Deutschnationale Gewalttheologie am Beispiel des Garnisonskirchenpfarrers Johannes Kessler

Thomas Posern

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Eine mehrheitlich deutschnational geprägte evangelische Kirche trug erheblich zu Kriegsbegeisterung und Durchhaltewillen von Soldaten und Bevölkerung im Ersten Weltkrieg bei. Kriegspredigten dienten der Formatierung der öffentlichen Meinung. Der ehemalige Hofprediger und Potsdamer Garnisonspfarrer Johannes Kessler war von 1908-33 Gemeindepfarrer in Dresden und vermutlich seit 1915 als Militärpfarrer im frontnahen Einsatz[1]. Am Beispiel einiger seiner Kriegspredigten soll die deutschnationale Gewalttheologie im Kontext der soziokulturellen Lage am Endedes „langen 19. Jahrhunderts“[2] in diesem Essay rekonstruiert werden.

Dabei handelt es sich um eine Rekonstruktion aus historischer und theologischer Perspektive. Gezielt wird nach den historisch-gesellschaftlichen Bedingungen der Theologie Kesslers und zugleich nach ihren Konstruktionsprinzipien gefragt. Wie bei allen historischen Rückblicken steht im Raum, dass alles auch hätte ganz anders sein können, insofern Individuen trotz und innerhalb ihrer zeitbedingten Prägung durchaus auch Wahlmöglichkeiten des Denkens und Handelns hatten. Es gibt nur wenige Beispiele dafür, dass im ausgehenden langen 19. Jahrhundert unter den gleichen historischen Bedingungen, alternative theologische Konsequenzen mit entsprechend anderer Wirkungsgeschichte vertreten wurden. Prominentes Beispiel für eine solche Neuorientierung bildet die Wende in der Theologie Paul Tillichs, der 1914 begeistert als Freiwilliger in den Krieg zog, dort bis 1918 als Feldprediger wirkte und sich schließlich traumatisiert von seiner Kriegsbegeisterung abwandte.

Diese Überlegungen verdanken sich dem Interesse, den handelnden Personen in ihrer jeweiligen historischen Situation gerecht zu werden. Prägungen durch Denktraditionen, gesellschaftliche und wissenschaftliche Traditionen, Erfahrungen und Routinen führen zu einer spezifischen Einengung des Denk- und Handlungsspielraumes. Andererseits ist kein Mensch allein das Produkt der gesellschaftlich dominierenden Prägungen, sondern hat innerhalb bestimmter Grenzen durchaus eine Wahl- und Entscheidungsfreiheit. Den biographischen Werdegang und damit auch einen Teil der individuellen Bedingungen, unter denen Kessler Theologie trieb, habe ich im Kontext der Autobiographie Kesslers dargestellt[3]. Diese Darstellung soll hier im Blick auf eine kritische Betrachtung der historischen Bedingungen wie auch in Bezug auf die spezifische Gewaltförmigkeit der Theologie Kesslers, insbesondere seiner Kriegspredigten, ergänzt werden. Kessler wird damit auch als Typus einer bestimmten theologischen Orientierung erkennbar, der damals weit verbreitet war.

Das Deutsche Reich im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert

Das Deutsche Reich hatte in der zweiten Hälfte des 19. und im beginnenden 20. Jahrhundert bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges eine im europäischen Vergleich bemerkenswerte Entwicklung genommen. Während zu Beginn des 19. Jahrhunderts England bei den Kennzahlen der industriellen Produktion und auch der landwirtschaftlichen Produktivität noch ganz klar dominierte, hat Deutschland, ausgehend von einer relativ rückständigen Position, England bis zum Beginn des 20. Jahr­hunderts in fast allen Bereichen ein- oder überholt. Mehr noch gilt das für die anderen europäischen Staaten. Die großen Veränderungen traten zwischen 1850 und 1900 ein. Zugleich darf man nicht vergessen, dass die USA die europäischen Länder in den meisten Bereichen samt und sonders weit überholten.[4] Im Bereich der elektrotechnischen und chemischen Industrie hatte sich Deutschland um 1914 „…eine weitgehende Führungsstellung auf den Weltmärkten…“ verschafft und hatte auch England weit überflügelt; bei manchen Produkten hatte Deutschland ein fast weltweites Monopol inne[5]. „Wie David S. Landes schreibt, gibt es für diesen Sprung zu technologischer und wirtschaftlicher Hegemonie sowohl im Hinblick auf die technische Virtuosität wie auf die kaufmännische Aktivität, die dabei wirksam waren, keine historische Parallele“[6]. Kocka stellt im Zusammenhang mit Erörterungen zum im europäischen Vergleich deutlich überdurchschnittlichen Bevölkerungswachstum Deutschlands fest: „Diese wechselseitige Verstärkung von ökonomischem und demographischem Wachstum gehörte zum Kern jener eindrucksvollen sozialökonomischen Dynamik, die die Deutschen des Wilhelminischen Reichs mit so großem Stolz und viele Nachbarn mit Sorge betrachteten“[7]. Solch ein beschleunigter Fortschritt und Erfolg konnte den Zeitgenossen durchaus zu Kopf steigen.

Kessler ist – wie viele Zeitgenossen – geradezu besoffen von der rasanten Entwicklung Deutschlands auf verschiedenen Feldern. In der Festrede „Vier Helden“[8] schwärmt er vom „deutschen Aar“, der „seine starken Schwingen“ entfaltet. Er beginnt mit dem Lob der Arbeit, um dann Erfolge der jüngeren deutschen Geschichte aufzuzählen: „Das deutsche Volk arbeitete, wie wohl noch nie ein Volk der Erde gearbeitet hat“. Dann zählt er die Leistungen der Wissenschaft, der Industrie, der Technik, des Handels, die Anzahl der Deutschen, das Vermögen, das Heer und die Flotte auf. „So kämpfte sich das deutsche Reich zur Weltmacht empor“[9]. Hieraus entwickelt Kessler den „wahre(n) Grund des Krieges“, nämlich der über Bewunderung und Neid sich entwickelnde Hass der anderen Völker[10], der Kriegsgegner.

Der in den engen Verhältnissen einer kleinen Landpfarrei aufgewachsene Kessler war durch Bildung und Beziehungen in eine Schicht von Bildungsbürgern und Adligen aufgestiegen[11]. Eine genauere Betrachtung der soziokulturellen und politischen Lage des sich in rasanter gesellschaftlicher Umwandlung befindenden Deutschen Reiches lässt jeweils unterschiedliche Entwicklungen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen erkennen, so auch unterschiedliche politische Orientierungen verschiedener Gruppierungen des Bürgertums.

In diesem Essay soll es nicht nur darum gehen, wie die Kriegspredigten Kesslers und auch die Person Johannes Kessler aus heutiger Perspektive zu beurteilen sind, sondern auch um die Fragen: Wie ist Johannes Kessler in der gesellschaftlichen Situation der Kriegs- und Vorkriegszeit politisch und soziologisch einzuordnen? Wie hat er sich politisch orientiert und welche realistischen Alternativen hätte es gegeben?

Einerseits gehörte Kessler als Pfarrer zum Bildungsbürgertum und damit soziologisch zu einem Teil der oberen Mittelschicht, der viel zur Meinungsbildung in der Breite beitragen konnte[12]. Es gehört zu den von vielen Historikern vorgetragenen Erkenntnis[13], dass gerade die bürgerlichen Mittelschichten zunehmend zu einem extremen Nationalismus tendierten, die Flottenpolitik des Reiches unterstützten und sich für die neue „Weltpolitik“ begeisterten. Dazu gehörte auch ein wachsender Antisemitismus gerade dieser Schichten.

Andererseits war Kessler durch seine Stellung als früherer Prinzenerzieher und Hofprediger in besonderer Weise dem Hof verbunden und mit diesem vertraut. Die Hofkreise waren zwar sehr konservativ eingestellt und in Gestalt des bekanntermaßen sprunghaften und großsprecherischen Kaisers Wilhelm II militärisch abenteuerlich aufgestellt. Die Politik des Hofes wurde jedoch weit rechts überholt von Flottenverein, Alldeutschen und den Antisemiten um Ludendorff. Diese Kreise übten rechtsnationale Kritik an der konservativen Regierung. Als bürgerliche Träger des Nationalismus erwähnt Nipperdey unter vielen anderen Gruppierungen „die protestantischen Kirchen“[14] und dann noch einmal differenzierter „die protestantischen Pastoren und Kirchenleitungen“[15].

Schon für die Erfahrung des Sieges 1871 und die Reichseinigung galt: „In die Wogen der verständlichen Freude und Dankbarkeit über Einheit und Sieg 1871, in den Enthusiasmus auch, mischte sich viel nationales, intellektuelles wie vulgäres Sieges- und Triumphgeschrei mit manchen Zügen eines kollektiven Rausches, jedenfalls im protestantischen Bürgertum“[16].

Dabei ist zu bedenken, dass „Nationalismus“ in Deutschland sich von einer „linken“ Einstellung für Demokratie und Nationsbildung – man denke z.B. an das Hambacher Fest oder die 48er Revolution samt Paulskirchenversammlung – über die Jahrzehnte seit der Reichsgründung immer mehr zu einer nicht-demokratischen, vielfach reaktionären und auf Erhaltung und Steigerung nationaler Besitzstände gerichteten Haltung entwickelte[17] – bis hin zu einem gegen innere und äußere Feinde gerichteten „kulturell“ begründeten Imperialismus. Allzu schablonenhaft darf man sich diese Entwicklung des Nationalismus allerdings nicht vorstellen. Kocka weist darauf hin, „…dass der Nationalismus immer ein Janusgesicht besaß, zu dem Partizipation und Aggression zugleich gehörten“[18]. Es handelte sich um sich wandelnde Mischungsverhältnisse von Inklusion und Exklusion, die es zu rekonstruieren gelte[19]. Es ist ja auch kein Zufall, dass z.B. Kessler sich immer wieder affirmativ auf den frühen nationalen Aufbruch der Befreiungskriege und die Völkerschlacht zu Leipzig bezieht und dessen Ausgrenzungs- und Aggressionspotenzial anzapft.

Die extreme Rechte, die sich sogar gegen die konservative Reichsregierung richtete, wurde auch von einem Teil des protestantischen Bürgertums getragen. „Der rechte Nationalismus wurde eine politische und bürgerliche Macht, die die Militarisierung der Außen- wie der Gesamtpolitik und der öffentlichen Meinung entschieden vorantrieb“[20] und trat damit sogar in Opposition zur konservativen Regierung. „Auch gegenüber der etablierten Militärführung waren die alldeutschen oder ultranational-popularen Militärfreunde fast eine quasi-Opposition…“[21].

Wie auch bei den Kriegspredigten zu sehen ist, zeigte sich zwar eine typisch deutsche Ausprägung des extremen Nationalismus, aber gleichwohl haben wir es hier mit einer gesamteuropäischen Entwicklung zu tun. „Seine ideologische Hauptstütze fand der Konservatismus in den letzten Jahrzehnten vor 1914 hauptsächlich bei den Kirchen, …in Deutschland beim monarchietreuen Protestantismus“[22]. „Schließlich aber warfen sich die Konservativen rückhaltlos dem neuen aggressiven Nationalismus in die Arme, welcher die europäischen Völker seit Anfang der achtziger Jahre zu erfassen begann, und suchten ihre liberalen Gegenspieler durch eine noch militantere nationale Gesinnung zu übertrumpfen“[23]. Mommsen deutet den europäischen Imperialismus der Zeit von 1885-1918 „…als eine Ex­tremform nationalistischen Denkens“[24]. „Auch religiöses Sendungsbewusstsein gehörte zu den Elementen dieser neuen imperialistischen Ideologie[25]“. Allerdings war dies nach Einschätzung Mommsens zweitrangig gegenüber dem Motiv, „…neue Märkte und neue profitable Investitionsfelder…“ für die nationale Wirtschaft zu erschließen[26].

Lapidar stellt Mommsen fest: „Am Vorabend des Ersten Weltkrieges gab es das Bürgertum als besonderen Stand oder als in sich geschlossene Gesellschaftsschicht nicht mehr“[27] – insofern gab es auch keinen festen politisch-sozialen Rahmen, innerhalb dessen sich ein bürgerliches Subjekt hätte orientieren können. Verunsicherung, „Nervosität“ und unterschiedliche Formen von Konkurrenz und Dominanzstreben bildeten die psychosoziale Gemengelage.

Thomas Nipperdey beschreibt in einem kleinen Bändchen, in dem er „…die Entstehung der Moderne unseres Jahrhunderts aus dem Geist der bürgerlichen Kunstkultur des vorigen Jahrhunderts zu begreifen“ sucht[28], „…die entstehende Nähe von Bürgern zur unbürgerlichen Modernität“[29]. Das Unbehagen in und an der modernen Kultur wurde zu einer Signatur der Gegenwart“[30]. „Die religiöse Weltinterpretation hat ihre Kraft verloren, aber auch die sie beerbende Wissenschaft…“[31]. Entscheidender Erkenntnisgewinn der Analyse Nipperdeys ist in diesem Zusammenhang die Feststellung, dass die verbreiteten Krisengefühle gegenüber der Moderne ganz entschieden auf dem Boden der Modernität stehen und bleiben[32]. „Die Problematik des Modernen wird nicht mehr im Horizont einer vermeintlich unproblematischen und gar verklärten Tradition gesehen, sondern im Horizont der Moderne selbst. Es ist eine zweite Stufe der Modernität“[33].

Die vorausgehende Analyse der krisenhaften Lage der Situation in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg und insbesondere der Lage des Bürgertums ermöglicht es, die Orientierungen Kesslers in dieser Situation genauer einzuordnen.

Vor allem orientierte sich Kessler über Jahrzehnte an der Haltung des Hofes, dem er in großer Loyalität anhing. Es fällt jedoch auf, dass er sich in den mir bekannten schriftlichen Äußerungen nirgends negativ oder abwehrend gegen die von Nipperdey u.v.a. beschriebenen „ultranational-popularen Militärfreunde“ wandte, sich also nach rechts nicht abgrenzte, sehr wohl jedoch nach links. Vielmehr erwähnt er im Kontext einer Aufzählung der großen Leistungen des deutschen Volkes bzw. Reiches zustimmend die deutsche Flotte[34], das große Prestigeprojekt der Ultranationalen. In Verbindung mit einer Begegnung mit Unterstaatssekretär a.D. Wahnschaffe erwähnt Kessler begeistert dessen Kontakte zu Hindenburg, Ludendorff und Tirpitz in den letzten Kriegsjahren[35].

An welchen anderen politischen Richtungen hätte Kessler sich stattdessen orientieren können? Es gab auf der anderen Seite das katholische Zentrum, die SPD und – immer weniger – liberale Teile des Bürgertums. Das Zentrum kam für Kessler sicher schon aus konfessionellen Gründen nicht in Frage und auch die SPD als damals zumindest rhetorisch noch revolutionäre Partei lag außerhalb der Bandbreite, die für Kessler ohne radikale Umkehr eine realistische Möglichkeit gewesen wäre. Da, wo Kessler Entscheidungsmöglichkeiten hatte, orientierte er sich meist an der weiter rechtsstehenden Möglichkeit, paradigmatisch „Treitschke statt Mommsen“[36]; auch die „liberalen Nationalisten“[37] Max Weber oder Friedrich Naumann spielen für ihn keine Rolle. Treitschke definierte „..das Wesen des Staates als Machtorganisation der Nation und folgerte daraus, dass eigentlich nur der militärische Großstaat diesem Ideal entspreche…“[38]. Kessler erwähnt Treitschke in seiner Autobiographie immer wieder anerkennend und bewundernd.

Die zuletzt herangezogene Analyse Nipperdeys im Kontext der Wahrnehmung zeitgenössischer Kunst zeigt uns das Bild eines Bürgertums, das sich mit der krisenhaften Moderne auf dem Boden der Moderne selbst auseinandersetzt. Hier ist ein entscheidender Unterschied des von den Ambivalenzen und der Zerrissenheit der Moderne geprägten Bürgertums zu den allermeisten Repräsentanten der evangelischen Kirche, namentlich den Pfarrern zu erkennen. Letztere nämlich fühlen, denken und handeln bis auf wenige Ausnahmen durchaus „…im Horizont einer vermeintlich unproblematischen und gar verklärten Tradition…“[39]. Das heißt dann aber auch, dass die evangelischen Pfarrer – obwohl soziologisch Teil der bildungsbürgerlichen Schicht – gerade nicht zu diesem zweifelnden, modernen Bürgertum gehörten, sondern rückwärtsgewandt an vormodernen Idealen festhielten! Die Kirche war vom Bürgertum weitgehend verlassen worden. Nicht zuletzt deshalb konnte das Strohfeuer der großen Freude um so höher lodern, als so viele Menschen sich im Krieg kurzfristig unter den alten Maximen, Haltungen und Ideologien wieder unter den Kanzeln einfanden. Modern gesprochen befand sich die Pfarrer- und Theologenschaft in ihrer großen Mehrheit in einer ganz eigenen Retro-Kommunikationsblase, die nach dem Krieg zum Teil platzte und dann zum Teil noch mehr ins Gewaltsame und Antidemokratische kippte. Die Orientierung an vormodernen Leitbildern war ihr Weg, das verbreitete Unbehagen an der Gegenwart rückwärtsgewandt zu kompensieren.

Cover der Publikation von Pfarrer Johannes Kessler: Deustche Frauen-deutsche Frauen, 1915

Kriegsansprachen

So war die Lage zu Beginn des Ersten Weltkriegs. Die Kriegspredigten und -ansprachen – nicht nur Kesslers – dienten, wie eingangs schon formuliert, der Formatierung der öffentlichen Meinung! Die Loyalitätsverpflichtungen gegenüber dem nationalen Staat werden von Kriegspredigern religiös überhöht und tragen zur Internalisierung dieser Verpflichtungen bis hin zur Aufgabe des eigenen Lebens bei[40].

Bevor ich mich der spezifischen Charakteristik der Kriegspredigten Kesslers zuwende, möchte ich darauf hinweisen, dass seine Kriegspredigten leider alles andere als ein Einzelfall sind und insofern auch kein herausragendes Beispiel darstellen, das es nur im Kontext der Potsdamer Garnisonkirche gegeben hätte. Gleichwohl bleibt diese Kirche ein herausragendes Symbol für eine breit vertretene nationalistische und gewaltverherrlichende Theologie.

Die breit angelegte Studie Wilhelm Pressels zeigt in beeindruckender Fülle vergleichbare Kriegspredigten in Deutschland während des Ersten Weltkriegs, und zwar quer durch die Regionen, quer durch die unterschiedlichen Schulen der evangelischen Theologie und auch quer durch die Konfessionen, trotz des noch nicht vergessenen „Kulturkampfes“[41]. Im Hinblick auf die weiter unten folgenden Ausführungen zur Geschichtstheologie zitiere ich hier die zu diesem Thema einschlägige Zusammenfassung Pressels: „Die im 19. Jahrhundert durch das Geschichtsverständnis Herders, der Romantik und des deutschen Idealismus, durch die Deutung des AT bei E. M. Arndt und F. Kohlrausch sowie durch das Verständnis des Reiches Gottes als des ‚Zwecks‘ der Menschheitsentwicklung bei A. Ritschl vorbereitete Gleichsetzung von Welt- bzw. Nationalgeschichte und Heilsgeschehen wurde in der Kriegstheologie zum Programm erhoben“[42].

Martin Greschats kurze, aber gleichwohl überaus detailreiche Studie belegt, dass die Kirchen bzw. Prediger in sämtlichen am Weltkrieg beteiligten Ländern in desillusionierender Weise die eigene Kriegsbeteiligung und Art der Kriegsführung jeweils als Verteidigungskrieg rechtfertigten und überhöhten sowie Ressentiments und Hassgefühle gegenüber dem Kriegsgegner nach Kräften speisten. Greschat zeigt, dass und in welcher Weise die Kirchen und ihre Geistlichen unter je unterschiedlichen konfessionellen, religiösen, nationalen und kulturellen Bedingungen die eigene Rolle im Krieg religiös überhöhten und die Gegner dämonisierten. Seine Darstellung der wenigen Friedensinitiativen von Kirchen und Geistlichen belegt leider nur einmal mehr, dass nur eine winzige, durchaus tapfere Minorität gegen den Mainstream von Gewaltverherrlichung und Hass in den Predigten und Reden anzugehen versuchte[43]. Z.B. schrieb im Sommer 1914 der „…französische reformierte Pfarrer Charles Babut an den ihm bekannten und hoch geschätzten preußischen Oberhofprediger Dryander… und bat den Deutschen um die Zustimmung zu einer von ihm entworfenen Erklärung der ‚Christen in Deutschland und England, Österreich und Frankreich, Belgien und Serbien‘“[44]. U.a. beinhaltete die Erklärung bei allem Verständnis für Patriotismus in allen Ländern „…die Absage an den Hass auf den Gegner, das Bemühen um eine möglichst menschliche Kriegführung, die Fürbitte für sämtliche Opfer des Krieges und schließlich das inständige Gebet für einen baldigen gerechten und dauerhaften Frieden“[45]. In einem auch von anderen Berliner Geistlichen unterzeichneten Antwortschreiben, in dem in „hochfahrender“ Weise[46] eine von der Sicht der deutschen Regierung nicht zu unterscheidende kirchliche Sicht wiedergegeben wurde, lehnte Dryander eine Unterzeichnung der Erklärung brüsk und kategorisch ab.

Ein weiteres Beispiel macht die Minoritätsposition derjenigen Geistlichen, die sich für Frieden einsetzten, in erschreckender Weise deutlich: „‘Im Gedächtnismonat der Reformation‘ verfassten 1917 fünf Berliner liberale Pfarrer eine Erklärung, in der sie allen Glaubensgenossen, ausdrücklich auch den Gegnern, die ‚Bruderhand‘ reichten. Sie wünschten einen Frieden der Verständigung und Versöhnung, sagten der ‚unheilvollen Herrschaft von Lüge und Phrase‘ in allen Lagern den Kampf an und verpflichteten sich schließlich, als Christen fortan mit aller Entschlossenheit gegen ‚den Krieg als Mittel der Auseinandersetzung unter den Völkern‘ zu kämpfen“[47]. Auf diese Erklärung der fünf antworteten 160 (!) Berliner Pfarrer ebenfalls öffentlich, dass mit solchen Erklärungen der Siegeswillen der Feinde bestärkt und der Krieg verlängert werde. Es gebe „…‘nur zweierlei für das deutsche Volk: Sieg oder Untergang‘. Nach dem Sieg könne man über Versöhnung reden“[48].

Die kulturgeschichtliche Herangehensweise Greschats macht deutlich, inwieweit die propagierten religiösen Leitbilder ein Aspekt „…der Tatsache (sind), dass sämtliche Traditionen, Ideale und Werte… im Weltkrieg in einen totalen Krieg eingeschmolzen wurden…“[49]. „Die Geistlichen aller großen Konfessionen des Westens unterstützten materiell und erst recht moralisch die Kriegsanstrengungen ihres jeweiligen Landes, während katholische, protestantische und jüdische Nichttheologen ihre Glaubensbrüder mit ebenso wenig Schuldgefühlen erschlugen wie die Atheisten ihre ungläubigen Kollegen umbrachten“[50]. „…die Kirchen und die große Mehrheit der Christen in sämtlichen kriegführenden Staaten…“ sahen „…dabei Gott als Kombattanten, als den Mitstreiter im eigenen Lager. Aus der Friedensbotschaft des Evangeliums und der universalen göttlichen Liebe wurde die Verkündigung eines brutalen nationalen Götzen“[51]. Nach solcher Lektüre kann man in der Tat an der Friedensfähigkeit der Kirchen und des Christentums (ver)zweifeln. Aus diesen unsäglichen Verirrungen auf allen Seiten (!) zu lernen wäre eine dringende Aufgabe im Kontext des derzeit tobenden Krieges zwischen Russland und der Ukraine[52]. Ausführungen zur Diskussion der grundsätzlichen Friedensfähigkeit des Christentums überschreiten den Rahmen dieses kleinen Essays bei Weitem. Erinnert sei hier aber an das Bonmot des Friedensforschers Johan Galtung: „Die Kirche (hat) eine Tendenz, sich selbst für friedlich zu halten, weil während der Predigten nicht geschossen wird“[53]. Wenn man sich die bei Greschat oder Pressel versammelten Beispiele zu Gemüte führt, wird dieser realistische Sarkasmus leider durchaus bestätigt.

Kurzschlüssige Identifikation von Realgeschichte und Heilsgeschichte

Gott handelt in der Geschichte. Dies ist eine grundlegende biblische Gewissheit, die sich durch die hebräische Bibel bis ins Neue Testament hindurchzieht. Gott greift durch sein Heilshandeln in die reale Geschichte ein, das ist der Ausgangspunkt jeder Geschichtstheologie, die sich auf das Geschichtshandeln Gottes in den biblischen Schriften bezieht. Die entscheidende Frage in diesem Zusammenhang lautet, in welcher Weise Geschichte auf das Handeln Gottes hin gedeutet wird. Die Gefahr, die jeder Geschichtstheologie droht, ist die Funktionalisierung Gottes für die jeweiligen eigenen Interessen, die durch eine falsche Unmittelbarkeit zwischen geschichtlichen Ereignissen und dem daraus gedeuteten Handeln Gottes erfolgt. Einer solchen falschen Unmittelbarkeit und Funktionalisierung Gottes sind die von Pressel wie von Greschat vorgestellten Kriegstheologien sämtlich erlegen. Gegen solche Geschichtstheologie der „Deutschen Christen“ erhob die Barmer Erklärung und mit ihr die Bekennende Kirche Einspruch – allerdings zugleich eine spezifische Leerstelle bei der Verknüpfung des Themas „Gott und Geschichte“ hinterlassend[54]. Der nach dem Durchgang durch die Kriegsansprachen Kesslers dargestellte Vergleich Gunda Schneider-Flumes zwischen Paul Tillich, Emanuel Hirsch und Richard Shaull zeigt eine gangbare Alternative zwischen diesen Extremen auf.

Zunächst aber gilt es zu fragen, wie Kessler in seinen Kriegsansprachen und -predigten[55] mit dem Thema „Gott in der aktuellen Geschichte“ umgeht. Wie schon in meinem Beitrag zu Kessler dargestellt[56], hat dieser in seinen Kriegsansprachen immer wieder das Motiv des Verteidigungskrieges herangezogen und damit den Krieg für die deutsche Seite gemäß der Lehre vom „Gerechten Krieg“ zu legitimieren gesucht.

In der Ansprache „Drei Glockenklänge“ bezieht Kessler sich auf die Inschriften der Glocken von Metz, die aus den ersten erbeuteten Geschützen des 1870/71er Krieges gegossen worden waren. Im ersten Abschnitt eröffnet Kessler seine Ansprache quasi militärisch mit dem Ruf „…in Kriegssprache: Vorwärts mit Gott!“[57]. Von Gott „dem Allmächtigen“ fordert er, dass er „…unsere Waffen segnen muss“[58]. Die dritte Glocke trägt die Inschrift: „Durch Gott zum Sieg“. Hier folgert Kessler nationaltheologisch: „Wer wird siegen? Selbstverständlich der, der am stärksten ist. und wer ist am stärksten? Der, der Gott auf seiner Seite hat. Wo Gott ist, da ist Sieg“[59]. Im folgenden Absatz schließt Kessler aus seiner Feststellung, dass „unsere Sache… die gerechte Sache“ ist, dass Gott „…die Sache des deutschen Volkes zum Siege führen“ wird[60]. Auch hier dient als ergänzende Begründung wieder das Verteidigungsmotiv: „Der Krieg ist uns in brutaler Weise aufgezwungen worden“[61]. Weiter führt Kessler als Begründung und Rechtfertigung des Handelns Gottes kulturelle, geschichtliche und kirchengeschichtliche Gründe an, die in der Behauptung des „Weltberufes“ des deutschen Volkes gipfeln: „Wir glauben an einen Weltberuf unseres Volkes. Ein Volk, das Gott mit solchen Gaben des Geistes und Tiefen des Gemütes ausgestattet, das er in den Tagen der Reformation zum Träger seines Evangeliums berufen, das er in den Tagen der Freiheitskriege zum Vorkämpfer einer neuen Zeit erwählt, ein Volk, dem Gott einen Luther und Lessing, einen Goethe und Schiller, einen Kant und Bismarck geschenkt, dies Volk kann er nicht bei Seite werfen, mit solchem Volke hat er noch Großes vor, solch Volk darf gegen eine Welt von Feinden trotzen und triumphieren: Durch Gott zum Sieg!“[62] Man sieht, wie in großer Eindeutigkeit und ohne von Zweifeln angenagt zu sein der Segen Gottes für die Kriegführung des Deutschen Reiches reklamiert wird. Gott wird funktionalisiert als derjenige, der die „gerechte Sache“ des deutschen Volkes zum Siege führt[63].

In der Festansprache „Vier Helden“[64] orientiert sich Kessler an einem Gedicht von Ernst Moritz Arndt[65]. Der „vierte und größte Held“ im Arndtschen Gedicht ist für Kessler „Deutscher Gott, deutscher Glaube ohne Spott“. Kessler betont immerhin, dass dieser Gott kein „deutscher Wotan“ sei, dass seine Zeitgenossen Gott aber neu im „deutschen Gewissen“ erlebten[66].

Im nächsten Abschnitt wird der „deutsche Glaube“ dezidiert geschichtstheologisch verstanden: „Da lässt Gott seine Stimme hören im Donner der Schlachten, da schreitet er mit ehernen Schritten durch die kämpfenden Völker, da greift er mit gewaltigem Arm ein in die Geschicke der Nationen…“[67]. Und wenig später heißt es: „…und wie aus verschütteten Schachten kommt’s wieder ans Tageslicht das Gold des deutschen Glaubens“[68]. Hier wird deutlich, wie Gottes Heilshandeln auf geradezu groteske Weise unmittelbar mit dem Kriegsgeschehen verbunden und zugunsten eines „deutschen Glaubens“ funktionalisiert wird.

In seiner Festpredigt an Kaisers Geburtstag 1916 argumentiert Kessler wiederum geschichtstheologisch: „… Gott naht sich uns jetzt in besonderer Weise. Er redet mit uns durch diesen Krieg“[69]. Seine Predigt, die sich auf Psalm 75,4 bezieht, oszilliert zwischen Teilen, in denen der Mensch an die Stelle Gottes gesetzt wird und solchen, in denen dieser Eindruck wieder relativiert und die Subjekt-Objekt-Vertauschung zurückgenommen wird. Die Predigt ist geschickt konstruiert, indem sie damit arbeitet, dass zwischen den Rollen changiert wird. Zunächst gibt Kessler vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Situation dem Psalmisten das Wort: „In solchen Zeiten, wo ein Volk in seinen Grundfesten erbebt, was gilt es da? Der Psalmist antwortet: ‚Das Land zittert und alle, die darinnen wohnen, aber ich halte seine Säulen fest.‘ Ja, das gilt es, daß wir[70] die Säulen unseres Volkes, die starken Stützen, auf denen sein Wohl, seine Zukunft ruht, die granitnen Pfeiler, die seine Größe tragen, festhalten, damit sie nicht wanken und stürzen“[71]. Nach dem Psalmzitat wird flugs insinuiert, dass der Mensch derjenige sei, der „die Säulen festhält“. Als „Säulen“ bezeichnet Kessler die Monarchie, das Kaisertum[72], weiterhin Armee und Reichsverfassung[73]. Dann nimmt er noch einmal Anlauf und benennt statt der „Institutionen und Organisationen“ „…die sittlichen Kräfte, von denen ein Volk getragen und beseelt ist“: Vaterlands­liebe, Einigkeit, Treue[74], Gottesfurcht. Schließlich wird noch einmal das Volk darauf eingeschworen, dass es „seine Säulen“ festhalten müsse: „…dieser Festtag ist ein gewaltiger Gottesruf: Deutsches Volk, halte deine Säulen fest! er (Gott; erg. TP) will in jedem Gewissen das heilige Gelübde wecken: ‚Das Land zittert, aber ich halte seine Säulen fest‘“[75]. Hier sind es eindeutig die – deutschen – Menschen, die das tun, was der Psalmist Gott zuschreibt. Ganz am Ende seines Gedankenganges rückt Kessler dann aber auf einmal das Subjekt zurecht, wohl in der Hoffnung, dass sein Vortrag durch diese oszillierende Technik lange und eindrücklich genug die Rolle des deutschen Menschen im Krieg religiös überhöht hat. Jetzt sagt er nämlich: „Hinter dem ‚ich‘ steht nicht nur der betende Psalmist sondern Jehova selbst. Er, der Herr des Himmels und der Erden, der ewig reiche und ewig treue Gott, spricht: ‚Zitterndes Land, ich halte deine Säulen fest. Ganz gewiß; im letzten Grunde sind wir es ja nicht, die unser Volk und Vaterland schützen und schirmen, retten und aufwärts führen – mit unsrer Macht ist nichts getan – der Allmächtige ist es, der da wirket alles in allem. Aber wir sollen uns ihm als seine Werkzeuge, als seine Handlanger zur Verfügung stellen, dann will er durch uns sein Reich bauen, durch uns auch unser Volk in dieser schweren Zeit erhalten und segnen“[76]. Aber natürlich finden wir auch hier wieder die gleiche Grundfigur, dass Gott, der durch den Krieg zu uns spricht, für die gerechte deutsche Sache streitet.

Die herangezogenen Beispiele mögen genügen um zu verdeutlichen, dass Kessler die Ereignisse des gegenwärtigen Krieges kurzschlüssig mit heilsgeschichtlichen Motiven verbindet, Heilsgeschichte und Weltgeschichte unmittelbar miteinander identifiziert und dabei die eigene Nation in grotesker Weise religiös überhöht. Entsprechend konstatiert Wehler für den Protestantismus im Kaiserreiche: „Aus der Gleichsetzung von protestantischem Glauben und deutschnationaler Grundeinstellung, von deutscher Kultur und Auswirkung der Reformation entstand nicht nur eine ‚deutschnationale Geschichtstheologie‘, sondern auch die politisch-konfessionelle Sozialmentalität des Nationalprotestantismus, welcher der Nation einen ‚Heiligkeitscharakter‘ verlieh“[77] Wie eingangs konstatiert, sollten die Kriegspredigten der öffentlichen Rechtfertigung der Kriegführung und der Steigerung des Durchhaltewillens an der Front und in der Heimat dienen. Je länger der Krieg dauert, desto weniger konnten sie aber diese Funktion erfüllen, da die Menschen das Grauen des Krieges nicht mehr mit den hehren Worten der Kriegstheologen in Übereinstimmung bringen konnten.

Cover der Publikation von Pfarrer Johannes Kessler, 1916

Kritische versus affirmative Theologie

Gunda Schneider-Flume weist in ihrer Untersuchung von 1973 unterschiedliche Methoden des theologischen Umgangs mit geschichtlich-politischer Wirklichkeit auf. Sie bezieht sich dabei auf die einschlägigen theologischen Zugangsweisen von Paul Tillich, Emanuel Hirsch und Richard Shaull; ihre luzide Darstellung lässt sich hervor­ragend auf das Genre der Kriegsansprachen und die Methoden Kesslers anwenden; daher seien die Grundzüge hier kurz wiedergegeben.

Den drei von Schneider-Flume dargestellten Theologen geht es um eine „theologische Durchdringung der Welt“[78], sie haben ein theologisch begründetes Interesse an Geschichte. „Kirche und Theologie… erweisen ihren Sinn gerade, indem sie auf die Fragen und Probleme der geschichtlich-politischen Gegenwart antworten“[79]. Die entscheidende Frage allerdings besteht darin, wie die Bezugnahme von Theologie und geschichtlich-politischer Gegenwart geschieht. „Gefährlich“ wird es dann, „…wenn die Identität von Wahrheit und bestimmter geschichtlich-politischer Wirklichkeit behauptet wird“[80].

Bei Kessler z.B. war vielfach zu konstatieren, dass geschichtliche (Kriegs-)Ereignisse unmittelbar als Gotteserfahrungen interpretiert werden, und zwar affirmativ im Sinne der deutschen Kriegsführung. Das hat Kessler gemein mit den allermeisten Kriegspredigern aller Länder und Konfessionen[81].

Ähnliches konstatiert Schneider-Flume für die Theologien Hirschs und Shaulls. Bei Shaull ereignet sich Gott im revolutionären Geschehen, bei Hirsch im Volks-Nomos des Nationalsozialismus. Bei beiden Theologen wird geschichtlich-politisches Geschehen unmittelbar zu heiliger Wirklichkeit. Hirschs Theologie fördert die „Hingabe an bestimmte politische Wirklichkeit“[82], beide Theologen sprechen politische Praxis heilig[83]. Die Theologie beider „motiviert und sanktioniert“ jeweils „enthusiastische Parteinahme für bestimmtes politisches Geschehen“[84]. Bei dieser Art von Theologie geht jede kritische Funktion gegenüber der Wirklichkeit verloren[85].  

Das genau – Hingabe und enthusiastische Parteinahme – ist es auch, worauf die Kriegsprediger abzielen. In diesem bewusst herbeigeführten Effekt ist die Formatierung der Öffentlichkeit zu erkennen! Ohne Kritikfähigkeit aber wird Theologie affirmativ! Theologie und Kirche haben sich im Weltkrieg bis auf sehr, sehr wenige Ausnahmen[86] restlos für die Kriegsideologie der jeweiligen Staaten funktionalisieren lassen[87]. Diese Theologie war zu kritischer Distanz nicht in der Lage; sie meinte, genau so in der Affirmation hypernationaler Begeisterung und Gewalt ihren Dienst am Volk zu tun und auch der eigenen Bedeutungslosigkeit zu entrinnen.

Tillich dagegen, auf der Suche nach „unbedingtem Sinn“ in der Geschichte[88], ging es zentral darum, geschichtliche Ereignisse niemals unmittelbar mit Gotteserfahrungen, Heiligem o.ä. zu verknüpfen. Sein Anliegen ist, „…gerade die kritische Funktion der Theologie gegenüber der Wirklichkeit zu bewahren“[89] und damit auch Distanz zum politisch-historischen Geschehen zu wahren statt unmittelbarer Identifikation zu verfallen. Seine Theologie bleibt immer kritische Theorie.  Für ihn gibt es „…an keinem Punkt eine Identifikation von Bedingtem und Unbedingtem“[90] – genau diese Identifikation aber nehmen die Kriegsprediger vor: Sie identifizieren ihr jeweiliges partikulares (nationales) und zugleich bedingtes Interesse mit Unbedingtem (Gott). Tillich dagegen ist darum zu tun, das Unbedingte im Bedingten zu entdecken, ohne zugleich das Bedingte religiös zu weihen. Auf der Suche nach Wahrheit weiß diese Theologie, dass alle Erkenntnis immer nur unter den Bedingungen von Ambivalenzen und Zweideutigkeiten zu haben ist. Ja, es geht Tillich darum, dass Theologie immer ihre Kritikfähigkeit gegenüber der eigenen Theorie bewahrt[91]. Mit potenzieller Bedeutungslosigkeit muss Theologie allerdings leben, wenn sie nicht bereit ist, andere Absolutheiten als die Absolutheit der Ambivalenz und Zweideutigkeit auch theologischer Erkenntnisse immer wieder zu konstatieren.

Fazit

Kesslers Kriegsansprachen zeichnen sich durch einen extremen Nationalismus und die Identifikation von Gottes Heilsgeschichte mit den eigenen nationalen Interessen und Perspektiven aus. Leider muss man feststellen, dass er in dieser Haltung keine Sonderstellung einnimmt, sondern einer unter vielen nationalistischen und gegenüber der eigenen Umwelt jeweils unkritischen Theologen aller Konfessionen und in allen kriegsbeteiligten Ländern gewesen ist. Religion bzw. die christliche Botschaft wird unkritisch in den Dienst nationalistischer Ideologie gestellt. Wie den meisten Theologen seiner Zeit fehlt Kessler das Handwerkszeug wie auch das Interesse an einer kritischen Theologie, die gegenüber den kriegerischen Zeitereignissen eine produktive und friedensfördernde Distanz aufbauen könnte. Stattdessen wird die Friedensbotschaft der Bibel in ihren verschiedenen Facetten durch eine Gewalttheologie ersetzt, die der Förderung einer Kriegsbegeisterung dienen sollte, die in der Bevölkerung sich immer mehr in Kriegsmüdigkeit verkehrt hatte, je länger der Krieg und das Blutvergießen dauerte. Verschärfend kommt hinzu, dass Kessler trotz seines weiten Bildungshorizontes und grundsätzlich anderer Wahlmöglichkeiten immer am ganz rechten Rand des nationalistischen Spektrums des Kaiserreichs ansiedelte. Er wie viele andere Vertreter des deutschen Protestantismus bezogen sich theologisch und in ihrem Lebensgefühl auf scheinbar unproblematische vormoderne Leitbilder. Diese Haltung verhinderte auch ganz grundsätzlich eine positive Aufnahme der Ideen der Weimarer Republik, zu der andere zunächst kriegsbegeisterte Theologen[92] schließlich fanden. Stattdessen verharrten Kessler und viele andere bei ihren ultranationalistischen Positionen und säten damit aus, was in der Machtübernahme Adolf Hitlers schließlich Gestalt gewann[93].

Thomas Posern, Pfarrer und Oberkirchenrat im Ruhestand, zuletzt Beauftragter der evangelischen Kirchen bei der Landesregierung in Rheinland- Pfalz


[1] Vgl. Posern, Johannes Keßler – Pfarrer an der Garnisonkirche Potsdam 1893-1907, Hofprediger und Pfarrer in Dresden (http://lernort-garnisonkirche.de/?p=1164)
[2] Vgl. Kocka S. 127 ff. sowie den Untertitel seines hier zitierten Werkes; das „lange 19. Jahrhundert“ währte von den Revolutionen des ausgehenden 18. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg. Die Wendung stammt ursprünglich von Eric Hobsbawm. Ich verwende sie hier, weil der Beginn des 20. Jahrhunderts mit der „Urkatastrophe“ des Ersten Weltkriegs am Ende einer Entwicklung des 19. Jahrhunderts steht.
[3] Vgl. Posern
[4] Vgl. zu diesem ganzen Komplex Palmade, S. 129-150; das Kapitel wurde verfasst von Patrick Verley; vgl. ebenso Mommsen, S. 42-65
[5] Mommsen S. 55f.
[6] A.a.O. S. 56; Mommsen zitiert hier The Cambridge Economic History of Europe. Bd. 6: The Industrial Revolution and After, Teil II, Cambridge 1965, S. 503
[7] Kocka S. 132
[8] Kessler Vier Helden, S. 11
[9] Ebd.
[10] Ebd.
[11] Vgl. Posern
[12] Auch Kocka rechnet die Pfarrer zusammen mit Rechtsanwälten, Ärzten, Angehörigen anderer freier Berufe, Wissenschaftler, höhere Verwaltungsbeamte usw. zum Bildungsbürgertum (vgl. Kocka S. 83)
[13] So Kocka, Mommsen, Nipperdey, Wehler uv.a.
[14] Nipperdey 1993, S. 596
[15] A.a.O. S. 597
[16] A.a.O.1993, S. 251
[17] Vgl. auch a.a.O., S. 598
[18] Kocka S. 113
[19] Vgl. ebd.
[20] Nipperdey 1993, S. 238
[21] Ebd.
[22] Mommsen S. 14
[23] A.a.O. S. 15
[24] A.a.O. S. 16
[25] A.a.O. S. 17
[26] Ebd.
[27] A.a.O. S. 81
[28] Nipperdey 1998, S. 9
[29] A.a.O. S. 70
[30] Vgl. ebd.
[31] A.a.O. S. 71
[32] Ebd.
[33] Ebd.
[34] Kessler 1914b. In dieser Festrede zählt Kessler auch die Errungenschaften des Deutschen Reiches auf, die wir u.a. bei Kocka (S. 132) Mommsen (S. 56) im Wesentlichen sachlich bestätigt fanden, hier aber, um mit dem Neid-Argumentation den Kriegsgegnern die Schuld am Weltkrieg zuzuweisen: „Die deutsche Wissenschaft drang in ungeahnte Tiefen und Höhen. Die deutsche Industrie blühte machtvoll auf. Die deutsche Technik feierte in ihren Erfindungen stolze Triumphe. Der deutsche Handel eroberte den Weltmarkt. Die deutsche Volkszahl mehrte sich um Millionen, das deutsche Vermögen um Milliarden; und das starke deutsch Heer und die aufstrebende deutsche Flotte schützte das Alles auf Land und Meer“ (ebd.)
[35] Kessler 1935, S. 292
[36] So kritisiert er z.B. den von ihm geschätzten Althistoriker Theodor Mommsen, mit dem er in Rom bei seiner ersten Italienreise Theodor Mommsen, mit dem Kessler während einer Italienreise in jungen Jahren in Rom im selben Haus wohnte: Mommsen „verkannte die Größe Bismarcks“ und „unterschätzte die Gefahr der Sozialdemokratie“…, die „Eifersucht Albions“ und den „Rachegeist Frankreichs“ (a.a.O. S. 102) Dagegen: Treitschke hat „Preußens Geist uns eingeimpft“ (Kessler 1935, S. 58).
[37] Nipperdey 1993, S. 600
[38] Mommsen S. 21
[39] S.o. Nipperdey 1998
[40] Vgl. zur Internalisierung von Loyalitätsverpflichtungen durch den neuen Nationalstaat Kocka S. 116
[41] Dieses hier zu referieren würde sich lohnen, aber den Umfang dieses Essays bei Weitem sprengen.
[42] Pressel S. 346
[43] S. dazu vor allem Greschat S. 74-91
[44] A.a.O. 75
[45] Ebd.
[46] Vgl. a.a.O.
[47] A.a.O. S. 81
[48] A.a.O. S. 81 f.
[49] A.a.O. S. 10
[50] A.a.O. S. 13; Greschat zitiert hier Albert Marrin, Last Crusade. The Church of England in the First World War, Durham/NC 1974, VII. Die Darstellung Greschats zeigt, dass sich nicht nur die „Konfessionen des Westens“ an diesem unseligen Projekt beteiligten, sondern auch sowohl die russisch-orthodoxe Kirche auf der Seite des Zarenreiches als auch zahlreiche andere orthodoxen Kirchen in ihren jeweiligen Kontexten.
[51] A.a.O. S. 13
[52] Geschrieben im März 2022
[53] Galtung S. 88
[54] Die Bedeutung jüngerer geschichtstheologischer Entwürfe etwa von Wolfhart Pannenberg kritisch zu würdigen, würde dieses Essay bei weitem überschreiten.
[55] Da Kessler nicht nur Predigten, sondern auch Ansprachen zum Kriegsthema gehalten hat, verwende ich hier den allgemeineren Begriff „Kriegsansprachen“.
[56] Vgl. Posern 2021; dort auch weitere Hinweise zu Kesslers Kriegspredigten
[57] Kessler 1914 a, S. 3
[58] A.a.O. S. 6
[59] Ebd.
[60] Ebd.; dieses Verteidigungs- und Notwehrmotiv greift Kessler immer wieder auf, so z.B. in Verbindung mit der Herabsetzung der Kriegsgegner. Die Kriegsgegner haben den Krieg aus Neid gegen Deutschlands Weltmachtstellung vom Zaun gebrochen (s. auch oben in diesem Essay). Kessler fährt fort: „Das war doch gegen alle Weltordnung, dies aufstrebende Deutschland! Gott hatte doch das Meer englisch geschaffen, die Rheingrenze französisch, und den ganzen Osten russisch! Und diese Weltordnung wollte Deutschland umstoßen? Das durfte nicht sein! Deutschland muss geschwächt, niedergeworfen, wenn möglich, vernichtet werden! Das ist der wahre Grund des Krieges, alles andere sind heuchlerische Vorwände, elende Masken. Nieder mit Deutschlands Weltmacht! das ist die schwarze Seele dieses freventlichen Krieges“ (Kessler 2014 b S. 11). Auch hier folgt das Verteidigungsmotiv auf dem Fuße: „Da gab’s keine Wahl, kein Zögern mehr. Abwehr galt’s, heilige Notwehr. Das deutsche Schwert flog aus der Scheide, und sein sausender Klang hieß: ‚Für Freiheit und Recht!‘“ (ebd.).  Es leuchtet ein, dass eine solche Sicht der alliierten Kriegsgründe eine optimale Folie für revanchistische Gefühle infolge des Versailler Vertrages bot, also schon der Keim für den nächsten Weltkrieg gesät war.
[61] Ebd.
[62] A.a.O. S. 7
[63] Besonders deutlich wird die deutschnationale Verirrung des Glaubens, an die rund zwanzig Jahre später die „Deutschen Christen“ gut anknüpfen können: „Wenn nicht alle Zeichen trügen, bekommt unser Volk einen neuen Weltberuf größer noch als in den Tagen der Reformation und in der Zeit der Befreiungskriege. Nicht nur deutsche Arbeit, deutsche Kultur, deutschen Geist gilt es hineinzutragen in die Völkerwelt, nein, Größeres noch: Deutschen Glauben, recht verstanden den deutschen Gott. Alle Lande sollen seiner Ehre voll werden“ (Keßler 1915, S. 209).
[64] Kessler 1914 b
[65] Kessler zitiert die titelgebende Passage des Arndtschen Gedichtes:
„Deutsche Freiheit, deutscher Gott,
deutscher Glaube ohne Spott,
deutsches Herz und deutscher Stahl,
sind vier Helden allzumal“ (a.a.O. S. 10; Hervorh. im Original)
[66] An dieser Stelle übt Kessler übrigens deutliche Kritik an Nietzsche: „Gott ist tot. Es lebe der Übermensch“. Diese „Kultur des 19. Jahrhunderts“ habe „den Glauben überflüssig gemacht“, klagt Kessler (Kessler 1914 b, S. 16).
[67] Ebd.
[68] Ebd.
[69] Kessler 1916, S. 5
[70] Hervorh. TP
[71] Ebd.
[72] „Notwendigkeit und Wichtigkeit einer monarchischen Spitze“; a.a.O. S. 6
[73] „weise Vereinigung von Freiheit und Gebundenheit“; ebd.
[74] U.a. die feudalen Tugenden der „Fürsten- und Untertanentreue“; a.a.O. S. 8
[75] A.a.O. S. 9
[76] A.a.O. S. 11
[77] Wehler S. 1175
[78] Schneider-Flume S. 124
[79] A.a.O.  S. 116
[80] A.a.O. S. 126
[81] Vgl. die Ausführungen von Greschat und Pressel
[82] Schneider-Flume. S. 134
[83] A.a.O. S. 132
[84] A.a.O. S. 134
[85] A.a.O. S. 127
[86] Eine bekannte und herausragende Ausnahme ist natürlich der Schweizer Theologe Karl Barth gewesen. Schon in einem Brief an Martin Rade vom 31. August 1914 schrieb er: Unabhängig davon, ob Deutschland den Krieg zu Recht führe oder nicht, dürften christliche Theologen Gott auf keinen Fall „so in die Sache hineinziehen, als ob die Deutschen mitsamt ihren großen Kanonen sich jetzt als seine Mandatare fühlen“ und „mit gutem Gewissen schießen und brennen dürften“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Barth#Erster_Weltkrieg, abgerufen am 27.03.2022).
[87] Die Darstellung Greschats weist dies tatsächlich für alle Kriegsparteien nach – es handelt sich hierbei keineswegs um ein deutsches und auch kein protestantisches Sonderphänomen
[88] Das Unbedingte ist in Tillichs ontologisch grundierter Theologie eine Bezeichnung für Gott, jenseits der Bedingungen von Existenz und Essenz.
[89] Schneider-Flume S. 129
[90] A.a.O. S. 119
[91] Schneider-Flume S. 133
[92] Zu denken ist nicht nur an den hier dargestellten Paul Tillich, sondern auch z.B. an Ernst Troeltsch, Martin Rade oder Adolf v. Harnack, die zu „Vernunftrepublikanern“ wurden. Karl Barth hingegen gehörte nie zu den Kriegsbegeisterten.
[93] Vgl. meine Darstellung der Haltung Kesslers zum „Tag von Potsdam“ (Posern 2021)

Online seit: 23. Mai 2022

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