Das falsche Symbol, ein Zwischenruf

Heino Falcke

Schwerter zu Pflugscharen, Symbol der DDR-Friedensbewegung, 1982

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Die Garnisonkirche als Symbol gilt allgemein als das Symbol des preußisch-deutschen Militarismus. Von ihrer Gründung her und durch bald dreihundert Jahre Geschichte ist sie dazu geworden, wie die Paulskirche das Symbol des Bürgertums und der Aachener Dom das Symbol des Kaisertums ist. Solchen Symbolen eignet eine geschichtliche Dimension und sie sind geschichtsmächtig. Am Tag von Potsdam wollten sich die Nazis die Geschichtsmächtigkeit der preußischen Tradition aneignen, aber sie haben sie in ihr geschichtliches Scheitern hineingezogen.

Es ist eine Illusion  die Geschichtsmächtigkeit solcher Symbole durch den Hinweis auf alternative Details, die es in ihrer Geschichte doch auch gab, brechen oder auch nur umschminken zu können. Der immer wieder dafür bemühte Henning von Tresckow, selbst wenn man ihn in die ganze Gruppe des 20. Juli stellt, kann das wirklich nicht leisten – bei allem größten Respekt! Bedenkt man denn gar nicht, dass diese Männer und Frauen des 20. Juli neben dem Risiko des Attentats und Staatsstreichs auch noch gegen die Gewissensskrupel anzukämpfen hatten, die von dem Symbol Garnisonkirche geprägt waren: Ehrfurcht vor der gottgesetzten Obrigkeit, soldatischer Gehorsam, Pflichterfüllung, Treueeid. Noch in den achtziger Jahren hat sich die EKD in ihrer Demokratiedenkschrift mit dem Widerstandsrecht schwer getan. Symbole haben große Macht und Langzeitwirkung bis in die Tiefen des Herzens und Gewissens hinein

Durch den Wiederaufbau der Garnisonkirche, oder doch ihres Turmes soll das alte Symbol nun aber ganz neu interpretiert werden als Versöhnungs- und Friedenszentrum. Ich will die Möglichkeit, Denkmale mit Symbolcharakter neu zu deuten und um zu nutzen, keinesfalls prinzipiell ausschließen. Zweckpessimismus ist ebenso falsch wie Zweckoptimismus. Aber bei der Garnisonkirche liegen die Dinge besonders kompliziert. Die neue Zielsetzung steht im scharfen Kontrast zum zerstörten Vorgängerbau. Gleichwohl müsse man diesen aber neu errichten, denn nur so könne man das Neue als kritischen Kontrast zum Alten profiliert zur Sprache  bringen. Andere muten dem Publikum so viel paradoxe Argumentation nicht zu und sprechen schlicht von der „Wiedergewinnung“  der Garnisonkirche. Der verwirrte Leser vermutet – wohl nicht ganz zu Unrecht, dass sich hier unterschiedliche Motivationen und Interessen ungeklärt miteinander verflechten.

Anke Silomon, die hochzuschätzende  Zeithistorikerin, hat in einem Interview  gesagt, man müsse die Garnisonkirche als ganze sehen, nämlich auch als barockes Kunstwerk, als ein Kernstück des Potsdamer Stadtbildes und so fort… [1] Genau!  Der Vielheit dieser Aspekte entspricht nämlich die Pluralität unterschiedlich geprägter Gruppierungen, die hinter dem „Ruf aus Potsdam“ stehen. Der Synergieeffekt, der aus dieser gebündelten Pluralität entspringt, macht die power dieser Initiative aus. Aber genau hier liegt eine Quelle der Undeutlichkeiten und falschen Töne, über die ein kritischer Leser  ihrer Äußerungen stolpert. Den verschiedenen Aspekten der Garnisonkirche „im ganzen“ entsprechen die verschiedenen Motive zu deren Wiederaufbau. Da wollen eben viele (die Mehrheit?) einfach die alte Garnisonkirche wiederhaben als „Projekt von nationaler Bedeutung“, als Filetstück des Potsdamer Barock, oder weil an dem alten Preußen doch wahrhaftig nicht alles schlecht war.

In diesem Kreis mit unterschiedlichen Motivationen und Erwartungen steht nun die evangelische Kirche, die einen ganz spezifischen Auftrag hat, in dem nach der sechsten Barmer These ihre Freiheit gründet. Sie muss ihre Rolle mit kritischer Klarheit wahrnehmen, zumal sie sich hier auf dem  für den deutschen  Protestantismus so hochsensiblen Feld von Thron und Altar, Kirche, Krieg  und Frieden bewegt. Wie steht es damit? Ich will meine Beobachtungen mitteilen, zuerst zum  Versöhnungszentrum dann zum Friedenszentrum.

Zum Versöhnungszentrum. Versöhnung ist  nur möglich durch das Bekennen der eigenen Schuld, durch Vergebung und Umkehr aus ihr. Das ist die Botschaft der Nagelkreuzgemeinschaft, auf die sich die Potsdamer Initiative durchgängig bezieht. Folgen wir diesem Hinweis, so führt er uns zur Zerstörung der Garnisonkirche. Die zerstörte Garnisonkirche ist das erste Symbol, das zu uns sprechen will.

Vor gut einem Monat war ich in Potsdam und besuchte die schöne Nagelkreuzkapelle. Dort wurde mir die Nummer von „Potsdamlife, Der Kampf um eine Kirche“ überreicht. In ihr ist der „Ruf aus Potsdam“ abgedruckt, der, wie ich las, zwischen der Stadt Potsdam und der Kirche abgestimmt wurde. Er beginnt mit folgenden Worten: „Der zweite Weltkrieg war bereits entschieden, als ein Luftangriff am 14. April 1945 die Potsdamer Mitte in Trümmer legte. Die berühmte Hof- und Garnisonkirche fing Feuer und brannte aus. Das holländische Glockenspiel stürzte in die Tiefe und zerschellte. Im Jahre 1968 folgte die rechtsstaatwidrige Enteignung der Kirchengemeinde und die Sprengung der wideraufbaufähigen Kirche. Wir wollen uns nicht damit abfinden, dass es bei der Hinrichtung dieses einmaligen und geschichtsträchtigen Bauwerks bleiben soll.“ ( S.17 )

So also sieht der „Ruf aus Potsdam“ die Zerstörung der Garnisonkirche. Die alliierten Bomber waren schuld und Ulbricht war schuld. Die Alliierten hatten noch nicht einmal einen ordentlichen militärstrategischen Grund für das Bombardement, die Sprengung war rechtswidrig und eine „Hinrichtung“ der Kirche. Kein Wort von den Ursachen, die dieser Zerstörung zugrunde liegen. Kein Wort von der deutschen Schuld. Die Empörung, die sich in dem Wort „Hinrichtung“ dieses Bauwerks  Luft macht, weckt offenbar keine Assoziationen zu dien Hinrichtungen des zweiten Weltkrieges durch Deutsche. Hier spricht Selbstmitleid, selbstgerechte Empörung über das Unrecht der anderen und trotzige Entschlossenheit, die Spuren dieses Unrechts zu beseitigen.

Und das las ich in der Nagelkreuzkapelle. Der Gebetsruf des Nagelkreuzgebetes lautet „father forgive!“ Er ist die Antwort auf die deutsche „Hinrichtung“ der Kathedrale von Coventry. Er bittet um Vergebung für die Feinde und für das ganze Inferno dieses Weltkrieges. Das hatten die Rufer aus Potsdam offensichtlich nicht im Sinn. Hat man sich in Potsdam eigentlich gar nicht mit der Diskussion um den Wiederaufbau der  Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche auseinandergesetzt? Dort erinnert der Torso des zerstörten Turms bis heute an die Verbrechen des zweiten Weltkrieges. Am  Sockel der Turmruine hängt die Bronzetafel mit den Worten: „Der Turm der alten Kirche soll an das Gericht Gottes erinnern, das in den Zeiten des Krieges über unser Volk hereinbrach.“  [2]

Ich frage – zugegeben von außen und der Interna nicht kundig: Warum findet der Leser, dem der Wiederaufbau der Garnisonkirche erklärt wird, kein Wort zu dem ganz anderen Symbol der Kaiser-Wilhelm- Gedächtniskirche?  Kein Wort, warum man in Potsdam den entgegengesetzten Weg geht, warum die Symbolsprache der zerstörten Garnisonkirche beschwiegen und das Wort vom Gericht Gottes über unser Volk nicht mitgesprochen wird?[3] Passt dieses Wort nicht mehr in die heutige Kirchensprache und in die Konzepte heutiger Theologie? Oder ist man auch der Meinung, die Deutschen sollten doch endlich aufhören, ihre Schuld ständig vor sich herzutragen? Wo wir doch, um mit dem Bundespräsidenten zu sprechen, inzwischen „ein gutes Deutschland haben, das beste was wir kennen“. Diesen Satz hat Navid Kermani, als er im vorigen Jahr vor dem Bundestag zur Verkündung des Grundgesetzes sprach, wie folgt kommentiert: Wenn er ein Ereignis nennen solle, in dem Deutschland wieder zu solcher Würde gefunden habe, dann könne er nur eines nennen: Den Kniefall von Warschau. In Potsdam müsste die Sprache des Nagelkreuzes wirklich den Ton angeben. Es spricht von Schuld und Vergebung, es weiß um die Tiefe der Erneuerung, die aus der Erfahrung des Gerichtes Gottes erwächst.

Welches Symbol aber entspräche dieser Sprache? Eine Garnisonkirche, oder auch nur ihr Turm, in der oder dem ein Nagelkreuz aufgestellt wird? Das Neue integriert in das  Alte? Wäre es nicht andersherum besser:  Die Nagelkreuzkapelle groß auf dem leeren Platz, Versöhnungs- und Friedenszentrum mit Dokumentationszentrum zur Garnisonkirche angegliedert?

In der Zeitschrift, von der ich sprach, ist neben dem „Ruf aus Potsdam“ ein Bild abgedruckt, auf dem ein strahlender Wolfgang Huber und ein lächelnder Platzeck und Schönbohm ein großes Blatt in die Kamera halten. Es trägt die deutlich erkennbare Überschrift „Ruf aus Potsdam“! Ich unterstelle den dreien – auch dem Dritten – nicht, dass sie den Geist teilen, der aus dem Ruf aus Potsdam spricht. Aber ein solcher Pluralismus in den Leitungsgremien weckt Sorgen im Blick auf künftige Nutzungen.

Mein zweiter Punkt. Das Friedenszentrum. Was sagte die Garnisonkirche zur militärischen Gewalt, zu Krieg und Frieden. Wie legten der „Feldpropst“ (später Feldbischof) und die Pfarrer der Zivilgemeinde das Evangelium des Friedens den Soldaten, ihren Familien und – Hofkirche! –  dem König aus? Das kam hier zum Schwur. Die Garnisonkirche war die Zentralkirche dessen, was wir heute Militärseelsorge nennen.

Wolfgang Huber hat 1973 in seiner großen 700 Seiten starken Habilitationsschrift „Kirche und Öffentlichkeit“[3] zwei große Fallstudien diesem Themenbereich gewidmet: „Theologie und Kirche beim Ausbruch des ersten Weltkriegs“ und „Die Struktur der Evangelischen Militärseelsorge“. Diese zweite Fallstudie stellt die Geschichte der Militärseelsorge vom Großen Kurfürsten bis zum Ende des zweiten Weltkriegs dar und analysiert im zweiten Teil  die Militärseelsorge in der Bundesrepublik.

Huber zeigt die nach dem Großen Kurfürsten steigende Tendenz, die Militärseelsorge in die militärischen und staatlichen Strukturen zu integrieren, bis zur Bildung eines „Militärkonsistoriums“. „Nur dadurch meinte man die Militärseelsorge den besonderen Bedürfnissen der Armee anpassen und die Erziehung zu Gottesfurcht und Gehorsam, die der Staat von ihr erwartete, bewerkstelligen zu können. „Die Instrumentalisierung der Religion für die Armee und die Entstehung einer besonderen Militärkirche hängen unmittelbar zusammen“, schreibt Huber (231).

Den Militärseelsorgevertrag mit der Bundesrepublik kritisiert Huber scharf. Zum einen im Kirchenverständnis, in dem zugunsten einer autoritären Struktur der Aufbau von der Gemeinde her vernachlässigt werde. Zum andern im Doppelstatus der Geistlichen als Pfarrer ihrer Kirche und Staatsbeamte, sowie der staatlichen Anbindung des Evangelischen Kirchenamtes für die Bundeswehr. Beides widerspreche sowohl dem Grundgesetz wie der dritten These der Barmer Theologischen Erklärung.

Ich zitiere Hubers Zusammenfassung: „Wir gelangen also zu zwei einander ergänzenden Ergebnissen: Die institutionelle Verbindung von Staat und Kirche in der Militärseelsorge widerspricht den Grundsätzen evangelischer Kirchenverfassung und ist nach staatlichem Recht verfassungswidrig. Sie schadet aber auch der Wahrnehmung des kirchlichen Verkündigungsauftrags, da die mit dem Staat verbundene Militärseelsorge von staatlichen und militärischen Stellen immer wieder als eine Agentur der ‚politischen Religion‘ missverstanden wird. Erst in einer auch institutionell unabhängigen Militärseelsorge würde für alle Seiten deutlich, dass es sich in der Militärseelsorge um die Wahrnehmung der kritischen Solidarität der Kirche mit der gesellschaftlichen Gruppe der Soldaten handelt. Erst dann könnte die Militärseelsorge ein nachahmenswertes Modell für das Verhältnis von Kirche und Öffentlichkeit sein.“ (271)

Im Februar 2007 hat Wolfgang Huber in Köln die Festrede zum fünfzigjährigen Jubiläum des Militärseelsorgevertrages gehalten. Dort sagte er: „Ich habe es wieder und wieder kritisch erwogen und sage es deshalb nicht leichtfertig. Aber ich sage es. Auch im Vergleich mit der Regelung in anderen Ländern hat der Militärseelsorgevertrag Lob, Dank und Anerkennung verdient.“ ( EKD Dokumentation )

Natürlich kann auch Wolfgang Huber dazulernen, sogar umlernen. Nur wüsste man gern die Gründe für diesen Sinneswandel. An der kritisierten institutionellen Verbindung von Staat und Kirche im Militärseelsorgevertrag hat sich abgesehen von Schönheitsreparaturen doch nichts geändert. Das zeigte eine Studie zur Militärseelsorge von 1990 und das lässt sich an dem Handbuch der Soldatenseelsorge „Friedensethik im Einsatz“ zeigen, das 2009 vom Evangelischen Kirchenamt für die Bundeswehr herausgegeben wurde.[4]  Die Alternativen zum Militärseelsorgevertrag, die Huber 1973 vorschlug und die sich zum großen Teil mit den späteren Änderungsvorschlägen der DDR-Kirchen bei der Wiedervereinigung mit der EKD 1990 decken, sind nicht zum Zuge gekommen.

Meine Kritik zielt nicht auf die Soldatenseelsorger, sie richtet sich auf die Strukturen der Militärseelsorge, in denen sich die strukturelle Problematik der Garnisonkirche fortsetzt, und die den Freiraum zu einer allein dem Evangelium des Friedens verpflichteten Soldatenseelsorge gefährdet. Huber sah diese Gefahr 1973  in der  Abhängigkeit der Militärseelsorge von staatlichen Institutionen begründet. Die  „Garnison- und Hofkirche“ aber ist  dafür geradezu das klassische Symbol. Darum muss für ein Friedenszentrum Garnisonkirche gerade in diesen Konfliktzonen völlige Klarheit bestehen, damit die guten Vorsätze und Anfänge für die Arbeit dort nicht durch ein neues Nachleben des Alten erdrückt werden.

Die kritische Wachheit gegenüber politischen Trends ist heute in wachsendem Maße geboten. 66 Jahre nach dem Friedensgebot des Grundgesetzes ist Deutschland im Rahmen der Nato zu einer kriegführenden Nation geworden. Bei der Münchener Sicherheitskonferenz im Januar 2014 machten Bundespräsident, Außenminister und Verteidigungsministerin einmütig klar, dass dies eine programmatische Wende ist. Nach der Politik der „Zurückhaltung“ –  so heißt das Friedensgebot des Grundgesetzes jetzt! – müsse das vereinte Deutschland eine größere internationale Verantwortung auch in militärischer Hinsicht wahrnehmen. Die vielen Indizien in der deutschen Politik, die in dieselbe Richtung weisen, muss ich in unserm Kreis nicht aufzählen. Sorgfältig und nachhaltig aber müssen wir prüfen, ob der Wiederaufbau der Garnisonkirche in diesem Trend liegt oder gegen diesen Trend steht.

Gegen diesen Trend steht ganz gewiss der friedenstheologische und –ethische Grundkonsens, der sich in der deutschen und der ökumenischen Theologie seit dem zweiten Weltkrieg herausgebildet hat. Er besagt: Eine wirkliche Friedensethik muss vom Leitbegriff des gerechten Friedens ausgehen und hat in der Gestaltung des Friedens ihre Aufgabe. Die Gestaltung des gerechten und nachhaltigen Friedens reduziert den Einsatz militärischer Gewalt auf den Grenzfall, wo dem Bruch des Friedens mit rechtserhaltender Gewalt als letztem Mittel begegnet werden muss.[5] Gegenwärtig häufen sich die Gewaltkonflikte derart, dass der Grenzfall  „robuster Einsätze“ zum Normal zu werden droht. Gerade jetzt aber dürfen  Friedensethik und –Politik nicht  diesem Zwangsgefälle und seinen Denkzwängen erliegen, sie müssen vielmehr im weiträumigen Horizont eines politischen Pazifismus vom Frieden her denken, künftigen Frieden ermöglichen,  Frieden durch gewaltfreie Bearbeitung seiner Konflikte gestalten.

Auch im Blick auf diesen aktuellen politischen Pazifismus ist eine wieder errichtete Garnisonkirche das falsche Symbol. Denn sie ist natürlich auf den möglichen Kriegsfall ausgerichtet und will Militär-und Zivilgemeinde darauf geistlich und moralisch zurüsten, bestenfalls im Rahmen der Lehre vom gerechten Krieg. Im Zeichen dieses Symbols, bleiben wir der alten Lehre vom gerechten Krieg verhaftet. Deren Kriterien bleiben wichtig und müssen für die heute völlig veränderte Kriegführung aktualisiert werden,  aber das ist es nicht, was uns  wirklich weiterführt. Und hat man sich eigentlich überlegt, wer dann alles an das wiedererstandene Symbol Garnisonkirche andocken wird? Andocken, um  rechtskonservative, nationalistische, soldatisch „mutbürgerliche“ (Gauck )Traditionen zu pflegen und wachsende Ausländerfeindlichkeit zu legitimieren.[6]

Für die Gestaltung des Friedens heute möchte ich auf eine andere preußische Tradition verweisen. Unsere Welt und das vereinte Europa geraten durch die Migrationsströme, die wir mit erzeugt haben, aus den Fugen. Blicken wir doch von da aus zurück auf die Einwanderungspolitik des alten Preußen. Der große Kurfürst begann sie mit dem Potsdamer Edikt und Friedrich-Wilhelm I. führte sie weiter. So kamen die Hugenotten und sie blieben durch eine kluge Integrationspolitik. 1732, als die Garnisonkirche fertig wurde, lud der König  durch das „preußische Einladungspatent“ die Salzburger Emigranten nach Ostpreußen ein. In Potsdam entstand das „Holländische Viertel“ und es kamen außerdem reformierte Schweizer, Pfälzer und Ungarn. An diese preußische Tradition, an Preußen als Einwanderungsland sollten wir andocken. In Potsdam könnte ein syrisches Viertel entstehen. In ihm läutet das Glockenspiel der Garnisonkirche „Lobe den Herrn“  für Christen und Muslime und es fügt für beide an: „Üb´ immer Treu und Redlichkeit…!“  Und die Potsdamer sagen mit dem bekannten Zitat einer heutigen Preußin: „Wir schaffen das!“ Wäre das nicht ein gutes Symbol?

Heino Falcke (geb .1929), evangelischer Theologe, von 1973 bis 1994 leitete er als Propst den Propstsprengel Erfurt der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen. Aufsehen erregte Falckes Hauptvortrag „Christus befreit – darum Kirche für andere“ bei der Synode der evangelischen Kirchen in der DDR im Juli 1972 in Dresden. Die Rede stellte einen Widerspruch gegen jede staatliche Vereinnahmung und ein Plädoyer für politische Freiheit und gesellschaftliche Mündigkeit dar.

Der hier veröffentlich Text ist ein Vortrag, gehalten auf der gemeinsam von der Martin-Niemöller-Stiftung und der Initiative „Christen brauchen keine Garnisonkirche“ am 31. Oktober 2015 in Berlin-Pankow veranstalteten Tagung „Die Garnisonkirche Potsdam: Gedenkort des Versagens – ein Ort der Versöhnung?“ Der Sprachduktus wurde beibehalten, die Anmerkungen in der Regel auf den Nachweis der Zitate beschränkt.

Anmerkungen

[1] vgl. „Potsdamer Spitze“ Hg. Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche, Mitteilungen 2015
[2] In diesen Zusammenhang stellte  A. Schönherr die Garnisonkirche, als er im Mai 1968 bei Ulbricht intervenierte, um die Erhaltung nur des Turms und der Kapelle zu erreichen. Letztere wolle man zu einer „Sühnestätte“ umgestalten, an der christliche Bürger sich auf ihr Verhältnis zu dieser Vergangenheit ( des 21.03.1933 in der Garnisonkirche ) besinnen können.“ Die Garnisonkirche „könnte eine ähnliche Aufgabe erfüllen, wie sie die Mahnmale von Sachsenhausen und Buchenwald für alle Bürger haben.“ ( Die evangelische Kirchenleitung Berlin-Brandenburg –der Verwalter des Bischofsamtes, den 3. 5. 1968“ )
[3] Wolfgang Huber, Kirche und Öffentlichkeit,Stuttgart 1973
[4]  Jens Müller-Kent, Militärseelsorge im Spannungsfeld zwischen kirchlichem Auftrag und militärischer Einbindung, Hamburg 1990.  Zu dem Handbuch beziehe ich mich auf die kritische Analyse von Johannes Weissinger in einem Vortrag von 2010 ( Manuskript bei mir.
[5]  Vgl. dazu jüngst: Konrad Raiser, Vom Frieden her denken, ökumenische Impulse zur friedensethischen Diskussion, Ev.Theologie 75.Jahrgang 4-2015, 246-258
[6] In der Einleitung zum Nutzungskonzept für das geplante Zentrum äußert sich Generalsuperintendent Hans-Ulrich Schulz besorgt über den jetzt noch leeren Raum, den die Sprengung der Garnisonkirche hinterlassen habe. Bleibe dieser Raum leer, könne von ihm großes Unheil ausgehen. Jeder Mythos könne sich dort frei entfalten. „Wenn dieser Platz leer bleibt, können wir tatsächlich glauben, was wir wollen, und werden deshalb nicht wissen, was wir sollen.“ Darum müsse die Garnisonkirche her, mit einer fundierten und differenzierten historischen Aufklärung und der Ausrichtung auf den Frieden. Ob dieser horror vacui auf Erfahrungen von Missbrauch des leeren Platzes beruht, wird nicht gesagt. Das Argument, man müsse dem Missbrauch durch Wiederaufbau der Garnisonkirche wehren, halte ich für einen Kurzschluss.

Online seit: 3. Juni 2020

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