Ein großes, freudiges „Ja“ und ein kleines, leicht überhörbares „Nein“.

Manfred Gailus

Reichspräsident Paul von Hindenburg (links), wird am Tag von Potsdam vor der Nikolaikirche von Generalsuperintendant D. Dr. Otto Dibelius (rechts) empfangen. Quelle: Bundesarchiv 183-R96855a

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Der „Tag von Potsdam“ (21. März 1933) und die Kirchen

Es ist allgemein bekannt, dass die Kirchen im Prozess der so genannten Machtergreifung des Jahres 1933 keine rühmliche Rolle spielten. Das gilt für die beiden großen Konfessionen: für die katholische Kirche, der etwa ein Drittel aller Deutschen angehörte, und mehr noch für die Protestanten, die in 28 evangelische Landeskirchen zersplittert waren und rund zwei Drittel der Deutschen repräsentierten. Der „Tag von Potsdam“ am 21. März 1933 kann als bedeutendes Symbolereignis auf dem Weg in die Diktatur gelten. Im Folgenden wird der Frage nachgegangen, wie sich die Kirchen während jener unerhört ereignisreichen, hektischen Tage im März 1933 verhielten, und – genereller – welche Rolle sie im ersten Halbjahr 1933 spielten, als die entscheidenden politischen Weichenstellungen für die Etablierung der Hitler-Diktatur erfolgten. Ich konzentriere mich auf die regionalen Vorgänge in Berlin und Potsdam, auch wenn der „Tag von Potsdam“ kein regionales Ereignis war, sondern durch Rundfunk reichsweit übertragen und als nationaler Festtag landesweit gefeiert wurde. Und aus nahe liegenden Gründen beschränke ich mich auf Personen und Aktionen in der evangelischen Kirche, denn Berlin und Potsdam, Brandenburg und Preußen waren protestantisch geprägte Regionen.[1]

Unmittelbar nach dem Reichstagsbrand (27. Februar) äußerte Hitler den Wunsch, für die feierliche Eröffnung des am 5. März neu zu wählenden Reichstags nach Potsdam zu gehen. Den Reichstag, so hieß es jetzt allenthalben in der NS-Propaganda, hätten „die Kommunisten“ angezündet, hinter ihnen stünde das „rote Berlin“, das Ganze sei ein verbrecherisches Fanal zum bolschewistischen Aufstand. Die neue „nationale Regierung“ – sie war noch gar nicht gewählt – würde zum feierlichen Auftakt nach Potsdam gehen und sich damit in die ruhmreiche deutsche Tradition der großen Preußenkönige des 18. Jahrhunderts stellen. Die Wahlen vom 5. März erbrachten für die NSDAP 43,9 Prozent der Stimmen. Zusammen mit Alfred Hugenbergs deutschnationaler Wahlliste „Kampffront Schwarz-Weiß-Rot“ konnte die neue, nationale Koalitionsregierung eine Mehrheit von 52,9 Prozent der Wählerstimmen auf sich vereinen. Die ersten Märztage waren von hektischen Beratungen zwischen Regierung, Innenministerium, der Stadt Potsdam und kirchlichen Stellen über geeignete Örtlichkeiten und die genauen Konditionen der avisierten Potsdamer Zeremonie bestimmt. Sehr bald einigte man sich auf die Potsdamer Garnisonkirche als Schauplatz des feierlichen Staatsakts. Zuvor sollten zwei Eröffnungsgottesdienste stattfinden, für die evangelischen Abgeordneten in der Nikolaikirche, für die katholischen Abgeordneten in der Kirche St. Peter und Paul. Vertreter der Garnisonkirche, so wird berichtet, hätten dem Vorhaben sofort und mit Begeisterung zugestimmt. In der preußischen Kirchenleitung indessen – vertreten durch Präsident Hermann Kapler und Vize-Präsident Georg Burghart – war man zunächst etwas zurückhaltender. Man wünschte keine politischen Beratungen oder gar Debatten in der Kirche. Als am 8. März Hitler, Göring und Innenminister Frick zusammen mit den kirchlichen Spitzenvertretern Kapler und Burghart in Potsdam eine Ortsbesichtigung vornahmen, waren die skizzierten Grundlinien der Zeremonie und das symbolträchtige Datum 21. März beschlossene Sache. Nicht zuletzt sollte damit an den 21. März 1871 erinnert werden, als die konstituierende Eröffnungsfeier zum ersten Deutschen Reichstag des kurz zuvor gegründeten Kaiserreichs im Berliner Schloss stattfand. Jetzt, am 13. März 1933, ernannte Hitler Joseph Goebbels zum „Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda“ und übertrug ihm die weitere Ausgestaltung des Festtags. Goebbels stürzte sich mit Eifer auf die Vorbereitung und vollbrachte, nach den Worten des Kirchenhistorikers Klaus Scholder, binnen Wochenfrist ein „Meisterstück der Propagandaregie“.[2]

Auf kirchlicher Seite fiel für den bevorstehenden „Tag der nationalen Erhebung“ (Goebbels) Otto Dibelius eine Schlüsselrolle zu. Als Generalsuperintendent der Kurmark war er der oberste evangelische Geistliche der Region. Bis zur Abdankung der Hohenzollern im November 1918 glühender Monarchist, gehörte er als jüngerer, wendiger, einflussreicher Kirchenführer mit zu den ersten Protestanten, die sich auf die neuen Gegebenheiten der demokratischen Republik von Weimar und der eingeleiteten Trennung von Kirche und Staat umstellten. Republikaner und entschiedener Demokrat war er indessen nicht. Politisch gehörte der konservative Theologe der DNVP an. Was ihm und sicher auch den meisten seiner Kollegen im Führungskorps der Preußenkirche vorschwebte, war eine Überwindung der ungeliebten „Gottlosenrepublik“ von Weimar und die Etablierung eines autoritär regierenden „christlichen Staates“. Verlautbarungen von Dibelius und Kollegen aus der preußischen Kirchenführung während der ersten Wochen und Monate der Hitler-Regierung lassen sich dahingehend zusammenfassen: herzliche Freude über die politische Wende des „nationalen Aufbruchs“, Betonung der Unabhängigkeit der Kirche auch im neuen Staat, Sorge angesichts einer Politisierung von unten in der Kirche durch die nationalsozialistisch orientierte „Glaubensbewegung Deutsche Christen“ (DC). Am 10. März beauftragte der Gemeindekirchenrat der Potsdamer Nikolai-Gemeinde Dibelius, die Predigt zum evangelischen Eröffnungsgottesdienst zu halten. Damit fiel ihm das entscheidende kirchliche Predigtwort in dieser bedeutungsschweren Stunde zu. Während der folgenden Tage erreichten ihn dringliche briefliche Bitten sowohl von Seiten des politisch liberalen Theodor Heuss wie von dem reformierten Schweizer Theologen Karl Barth, der in Bonn lehrte, mit seiner Predigt ein mahnendes Gewissen zu sein an jenem Jubeltag und in seiner Ansprache auch diejenigen zu berücksichtigen, die inzwischen „mundtot“ (Barth) gemacht seien.[3]

Es war herrliches Frühlingswetter, das diesen historisch gewordenen „Tag von Potsdam“, einen Dienstag, beherrschte – Kaiserwetter mit Hindenburg als Ersatzkaiser. Die Behörden hatten dienstfrei verordnet, Kinder und Jugendliche hatten schulfrei. Goebbels publizierte im Völkischen Beobachter einen Aufruf zur angeblichen „Wiedergeburt der deutschen Nation“, der Rundfunk übertrug den ganzen Tag über Festliches, Heroisches, Erhebendes. Sebastian Haffner erinnerte sich 1939 im englischen Exil nicht ohne Sarkasmus: „War es nicht wirklich schön, festlich im Frühlingssonnenschein auf beflaggten Plätzen in hochgestimmten Mengen unterzutauchen und hehren Worten zu lauschen von Vaterland und Freiheit, Erhebung und heiligem Gelöbnis? (Besser jedenfalls, als unter Ausschluß der Öffentlichkeit in einer SA-Kaserne mit einem Wasserschlauch den Darm aufgepumpt zu bekommen.)“[4] Die Potsdamer Häuser und Straßen hatten Fahnenschmuck angelegt, wobei gerade hier in der altpreußischen Residenz und Militärstadt die alte Reichsflagge Schwarz-Weiß-Rot kaum hinter der Hakenkreuzfahne zurückgestanden haben dürfte. Hauptfigur der Festzeremonie war nicht Hitler, sondern der 85jährige Reichspräsident Paul von Hindenburg. Wie kein anderer verkörperte der greise „Held Hindenburg“ aus ruhmreichen Weltkriegszeiten, der in seiner Feldmarschalluniform erschien, die mit diesem Tag intendierte „Vermählung“ oder „Versöhnung“ zwischen preußisch-deutscher Heldentradition und der zur Macht drängenden, jungen, dynamischen Bewegung Hitlers. Festpostkarten und andere Abbildungen montierten nun die neue, programmatische nationale Ahnengalerie: Friedrich der Große, Bismarck, Hindenburg, Hitler.

Den Auftakt machten vormittags getrennte Festgottesdienste der beiden Konfessionen. In der großen Nikolaikirche am Alten Markt hatten sich ein Großteil der evangelischen Reichstagsabgeordneten und weitere protestantische Prominenz versammelt. Die Anwesenheit des charismatischen, kirchlich-frommen Reichspräsidenten verlieh diesem Ereignis besonderen Glanz. Zugleich war dies die große Stunde von Generalsuperintendent Dibelius, der als Predigtmotiv eine Textstelle aus dem Römerbrief ausgewählt hatte: „Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?“ (Römer 8, 31). Das war genau jener Text, über den Hofprediger Ernst von Dryander am 4. August 1914 anlässlich der kriegsentscheidenden Reichstagssitzung gepredigt hatte. Gewiss war Dibelius’ Textwahl eine bewusste Referenz an die hochpatriotische „Gott ist mit uns“ – Stimmung des August 1914, die viele Protestanten während der umstürzenden Ereignisse des Jahres 1933 aufs Neue empfanden. Und selbstverständlich glaubten Dibelius und mit ihm Hindenburg und die vielen Kirchlich-Frommen auf der nationalen Rechten, dass auch jetzt Gott ihr großer Alliierter im „nationalen Aufbruch“ von 1933 sei, als sie im Bündnis mit Hitler die ungeliebte Weimarer „Gottlosenrepublik“ liquidierten. Wenngleich sich aus Dibelius’ Predigt auch einige kritische Untertöne gegenüber manchen NS-Weltanschauungszielen und der nicht zu übersehenden Gewaltpraxis herauslesen lassen, so erlag er doch im großen Ganzen der euphorischen Aufbruchstimmung im politischen Lager der nationalen Rechten. Unter Verweis auf die neulutherische Zwei-Reiche-Lehre legitimierte er eingerissene NS-Gewaltexzesse: „Ein neuer Anfang staatlicher Geschichte steht immer irgendwie im Zeichen der Gewalt. […] Wir haben von Dr. Martin Luther gelernt, dass die Kirche der rechtmäßigen staatlichen Gewalt nicht in den Arm fallen darf, wenn sie tut, wozu sie berufen ist. Auch dann nicht, wenn sie hart und rücksichtslos schaltet. […] Das muss die doppelte Aufgabe der evangelischen Kirche auch in dieser Stunde sein. Wenn  der Staat seines Amtes waltet gegen die, die die Grundlagen der staatlichen Ordnung untergraben, […] – dann walte er seines Amtes in Gottes Namen! Aber wir wären nicht wert, eine evangelische Kirche zu heißen, wenn wir nicht mit demselben Freimut, mit dem Luther es getan hat, hinzufügen wollten: staatliches Amt darf sich nicht mit persönlicher Willkür vermengen! Ist die Ordnung hergestellt, so müssen Gerechtigkeit und Liebe wieder walten […]“.[5] Während manche Nationalsozialisten ihn nach der Predigt angeblich feindlich angesehen hätten – so wollte sich Dibelius jedenfalls nach 1945 dieser Szene erinnern  – , habe ihm Hermann Göring unmittelbar nach der Predigt die Hand geschüttelt und bekannt: „Das war die beste Predigt, die ich in meinem Leben gehört habe!“[6]

Der zeitgleiche Gottesdienst in der katholischen Kirche St. Peter und Paul stand weit weniger im Rampenlicht. Zum einen lag dies sicherlich daran, dass das katholische Element in der durch und durch protestantischen Region Berlin-Brandenburg eine geringere Rolle spielte. Zudem wohnte kaum politische Prominenz dieser Zeremonie bei. Man hatte ursprünglich wohl mit der Teilnahme von Hitler und Goebbels gerechnet. Beide stammten aus stark katholisch geprägten Elternhäusern. Kurz vor Beginn des Gottesdienstes ließen sie jedoch mitteilen, dass sie wegen der bisherigen kritischen Haltung vieler katholischer Bischöfe gegenüber der NSDAP dem Hochamt fernbleiben würden. Zweifellos wollten sie mit diesem Affront Druck auf die katholischen Kirchenführer ausüben, nun ihre zumeist distanzierenden Unvereinbarkeitserklärungen von katholischer Lehre und Nationalsozialismus aus den Jahren 1930-31 zu widerrufen. Der katholische Reichskanzler Hitler und sein katholischer Minister Goebbels zogen indessen vor, während dieser Vormittagsstunde die Gräber der so genannten nationalsozialistischen Märtyrer auf dem Luisenstädtischen Friedhof in Berlin aufzusuchen.[7]

Die historische Reichstags-Eröffnung in der Garnisonkirche in Potsdam! Reichskanzler Adolf Hitler an der Spitze der Reichsregierung neben ihm Vizekanzler von Papen dahinter Minister Dr. Goebbels schreiten das Spalier der Reichswehr vor der Garnisonkirche in Potsdam ab. Quelle: Bundesarchiv 183-R96855a

Unter dem allgemeinen Glockengeläut sämtlicher Kirchen Potsdams zogen sodann, nach Beendigung der Gottesdienste, in feierlichem Zug und bejubelt von einem dichten Spalier von Menschenmassen, Reichspräsident Hindenburg, Reichskanzler Hitler, die Minister der nationalen Koalition, Reichstagsabgeordnete und andere Prominenz zur Garnisonkirche, dem eigentlichen Hauptschauplatz des symbolpolitischen Großereignisses. In dieser aus der Barockzeit stammenden Hauptkirche der Hohenzollern und der Potsdamer Garnison, in einer Gruft hinter dem Altar, ruhten die beiden großen Preußenkönige des 18. Jahrhunderts – Friedrich Wilhelm I. und sein Sohn Friedrich II. – , deren Wirken maßgeblich mit dem Aufstieg Preußens zu einer europäischen Großmacht verbunden war. Zweifellos war diese Kirche einer der herausragenden Erinnerungsorte preußisch-deutscher Geschichte, eine geheiligte Wallfahrtsstätte preußisch-deutscher Traditionspflege schlechthin. Der Staatsakt begann mit dem Choral „Nun lob’, mein Seel’, den Herren“. Nach einer kurzen Ansprache Hindenburgs gab Hitler eine Art Regierungserklärung. Seine Rede fiel auffallend moderat aus, die Zielsetzungen der Regierung waren in Watte gepackt, er sprach für die nationale Koalition insgesamt, deren Kabinett zu diesem Zeitpunkt mehrheitlich noch nicht aus Nationalsozialisten bestand.

Grundtenor der Rede war der angeblich seit 2000 Jahren nach vorübergehenden Blütezeiten immer wieder erfolgte Niedergang und Verfall der Deutschen durch Uneinigkeit, Zwiespalt, Tatenlosigkeit, Schwäche. Hitler dankte dem Reichspräsidenten für seinen Entschluss vom 30. Januar, das „junge Deutschland“ mit der Führung zu betrauen. Was nun stattfände, sei „die Vermählung… zwischen den Symbolen der alten Größe und der jungen Kraft“. Von den Parteien der Volksvertretung verlangte er, dass sie sich nach fünfzehnjähriger Not „über die Beengtheit eines doktrinären, parteimäßigen Denkens“ erheben mögen. Es sei hier angemerkt, dass die über 90 sozialdemokratischen Abgeordneten dem Potsdamer Schauspiel fernblieben, während die 81 kommunistischen Volksvertreter bereits für vogelfrei erklärt waren und sich teils in „Schutzhaft“ oder aber auf der Flucht befanden. Nach einer Aufzählung sehr allgemein gehaltener Regierungszielsetzungen (Einheit des Geistes und des Willens, ewige Fundamente deutschen Volkstums wahren, Traditionen des Volkes pflegen, alle Gutwilligen neu zusammenfügen etc.) wandte sich Hitler abschließend direkt an Hindenburg: „Wir erheben uns vor Ihnen, Herr Generalfeldmarschall. […] Sie erlebten einst des Reiches Werden, sahen vor sich noch des großen Kanzlers Werk, den wunderbaren Aufstieg unsers Volkes und haben uns endlich geführt in der großen Zeit, die das Schicksal uns selbst miterleben und mit durchkämpfen ließ. Heute, Herr Generalfeldmarschall, lässt Sie die Vorsehung Schirmherr sein über die neue Erhebung unseres Volkes. Dieses Ihr wundersames Leben ist für uns alle ein Symbol der unzerstörbaren Lebenskraft der deutschen Nation. So dankt Ihnen heute des deutschen Volkes Jugend, und wir alle mit, die wir Ihre Zustimmung zum Werk der deutschen Erhebung als Segnung empfinden.“[8] Während dieser Dankesworte an Hindenburg hatte sich die Versammlung erhoben. Otto Dibelius hat als Augenzeuge diese Szene wenig später für die Leser des „Evangelischen Sonntagsblatts“ geschildert. Würdig, ernst und eindrucksvoll seien Hitlers Worte gewesen: „Zum Schluss der Rede die Kundgebung an den Reichspräsidenten. Alles erhebt sich. Als das letzte Wort gesprochen ist, tritt Hitler von dem Pult zurück. Der Reichspräsident tut einen Schritt nach vorn und streckt ihm die Hand entgegen. Hitler ergreift sie und beugt sich tief, wie zum Kuss, über die Hand des greisen Feldmarschalls. Es ist eine Huldigung in Dank und Liebe, die jeden ergriffen hat, der sie mit ansah.“[9]

Anschließend legte Hindenburg Kränze an den Särgen der preußischen Könige in der Gruft nieder. Zum Abschluss der Zeremonie ertönte Orgelmusik. Vor der Garnisonkirche kam es dann erneut zum Händedruck zwischen dem greisen Feldmarschall und dem wieder tief sich verbeugenden einstigen Weltkriegsgefreiten und Reichskanzler Hitler, eine symbolisch hoch aufgeladene Szene, die vielfach fotografiert um die Welt ging und zum Inbegriff dieses Tages geworden ist. Zum „Tag von Potsdam“ gehörte schließlich die ganz unvermeidliche Militärparade: Reichswehreinheiten, Stahlhelm, SA-Verbände, zuletzt auch noch frühlingsbeschwingte Hitler-Jungen und BdM-Mädchen zogen an Hindenburg und Hitler vorüber. Der Festtag klang aus mit Fackelzügen, Jubelkonzerten, Freudenfeuern. Am Abend dieses Tages und während der Folgetage konnten eigentlich alle Hauptakteure dieses Staatsschauspiels für sich eine höchst befriedigende Bilanz ziehen. Hitler und Goebbels konnten für sich resümieren: Wir haben uns höchst effektreich mit den alten nationalen Traditionseliten versöhnt und sie eingebunden in unsere politische Revolution. Der altpreußisch-deutschnationale Flügel der Rechtskoalition um Alfred Hugenberg konnte sich in der Illusion wiegen: wir haben ihn (Hitler) doch recht erfolgreich gezähmt und ‚eingerahmt’, damit sind wir und bleiben wir weiterhin im Spiel. Und auch die Kirchen, hier besonders die in Preußen dominanten Evangelischen, konnten sich erfreut sagen: Wir sind nun wieder gefragt! Und welch’ bedeutende staatstragende Rolle durften wir an diesem politisch wichtigen, symbolträchtigen Tag mitspielen: wir waren die Gastgeber, wir stellten unsere ehrwürdigen Gotteshäuser bereit und wir durften an prominenter Stelle mit dabei sein! Und, auch dies war gewiss noch kirchliches Kalkül: welch ein Unterschied zu den kirchlich so elenden Zeiten der Weimarer „Gottlosenrepublik“, als wir von Seiten der großen Politik (Sozialisten, Zentrum, Liberale) überhaupt nicht mehr gefragt waren, als uns Privileg um Privileg genommen wurde, als die Kirchen bei Parlamentseröffnungen im Abseits standen und sich auf beschämende Nebenrollen abgedrängt sahen.[10]

Am 23. März beschloss der in Berlin versammelte Reichstag mit Zweidrittelmehrheit, bei Gegenstimmen der Sozialdemokraten (93 +1 Abgeordnete) und unter Ausschluss der kommunistischen Fraktion (81 Abgeordnete), das Hitlers diktatorischen Zielen künftig so sehr dienende „Ermächtigungsgesetz“. Jene 444 Abgeordneten, die der Selbstentmachtung des Parlaments zustimmten, waren im großen Ganzen jene, die der Potsdamer Zeremonie in der Garnisonkirche freudig beigewohnt hatten. Nicht zuletzt unter dem starken Eindruck des „Tags von Potsdam“ gaben die katholischen Bischöfe ihre früheren Unvereinbarkeitserklärungen auf und ließen ihren Sinneswandel durch Pressemeldungen am 29. und 30. März bekanntmachen.[11] Auch die Protestanten fühlten sich zu einem offiziellen positiven Statement zugunsten der neuen Regierung gedrängt. In der Osterbotschaft der großen preußischen Landeskirche (11. April), die Millionen evangelische Christen zu Ostern hörten, hieß es: „Die Osterbotschaft von dem auferstandenen Christus ergeht in Deutschland in diesem Jahr an ein Volk, zu dem Gott durch eine große Wende gesprochen hat. Mit allen evangelischen Glaubensgenossen wissen wir uns eins in der Freude über den Aufbruch der tiefsten Kräfte unserer Nation zu vaterländischem Bewußtsein, echter Volksgemeinschaft und religiöser Erneuerung. […] In der Überzeugung, dass die Erneuerung von Volk und Reich nur von diesen Kräften getragen und gesichert werden kann, weiß die Kirche sich mit der Führung des neuen Deutschland dankbar verbunden. Sie ist freudig bereit zur Mitarbeit an der nationalen und sittlichen Erneuerung unseres Volkes. Zur Ausrichtung dieses Dienstes bedarf die Kirche voller Freiheit für die Entfaltung ihres Lebens und ihrer Arbeit. Sie vertraut der Regierung, die uns die feierliche Zusicherung dieser Freiheit gegeben hat.“[12] Aus historisch begründeter tiefer Sorge, in der Gunst bei dem neuen politischen Alleinherrscher gegenüber ihrem konfessionellen Rivalen womöglich ins Hintertreffen zu geraten, mühten sich sowohl Katholiken wie Protestanten im Frühjahr 1933 nach Kräften, bei der neuen Regierung als wohlmeinende Verbündete gutes Wetter zu machen. Hitler wusste natürlich von der historisch tief  eingewurzelten deutschen Konfessionsrivalität, in der er überhaupt ein deutsches nationales Urübel schlechthin sah, und er verstand es durchaus, die beiden rivalisierenden Kirchen gegeneinander auszuspielen.

Nur einen Tag nach „Potsdam“, zum 22. März, hatte der Gemeindekirchenrat der renommierten Kaiser-Wilhelm-Gedächtnisgemeinde (Berlin-Charlottenburg) auf Initiative der Deutschen Christen (DC) zu einem „vaterländischen Dankgottesdienst“ eingeladen. Unverkennbar stand hinter diesem Projekt die Reichsleitung der DC, die mit dieser Großveranstaltung eine Art „kirchliches Potsdam“ inszenieren wollte, eine Versöhnung zwischen den altpreußisch-konservativen Kircheneliten und der seit Monaten heftig angreifenden deutschchristlichen Massenbewegung, einer innerkirchlichen Parallelbewegung zur Hitlerpartei, die sich die Eroberung der alten Kirche zum Ziel gesetzt hatte. Die Prachtkirche war an diesem Mittwoch überfüllt. Nach dem Orgelvorspiel zogen Formationen der SA und des Stahlhelms mit ihren Fahnen in das Gotteshaus ein und nahmen Aufstellung am Altar. Chor- und Gemeindegesang schlossen sich an. Zunächst ergriff der geschäftsführende Geistliche der Gemeinde, Pfarrer Georg Hauk, das Wort. Er sprach über „Volk und Gott“. Endlich beginne nun, so meinte er einen Tag nach der Potsdamer Zeremonie, das dichte Dunkel der letzten Jahre zu weichen. Wer mit Gott im Bunde stehe, so rief er aus, der zwinge schließlich auch „die Hölle“. Mit der „Hölle“ konnte nach Lage der Dinge eigentlich nur die soeben überwundene „Gottlosenrepublik“ von Weimar gemeint sein. Die versammelte Gemeinde in der überfüllten Kirche – es dürften an die 3 000 Besucher gewesen sein – stimmte nun Luthers „Ein feste Burg ist unser Gott“ an. Anschließend predigte Pfarrer Joachim Hossenfelder, der 1. Reichsleiter der Glaubensbewegung DC, über das Thema „Führer und Volk“. Er verglich in seiner deutschchristlichen Geschichtstheologie die Jugend der Befreiungskriege von 1813-15 mit derjenigen der Weltkriegszeit von 1914-18. Deren Hoffen und Sehnen sei nun endlich mit der nationalsozialistischen Machtübernahme in Erfüllung gegangen. Pfarrer Hossenfelder rief die evangelische Kirche dazu auf, bei dem jetzigen Aufbruch der Nation nicht abseits stehen zu bleiben. Tief beeindruckt notierte ein Besucher unmittelbar nach dem Gottesdienst: „Eben ist er [der Gottesdienst] vorüber, es ist 9 ½ Uhr, wir sind noch ergriffen von den gewaltigen Predigten der beiden Pfarrer. Eben so großartig war auch der Gesang des Kirchenchores u. die Lieder der Gemeinde ‚Ein feste Burg ist unser Gott’ und das ‚Niederländische Dankgebet’. Alles haben wir sehr gut verstanden, auch zum Schluß das Glockengeläut. Wir hatten nur den einen Wunsch, mit dort zu sein u. all die Menschen zu sehen welche diesen Gottesdienst beiwohnen konnten. Dieser Gottesdienst war fast noch erhebender als der gestriche in Potsdam. Der Prediger hat uns allen aus den Herzen gesprochen mit den Worten ‚Welch eine Wendung durch Gottes Fügung’. Nun wollen wir noch wünschen, dass Gott unsern herrlichen Führer Ad. Hitler noch weiter den richtigen Weg führt, ihn noch lange gesund erhält u. vor Gefahren schützt, dann können wir auch auf eine bessere Zukunft hoffen.“[13]

Bereitwillige Anpassung, nicht selten auch peinliche Anbiederung an den „braunen Zeitgeist“ durch die etablierten kirchlichen Spitzenbehörden war die eine Seite protestantischen Verhaltens während der ersten Wochen und Monate nach dem 30. Januar. Es ist nicht eine unter den 28 Landeskirchen bekannt, die gegenüber der Hitler-Regierung klar auf Distanz gegangen wäre. Man wollte einfach mit dabei sein, mitschwimmen im großen Strom des proklamierten „nationalen Aufbruchs“. Gewiss, es gab auch hier und da Besorgnisse wegen kirchlicher Unabhängigkeit, es gab Zögerliche, Skeptiker – aber bald schon sahen sie sich alle mitgerissen vom großen Strom des Aufbruchs, der vielen Zeitgenossen wie ein Wunder erschien. Ein größeres Problem entstand den evangelischen Kirchen eher aus den eigenen Reihen, durch eine nationalsozialistisch orientierte Glaubensbewegung, die sich Deutsche Christen nannte. Diese von überwiegend jungen Pfarrern angeführte Bewegung schwoll von Monat zu Monat kräftig an. Im Zuge einer avisierten kirchlichen Machtergreifung sollten die Kirchen von unten erobert und in eine zentralisierte deutsche Reichskirche mit einem starken Führer an der Spitze, dem Reichsbischof, umgewandelt werden. Entscheidend für das religiöse Denken der DC war die semantische Verschiebung des protestantischen Diskurses von „Volk“ auf „Rasse“. Wie lange zuvor schon der inflationär gebrauchte und sakralisierte Volksbegriff wurde nun der Begriff der „Rasse“ zu einer übergeschichtlichen Größe erhoben und damit Bestandteil einer geglaubten göttlichen Schöpfungsordnung. Auf diese Weise war eine generelle Vereinbarkeit von traditionell-christlichen Glaubenspositionen mit der NS-Weltanschauung hergestellt. Indem die DC für die Reinheit der deutschen „Rasse“ und für einen völkisch-christlichen oder „arteigenen“ Glauben kämpften, was sie in zahllosen Traktaten, Artikeln und Predigten des Jahres 1933 bekräftigten, wirkten sie – nach eigener Überzeugung – für die Erhaltung der göttlichen Schöpfungsordnung.[14]  

Spektakuläre Dankgottesdienste wie der erwähnte in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche bildeten den Auftakt des deutschchristlichen Vormarsches. Das begann schon früh, nämlich am Abend des 3. Februar 1933, mit einem Dankgottesdienst in der überfüllten Marienkirche in Berlin-Mitte, in dessen Verlauf Pfarrer Hossenfelder den neu installierten katholischen Reichskanzler als einen „Mann aus einem Guß, gegossen aus Reinheit, Frömmigkeit, Energie und Charakterstärke“ pries. Nur zwei Tage später stand den DC der Dom, das größte Gotteshaus der Reichshauptstadt, für eine schauerliche Totenfeier zu Ehren des am Abend des 30. Januar im Straßenkampf getöteten SA-Sturmführers Hans-Eberhard Maikowski zur Verfügung. Im Verlauf des Jahres 1933 blieb kaum eine evangelische Kirche Berlins von solchen Dank- und Jubelfeiern verschont. „Heldengedenkfeiern“ im März, kirchliche „Führergeburtstagsfeiern“ im April, von der neuen preußischen Kirchenleitung verordnete Dankgottesdienste zum „nationalen Aufbruch“ am 2. Juli, tiefbraun gefärbte Erntedankfeiern im Oktober, deutschchristliche Kundgebungen und Gedenkfeiern aus Anlass des 450. Geburtstags Martin Luthers im November – es fehlte nicht an Anlässen für die Inbesitznahme der Kirchen durch die neue Glaubensbewegung. Von diesen Großinszenierungen ausgehend griff der „braune Kult“ mehr und mehr auch auf die regulären sonntäglichen Gottesdienste über.[15]

Zwei Wochen nach dem „Tag von Potsdam“ und zeitlich eingerahmt vom NS-Judenboykott am 1. April sowie der Verkündigung des Berufsbeamtengesetzes mitsamt „Arierparagraphen“ am 7. April veranstalteten die DC ihre erste Reichstagung im Preußischen Herrenhaus an der Leipziger Straße, wo heute der Deutsche Bundesrat tagt. Die zweitägige Veranstaltung, auf der zum Auftakt als politischer Schirmherr der Mitbegründer der DC und NSDAP-Gauleiter Wilhelm Kube sprach, wurde vom Rundfunk übertragen. Kube, inzwischen auch Oberpräsident der Provinz Brandenburg, sicherte den Versammelten die Unterstützung der großen NSDAP-Fraktion im Preußischen Landtag bei der Umsetzung ihrer kirchenpolitischen Ziele zu. Der Berlin-Friedenauer Pfarrer Siegfried Nobiling sprach über „Kirchliches Führertum“. Er forderte die Ausbildung einer neuen Theologengeneration im Geist der völkischen Glaubensgemeinschaft. Wer Familie, Sippe, Rasse und Volk nicht als Grundgegebenheiten der Schöpfungsordnung anerkenne, dürfe nicht das Amt eines Theologen bekleiden. Kein „Jude“ und kein „Judenstämmling“, so meinte der Pfarrer schon vor Erlass des Arierparagraphen, dürfe das Amt eines Geistlichen oder Kirchenältesten ausüben. Ein anderer Berliner Theologe, Karl Themel von der Luisenstadtgemeinde, referierte über die „Vernichtung der Gottlosenbewegung“. Wir Christen, so versicherte Themel, begrüßten die „Reinigungs- und Säuberungsaktionen des Staates“. Den Kirchengemeinden wies Themel  die Aufgabe zu, nun als „Zellen der Gesundung im kranken Volkskörper“ zu wirken.[16] Und auch das Folgende geschah  während jener wunderschön frühlingshaften Märztage von 1933 (17. März), an die sich Sebastian Haffner noch im englischen Exil erinnerte: ein SA-Trupp besetzte das Berliner Freidenkerhaus in der Kreuzberger Gneisenaustraße. Während im Hinterhof eine Art Folterkeller für Regimegegner eingerichtet wurde, eröffnete Themel, zusammen mit seinem Kollegen Horst Schirmacher, im Vorderhaus eine „Reichszentrale zur Bekämpfung des Gottlosentums“, in der die Pfarrer für den Wiedereintritt der „Gottlosen“ in die Kirche warben.[17]

Einen vorläufigen Endpunkt erlangte die Kircheneroberung der Deutschen Christen mit den kurzfristig anberaumten Kirchenwahlen vom 23. Juli 1933. Diese Neuwahlen der kirchlichen Körperschaften waren nötig geworden, nachdem zuvor der NS-Staatskommissar August Jäger die Auflösung sämtlicher Vertretungsorgane verfügt hatte. Zur Wahl standen zwei Listen: Deutsche Christen und als innerkirchliche Opposition die Gruppe „Evangelium und Kirche“. Ungeachtet aller diese Wahl manipulierenden Eingriffe durch Partei und Staat handelte es sich um eine geheime Wahl mit alternativen Wahlvorschlägen. Auffallend für Berlin ist die hohe Zahl von Kirchengemeinden (ca. 43 Prozent), in denen so genannte Einheitslisten gebildet wurden. Durch vorherige Vereinbarung sicherten sich die DC durch diese Listen Mandatsanteile zwischen 75 und 100 Prozent. Das war kampflose evangelische Selbstpreisgabe. In den 75 Wahlgemeinden, in denen ein Wahlakt stattfand, erreichten die DC durchschnittlich zwei Drittel der Wählerstimmen. Insgesamt erzielte die Glaubensbewegung in Groß-Berlin 70 bis 75 Prozent aller Mandate in den Vertretungskörperschaften. Pfarrer und Kirchenvolk hatten im Sommer 1933 ihr zukünftiges Geschick noch weithin selbst in der Hand. Es waren nicht so sehr politische Pressionen von außen durch NS-Staat und Partei, sondern fehlende Einsicht, fehlender Willen und mangelnde Courage im Inneren, um die Vorstöße der DC als Gefahr zu erkennen und entschieden abzuwehren. Der Wahltriumph der DC vom Juli 1933 war deshalb so vollkommen, weil große Teile der Pfarrer und des Kirchenvolks diese völkische Transformation wollten und weil die innerkirchlichen Abwehrkräfte so schwach waren. Es waren, so ist für das erste Halbjahr 1933 zu resümieren, teils begeisterte, teils nachgiebige Fraktionen in der Kirche, die von innen her den NS-Ideen Tür und Tor öffneten.[18]

Man wird fragen: Machten sie denn alle mit bei der fatalen kirchlichen Selbstauslieferung an den braunen Zeitgeist von 1933? Nein, nicht alle – aber eben doch sehr viele! Und man muss schon lange suchen, um in der Region Berlin-Brandenburg kirchliche Gegenstimmen, Spuren von Opposition im ersten Halbjahr 1933 zu finden. Als Anfang März in Berlin der Kirchenausschuss als Dachorganisation aller Landeskirchen zu einer turnusgemäßen Sitzung zusammenkam, erreichte eine Eingabe engagierter protestantischer Frauen, darunter Agnes von Zahn-Harnack, dieses Altherrengremium. Die Frauen protestierten gegen eine Reihe in jüngster Zeit eingerissener Missbräuche von Christentum und Religion in den Wahlkampfreden. „Schließlich gehe Hand in Hand damit“, so hieß es wörtlich, „ein Kampf gegen unsere jüdischen Volksgenossen, der nicht nur unsere Volksgemeinschaft zerstöre, sondern den man nur als eine fortgesetzte Übertretung des obersten Gebotes des Christentums ansehen könne.“ Die Frauengruppe bat darum, der Kirchenausschuss möge in aller Öffentlichkeit seine Stimme gegen diese Missbräuche erheben. Die Eingabe wurde auf der Sitzung nicht mehr behandelt und blieb folgenlos.[19] Mitte April 1933, eine Woche nach Erlass des Berufsbeamtengesetzes, diskutierte eine exklusive Gruppe von Theologen um Pfarrer Gerhard Jacobi von der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche einen kleinen Aufsatz des jungen Privatdozenten Dietrich Bonhoeffer: „Die Kirche vor der Judenfrage“. Hier, in diesem Text, findet sich erstmals die später viel zitierte Aufforderung, dass die Kirche nicht allein den Opfern staatlichen Handelns verpflichtet sei, sondern dass sie in Extremfällen bereit sein müsse, „nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen“, also politischen Widerstand zu leisten. Dies waren in der damaligen, sehr lutherisch-obrigkeitshörig geprägten Kirche ungewöhnliche, ja unerhörte Worte – sehr vereinzelt, kaum gehört, nicht befolgt.[20] Nahezu zeitgleich sandte die Berliner Historikerin und Studienrätin Elisabeth Schmitz einen Hilferuf an den Bonner Theologen Karl Barth. Es dränge sie „aus der tiefen Not der Zeit heraus“, ihm als gänzlich Unbekannte zu schreiben. „In meinem engsten Freundeskreis erlebe ich  erschütternd schwer die Folgen der Judenverfolgung. […] Aber die Kirche feiert Siegesfeste, feiert Ostern in der ‚Siegesstimmung, die augenblicklich durch unser deutsches Volk geht’, wie es hier [in Hanau] in einer Predigt hieß u. sicher in tausenden ähnlich geheißen hat.“ Schmitz rief den renommierten Theologen dazu auf, unbedingt jetzt etwas zu tun, um die Gewissen wach zu rütteln.[21]

Der „Tag von Potsdam“ und die Kirchen – eine kirchenhistorische Sternstunde war das gewiss nicht. Am „Tag von Potsdam“ feierte und bejubelte eine Hälfte der Gesellschaft ihren „nationalen Aufbruch“, während die andere Hälfte der Gesellschaft im Begriff stand, ausgeschlossen, gefesselt, mundtot gemacht und vertrieben zu werden.[22] Und die Kirchen spielten dieses böse Spiel der Exklusion mit, erfüllt von ebenso egoistischen wie trügerischen Hoffnungen, in dem entstehenden Gewaltstaat, nach dem vermeintlichen Leiden unter der „Gottlosenrepublik“ von Weimar, nun neuen Glaubensaufschwüngen entgegen zu gehen. Kirchlicherseits fiel in dieser historischen Stunde einem Mann eine besondere Schlüsselrolle zu  –  Otto Dibelius.[23] Berücksichtigt man, dass Dibelius von 1925 bis 1966 in kirchenleitenden Positionen der alten Preußenkirche, der Bekennenden Kirche und nach dem Krieg auch als Berliner Bischof und Ratsvorsitzender der EKD stand, so handelt es sich zweifellos um eine kirchliche Jahrhundertfigur. Die Performance dieser Schlüsselfigur in der historischen Stunde „Potsdam 1933“ lässt sich kurz so zusammenfassen: ein großes freudiges „Ja“ und ein kleines, leicht überhörbares „Nein“. Das Verhalten des Generalsuperintendenten der Kurmark war von auffallender Ambivalenz bestimmt, wobei jedoch stets ein lautes „Ja“ sein in Nebensätzen verstecktes kleineres „Nein“ deutlich übertönte. Der brieflichen Aufforderung von Karl Barth im Vorfeld seiner Potsdamer Predigt, doch bitte bei dieser Gelegenheit die Stimme für jene zu erheben, die mundtot gemacht waren, kam er nicht nach. Während Hitlers politischer Ansprache in der Garnisonkirche saß er in der ersten Reihe, war beeindruckt und schilderte selbst wenige Tage später seine tiefe Ergriffenheit durch das symbolpolitische Schauspiel. In seinen wiederholten Stellungnahmen zum Judenboykott, die unmittelbar nach dem 1. April erschienen, äußerte Dibelius viel Verständnis für die antijüdischen Gewaltmaßnahmen. Nachdem er im Juni 1933 durch Staatskommissar Jäger von seinem Amt als Generalsuperintendent der Kurmark vorübergehend suspendiert worden war, sandte er Ende Juli ein erstaunliches dreizehnseitiges Schreiben an den inzwischen neu installierten preußischen Oberkirchenrat, der nun von DC-Führern beherrscht wurde. Es sei doch untragbar, so schrieb er, dass ein Generalsuperintendent in einer Kirche, die ein freudiges Bekenntnis zum neuen Staat abgelegt habe, als politisch unzuverlässig gelte. Er wies diverse Angriffe von DC-Führern gegen ihn entschieden zurück und erklärte, er wolle nun (26. Juli 1933) seine tatsächliche Haltung klarstellen. Hinsichtlich seiner politischen Einstellung während der Republikzeit sei ihm wenig vorzuwerfen. Schon seit seiner Studentenzeit habe er im Kampf gegen Judentum und Sozialdemokratie gestanden. Dieser Haltung sei er bis zur Gegenwart immer treu geblieben. „Ich habe die Aufgabe und die Ehre gehabt, diesen Staat im Gottesdienst der Nikolai-Kirche in Potsdam am 21. März von der Kanzel her zu grüßen. Die Predigt ist gedruckt. Sie beginnt mit einer Parallele zwischen dem 4. August 1914 und dem 21. März 1933. Sie versucht, für die große Stunde das Evangelium freudig aber auch ernst zu sagen. Sie bekennt sich zu einem Geist, der die Größe des Vaterlandes mit Entschlossenheit will. Nach dem Schluss des Gottesdienstes reichte mir der jetzige preußische Ministerpräsident Goering mit einem warmen Wort des Dankes die Hand. Ebenso der Reichsaußenminister. Kurze Zeit darauf sprach ich auf Bitten des Reichsministers Goebbels zusammen mit Bischof Dr. Nuelsen auf dem Kurzwellensender nach Amerika, um den neuen Staat gegenüber der Greuelpropaganda des Auslandes zu verteidigen. Die Rede schloss mit einem Appell an die Deutsch-Amerikaner, freudig zu glauben, dass das deutsche Volk sich selbst wiedergefunden habe und am Anfang einer neuen Epoche stehe.“ Der DC-Bewegung, so Dibelius weiter, habe er zwar kritisch gegenübergestanden, zugleich aber habe er versucht, mit der „Bewegung in Fühlung“ zu kommen und ihr den Weg zu fruchtbarer kirchlicher Arbeit zu eröffnen. So habe er beispielsweise Wehrkreispfarrer Ludwig Müller, dem späteren DC-Reichsbischof, das große Referat auf dem diesjährigen kurmärkischen Kirchentag (Mai 1933) angeboten. Im Rhythmus und in den Zielen der DC habe er Vieles gefunden, „was meiner eigenen Art und meinen eigenen Zielen“ entspreche, namentlich „das Kämpferische“ und den Willen zu missionarischer Arbeit. Immer wieder, so Dibelius Ende Juli 1933, habe er sich die Frage vorgelegt, „ob meine Art der Arbeit dem Wollen der ‚Deutschen Christen’ nicht derartig verwandt sei, dass ein gegenseitiger Streit weder innerlich berechtigt, noch kirchlich tragbar sei.“ Es sei dann der größte Schmerz seines Lebens gewesen, dass durch die Einsetzung des Staatskommissars Jäger zwischen dem Staat, „dem ich mit freudiger Hingabe zu dienen bereit bin“, und zwischen der Kirche der Konflikt ausbrach, in dem er die Stellung der Kirche habe beziehen müssen. Dibelius wünschte nun Verständigung darüber, wie es mit der Fortführung seines Amtes weitergehen solle. Es dürfe doch nicht sein, dass die Agitation eines kleinen Kreises einen Generalsuperintendenten aus dem Amt entfernen und ihn auf Dauer diffamieren könne. Sein Angebot zur Mitarbeit in der nunmehr von Deutschen Christen geführten Kirche blieb unerwidert. Nach einer mehr als halbjährigen Denkpause als Kurprediger in San Remo kehrte er gegen Jahresmitte 1934 nach Deutschland zurück und schloss sich der Bekennenden Kirche an.[24]

Zuerst erschienen in: Manfred Gailus (Hg.): Täter und Komplizen in Theologie und Kirchen 1933 – 1945, Wallstein-Verlag Göttingen 2015, S. 32-50

Manfred Gailus ist habilitierter Historiker, apl. Professor für Neuere Geschichte am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin und Mitglied des wissenschaflichen Beirats Lernort Garnisonkirche. Zahlreiche Publikationen zur Protestantismusgeschichte und zum christlichen Antijudaismus und Antisemitismus.


[1] Vgl. generell zum „Tag von Potsdam“: Werner Freitag, Nationale Mythen und kirchliches Heil: Der „Tag von Potsdam“, in: Westfälische Forschungen 41, 1991, S. 379-430; Klaus Scheel, Der Tag von Potsdam, Berlin 1996; Hartmut Ludwig, Der „Tag von Potsdam“ und die Konsequenzen für Christen- und Bürgergemeinde, in: Tag von Potsdam. Bildungsforum und Schülerprojekt, Heft 2, hg. vom Landtag Brandenburg, Potsdam 2003, S. 43-58; Martin Sabrow, Mythos – Zankapfel – Erinnerungsort. Die Potsdamer Garnisonkirche in der deutschen Erinnerungskultur, in: Potsdamer Spitze. Mitteilungen, Potsdam 2012 (Beilage).
[2] Vgl. zu diesen Vorgängen Ludwig (Anm. 1); Klaus Scholder, Die Kirchen und das Dritte Reich. Bd. 1: Vorgeschichte und Zeit der Illusionen 1918-1934, Frankfurt am Main/Berlin 1977, S. 277-299.
[3] Vgl. Ludwig (Anm. 1).
[4] Sebastian Haffner, Geschichte eines Deutschen. Die Erinnerungen 1914-1933, München 2002, S. 127.
[5] Aus der Predigt Dibelius hier zit. n. Ludwig (Anm. 1), S. 49.
[6] Otto Dibelius, Ein Christ ist immer im Dienst, Stuttgart 1961, S. 172 f.
[7] Vgl. Scholder (Anm. 2), S. 284 f., S. 296; und Ludwig (Anm. 1).
[8] Adolf Hitler, Rede bei der Eröffnung des neu einberufenen Reichstags, 21. März 1933, in: Verhandlungen des Reichstags. VIII. Wahlperiode 1933, Bd. 457, Berlin 1934, S. 6-10.
[9] Otto Dibelius, Wochenschau, in: Berliner Evangelisches Sonntagsblatt, 2.4.1933.
[10] Vgl. Ludwig (Anm 1).
[11] Scholder (Anm. 2), S. 320.
[12] Zit. n. Scholder (Anm. 2), S. 299.
[13] Vgl. den Bericht in dem Berlin-Charlottenburger Bezirksblatt „Der Westen“ vom 23.3.1933. Der  Augenzeugenbericht ist: Dankschreiben des Bau- und Möbeltischlers Otto Baumbach aus Stadtilm (Thüringen) vom 22.3.1933 an den Küster Heinrich Hobohm, in: Archiv der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnisgemeinde, Betr. Gottesdienste 1913-1935.
[14] Zu den Deutschen Christen vgl. Doris L. Bergen, Twisted Cross. The German Christian Movement in the Third Reich, Chapel Hill/London 1996; Claus P. Wagener, „Gott sprach: Es werde Volk, und es ward Volk!“ Zum theologischen und geistesgeschichtlichen Kontext der Deutschen Christen in ihren unterschiedlichen Strömungen, in: Das missbrauchte Evangelium. Studien zur Theorie und Praxis der Thüringer Deutschen Christen, hg. von Peter von der Osten-Sacken, Berlin 2002, S. 35-69.
[15] Ausf. hierzu Manfred Gailus, Protestantismus und Nationalsozialismus. Studien zur nationalsozialistischen Durchdringung des protestantischen Sozialmilieus in Berlin, Köln /Weimar/Wien 2001.
[16] Zur ersten Reichstagung der DC: Scholder (Anm 2), S. 365-369; Siegfried Nobiling, Kirchliches Führertum, in: Volk und Kirche (Schriftenreihe der Deutschen Christen, H. 4), Berlin 1933, S. 43-48; Karl Themel, Referat über „Sozialfragen“, in: ebd., S. 35-39.
[17] Jochen-Christoph Kaiser, Arbeiterbewegung und organisierte Religionskritik. Proletarische Freidenkerverbände in Kaiserreich und Weimarer Republik, Stuttgart 1981, S. 333; Georg Uehlein, Gottes Eingreifen in der 12. Stunde. Die Gemeinde im Nationalsozialismus, in: Kreuz und Pickelhaube. Großstädtische Gesellschaft und Kirche zwischen 1850 und 1945 am Beispiel der Heilig-Kreuz-Gemeinde in Berlin, hg. von Georg Uehlein, Berlin 1995, S. 162-221, hier S. 221; s. ferner den Artikel: „Ich möchte wieder eintreten!“ Eine evangelische Beratungsstelle im Freidenkerhaus, in: Das Evangelische Berlin, Nr. 21, 21.5.1933.
[18] Vgl. Gailus (Anm. 15), S. 116-122.
[19] Scholder (Anm 2), S. 290.
[20] Vgl. Wolfgang Gerlach, Als die Zeugen schwiegen. Bekennende Kirche und die Juden, Berlin 1987, S. 55.
[21] Manfred Gailus, Mir aber zerriss es das Herz. Der stille Widerstand der Elisabeth Schmitz, Göttingen 2010, S. 84 f.
[22] Vgl. hierzu jetzt: Berlin 1933-1945, hg. von Michael Wildt und Christoph Kreutzmüller, München 2013.
[23] Eine hinreichend kritische Biografie zu Dibelius fehlt. Beschönigend ist: Robert Stupperich, Otto Dibelius. Ein evangelischer Bischof im Umbruch der Zeiten, Göttingen 1989. Vgl. auch die differenziertere Darstellung von Hartmut Fritz, Otto Dibelius. Ein Kirchenmann in der Zeit zwischen Monarchie und Diktatur, Göttingen 1998.
[24] Evangelisches Zentralarchiv Berlin, Bestand 50, Nr. 483, darin: Der Generalsuperintendent der Kurmark, Berlin-Steglitz, 26.7.1933 (gerichtet an den EOK und das provisorische Geistliche Ministerium), Bll. 65-71.

Online seit: 6. Mai 2021

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