Offene Fragen zur Militärkirche

Philipp Oswalt

George Housman Thomas: Parade in Potsdam am 17. August 1858 (Aquarell)

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Die Potsdamer Garnisonkirche bot im Inneren 3.000 Personen Platz für die Teilnahme am Gottesdienst. Als Militärkirche diente sie den Potsdam stationierten protestantischen Soldaten. Und die waren zahlreich. Im Jahr Ihrer Fertigstellung 1735 gehörten etwa 30% der Bevölkerung zum Militär – 3.500 Menschen – , von denen etwa 3/4 evangelischen Glaubens waren. Gut drei Jahrzehnte später hatte sich die Zahl der Militärangehörigen mehr als verdoppelt, und in den folgenden 150 Jahren schwankte ihre Zahl zwischen 6.000 – 9.000 Personen, zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wuchs sie sogar auf knapp 10.000 an. Teil des Militärwesens waren zudem auch die Arbeiter in der Potsdamer Gewehrfabrik, dem größte Unternehmen der Stadt, Verwundete und Verletzte in den Potsdamer Lazaretten und die Bewohner des Militärwaisenhaus. Das Militärische prägte die Garnisonstadt.

Friedrich August Calau: Invalider Husar auf Kruecken. Um 1800
Der fünfjährige Prinz Wilhelm und sein Bruder Kronprinz Friedrich Wilhelm spielen mit Zinnsoldaten. Schattenrißbild, um 1802

Die Garnisonkirche schwor ihre Kirchgänger auf Treue und Gehorsam gegenüber Gott und ihrem weltlichen Herrscher ein. Waffen und Soldaten wurden hier gesegnet, Gefallene geehrt, erbeutete Trophäen der Kriegsgegner aufgestellt und Heldenfeiern begangen.  In der Zeit ihres 190-jährigen Bestehens haben Preußen bzw. das Deutsche Reich über ein Dutzend Krieg geführt, bei denen über 80 Mio. Menschen getötet wurde. Diese waren:

Österreichischer Erbfolgekrieg (1740–1748) mit Erstem (1740–1742) und Zweitem  Schlesischer Krieg (1744–1745), Angriffskriege Preußens, Annexion Schlesiens
Siebenjähriger Krieg (1756–1763)
Polnische Teilungen 1772, 1793, 1795 (Aufteilung Polens zwischen Preußen, Russland und Österreich, Annexion von Neuostpreußen und Neuschlesien durch Preußen)
Revolutions- und Napoleonische Kriege (1792–1807)
Befreiungskriege (1813–1815)
Schleswig-Holsteinischer Krieg (1848–1851)
Deutsch-Dänischer Krieg (1864)
Deutscher Krieg (1866)
Deutsch-Französischen Krieg (1870/71)
Erster Weltkrieg, ca. 17 Mio. Opfer
Zweiter Weltkrieg, ca. 65 Mio. Opfer, Holocaust

Propagandapostkarte aus dem ersten Weltkrieg

Mit Ende des 19. Jahrhunderts wurden zudem einige Kolonialkriege geführt, bei denen antikoloniale Aufstände niedergeschlagen wurden: Hierzu gehören:

Boxeraufstand China (1900)
Kamerun, 1891 – 1910 (1914-1916)
Deutsch-Südwestafrika (Namibia) 1894 – 1908, Völkermord an Hetero und Nama mit ca. 60.000 Opfern
Deutsch-Ostafrika (Tansania, Burundi, Ruanda)  1905 – 1907, 1914-1918

Hinrichtung von Kriegsgefangenen in Deutsch-Südwestafrika, um 1905/ 1906. Bidl aus: Der Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg (1904 – 1908) in Namibia und seine Folgen. Hg. von Jürgen Zimmerer und Jochen Zeller, Berlin 2003

Diese Kriege führte Preußen bzw. das Deutsche Reich Krieg gegen 64 Länder:

Ägypten
Algerien
Angola*
Armenien
Armenien*
Aserbaidschan*
Australien*
Belgien
Bosnien und Herzegowina
Burundi
China
Dänemark
Estland
Falklandinseln
Finnland
Frankreich
Georgien*
Griechenland
Großbritannien
Irland
Italien
Kamerun
Kanada*
Kasachstan*
Kenia*
Kirgisistan*
Kroatien
Lettland
Liberia
Litauen
Luxemburg
Lybien
Malawi*
Malta
Moldawien
Monaco
Montenegro
Mosambik
Namibia
Neuseeland*
Niederlande
Nordmazedonien
Norwegen
Österreich
Polen
Portugal*
Ruanda
Russland
San Marino
Senegal*
Serbien
Slowakei
Slowenien
Tadschikistan*
Tansania
Tschechien
Tunesien
Turkmenistan*
Uganda*
Ukraine
Ungarn
Usbekistan*
Vereinigte Staaten von Amerika*
Weißrussland

*Kriegsgegner Deutschlands, die außerhalb ihres eigenen Territoriums im Krieg gegen das Deutsche Reich gekämpft haben. Die Länder sind mit ihrer heutigen Staatsbezeichnung aufgeführt.

Diese Geschichte ist bislang so gut wie nicht erforscht: An welchen Kriegen waren Angehörige der Militärgemeinde der Garnisonkirche beteiligt? Wie wurden sie auf ihren Kriegseinsatz in der Garnisonkirche vorbereitet? Was war der Inhalt der Predigten, was die Aussagen symbolischer Gesten? Wie begleitete die Kirche das Kriegsgeschehen und wie wurden Kriegserinnerungen in der Kirche später begangen? Nicht zuletzt in den kirchlichen Archiven in Brandenburg (Domstiftarchiv) und Berlin (Kirchliches Archivzentrum) liegen hierzu umfangreiche Akten, die der Auswertung harren. Für den Lernort Garnisonkirche bedarf es einer – bislang unterbliebenen – Aufarbeitung und Erforschung dieser Militärkirchengeschichte.

Philipp Oswalt, geboren 1964 in Frankfurt Main, Architekt und Publizist, ist seit 2006 Professor für Architketurthoerie und Entwerfen an der Universität Kassel. Er trat nach der Teilnahme am ZDF-Fernsehgottesdienst im Herbst 2017 wegen des Wiederaufbau der Garnisonkirche aus der evangelischen Kirche aus.

Online seit: 23. Mai 2020

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