Rechenzentrum – nur eine Zwischennutzung?

Carsten Linke

Kunst- und Kreativhaus Rechenzentrum (Innenhof); Foto: Sebastian Gabsch

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Das RZ ist ein Ort für Kultur- und Kreativwirtschaft, Soziokultur, für urbane Nachbarschaft, Experiment und Zukunft – inmitten Potsdams – in kürzester Zeit gewachsen, ohne Förderung von Inhalt und Betrieb. Seit dem September 2015 wird das ehemalige Verwaltungsgebäude des Zentrums für Datenverarbeitung Rechenzentrum als Brandenburgs größtes Kunst- und Kreativhaus genutzt und hat sich zu einem lebendigen Ort soziokreativer und zivilgesellschaftlicher Praxis entwickelt.

Auf fünf Etagen und über 5000 Quadratmetern entwerfen, produzieren und teilen hunderte Kultur- und Kreativschaffende, Soloselbstständige und Unternehmen, zahlreiche Träger der kulturellen Bildung, Integration und Inklusion, sowie Initiativen und gemeinnützige Vereine hier ihre Ideen und Projekte. Neben den zu günstigen Konditionen mietbaren Einzelräumen (Ateliers, Studios, Büros, Werkstätten) gibt es Gemeinschafts-, Seminar, Veranstaltungs- und Ausstellungsräume für verschiedene Formate. An die 1000 Besucher*innen nehmen wöchentlich an Angeboten der (sozio-)kulturellen Bildung teil, besuchen Workshops, Seminare und Besprechungen und gehen zu den großen und kleinen Veranstaltungen im Haus ein und aus. Der Betrieb das Hauses finanziert sich ausschließlich aus den Mieten der Nutzenden, welche für einen Einzelraum aktuell bei 10,07 € brutto warm liegt. Die Mietverträge des von der gemeinnützigen Stiftung SPI im Auftrag der Stadt Potsdam betriebenen Hauses, sind befristet bis zum 31.12.2023. 

Die kompakte Bauform des Rechenzentrums (1969 bis 1971 vom Kollektiv Sepp Weber) mit über 220 Räumen um einen Lichthof und Raumgrößen von 15 bis 30 m² ermöglicht eine Vermietung zu günstigen Konditionen. Das enthierarchisierte Raumprogramm ermöglicht eine demokratische Teilhabe an der Gestaltung und Aneignung des Hauses. Die „kurzen Wege“ induzieren ein hohes Maß an Vernetzbarkeit. Seine zentrale Lage macht das künstlerische und kreative Schaffen in der Stadtmitte sichtbar und ist nicht, wie in vielen Städten an die Ränder gentrifiziert.

Potsdam: ein Mix aus vielen Epochen; Foto: Carsten Linke, 2017
Potsdam: ein Architekturmix aus vielen Epochen; Foto: Carsten Linke, 2017

Nach 2023, nach achteinhalb Jahren Nutzung, soll der Abriss erfolgen, der vor 30 Jahren einmal beschlossen und im Bebauungsplan Nr.1 festgeschrieben wurde.[1] Es soll eine funktionierende Kultureinrichtung zerstört werden. Dies ist wirtschaftlich, kulturell unsinnig und unter Klimagesichtspunkten nicht vertretbar und stadtpolitisch riskant.

Abriss und Gentrifizierung oder Erhalt

Der Stadtpolitik schwebt als Alternative ein neues, privat finanziertes KreativQuartier vor, welches bis Ende 2023 bezugsfertig sein soll. Der Mietpreis soll für einige Teilflächen durch hochpreise Vermietungen übergangsweise quersubventioniert werden. Auf Grund der sich abzeichnenden hohen Nutzungskosten hat sich der Sprecher*innenRat des RZ immer gegen diese angebliche Alternative ausgesprochen, für die die Stadt erneut ein Grundstück verkauft und sich somit weiterer Einflussnahme selbst beraubt hat.[2]

Wenn die Stadt den Abriss des Hauses diskutiert, muss klar sein, was das bedeutet: Ein lebendiger, funktionierender Kulturort, der von den Nutzenden selbst entwickelt wurde, würde leichtsinnig und kurzsichtig geopfert für etwas, was es noch nicht gibt, was erst noch entstehen und was sich in seiner gewünschten Nutzung noch beweisen muss. Die Nutzer*innenschaft appelliert deshalb zu Recht, dass es für die Stadtgesellschaft riskant wäre, die Funktionen, welche das RZ für die Stadt bedient und die Strukturen, mit denen und in denen die Nutzerinnen aktiv sind, zu kappen und aus dem gesellschaftlichen Gefüge zu schneiden. Ein Stück gewachsene Stadt würde einfach so aufgegeben – mit unsicherem Ausgang.

Die Argumente für den Erhalt dieses soziokreativen, zivilgesellschaftlichen Zentrums sind so vielschichtig wie die Nutzer*innenschaft und die Aspekte des Hauses selbst: Das RZ Erhalt ist ökologisch. ´Bei der Weiterentwicklung von gebauten Strukturen sind bestehende Qualitäten zu erkennen, wertzuschätzen und zu pflegen. Umbaukultur geht über die rein ökonomische Bewertung hinaus und beinhaltet gesamtgesellschaftliche und ökologische Interessen´ (aus den Kernbotschaften und Empfehlungen der Bundesstiftung Baukultur zu Umbaukultur in ihrem Jahresbericht 2018/19 Erbe-Bestand-Zukunft). … Das RZ ist städtischer Raum. Das Grundstück des RZ befindet sich in städtischem Eigentum und wird vom Sanierungsträger treuhändisch verwaltet. Städtischer Raum sollte zur Nutzung der Bürger*innen Potsdams erhalten bleiben. Ein soziokreatives Zentrum auf städtischem Grund bewahrt gesellschaftspolitische Möglichkeiten wie die langfristige Sicherung von Nutzung und Preisen, wirkt Verdrängungsprozesses entgegen. Arbeitsräume für Menschen sollten innerhalb der Stadtentwicklung prioritär betrachtet werden. Der Erhalt des RZ ist historisch notwendig und bedeutet eine historische Verantwortung: Als Architektur der Nachkriegsmoderne und Zeitschicht der DDR ist das Rechenzentrum für das Narrativ des Ortes unabdingbar. Nur so kann die Vielschichtigkeit des Ortes erzählt werden. Die Wiederaufbaubemühung und der Protest dagegen in den letzten Jahren ist auch Teil der Geschichte des Ortes. Die Sache Garnisonkirche ist auch das Rechenzentrum, dessen Existenz mit dem Ende der Kirchenruine und mit dem Start des Wiederaufbaus verschränkt ist. Das Spannungsfeld zwischen ihm und dem Kirchturm macht das erlebbar – gerade mit dem Ziel, einen Lernort zu installieren. Das Rechenzentrum ist wichtiger architektonischer Bruch in der Stadtsilhouette. Wir wissen alle nicht, was mit dem Symbolgehalt des fertigen Kirchturms in naher Zukunft passiert. … Das spannungsreiche Nebeneinander der beiden Architekturen würde zudem ein Signal der Einheit und der Befriedung in die Stadtgesellschaft und darüber hinaus ausstrahlen. Und es gelänge damit der längst überfällige Ausstieg aus einem scheinbaren Rekonstruktions-Abriss- Automatismus, welcher eine Gegenwart missliebige Vergangenheiten ausradieren bzw. überschreiben lässt.“[3]

Das RZ – ist …

Streitobjekt und Identifikationsort

Seit der Innutzungnahme des RZ als Kunst- und Kreativhaus ist die Perspektive des Hausprojektes  umstritten und umkämpft. Von Beginn an war die Nutzung als Zwischenlösung deklariert. Kurz vor Ablauf der ersten Frist im August 2018, bekam das Haus eine zweite Chance – eine Verlängerung bis 2023. Dies geschah im Gegenzug einer finanziellen Unterstützung der Stiftung Garnisonkirche durch die Stadt [4], wohl auch in Anerkennung des Engagements des Vereins „Freundliche Übernahme Rechenzentrum“ (FÜR e.V.) und vor allem als Reaktion auf den anhaltenden, öffentlichen Druck bezüglich der Abriss- und Baupolitik der Stadt. Obwohl das Gebäude nicht formeller Bestandteil des Bürgerbegehrens „Kein Ausverkauf der Potsdamer Mitte“ im Jahre 2016 war, so war es doch fester Bestandteil der damit verbundenen öffentlichen Debatte. Die Fragestellung des Bürgerbegehren der Initiative „Potsdamer Mitte Neu Denken“ gliederte sich in zwei Punkte und war mit einer Grafik bebildert, die den Lustgarten, den Alten Markt und das Gebiet rund um den Staudenhofwohnblock umfasst. Die Forderungen der Initiative lauteten: „1. Die Stadt Potsdam oder von ihr Beauftragte sollen keine kommunalen Grundstücke im o.g. Gebiet mehr verkaufen.“ Und weiter: „2. Für den Abriss des Hotels Mercure, des Wohnblocks am Staudenhof und des Fachhochschul-Gebäudes sollen keine öffentlichen Fördermittel und städtischen Eigenanteile eingesetzt werden. Diese Finanzmittel sollen vorrangig für die Entwicklung der unter 1. genannten kommunalen Grundstücke beansprucht und eingesetzt werden.“ 14.742 Menschen haben diese Forderungen innerhalb weniger Wochen mit gültiger Unterschrift und notwendigen Angaben zum Wohnort und Geburtsdatum unterstützt.[5] Bereits wenige Jahre zuvor hatten sich ebenfalls mehr als 14.000 Potsdamer*innen gegen den Wiederaufbau der Garnisonkirche und das diesbezügliche Engagement der Stadt Potsdam in einem Bürgerbegehren ausgesprochen.[6]

In zahlreichen Diskussionen, Veranstaltungen und Aktionen hat die Initiative „Potsdamer Mitte Neu Denken“ (PMND) das Konfliktpotential an der Plantage angesprochen. „Im Stadtraum Breite Straße / Yorckstraße / Dortustraße prallen unterschiedliche Zeitschichten und Architekturstile aufeinander. Das Rechenzentrum mit dem ‚Kosmos‘-Fries trifft auf die Nagelkreuzkapelle (Ort der ehemaligen Garnisonkirche), auf die alte Feuerwehr, die Studentenwohnheime, die sogenannte Plantage mit seinen Sportanlagen und auf die Front des Langen Stalls. Aus der Mischung der unterschiedlichen Gebäude, bei der Anerkennung der vorhandenen Qualitäten, einen städtebaulich attraktives Innenstadtquartier für heutige Bedürfnisse zu erarbeiten, dürfte eine erhebliche städtebauliche Aufgabe sein. Der bloße Rückgriff auf Vergangenes löst die heutigen Fragen jedoch nicht.“[7]

Auch wenn trotz dieser Bemühungen der Bürger*innen-Initiativen das Fachhochschulgebäude mittlerweile einem Wohnquartier mit Kulissencharakter weichen musste und das Hotel Mercure sowie der Wohnkomplex Staudenhof immer noch vom Abriss bedroht sind, so hat die Initiative PMND viel für das Minsk und das Rechenzentrum erreicht. Beide Sonderbauten der DDR-Moderne haben mittlerweile eine Perspektive. Das ehemalige Terassenrestaurant Minsk wird Museum für DDR-Kunst. Für das Kunst-und Kreativhaus Rechenzentrum hat der Oberbürgermeister Schubert einen Plan zum (Teil-)Erhalt vorgelegt. Nicht zuletzt, weil die Debatte um die Potsdamer Mitte, um die Garnisonkirche, um die Identität der Menschen, um bezahlbaren Wohnraum und um den Verlust von Freiraum nicht abreißen. Dies ist vor allem dem Netzwerk „Potsdam-Stadt-für-alle!“, dem Wirken des FÜR e.V., der Kulturlobby sowie zahlreichen, öffentlichkeitswirksamen Aktionen wie „Platz nehmen!“ zu verdanken.[8]

Aktion „Platz nehmen!“ Frühjahr 2017 am Alten Markt; Foto: Carsten Linke

Erhalt und Chance

Oberbürgermeister Schubert schlug 2019 als „Bindeglied“ von  Garnisonkirchenturm und Rechenzentrum eine internationale Jugendbegegnungsstätte vor. Der einsetzenden Debatte folgte eine Anhörung im Hauptausschuss der Stadtverordnetenversammlung (SVV) am 24.01.2020. Neun Organisationen wurden angehört: die Stiftung Garnisonkirche sowie deren Förderverein, die Bürgerinitiative „Mitteschön“, die BI „Potsdam ohne Garnisonkirche“, der antimilitaristische Förderverein der Stadt, der evangelische Kirchenkreis der Stadt, die Profilgemeinde „Die Nächsten“, der Stadtjugendring und die Vertreter*innen des RZ (FÜR e.V. und Kulturlobby). Im Ergebnis entstand seitens der Stadtverwaltung eine Beschlussvorlage des Oberbürgermeisters mit einem 4-Phasen-Verfahren. Es soll „ein inhaltliches und gestalterisches Konzept für den Bereich bzw. die Standorte Garnisonkirche und Rechenzentrum“ zum Ergebnis haben. In der Begründung des SVV-Beschlusses ist festgehalten, dass „sich die zivilgesellschaftlichen Akteure eine Öffnung des Diskurses über die zukünftige Nutzung des Standortes wünschen und die Nutzungsvorstellungen zur Kompromissfindung am Standort geeignete Beiträge leisten können. Vor diesem Hintergrund ist es angebracht, weitere Gedenkstätten-, Lern-, Jugendbildungs- und Museumstandorte der Stadt in die Überlegungen mit einzubeziehen.“[9]

Die Erstellung eines gestalterischen Konzeptes für das Areal an der Plantage soll auf den Ergebnissen des inhaltlichen Konzeptes aufbauen. Diesbezüglich besagt der Beschluss „Alle Varianten sollen folgende Punkte berücksichtigen und Aussagen treffen zu:

  • dem nach Abschluss der inhaltlichen Diskussion vorliegenden inhaltlichen Konzept für den Bereich Garnisonkirche/Rechenzentrum,
  • dem auf der Grundlage der erteilten Baugenehmigungen wiedererrichteten Turm der Garnisonkirche,
  • einem weitestgehenden oder vollständigen Erhalt des Rechenzentrums, wobei der vollständige Erhalt unter dem Vorbehalt der Zustimmung der Grundstückseigentümerin „Stiftung Garnisonkirche Potsdam steht,
  • einer der entwickelten Nutzungskonzeptionen folgenden baulichen Gestalt für das Gesamtareal Garnisonkirche/Rechenzentrum.“[9]

Die SVV, das Stadtparlament der Landeshauptstadt Potsdam hat am 03. Juni 2020 diese Beschlussvorlage 20/SVV/0295 angenommen. Sie ist ein Wendepunkt in der Geschichte der Stadt. Aus zwei Gründen. Sie eröffnet dem Kunst- und Kreativhaus eine Perspektive. Gleichzeitig entschied sich die SVV erstmals gegen den originalgetreuen Wiederaufbaus der Hof- und Garnisonkirche in Potsdam, denn der Antrag der CDU-Fraktion, dass die Stadtverordneten den originalgetreuen Wiederaufbau des Kirchenschiffes auch als Ziel mit aufnehmen sollen, fiel mit großer Mehrheit durch.

Das Rechenzentrum ist wichtiger Kristallisationspunkt für künstlerische, kreative und soziale Experimente einer diverser werdenden Bevölkerung. Im RZ werden die grenzübergreifenden Dialoge in Zeiten von Rechtspopulismus geführt und Arbeitsformen für eine kreative, digitale Arbeitswelt entwickelt und gelebt. Das Rechenzentrum ist ein Ort für die Stadt und ihre Zukunft.

Für den Ort der ehemaligen Garnisonkirche gibt es genügend alternative Vorschläge zum Kirchenbau: z.B. Lernort Garnisonkirche, Wiese der Opfervölker, Dokumentationszentrum zur NS- und Militärgeschichte der Stadt, Jugendbegegnungsstätte, RechenzenTurm. Alle haben eines gemeinsam: das Kunst- und Kreativhaus Rechenzentrum könnte stehen bleiben und in die diversen Nutzungen baulich wie inhaltlich integriert werden oder mit ihnen kooperieren.

Carsten Linke, geb. 1963; Vorstand des Fördervereins für antimilitaristische Traditionen in der Stadt Potsdam e.V.; Mitbegründer des FÜR e.V. und ehemaliges Mitglied des Sprecher*innenRates des Rechenzentrums;

Anmerkungen

[1] Die Stadtverordnetenversammlung der Landeshauptstadt Potsdam hat am 05.12.1990 die Aufstellung des Bebauungsplan Nr. 1 „Neuer Markt/ Plantage“ beschlossen. Der ursprüngliche Geltungsbereich wurde durch Beschlüsse vom 03.07.1991 und vom 02.09.1992 erweitert und letztmalig 04.03.2015 geändert.
[2] Protokoll der Lenkungsgruppe zum KreativQuartier vom 28.02.2019 (unveröffentlicht)
[3] Stellungnahme des SprecherInnen-Rates im Vorfeld der Hauptausschusssitzung der SVV Potsdam, s. https://rz-potsdam.de/cms/wp-content/uploads/Gruende-RZ-Erhalt_191129.pdf
[4] SVV-Beschluss 17/SVV/0720 Verlängerung der temporären Nutzung des Verwaltungsgebäudes des Rechenzentrums als Kunst- und Kreativhaus – Finanzierung des dafür nötigen Mehraufwands; siehe https://egov.potsdam.de/bi/vo021.asp
[5] Wahlleiter der Stadt Potsdam https://buergerbeteiligung.potsdam.de/content/buergerbegehren-14742-gueltige-unterschriften
[6] https://buergerbegehrengarnisonkirche.wordpress.com/
[7] Homepage der BI Potsdamer-Mitte-Neu-Denken https://www.potsdamermitteneudenken.de/stadt-neu-denken/plantage-rechenzentrum/ [8] Homepages der Gruppierungen mit ihren Aktivitäten und Themen http://potsdam-stadtfueralle.de/ und https://rz-potsdam.de/cms/verein/ und http://kulturlobby.de/
[9] Ratsinformationssystem der Stadt Potsdam https://egov.potsdam.de/bi/vo020.asp?VOLFDNR=31299#searchword

Online seit: 6. Juni 2020

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