielleicht darf man in der architektonischen und stadtplanerischen Gestaltung Potsdams aber auch den politischen Willen verwirklicht sehen, ohne Vorbehalte und Berührungsängste an die preußische Tradition anzuknüpfen.

Wie zukunftsfähig ist eine Stadtpolitik die sich wesentlichen funktionalen Fragen verschließt und dies durch historistische Gestaltungen zu kompensieren versucht? Welche Auswirkungen hat die rückwärtsgewandte Repräsentationsarchitektur für eine wachsende Stadt? Die Landeshauptstadt Brandenburgs hat ein schweres, historisch aufgeladenes Erbe, dem eine kritische Auseinandersetzung Not tut. Die bisherige Politik ist in dieser Hinsicht gescheitert und verschließt sich jeder offenen Diskussion. Für die Zukunft der Stadt ist ein gesunder Umgang mit der kritischen Geschichte aber dringend notwendig. Die Baugeschichte kann ein wichtiges, immer auch mahnendes Element sein, das unverstellt und aufrichtig an die Komplexität der Geschichte, aber auch an Defizite und Qualitäten vergangener Versuche der Stadtentwicklung erinnert.

Frauke Röth; Dipl.-Ing. Arch.FH; die Erstveröffentlichung erfolgte beim BHU – Bund für Heimat und Umwelt, Bundesverband für Kultur, Natur und Heimat e.V. 2015

Literatur

BARTMANN-KOMPA, I./KUTSCHMAR, A./KARN, H. (1981): Architekturführer DDR Bezirk Potsdam. – Berlin.
CLARK, C. (2008): Preußen. Aufstieg und Niedergang 1600–1947. – München.
DANIEL, C. (2015): Berlin ist bunt. Potsdam ist grün. Willkommen im Einstein Hof. http://www.lumeacht.de/standort/. 2015-10-25.
FISCHER, J. (2011):Rekonstruktivismus als soziale Bewegung – Eine architektursoziologische Aufklärung.-ARCH+, 204, 76-79.
GLOBISCH, R. (2015): Stadtplanung in Potsdam vor und nach der Wende. – StadtBauwelt, 82(48), 2569–2572.
GRÜNZIG, M. (2014): Garnisonkirche. Von ’45 bis ’68. https://ohnegarnisonkirche.wordpress.com/garnisonkirche-von-45-bis-68/. 2015-10-25.
GRÜNZIG, M. (2014): Kirchenspaltung, die zweite. http://www.christen-brauchenkeine-garnisonkirche.de/in-eigener-sache/faz-artikel.html. 2015-10-25.
HAHN, P.-M. (2003): Geschichte Potsdams. – München.
LANGE, A. (2015): Historische Architektur trifft Moderne Kunst. http://museumbarberini. Com/. 2015-10-25.
OSWALT, P. (2011):Rekonstruktion und Utopie.-ARCH+, 204, 62-65.
REIß-SCHMIDT, S./MEIßNER, H. (1991): Potsdam weiterbauen. – StadtBauwelt, 82(48), 2558–2568.
SABROW, M. (2012): Umgang mit der DDR-Architektur in Potsdam. Verschwindende Brüche. http://www.pnn.de/potsdam/615273/. 2015-10-25.
„Steffen“ (2014): http://blog.reiseland-brandenburg.de/pfingstberg-belvederepotsdam-mauerfall-blog. 2015-10-25.
STEINMETZ, A. (2014): Mit ARGUS-Augen. – In: Agonie und Aufbruch, S. 212–231. – Potsdam.
Wikipedia(2015): https://de.wikipedia.org/wiki/Einsatzf%C3%BChrungskommando_der_Bundeswehr. 2015-11-07.
Wikipedia(2008): http://umwelt-ddr.argus-potsdam.de/index.php?stadterhalt. 2015-10-25.
WUNNICKE, R. (2014): „Wir wollten einfach etwas machen.“ – In: Agonie und Aufbruch, S. 232–257. – Potsdam.

Online seit: 24. Juni 2020

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